Vielen Dank an Cindy und die anderen Reviewer der letzten Kapitel.
Mea Culpa
Anne Knephas war eine gerissene und durchsetzungsstarke Mutter. Kaum hatte sie die Neugier ihres Kindes bezüglich der Rune Omega bemerkt, hatte auch schon die Bibliothekarin per Eulenpost Anweisungen erhalten: sie solle strengstens überwachen, welche Bücher ihr Sohn las oder auslieh und ihr darüber Mitteilung machen. Zweimal hatte sie ihn ermahnen müssen, dann war Orions Interesse an Omega scheinbar abgebbt und Anne konnte wieder ruhig schlafen.
Womit niemand gerechnet hatte, war, dass Orion die Gerissenheit und das Durchsetzungsvermögen von seiner Mutter geerbt hatte. Man sagt schließlich: „Die magische Frucht fällt nicht weit vom Lebensbaum."
Orion interessierte sich nicht nur für Omega, er gierte danach. Eben das hatte seine Mutter mit dem Tabu vermeiden wollen, aber es schien, dass sie das Verlangen nur noch mehr angefacht hatte und eine Bibliothekarin als Löschwasser für den entstandenen Waldbrand nicht mehr genügte.
Da er keine Bücher ausleihen konnte, ohne dass Prince es mitbekam, musste er eine Ecke in der Bibliothek finden, die sie nicht überwachte. Es hatte ihn mehrere Wochen, mehrere Ermahnungen (er aktivierte Magische Knaller TM, die einen Riesenlärm verursachten) und einen Rausschmiss gekostet, bis er fand, wonach er suchte.
Eingerahmt von hohen Bücherregalen und bestückt mit einem einzigen Tisch aus hellem Holz und mehreren passenden Stühlen war die Leseecke nichts besonderes: es gab ihrer Art hunderte in der Bibliothek von Hogwarts. Die Besonderheit stellten die magischen Schutzwälle dar, die das Leseeck in eine geheime Zuflucht verwandelten. Soweit Orion es beurteilen konnte, befanden sich darunter ein Bemerke-mich-nicht, Silencium und Muffliato Zauber, er war sich jedoch sicher, dass zahlreiche andere seinem jungen Auge entgingen.
Durch Zufall war er auf die Ecke gestoßen: es schien, als basiere der Bemerke-mich-nicht Zauber auf der Fähigkeit etwas zu Sehen und Orions vorübergehende Blindheit hatte den Zauber wirkungslos gemacht. Natürlich war es weiterhin eine Schwierigkeit die Bücher über die Rune Omega zu beschaffen (denn Prince bewachte sie alle mit ihren Adleraugen), aber hin und wieder war er in der Lage ihr eines zu stibitzen.
Heute nicht. Das Glück hatte ihn anscheinend Hand in Hand mit Harry Potter verlassen. Wegen Ersterem missmutig und Letzterem erquickt hatte er beschlossen, stattdessen einige Hausaufgaben zu erledigen, die für nächste Woche anstanden. Durch seine Blindheit war er etwas in Verzug geraten und erledigte immer alles auf den letzten Drücker, aber das sollte jetzt ein Ende haben.
Er erfreute sich an dem strahlenden violett seiner Tinte und begann munter seinen Aufsatz über die Entstehung und Bedeutung des Öffnungszaubers mit der Alohomora Beschwörung zu verfassen. Das Thema hatte er zwar schon als Sechsjähriger abgekanzelt, aber es langweilte ihn nicht, die eleganten Kurven zu verfolgen, die seine animierte Schreibfeder auf dem Pergament hinterließ.
„Was tust du hier?", fragte ein blonder Junge, dessen Namen sich Orion nur eingeprägt hatte, weil er zu den reicheren Purblütern Englands zählte. Er stand gegenüber von Orions Tischseite hinter einem Stuhl und klammerte sich an die Mittelstrebe der Lehne, die ihm in etwa bis zum Kinn ging.
„Ich mache meine Hausaufgaben."
„Nicht das." Draco Malfoy verschränkte die Arme und zog eine Augenbraue nach oben. Wie billig! „Wieso hier?"
„Ein Tisch. Ein Stuhl. Bibliothek? Worauf willst du hinaus?", fragte Orion und verbarg sein Lächeln dadurch, dass er seinen Kopf senkte und angestrengt sein Pergament musterte.
„Das weißt du ganz genau", brauste Malfoy auf. Orion riskierte einen Blick auf seine geröteten Wangen. Malfoy musste das Lächeln bemerkt haben.
„Du willst mir sagen, ich soll gehen?", fragte Orion unschuldig und stupste seine Feder mit seinem Zauberstab an. Sie legte sich gehorsam neben das Pergament und kam erzitternd zum Stillstand.
Malfoy seufzte und setzte sich auf den knarrenden Stuhl. „Wer den Spruch zuerst entdeckt, zaubert zuerst", murmelte er und packte Schreibzeug aus seiner Schultasche. „Du bist Knephas, oder? Der Blinde, der wieder sehen kann."
Orion nickte. „Ich bin Draco Malfoy und ich war zuerst hier!" Orion verkniff sich ein Kichern, wobei er seine Schreibfeder reaktivierte. Der Aufsatz maß erst zwei Zeilen und musste noch um ein beträchtliches Maß wachsen, bis er Flitwick damit konfrontieren wollte. „Ein Erstklässler", brummelte Malfoy kopfschüttelnd.
Orion erwiderte nichts darauf und widmete sich seinem Aufsatz. Auch Malfoy schien keinen Drang zu verspüren, sich mit einem Jüngeren zu unterhalten und rief seine Schreibfeder auf ähnliche Weise, wie Orion zum Leben, nur dass die ganze Prozedur auf Englisch ablief.
„Du bist wenigstens ein Purblut, oder? Ich kenne deinen Nachnamen nicht."
Orions Entrüstung übertrug sich auf seine Feder, die das Pergament just durchstach und es irreparabel schädigte. Er musste neu mit seinem Aufsatz anfangen. Aber das war nicht der Grund für seine zu Schlitzen verengten Augen.
„Natürlich. Ich komme aus Frankreich", erwiderte er, wie Großvater es ihm beigebracht hatte, mit ruhiger Stimme. Es schürte seinen Ärger nur, aber Vorschrift war Vorschrift.
„Wie viele Generationen?"
„Mindestens zehn."
„Du kannst bleiben", erwiderte Malfoy prompt und widmete sich wieder seinen eigenen Hausarbeiten, entsprechend der Bücher Verwandlung.
Orion köchelte stumm vor sich hin, achtete aber darauf, die Schreibfeder sorgfältig zu dirigieren. Er wollte nicht noch einmal von Vorne anfangen müssen. So interessant war das Thema nicht, außerdem bestand die Chance, dass er vielleicht morgen ein Buch über Omega ergattern konnte. Seit der Beerdigung gestern, dem Vorfall mit seiner Narbe und seiner wiederkehrenden Sehkraft glich sie in seinen Augen göttlichem Ambrosia oder dem heiligen Gral. Er wollte, nein musste alles über sie herausfinden. Warum musste man in einem fremden Land immer wieder Rechenschaft über seine Genealogie ablegen? Er hasste es, wenn er für ein Halbblut gehalten wurde. Und wieso entschuldigte sich Malfoy nicht? Jeder normale Mensch entschuldigte sich nach solch einem für den Befragten peinlichen Kreuzverhör.
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„Ginny?" Ihre Augen waren eingefallen und ihr Mund verkrampft. „Kommst du bitte kurz mit?"
Er glaubte einen Anflug von Panik in ihren schokoladenbraunen Augen zu bemerken und sein Eindruck verstärkte sich, als sie hastig, beinahe gehetzt den Kopf schüttelte. Sie hatte jemanden umgebracht und fürchtete, entdeckt zu werden.
„Komm mit, oder ich werde dein Geheimnis ausplaudern", drohte Orion. Er meinte es ernst
Wie gewünscht, sprang sie sofort auf, aber sie sagte nichts, als sie den Hufflepuff Gemeinschaftsraum verließ. Ein dicker Junge rempelte sie an und beinahe wäre sie gestürzt, aber sie fing sich im letzten Moment auf und stolperte aus dem Eingang. Orion stützte sie am Ellbogen, ließ diesen aber sofort los, als sie wieder auf festen Beinen stand.
„Wir gehen nach draußen. Man kann sich dort wunderbar unterhalten." Dabei dachte er an sein eigenes Gespräch mit Luna Lovegood und lächelte besonnen.
Sie schwieg den ganzen Weg nach draußen. Er fragte sich, ob sie in den letzten Tagen das Sprechen verlernt hatte oder nicht mehr sprechen konnte. Vielleicht hatte sie eine ähnliche Krankheit wie seine vorübergehende Blindheit befallen. Beim See angekommen, ließ Orion sich auf einem umgefallenen Baum nieder, sie bevorzugte es zu stehen.
„Was willst du?", fragte sie. Ihre Stimme war zu seiner Verwunderung nicht heißer, sondern sehr klar und rein. Sie würde in ein paar Jahren eine begehrenswerte Frau für jemanden wie Harry Potter sein. Orion befand sich auf einem anderen Level.
„Nichts." Natürlich glaubte sie ihm nicht. Aber er hatte es Harry Potter versprochen. Und Wortbruch mit einem Toten zu begehen, konnte einem Purblut jegliche Magie rauben. Das wollte Orion lieber nicht riskieren und da er sich sicher war, dass Harry Potter wirklich tot war, musste er sich daran halten. Wohl, oder übel. Nicht, dass sie es erfahren musste.
„Hör mal, Weasley", begann Orion und unterbrach sich selbst. Kein guter Anfang. „Ich will, dass du mir dieses Tagebuch gibst und nie wieder danach fragst."
„Woher weißt du das alles?" Jetzt überschlug sich ihre Stimme und sie entfernte sich von Orion und ließ sich am Seeufer nieder. Ihre Finger vergruben sich in den Kies, die ungekämmten feurigen Haare verdeckten ihr Gesicht.
„Sagen wir, ein Phönix hat es mir zugeflüstert."
Sie warf eine Hand voll Kiesel in den See. Orion wischte sich sein Gesicht mit einem Taschentuch aus Seide trocken.
„Ich habe jemanden umgebracht, Orion. Und du weißt davon. Wenn sie", sie betonte das Wort eigenartig, „das rausfinden, sind wir beide dran. Und du willst nichts mehr, als das Tagebuch, das die einzige Ursache für den ganzen Schlamassel ist?"
Ein Schwarm grauweißer Vögel zog über ihren Köpfen hinweg und ihr lautes Geschrei füllte die Ohren der beiden aus, die Augen waren auf den kurzzeitig verdunkelten Himmel geheftet. Als die Vögel über dem Verbotenen Wald verschwunden waren und Orion sich umblickte, saßen Hermione und Neville neben ihm und Luna kauerte bei Ginny. Er hätte es wissen müssen.
Ginny hatte die Ankunft der drei nicht bemerkt und es war zu spät, sie zu warnen, denn sie hatte bereits zu sprechen begonnen. „... kann dir das Tagebuch nicht geben. Es ist zerstört. Nachdem ich Harry ermordet hatte, habe ich es auf den Boden geworfen. Anscheinend hat es Harrys Blut nicht vertragen: es hat sich aufgelöst wie Zucker in Wasser."
Das war eine Überraschung, aber keine schlechte. Eine Sorge weniger, auch wenn es nur eines von sieben Horkruxen war. Eines wusste Orion so sicher, wie Harry Potters Tod: Er musste die Wiederauferstehung von Voldemort verhindern. In der anderen Realität waren nach dem Krieg beinahe alle Purblutlinien Englands ausgestorben, verarmt oder eingesperrt und das kam einer Katastrophe gleich, denn ohne Blut aus England wurde Inzucht in den anderen Ländern wahrscheinlicher. Das musste vermieden werden. Deswegen hatte Orion sich entschlossen, die Erinnerungen von Harry Potter, die nach wie vor in seinem Kopf verstaut waren, zu diesem Zweck zu benutzen.
„... werden dich nicht verpetzen", beschwichtigte Luna Ginny gerade, wobei sie das fragile Mädchen umarmte.
Wieso nicht?, fragte sich Orion, aber um Ginny, der die Tränen über die Wangen liefen nicht noch mehr zu verunsichern, behielt er es für sich. Hermione warf ihm einen wissenden Blick zu, den er ignorierte. Luna musste ihre eigenen Motive aus der Zukunft ableiten, die mit Ginny Weasley in Askaban wohl düsterer aussah.
„Wieso nicht?", fragte Ginny Orions Frage laut.
Luna antwortete nicht, sondern blickte wissend Richtung Hogwarts. Orion – die anderen etwas langsamer – folgte ihrem Blick sofort und bemerkte den sich nähernden Snape. Er fixierte Luna, aber sie wich seinen fragenden Augen aus und half stattdessen Ginny beim Aufstehen. Neville, Hermione und Orion erhoben sich ebenfalls.
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„Ihr müsst euch wirklich nicht um euere Hausaufgaben kümmern?", fragte Dumbledore erneut.
Orion schüttelte erneut den Kopf und räkelte sich in seinem Sessel. Neben ihm saßen die anderen vier. Er würde Weasley nicht mit Dumbledore und Snape alleine lassen. Dumbledore seufzte und fragte nicht ein zweites Mal.
„Ginny, wo warst du an Halloween?", fragte er und spielte teilnahmslos mit seiner Brille.
Ginny zuckte zusammen und errötete, aber das war alles, was Neville brauchte. Orion verstand es nicht, aber es war wohl nötig. „Es ging ihr nicht gut, Schulleiter. Hermione und ich haben sie in ihren Gemeinschaftsraum begleitet und sie mit den nötigen Tränken versorgt."
„Woher habt ihr die Zaubertränke?", fragte Snape misstrauisch.
Hermione warf ihm einen langen Blick zu und formte mit ihrem Worten das Wort Vampir. Snape nickte knapp: er hatte verstanden. Als Vampire mussten sie ein ständiges Repertoire an Zaubertränken mit sich führen, die mögliche Schwindelanfälle bekämpften. Junge Vampire hatten oft Probleme mit ihrem Kreislauf. Snape hatte die Tränke auf Anweisung des Schulleiters selbst gebraut.
„Es freut mich, das zu hören. Zitronenbrausebonbon?" Luna nahm eines, die restlichen verweigerten dankend, Snape verzog nur den Mund. „Und wo warst du an Halloween, Luna?"
Luna erzählte von der Geisterparty des Kopflosen Nick, die sie auf dessen Einladung hin, befolgt hatte. Der Arme war ganz durch den Wind gewesen, als Emeralde Potter sich geweigert hatte, zu kommen.
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„Die Kinder haben gelogen, Albus", sagte Snape, nachdem die Brut verschwunden war. Er hatte es nicht durch Leglimentik bestätigen können, denn dank dem „Vorfall" würde er wegen einem weiteren Verstoß gegen das Gesetz, seinen Job verlieren, aber seine Erfahrung als Spion sagte ihm, dass Granger gelogen hatte. Ebenfalls aus Erfahrung wusste er, dass Albus Dumbledore ein ähnliches Gespür für Lügen hatte.
„Vielleicht", erwiderte Albus ausweichend, während er seinem Phönix eines dieser Zitronenbonbons fütterte, die beide so sehr liebten. „Wenn, hatten sie sicher einen guten Grund."
Snape dachte, er habe sich verhört. „Was?" Albus wiederholte sich wortwörtlich und nahm sich die Brille ab. „Wir müssen dem hinterher gehen, Albus. Das Mädchen ist erst elf Jahre und schon eine Mörderin. Was soll aus ihr werden?"
„Sie ist jung und dumm, Severus. Wenn wir sie dem Ministerium ausliefern, kommt sie nach Askaban und damit ist ihr Schicksal besiegelt. Warst du nicht auch um eine zweite Chance froh?" Snape starrte Albus nur ungläubig an. „Wenn wir sie in Hogwarts behalten", fuhr Albus fort, „kann sie aus ihrem Fehler lernen. Sie scheint bereits Freunde gefunden zu haben, die für sie einstehen. Das Ministerium und der Schulrat haben sich gezwungenermaßen beruhigt, nachdem Delacour ihnen den Kopf gewaschen hat. Hogwarts kann geöffnet bleiben, auch wenn kein Schuldiger gefunden wird."
„Fehler? Du nennst Mord einen Fehler?"
„Auch du hast gemordet, Severus", erinnerte Albus ihn. Ein magisches Gerät tickte in der Stille. „Auch das war ein Fehler."
„Wieso?", fragte Snape. Albus hinterging und verriet nicht nur ihn, sondern auch Lily Potter, seine ehemals beste Freundin. Allein aus diesem Grund fragte er nach.
„Wusstest du, dass Luna Lovegood eine Seherin ist?" Die Tatsache war ihm entgangen. „Glaubst du, sie würde Ginny Weasley beschützen, wenn diese in der Zukunft eine Massenmörderin wäre?"
Snape wusste darauf nichts mehr zu sagen. Es klang einleuchtend und logisch, zumindest für Worte aus dem Mund des Schulleiters. Er verließ das Büro ohne ein weiteres Wort, wobei er sich schwor, einen Blick auf Ginny Weasley zu haben.
Zum Glück wussten weder Dumbledore, noch Snape, dass die Zukunft nicht in Stein gemeißelt war und Ginny Weasley in der Hälfte aller Fälle als Massenmörderin enden würde. Nur Luna Lovegood hatte es gesehen und sie hütete dieses, wie auch andere Geheimnisse wie ein eifersüchtiger Drache seinen Schatz.
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„Ginny, du hast uns jeden Tag, den du entbehren konntest besucht. Du warst für uns da, als wir die Entscheidung getroffen haben, Vampire zu werden und hast dich - noch wichtiger - nicht von uns abgewendet. Ist das nicht Grund genug, dass wir dir verzeihen?", antwortete Neville auf Ginnys gestammelte Frage.
Hermione nickte beipflichtend und ergriff Ginnys freie Hand. Die andere hielt bereits Luna. „Aber ich habe ihn getötet. Verabscheut ihr mich nicht?"
Mit einem einzigen Blick brachte Luna Orion zum Schweigen. „Das warst nicht du, Ginny", erwiderte Hermione. „Nicht die Ginny Weasley, die sich um uns gekümmert hat, als jede Hoffnung verloren war. Wie oft bist du an meinem Bett gesessen und hast mir Geschichten vorgelesen, während ich im Koma lag? Du bist unsere Freundin."
Neville legte Hermione einen Arm um die Schulter. Der Gang verlief sich in eine kleine Halle, von wo aus man zu den verschiedenen Gemeinschaftsräumen gelangen konnte. Slytherin, Gryffindor, Ravenclaw und Hufflepuff. Von einem runden Fester in der Decke einströmendes Tageslicht bildete genau in der Mitte der Halle einen kreisrunden, hellen Fleck, auf dem die anderen drei plötzlich angehalten hatten.
Orion rollte mit den Augen und konnte sich nicht länger beherrschen: „Einer für alle und alle für einen, oder was?"
Die Reaktion von Neville überraschte ihn: „Einer für alle und alle für einen", wiederholte dieser ernst.
Hermione griff es als nächstes auf, Luna zögerte nicht und Ginny fügte sich mit gebrochener Stimme. Orion bewegte verwundert die Finger: es knisterte. Spannung baute sich zwischen den fünf Erstklässlern auf. Das war kein Ritual, sondern etwas ganz spontanes. Wie die Geburt eines Kindes, nur dass hier ein Freundschaftsbund geboren wurde, der durch den Segen der Magie unzerreißbar sein würde.
Wollte er sich an zwei Vampire, eine Seherin und eine Mörderin binden? Die Magie wurde drängender. Er konnte sich noch entscheiden und ja oder nein sagen. Luna hatte wieder einmal ihren Blick gesenkt und verweigerte ihm jede Auskunft. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, hätte er es auch nicht von ihr abhängig gemacht.
Zwei Vampire, mit denen er bereits eine brüchige Freundschaft teilte und die für ein Gespräch mit ihm, ihre Existenz riskiert hatten. Eine Seherin, die ihn aus ihm unerklärlichen Gründen vor dem Tod gerettet hatte, genauso wie sie sich jetzt Ginnys annahm. Eine Mörderin, die Harry Potter in einer anderen glücklichen Realität eine gute Freundin war und die eigentlich nur den Fehler begangen hatte, einem verzauberten Tagebuch zu vertrauen.
Er trat in den Kreis.
