Kapitel 10 – Verlangen

Es gab mehrere Gründe, warum ich den Abend am liebsten Zuhause verbracht hätte, aber stattdessen nun vor dem Eingang des The Mets stehen musste. Ich musste, weil es Kazus Abschiedsabend war, welchen er noch mal mit seinen engsten Freunden in unserer Stammkneipe verbringen wollte. Ich wollte nicht, weil mit engsten Freunden auch die Anwesenheit von diversen Menschen vorausgesetzt war, auf die ich aktuell gut und gerne in verzichten konnte. Zum einen hatte ich heute gehört, dass auch Jen kommen würde. Bis jetzt hatte ich auf meine SMS vor einer Woche, in der ich sie kurz gebeten hatte, dass wir endlich aussprachen, keine Antwort erhalten. Das enttäuschte mich nicht nur, sondern machte mich auch verdammt wütend und warf all meine guten Vorsätze in Bezug auf sie, wieder über Board. So wichtig konnte wohl unsere Freundschaft doch nicht sein.

Dann war da noch die Tatsache, dass ich es in der vergangenen Woche sehr gut geschafft hatte, Ryo aus dem Weg zu gehen – was nun natürlich auf Kazus Abschiedsfeier nicht mehr möglich sein würde. Allerdings hatte ich die leise Befürchtung, dass das auch deswegen so gut geklappt hatte, weil er ebenfalls nicht sehr erpicht darauf war, mich zu sehen.

Am Mittwoch waren wir uns zufällig in der Mensa mit unseren Tabletts in die Quere gekommen. Ryos Blicks war beinahe erschrocken gewesen, als er mich erkannt, sich entschuldigt hatte und anschließend wieder ganz schnell an mir vorbei gegangen war. Und so blöd das alles klang, weil ich ihn ebenfalls mied, machte mich die Tatsache traurig, dass er mich anscheinend auch nicht sehen wollte. Noch dämlicher war jedoch, dass mich das überhaupt traurig machte. Ich hatte mich immer noch nicht mit dem befremdlichen Gedanken abgefunden, dass ich offensichtlich mehr für Ryo empfand. Immerhin war es auch eine so ausweglose Verliebtheit, denn zum einen war da Yoki, mit der er bald zusammenzog, und zum anderen war es einfach absurd, dass wir eine Beziehung miteinander führen konnten. Stelle sich doch bitte einmal jemand mich und ihn Händen haltend im Park spazierend vor?

Im Großen und Ganzen war ich einfach nur traurig und hätte mich am liebsten an diesem Freitagabend in meinem Bett verdrückt, Musik gehört und mich im meinem Selbstmitleid gesuhlt, anstatt nun das Mets zu betreten. Sofort umfingen mich die wohlklingenden Klänge von Alice Coopers Poisen. Zumindest was den aktuellen Sound und meine Optik betraf, schien mir wenigstens das passend. Gerade weil ich mich heute so schlecht fühlte, hatte ich wenigstens darauf Wert gelegt, dass man mir meinen aktuellen Zustand nicht ansah und mich in eine dunkle Röhrenjeans gezwängt und mir ein grünes Top übergeworfen. Mit meinen schwarzen Boots und meiner dunklen Lederjacke, strahlte ich etwas hartes, aber vor allem unnahbares aus, das ich im Moment gut gebrauchen konnte.

Schnell entdeckte ich im Getümmel der Menschenmenge meine Freunde. Wie immer hatten wir uns an einer Couch in der Nähe des Billardtisches ausbereitet, an dem Kazu, Takato und zwei mir unbekannte Frauen dort bereits eine Partie spielten. Bei Ryos und Yokis Anblick zog sich mir der Magen zusammen, jedoch begrüßte ich die beiden, Kenta, Henry und seine Alice mit einem höflichen „Hallo". Da ich sowieso nie der Typ für überschwängliche Freude war, konnte man mir zumindest nicht ansehen, wie mir eigentlich zumute war.

Merkwürdigerweise fühlte ich mich aber deplatziert, als würde ich nicht hierhergehören, obwohl es eigentlich mein Freundeskreis war. Eigentlich waren es doch Ryo und Yoki, die hier nichts zu suchen hatten, warum fühlte ich mich dann so, als würde ich stören? Einzig und allein die Tatsache, dass Jen noch nicht da war, erleichterte mich ungemein.

Ich zog meine Jacke aus und legte meine Tasche ab, um mir anschließend ein Bier an der Bar zu holen. Als ich wieder zurückkam, gab es für mich auf der Couch leider nur einen Platz neben Henry – direkt Ryo und Yoki gegenüber. Wieder konnte ich nicht umhin festzustellen, dass Yoki heute Abend in ihrem kurzen schwarzen Spitzenkleid einfach unverschämt gut aussah. Ihre dunklen Haare hingen ihr offen über die Schultern, während ihr ein paar Strähnen locker ins Gesicht fielen, was mich sofort meine Entscheidung bereuen ließ, mir die Haare lediglich langweilig nach hinten zu binden.

Nachdem ich bemerkte, dass ich mich wieder mit ihr verglich, obwohl das im Grunde so gar nicht meine Art war und ich auch nie viel auf Äußerlichkeiten gab, ärgerte ich mich erneut über mich selbst. Dann fiel mir allerdings auf, dass sie mitbekommen hatte, dass ich sie anstarrte. Mit ihren dunklen Augen erwiderte sie meinen Blick neugierig und lächelte schließlich. Ihr Lächeln hatte etwas wissendes, bei dem mir allerdings gar nicht wohl war.

„Lust auf eine Partie Billard?", fragte Yoki unerwartet. Sofort sprang sie auf und zog mich unsanft am Arm. Ich war so perplex, dass ich gar nicht schnell genug war, abzulehnen und ließ es zu, dass sie mich von der Couch hochzog. Im Vorbeigehen suchte ich zum ersten Mal an diesem Abend Ryos Blick, dem man deutlich ansah, dass es sich plötzlich genauso unbehaglich fühlte wie ich.

„Eigentlich nein", sagte ich zögerlich, hätte ihr aber am liebsten ein viel schrofferes „Nein" entgegengepeitscht. Zumindest schaffte ich es meine Hand aus ihrem Griff zu reißen – vielleicht auch ein wenig zu grob, aber was fiel ihr einfach ein mich so mitzuzerren?

Yoki ließ allerdings nicht locker. „Komm schon, das wird sicherlich lustig." Sie ging zu einem der freien Billard-Tische hinüber, nahm die beiden Queues und drückte mir einen davon mit einem herausfordernden Lächeln in die Hand. „Soweit ich gehört habe, bist du doch eine Spielerin, oder? Wie kann sich eine Spielerin nur die Chance zu gewinnen entgehen lassen?"

Yokis Verhalten empfand ich als so seltsam, dass ich mich fragen musste, ob hinter dieser Herausforderung zu einer Partie Billard mehr steckte, weil sie auch mehr wusste. Hatte Ryo ihr etwa unseren Kuss gestanden?

„Dann auf geht's", entgegnete ich kühl. „Ich überlasse dir den ersten Stoß."

Gelassen ging ich an ihr vorbei zum Billardtisch. Was auch immer Yoki bezweckte, mir ging es deutlich gegen den Strich, dass sie mir das Gefühl gab, mich einschüchtern zu wollen. Einschüchtern ließ ich mich definitiv von Niemandem – und schon gleich gar nicht von einem kleinen Püppchen und Ryos Betthäschen.

Die Partie begann. Ryos perfektes Gegenstück zeichnete sich vor allem darin aus, dass sie dasselbe gewinnende Lächeln und diese arrogante Selbstsicherheit wie er selbst besaß. Sie verstand es nicht gekonnt die Kugeln zu versenken und ich war wesentlich besser als sie, dennoch vermittelte Yoki in ihrem Auftreten den Eindruck, als würde sie am Ende als haushoher Gewinner das Spiel beenden. Das machte sie mir noch wesentlich unsympathischer – sie und Ryo gaben wirklich ein wundervolles Paar ab. Mir gelang es nicht diesen etwas verbitterten Gedanken zu unterdrücken.

„Sag mal, dieser hübsche Mann auf Kazus Party letztens …", begann Yoki auf einmal, während ich mich gerade auf eine rote Kugel am Rand des Feldes konzentrierte. „… war das dein Freund?"

Ich wusste sofort, dass sie auf Teru anspielte. Mussten wir jetzt hier etwa Smalltalk über unsere Beziehungen und Affären führen?

Mit einem kräftigen Stoß versenkte ich die rote Kugel im Loch. „Nein", erwiderte ich gelassen. „Er wird auch nicht mein Freund werden", fügte ich noch mit Nachdruck hinzu, um weitere Nachfragen zu vermeiden. Dass es sich bei Teru um meinen Exfreund handelte, war eine kleine Nebeninformation, die sie erst recht nichts anging. Immer mehr beschlich mich der Gedanke, dass sie von dem Kuss zwischen Ryo und mir wusste. Oder wollte sie etwa herausfinden, ob ich eine potentielle Konkurrentin war, weil sie eine Ahnung hatte?

„Schade." Unbekümmert zuckte Yoki mit den Achseln. „Der Kerl und du, ihr schient ganz gut zueinander gepasst zu haben. Diese Wildheit", sagte sie mit einem amüsierten Unterton in der Stimme. „Ihr hattet beide etwas davon."

Spottete Yoki etwa? Ich wollte nicht bestreiten, dass ich mich auf Kazus Party unter Alkoholeinfluss etwas hatte gehen lassen, allerdings waren wir noch lange nicht in aller Öffentlichkeit übereinander hergefallen und hatten es vor allen miteinander getrieben.

„Ich würde das eher leidenschaftlich nennen", brachte ich die Sache süffisant auf den Punkt. „Ich weiß nicht, wie das bei dir und Ryo so ist, aber ich bin eine Frau, Single und habe auch gewisse Bedürfnisse. Du kannst halten von mir, was du möchtest, ich finde das ganz menschlich. Oder möchtest du mit dieser Wildheit etwa andeuten, ich sei eine Schlampe?"

Vielleicht lehnte ich mich in diesem Moment gerade ein bisschen zu weit aus dem Fenster, aber ihre erhabenen Art brachte mich so sehr auf die Palme, dass ich ihr sogar am liebsten entgegen geschleudert hätte, dass ihr heißgeliebter Ryo meine wilde Art auch gar nicht so schlecht fand.

Yoki konnte ihren Stoß nicht zu Ende bringen und musste inne halten. Bei dem Wort Schlampe, hatte sie anscheinend bemerkt, dass das Gespräch zwischen uns etwas aus dem Ruder lief. „Nein, das hätte ich dir keinesfalls vorgeworfen", versuchte sie sich nun kleinlaut zu korrigieren. „Ich war nur gerade etwas zu neugierig. Tut mir leid, wenn ich dir damit zu Nahe getreten bin. Das kann ich sehr gut nachvollziehen! Ryo und ich sind auch-"

„Yoki", unterbrach ich sie entschieden. Das letzte was ich in diesem Augenblick wissen wollte, war, wie Ryo und sie im Bett ebenfalls regelmäßig zu Raubkatzen wurden. Allein schon der Gedanke war mehr, als ich derzeit ertragen konnte. „Das sind mir definitiv zu viele Details."

„Oh, in Ordnung. Tut mir leid, das ist nun doch sehr intim, da hast du Recht." Yoki legte die Stirn in Falten und für ein paar Sekunden sahen wir uns schweigend in die Augen.

„Möchtest du nun weiterspielen?", unterbrach ich schließlich die Ruhe ungeduldig und deutete wieder auf den Pooltisch. Wahrscheinlich musste es für sie auch sehr deutlich zu verstehen sein, dass ich absolut keine Lust auf dieses Spiel mit ihr hatte. Recht so. „Du bist dran."

„Klar, natürlich! Hatte ich ganz vergessen!"

Yoki wandte sich wieder dem Billardspiel zu, um sich an einer blauen Kugel zu versuchen. Ich war bereits jetzt froh, wenn ich sie endlich wieder losgeworden bin.

„Neulich habe ich ein Foto auf Ryos Schreibtisch entdeckt", schnitt Yoki nun ein anderes Thema an, nachdem die blaue Kugel von ihr erfolgreich versenkt wurde.

„So", entgegnete ich desinteressiert. Mit einem prüfenden Blick nahm ich die Kugeln unter die Lupe und suchte mir mein nächstes Ziel aus.

„Auf dem Foto wart ihr beide", fuhr Yoki fort. „Als Kinder."

Ryo besaß ein Foto von uns?

„Hm", entgegnete ich und konnte damit ganz gut verbergen, wie überrascht ich darüber war. Ich entschied mich für die grüne Kugel. Wenn ich Glück hatte, nahm die die gelbe gleich noch mit.

Yoki ließ allerdings nicht locker. „Ihr müsst früher wohl ziemlich gut befreundet gewesen sein, oder? Von den anderen hatte ich bisher noch nie ein Foto bei ihm gesehen."

Noch immer versuchte ich ihr zu zeigen, wie sehr mich diese Tatsache kalt ließ. Eigentlich schlug aber mein Herz bis zum Hals. Warum besaß er dieses Foto überhaupt? Warum hatte nur von uns beiden eines auf dem Schreibtisch gelegen? Natürlich konnte das viele Gründe haben, dennoch konnte ich nicht umhin zu denken, dass mehr dahintersteckte.

Ich verfehlte die grüne Kugel haushoch und somit wurde es natürlich mit der gelben erst recht nichts.

„Verdammt", fluchte ich leise vor mich hin. Nachdem ich einmal tief durchgeatmet hatte, konzentrierte ich mich wieder auf Yokis Frage. „Nein, wir waren noch nie gut befreundet."

Yoki taxierte mich regelrecht mit ihren dunklen Knopfaugen. „Warum macht dich das Thema dann so nervös?"

Ich bemühte mich, nicht ertappt auszusehen. Mein Herzschlag wurde schneller und schneller. Verdammte Kugeln, verdammte Yoki, aber vor allem: verdammter Ryo!

„Das Thema macht mich nicht nervös." Sogar ich fand meinen schwachen Versuch überzeugend zu klingen sehr armselig.

Yokis Stirn lag in Falten, während sie einmal auf die andere Seite des Spieltisches ging und mir nun gegenüber stand. Ihr Blick war nun auf die Kugeln geheftet. Viel fehlte nicht mehr, bis endlich alle diese vermaledeiten Dinger in ihren Löchern verschwunden waren. Mit der weißen befanden sich noch vier weitere Kugeln auf dem Tisch. Nun konzentrierte sich Yoki auf die grüne Kugel. Im Gegensatz zu mir, und trotz ihrer recht mittelmäßigen Billardkünste, schaffte sie es, die grüne Kugel mitsamt der gelben zu versenken. Schließlich kam sie wieder zu mir herüber.

„Rika, ich habe gerade eine Frage gestellt und möchte darauf auch eine ehrliche Antwort haben!" Yokis Stimme klang gelassen, doch in Blick war eisig und in ihren Augen konnte ich erkennen, dass in ihr ein regelrechter Orkan bebte. „Ich will wissen, warum dich dieses Thema so nervös macht. Ich will wissen, warum ihr euch so merkwürdig verhaltet, wenn ihr euch begegnet. Ich will wissen, was das für Blicke sind, die ihr euch gegenseitig zuwerft. Ich will verdammt noch mal wissen, was das zwischen euch ist!"

Ich fühlte mich ertappt, doch meine Wut über ihre Worte, die gleichzeitig wie eine Drohung klangen, machten mich so wütend, dass ich gar nicht daran dachte, mich von ihr ins Boxhorn jagen zu lassen. Ich wandte mich von ihr ab, setzte meinen Queue an, nahm mir ganz fest vor, dass das definitiv der letzte Stoß in diesem idiotischen Spiel sein würde, und versenkte mit einem harten Schlag die letzten zwei Kugeln auf einmal.

„Diese Fragen stellst du der falschen Person", zischte ich ihr ins Gesicht. Ich drückte Yoki den Queue in die Hand und ließ sie am Billardtisch zurück. Meine aufgewühlten Gefühle sagten mir, dass ich ganz dringend an die frische Lust musste. In letzter Zeit war ich wirklich ziemlich oft so durch den Wind.

Auf einmal kam es mir in der kleinen Kneipe furchtbar stickig und viel zu eng vor. Dumpf drangen mir die Töne eines bekannten Rockklassikers ans Ohr. Mein Kopf war allerdings so benebelt, dass ich das Lied nicht mal richtig identifizieren konnte. Ich musste mich regelrecht zu meinen Freunden durchzwängen, weil es inzwischen so voll geworden war. Nur am Rande nahm ich war, dass inzwischen Jen und natürlich Begleitung eingetrudelt war, als ich mir meine Jacke und Tasche von der Couch schnappte.

„Hey Rika, gehst du schon?" Kazu klang enttäuscht, während er mir dabei zusah, wie ich mir meine schwarze Lederjacke überwarf.

„Nein, ich will nur kurz an die frische Luft", entgegnete ich knapp.

Erneut fing ich kurz Ryos Blick auf. Er wirkte besorgt, sagte jedoch nichts. Ich ging Richtung Ausgang. Aus einem mir unbekannten Grund blieb ich kurz vor der Tür stehen und ließ meine Augen noch einmal zu Ryo zurück wandern. Er war nun ebenfalls aufgestanden und eine Sekunde später kam Yoki auf ihn zu. An der Art wie er sie anlächelte, erkannte ich, dass er gerade einen neckischen Spruch über die Lippen gebracht hatte. Ryo drückte ihr einen liebevollen Kuss auf die Stirn und ich drehte mich wieder um, um die Kneipe zu verlassen.

Wann hatte ich nur übersehen darauf zu achten, dass ich mein Herz niemals in Ryos Hände gab? Wie hatte nur ausgerechnet mir diese triviale Fehler passieren können?

Immerhin war es doch so schlecht bei ihm aufgehoben.


Ich fühlte mich hundeelend, als ich mich weit weg von den anderen Rauchern mit dem Rücken gegen die kühle Mauer der Kneipe lehnte und den Rauch meiner Zigarette genüsslich in die Luft blies. Am liebsten wäre ich einfach nach Hause gefahren. Gefühlsmäßig brachten mich eigentlich keine zehn Pferde wieder in diesen Laden, dennoch hielt es mich davon ab, dass es Kazus letzter Abend war. Unfassbar, dass ich mal etwas ihm zu liebe tat. Meine Nettigkeit musste wohl immer noch darauf beruhen, dass ich ein schlechtes Gewissen wegen seines indirekten Liebesgeständnisses und meiner Nichterwiderung seiner Gefühle hatte. Mit geschlossenen Augen stieß ich erneut eine Rauchwolke aus. Wenn Kazu wüsste, wie viel er aus diesem Grund bei mir gut hatte.

„Du rauchst?"

Ryo.

Seine dunkle und angenehme Stimme erkannte ich jederzeit wieder. Sie jagte mir einen wohltuenden Schauer über den Rücken.

Überrascht öffnete ich meine Augen und drehte meinen Kopf in seine Richtung. Mich überraschte ebenfalls, wie nah er bereits bei mir stand und, dass ich somit sein Kommen nicht bemerkt hatte. Er hatte rechten Arm gegen die Mauer gestemmt und lehnte das Gewicht seines Körpers dagegen, während seine blauen Augen mich aufmerksam und auch besorgt musterten. Nicht mal eine weitere Person hatte gerade in unserem Abstand zueinander Platz. Das letzte Mal, als wir uns ansatzweise so nahe waren, war an diesem verfluchten Tag vor einer Woche im Regen gewesen. Ich wollte ihn nicht so nah bei mir haben, allerdings war mein Körper zu schwach um den Befehl meines Gehirns auszuführen und daran etwas zu ändern. Ich konnte stattdessen nur wieder meinen Kopf wegdrehen und starrte mit leerer Miene geradeaus.

„Blöde Angewohnheit, wenn ich etwas getrunken haben", erwiderte ich.

„Du hast wahrscheinlich nicht mal die Hälfte deines Biers getrunken", sagte Ryo.

Ein schwaches Lächeln stahl sich über mein Gesicht. „Ich wusste ja nicht, dass mein Alkoholkonsum so sehr beobachtet wird. Meine Mutter wäre stolz auf dich."

Ryo seufzte. Er lehnte sich nun auch mit dem Rücken komplett gegen die Wand. „Bekomme ich auch eine?", fragte er schließlich und deutete auf meine Zigarette.

„Du rauchst?"

„Blöde Angewohnheit, wenn ich mit hübschen Frauen ins Gespräch kommen möchte."

Für seinen idiotischen Witz hatte ich erneut nur ein müdes Lächeln übrig. Ich stieß mich von der Wand ab, griff in die Innenseite meiner Tasche, fischte nach der Zigarettenschachtel und reichte ihn einen der Glimmstängel, den ich zuvor mit meiner Zigarette angezündet hatte.

Nachdenklich sah ich dabei zu wie Ryo ebenfalls die Augen schloss, als er einen tiefen Atemzug nahm und den Rauch in die Luft blies. Nachdem er bemerkte, dass ich ihn fixierte, öffnete er wieder seine Augen und erwiderte meinen Blick.

„Warum bist du hier?", wollte ich wissen.

„Ich weiß es nicht." Ryo streckte seine andere freie Hand nach mir aus und versuchte mir über die Wange zu streichen. Eher er mich allerdings erreichen konnte, wich ich zurück. Skeptisch legten sich Falten über seine Stirn. Plötzlich griff er nach meiner Hand, zog mich hart zu sich und presste meinen Körper gegen die Wand. Er war so dicht an mich gedrängt, dass nicht mal mehr ein Blatt Papier zwischen uns gepasst hatte.

Am liebsten hätte ich ihn sofort wütend von mir gestoßen. Da sich mein Körper aber auch so sehr nach ihm sehnte, war ich zu schwach, um meine Wut meiner Sehnsucht Überhand gewinnen zu lassen. Ich ließ meine Zigarette zu Boden fallen, während sein Knie mich dazu zwang, dass ich die meine Beine für ihn spreizte. Er warf ebenfalls seine Zigarette weg und verharrte mit seinem Gesicht Stirn an Stirn mit dem meinigen. Entweder hatte ich ein Deja-Vu oder dieser Moment passierte tatsächlich erneut.

„Weißt du eigentlich was du da tust?" Ich taxierte Ryo mit einem herausfordernden Blick und war selbst erstaunt, wie ich dabei nur so ruhig bleiben konnte, während mein Herz so schnell und laut schlug, dass es mir bereits in den Ohren dröhnte. Am liebsten wäre es mir gewesen, er würde mich gleich hier und jetzt nehmen. Ich war dankbar, dass wir uns immer noch vor dem Mets und somit in der Öffentlichkeit befanden, sonst hätte ich nicht gewusst, wie ich meine Gefühle hätte zügeln können.

„Nein", wisperte Ryo. Er wirkte traurig, so verdammt traurig, dass ich zum ersten Mal den Eindruck hatte, ich könnte nachvollziehen, wie er sich gerade fühlte. „Ich will dich. Du weißt gar nicht wie sehr."

„Oh doch."

Entschlossen schlang ich meinen Arm um Ryos Hals und drückte sein Gesicht an meines. Als sich unsere Lippen trafen, bereute ich es sofort. Die Tatsache, dass es jedoch so falsch war und wir mit unseren Küssen etwas Verbotenes taten, ließ mich Ryo nur noch mehr begehren. Egal wie sehr Yoki auch sein perfektes Gegenstück sein mochte, in diesem Moment spürte ich ganz klar, dass es perfekter als zwischen uns nicht ging. Nur er brachte mein Herz so schnell zum Schlagen, nur er ließ meinen Körper so erzittern, nur er erweckte in mir so sehr den Wunsch danach, dass er mich endlich überall berührte und ich mich mit ein paar Küssen nicht mehr zufrieden gab – und nur mit ihm wollte ich wirklich bis zum Äußersten gehen.

Vollkommen außer Atmen trennten sich unsere Lippen wieder voneinander. Ryo wirkte mitgenommen und etwas geschockt und wieder konnte ich es ihm gut nachempfinden, denn mir ging es ähnlich. Erneut kam mir der Moment, den wir soeben miteinander geteilt hatten, so magisch vor, wie ich es bisher mit meinem anderen Mann erlebt hatte. Wer hätte jemals geglaubt, dass ich Ryo Akiyama sexuell begehren und mich sogar in ihn verlieben würde?

„Yoki hat mich gefragt, warum wir uns so ansehen", flüsterte ich. „Warum siehst du mich also so an, Ryo?"

„Ich glaube, dass das daran liegt, dass ich wieder dabei bin, mich in dich zu verlieben."


Fortsetzung folgt …