Erst einmal sorry, dass nun wieder SO lange gedauert hat. Hat viele Gründe. Ich will euch nicht vom Lesen abhalten. Also fasse ich mich kurz.
Ich habe ganz schöne Probleme mit dem Kapitel, da ich eigentlich noch gar nicht fertig damit bin. Da ich aber schon 11 Seiten geschrieben habe und immer noch nicht die Idee umgesetzt habe, die eigentlich für dieses Kapitel gedacht war, musste ich das Kapitel in zwei aufteilen. Deshlab ist hier das Ende auch recht abrupt. Ein Schnitt an einer anderen Stelle wäre noch schlimmer.
In den nächsten Tagen/Wochen wird noch etwas folgen. Jedoch habe ich Schwierigkeiten zurzeit mit dem Schreiben, weshalb ich am liebsten alles/vieles löschen wollen würde.
10. Kapitel: Vertreter zwei verschiedener Völker
Nachdem sich die Wege von Tyrael und Alisa getrennt hatten, verblieb sie alleine mit ihrem neuen Begleiter Zeriel. Dieser hatte sie durch die Gärten der Hoffnung geleitet, wo sie ihren menschlichen Bedürfnissen nachkommen und sich gründlich waschen konnte. Der Engel verzichtete den ganzen Weg lang aus reiner Höflichkeit auf seine Flügel und ging neben dem Menschenmädchen her. Dieses hatte kaum ein Wort mit ihm gewechselt und dennoch fühlte es sich in seiner Anwesenheit sicher. Immerhin hatte Zeriels Vorgesetzter, der Erzengel Tyrael, ihm die Aufgabe übertragen, sich um Alisa zu kümmern. Die Mitglieder des Angiris-Rates waren zu sehr mit den Vorbereitungen auf den nahenden Kampf gegen die Brennenden Höllen beschäftigt, sodass der verwundete Engel auf Alisa Acht gab. Dennoch wollte sie alsbald zwei der ausgelasteten Erzengel aufsuchen. Alisa nahm stark an, dass der Angiris-Rat inzwischen getagt hatte. Der Erzengel der Hoffnung würde wie so oft am großen Brunnen im Herzen der Gärten der Hoffnung aufzufinden sein.
So näherten sich beide Vertreter zwei verschiedener Völker ihrem Ziel. Auf dem Weg dorthin fielen der Schmiedstochter nur wenige Engel auf – ein Grüppchen weiblicher Wesen –, und um den Platz, wo sich Auriel meist aufhielt, herrschte mäßiges Treiben. Der Grund war mit aller Wahrscheinlichkeit die Vorbereitung auf die nahende Schlacht. Tyrael und – bestimmt auch – Imperius hatten alle Hände voll damit zu tun, die Himmelskrieger in bestimmte Strategien einzuweisen und noch letzte Trainingskämpfe durchzuführen. Alisa würde, nachdem sie Auriel einen Besuch abgestattet hatte, bei den Vorbereitungskämpfen präsent sein. Trotzdem erhoffte sie sich nicht viel Aufmerksamkeit – weder von den Engeln noch den Erzengeln. Die einzige Beachtung, die ihr zuteilwerden würde, wäre die von ihrem jetzigen Aufpasser.
Leichte Enttäuschung machte sich in dem Mädchen breit, als es den weiblichen Engel nicht beim Brunnen erblicken konnte. Es schaute auf zu seinem groß gewachsenen Begleiter, welcher sicherlich zu den erfahreneren Himmelskriegern gehörte. Da dieser Engel keine schwere Rüstung trug, sondern nur einen Brustschutz, auf dem Symbole des Himmels prangten, und leichte Gewänder, konnte Alisa nur erahnen, dass er ein Fernkämpfer war. In der Zeit, in der er sie begleitet hatte, konnte sie immer noch nicht feststellen, was für eine Verletzung er davongetragen hatte. Zwar schien es keine besonders gravierende Wunde gewesen zu sein, dennoch musste er seinen Posten auf dem Schlachtfeld verlassen und zu den Hohen Himmeln zurückkehren. Die Sterbliche fragte sich immer mehr, ob die Engel über die Ewigkeiten hinweg, die sie überdauert hatten, immer nur fürs Kämpfen lebten. Kämpfen, um ihre Widersacher ein für alle Mal des Lebens zu berauben und sie nie wiederkehren zu lassen. Doch was würde danach passieren? Nachdem die Engel die Dämonen vernichtet hätten? Würden sie irgendwann doch die Menschen und ihre Welt Sanktuario auslöschen? Alisa schüttelte leicht ihren Kopf, woraufhin Zeriel auf sie aufmerksam wurde. Solange Tyrael und Auriel als Ratsmitglieder etwas zu sagen hatten, würde das nie eintreffen. In dieser Beziehung zweifelte sie nicht.
„Ist etwas nicht in Ordnung, Sterbliche?"
Verwirrt schaute die Angesprochene in das nicht vorhandene Gesicht des Engels. Sie zögerte eine Sekunde lang. „Nein, es ist nichts." Um seine Skepsis im Keim zu ersticken, zog sie ihre Mundwinkel nach oben. „Ach, und Zeriel, Ihr könnt mich Alisa nennen. Der Erzengel Malthael selbst hat mir diesen Namen gegeben."
„Glück also?", hakte ihr Begleiter nach, während sie am Brunnen zum Stehen kamen. Dieser plätscherte leise vor sich hin.
Sie machte einen Laut der Bestätigung und strich sich merklich eine Haarsträhne hinter ihr Ohr. „Ja, ich schätze, dass ich in letzter Zeit viel Glück hatte. Und ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass mich dieses Glück so schnell nicht verlässt."
Das Himmelswesen erwiderte nichts mehr, sondern schaute sich um, als ob es darauf hoffte, den gesuchten Erzengel erblicken zu können.
„Glaubt Ihr, dass Auriel bald hier sein wird?", fragte sie, noch bevor Zeriel sich richtig umgeschaut hatte.
„Dessen bin ich mir sicher. Der Erzengel Auriel hält sich für gewöhnlich immer hier auf, wenn sie nicht gerade im Angiris-Rat tätig ist. Bald wird man sich deinem Anliegen annehmen." Der Engel verstummte und schien seine Flügel aus gelblichem Licht, der Sonne entgegenzustrecken.
Alisa setzte sich auf den Saum des großen, goldenen Brunnens und brauchte erst ihre Zeit, bis sie zum Reden ansetzte. „Habt Ihr Schmerzen?"
Angesprochener betrachtete sie eingehend, dann antwortete er: „Hier in den Hohen Himmeln kaum."
„Wieso?"
Er hielt inne und schien zu überlegen, wie viel das Mädchen über sein Zuhause wusste und was es nicht wusste. „Je näher wir Engel uns am Kristallbogen befinden, desto mehr Kraft haben wir." Zeriel schaute in Richtung des genannten Monuments und auch Alisa folgte seinem Blick. „Genau so ist es auch mit Verletzungen. Sie heilen schneller, wenn wir uns in den Hohen Himmeln aufhalten." Seine Aufmerksamkeit galt wieder ihr. „Ich nehme an, dass es bei euch Menschen keine Energiequelle gibt, an der ihr euch regenerieren könnt und eure Kräfte bezieht."
Die Schmiedstochter senkte den Blick und ertappte sich dabei, wie sie ihre Unterlippe unterbewusst leicht nach vorne schob. „Nein, nicht, dass ich wüsste."
Nach dem kurzen Wortaustausch verblieben beide Gestalten still und verharrten weiterhin im Zentrum der Gärten der Hoffnung. Die leicht angespannte Atmosphäre war jedoch nur von kurzer Dauer. Schon bald entspannten sich beide Geschöpfe. Alisa wippte kindlich mit ihren Beinen, während sie wartete. Zeriel hingegen rührte sich kaum einen Zentimeter. Als Krieger war er sicherlich daran gewohnt, dass er sich an seinem Platz still verhalten sollte, bis ihm Befehle oder Anweisungen erteilt wurden. So verweilten sie gewisse Zeit, bis sie als Erste die von ihnen erwartete Person am Himmel erblickte. Erst nachdem Alisa sich vom Brunnenrand erhob und ein leichtes Lächeln aufsetzte, bemerkte auch Zeriel den Erzengel. Dieser kam in Begleitung mehrerer bewaffneter Engel und setzte sogleich vor der Bewohnerin Sankutarios auf. Die Soldaten höheren Ranges – wie Alisa vermutete – fanden sich wenige Meter hinter ihrer Vorgesetzten ein. Sie hatte ein mulmiges Gefühl bei der Gruppe von Engeln, die geduldig wartete, doch kurz darauf schenkte sie nur noch Auriel Beachtung. Auch ihren eigenen Begleiter schien sie zu vergessen.
„Es ist erfreulich zu sehen, dass du dich mit Zeriel anscheinend gut verstehst."
Gerade als Auriel den Namen des Engels ausgesprochen hatte, trat dieser an die beiden weiblichen Wesen heran. Die Sterbliche hob ihren Blick in seine Richtung und nickte dann bestätigend.
„Es ist mir eine Ehre, in Euren Diensten und in denen des Rates zu stehen, Auriel", huldigte der Bogenschütze in reinen Absichten. „Ich hoffe, ich werde alle Eure Erwartungen erfüllen können."
„Dessen bin ich mir sicher", gab sie zufrieden zurück, woraufhin er eine leichte Verbeugung andeutete. Mit dem Blick wieder auf das Mädchen gerichtet, fuhr sie etwas ernster fort. „Verspürst du wieder Schmerzen?"
Die Jüngere schüttelte den Kopf. „Nein, deswegen habe ich Euch nicht aufgesucht. Ich hätte eine Bitte an Euch."
„Ich werde dir deine Bitte erfüllen", versprach Auriel ohne lange zu überlegen, kam einen Schritt näher und beendete ihren Satz, „doch vorher möchte ich mir die verbrannte Haut noch einmal ansehen."
„In Ordnung", gab die Sterbliche von sich und reckte ihr Kinn etwas in die Höhe, damit ihr Hals für den Engel leichter zugänglich war und damit ihre Haare die Sicht nicht verdeckten.
„Hast du dich heute mit Wasser gewaschen?" Auriel berührte die Haut, woraufhin ein leichtes Zucken von dem Mädchen ausging, danach ein bestätigender Laut. „Hat es Schmerzen verursacht?"
„Nicht besonders", antwortete Alisa knapp. „Habe ich etwas falsch gemacht?"
„Nein, das nicht" entgegnete die Himmelbewohnerin und ergänzte, während sie eine handgroße, fließende Kugel aus Wasser vom Brunnen zu sich rief: „Doch deine Haut fängt langsam an, zu sehr auszutrocknen und rissig zu werden. Ich versuche das Beste aus der Situation zu machen, dennoch muss ich dir noch einmal mitteilen, dass ich leider nicht in der Lage bin, deine Haut in ihren alten Zustand zu versetzen."
Alisa lächelte. „Ihr habt schon genug für mich getan und dafür bin ich Euch dankbar, Auriel."
„Wohlan."
Alisa konnte zwar kein Lächeln des Engels sehen, dennoch spürte sie, dass Auriel gelächelt hätte, hätte sie ein Gesicht besessen. Mit dem Gedanken im Kopf, ließ sie die Prozedur über sich ergehen.
Das weibliche Lichtwesen erhob sich nach seiner getanen Arbeit und kommentierte diese mit einem zufriedenen Nicken. „Deine Haut sollte in nächster Zeit nicht mehr trocken werden. Damit sie nicht rissig wird, habe ich sie dieses Mal ein wenig anders behandelt. Sie sollte auch nicht mehr unangenehme Reize verursachen."
„Mh-hmh, ich danke Euch." Als Dank verneigte sich die Sterbliche leicht. Nachdem sie wieder gerade stand, wollte sie zum Reden ansetzen, doch wurde sie der Chance beraubt.
„Auriel, wir sollten alsbald aufbrechen." Einer der Soldaten – der Ranghöchste – trat einen Schritt voran und ließ seine Flügel eine kurze unruhige Welle beschreiben. „Die Zeit drängt und wir müssen uns noch um die Heiler kümmern."
Der Erzengel der Hoffnung hob die Hand, um seinen Untergebenen innehalten zu lassen. „Alles zu seiner Zeit, Irestus. Ich habe Alisa noch ein Gesuch zu erfüllen. Danach brechen wir auf." Auriel warf einen kurzen Blick zu dem Angesprochenen. Ihre Aura versprühte eine Woge von Hoffnung und Ruhe, die selbst Alisa spüren konnte. „Ihr braucht Euch wirklich keine Sorgen zu machen. Noch verläuft alles nach Plan."
„Gewiss, Auriel, gewiss." Mit einer leichten Verbeugung und einer weniger angespannten Stimme, trat Irestus zurück zu seinen Soldaten und verblieb für die nächste Zeit still.
„Darf ich fragen, wohin Ihr Euch aufmacht?" Arglos blickte die Bewohnerin Sanktuarios dorthin, wo das Gesicht des weiblichen Engels hätte sein sollen, sobald dieser wieder seine Aufmerksamkeit dem Individuum vor sich widmete.
„Du bist ziemlich wissensdurstig." Ein kaum hörbares Lachen trat aus der tiefen Dunkelheit der Kapuze des Engels. „Fast schon wie Malthael, nur ein wenig gesprächiger", scherzte Auriel.
Leichte Verlegenheit machte sich auf dem Gesicht des Menschen breit. Nach kurzer Pause fasste Alisa sich. „Aber Malthael spricht doch gar nicht so selten."
„Du hast ihn von einer ganz seltenen Seite kennengelernt", meinte der Erzengel. „Für gewöhnlich spricht er kaum, doch wenn er es tut, kann sich kaum ein Vertreter meines Volkes mit seiner Eloquenz messen. Der Grund für diese zeitweilige Redseligkeit bist ganz anscheinend du, Alisa." Auriel erhielt ein bestätigendes Nicken von Zeriel, bevor sie weitersprach. „Du hast sein Interesse geweckt – wer kann es ihm verdenken, du bist nun mal etwas … Besonderes hier in den Hohen Himmeln – und deshalb, scheint mir, ist seine Euphorie neu aufgekeimt. Aber ich fürchte, dass dieses Verhalten bald schon der Vergangenheit angehört. Er wird wieder mehr schweigen, sobald..." Sie hielt inne und wollte das Offensichtliche nicht aussprechen, stattdessen sagte sie: „alles hier vorbei ist."
Betroffenheit schlich sich unter die Gesichtszüge der Jüngeren. Und ehe sie sich versah, ertappte sie sich dabei, wie sie sich unterbewusst an den Nacken fassen wollte, zog dann schnell ihre Hand weg.
„Wir werden zu den Unteren Elysäischen Gefilden hinabsteigen." Die geflügelte Gestalt deutete auf mentaler Ebene zu dem kleinen Grüppchen aus Engeln, welches Alisa schon zuvor aufgefallen war. „Die Engel, die in Heilungsmagie ausgebildet sind, müssen neben den Soldaten in die Schlacht ziehen. Deshalb müssen sie sich schon jetzt in den Reihen einfinden und alles Nötige arrangieren."
„Dann werdet Ihr eine Zeit lang nicht hier sein?", wollte das Mädchen wissen und trat von einem Bein auf das andere, während sie an Auriels Worte, die an Tyrael gerichtet waren, dachte. Alisa solle sich nicht allzu sehr körperlich verausgaben.
„Fürwahr", bestätigte der Erzengel, „aber ich werde bald wieder hier sein. Mach dir keine Sorgen." Auriel erhielt ein Lächeln von dem Menschen und sprach dann nach einer kurzen Verzögerung weiter. „Doch bevor ich abreise; wie lautet dein Bitte an mich?"
„Ich wollte Euch darum bitten" - die Sterbliche deutete auf ihr Kleid - „dass Ihr meine Kleidung wechselt. Ich hätte da an eine Tunika und eine Hose gedacht." Sie verstummte, schaute schüchtern auf und fuhr leiser fort. „Ich meine, nur wenn es Euch nichts ausmacht. Das Kleid ist schön aber, ..."
„Ich verstehe schon", schnitt Auriel ihr das Wort mit Bedacht ab. „Als Tochter eines Schmieds bist du eher Jungenkleidung gewohnt, ist es nicht so?"
Alisa nickte zögerlich und bekam mit, wie sich Zeriel neben ihr regte und ein Geräusch von sich gab. Unschlüssig, welche Bedeutung dieses hatte, interpretierte sie es als einen amüsierten Laut.
„Du bist mir vielleicht eine Maid", stichelte Auriel gut gelaunt und hielt sich eine Hand vor den unteren Teil der Kapuze, sodass sie als Engel fast schon menschlich wirkte.
Der Bogenschütze neben Alisa lenkte die Aufmerksamkeit auf sich, als er sagte: „Ich habe schon einiges über euch Menschen gehört, aber eine weibliche Schmiedin? Das ist mir neu. Ein wirklich interessantes Individuum, was wir hier haben, keine Frage."
Beleidigt blähte Alisa die Nasenflügel auf. „Ihr seid..." Sie brach den Satz ab, da ihr erst jetzt bewusst wurde, mit wem sie sich gerade unterhielt – einem Mitglied des Angiris-Rates, einem Erzengel –, verblieb aber trotz allem in pikierter Stimmung und schaute demütig zum Boden hinab. Sie hatte einen großen Fehler begangen. Die Reaktion der Soldaten bestätigte dies. Sie bemerkte, wie sich die meisten der Soldaten regten und wütende Emotionen ausstrahlten. Zum Erstaunen des Mädchens brachten diese jedoch keinen einzigen Ton heraus, sondern verblieben still und warteten auf Befehle ihrer Vorgesetzten.
„Alisa", meinte Auriel mit beschwichtigender Stimme, wobei die Angesprochene trotzdem leicht zusammenzuckte, „das ist keineswegs pejorativ gemeint."
Langsam hob das Mädchen den Kopf, verunsichert und kleinmütig. „Was... meint Ihr damit?"
„Ich hatte vergessen, dass du dich der einfachen Gemeinsprache bedienst", gab der Erzengel zu und wechselte sichtlich das Gewicht von einem Bein auf das andere. Engel schienen im Gegensatz zu den Menschen nicht sonderlich daran gewöhnt zu sein, lange zu stehen. „Unsere Worte haben sich für dich abwertend angehört, aber das sind sie nicht. Wie Zeriel gesagt hat, du bist ein interessanter Mensch. So jemand wie du ist uns noch nie begegnet und auch auf Sanktuario bist du gewiss ein seltenes Exemplar. Sei uns nicht böse."
Alisa schüttelte den Kopf. Die Verärgerung in ihren Gesichtszügen und ihrem Empfinden wich Scham und Verlegenheit. Wie hätte sie nur denken können, dass sich die Engel über sie lustig machten?
Einige der Himmelskrieger hinter dem Erzengel schienen ungeduldig und erzürnt zu werden aufgrund des in die Länge getrieben Gesprächs und Alisas Mangel an Respekt gegenüber ihrer Rasse und vor allen Dingen einem Ratsmitglied. Ohne auf die Soldaten und das Mädchen weiter einzugehen und ein weiteres Wort zu verlieren, wiederholte Auriel den Handlungsablauf der letzten beiden Male, um Alisas Kleidung auszutauschen. Überrascht und fasziniert blickte diese an sich hinab und beobachtete das magische Schauspiel erneut mit Staunen. Die Kleidung leuchtete auf, veränderte ihre Form und wurde dann unter dem verblassenden Licht sichtbar. Alisa drehte sich um die eigene Achse und begutachtete ihre neue Bekleidung. Genau wie sie sich gewünscht hatte, trug sie nun eine beige Tunika und dunkle Hosen. Um die Taille der Schmiedstochter lag eng umschlungen ein stabiles Band, welches das darunter liegende Kleidungsstück in Form hielt. Die ledernen Stiefel blieben unverändert.
„Habe ich deinen Geschmack getroffen?", wollte das Lichtwesen in Erfahrung bringen.
Alisa entging der mühevoll zurückgehaltene neugierige Ton in Auriels Stimme nicht. „Ja", gab sie ehrlich und mit einem Lächeln auf den Lippen zurück. „Ja, Ihr habt genau das Richtige ausgesucht. Ich danke Euch." Noch bevor sie den Satz beendete, machte sie einen Knicks. Dann erblickte sie unverhofft etwas in Auriels Händen.
„Die Freude ist ganz meinerseits, Alisa." Der weibliche Engel machte eine kurze Pause und fuhr sogleich ernster fort. „Ich habe hier etwas für dich vorbereitet."
Auriel hielt mit jeweils einem Zeigefinger und Daumen eine feine silberne Kette fest, an der ein kleiner Anhänger befestigt war. Dieser war kaum länger und breiter als der kleine Finger des Engels, und bestand aus dünnem Glas. Darin befand sich zur Hälfte gefüllt das schimmernde Wasser, welches überall in den Hohen Himmel zu finden war.
„In diesem Anhänger befindet sich ein bisschen von dem Wasser aus diesem Brunnen hier." Die geflügelte Gestalt deutete auf mentaler Ebene auf die größte Wasserquelle in den Gärten der Hoffnung. „Wie du schon weißt, wohnen in ihm heilende Kräfte inne. Hinzukommend habe ich diese mit Al'malesh verstärkt, sodass der Anhänger dir bei deiner Genesung hilft und dich beschützt."
„Beschützt?"
„Wo immer du dich befindest", erwiderte der Engel und beantwortete Alisas Frage bewusst nicht auf die Art und Weise, wie sich das Mädchen erhofft hatte. Jedoch ließ Auriel es nicht zu, dass Alisa die Frage weiter aufgriff. „Selbst wenn ich nicht in deiner unmittelbaren Nähe bin, so wohnt ein Teil meiner Macht in diesem Artefakt inne."
Die Sterbliche nickte gehorsam und ging nicht weiter auf das Thema ein, dennoch fragte sie sich im Stillen, was Auriel mit beschützen meinte. Wovor genau sollte dieser Anhänger sie beschützen? Der Erzengel schien von nichts beunruhigt zu sein – jedenfalls konnte sie keine sichtliche Nervosität oder Angst vor etwas in Auriels Handeln entdecken. Aber wie konnte ein einfacher Mensch die Gedanken und Absichten eines Engels ergründen?
„Ich möchte, dass du ihn immer bei dir trägst", wies das Lichtwesen sie an. „Egal, was du machst und wo du befindest."
Alisa nahm den warnenden Unterton in Auriels Stimmte wahr, sodass sie wieder nur brav nickte und ein leises „Ich habe verstanden" von sich gab. Immer noch leicht verwirrt und eingeschüchtert – wie sie sich eingestehen musste – hielt sie ihr rechtes Handgelenk mit der linken Hand, und blickte den Erzengel nicht direkt an.
„Danke Alisa." Die Verkörperung der Hoffnung machte einen Schritt vorwärts und beugte sich leicht nach vorne. Mit einer präzisen Bewegung öffnete sie die Kette, legte sie ihrem Gegenüber um den Hals und schloss sie wieder – darauf bedacht, dass das Silber nicht das verbrannte Gewebe berührt. „Ich hoffe, dass dir der Anhänger gefällt", meinte Auriel, trat zurück und betrachtete zufrieden ihr Gesamtwerk.
Es dauerte nicht lange, da erfüllte der Anhänger Alisa spürbar mit Hoffnung und Geborgenheit. Diese Gefühle erinnerten sie daran, wie ihre Mutter sie das letzte Mal in den Arm genommen hatte. Die mütterliche Wärme und Fürsorge, die sie seit längerer Zeit nicht genießen konnte, kehrten zum Teil in ihr leeres Herz zurück. Alisa seufzte nostalgisch und wehmütig auf und nahm dann das Geschenk in eine Hand, um es mit Faszination zu beäugen. Ihre Augen funkelten bei dem Anblick dieses Schmuckstücks, während ihr Argwohn immer weiter in Vergessenheit geriet. Noch nie in ihrem kurzen Leben auf Sanktuario hatte sie jemals Schmuck getragen. Für solche Luxusgüter hatte ihre Familie nie genug Geld übrig, auch wenn ihr Vater mit dem Schmieden von Waffen und einigen Werkzeugen besser verdiente als einige andere ehemalige Dorfbewohner. Jetzt schon hatte der Anhänger einen hohen subjektiven Wert für sie.
„Nun denn", sagte Auriel und zog somit Alisas Aufmerksamkeit auf sich. „Gibt es sonst noch einen Wunsch, der dir auf dem Herzen liegt und welchen du noch nicht ausgesprochen hast?"
Die Angesprochene schüttelte eindeutig den Kopf und gab ein Lächeln preis. „Nein, Ihr habt mir schon meinen Wunsch erfüllt. Mehr Wünsche habe ich nicht." Sie schaute an dem Engel vorbei zu der wartenden Gruppe von Kriegern. „Ich möchte Euch nicht weiter aufhalten."
„Wenn es im Laufe der Zeit doch noch etwas gibt, was ich für dich tun kann, zögere nicht. Ich werde bald wieder in den Hohen Himmeln weilen." Auriel drehte sich, nachdem sie ein Nicken seitens Alisa erhalten hatte, zu ihrem Gefolge um und ließ an die Soldaten gewandt verlauten: „Wir brechen sogleich auf."
Irestus war der Erste, der auf die Anweisung reagierte und seine Kameraden zum Gehen bewegte. „Vorwärts Soldaten! Und denkt daran, dass ihr die Heiler nicht aus dem Blick verliert."
Zeriel legte sich eine Hand an die Brustplatte und verneigte sich tief vor dem Erzengel, während sich dieser in die Luft erhob, kurz bei den wartenden Engeln verblieb und dann zusammen mit ihnen und den Himmelskriegern davonflog.
Alisa schaute ihnen kurz nach, bis ihre Aufmerksamkeit auf den verbliebenen Engel gelenkt wurde. Mit einem unterdrückten Seufzen drehte sie sich ihm zu.
„Du hast ein wirklich gutes Verhältnis zu dem Erzengel der Hoffnung", merkte Zeriel an. „Auriel ist von dir ganz angetan. Nicht viele von uns haben das große Glück ständig mit einem Erzengel zu tun zu haben und Gespräche zu führen, die nicht über eine von vielen unzähligen Schlachten handeln."
„Oh." Ein unangenehmes Gefühl machte sich in ihrem Magen breit. „Ich sollte mich nicht in den Mittelpunkt drängen. Ich bin doch nur ein einfacher Mensch. Nichts Besonderes."
„Bis jetzt hast du in mir nicht den Eindruck erweckt, dass du aufdringlich nach Aufmerksamkeit suchst", entgegnete er beschwichtigend. „Wenn du den Erzengeln – mit Ausnahme von Imperius – egal wärst, dann würdest du nicht mehr hier in den Hohen Himmeln weilen."
Sie seufzte intuitiv. Zeriel hatte recht. Alisa wäre schon lange nicht mehr hier, wenn sie nicht willkommen wäre. Doch was würde mit ihr geschehen, sobald die Schlacht vorbei ist? Natürlich würde sie dann auf Sanktuario zurückgeschickt werden. Aber wie würde sie dort ganz alleine zurecht kommen? Sie hatte niemanden mehr, der sie aufnehmen könnte. Und das Dorf wurde während des Angriffs zerstört. Niemand würde dort noch leben.
Alisa unterbrach sich selbst in ihren Gedankengängen. Sie wollte die Antwort auf ihre Frage nicht wissen. Mit einem müden Lächeln wandte sie sich dem Engel zu, doch bevor sie zum Reden ansetzen konnte, hört sie ihn schon sprechen.
„Möchtest du nun Tyrael beiwohnen? Immerhin hat er dich dazu eingeladen."
Als Alisa antwortete, schwang Freude in ihrer Stimme mit. „Ja, gerne."
„Dann lass uns aufbrechen." Zeriel setzte sich in Bewegung und sprach erst weiter, als sie sich schon ein paar Schritte von dem Brunnen entfernt hatten. „Tyraels Truppen werden sich am Rand der Gärten der Hoffnung und der Gerichtshöfen der Gerechtigkeit befinden. Dort haben sie genug Platz um ihre Übungskämpfe durchzuführen, ohne dabei andere Engel bei ihren Tätigkeiten zu stören."
Die Sterbliche nickte abwesend und fixierte ihren Blick in die weite Ferne. Sie nahm schon gar nicht mehr ihre Umwelt richtig wahr. All die elysäischen Statuen, Verzierungen, Runen und Bauwerke, die kein Sterblicher imstande war zu erschaffen, waren für sie in der Zeit, in der sie hier weilte, zum Alltag geworden. Dennoch stand sie oft einfach nur vor einer der für die Hohen Himmeln typischen Stelen oder Statuen und konnte sich an der Vollkommenheit und Schönheit nicht sattsehen. Auch an den vielen Wasserbehältnissen verschiedenster Größen und Formen hielt sie sich lange auf und betrachtete die merkwürdigen Bäume, die in vielen Brunnen wuchsen.
Mit nichts anderem im Sinn als dem Gedanken an einen bestimmten Engel, machte sie sich Sorgen. Würde sich Imperius auch beim Übungsplatz aufhalten? Hätte Tyrael sie dann nicht vorher gewarnt?
„Frag ruhig", forderte er sie auf und erntete einen leicht verwunderten Blick von ihr. „Die Gesichtszüge eines Menschen sind so leicht zu lesen. Du willst doch noch etwas wissen, richtig?"
Alisa war aufgefallen, dass der Engel weiterhin mied, ihren Namen auszusprechen. „Oh, ja... Es -" Sie brach schnell ab und setzte nervös neu an. Ihr war so, als ob ihr etwas den Hals zuschnürte – und ihre Verletzung war nicht daran schuld. „Ihr wisst doch, dass der Erzengel des Heldenmuts mich hasst."
Zeriel blieb stehen, sodass auch seine Begleiterin es ihm unweigerlich gleich tat und nicht weitersprach. „Du möchtest also wissen, ob Imperius die Truppen auch unterweisen wird?" Er erhielt von ihr eine zögerliche, bestätigende Antwort und schaute in Richtung eines vorbeifliegenden Engels. „Er beschäftigt sich zwar auch mit den Kriegern, jedoch tut er dies in den Hallen der Tapferkeit. Es könnte möglich sein, dass er sich noch für einen Moment bei Tyrael blicken lässt. Aber ich bezweifle dies aufgrund der prekären Beziehung und der sich häufenden Konflikte zwischen den beiden." Er ging weiter und so folgte Alisa ihm stumm. „Ich kann nur hoffen, dass die Einigkeit in den Angiris-Rat wiederkehren wird, und das bevor die Schlacht beginnt."
Alisa konnte seine Anspannung fühlen. Er musste genau wissen, wie verheerend eine zerstrittene und uneinige Führung sein kann. Und sie war der eigentliche Grund für die Feindschaft zwischen den Erzengeln. Wäre sie nicht hier, würde sich der Rat nicht untereinander streiten. Allerdings würden die Engel immer noch im Dunklen tappen und nicht wissen, an welche Orte die Dämonen ihre Streitmacht entsenden würden. Es war nun mal so wie es war. Daran hatte sie im Kerker nichts ändern können und auch nicht hier in den Hohen Himmeln. Alisa war niemals jemand gewesen, der ständig eigene Entscheidungen traf, und schon gar nicht in den Angelegenheiten von solch mächtigen Kreaturen. Sie war immer nur Mittel zum Zweck. Mit ihren bescheidenen Kräften konnte sie nichts ändern.
