Kapitel 9
Widerwillig bat Gangrel ihn in sein Versteck und gab ihm etwas zu essen und einen Schluck Wein.
„Dann lass mal hören, was dich schon wieder hertreibt. Und beeile dich, ich habe nicht die ganze Nacht Zeit. Ich muss..."
„Ich weiß, du musst dich um deinen Schützling kümmern, weil es ihm sehr schlecht geht." Gangrel schaute Edge erstaunt an.
„Wo her weißt du...."
„Erklärt sich dir gleich von selbst. Dass es Amadeo nicht sonderlich gut geht, sollte dich nicht überraschen. Und bitte keine Unterbrechung." Edge merkte sofort, dass Gangrel wieder etwas sagen wollte. „Er ist dem Tod im Moment näher als dem Leben. Und diese hat auch jemand anderes Namens Nergal gespürt. Er wollte Amadeo das Leben nehmen. Marduk konnte ihn gerade noch abhalten. Er hat Sargon zwei Nächte gegeben Amadeo zu helfen. Und in der Zwischenzeit will er sich um deinen Schützling kümmern. Ich glaube, du verstehst, was ich damit sagen will. Soweit zu der schlechten Nachricht, jetzt zu der guten. Es gibt jemanden der euch helfen kann. Er ist ebenfalls ein Vampir und heißt Dagda. Laut keltischer Mythologie kann er Tote wieder ins Leben zurückrufen. Er hat aber auch heilende Kräfte. Wenn dein Schützling es wert ist gerettet zu werden, könnte es sein, dass er zur gleichen Zeit hier auftaucht, wie Nergal, da er von der Macht des Todes angezogen wird. So mehr wollte ich nicht." Edge wollte gerade aufstehen und gehen, als ihn Gangrel festhielt.
„Warte, du könntest mir helfen. Ich glaube ich habe dich total falsch eingeschätzt. Und jetzt kann ich da auch jemanden verstehen, warum er so an dir hängt. Ich möchte dich bitten, einen Augenblick bei ihm zu bleiben. Aber pass auf, dass er dich nicht beißt. Er würde nicht merken, wer du bist. Für ihn wärst du nur eine Nahrungsquelle. Ich werde rausgehen und versuchen Nergal aufzuhalten. Und wenn euere Mythologie stimmt, bekomme ich vielleicht die Hilfe, die ich brauche." Gangrel zog einen Vorhang zur Seite und ließ Edge mit Christian alleine. Edge hockte sich neben Christians Lager und schaute ihn an. Er konnte es nicht fassen, dass er wieder mit seinem besten Kumpel vereint war und vor allem, dass er sich doch nicht geirrt hatte, als er ihn das erste Mal gesehen hatte. Aufgrund Gangrels Warnung traute er sich jedoch nicht ihn zu berühren. Plötzlich konnte er einen Streit vernehmen und wusste, dass Nergal eingetroffen war. Doch war da noch eine weitere vertraute Stimme. Es war Marduk, der Nergal erneut von seiner Tat abhielt. Warum nur ließ Nergal immer gleich von seinem Vorhaben ab, wenn Marduk sich einmischte. Edge grübelt darüber nach und konnte sich jedoch keinen Reim darauf machen.
„Die Antwort wird dir nur Marduk selber geben können." Edge fuhr herum und stand einem ihm fremden Vampir gegenüber. Erschrocken wich er zurück, bis es nicht mehr weiterging.
„Du brauchst keine Angst zu haben. Ich glaube, die letzten Tage waren etwas viel für dich, so wie du aussiehst. Aber vielleicht sollte ich mich erst einmal vorstellen. Mein Name ist Dagda und bin hier um jemanden zu helfen." Edge beruhigte sich und schaute dann zu Christian.
„Kannst du ihm wirklich helfen? Und könntest du vielleicht noch einem anderen guten Freund von mir helfen?"
„Um Amadeo mach dir mal keine Sorgen, dem geht es schon besser. Gangrel hat ihn allerdings ganz schön zugerichtet. Von daher frage ich mich, ob ich seinem Schützling wirklich helfen sollte."
„Bitte Christian darf nicht sterben. Und wenn er sterben muss, soll er mich wenigstens noch mal sehen können." Edge schaute Dagda tief in die Augen und ließ ihn seine Gedanken lesen.
„Ich verstehe, du musst verdammt Eindruck auf Gangrel gemacht haben, dass er dich bei ihm gelassen hat. Okay ich werde ihm helfen. Aber nur unter der Bedingung, dass er zulässt, dass ihr euch ab und zu sehen könnt." Damit wandte er sich um und schaute Gangrel forschend an. Dieser nickte nur zustimmend und stellte sich neben Edge.
„Es ist aber hoffentlich nicht schlimm, wenn ich einen hier jetzt kurz rausschicke. Ich weiß nicht, wie Chris reagiert, wenn er zu sich kommt."
„In dem Punkt stimme ich dir zu. Und da draußen gibt es auch ein paar Leute, die dich sehen wollen. Und vor allem wissen wollen, ob du noch unter den Lebenden weilst." Edge war zwar nicht wirklich begeistert, spürte jedoch, dass es so besser wäre. Draußen vor dem Versteck wartete bereits die gesamte andere Mannschaft. Nergals Augen funkelten immer noch vor Wut, weil ihm erneut ein Opfer verwehrt blieb. Sargons Blick jedoch zeigte Erleichterung.
„Wie ich sehe, lebst du noch. Sargon hatte schon Angst, wir würden nur eine blutleere Hülle von dir finden."
„Meinst du wirklich, dass du schon wieder so große Töne spucken solltest, mein lieber Amadeo?" Schuldbewusst schaute Amadeo zu Boden.
„Sei nicht zu streng mit ihm Sargon, er wollte doch nur einem guten Freund helfen. Er kann doch nichts für die Sturheit anderer." Edge drehte sich sofort um, als er Dagdas Stimme hörte. Dieser wirkte sehr erschöpft.
„Mach dir keine Sorgen um mich. Spätestens morgen Nacht geht es mir wieder blendend. Es ist etwas schwieriger jemanden zu heilen, der von einem Dämon angegriffen wurde, als jemanden zu heilen, der von einem anderen Vampir verletzt wird. Aber ich glaube da drin wartet jemand auf dich. So eine Freundschaft, wie eure habe ich in den letzten 300 Jahren nicht erleben dürfen. Ihr beiden seit etwas besonderes." Edge lächelte verlegen und eilte sofort zurück in das Versteck, wo Gangrel wartete und sich nochmals entschuldigte. Christian sah immer noch sehr benommen aus. Als er jedoch Edge sah, wollte er sofort aufspringen. Seine Kräfte ließen es jedoch nicht zu. Edge drückte ihn sanft auf sein Lager zurück und setzte sich dann zu ihm.
„Sag nichts, ich weiß, ich sehe zum kotzen aus." Christian versuchte zu lächeln.
„Ganz ehrlich? Du sahst schon schlimmer aus, als jetzt. Ich bin ja schon froh, dass du überhaupt noch am Leben bist. Wenn man es denn so bezeichnen will."
„Jedenfalls bin ich nicht tot. Aber Hunger habe ich." Edge schluckte und überlegte, ob er nicht etwas mehr Abstand zwischen sich und Christian bringen sollte.
„Och komm schon, nur ein kleinen Happen von dir. Ein klitze kleines Schlückchen."
„Auf gar keinen Fall. Mein Blut ist mir heilig."
„Außerdem brauchen wir ihn als Sterblichen."
„Und das aus seinem Munde. Man Edge, was bitte hast du angestellt, dass er zu einem Schoßhündchen mutiert?"
„Keine Ahnung, vielleicht ist es ja mein Charme, der ihn so beeindruckt." Gangrel selber wollte dazu lieber nichts sagen.
„Bleibst du jetzt eigentlich bei uns?", wollte Christian wissen. Und unterbrach damit die Stille, die eingetreten war.
„Ich glaube nicht. Du hast noch eine Menge zu lernen. Und ich würde dich nur ablenken. Ich werde wohl noch etwas Zeit mit den anderen verbringen. Vielleicht kann ich ja auch noch etwas über Vampire lernen." Christian schaute leicht betreten zu Boden. Die ganze Zeit hatte er sich gewünscht, wieder Zeit mit Edge verbringen zu können. Und jetzt lehnte Edge es ab. Weder Edge noch Gangrel entging der Blick.
„Das heißt doch nicht, dass ihr euch gar nicht seht. Wir werden uns so oft es geht treffen. Schließlich müssen wir ja auch mal austauschen, was wir über Corbin in Erfahrung gebracht haben."
„Ich denke, wir können so etwas auch per Gedanken machen?"
„Eigentlich schon, aber wir wollen doch nicht, dass Corbin alles mitbekommt."
„Okay du hast gewonnen, obwohl ich ihn jetzt eigentlich nicht schon wieder verlassen will."
„Darf ich mal kurz etwas dazu sagen, wenn man mir schon mein Mahlzeiten vorenthält?", mischt sich Nergal ein. „Ich glaube nicht, dass wir uns jetzt schon auf der Stelle trennen müssen. Der Sommer mag ja für Sterbliche vielleicht etwas schönes sein, aber für uns Vampire hat diese Jahreszeit einen gewaltigen Nachteil, diese blöde Sonne geht verdammt zeitig auf und spät unter."
„Was er uns damit sagen will, ist dass es für Zeit fürs Bett wird. Ich habe letzte Nacht eine kleine Hütte gesehen, dahin werde ich mich verziehen. Falls Corbin hier auftaucht, kann ich versuchen so zu tun, als würde ich nur so durchs Land reisen."
„Du solltest aber auch versuchen, etwas zu schlafen. Du kannst ja so tun, als hätten wir dich wegen deiner Verbindung zu Corbin gejagt. Und ich glaube, es gibt da jemanden, der dir schon mal erklärt hat, dass man jemanden wie dich nicht überall findet. Jeder, der dich als seinen Freund bezeichnen kann, hat verdammt viel Glück. Also dann bis heute Abend." Die anderen schauten Nergal erstaunt an.
„Wenn ich ehrlich sein soll, würde ich ihn lieber mit in unser Versteck mitnehmen. Dort wäre er sicherer."
„Du vergisst aber unsere beiden fast Toten. Was wenn sie aufwachen."
„Es gibt einen Raum, in den wir die beiden stecken können und der extra versiegelt werden kann." Keine zehn Minuten später lagen alle auf einem bequemen Lager. Christian hatte darauf bestanden, dass Edge sein Lager bekam, um ihm das Gefühl zu geben, ihm noch näher zu sein, als er es so schon war. Edge kuschelte sich in die Decke und schlief auf der Stelle ein. Wie sich erst nach Sonnenuntergang rausstellen sollte, war es tatsächlich besser, dass Edge mit im Versteck geschlafen hatte. Wie sich herausstellte, wurde die Hütte im Laufe des Tages einfach niedergebrannt. Natürlich war Edge verdammt erleichtert, dass er sich hatte überreden lassen. Leider musste er sich aber gleich nach Sonnenuntergang von Christian verabschieden, da die anderen auf der Stelle aufbrechen wollten. Amadeo legte seinen Arm um Edge und zog ihn sanft von Christian weg. Als sie sich noch einmal umdrehten, konnten sie sehen, dass auch Gangrel die Trennung nicht leicht fiel. So viel Eindruck hatte schon lange keiner mehr auf Gangrel gemacht. Edge musste sich zusammenreißen, um nicht den beiden anderen zu folgen. Sargon hatte noch einige Sachen aus dem Versteck geholt. Als er die Sachen auf die anderen verteilt hatte, hielt er Edge eine Kette mit einem Kreuzanhänger vor die Nase.
„Ich glaube hier hat dir jemand etwas da gelassen."
„Die ist aber nicht von Christian." Sargon schaute ihn erstaunt an.
„Okay, dass du auf Gangrel Eindruck gemacht hast, haben wir ja gemerkt. Aber so viel, dass er dir seine Kette da lässt?" Sargon besah sich die Kette etwas genauer. Irgendetwas in ihm mistraute Gangrel. Er konnte allerdings nichts ungewöhnliches daran entdecken.
„Sie scheint in Ordnung zu sein. Das einzige, was ich feststellen konnte, ist, dass die Steine einige Tropfen Blut von Gangrel enthalten. Sobald wir ein neues Lager gefunden haben, kann Dagda dich ja über die Bedeutung aufklären."
