Kapitel 10

Geschafft!

Wirklich verstand das Pferd sie und blieb abrupt stehen. Um ein Haar hätte der Schwung sie heruntergeschleudert, doch sie schaffte es gerade noch, auf der dem Besen abgewandten Seite abzuspringen.

Der Ruck, der folgte, als der Besen versuchte weiter geradeaus zu fliegen, riss ihr den Riemen aus der Linken und quetschte ihr fast die andere Hand ab. Tränen schossen ihr in die Augen, die sie entschlossen wegblinzelte.

Alena lehnte sich nach hinten, griff erneut mit beiden Händen zu und zog mit einem Ruck den Zügel an. Einen Moment lang fürchtete sie, er werde reißen.

Tat er auch.

Der Besen und Fhyr waren jedoch schon in einem Bogen vor Nachtschattens Nase herumgewirbelt und prallten mit einem hässlichen Knirschen und dem Geräusch von splitterndem Holz auf den Boden.

Fhyr hatte im letzten Augenblick die Hand vom Besenstiel gerissen und versucht sich abzustützen – mit dem Erfolg, dass sein Handgelenk dem Druck nachgegeben hatte.

Nachtschatten sprang zurück und schüttelte erschrocken den Kopf, ging dann ein paar Schritte von Fhyr weg und blieb pumpend stehen.

Alena brach keuchend zusammen, den rechten Arm mit der Linken an sich gepresst. Das Ende des Riemens war noch immer fest um ihre Hand gewickelt, doch Schmerz und Tränen nahmen ihr die Sicht, so dass sie nicht mehr tun konnte, als etwas daran herum zu zupfen. Jede Bewegung ihres rechten Armes verursachte höllische Schmerzen, die sich durch den ganzen Arm bis in den Brustkorb zogen. Eigentlich hätte sie jetzt wenigstens nach Fhyr sehen müssen, aber sie hatte einfach nicht die Kraft dazu. Der Junge lag nur wenige Schritte entfernt inmitten der Splitter seines Besens auf dem Boden, sein gebrochenes Handgelenk umklammert, und schluchzte.

Ein leises Schwirren kündigte mehrere sich nähernde Besen an, doch Alena sah die Drei erst, als sie schon fast bei ihnen waren.

Neben Fhyr landeten zwei Flieger, ein weiterer setzte vor Alena auf.

„Fu! Gott sei Dank geht es dir gut!" Steve war kalkweiß, was bei seiner Körpergröße beinahe lächerlich wirkte.

„Was ist mit deiner Hand los?" James kniete sich neben ihn, den Besen in der Hand.

„Alena!" Rashid fiel vor ihr auf die Knie, ebenfalls seinen Besen in der Hand haltend. „Wie hast du das gemacht? Wir haben gedacht, wir sehen ihn nie wieder!" Auch er war unter all seiner Bräune weiß. „Kann ich dir helfen?" Er streckte besorgt die Hand aus und strich ihr die Haare aus dem Gesicht.

Alena schaffte es, die linke Hand zu heben und die Seine kurz zu drücken.

„Ich komme schon klar." Der rote Nebel lichtete sich langsam und mit einiger Mühe galang es ihr auch, die Tränen fortzublinzeln. „Kümmere dich um Nachtschatten. Er," sie holte keuchend Atem, „Er muss völlig fertig sein."

Der Wallach war schweißüberströmt. Mit hängendem Kopf stand er keuchend da, seine Flanken hoben und senkten sich in einem schier unglaublichen Tempo, während er unruhig mit Schweif und Ohren zuckte.

„Aber -"

Eine herrische Stimme erstickte Rashids Protest. „Sie haben Miss Steel gehört, Mr Ibn Sina. Kümmern sie sich um das Pferd!"

Snape war mit einem Mal da, sank neben ihr ins Gras, löste hastig die Lederschlinge. Darunter zog sich ein blutiger und verbrannter Streifen rings um ihre Hand und trennte die inzwischen blau angelaufenen Finger vom Rest der Hand, der angeschwollen und blass wirkte.

„Alena! Was hast du dir dabei gedacht? Bist du lebensmüde?!" Entsetzt blickte er auf ihre abgequetschte Hand.

Alena lächelte schwach und biss die Zähen zusammen.

„War ich schon immer, schon vergessen?" antwortete sie leise und gepresst. Obwohl die Situation wohl absurder nicht hätte sein können, war mit einem Mal die alte Vertrautheit wieder da, die Unbefangenheit, die jahrelang zwischen ihnen geherrscht hatte.

Alena war beinahe so blass wie im letzten Sommer, als sie in diesem ausgestorbenen Krankenflügel gelegen hatte.

Nur die Anstrengung hatte rote Flecken auf ihren Wangen hinterlassen. Schweißtropfen rannen ihr Gesicht entlang, vermischten sich mit Tränen und hinterließen glitzernde Streifen.

Mit einem Mal überkam ihn der Drang, sie zu küssen, so stark, dass er beinahe spüren konnte, wie ihm das Blut ins Gesicht stieg.

Um sich abzulenken, sah er erneut nach ihrer Hand, ohne jedoch mehr zu sehen als beim ersten Mal. Er warf noch einen Blick auf den Jungen, der noch immer haltlos schluchzte, während seine Freunde hilflos daneben standen, und auf Rashid, der Nachtschatten langsam um sie herum im Kreis führte.

„Ihr müsst beide sofort in den Krankenflügel."

Er warf einen Blick auf Fhyr. „McGallafrey, sie nehmen Mr Divión. Ibn Sina, sie bringen das Pferd dahin zurück, wo es hingehört und sagen Hagrid Bescheid, damit er es im Auge behält. Blacksmith, sie bringen die Besen zurück zum Schloss."

Rashid wollte protestieren, schloss jedoch den Mund wieder, als er Snapes Blick sah.

Alena hatte die Augen geschlossen, unter ihren dichten Wimpern quollen noch immer Tränen hervor. Behutsam nahm er sie auf.

„Ich nehme Miss Steel."