10. Dezember: Faszination Hogwarts

Nach dem Essen, während dessen seine Mutter sich weiterhin lauthals Sorgen um seine Gesundheit gemacht, Angelina sich über ihre Schwangerschaft beschwert, und Percy ihnen allen einen Vortrag über Erziehungsmaßnahmen und Kesselböden gehalten und zeitgleich den Tisch hinunter Ermahnungen an seine Töchter gerufen hatte, fand sich Charlie in Gesellschaft seines großen Bruders und dessen Kindern wieder. Teddy und seine Großmutter Andromeda waren auch eingeladen und zehn Minuten nach Beginn des Essens zu ihnen gestoßen. Mit seinen leuchtend blauen Haaren erinnerte Teddy Charlie sehr an seine Mutter Tonks und er musste schwer schlucken, wenn er daran dachte, wie viel Freude sie an ihrem Sohn gehabt hätte und wie schade es war, dass sie alles in seinem Leben verpasste. Tonks war im gleichen Jahr gewesen wie Charlie und auch wenn sie nicht die engsten Freunde gewesen und sich nach der Schule aus den Augen verloren hatten, hatten sie sich doch immer gut verstanden.

Auch die anderen Kinder scharten sich langsam um Teddy, der in seinem ersten Jahr in Hogwarts war und gerade dank der Osterferien hier sein konnte. Besonders Victoire und die Zwillinge Dominique und Louis löcherten ihn mit Fragen über Hogwarts, während James und Albus ihn anstarrten, als wäre er der coolste Typ, den sie je gesehen hatten. Alle fielen beinahe in Ohnmacht vor Aufregung, als Teddy schließlich seinen Zauberstab zog und den Kindern voller Stolz präsentierte.

Bill lehnte sich zu Charlie, der dem ganzen Treiben schmunzelnd zuschaute. „Unglaublich, oder?", raunte Bill ihm zu. „Als ob sie noch nie einen Zauberstab gesehen und wir ihnen nie von Hogwarts erzählt hätten!"

Charlie schnaubte und bemühte sich, sein Lachen zu unterdrücken. „Also bitte, als ob du nicht ganz genauso warst, als du das erste Mal von Hogwarts gekommen bist!", widersprach er amüsiert. „Ständig hast du mit deinem blöden Zauberstab vor uns herumgewedelt und Fred und George völlig verschreckt, weil du dauernd gedroht hast, sie in kleine Kröten zu verwandeln. Und Percy hat dir immer gesagt, dass du das gar nicht darfst, weil das gegen das Gesetz verstößt und er es Mum erzählen wird."

Bill verdrehte die Augen. „Perce hat einfach keinen Spaß verstanden. Als ob ich wirklich gezaubert hätte! Oder die Zwillinge in Kröten verwandeln konnte."

„Du weißt ganz genau, dass wir alle keine Ahnung hatten, was du darfst oder nicht und was du kannst oder nicht! Und es ist doch immer etwas anderes, wenn einer von uns endlich nach Hogwarts kommt. Die Geschichten von Mum und Dad waren da schon stinklangweilig." Auch wenn er durch seine Eltern eine ungefähre Vorstellung davon hatte, wie Hogwarts aussah und was ihn dort erwarten würde, war es doch etwas völlig anderes zu wissen, dass Bill tatsächlich dort gewesen war. Er hatte den Fast Kopflosen Nick gesehen und eigene Zaubertränke brauen können und er durfte so viel zaubern, wie er wollte! Als er in den Weihnachtsferien damals nach Hause gekommen war, war er für Charlie wie ein Entdecker gewesen, der sich durch den Urwald am anderen Ende der Welt geschlagen hatte. Hogwarts war so ein mystischer und unglaublicher Ort und dass sein großer Bruder tatsächlich dort gewesen war …

Charlie hatte es gehasst, dass er so lange hatte warten müssen, bis er selbst endlich dort sein konnte, aber dann konnte er Bill nur zu gut verstehen. Es hatte unglaublichen Spaß gemacht, sich die abenteuerlichsten Geschichten für seine Geschwister auszudenken. Sicher, Percy hatte alles in Frage gestellt, was sie ihm erzählt hatten, aber die Zwillinge hatten alles begierig aufgesaugt und Ron und Ginny ihn immer mit herrlich großen Augen angestarrt.

„Jaah, vielleicht", lenkte Bill ein. „Aber wir haben ihnen doch wirklich schon alles Menschenmögliche erzählt, was kann Teddy ihnen denn noch neues sagen?"

„Warst du jemals in Hufflepuff?", fragte Charlie ihn grinsend. Bill war bei den Mädchen sehr beliebt gewesen zu seiner Schulzeit und Charlie auch, aber keines der Mädchen, mit denen sie zusammen gewesen waren, hatten sie je mit in den Hufflepuff-Gemeinschaftsraum genommen. Der hatte immer noch etwas mysteriöses. Harry war in den anderen beiden Häusern gewesen und hatte ihnen einmal ausführlich davon erzählt, aber Hufflepuff … darüber wusste die Weasley-Familie kaum etwas. Jetzt gab es endlich einen Insider, das musste man eigentlich ausnutzen.

Also hörte Charlie in den nächsten zehn Minuten interessiert zu, wie Teddy den Gemeinschaftsraum beschrieb. Ebenfalls in den Kerkern, wie die Slytherins, aber viel heller und freundlicher und wärmer, sowohl in den Farben als auch in der Temperatur. Und Teddy schwärmte vom Toten Mönch, dem Hausgeist der Hufflepuffs, weil der begeistert von Tonks gewesen war und ihm einiges erzählen konnte.

„Er hat erzählt, einmal ist Mum nachts heimlich durchs Schloss geschlichen und drei Meter vor dem Gemeinschaftsraum hat sie einen Kerzenständer umgeworfen und ein Gemälde in Brand gesetzt und die Frau in dem Bild hat so laut geschrien, dass sie fast alle Lehrer zusammengetrommelt hat", erinnerte sich Teddy aufgeregt.

Charlie lachte. Daran konnte er sich noch genau erinnern. „Sie konnte sich nicht schnell genug verstecken, deshalb hat sie sich in Madam Hooch verwandelt, um aus der Sache herauszukommen."

Teddy schaute ihn wissbegierig an. „Wirklich? Der Fette Mönch hatte keine Ahnung, wie sie davongekommen ist. Er hat nur gesagt, dass er Mum zu gerne mochte, um sie zu verraten."

„Oh ja. Deine Mum war fantastisch darin, wie die Lehrer auszuschauen. Sie konnte nur keine Stimmen imitieren. Aber sie hatte einen super Dumbledore drauf. Mit dem wäre sie bestimmt auch gut davongekommen, Dumbledore hatte ja für die beklopptesten Dinge Verständnis." So wie Ron, Harry und Hermines zahlreiche Regelverstöße. Wobei er sie an Dumbledores Stelle wohl auch häufig hätte davon kommen lassen. Schließlich hatten sie die Zauberwelt mehr als einmal von Du-weißt-schon-wem bewahrt, bevor er letztendlich doch wieder zu Kräften gekommen war.

„Aber du machst das nicht, oder, Teddy?", wandte Bill so gebieterisch wie möglich ein. „Die Regeln haben einen guten Grund und wenn du anfängst, im Schloss als irgendwelche Erwachsenen rumzulaufen, könnte das Konsequenzen haben, mit denen du nicht zurechtkommst."

Charlie nickte bekräftigend und versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie lustig er es fand, dass sein Bruder für die Einhaltung von Regeln plädierte, wo er doch selbst mehr als genug gebrochen hatte.

Teddy nickte ernsthaft. „Keine Sorge, Bill. So einfach ist das gar nicht, andere Leute zu imitieren. Meine Klamotten ändern sich ja nicht mit, deshalb kann ich mich gar nicht größer machen und meine Stimme ist auch nicht anders. Außerdem muss man die Person schon sehr gut kennen, damit man sich selbst glaubwürdig verändert und so genau hab ich die Lehrer wirklich nicht angeguckt." Er runzelte die Stirn, kräuselte die Nase und kniff angestrengt die Augen zu, bevor seine blauen Haare immer dunkler und verstrubbelter wurden und seine Gesichtszüge etwas ausgeprägter und eine Blitzförmige Narbe auf seiner Stirn erschien. Er machte die Augen wieder auf. Aus Bernstein war smaragdgrün geworden und Charlie starrte in das Gesicht seines Schwagers. Teddys Gesicht glich ihm beinahe bis aufs Haar, aber ansonsten hatte sich nichts verärgert. Die Kinder schauten ihn noch ehrfürchtiger an als vorher. Es war aber auch beeindruckend.

„Meine Güte, es ist lange her, dass ich Harry in der Größe gesehen hab", sagte Charlie kopfschüttelnd. Bei Tageslicht hatte er Harry erst gesehen, als der schon vierzehn war und sie zur Quidditchweltmeisterschaft gegangen waren, aber einmal war Charlie ihm auch in der Nacht begegnet, als er zusammen mit Hermine Hagrids Drachenbaby durch das Schloss geschmuggelt hatte. Eigentlich hätte er als verantwortungsbewusster Erwachsener bei dieser Aktion nie mitmachen dürfen, aber Charlie hatte Hagrid immer schon gemocht und Hagrid war einer der gutmütigsten und liebsten Menschen, die er kannte, und er hätte es sich nie verziehen, wenn er Hagrid nicht geholfen hätte, obwohl er es gekonnt hätte. Und irgendwie war es auch aufregend gewesen, sich an so einer Nacht-und-Nebel-Aktion zu beteiligen. Sowas hatte er zu seiner Schulzeit nie erlebt. (Wobei er im Nachhinein sehr dankbar war, dass er nicht jedes Jahr sein Leben aufs Spiel gesetzt hatte, so wie Ron, Harry, Hermine und manchmal auch Ginny. Darum sollte es in Hogwarts eigentlich nicht gehen.)

„Jaah, aber Harry ist auch einfach. Den kenn ich ja schon ewig. Andere sind da viel schwieriger", erwiderte Teddy und kniff die Augen wieder zu. Das schwarze Haar verschwand und wurde weiß und lang, seine Haut faltiger und seine Nase länger. Nach ein paar Sekunden sah sich Charlie einer Version von Flittwick gegenüber, die ihn zwar an seinen alten Lehrer erinnerte, aber ihn nicht genau traf. „Seht ihr, was ich meine?", sagte Teddy mit hochgezogenen Augenbrauen. „Flittwick würde man mir nicht abkaufen."

Bill lachte. „Das stimmt. Am besten war ja sowieso immer deine Vicky. Da wart ihr euch zu verwechseln ähnlich."

„Daddy!", rief Victoire empört und haute Teddy auf den Arm, der sie verletzt anschaute und wieder seine normalen Gesichtszüge annahm. „Er hat versprochen, das nicht mehr zu machen. Irgendwann war es zu gruselig."

„Aber kannst du's noch?", fragte Charlie interessiert. Er konnte sich noch erinnern, wie vor ein paar Jahren zu Weihnachten plötzlich zwei Victoires vor ihm standen und er raten musste, wer wer war. Weil sie damals beinahe gleich groß waren, beide einen Pullover seiner Mutter getragen und keinen Ton gesagt hatten, war es wirklich schwierig gewesen.

Teddy lachte. „Na klar. Victoire war schon immer die einfachste." Diesmal musste er nicht einmal die Augen schließen. Innerhalb weniger Sekunden hatte er blonde lange glänzende Haare und strahlend blaue Augen. Seine Nase war kleiner und seine Gesichtszüge zarter. Teddys Gesicht war wirklich eine perfekte Kopie von Victoire.

Victoire verdrehte die Augen und verschränkte die Arme. „Ich bin aber viel hübscher als er."

Bill strich ihr übers Haar und zwinkerte ihr zu. „Aber natürlich doch. Niemand ist so hübsch wie du, mein Schatz."

„Hey!", beschwerte sich Dominique halbherzig. Im Grunde genommen war sie genauso hübsch wie ihre große Schwester, aber während Victoire immer sehr viel Wert auf ihre Kleidung und ihr Aussehen legte, war das alles Dominique mehr als egal. Ihre Kleidung war meistens verdreckt oder hatte Löcher und ihre langen Haare glichen einem Krähennest, so verstrubbelt waren sie. Victoire ging vorsichtig um jede Pfütze herum, während Dominique überglücklich in sie hineinsprang.

„Dad hat doch Recht", erwiderte Louis grinsend. „Victoire ist viel hübscher als Teddy."

„Ihr seid ja alle bekloppt", beschwerte Teddy sich jetzt selbst und warf schwungvoll sein langes Haar über die Schultern, wobei er genau darauf achtete, dass er alle drei Geschwister damit im Gesicht erwischte. „Euch erzähl ich nichts mehr von Hogwarts!"

„Nein!", riefen alle anderen Kinder entsetzt. James war sogar so wütend, dass er Louis mit tatkräftiger Unterstützung von Lucy gegen sein Schienbein trat.

„Das hast du jetzt davon", flüsterte er Bill zu, der sich mit gequältem Gesichtsausdruck daran machte, die Kinder wieder voneinander zu trennen.

„Wem sagst du das", seufzte Bill. „Frauen kann man es doch nie recht machen."

TBC…