Blutiges Handwerk

9

Nervös

Die Dinge, die wir am meisten fürchten, sind uns bereits widerfahren."

[One Hour Photo]

Das Wochenende stellte sich nicht als halb so erholsam heraus, wie ich es mir nach Wochen anstrengender Schichten in der ambulanten Aufnahme vorgestellt hatte. Es ereignete sich zwar nichts an den beiden Tagen nach dem nächtlichen Besuch des Jokers, aber um meine innere Ruhe, die eine meiner größten Stärken war und mir in schwierigen Situationen dabei half, Oberwasser zu behalten, war es endgültig geschehen. Hätte ich mich nach der ersten Begegnung mit dem Joker als paranoid diagnostiziert, hätte ich ein neues, weitaus extremeres Wort erfinden müssen, um meinen Zustand nach der unheilvollen Ansage dieses verrückten Zirkusclowns umschreiben zu können. Jamie bekam das am deutlichsten zu spüren. Obwohl der Spätsommer in Gotham City in Rekordhitze kulminierte und die bleierne Schwere unerträglich hoher Temperaturen in den Gassen stand, jede Bewegung zu einem Kraftakt machte, erlaubte ich es Jamie nicht, vor die Tür zu gehen, als zwei seiner Freunde klingeln kamen, um ihn auf den Baseballtrainingsplatz zu schleifen. Mein Sohn reagierte natürlich alles andere als erfreut, als ich ihm dieses Verbot ausstellte, und bedankte sich dafür bei mir mit ausgesprochener Bockigkeit. Er schien die Ereignisse des Vortages erstaunlich schnell verkraftet zu haben. Warum auch nicht, ich hatte ihm schließlich eingebläut, dass alles in Ordnung war, hatte ihn belogen, um ihn nicht zu verängstigen. Demnach hatte ich damit rechnen müssen, dass er mit kindlicher Sorglosigkeit die letzte Woche seiner Sommerferien genießen wollte, ehe der stressige Schulalltag wieder die Oberhand gewinnen und sein größtes Hobby in den Schatten stellen würde.

„Ich hab die ganzen letzten Wochen nicht trainieren können...", beschwerte sich mein Sohn lautstark, während ich den Geschirrspüler leerte. „Jamie, du bist noch nicht wieder fit. Solange du die Halskrause tragen musst, machst du keinen Sport mit. Erstrecht nicht bei dieser Hitze!" Ich schob die Tür des Geschirrspülers zu und drehte mich zu Jamie um, der mich mit zusammengepressten Lippen anstarrte.

„Ich werfe doch nur. Das ist nicht so anstrengend!", versuchte er mich zu überzeugen, aber ich hatte oft genug bei seinem Training zugesehen, um zu wissen, dass er natürlich auch ans Schlagmal musste. „Jamie, akzeptiere es. Wenn du gesund bist, darfst du gern wieder spielen gehen, aber bis dahin bleibst du hier." Er schnaufte, machte auf dem Absatz kehrt und stapfte in den Flur, ich hörte ihn noch murren: „Der Trainer setzt mich auf die Bank, wenn ich so lange nicht zum Training gehe! Das ist unfair!"

Ich sah ihm hinterher und schluckte. Meine Bedenken wegen seiner angeschlagenen Gesundheit waren nur die halbe Wahrheit für meine Entscheidung gewesen, ihn in der Wohnung zu behalten. Die Drohung des Jokers, Jamie etwas anzutun, wenn ich mich nicht bereiterklärte, für ihn zu arbeiten, prangte die ganze Zeit über in meinem Hinterkopf. Die Karte, die er zurückgelassen hatte, lag in meinem Nachttisch wie ein unheilvolles Omen. Der Joker hatte eindrucksvoll bewiesen, dass mein eigenes Apartment kein sicherer Zufluchtsort war, aber dennoch fühlte ich mich hier drinnen sicherer als draußen auf der Straße. Hier hatte ich den Überblick, hier kannte ich mich aus. In Menschenmengen in der Öffentlichkeit bestand die eindeutige Gefahr, dass er aus dem Hinterhalt angriff, dass sich ein Schuss löste oder er in ein vorbeifahrendes Auto gezerrt werden konnte. Meine ausgewachsene Angst entwickelte sich zu einer besonderen Geduldsprobe für Jamie, der einen ausgesprochen ausgeprägten Bewegungsdrang hatte und diesen liebend gern auslebte. Er lag mir das ganze Wochenende in den Ohren, ob wir nicht wenigstens in den Park oder schwimmen gehen könnten, und immer wieder fand ich neue Ausreden, um das Haus nicht verlassen zu müssen. Als ich ihm am Sonntagabend eröffnete, dass ich ihn die kommende Woche mit ins Krankenhaus nehmen würde, war sein Maß gestrichen voll.

„Im Krankenhaus ist es langweilig! Warum kann ich nicht zu Grandma?", maulte er, als er die Ärmchen vor der noch schmalen Brust verschränkt in seinem Bett lag und die Neuigkeit zu verdauen versuchte. „Weil Grandma keine Zeit hat", log ich. Ich hatte Thelma nicht einmal gefragt, für mich stand fest, dass diese hinterhältige Giftspritze meinen Sohn so schnell nicht wieder zu Gesicht bekommen würde, nicht, nachdem sie mein Vertrauen dermaßen missbraucht hatte. „Was soll ich denn den ganzen Tag da machen? Das ist voll öde! Kann ich nicht hier bleiben?" Jamie war schon mehrere Male allein daheim geblieben, aus dem Alter, in dem er permanent einen Babysitter brauchte, war er heraus. Aber ich hatte natürlich meine Gründe, warum ich ihn nicht hier zurücklassen wollte. Allein hätte er hier wie auf dem Präsentierteller gesessen. Ich wusste noch nicht, wie es meine Kollegen und insbesondere Ekelpaket Woods auffassen würden, dass ich mein Kind mit zur Arbeit nahm, aber vorübergehend musste es so funktionieren. Wenn er wieder zur Schule musste, konnte ich erstrecht nicht mehr für seinen Schutz garantieren, aber solange es in meiner Macht stand, würde ich dafür sorgen, dass es ihm gut ging.

„Ich bin sicher, Randy wird mit Freuden mit dir über die Goliaths philosophieren." Jamie quittierte das mit widerwilligem Murren, aus dem ich ein: „Der muss ja auch arbeiten" heraushörte. „Nimm es nicht so schwer. Es ist nur für fünf Tage. Wir haben auch einen kleinen Vorplatz, auf dem du ein paar Körbe werfen kannst, wenn jemand dabei ist", versuchte ich ihm die Aussicht auf die kommende Woche zu versüßen. „Basketball ist was für Weicheier", wehrte er meinen Versuch knurrend ab und fügte sich seinem Schicksal.

In den nächsten Tagen begleitete er mich notgedrungen ins Krankenhaus, wo ich ihn zu seinem noch größeren Missfallen in der Pädiatrie ablieferte, wo Eltern auch die Möglichkeit hatten, ihre Kinder für die Dauer ihres Besuchs mehrere Stunden in die Betreuung der krippeartigen Einrichtung zu geben. „Das ist was für Babys, Mom, kann ich dir nicht helfen?", beschwerte er sich schon am Dienstagmorgen, was mich wenig optimistisch für den Rest der Woche stimmte. „Das geht nicht, Schatz, ich muss Patienten behandeln, da kannst du nicht daneben stehen und zusehen...du kannst deine Comics von daheim mitnehmen...und deine freie Zeit dazu nutzen, deine Schulsachen auf Vollständigkeit zu überprüfen", schlug ich ihm vage vor, genau wissend, dass das nicht gerade die traumhafteste Beschäftigung für ein Schulkind war, das Ferien hatte.

Obwohl ich Jamie in der Pädiatrie in Sicherheit wusste, arbeitete ich zunehmend unkonzentriert und nervös, war schreckhaft und behielt die Zeiger der Uhr permanent im Auge, in der Hoffnung, meine Schicht würde schnell genug vorbei sein, damit ich wieder zu meinem Sohn konnte. Die Bemerkungen meiner Kollegen, die ich ohnehin immer geflissentlich übergangen war, nahm ich gar nicht erst mehr richtig wahr. Ständig gingen mir die Worte des Jokers durch den Kopf, die deutliche Drohung, die er mir gegenüber geäußert hatte. Ich durfte mich niemandem anvertrauen; nicht, wenn ich nicht wollte, dass meinem Sohn Schreckliches zustieß. Dass er dazu in der Lage war, es vermutlich noch genossen hätte, stand außer Frage.

Den ganzen Tag über ging ich gedanklich die Optionen durch, die mir blieben. Ich hätte Jamie schnappen und mit ihm die Stadt, am besten noch den Bundesstaat verlassen können, doch was dann? Wer versicherte mir, dass der Joker nicht Mittel und Wege finden würde, mich aufzuspüren? Wo hätte ich hinfahren sollen? Jamie unterlag der Schulpflicht, ich konnte ihn nicht einfach so mitnehmen. Abgesehen davon hatte mir Detective Munroe klipp und klar vermittelt, dass ich die Stadt nicht verlassen sollte, solange der Joker noch nicht in polizeilichem Gewahrsam war. Es war eine Sache, den Joker auf den Fersen zu haben, aber Ärger mit der Polizei wollte ich mir wirklich nicht einhandeln. Ich überlegte, ob ich mich einfach an die Cops wenden sollte, hätte dadurch aber das Wort gebrochen, das ich dem Joker um die Sicherheit meines Sohnes willen gegeben hatte. Es gab niemanden, der mir helfen konnte, niemanden, dem ich auch nur ein Sterbenswörtchen anvertrauen konnte. Nicht einmal Jamie selbst, den es betraf.

„...essen?", drang Karens Stimme an mein Ohr, als ich gerade eine Infusion legte. Ambulanter Dienst und Schwesternarbeit war das, womit ich mich wohl noch eine Woche herumschlagen müssen würde, ehe ich wieder fit genug war, um zu operieren. Sofern mich Woods das auch tun ließ. „Hm?", fragte ich verwirrt und schenkte Karen einen fragenden Blick. „Ob du mit mir essen gehst", wiederholte die blonde Internistin mit gerunzelter Stirn. Ich blinzelte und schaute auf die Uhr, rieb mir dann fahrig über die Stirn und murmelte: „Ja, wenn es dich nicht stört, dass ich Jamie mitnehme?" Ich widmete mich dem Tropf und klopfte leicht gegen den Plastikbeutel, der die Infusionsflüssigkeit barg, um dessen Durchlässigkeit und Dosierung zu überprüfen.

„Nein, kein Problem...", sagte Karen in einem Tonfall, der vermuten ließ, dass sie noch etwas zu sagen hatte. „El, ist alles in Ordnung?" Ich hob den Blick von dem Krankenblatt der Patientin und sah meine Kollegin flüchtig an. „Hm? Ja...ja, geht schon..."

Karen verschränkte die Arme vor der flachen Brust, ihr dunkelblauer Overall war durchgeschwitzt, Teile der Klimaanlage waren am Montag ausgefallen. „Du bist nicht gerade für deine Gesprächigkeit bekannt, soviel weiß ich, aber du bist seit Tagen extrem kurz angebunden. Hab ich dir irgendwas getan?" Ich schenkte ihr nur einen unsicheren Blick, entgegnete aber nichts, sodass sie mir das Krankenblatt aus der Hand nahm und auf den Beistelltisch legte, um mich daraufhin am Arm zu packen und mit sich außer Hörweite der Patientin zu ziehen. „Ok, was ist los? Ist es immer noch, weil du glaubst, ich hätte mich an die Presse gewandt und es breit getratscht?", stellte sie mich auf dem Flur zur Rede, aber leise genug, dass es nicht alle umliegenden Leute mitbekamen. „Nein", seufzte ich und wollte mich schon zum Gehen abwenden, als mich Karen an meinem verletzten Arm zurückhielt, was ich mit einem erschrockenen Aufschrei und sie mit gleichfalls überraschtem Zusammenzucken quittierten.

„El, entschuldige, ich...", sie brach ab, sah mich durchdringend mit ihren hübschen blauen Augen an, „...du wirkst irgendwie so, als wärst du nicht ganz bei dir." Prüfend musterte sie mich und hakte dann leise nach: „Nimmst du immer noch die Tabletten, die ich dir verschrieben hab?" Ich hob die Brauen und lachte kurz auf. Es war ein sehr humorloser, seltsam künstlicher Klang. „Ich bitte dich, Karen, hältst du mich jetzt für tablettensüchtig? Ich kann dich beruhigen, ich nehme die Dinger seit letzter Woche nicht mehr." Das war nicht ganz richtig. Ich hatte am Wochenende mehrere Pillen eingeworfen, um wenigstens ein wenig schlafen zu können, mit eher spärlichem Erfolg, weswegen ich sie dann wieder abgesetzt hatte.

„Du bist wirklich merkwürdig. Wortkarg, schreckhaft. Du bist leichenblass und wirkst...nervös. Schleppst Jamie mit zur Arbeit...rennst in jeder deiner Pausen in die Pädiatrie, um nach ihm zu sehen...was ist denn nur los? Ich mache mir Sorgen!" Ich wich ihrem Blick aus, befeuchtete meine spröden Lippen und sagte leise: „Ich bin nur ein wenig...überfordert..." Ein wenig war die Untertreibung des Jahrhunderts und Karen schien das ähnlich zu sehen.

Sie ahnte, dass sie aus mir nicht viel herausbekommen würde, und wandte sich schon zum Gehen um, als ich sie zurückhielt: „Karen?" Ihr dünnes blondes Haar trug sie zu einem kleinen Knoten auf dem Hinterkopf geschnürt, ein paar einzelne, lose Strähnen, die ihr in die Stirn fielen, klebten an ihrer sanft gebräunten, schweißbedeckten Stirn. Sie sah über die Schulter zu mir zurück, ich schlug kurz die Augen nieder und suchte nach den richtigen Worten, bis ich in gedämpftem Tonfall fortfuhr: „Warst du schon mal in einer Situation, die dir ausweglos erschienen ist? In der du...", ich stockte, atmete zittrig aus, „...nur die Wahl zwischen zwei Übeln hattest?" Sie sah mich durchdringend an, legte den Kopf leicht schief und rieb sich über die Arme, sagte aber immer noch nichts. „Eine...Situation, die von dir abverlangt hat, etwas zu tun, was du dir nie hättest vorstellen können? Aber du wusstest im Grunde, dass du es trotzdem tun musst, weil es sonst...", ich kämpfte gegen Tränen und konnte zumindest hier den Erfolg verzeichnen, die Kontrolle zu bewahren, „...weil es sonst Konsequenzen für dich und andere haben würde?"

Karen hatte die Stirn gerunzelt, eine senkrechte Linie verlief von ihrem Nasenrücken bis zu ihrem Haaransatz, während sie langsame Schritte auf mich zumachte. „Steckst du in Schwierigkeiten?", fragte sie.

Ich strich mir durch das lange Haar, band es zum unzähligsten Mal an diesem Tag zu einem flüchtigen Zopf zusammen, stemmte dann die Arme in die Seiten und seufzte schwer. „Ja...so in der Art."

Ich schaute auf meine Füße, die in jenen weißen Krankenhauslatschen steckten, die ich an dem Abend meiner Entführung durch den Joker getragen hatte. An ihnen klebten blasse Rückstände meines eigenen Blutes, eine Besitzkennzeichnung, die keines Namensschildes bedurfte.

„El, du musst schon konkreter werden...ist es wegen Michael? Machst du dir Sorgen, wie es wird, wenn er wieder aus dem Koma geholt wird? Ist es wegen des Sorgerechts?" Ich schaute Karen in die Augen und schrammte nur haarscharf daran vorbei, ihr die ganze Wahrheit brühwarm aufzutischen. Es war ein unbändiger Drang, ein heftiger Impuls, dem ich beinahe erlag, was fatale Folgen gehabt hätte. Für Jamie, für mich, aber auch für sie, in diesem Punkt war ich mir sicher.

„Ja", atmete ich schwer aus, es hörte sich nicht einmal wie eine Lüge an. Je mehr ich dazu genötigt war, die Wahrheit zu vertuschen, desto besser wurde ich darin. Eine zweifelhafte Leistung.

Karen entspannte sich ein wenig, schien fast damit gerechnet zu haben, dass es etwas anderes, etwas Schwerwiegenderes war, das mir auf der Seele lastete. Sie strich mir freundschaftlich über den Arm und lächelte mir aufmunternd zu: „Ich bin mir sicher, ihr könnt euch einigen, du und Michael. Ihr wollt beide nur das Beste für Jamie und er braucht euch beide." Ich nickte, drohte gedanklich schon wieder abzudriften. Ich schenkte ihr ein schwaches Lächeln und murmelte: „Ich hab nur Angst, dass er mir weggenommen wird." Meine Worte bezogen sich nicht auf das Sorgerecht, aber das konnte Karen nicht ahnen. „Das wird er nicht. Michael hat einen Fehler gemacht, als er Jamie ohne dein Wissen aus der Stadt bringen wollte...aber er würde ihn dir niemals einfach so wegnehmen. Allein, weil er weiß, wie sehr Jamie an dir hängt." Meine Augen brannten und ich zitterte, weil es mich immense Kraft kostete, die Tränen zurückzuhalten. Ich brachte einen zuversichtlichen und dankbaren Blick zustande, woraufhin mir Karen die Hand auf den Rücken legte und sagte: „Und jetzt komm, wir holen Jamie und dann essen wir einen Happen. Du siehst aus, als hättest du das viel zu lange schon nicht mehr getan." Karen verstand es, wohlgemeinte Kritik so zu verpacken, dass sie einem gar nicht mehr wie Kritik vorkam. Auch wenn sie nicht die wahren Umstände meiner Sorgen kannte, hatten mir ihre Worte ein bisschen Zuversicht und Kraft gegeben.

Lange hielt diese Erleichterung jedoch nicht an. Genau genommen schwang sie in blanke Panik um, als ich in den Besucherbetreuungstrakt der Pädiatrie einbog und keine Spur von Jamie zu sehen war. Die Aufseherin war gerade in regen Tratsch mit der Stationsschwester vertieft, als ich durch jeden Raum stapfte und vergebens nach Jamie rief. Keine Reaktion. Ich konnte regelrecht fühlen, wie jegliche Farbe aus meinem Gesicht wich, als mich kalte Angst packte.

Karen, die im Flur auf mich wartete, sah mich besorgt an, als ich auf den Korridor hinaustrat und laut den Namen meines Sohnes ausrief, mich panisch umschaute und sie gar nicht mehr wahrnahm. „Elena, was ist los, zum Teufel?" Sie sah mich mit einem Ausdruck in den Augen an, der mir vermittelte, dass sie mich nicht wieder erkannte. Da waren wir schon mal zwei. „Jamie ist nicht hier. Ich hab ihm gesagt, ich hole ihn zum Mittagessen ab, aber er ist nicht da..." Ich vergrub beide Hände krampfartig in meinen Haaren und eilte zu der Aufseherin zurück, gab einen Scheißdreck darauf, dass ich sie bei ihrem vormittäglichen Geschwätz störte. „Mein Sohn!", blaffte ich sie an, „Wo ist mein Sohn? Ich hab ihn in Ihre Obhut übergeben und ausdrücklich gesagt, dass Sie auf ihn Acht geben sollen!"

Die junge Frau, deren Haut schwärzer als mein morgendlicher Kaffee war, musterte mich überrascht und sagte: „Aber er ist doch hier...er..." Sie folgte ihrem Fingerzeig mit den großen runden Augen und erstarrte, als sie nichts als eine verlassene Sitzecke dort vorfand, wo sie meinen Sohn vermutet hatte. „Bis eben war er noch da!", sagte sie überrascht. Unbändige Wut kochte in mir hoch und vermengte sich zu einem kuriosen Cocktail mit meiner eisgekühlten Angst. „Ja. Bis eben! Sehen Sie ihn vielleicht irgendwo?!"

„El...", Karen, die mittlerweile hinter mich getreten war, legte besänftigend die Hand auf meine Schulter, doch ich schüttelte sie ab wie ein lästiges Insekt. „Es tut mir leid, Dr. Clementine, er hat die ganze Zeit über da gesessen und gelesen, ich hab nur einen Moment nicht aufgepasst." Hin und her gerissen zwischen panischer Angst und außer Kontrolle geratender Wut, schrie ich sie so laut an, dass sich einige Leute auf dem mehrere Meter entfernten Flur verdutzt umsahen: „Es ist Ihr beschissener Job, aufzupassen! Wenn meinem Sohn irgendetwas passiert ist, sorge ich persönlich dafür, dass Sie eine Klage wegen verletzter Aufsichtspflicht an den Hals bekommen!"

Ich erkannte mich selbst nicht wieder. Ich konnte manchmal aufbrausend sein, wenn ich überlastet war, aber ich hatte noch nie das Gefühl gehabt, dass mir der Halt völlig entglitt, dass ich hilflos in unbekanntem und gefährlichem Gewässer trieb und immer tiefer in einen tödlichen Strudel gelangte, je mehr ich mich von mir selbst entfernte.

Die junge Frau erschien mir schlagartig eine Kontur bleicher, sofern man ihr das überhaupt ansehen konnte, und stammelte: „Ich...es tut mir leid, ich...ich lass ihn sofort ausrufen!"

„Ich bitte darum!", funkelte ich sie an und stampfte mit zu Fäusten geballten Händen den Flur hinab, rief immer wieder Jamies Namen und sah mich um, ob ich einen kleinen Jungen mit schwarzen Haaren und Halskrause erspähte. Karen eilte mir hinterher, hatte sichtlich Mühe, mit mir Schritt zu halten. „Elena! Elena, jetzt warte doch mal, verdammte Scheiße!" Ein kleines Mädchen, das mit Gipsbein in einem Rollstuhl saß und von einem Pfleger zu ihrer nächsten Behandlung geschoben wurde, kicherte vergnügt ob Karens Wortwahl und wiederholte beschwingt: „Verdammte Scheiße!" Ich aber war zu aufgebracht, um mich darüber amüsieren zu können.

Vor meinem inneren Auge sah ich entsetzliche Bilder, sah Jamie blutüberströmt mit aufgeschlitzter Kehle in einem Hinterhof liegen, sah ein Glasgow-Lächeln auf seinen weichen, kindlichen Zügen prangen, ein Messer aus seiner Brust ragen, an das eine Jokerkarte geheftet war. Von blankem Terror erfüllt, nicht länger Herrin meiner Sinne, rannte ich durch die Gänge, schrie in jedes Kranken- und Behandlungszimmer Jamies Namen, mit jedem Mal verzweifelter, wenn die gewünschte Antwort, der Klang seiner Stimme ausblieb. Alle, die mir begegneten, drehten sich verwirrt zu mir um, alle, die ich versehentlich anstieß, bedachte mich mit einem genölten „Hey!", aber ich reagierte nicht.

Der Schatten der Panik legte sich über mein Bewusstsein, blendete alles und jeden aus, selbst Dr. Woods, der mein Erscheinungsbild mit den Worten: „Clementine, die Psychiatrie befindet sich im Westflügel!" kommentierte.

Ich rannte in das Treppenhaus, weil es entsetzlich viel Zeit kostete, auf den verdammten Fahrstuhl zu warten, schlug Karen, die mir auf den Fersen blieb, beinahe die Tür ins Gesicht und merkte erst durch den warmen Luftzug, der durch die offenen Fenster des Treppenhauses glitt, dass mein Gesicht tränenüberströmt war.

„Jamie!", schrie ich gellend, so oft, laut und anhaltend, dass ich unter Garantie am nächsten Tag mit Heiserkeit aufwachen würde. Ich verschwendete keinen Gedanken daran, an ein Morgen zu denken. Wenn Jamie etwas zugestoßen war, wollte ich nie wieder aufwachen. Ich stürmte das Erdgeschoss, in dem die Notaufnahme, mein Revier lag, und brüllte wie am Spieß aus Leibeskräften den Namen meines Sohnes. Ich riss einen Wagen voller Verbandszeug um, den ein Pfleger gerade aus dem Lager geschoben hatte, um den Bestand der Station aufzustocken, rannte beinahe einen Patienten über den Haufen und drehte mich, an der Rezeption angelangt, unendlich oft im Kreis, schrie und weinte und hasste all die Menschen um mich herum dafür, dass sie nur dämlich glotzten, anstatt mir zu helfen.

Jamiiiiieeeee!", schrie ich, während sich immer mehr Leute zu kleinen Trauben um mich herum versammelten, um mich anzustarren, als hätte ich den Verstand verloren. Vielleicht hatte ich das auch, irgendwo auf dem schmalen Grat, der zwischen bloßer Sorge und Panik lag. „Jamie!", entwich es mir schwächer, mein Hals fühlte sich an, als wäre er mit einem Reibeisen bearbeitet worden. „Hilfe, wo ist mein Sohn? Helfen Sie mir, verdammt noch mal!"

Karen drängte sich an den Leuten vorbei, hatte mich schwer atmend eingeholt und den Arm in die Taille gestemmt, weil sie offenbar unter Seitenstechen litt. „Elena, um Gottes Willen, beruhige dich!", redete sie außer Atem auf mich ein, versuchte mich festzuhalten, als mein Blick suchend und hektisch durch die Menge glitt. „Lass mich, ich muss...Jamie, oh Gott, Jamie...", stammelte ich. So musste sich ein waschechter Nervenzusammenbruch anfühlen. Herzlichen Glückwunsch.

„Mommy?"

Fast glaubte ich, mir den Klang seiner Stimme nur eingebildet zu haben, fürchtete, es wäre nur meinem Wunschdenken entsprungen, ihn sprechen zu hören. Aber dann wirbelte ich herum und sah ihn neben der Rezeptionstheke stehen, aschfahl und mich mit geweiteten Augen musternd. „Jamie!", entwich es mir ein letztes Mal, aber nicht länger fragend, nicht länger suchend. Meine Knie drohten nachzugeben und meine Schritte nicht länger zu federn, die ich auf ihn zu machte. Ich sank vor ihm in die Knie und zog ihn an mich, vergrub meine Hände in seinem grasgrünen T-Shirt und spürte, wie die Erleichterung meine Panik nicht zurückdrängen konnte, noch immer hatte ich schreckliche Angst, noch immer diese Vision, wie er irgendwo im Rinnstein lag und verblutete, obwohl ich ihn gerade in meinen Armen hielt.

Die Notaufnahme, in der stets Hektik und Aufruhr herrschte, Telefone klingelten und Leute durcheinander redeten, war in absolute Stille getaucht, sodass man eine Stecknadel hätte fallen hören können.

„Mommy...ist was passiert?" Jamie klang verängstigt, während ich von ihm abließ und ihn mit funkelnden Augen ansah. So besorgt ich um ihn auch war, sosehr ich ihn auch liebte...in mir schäumte eine Wut, ein Temperament auf, das mich beinahe dazu verleitet hätte, ihm eine schallende Ohrfeige zu verpassen. „Warum zur Hölle warst du nicht auf der Kinderstation?" Meine Hände hatten sich fest genug um seine Arme geschlossen, dass es ihm wehtun musste. Als er nicht sofort antwortete, packte ich ihn fester und schüttelte ihn hart durch: „Rede!"

Karen trat an mich heran und wollte mich besänftigen, aber ich stieß sie unsanft von mir. Jamie sah mich erschrocken an, jetzt hatte er wirklich Angst. In letzter Zeit bekam er Seiten von mir zu sehen, die nicht nur ihm, sondern auch mir selbst bislang fremd gewesen waren. „Mir war langweilig und da wollte ich sehen, ob Randy..."

„Dir war langweilig?", polterte ich ihn an, worauf er zusammenzuckte. „Was hab ich dir gesagt, Jamie? Was hab ich dir gesagt?" Er wirkte verunsichert, seine hektisch flatternden Nasenflügel verliehen seinen hastigen Atemzügen Ausdruck, Tränen standen in seinen Augen. „Dass ich...dass ich da bleiben soll, bis du mich holen kommst!" Seine Stimme klang weinerlich, aber es erweckte kein Mitgefühl in mir, keine Reue über die Härte meiner Worte und meines Tonfalls. Ich selbst kämpfte gegen die hässlichsten Empfindungen an, die mich je ausgefüllt hatten, tastete verzweifelt nach meiner Selbstbeherrschung, nach Kontrolle, die ich irgendwo im Dunkeln verloren hatte. „Warum hast du das nicht getan? Ich hab dir gesagt, du sollst tun, was ich dir sage!!"

Mir waren die umstehenden Leute egal, auch das, was durch ihre Köpfe gehen musste bei dieser Szenerie, war mir völlig gleich. Ich hatte geglaubt, Jamie wäre in die Fänge dieses Wahnsinnigen geraten, schwebe in Lebensgefahr...dabei hatte er nur seinem kindlichen Trotz nachgegeben und sich meiner Aufforderung widersetzt.

„Elena, bitte entschuldigen Sie", hörte ich plötzlich eine Stimme, die mir vertraut vorkam, die ich allerdings nicht auf Anhieb einzuordnen vermochte. Nur widerwillig löste ich meinen ernsten, grimmigen Blick von meinem Sohn und sah in die Richtung, aus der ich die Stimme gehört hatte. Sie entstammte keinem anderen als Bruce Wayne, der unweit von Jamie stand und meinen Zusammenbruch aus nächster Nähe gesehen hatte. Was war er? Mein verlängerter Schatten? Was zum Teufel hatte er schon wieder hier zu suchen?

„Ich glaube, es ist meine Schuld...ich wollte Sie nur kurz besuchen wegen...", versuchte er die Wogen zu glätten. Ich behielt ihn direkt im Blick und erhob mich langsam, der türkise Stoff meiner Hose untermalte diese Bewegung mit einem dezenten Rascheln. „Sie! Halten Sie sich einfach da raus!", fuhr ich ihn an.

„Elena, bitte..."

„Ich kann mich nicht erinnern, Ihnen erlaubt zu haben, mich beim Vornamen zu nennen!", setzte ich fort und ließ ihn überrascht verstummen. Geschniegelt und gebügelt stand er da in seinem Armanianzug und hatte nicht den blassesten Schimmer davon, wie es mir erging und wie scheißegal es mir war, dass er, ein nicht unwichtiger Stifter des Krankenhauses, erneut zu Besuch gekommen war.

„Gut, Leute...die Theatervorstellung ist vorbei! Ihre Jacken finden Sie in der Garderobe...", tönte die schroffe Stimme von Dr. Woods durch das Foyer. Verspätet hatte er sich hierher gesellt und löste die spontane Versammlung durch lautes Klatschen nach und nach auf. „An die Arbeit...los...hier gibt's nichts mehr zu sehen!" Ich starrte Jamie finster an, der die Welt nicht mehr zu verstehen schien, als mich Woods' Hand an der Schulter packte und unsanft herumwirbelte: „Clementine, Sie und ich...da lang!" Seine kleinen grauen Augen bedachten mich mit einem besonders unfreundlichen, stechenden Blick, ehe er mich mit sich zog.

„Du bleibst hier! Verstanden?!", rief ich Jamie zu, der nur beklommen nickte, dann zerrte mich Woods grob mit sich, schob mich in die Vorratskammer, schloss die Jalousie und postierte sich rücklings zur Tür.

„So, jetzt reicht's mir aber mit Ihnen, Clementine! Das ist ein Krankenhaus und kein Spielplatz, auf dem Sie Ihre Launen austoben können!" Ich wollte mich an ihm vorbeischieben, hatte wirklich andere Sorgen als seine Standpauken, die nichts als Machtdemonstrationen waren. Er hielt mich zurück, packte mich fest genug, dass es blaue Flecke hinterlassen konnte. „Hier geblieben, Clementine, ich bin noch nicht fertig. Ich weiß nicht, was in Ihrem wirren Kopf vor sich geht, aber ich schau mir das nicht länger einfach so an. Wer hat Ihnen erlaubt, Ihren Sohn mit hierher zu bringen?" Ich reagierte nicht auf seine Frage, worauf er mich unsanft schüttelte. „Niemand!", brachte ich endlich hervor und sah ihm giftig in die Augen. Er schüchterte mich nicht ein, zu sehr war ich aufgebracht und wütend, um vor ihm zu kuschen. „Ganz recht, niemand. Weil es nicht erlaubt ist. Die Kinderbetreuung ist ausschließlich für Angehörige von Patienten eingerichtet. Würde jeder Mitarbeiter dieser Klinik sein Balg zur Arbeit schleppen, müssten wir einen unabhängigen Kindergarten aufmachen. Was sage ich immer?"

Ich schaute ihn unverwandt an, schluckte den Kloß in meinem Hals herunter. „Keine Ausnahmen."

Woods nickte knapp, die streifenförmigen Schatten der Jalousie fielen auf seinen haarlosen Schädel. „Wenigstens das haben Sie sich gemerkt!" Er musterte mich und schüttelte den Kopf, ehe er fortfuhr: „Klären Sie die privaten Probleme, die Sie offensichtlich haben, dort, wo sie hingehören – zu Hause! Und nicht hier. Bis auf weiteres sind Sie beurlaubt, bis Sie sich wieder im Griff haben. Hier will keiner von einer exzentrischen Furie behandelt werden!" Damit öffnete er die Tür des Vorratsraumes, vor dem sich einige neugierige Mithörer zu einem Lauschangriff versammelt hatten, bedachte diese noch mit einem: „Haben Sie nichts zu tun?", ehe er von dannen marschierte.

Ich blieb einen Moment lang gegen die Medikamentenregale gelehnt stehen, presste die vor der Brust verschränkten Arme so fest gegen meinen Leib, dass meine Muskeln vor Anstrengung zitterten. Die Tür fiel wieder knarrend ins Schloss, schenkte mir für wenige Sekunden einen Moment ausschließlich für mich. „Scheiße", flüsterte ich, wischte mir die trocknenden Tränen mit dem Handrücken aus dem Gesicht und straffte meine Gestalt. Das hatte ich davon. Zwangsurlaub, den ich dazu nutzen konnte, meinen Verfolgungswahn zu therapieren. Ich benötigte noch einige Sekunden, um Luft zu holen, ehe ich die Tür öffnete, um mich den Geistern, die ich gerufen hatte, zu stellen. Ich war nicht sehr überrascht, Karen auf dem Flur zu entdecken, die auf mich einreden wollte. Ich wehrte sie ab und sagte nur: „Karen...bitte...nicht jetzt...", bevor ich in die Umkleidekabinen abbog, um mich umzuziehen.

Ich zog mich um, wusch mich und bespritzte mein Gesicht mit kaltem Wasser, sah zum ersten Mal seit langem wieder länger in einen Spiegel. Es gab mittlerweile weitaus Schlimmeres, vor dem ich mich fürchten musste, als mein eigenes Spiegelbild. Ich verzog den Mund, atmete tief durch und betrachtete mich. Ich sah wirklich nicht gut aus. Bleich, mein Gesicht von Sorgenfalten und Augenringen durchzogen, die Augen offen, aber gleichzeitig nicht wach, weit, weit weg. Mein dunkles Haar, dessen krause Locken sich nicht bändigen lassen wollten, bildete einen schneidenden Kontrast zu meinem Teint, einem fast kränklich anmutenden Alabasterweiß. Die Ereignisse der vergangenen Tage hatten sichtbare Spuren hinterlassen. Und auch Karen hatte recht, ich wirkte etwas ausgezehrt, meine Wangenknochen leicht hohl. Unter normalen Umständen hätte ich einen Urlaub begrüßt, um meinen Akku wieder aufzuladen, wieder zu Kräften zu kommen und wieder einen klaren Durchblick zu erlangen, jetzt aber machte es mir Angst. Nach und nach entglitten mir alle Sicherheiten, die mein Leben zu bieten hatten. Erst meine Ehe, dann beinahe mein Sohn, jetzt vorübergehend mein Job...

Seufzend knallte ich die Tür meines Spindes zu, deren Innenseite mit Fotos von Jamie beklebt war. Jamie beim Baseball, Jamie am Strand, Jamie, der stolz die Angel seines Vaters in den Armen hielt. All diese Aufnahmen zeigten ein glückliches, strahlendes Kind und hatten beinahe gar keine Ähnlichkeit zu dem blassen Burschen in Halskrause, der vorhin wie ein Häufchen Elend vor mir gestanden und mit den Tränen gerungen hatte. Ich schnappte mir meine Tasche und verließ die Umkleideräumlichkeiten.

Ich wollte nach Hause, einfach nur weg von hier und hatte den Mann schon wieder vergessen, der versucht hatte, für meinen Sohn in die Bresche zu springen und dafür eine alles andere als feine Ansage meinerseits erhalten hatte. Umso mehr überraschte es mich, als ich Bruce Wayne erblickte, der die Hände in die Hosentaschen vergraben hatte und neben meinem Sohn stand, mit ihm plauderte, als wäre ich eben nicht wie eine Wetterhexe auf ihn zugestürmt und hätte ihn angeschrieen. Ich blieb zögerlich stehen, ehe ich direkte auf Jamie zukam und an ihn gewandt sagte: „Gehen wir."

Waynes Blick wich ich aus, teils aus Scham, teils aus Stolz, am meisten jedoch, weil ich einem Gespräch mit ihm aus dem Wege gehen wollte. Jamie sah unentschlossen zwischen ihm und mir hin und her, ehe er sich mir zögerlich anschloss. „Dr. Clementine...", ertönte die Stimme des reichsten Junggesellen Gothams kurz darauf neben mir. Er folgte uns durch die Tür der Notaufnahme hinaus in das brühende Sonnenlicht, das den Asphalt stark genug aufheizte, um seine oberste Schicht leicht zähflüssig werden zu lassen. „Hey...", er legte die Hand auf meine Schulter, eine Geste, die sich zu viele in zu kurzer Zeit erlaubt hatten. Ich wand mich unter ihm weg und sagte ohne ihn anzusehen: „Nehmen Sie's nicht persönlich, Mister Wayne, aber ich habe gerade andere Sorgen, als mich mit Ihnen zu unterhalten."

Noch etwas unfreundlicher trieb ich Jamie an: „Komm endlich. Trödel nicht so herum!"

Ich hatte geglaubt, ihn abgewimmelt zu haben, aber hinter all seinem Erfolg schien nicht nur Glück, sondern auch Hartnäckigkeit zu liegen. Er hatte mich schnell umrundet und stellte sich mir mitten in den Weg, spreizte leicht die Arme von sich und hob die Hände in einer beruhigenden Geste: „Ich werde Ihnen nicht auf die Nerven gehen", beteuerte er und lief noch im selben Moment in Gefahr, seinem Gelöbnis zu widersprechen. Ich wusste nicht, warum ich stehen blieb und nicht einfach weiter in Richtung Hochbahn ging, ich wusste gar nichts mehr.

„Irgendetwas stimmt nicht mit Ihnen und ich möchte Ihnen helfen...nichts weiter...ok?" Ich sah ihn verkniffen an und murmelte: „Sie können mir nicht helfen." Ich wollte mich an ihm vorbei drängen, Jamie wenn es sein musste an den Haaren hinter mir her schleifen, aber er stellte sich mir in den Weg. „Das Wetter ist so prächtig...warum gehen wir nicht in den Park und sehen, ob ich mich nicht vielleicht doch als nützlich erweisen kann? Außerdem wollte ich eigentlich über Samstag mit Ihnen sprechen."

Ich runzelte die Stirn. „Samstag?" Er nickte und schenkte mir ein paar Stichworte: „Baseball? Goliaths? Autogramme?" Ich legte den Kopf leicht in den Nacken, seufzte und wollte ablehnen, sah aber Jamie, der völlig verwirrt und ängstlich zu mir aufsah. Ich wollte nicht, dass er sich fürchten musste. Am wenigsten aber wollte ich, dass er sich vor mir fürchtete. Es kostete mich Überwindung, gerade weil die Emotionen, die in mir hoch gekocht waren und mich bis eben noch voll im Griff gehabt hatten, noch immer hohe Wellen schlugen, aber ich fand dennoch einen halbwegs gefassten Tonfall, als ich Jamie ansprach: „Was sagst du, Sportsfreund? Ein Eis im Park?" Er sah zu mir auf, schien unsicher zu sein, ob ich es ernst meinte und er es wagen durfte, das Angebot zu bejahen. Ich hatte ihm wirklich Angst eingejagt, mindestens ebenso heftig, wie mir der Gedanke das Fürchten gelehrt hatte, ihn vielleicht verloren zu haben. Jamie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, begnügte sich dann aber mit einem knappen Nicken.

„Wie kommt es, dass Sie Zeit haben, mich aufzusuchen? Haben Sie nicht irgendwelche Vorstandssitzungen oder anderweitig Arbeit zu erledigen?", fragte ich Wayne, als wir den Weg zum nahe gelegenen Stadtpark eingeschlagen hatten. Jamie lief schweigend an meiner Seite, hatte die Hände in die tiefen Taschen seiner knielangen Bermudas vergraben und hielt den Blick gesenkt, obwohl er bei der letzten Begegnung mit Bruce Wayne regelrecht aufgeblüht war. Es war nicht zu übersehen, dass ihm der Vorfall von eben zu schaffen machte.

Ich wurde von ihm abgelenkt, als Bruce neben mir leise zu lachen begann. „Elena, ich bitte Sie...ich...darf Sie doch wieder Elena nennen, oder nicht?" Er schenkte mir ein versöhnliches Lächeln und ich hasste mich dafür, dass ich errötete und nur ein leises „Ja" hervorbrachte.

„Ich bin Geschäftsmann. Ich lasse mein Geld für mich arbeiten." Wie hatte ich auch nur den absurden Gedanken hegen können, der Mann würde auch nur einen Finger für seine Milliarden krumm machen? Es war lächerlich. Ich arbeitete Tag und Nacht, oft Doppelschichten, sah mein Kind dadurch viel zu selten und hatte am Ende des Monats zwar genug, um mir eine ordentliche Wohnung einen schönen Urlaub zu leisten, aber die Einbußen, die ich bei meinem Privatleben dafür machen musste, waren enorm und wurden nicht durch mein Gehalt gerechtfertigt. Die Manager und Obersten des Krankenhauses saßen sich den lieben langen Tag die Ärsche breit, waren spätestens fünf Uhr nachmittags aus ihrem Büro verschwunden und erneuerten ihren Fuhrpark aus Luxuskarossen alle paar Wochen. Wir Chirurgen machten die Drecksarbeit, arbeiteten permanent am Limit und was war der Dank? Ab und an eine Prämie, aber zumeist ein Tritt in den Allerwertesten. Immer wenn ich Wayne sah, gab er mir das Gefühl, klein und unbedeutend zu sein. Ich hatte keine Minderwertigkeitskomplexe, aber Menschen wie er führten mir deutlich vor Augen, dass Gerechtigkeit in dieser Gesellschaft längst nicht mehr groß geschrieben wurde.

Bruce Wayne war zudem nicht der Typ, der sich in falscher Bescheidenheit übte. Man sah ihm an, dass er Geld hatte, er machte keinen Hehl daraus, es zu zeigen, immer stil- und geschmackvoll gekleidet, in einer Limousine unterwegs, die von seinem Butler gesteuert wurde...man konnte es ihm nicht zum Vorwurf machen, aber mir, der solche Dekadenz völlig fremd war, bereitete es Unbehagen.

„Ah ja...wie dumm von mir", entgegnete ich, nicht ohne eine Prise Sarkasmus in meine Stimme zu legen, die er jedoch entweder überging oder mit Humor nahm. Das Lächeln verharrte unentwegt auf seinen Zügen. Es schauten ihm so viele Leute auf unserem Weg zum Park hinterher, dass ich fast schon erwartete, dass jemand mit der Bitte nach einem Autogramm nach vorn treten würde.

„Äh...hören Sie, Mister Wayne...", hob ich an, doch kam nicht weit, als er mich korrigierte: „Bruce." Ich schenkte ihm einen skeptischen Seitenblick und blieb schließlich stehen. Sowohl Wayne als auch Jamie drehten sich fragend zu mir um. „Hören Sie...ich...", ich schüttelte den Kopf. Mir stand nicht der Sinn nach Small Talk. Ich war verwirrt und ausgelaugt, geschafft von meiner neuerlichen Panikattacke. „...ich verstehe nicht, was Sie wollen...was...das hier soll", ich hob meine Hand und ließ sie wieder fallen, sodass sie gegen meinen Oberschenkel schlug. Eine junge Frau auf Inlineskates fuhr an uns vorbei, der Duft ihres penetrant süßen Parfums lag noch mehrere Sekunden lang in der schweren, aufgeheizten Luft.

„Das habe ich Ihnen doch gesagt, ich wollte mit Ihnen über Samstag sprechen...", erinnerte mich Bruce, doch ich hob meine beiden Hände und runzelte die Stirn: „Ja, aber...warum? Warum tun Sie das alles? Warum haben Sie mich und Jamie vor dem Krankenhaus abgepasst und uns nach Hause gefahren? Warum...wollen Sie meinem Sohn ein solches Geschenk machen...und warum kommen Sie einfach in die Notaufnahme und wollen...wollen mit mir reden? Sie kennen mich überhaupt nicht! Wir...haben absolut nichts gemeinsam, ich verstehe Ihr Interesse nicht", sprach ich aus, was mir schon die ganze Zeit über auf der Zunge gelegen hatte.

Bruce antwortete nicht sofort, er musterte mich stattdessen eindringlich. Ich wollte nicht, dass es mich nervös machte, aber das tat es, gerade weil ich wusste, dass ich nicht gerade eine Schönheit war, wie jene Damen, in deren Begleitung sich Wayne sonst immer in der Öffentlichkeit zeigte. „Sie haben Recht", begann er und lächelte wieder, das strahlende Sonnenlicht verlieh seinem dichten braunen Haar vereinzelte bronzefarbene Akzente. „Ich kenne Sie nicht. Aber ich kann nur herausfinden, ob wir etwas gemeinsam haben, wenn ich Sie kennen lerne. Daher mein Interesse."

Ich kaufte es ihm nicht ab. Wieso sollte sich ein milliardenschwerer, gut aussehender junger Mann dazu herablassen, mit einer frustrierten, traumatisierten, frisch geschiedenen Mutter eines neunjährigen Jungen auf Tuchfühlung zu gehen? Die Vorstellung war einfach absurd, hätte sich nicht einmal als Märchen glaubwürdig verkauft. Der Prinz hatte sich schließlich erst in das Aschenbrödel verliebt, als es in prächtigen Gewändern auf dem königlichen Ball aufgetaucht war, nicht aber, als sie bis zu den Knien im Dreck gestanden und sich die Hände wund geschuftet hatte. Es wäre nicht nur schrecklich naiv, sondern auch dämlich gewesen, zu glauben, dass ich solchen Eindruck auf ihn gemacht hatte, dass er wirklich Zeit investieren wollte, sich mit mir auseinander zu setzen.

„Warum?", wiederholte ich ratlos, worauf Bruce zu meiner endgültigen Verwirrung auflachte. Er lachte mit dem Mund, aber nicht richtig mit den Augen. Er schien genug Übung darin zu haben. „Weil ich Sie mag, Elena. Können Sie sich damit abfinden?" Nein, das konnte ich nicht, zumal keine unserer bisherigen Begegnungen wirklich prickelnd gewesen war und ich wusste, dass ich nicht wie die liebreizendste Person auf der Welt auf ihn gewirkt haben musste. Ich traute ihm nicht so recht über den Weg, oder besser gesagt seinen Motiven. Ich hatte das Gefühl, dass er nicht mit offenen Karten spielte, nur wollte mir nicht klar werden, weswegen ich so empfand oder er Grund haben sollte, mich anzulügen. Nicht zuletzt seine Behauptung, sich die multiplen Verletzungen beim Polo zugezogen zu haben, ließ mich an seiner Aufrichtigkeit zweifeln.

„Mom, ich hab Hunger", unterbrach Jamie mit leiser Stimme unseren recht merkwürdigen Wortwechsel. In seinen braunen Augen lag noch immer eine gewisse Unsicherheit; mein barsches Auftreten im Metropolitan hatte Spuren hinterlassen. So schnell würde er es nicht vergessen und egal, wie ruhig ich ihn nach dem Besuch des Jokers in unserer Wohnung auch gestimmt haben mochte, er ahnte, dass da etwas ganz und gar nicht in Ordnung war und ich vielleicht doch nicht fähig sein würde, es zu regeln, wie ich es ihm versprochen hatte.

„Da vorn ist ein Sandwichstand...darf ich mir eins kaufen?" Ich nahm den kleinen Stand in Augenschein, den ich schon öfter hier im Park gesehen hatte, und ließ Jamie dann gewähren.

Ich sah ihm hinterher, als Bruce neben mir suggerierte: „Warum setzen wir uns nicht?" Er deutete auf eine schmale Bank, deren robuste Holzbalken stellenweise der Witterung zum Opfer gefallen waren. Unzählige Besucher hatten ihre Initialen oder Liebesbotschaften mit Messerspitzen eingraviert, schiefrig ragten feine Holzspäne zu allen Winkeln an deren Kanten hervor, begrüßten den nächsten Sitzgast auf recht eigentümliche und unsanfte Weise. Ich setzte mich hin und sah mich um, nahm jeden auch nur annähernd verdächtig wirkenden Besucher des Parks ins Visier. Ich rechnete nicht wirklich damit, dass uns hier jemand auflauerte. Ich hatte bis vor kurzem nicht gewusst, dass ich beurlaubt werden würde, wie hätte es der Joker in Erfahrung bringen können? Außerdem bezweifelte ich, dass er bei helllichtem Tage sein Unwesen treiben würde. Vielleicht setzte er seine Schergen auf mich und Jamie an, aber er selbst würde sich nicht die Hände schmutzig machen, zu riskant war es, aufgegriffen zu werden. Ich betrachtete Bruce aus dem Augenwinkel. Sein plötzliches Interesse an mir war erst geweckt worden, als an die Öffentlichkeit gekommen war, dass ich dem Joker über den Weg gelaufen war. Konnte es möglich sein, dass er...? Nein, das war absurd, ich musste aufhören, mich in Verschwörungstheorien zu verstricken. Reiche Leute neigten zwar dazu, schmutzige Geheimnisse zu hüten, aber so etwas traute ich Wayne nun auch wieder nicht zu.

„Sie sehen sehr erschöpft aus, Elena", merkte er an, worauf ich die Braue hob: „Man könnte meinen, Sie hätten eine gute Schule genossen, aber das Verteilen von Komplimenten müssen Sie noch üben." Er schenkte mir sein Höflichkeitslachen, womit er sicher auch die rar gesäten Scherze seiner Treuhänder auf seinen pompösen Galen abfertigte. Die kleinen Lachfältchen an seinen Mundwinkeln hingegen verliehen ihm einen fast jungenhaften Charme, der ihn etwas sympathischer wirken ließ. Dann jedoch trat der Ernst in seine Züge zurück: „Ehrlich gesagt mache ich mir Sorgen um Sie."

Ich sah ihn immer noch nicht direkt an. Er kam einfach dahergelaufen, mischte sich in meine Angelegenheiten ein, ohne mich überhaupt annähernd zu kennen. Ich entgegnete nichts, worauf er fortfuhr: „Sie haben vorhin wirklich aufgelöst gewirkt...und ängstlich."

„Mein Sohn ist entgegen meiner Anweisungen von der Kinderstation verschwunden, Eltern machen sich dann nun einmal Sorgen", wehrte ich ab. „Kinder sind Rebellen, das dürfte Ihnen doch nicht neu sein." Es fiel mir schwer, die Wut und Angst zurückzudrängen, die noch immer nicht ganz abgeklungen war. „Und Ihnen dürfte es nicht neu sein, dass Gotham nicht gerade das sicherste Pflaster ist!" Meine Stimme hatte ungewollt an Schärfe gewonnen, ich merkte, dass sich sogar Jamie, der auf die Zubereitung seines Mittagessens wartete, zu uns umdrehte, obwohl wir gute fünfzig Meter von ihm entfernt saßen. „Entschuldigung", räumte ich kurz darauf ein, beugte mich vor und lehnte mit der Stirn gegen meine Hände, „...ich mache eine nicht gerade einfache Zeit durch. Ich stecke mitten in der Scheidung von meinem Mann Michael..."

„Ich weiß." Diese beiden Worte sagte er mit solcher Selbstverständlichkeit und Gelassenheit, dass es mich aus der Bahn warf. Ich wandte ihm abrupt meinen Kopf zu, mein Mund öffnete sich fast reflexartig. „Wie bitte? Woher...?"

Bruce' Gesicht drückte vollkommene Ruhe aus. Das freundliche Lächeln lag noch immer auf den schmalen Lippen, auf seinen glatt rasierten, angenehm gebräunten Wangen tanzten die fleckigen Schatten im Wind wehender Blätter der zahlreichen Birken, die die Bank säumten. „Man hört so die ein oder andere Sache..." Ich gab ihm mit meinem Blick zu verstehen, dass ich mich mit dieser Antwort nicht zufrieden gab. „Haben Sie jetzt den Secret Service auf mich angesetzt?"

Lachende Kinder passierten uns und warfen sich unbeschwert einen Football zu. Sie genossen anscheinend die letzten Tage der ausklingenden Sommerferien, die von besonders schönem Wetter gesegnet waren.

„Soweit reichen meine Kontakte auch wieder nicht", kommentierte Wayne meine Vermutung, aber das wollte ich ihm nicht wirklich abkaufen. Ein Windstoß fuhr durch die langen, dünnen Zweige der Birken und entriss ihren Fängen loses und leicht verfärbtes Laub. Noch ein, zwei Monate und das satte Grün der Pflanzen würde den warmen Farben des Herbstes weichen. „Sie wissen doch, wie das ist...ich bin ein Geldgeber des Metropolitan Hospitals und ich will über Vorgänge in dem Krankenhaus informiert sein." Ich runzelte die Stirn und verschränkte die Arme in abwehrender Haltung vor der Brust: „Mein Privatleben hat aber nichts mit meinen Leistungen als Chirurgin zu tun, das geht niemanden etwas an!"

„Oh, unterschätzen Sie die Wichtigkeit von psychologischen Profilen nicht!"

„Meinen Sie damit, dass ich bespitzelt werde? Dass es so was wie eine Akte über mich gibt?" Fassungslosigkeit mischte sich mit Erstaunen und Wut, die sich selbst dann nicht legte, als Bruce den Kopf schüttelte. „Nein. Aber Sie können davon ausgehen, dass es einige Menschen im Vorstand Ihres Krankenhauses gibt, die ein Auge auf das Wohlbefinden Ihrer Mitarbeiter haben." Woods. Er hatte alles aus erster Hand miterlebt. Hatte er mich auch schon beim Vorstand angeschwärzt?

„Großartig. Was man mit ein bisschen Geld und Macht nicht alles bewerkstelligen und herausfinden kann. Was wissen Sie noch über mich? Meine Körbchengröße? Mein Leibgericht?" Bruce lachte, aber verstummte kurz darauf wieder, als er das gereizte Funkeln in meinen Augen sah. Ich fand das alles andere als witzig, wie scheinbar mit vertrauten Daten umgegangen wurde. Wenn jemand wie Wayne mit einem Fingerschnippen oder finanziellen Zuschuss fähig war, Dinge herauszufinden, dann war es der Joker sicherlich auch mithilfe seiner...wie hatte er es genannt? Schneidenden Argumente.

„Elena, bitte nehmen Sie es nicht übel, dass ich gewisse Dinge über Sie...in Erfahrung gebracht habe."

„Warum sollte ich das Ihnen nicht übel nehmen? Würden Sie etwa auch darüber hinwegsehen, wenn ich bei Ihnen zu Hause einbrechen und Ihr Penthouse auf den Kopf stellen würde, um Ihre Schmutzwäsche ans Tageslicht zu bringen?" Er wollte die Hand besänftigend auf meinen Arm legen, aber ich entzog mich ihm. „Das ist nicht dasselbe", behauptete er, worauf ich ihm an den Kopf knallte: „Für mich schon!"

Bruce machte Anstalten, etwas zu sagen, hüllte sich dann aber in resignierendes Schweigen. Ich schaute ungeduldig zu dem Sandwichstand hinüber und fragte mich, wie lange es noch dauern konnte, ein verfluchtes Brot zu belegen. Ich schaute ungeduldig auf die Uhr, wollte nur noch von hier verschwinden. „Ihre Art heute...", begann Bruce leise, sodass ihn fast das ausgelassene Gelächter und Geplapper der spielenden Kinder auf der Wiese übertönte, „...Sie hatten große Angst, hab ich Recht?" Ich seufzte genervt, hatte keine Lust darauf, mich länger mit ihm zu unterhalten. „Mehr Angst als sonst...Sie waren nervös, geradezu aufgelöst...ich halte Sie nicht gerade für eine Frau, die man schnell aus der Ruhe bringen kann..." Ich schlug die Augen nieder, starrte auf meine Hände, die in meinem Schoß gebettet waren und sich trotz der Sommerhitze kalt anfühlten. „Es bedrückt Sie etwas, das sieht man, auch ohne Sie zu kennen."

„Ich bin vielleicht nicht ganz so stark, wie Sie mich eingeschätzt haben", entgegnete ich leise, während ich Jamie dabei zusah, wie er Kleingeld aus seiner Hosentasche kramte. „Sie sind dem Joker begegnet...das hinterlässt Spuren, das verarbeitet man nicht so leicht, wie man es sich vielleicht vorstellt."

„Sie haben ja keine Ahnung", schnitt ich ihm kalt das Wort ab und sah ihn giftig an, doch Bruce ließ sich damit nicht aus der Ruhe bringen, was mich wiederum störte. Nichts schien ihn zur Weißglut treiben zu können oder seinen Stolz zu verletzen. Im Angesicht seiner Souveränität und meiner eigenen emotionalen Schwäche frustrierte mich diese Beobachtung.

„Vor einigen Wochen...", begann er dann, „habe ich eine Spendengala für den jüngst verstorbenen Harvey Dent ausgerichtet...der Joker...ist mit ein paar Handlangern aufgetaucht und hat die Feier gesprengt...auch ich bin ihm begegnet." Ich sah ihn überrascht an. Es mochte in der Zeitung gestanden haben, aber ich hatte nicht alle Geschehnisse um diesen diabolischen Psychopathen verfolgt. Bruce' Eingeständnis kam unerwartet, aber glaubhaft. Ich wollte etwas sagen, aber meine Kehle war verengt, kein Laut wollte ihr entweichen. „Er hat Harvey gesucht...wollte ihn...wollte ihn umbringen. Es sind alle mit dem Schrecken davongekommen, was ich wohl allen voran Batman zu verdanken habe, auch wenn ich nicht weiß, was ich von diesem Mann halten soll..."

Ich hob die Brauen und erstmals nach endlos erscheinenden Minuten brachte ich etwas hervor: „Scheint so, als hätten die Ihre Spendengala zur Kostümparty umfunktioniert, was?" Ich grinste schief, was er erwiderte, ehe wir wieder schweigend vor uns hinstarrten. „Das hab ich...das hab ich nicht gewusst, das tut mir leid." Er nickte und murmelte: „Im Gegensatz zu Ihnen sind ich und meine Gäste glimpflich davongekommen."

Unerwartet hob er die Hand und strich flüchtig und sacht über den Schnitt auf meiner Wange. Es war so schnell wieder vorbei, dass ich gar keine Zeit fand, darauf zu reagieren. „Es...es geht schon...", entgegnete ich leise und strich mir eine Strähne hinter das Ohr.

„Das glaube ich nicht, Elena...", sagte Bruce und seine Stimme hatte ein wenig von ihrem selbstsicheren, überheblich anmutenden Beiklang verloren und stattdessen eine einfühlsamere Note angenommen. „Es geht Ihnen noch ziemlich nahe, hab ich Recht?" Ich sagte nichts, konnte ihn nicht einmal ansehen, weil ich fürchtete, erneut die Nerven zu verlieren. „Es ist keine Schande, Angst einzugestehen. Insbesondere nicht, wenn es um den Joker geht. Er ist gefährlich, Elena...und das wissen Sie. Ich glaube, das wissen Sie vielleicht besser als sonst jemand." Ich atmete lang anhaltend aus, fror mittlerweile am ganzen Leib, obwohl ich gleichzeitig unter der unbarmherzig brennenden Sonne schwitzte. „Ich möchte Ihnen helfen", sagte er leise, was mich endlich wieder zum Sprechen bewegte.

„Sie können mir nicht helfen." Meine Finger hatten sich fest ineinander verhakt, weiß trat die Haut unter meinen Nägeln hervor, als ich sie fest aufeinander presste. „Sie haben immer noch Angst vor ihm, hab ich Recht? Was ist passiert? Hat er Ihnen gedroht? Ist er noch einmal in Ihrer Nähe aufgetaucht?"

Ich presste die Lippen aufeinander und sah ihn an, erhob mich schlagartig und murmelte: „Nein. Warum...warum können Sie mich nicht einfach in Ruhe lassen? Ich versuche gerade mein Leben wieder in den Griff zu bekommen, also hören Sie damit auf, in alten Wunden herumzustochern!"

Bruce blieb sitzen, hob aber beide Hände zu einer besänftigenden Geste. „Schon gut, ich...ich dachte nur, Sie würden vielleicht darüber reden wollen..."

„Nein, will ich nicht", würgte ich seine kümmerlichen Versuche, Informationen aus mir herauszuquetschen, ab.

„In Ordnung...ich...es tut mir leid, bitte, Elena...regen Sie sich nicht gleich so auf." Ich sollte mich nicht aufregen? Ich sah die Klinge des Sensenmannes über meinem Sohn schweben und sollte ruhig bleiben? Er sollte aufhören, so zu reden, als hätte er von allem Ahnung und könnte all meine Gefühle nachvollziehen. Ich bezweifelte, dass er das konnte. Niemand konnte das. Niemand außer mir. Es wäre fair gewesen, ihn einzuweihen, mich ihm anzuvertrauen, auch wenn ich nicht wusste, ob ich ihm über den Weg trauen konnte. Aber das hätte Jamies Todesurteil bedeutet, dessen war ich mir sicher. Der Joker schien niemand zu sein, der in dieser Beziehung bluffte.

Ich hörte Schritte und drehte mich um, sah Jamie, der mit einem Sandwich in den Händen auf uns zukam. „Komm, Jamie, wir gehen", sagte ich und legte den Arm um seine Schulter, versuchte so gut es ging über meine eigene Unbeholfenheit hinwegzutäuschen. „Ich hole Sie am Samstag ab! Gegen 13 Uhr!", rief uns Bruce hinterher, aber ich hob nur die Hand, um ihm zu verstehen zu geben, dass ich ihn verstanden hatte.

Samstag würde Jamie zu seinem herbeigesehnten Treffen mit den Gotham Goliaths kommen und das würde hoffentlich meine letzte Begegnung mit Bruce Wayne markieren. Er war mir nicht zwingend unsympathisch, aber in seiner Art, mehr zu erkennen, als ich ihm gegenüber preisgeben wollte, außerordentlich unheimlich. Und in meinem Leben gab es schon genügend Schrecknisse.

-tbc-