Silvester
Severus Nacht auf Montag, 1.3
Severus' Blick ruhte auf Caryns schlafendem Gesicht, das ihm zugewandt auf seiner Brust lag. Sie schlief auch nicht tief, ebenso wenig wie er es in ihrer Nähe tat, aber das lag vielleicht einfach auch daran, daß sie nicht viel Übung hatten in gemeinsamen Nächten.
Sie konnte wirklich rührend sein. Wie sie sich heute zusammengerissen hatte, ihre automatisierten anstrengenden Zukunftsfragen in sich zu halten. Welche mit Sicherheit nicht einmal außergewöhnlich gewesen waren für ein junges Mädchen am ersten Silvester mit ihrem Geliebten. Die ganze Zeit hatte er wahrgenommen, wie aufgewühlt sie unter ihrer ruhigen Anschmiegsamkeit gewesen war. Irgendwie war es mit Caryn immer so. Sie war wie ein Schwarm Goldfische, den man in einem stillen Teich wußte. Der die seidene Wasseroberfläche ständig kräuselte, so daß man jeden Moment damit rechnen mußte, daß ein Fisch diese durchbrechen und ein Chaos aus tausend kleinen Wellen verursachen würde, welche ihrerseits wiederum tausend Wellen auslösten. Bis der nächste Fisch sich zum Sprung entschlösse… Und er fand das Leben mit ihr nicht bedrohlich, sondern erfrischend, belebend, aufregend. Zumal Caryn die Fähigkeit hatte, Einfluß auf diese Fische zu nehmen, diese oftmals zu zähmen – oder wenigstens wieder einzufangen, wenn sie ihr entwischt waren…
Er lächelte kopfschüttelnd. Dieser neue Hang zu poetischer Sprache war schon komisch.
Wenn er nicht die Bedrohung widergespiegelt hatte. Wie sehr die Wahrnehmungen, die Erlebnisse, die Gedanken mit Caryn in seine Denkstrukturen eingriffen. Wie schön er es empfand. Wie sehr er sie genoß, ohne sich an eben diesen Wellen zu stören oder an diesen eigenwilligen Goldfischen, so oft diese ihm auch ins Gesicht sprangen. Lästig manchmal, ganz gewiß anstrengend. Aber auch Gold...
Und fast immer gerechtfertigt. Es war schließlich seine Schuld, daß sie nicht die Dinge von ihm hören konnte, die sie – und jedes andere junge Mädchen – zu hören wünschte. Und schließlich machte sie ihm das ja auch nicht zum Vorwurf. Stand dazu, daß sie sich ausgerechnet ihn ausgesucht hatte. Es zu akzeptieren, wäre zu viel verlangt. Sie war achtzehn.
Und ihr Kampf um ihn – schmeichelhaft? Rührend? Aufreibend? An den Kräften zehrend? Verlockend? Einladend? Tragisch? Unfair?
Stetig. Verläßlich. Vertraut. Sicher.
Einlullend....
Wie auch immer. Ihr Kampf um ihn war ehrlich. Einfach typisch Caryn.
Caryn
Jetzt schlief er.
Entspannt war er schon die ganze Zeit gewesen. Im Gegensatz zu ihr, die sie sich heute so hatte zusammennehmen müssen, um ihn mit ihren Zukunftsängsten und –forderungen zu verschonen. Er hatte es in diesen Ferien schon schwer genug gehabt mit seinen eigenen Ängsten und schmerzvollen Erinnerungen. Da hatte sie ihn nicht noch mit ihrem Schmerz überfordern wollen.
Dürfen.
Sie wollte ihn so sehr. Für immer. Die Sicherheit des Fortbestands ihrer Liebe. Im kommenden Jahr. Nächstes Silvester hier. Warum nur war er nicht bereit, ihr dieses Immer zu geben? Irrte sie sich denn, wenn sie sah, wie sehr er sie und ihre Gegenwart genoß? Wie liebevoll er sie ansah. Wie amüsiert er Dialoge mit ihr konstruierte. Wie erregt er ihre Spiele mit ihr spielte. Wie war ihm möglich, das nicht für immer zu wollen?
„Ich kann nicht ohne Dich leben!"
Sein zynisches Lachen auf diese Äußerung von ihr tat ihr jedes Mal weh.
„Jeder Mensch ist ersetzbar!" war seine Standardantwort.
„Ich will Dich aber nicht ersetzen! Niemals!"
„Ach Caryn, Du bist achtzehn!"
Nein, da machte sie nicht mit! So durfte das Leben nicht funktionieren!
„Das Leben ist kein Selbstbedienungsladen!" liebte er ebenso. „Auch wenn es für uns Zauberer so aussehen mag!"
„Aber es könnte doch so sein! Und wenn ich gerade etwas will, was DA ist, ist es doch gut!"
„Man weiß nicht, ob das, was man da haben will, auch gut für einen ist. Und man kann sich darauf nicht verlassen, daß es DA bleibt."
Mußte man diese einschränkenden Überzeugungen haben? Mußte man alles im Vorfeld bedenken? Kontrolle, Schutz vor Verletzungen, aber auch: Selbsterfüllende Prophezeiungen.
Sie selbst dachte doch auch die ganze Zeit! Warum mußte sie nur immer so viel denken?
Warum lag sie hier in seinen Armen, während er schlief, und dachte?! Genau das hier hatte sie fühlen wollen. Es genießen. Dankbar sein. Es ihm schön machen! Herrgott, eigentlich mußte er sie hassen!
Nun ja, das wird der Grund sein, daß er seine Zukunft lieber in Ruhe vor Dir verbringen möchte!
Caryn dachte an die beiden Photos, die sie magisch verschweißt und in ihrer Tasche verstaut hatte. Diese beiden Bilder würden ihr bleiben. Die Frau, die die Urgroßmutter ihrer Kinder hätte werden sollen, und ein kleiner Junge, der sich in seiner feindlichen Welt dank ihrer Liebe behauptete. Diese beiden Bilder sollten genügen, um an diesen Mann zu denken, der sie heute Nacht seit Stunden in seinen Armen hielt und den sie an nächstem Silvester verloren haben würde…
Erst daran, daß Severus' Hand auf ihrer Hüfte begann, sich beruhigend zu bewegen, bemerkte sie, wie sie sich schon wieder verkrampft hatte.
„Schlaf jetzt, Caryn", murmelte er undeutlich.
Seine Hand fuhr mit ihrem Streicheln fort.
Der Weg zurück
Severus Montag, 1.3
Er mußte an sich halten.
Dem Impuls, seinen Arm um Caryn zu legen und mit ihr zurück auf die ruhige Insel zu blicken, die sich im Tempo der gemächlich durch die Wellen tuckernden Fähre von ihnen entfernte, hatte er ja nachgeben dürfen. Caryns Traurigkeit, die sie heute in Form von Wehmut ausstrahlte, jedoch machte ihn schwach. Drohte, ihn die Realität vergessen zu lassen. Wollte ihn dazu verleiten, dem Bedürfnis stattzugeben nach mehr, nach neuer Zeit mit Caryn an diesem Ort. Entfachte die Sehnsucht danach, das Haus als ihr gemeinsames zu denken. Hier zu leben zu träumen, mit Caryn an seiner Seite, weitab von Hogwarts und den verpflichtenden Fesseln seiner Vergangenheit.
Seine Vergangenheit auf dieser Insel hatte sich in diesen wenigen Tagen mit der Gegenwart verbunden, und zwar ohne ihre Existenz aufzugeben, ohne ihm verlorenzugehen, ihn haltlos entwurzelt zurückzulassen. Vielmehr war er durchdrungen von der Schönheit dieses Ortes, von der Erinnerung an die liebevolle Frau damals, die seine Großmutter gewesen war. Und diese Erinnerung spiegelte sich im Zusammenleben mit Caryn wider, setzte sich darin fort.
Er war geliebt an diesem Ort, und er war noch immer fähig, dem ihn liebenden Menschen spontan zu begegnen. Seltsamerweise war die Angst, dies erneut zu verlieren, in Caryns beruhigender, aufwühlender, lustvoller Gegenwart stetig weniger präsent gewesen. Er hatte um die Existenz dieser Angst gewußt, ohne sie wirklich zu spüren. Das war gefährlich. Würde ihn zu sehr verletzen, wenn er auf das Ende nicht mehr vorbereitet war...
Schon im nächsten Sommer wird sie weg sein...
Sein sich lockernder Arm wurde im selben Moment wieder fest um Caryns Körper gedrückt:
„Severus, ich möchte immer wieder mit Dir hierher kommen..."
Sie drehte sich in dieser Umarmung und wandte ihm ihr bei aller Trauer in diesem Augenblick leuchtendes Gesicht zu.
„Ich würde so gern mit Dir hier leben..." seufzte sie und blickte hoffnungsvoll zu ihm auf.
Severus machte sein Gesicht undurchdringlich.
So bist Du, Caryn. Du willst immer gleich alles für immer.
Bisher hatte sie ihn noch nicht enttäuscht...
Wie lange kannte er sie?
„Es war so wunderschön, Severus! Ein Traum!"
Hast Du all das Schwierige vergessen? Ich habe Dir so viel versagen müssen, und Du sprichst dennoch von einem TRAUM?!
Sie erließ ihm seine Antworten und küßte ihn. Er mußte sich ihr entziehen, um ganz zu bleiben, in der Realität zu bleiben und ihre Sehnsucht zu ertragen, ohne ihr alles zu sagen, was sie sich wünschte.
„Es ist ein Traum, Caryn."
Im ersten Moment hatte sie gelächelt, erst dann war ihr bewußt geworden, was er sich gezwungen hatte zu sagen.
„Nein! Der Traum ist Wirklichkeit gewesen!"
Ihn unverwandt musternd, faßte sie ihn am Ärmel. Automatisch wich er einen Schritt zurück. Sie runzelte ihre Stirn und sah ihn scharf und gleichzeitig verzweifelt an.
Behalt Deine Distanz, Severus!
„Möchtest Du mich im nächsten Sommer nicht mitnehmen?"
„Du bist im Sommer nicht mehr in Hogwarts."
„Wirst Du mich wegjagen, weil ich nicht mehr in Hogwarts bin?"
Da war sie wieder. Ihre Angst, so panisch und verstörend wie seine eigene. Da war belanglos, daß sie ihr ganzes Leben noch vor sich hatte und noch mindestens fünf Männer lieben würde und einen davon heiraten.
„Ich werde es nicht gern tun", erlaubte er sich zu antworten.
Die sich in ihren Zügen ausbreitende hoffnungsvolle Erleichterung brachte ihn auf den Boden der Tatsachen zurück. Diese Illusion des Hoffnung durfte er ihr nicht gönnen.
„Ich brauche es aber gar nicht zu tun, weil Du nach Hogwarts ein neues Leben beginnst. Und dann Du wirst frei und ungebunden sein wollen."
„Wirst Du mich wegjagen?" beharrte Caryn.
„Ich werde Dich nicht wegjagen müssen, weil Du von allein gehst. Davon abgesehen, müßte ich es sowieso, es wäre verantwortungslos und kurzsichtig, das nicht zu tun."
Welch ein Alptraum, wenn sie irgendwann aus purer Verpflichtung, ihm nicht wehtun zu wollen, bei ihm bliebe...
„Wirst Du mich aus Deinem Leben jagen?"
Ihre Stimme war vollkommen ruhig und sachlich. Jedes Wort gleichmäßig betont. Sie diese Muggeltherapeutin, die sie einmal werden wollte, er ihr psychisch gestörter Patient. Seine Wut überschüttete ihn mit Adrenalin, aber anstatt aus ihrer gefährlichen Nähe zu fliehen, packte er sie grob an den Oberarmen, schüttelte sie und schrie sie an:
„ICH MUß ES TUN! – Du hast ALLES GEHÖRT, was ich Dir je zu diesem Thema GESAGT habe! Das ist die REALITÄT, Caryn, und es kann nicht sein, daß Du den Kopf in den Sand steckst und so tust, als könnte es ewig so weitergehen mit uns!"
EWIG. Weitergehen. Mit UNS. Ewig weitergehen.
Caryn wich nicht zurück, auch sie krallte ihre Hände in seinem Mantel fest und sagte leise, aber bestimmt:
„Ich werde mich aber nicht wegjagen LASSEN, ich werde nächsten Sommer mit Dir herkommen. Ich werde mich durch nichts davon abhalten lassen."
Seine Wut war verraucht, er war irgendwie nicht fähig, dieses Gefühl festzuhalten wie sonst.
„Ich weiß nicht, wie das gehen soll", entgegnete er erschöpft.
„Möchtest Du es? MÖCHTEST Du es eigentlich, daß wir wieder herkommen?"
Wie kann sie das fragen?
„Severus, ich würde es so gerne wissen... ob Du mich… eigentlich…wolltest..."
Wie kann sie das NICHT wissen? Nach all diesen letzten Tagen… Nachdem er sie so sehr…
Ohne ihm ein Mitspracherecht zuzubilligen, zogen seine Arme sie heftig an ihn heran, und Caryn erwiderte das. Er hielt sie fest und wunderte sich, da sie so sehr darauf angewiesen war, das was er hier tat, in Worten ausgedrückt zu hören. Sie mußte doch spüren, daß er sie...
„Ich wünsche es so sehr... Ich muß immer bei Dir sein, Du darfst mich niemals wegjagen, Severus, ich liebe Dich so sehr, ich werde immer..."
Jetzt, Caryn.
„Warum kannst Du das denn nicht wünschen, Severus?" wisperte sie vor sich hin.
Wenn Du wüßtest, wie sehr ich das wünsche.
Er verbiß die Lippen ineinander.
Caryn
Warum konnte sie nur seine nonverbalen Antworten nicht wirklich glauben?
Unmißverständlich hatte er sie an sich gepreßt, und zwar nachdem sie gefragt hatte:
Ob Du mich… willst?
Er WOLLTE sie, er hatte lediglich Angst, daß sie ihn verlassen würde, er traute ihrer Liebe noch immer nicht über den Weg. So war es, und eigentlich wußte sie das auch. In dem Moment, wo sie diese Antworten bekam. Warum verblaßten diese konkret körperlichen Gewißheiten in ihr so unbarmherzig schnell nach Ende der dazugehörigen Wahrnehmungen?
Weil er sich weigert, die Verantwortung für seine Gefühle zu übernehmen. Immer noch.
Geduld. War verlangt. Gerade diese Eigenschaft, die sie von Natur aus am wenigsten besaß, die sie sich am meisten abringen mußte. Und die sie in den vergangenen Tagen im Übermaß benötigt hatte. Sich darin geübt hatte. Gezwungen gewesen bist, Dich darin zu üben. Ruhig und besonnen auf seine Rückkehr zu warten. Auf eine der tausend Rückkehren. Sie war gut gewesen, und immer besser geworden. Die Severus-Snape-Expertin. Wußte ihn zu nehmen in allen Beziehungslagen! Aber sie war müde. Hatte obendrein schlecht geschlafen in ihrer letzten gemeinsamen Nacht. Ihre letzte Nacht für eine lange Zeit… Die letzte für immer?! Sie stieß einen Seufzer aus. Konnte es nicht EINMAL einfach sein mit ihm? Konnte er sich nicht einfach in den Arm nehmen und ihr sagen, daß er noch nie eine Frau so sehr geliebt habe wie sie, und daß er sie heiraten wolle und drei Kinder und für immer mit ihr hier leben…? Stattdessen war schon wieder Taktik gefragt, vorheriges Bedenken, Sensibel und verständnisvoll sein, GEDULD.
Ich hasse es, geduldig zu sein!
Warum mußte das so sein? Warum mußte sie allzeit in ihm lesen, gewissenhaft fundierte Interpretationen seines Verhaltens machen, diese immer wieder sorgfältig überprüfen, ob ihre Schlüsse mit seinem aktuellen Zustand vereinbar waren? Konnte er nicht EIN EINZIGES Mal offen AUSSPRECHEN, was in ihm vorging? Ein einziges Mal zugeben, daß er sie… liebte?… Und wenn auch nur: Jetzt…?
Ach, Du ewig unzufriedene Unruhestifterin! Du glaubst doch nicht im Ernst, daß Du dann Ruhe geben würdest! Die HÖLLE würde er haben, bis er sich Dir ganz ergeben hätte! Und das weiß er.
Betrübt ging sie ein wenig später hinter ihm von Bord, ihren beiden voneinander getrennten, normalen Leben entgegen. Zwei Leben. So viele Grenzen und Unfreiheiten nach dem Paradies der letzten Tage. In diesem Augenblick drehte er sich zu ihr um und hatte drei lange Sekunden einen ohne Zweifel sehnsuchtsvollen Ausdruck in seinen Augen. Ohne Zweifel. Sie hatte drei Sekunden Zeit gehabt, in seinen Augen zu lesen. Bevor er seine Mimik wieder in den Griff bekam.
Liebst Du mich?
WARUM LIEBST DU MICH NICHT EINFACH, VERDAMMT?!
„Das ist nicht so einfach, Caryn", murmelte er.
Herrgott, er konnte doch sogar ihre Gedanken lesen. Da mußte er doch wissen, daß ihre Liebe gut genug war...
„Dein Leben ist noch so lang, Caryn, und Du kennst erst einen so kleinen Teil... Wieviele Männer hast Du überhaupt kennengelernt?"
„Ich möchte Deine Gedanken auch lesen, das ist unfair!" klagte sie ihn an.
„Wie?" Verständnislos wandte er sich zu ihr um. Waren seine Antworten rein zufällig so passend gewesen?
„Du antwortest auf meine Gedanken", erklärte sie ungeduldig.
Sein Gesicht war regelrecht bestürzt. Anscheinend war ihm das nicht einmal bewußt gewesen.
„Das wollte ich nicht, entschuldige bitte..."
Seine Verwirrung brachte sie zum Lachen.
„Du darfst das gerne tun, Severus, es ist nur unfair, daß ich nicht weiß, was Du denkst!"
Ein vorsichtiges Schmunzeln stahl sich in seine Mundwinkel.
„Du könntest mir bei Gelegenheit Legilimentik beibringen", schlug sie vor, plötzlich beinahe verschmitzt.
Sein Mund machte sich endgültig selbständig, und er lachte gequält amüsiert.
„Wenn ich eines über diese verflucht ungewisse Zukunft weiß, dann, daß DAS niemals geschehen wird!" rief er aus.
Ihre Mundwinkel zogen sie mit hinunter.
„Weil Du mich nicht liebst, nicht wahr?"
Sofort wurde er wieder ernst, tat einen tiefen Seufzer und schüttelte langsam den Kopf. Verweigerte ihr eine noch so ungenaue Erwiderung auf DIESE Frage, überging sie schlicht und beantwortete statt derer die vorherige
„Caryn, Du mußt mich doch so weit kennen, um zu wissen, daß ich zu so großer Offenheit nicht tauge."
Gib sie mir, die Antwort auf meine Frage!
„Wenn Du mich aber liebtest, würdest Du..."
Seine Stirn runzelte sich, jetzt war sie in ihre drängelnde Widerwärtigkeit abgerutscht. Sie müßte sich entschuldigen. Die Frage zurücknehmen. Ihn erneut um Vergebung bitten. Stattdessen funkelte sie ihn mit Tränen des Trotzes in den Augen an und preßte verbissen ihre Lippen aufeinander. Sah ihn das gleiche tun. Natürlich war er sauer, weil sie wieder einmal so unbequem war. Caryn holte Luft und stieß die Worte hervor:
„Entschuldige, Severus, ich wollte das nicht sagen. Vergiß es wieder!"
Und wieder tat er es, was sie so schwer glauben konnte. Er trat an sie heran und umarmte sie.
Familienschauspiel
Caryn Montag, 1.3
„Wie schön, daß Ihr da seid! Herzlich willkommen, Severus. Hattet Ihr einen schönen Urlaub? Die Mädchen sind gar nicht da heute Nachmittag, so haben wir unsere Ruhe..."
Caryns inneres Frieren ließ eine unangenehme Gänsehaut entstehen, die sie zwang, die Arme um sich selbst zu schlingen, während sie hinter Severus her ihrer Mutter ins Wohnzimmer folgte.
Sein Gesicht war unverbindlich gewesen, aber er hatte sich hereinbitten lassen. Obwohl sie ihn wirklich mehrfach darauf hingewiesen hatte, daß sie, Caryn, nicht den geringsten Wert auf ein solches Kaffeekränzchen lege. Erst eben wieder, als sie sich auf dem Bürgersteig vor der Gartenpforte ein letztes Mal umarmt hatten. Nachdem sie ihn zu noch einer Umarmung aufgefordert hatte.
„Meine Mutter ist keine Person, mit der Du Deine Zeit verbringen möchtest, Severus, glaub mir. Außerdem mag ICH nicht in ihrer Nähe sein. Sie wird sich aufgetakelt haben. Extra für Dich. Ansonsten würde sie schlapp im Bett herumliegen und…NICHTS tun!"
„Ich werde mir doch die Gelegenheit nicht entgehen lassen, einen Blick in Deine Kindheit zu werfen!"
War es wirkliches Interesse gewesen, das in seiner Stimme mitgeschwungen war jenseits seiner ewigen Ironie?
Was interessiert Dich meine Kindheit, wenn Du mich sowieso wegjagen wirst?
„Ich werde es nicht gern tun", hatte er immerhin gesagt. Tun würde er es trotzdem.
„Meine Mutter wird Dir ein völlig anderes Bild meiner Kindheit vorgaukeln!"hatte sie zu argumentieren versucht. Was ihm nur ein belustigtes Augenbrauengrinsen entlockt hatte.
„Caryn, Du glaubst doch wohl nicht, daß ICH mich von einer FRAU – und sei sie auch DEINE Mutter – täuschen lasse!"
Aber vielleicht umgarnen...? hatte sie wiederum unterdrücken können. Wo allein schon die Vorstellung lächerlich war: Severus Snape, einer werbenden Frau erlegen! Dennoch würde Caryn es weh tun, ihn den Reizen ihrer Mutter ausgesetzt zu sehen.
So zuverlässig gleichgültig ihr ihre Beziehung zu ihrer Mutter vorkam, wenn sie weit weg war, so weh tat es ihr, diese unechte Frau zu erleben, wenn sie voller aufgesetzter Herzlichkeit ihr wahres, liebloses Ich verbarg – sowohl vor ihren Mitmenschen, als auch vor sich selbst. Caryn fühlte sich wie eine fremde Besucherin in diesem Haus, und sie wußte, daß ihre Mutter das ganz genauso empfand. Severus dagegen sollte von der Empfindung eingelullt werden, wie wichtig und unersetzbar er doch sei, wie glücklich gerade ER Melanie machen würde. Sie wollte ihn dazu bringen, für immer bei ihr zu bleiben. Würde er es bei einer wirklich attraktiven Frau lieber tun??
„Ich habe hier am kleinen Tisch gedeckt, wir sind ja eine intime Runde", ließ sich selbige in diesem Augenblick mit einem aufreizenden kleinen Lachen vernehmen. Indem sie ihn zu einem Stuhl geleitete, berührte sie Severus vollkommen zufällig am Arm. Er nahm davon jedoch keine Notiz und sich ließ sich mit unbewegter Miene auf dem ihm zugedachten Stuhl nieder.
Oh ja, umgarnen WÜRDE sie ihn. Das tat Melanie allein aus Reflex, und sie würde Severus keinen Zweifel daran lassen, daß sie es ernst meinte, darüber machte Caryn sich keinerlei Illusionen. Daß ihre häßliche Tochter einen Mann hatte – wie doch der Schein trügen kann! – und sie nicht, konnte ihre schöne Mutter nicht ertragen. Natürlich würde Severus sich nicht von ihr einwickeln lassen, beruhigte Caryn sich unentwegt. Gerade Snape wäre ja wohl der letzte, der auf solch eine Frau hereinfallen würde!
Doch weshalb war er dann hier? Caryn war in den vergangenen Tagen selbstverständlich davon ausgegangen, daß er sich dieser Kontaktaufnahme durch ihre Mutter verweigern würde. Umso überraschter war sie heute gewesen. Einen Blick in ihre Kindheit werfen! Unwillkürlich verzog sie das Gesicht. Natürlich wäre es schmeichelhaft und vielversprechend, daß er sich angeblich für ihre Wurzeln interessierte. Andererseits...
Was, wenn es DOCH die FRAU Melanie Willson ist, auf die er einen Blick werfen will?
Caryn musterte ihren Mann von der Seite, während er höflich, jedoch nicht lächelnd, Melanie zunickte, als es darum ging, ob er Kaffee trinke. Er trinkt grundsätzlich nur seinen eigenen Kaffee! wollte sie ihrer Mutter zuschreien und ihr die mit deren Kaffeemaschinengebräu gefüllte Tasse aus der Hand reißen, die sie ihm auf eine Weise reichte, daß er in einer langen Sekunde die Tasse mit ihr gemeinsam festhielt. Als habe er ihr sich verknotendes Zwerchfell gespürt, warf er Caryn einen schnellen Blick samt Braue zu – um ihr WAS zu verstehen zu geben? Daß es lächerlich sei zu fürchten, er könne für Melanie empfänglich sein? Daß SIE, Caryn, lächerlich sei, wenn sie sich über die völlig unverfängliche Interaktion der beiden aufregte? Daß sie lächerlich sei, wenn sie sich darüber aufrege, daß er andere Frauen attraktiv fand??
Sofort hatte ihre Mutter seine Aufmerksamkeit zurückgefordert, indem sie ihm einen Teelöffel hinhielt und um Milch und Zucker diskutierte. Jetzt… kopfschüttelnd, das war schon richtig, aber auch spöttisch-belustigt, wie er immer war, wie er auch zu IHR war, zu Caryn, beobachtete er die Bemühungen der anderen Frau, sich immerhin in keinster Weise um den Berührungsköder Melanies kümmernd.
Wenn sie nur nicht so attraktiv wäre, dachte Caryn verzagt. Melanie hatte ihr noch kaum faltiges Gesicht sorgfältigst geschminkt, sogar ihr Haar rötlich getönt, und sie trug ein schwarzes, schlauchförmiges Strickkleid, das ihre für vierzig Jahre und drei Schwangerschaften makellose Figur voll zur Geltung brachte. Jetzt lächelte sie den Mann ihrer Tochter gerade voll augenscheinlichen Interesses an, während sie sich noch einmal erhob, um den Kuchen zu verteilen.
Bestimmt hat sie Oma damit beauftragt, den zu backen!
Ein Seitenblick auf ihren Liebsten zeigte Caryn, daß er sehr wohl seine Augen über den Körper der älteren Frau schweifen ließ… War das normal, daß man auf die eigene Mutter eifersüchtig sein mußte?! Warum trank er IHREN Kaffee, Caryns aber nicht? Müßte sie bei Melanie Nachhilfeunterricht nehmen, darin, wie sie ihren eigenen Mann verführen könnte?
WAS TUE ICH HIER EIGENTLICH?!
Caryn schob ihren Teller zur Seite und stand ohne ein Wort auf. Severus sah ihr nur äußerst flüchtig nach, als sie das Zimmer verließ. Ihre Mutter nahm überhaupt keine Notiz von ihr. Natürlich, sie war froh, den Mann in ihrem Haus endlich für sich allein zu haben. Wenn er lieber Melanie haben wollte: Bitte schön! Deprimiert schlich Caryn die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf. Selbstverständlich kam er NICHT auf die Idee, daß es seine Pflicht gewesen wäre, aufzuspringen und ihr besorgt nachzukommen, um sie zu trösten und zu beruhigen und ihr zu sagen: ICH LIEBE NUR DICH, ALLE ANDEREN FRAUEN SIND MIR EGAL!
Lucas hätte das getan für seine Lauren. Seine Verlobte…
Aus dem Alter bin ich heraus, würde Severus solches kommentieren. Was habe ich mit Deinem geringen Selbstwertgefühl zu tun? Davon abgesehen, daß es MICH kränken müßte, daß Du mir nicht vertraust!
Vertraute sie ihm nicht? In Hogwarts hatte sie an die Anderen kaum mehr einen Gedanken verschwendet. Nun war sie dort allerdings auch nicht Zeugin gewesen, wie er offen umworben wurde…
Sie hatte ihm von der Persönlichkeit ihrer Mutter erzählt. Er wußte, mit wem er es zu tun hatte. Obwohl für viele Männer gerade das seinen Reiz hatte. Was natürlich ohnehin egal war, wenn er lediglich mit Melanie schlafen wollte. Wußte sie es? Vielleicht vermißte er ja doch die sexuelle Vielfalt in seinem Leben? – Über diese Frage würde er sehr sauer werden. Zurecht. Sie müßte wirklich das Vertrauen haben, daß er ihre wunderbaren Liebesnächte nicht mutwillig entweihen würde, indem er sich nach anderen Frauen sehnte! Warum quälte sie sich eigentlich so sehr?
ICH WILL AUF UNSERE INSEL ZURÜCK! NUR ER UND ICH FÜR IMMER!!
Caryn rollte sich auf ihrem Bett zusammen und starrte an die Wand. Auch wenn sie die Ohren spitze, vermochte sie keinen Laut aus dem Wohnzimmer zu hören.
Was wollte sie denn hören? – Hatte sie wirklich überhaupt kein Vertrauen in ihn?!
Entnervt sprang sie wieder auf und ging zu ihrem Schreibtisch, an dem die Schreibtischlampe bereits fehlte. In Hogwarts würde alles wieder in den gewohnten Bahnen laufen. Sie war einfach noch nicht gewohnt, mit Severus am normalen Leben auf der Welt teilzunehmen. Und außerdem wurde es Zeit, daß sie von ihrer furchtbaren Mutter wegkam! Sie mochte gar nicht daran denken, daß sie nach Ende ihrer Schulzeit wieder hier einziehen müßte...
Nein, er würde ihr NICHT folgen. Und je länger sie hier oben gewesen sein würde, desto peinlicher würde ihr Auftauchen im Wohnzimmer sein, sagte sie sich schließlich und machte sich tapfer auf den Weg zurück.
Severus
Es gestaltete sich doch schwieriger, als er sich die Sache vorgestellt hatte. Er hatte gedacht, Caryn übertreibe, als sie Angst hatte, daß ihre Mutter sich offen an ihn heranmachen würde. Als jetzt Melanie – er kräuselte die Lippen – in schon peinlicher, in wahrhaft verachtenswerter Weise um ihn herum scharwenzelte, als wolle sie ihn jeden Augenblick anfallen, bereute er schon, daß er sich hatte hereinbitten lassen – und vor allem Caryn damit gekränkt hatte, daß er ihre Bedenken in den Wind geschlagen hatte.
Melanie Willson war schon eine – auf eine traurige Art – beeindruckende Frau, und Severus konnte sich gut vorstellen, daß es reihenweise Männer gab, die sich zum Retter dieser armseligen Person berufen fühlen würden. Von Caryn wußte er, daß ihre Mutter tagelang depressiv im Bett lag und nicht die Energie aufbrachte, sich für irgendetwas auf dieser Welt zu interessieren. Nun, heute war sie eindeutig in der manischen Phase. Strahlend, bemüht, all ihre Aufmerksamkeit auf ihn, den Mann ihrer Tochter – so sah sie ihn natürlich, fügte er in Gedanken rasch, der Ordnung halber, hinzu – gerichtet. Und sie war eine gutaussehende Frau, das konnte man nicht anders sagen. Wobei ihm, Severus, diese Sorte Frauen, die ihre gesamte geistige Energie darauf konzentrierten, beim anderen Geschlecht – das für sie ausschließlich aus potentiellen Liebhabern bestand – anzukommen und sich einen Mann nach dem anderen zu greifen, um ihre innere Leere auszufüllen, ein Greuel waren. Umso erstaunlicher, daß eine solche Frau eine so… besondere Tochter zur Welt gebracht hatte…
Vier Kinder sogar, und das sah man ihrem Körper nicht an. Die Formen ihres Körpers kamen ihm irritierend vertraut vor: Caryn unterschied sich von dem Körperbau ihrer Mutter eigentlich nur durch die Jahre, die zwischen den beiden Frauen lagen. Caryn wird nach ihren Kindern ebenso schön sein, ertappte er sich und konnte nicht einmal nach diesem Sich-ertappt-Fühlen verhindern, daß sich etwas in der Nähe seines Magens schmerzhaft zusammenkrampfte.
Mechanisch registrierte er, daß Caryn aufgestanden war und den Raum verließ.
ER würde alt sein, DANN. Er würde sie sehen, wenn sie am Tag des Schulabschlusses ihr Kind abholte. Er würde Caryn während der offiziellen Feierstunde neben ihrem Mann sitzen sehen – er stieß einen Atemzug aus – und würde sie betrachten, ihr Gesicht, noch immer fast faltenlos, ihren Körper, der immer noch so wäre, wie er ihn gekannt haben würde, so gut gekannt wie keinen irgendeiner Anderen. Wiedererkennen würde er sie mit allen Sinnen. Fetzen ihrer Stimme auffangen. Wissen, wie sich ihre Haut anfühlte. Den Geruch ihrer Haare in der Nase haben. Er würde sie vor seinem inneren Auge haben, wie sie ihn umarmt hatte, geküßt, seinen Namen gehaucht, wenn sie ihn… Dieses Seufzen hielt er in sich.
In der Realität würde sie seinem Blick begegnen, ernst, schon wehmütig, immerhin hätte sie ihn einmal geliebt… bis ihr Mann – kräftig, blond, gutaussehend – ihr besitzergreifend seinen Arm auf die Schulter legen würde, sie mit sich fortziehen…
Sag mal, was TUST Du hier? Suhlst Dich in Selbstmitleid!
Sich straffend, rief er sich zur Ordnung. Versuchte, den zudringlichen Blick jener anderen Frau zu ignorieren und sich dem Kuchen zu widmen. Vorgehabt hatte er, die Stimmung dieses Hauses wahrzunehmen. Etwas über Caryns Kindheit zu erspüren. Klar, auch das war überflüssig in Anbetracht der Tatsache, daß… Er schluckte.
Daß Du sie nicht mehr lange kennen darfst.
Entschlossen wandte er sich der Frau zu, die die Großmutter ihrer Kinder sein würde.
Nimm SIE, dann wirst Du wenigstens Caryns Stiefvater! spottete der zurechnungsfähige Teil von ihm. Mit einem nachdrücklichen Kopfschütteln vertrieb er sämtliche irrationale Gedanken aus seinem Bewußtsein.
Diese depressive Mutter interessierte ihn nun mal. Nicht zuletzt deswegen, weil seine eigene ebenso veranlagt gewesen war. Wenn auch Eileen – als häßliche Variante – als Ablenkung vor der eigenen Schwärze bloß ihren eigenen Mann bemüht hatte. Um Zuwendung und Liebe gebettelt, um sich nicht mehr leer und unliebenswert fühlen zu müssen. Und in Ermangelung liebevoller Zuwendung seitens seines Vaters hatte sie sich und ihrem Sohn durch ständiges Geprügelt-Werden beziehungsweise Sich-prügeln-Lassen immer von neuem beweisen lassen, daß sie nicht liebenswert waren. Melanie, wußte er, tat selbiges in ganz ähnlicher Manier, indem sie sich an einen unerreichbaren Mann gehängt hatte, sich von ihm ausnutzen ließ, ohne widergeliebt zu werden. Und alle übrigen Männer, die sie so effektiv zu verführen wußte, benutzte sie laut Caryn lediglich dazu, ihr Selbstwertgefühl durch theoretische Bestätigung aufzuwerten, um diese destruktive Beziehung aushalten zu können. Obschon Severus sich kaum vorzustellen vermochte, daß diese aufdringliche Frau es beim WILLEN des Mannes beließ…
„Sie sind doch wohl kein Schüler mehr, Severus…" erkundigte Melanie (Er brachte nicht über sich als von ihr zu denken, Willson war entschieden zu nah an Caryn) sich anzüglich, sich zu ihm über den Tisch lehnend. Gerade noch rechtzeitig nahm er seine Hand weg.
Nicht mit mir, MELANIE!
Und ebenso wenig war er hier, um über sich selbst zu reden. Er richtete seine geistige Energie jetzt bewußt legilimentisch auf die enttäuscht aussehende Frau ihm gegenüber. Eine Welle heftiger, verzehrender Sehnsucht überrollte ihn. Reflexhaft schottete er sich ab und setzte sich auf seinem Stuhl weiter weg von ihr. Puh, darin war dann doch eindeutig Caryn wiederzuerkennen. So viel unbändiges Gefühl, allerdings ohne die Fähigkeit – welche Caryn besaß – sich von sich selbst zu distanzieren und auf einer Metaebene über die eigene Person zu reflektieren, und vor allem: sich in andere Personen hineinzuversetzen. Ohne diese Eigenschaften konnten so intensive Emotionen nur verheerend sein!
Es war ein Fehler gewesen, herzukommen. Von einer sich zwanghaft anbietenden Frau würde er keine Einzelheiten über deren Tochter erfahren – wobei er ja eigentlich auf diese indirekte Weise schon mehr als genug erfahren hatte. Er hatte das starke Bedürfnis, Caryn vor dieser aufdringlichen, egoistischen, destruktiven, vor dieser gefährlichen Person zu schützen – und nicht zuletzt sie davon abzuhalten, ihn selbst und Caryn mit ihrer schamlosen Aufforderung zur Untreue zu mißbrauchen.
„Ich wünsche nicht, daß Sie mich berühren", er zögerte nur einen winzigen Moment, „MRS. Willson", stellte er mit seiner kältesten Snape-Stimme fest. Dann blieb ihm der Mund offen stehen vor Verblüffung.
„Das glaube ich Dir nicht, Sivírus…"
Diese Frau hatte seinen Namen wie Caryn ausgesprochen – obschon letztere ihn bei der Vorstellung neutral betont hatte. Ekel breitete sich in ihm aus. Hatte diese Frau ihn und Caryn vor dem Haus belauscht?! Hatte zugesehen, wie er Caryn gehalten, ihr Gesicht gestreichelt, sie angelächelt hatte – um sich ihm gegenüber dann jetzt trotzdem derartige… Ungeheuerlichkeiten herauszunehmen?! Wie konnte sie ihrer eigenen Tochter derartiges antun? Wie krank mußte sie sein?
Zu allem Überfluß hatte diese Person sich nun erhoben und machte einen Schritt auf ihn zu. Noch einen. Eine neue Welle ihres unkontrollierbaren Verlangens schwappte zu ihm herüber, ihre uferlosen Bedürfnisse würden sie nicht halt machen lassen, sie wollte ihn umklammern, ihn aussaugen, sich von ihm nähren. Automatisch war er mit aufgestanden, um Zugriff auf seine gesammelte Autorität zu haben. DIE würde nicht einmal davor zurückschrecken, sich ihm auf den Schoß zu zwängen!
Ihr Gang, die Vehemenz ihrer Entschlossenheit, die Art, wie sie den Mund anspannte… all das rief grotesker Weise die plötzliche Erinnerung an Caryn in ihm wach, wie sie zum allerersten Mal in seine Arme appariert war – und so vor allen Leuten seine tiefste Sehnsucht erfüllt hatte. Wie absolut anders fühlte sich diese ihr so ähnliche Frau an…
Er machte seine Aura undurchdringlich.
„Ich habe gesehen, wie Du mich angesehen hast…", sprach diese Frau davon unbeirrt weiter. Was für ein Glück, daß Caryn nicht im Zimmer ist, schoß ihm durch den Kopf. Und er hatte ihre Eifersucht belächelt!
Ich habe Sie angesehen, indem ich mir Caryn in zwanzig Jahren vorgestellt habe, ging sie eindeutig nichts an. Obschon es wohl effektiver gewesen wäre als ein schlichtes, wenn auch scharfes:
„Es gibt verschiedene mögliche Motive, jemanden anzusehen!"
„Aber keine, die rechtfertigen würden, eine Frau SO genau zu betrachten", flötete sie kokett mit schief gelegtem Kopf einen Meter vor ihm. Ein letztes Aufbäumen. Näher kommen würde sie nicht. Mit seinem warnendsten, durchdringendsten Blick hielt er sie auf Abstand und registrierte erleichtert, daß er über die Macht verfügte, sie nicht anfassen zu müssen, um sie vom letzten Schritt zu ihm abzuhalten.
Bleib mir vom Leib!
„Ich werde mich jetzt von Caryn verabschieden und gehen", stellte er eisig fest, sie mit einem ebensolchen Blick festnagelnd.
„Und SIE, , werden einen Schritt zurücktreten."
SIEH MICH AN!, fühlte er sich veranlaßt, zusätzlich legilimentisch hinterherzuschicken. ICH WILL DICH NICHT!
Sicher ist sicher.
Auf seine natürliche Autorität in Verbindung mit dieser härteren Gangart war auch in dieser Situation Verlaß. Zum ersten Mal während ihrer… Interaktion hatte Melanie Willson den Anstand, zurückgewiesen auszusehen. Langsam drehte sie sich von ihm weg, und es war auf eine bestürzende Art faszinierend, wie ihre aufreizende, aufdringliche, penetrante Weiblichkeit in sich zusammenfiel wie ein Soufflée, das zu rasch aus dem Ofen genommen worden war. Ohne sich noch einmal zu ihm umzuwenden, ohne ein Wort ging diese Frau – oder das, was davon übrig war – hastig aus dem Zimmer.
Um fast mit ihrer Tochter zusammenzustoßen, welche in diesem Moment die Treppe heruntergesprungen kam. Gebannt verfolgte Severus, wie sich Caryns Gesichtsausdruck wandelte: von verbissener Sorge – hatte sie wirklich für möglich gehalten, daß ihm Melanie gefährlich hätte werden können?! – über Verwirrung, mit der sie zwischen ihm und ihrer Mutter hin und her schaute, bis hin zu einer verhaltenen Form von Erleichterung.
Was denkst Du, was ich mit Dir will, wenn ich Dich von früh bis spät und immer zu umfangen wünsche?! Wie kannst Du auch nur in ERWÄGUNG ziehen, daß ich nur den HAUCH eines Verlangens haben könnte, auch bloß ein AUGE auf eine andere Frau zu werfen?! Bist Du blind und taub?!
Er blieb stehen und sah sie an.
„Ich sollte jetzt aufbrechen", sagte er.
Abschied von sentimentalen Idioten
Caryn
Sie hatte kaum Zeit gehabt, Melanies Gesichtsausdruck als beruhigend frustriert zu analysieren, als Severus sie mit seinem Abschied konfrontierte. Dieser Nachmittag war einfach ganz furchtbar gelaufen!
„Ich komme mit raus, warte!" rief sie panisch, während er sich schon seinen Mantel von der Garderobe nahm. „Gibst Du meinen auch?"
In dem Moment, wo ihre Mutter im Obergeschoß ihre Tür zuknallte, zog Severus hinter ihnen die Haustür zu. Ohne Zweifel war er verärgert. Bestimmt fand er es unmöglich, daß sie ihn mit Melanie alleingelassen hatte. Wo sie doch wußte, daß er mit ihr nichts anfangen würde.
Oder wolltest Du ihn auf die Probe stellen?
„Warum läßt Du mich mit ihr allein, wenn Du Angst hast, ich würde über sie herfallen?" fragte er dann auch, als er sich im Vorgarten zu ihr wandte – allerdings nicht ausschließlich streng, wie sie erwartet hatte, sondern auch … mit einem gewissen Bedauern in der Stimme. Sein – eigener Gefühle ungeachtet – unbarmherzig forschender Blick machte ihr unmöglich, den Schritt in seine Arme zu machen. Verkrampft holte sie Luft. Suchte nach Worten, während das einzige, das sie in Wahrheit tun konnte, war, an seiner Brust darüber zu heulen, daß sie eine so schreckliche Mutter hatte.
„Du hast sie so angesehen..." rutschte ihr heraus, und es war zu spät, sich auf die Zunge zu beißen.
„Ich habe sie angesehen, aha. Und Du glaubst, daß ich eine Person nur zu dem Zweck ansehe, sie dazu einzuladen, sich mir zu nähern!" warf er ihr vor. Sarkasmus fehlte in seinen Worten. Er war wirklich enttäuscht von ihr. Sie mußte einlenken, ihn besänftigen, sonst würde sie ihn gleich so weit haben, daß er Reißaus nehmen und sie allein hier stehen lassen würde, ohne Abschied, ohne Umarmung, ohne Wiedersehenstermin. Verdammt, die Ferien mit ihm waren trotz allem so wunderschön gewesen, und sie brachte es fertig, beim Abschied Streit anzufangen!Die Tränen waren zu viele, um sie alle hinunterzuschlucken.
Na klar, heul nur, es gibt kaum einen zuverlässigeren Weg, ihn zu vertreiben! Mit Ausnahme dessen, noch einmal zu erwähnen, daß Du Dir drei Kinder mit ihm wünschst!
„Du SOLLST sie aber nicht ansehen!" trotzte sie ohne Chance, sich zu stoppen, und sie hörte sich – sozusagen als Dreigabe zu der Zumutung, die der Inhalt dieser Forderung für ihn darstellte – auch noch quengelig an. Wie war das mit den Tagen, an denen man im Bett hätte bleiben sollen?!
Ich will mit Dir in UNSEREM Bett in UNSEREM Haus auf UNSERER Insel sein!
„Du kannst ja wohl kaum darüber bestimmen, wo ich HINSEHE, Caryn!"
Jetzt klang er wirklich gefährlich.
„Es… Es tut… Ich wollte nur…"
Es tut mir leid, heißt es!
Die Worte verknäulten sich in ihrem Mund, und sie mußte einen neuen Anlauf machen, als er sie unvermittelt an den Oberarmen faßte und sie zwang, ihn anzusehen.
„Ich erwarte, daß Du mir vertraust. Ich habe Dir gesagt, daß ich neben Dir keine anderen Frauen haben würde", verlangte er ruhig und bestimmt.
„Ich weiß. Ich weiß es auch. Nur… meine Mutter ist so… sie ist so furchtbar…"
Endlich nahm er sie in die Arme. Stieß ein ungläubiges Auflachen aus.
„In der Tat, das ist sie wirklich. Ich habe die ganze Zeit über die Ungeheuerlichkeit nachgedacht, daß DIESE Frau DEINE Mutter ist", sagte er, und diese Aussage – einhergehend mit einer nachdenklichen Weichheit in seiner Stimme – fühlte sich zweifellos… gut an. Sie sollte endlich aufhören, ihre Traurigkeit an ihm auszulassen, zu der ER ihr keinen Grund gegeben hatte.
Bis auf seine andauernde Weigerung, Dich zu heiraten, meinst DU!
Die Tränen waren nicht weit weggewesen. Mist! Caryn blinzelte mehrfach, wütend auf sich selbst.
„In manchem habe ich Dich allerdings in ihr wiedergefunden", schockte er sie in diesem Moment.
Um Gottes Willen!
Severus griff wieder nach ihren Oberarmen, um sie aufmerksam aus der Distanz heraus betrachten zu können, als vergleiche er ihren Anblick mit Melanies Erscheinung aus seinem Gedächtnis.
„Ich soll ihr ähnlich sein?! Das bin ich ganz bestimmt nicht!" wehrte sie energisch ab.
„Doch, doch, eindeutig. Körperlich bist Du ihr sogar sehr ähnlich. Du bewegst Dich auch wie sie. Und manche Deiner Gesichtszüge habe ich in ihr wiederentdeckt. Sehr interessant. Auf einer Muggelphotographie wäre diese Ähnlichkeit gar nicht sichtbar gewesen."
Etwas blieb gerade ungesagt, spürte sie. Was sollte sie davon halten? Wollte sie dieser Frau wirklich ähnlich sein? So schön ihre Mutter aussah: Was, wenn sich die Ähnlichkeit doch auch auf ihr Wesen erstreckte?
„Freu Dich doch", setzte Severus dazu. „Wenn Deine Mutter mit vierzig und nach mehreren Kindern noch so gut aussieht, wirst Du das auch später!"
Ein wenig abrupt zog er Caryn wieder an sich, drückte seinen Mund auf seinen Platz auf ihrem Kopf. Erst dann murmelte er so leise, daß sie kaum hören konnte – und genau das sollte sie auch nicht, wie ihr dann klar wurde, falls sie seine bitteren Worte richtig entschlüsselt hatte:
„UndwennichDichdannsehebinichaltundDuanderSeiteDeinesMannes…"
„Sag das noch einmal!"
Sie brachte sich auf Abstand und sah ihm auffordernd ins Gesicht. Ertappt fühlte er sich, nein, offensichtlich hatte sie sich nicht verhört. Jetzt wappnete er sich. Nein, er dachte gar nicht daran, diese Worte laut zu wiederholen. Ihr dabei ins Gesicht zu sehen. Dazu zu stehen, was er da gesagt hatte. Heftig machte sie sich ganz von ihm los.
Was bildete er sich ein?! Daß er sich erlauben könne, sich in seinen Äußerungen bezüglich ihrer Beziehung ständig zu widersprechen? Alles zu sagen und gleichzeitig nichts?! Alles zu TUN, dem aber sämtliche Bedeutung zu nehmen?!
Er wähnte sich auf der sicheren Seite. Glaubte, Caryn würde dankbar jedes seiner ihr hingeworfenen Krümchen aufpicken und – vom unschätzbaren Wert dieser der Liebe, die offiziell nicht existierte, vollen Andeutungen abgespeist – großzügig darüber hinwegsehen, daß jede seiner Aussagen, die er darüber machte, daß sie ihm sehr wohl viel bedeutete, so vage und unbestimmt war, daß sie sich niemals darauf würde berufen können, wenn er sie im Sommer verließe!
Ich habe Dir nie etwas versprochen, konnte er ruhigen Gewissens behaupten. Und dabei den Schmerz in seinen Worten eben leugnen. Leugnen, daß er sie zumindest auf eine gewisse Weise liebte, wenn er sie umarmte. Leugnen, daß er sich wünschte, von ihr geliebt zu werden, und nicht nur JETZT!
Er verbot ihr, an die Zukunft zu denken, um dann selbst ständig davon anzufangen. Er erzählte ihr, daß es notwendig sei, daß sie sich trennten, während er sie ansah und festhielt, als wolle er niemals damit aufhören. Er liebte sie in seinen Armen und konnte immer behaupten, daß sie sich das nur eingebildet habe. Wann immer es brenzlig wurde, lief er entweder weg, oder er zog sich auf seine sichere ironische Ebene zurück, wo er ihr alles sagen konnte, ohne daß sie ihn darauf würde festnageln können.
Du bist so unfair!
Severus
„Sag es mir ins Gesicht, daß DU die Zukunft mit mir WÜNSCHST!" funkelte sie ihn zornig an. Im Geiste rückte er von ihr ab. Er war eindeutig zu weit gegangen mit seinen Äußerungen, wenn sie ihm DAS ins Gesicht sagte.
„Ich sage nichts, was ich nicht halten kann!" wies er sie zurecht, seinem Ton eine Extra-Schärfe verleihend, um sie davon abzulenken, daß er selbst mit dieser Aussage viel zu viel von sich preisgegeben hatte. Verdammt, diese Ferien hatten ihm wirklich den letzten Nerv gekostet! Natürlich war ihm klar, daß diese Worte, die unbedachten Worte vorhin in ihr Haar, all diese wunderschönen Liebesstunden auf ihrer Insel den Kampf, den Caryn um ihn führte, für sie nur noch lohnender gemacht hatten. Er mußte sie von sich weghalten. Er mußte sie JETZT von sich weghalten. Er war eindeutig in einer Stimmung, in der sie ihm sehr gefährlich werden konnte.
„Es ist egal, was ich dir sage oder gesagt oder nicht gesagt habe: Wir werden NICHT die Zukunft miteinander verbringen."
Das war eine eindeutige Aussage, die sie ja verlangt hatte, und sowohl der Ton, in dem er sie vorgebracht hatte, als auch sein fester, unnachgiebiger Blick, mit dem er Caryn jetzt belegte, war voll seiner Autorität, welche vorhin doch sogar ein komplett verrücktes Weibsbild wie Melanie Willson dazu gebracht hatte, von ihm Abstand zu nehmen. Hatte er geglaubt, daß das auch für ihre Tochter gelten könnte?! Diese hatte sich vor ihm aufgebaut und erwiderte seinen Blick buchstäblich grollend, wie eine kämpfende Löwin, die ihre Jungen gegen ein fremdes Löwenmännchen verteidigt.
Aber sie wünscht sich diese Kinder mit Dir, Severus…
Wie sollte er sich davon, daß sie ihn verlassen mußte, überzeugt zeigen, wenn alles, was er tun wollte, war, diese starke, tapfere, mutige junge Frau für immer in seine Arme und in sein Leben zu sperren?
„Da machst Du es Dir aber verdammt einfach, Se-ve-rus Snape!"
Daß sie seinen Namen normal ausgesprochen hatte, traf ihn so sehr, daß die Wut in ihm hochschnellte wie Magma in einem Vulkanschlot.
Wie kam diese Frau dazu, ihn unter dem Mantel der Liebe nach Belieben zu manipulieren?!
Wie kommst DU dazu, Severus, sie erst in die Lage kommen zu lassen, Dich manipulieren zu KÖNNEN?
Er trat einen Schritt zurück.
Wie konnte ER ihr die Macht einräumen, daß sie ihn ständig dazu brachte, Dinge zu tun oder zu sagen, die er ihr niemals zu verstehen geben dürfte?!
„Ich werde jetzt gehen, Caryn", behauptete er dreist, und nicht einmal seine Wut konnte vermeiden, daß er bereits ihre Arme um ihn erwartete, die ihn genau daran hindern würden.
Welch ein erbärmlicher, sentimentaler, schwacher Idiot Du doch bist, Se-ve-rus Snape!
Da waren ihre Hände.
Ein Idiot, der obendrein das Glück hat, daß sie immer von sich aus DAS tut, was Du Dir von ihr wünschst!
„Sivírus, verzeih mir, bitte geh nicht."
Damit, daß es ihr gelang, ihre Stimme bei diesen Worten absolut ruhig zu halten, daß sie es schaffte, sämtliche Bestandteile ihres Gefühlscocktails in sich verborgen zu halten, nicht einmal ihre mit Sicherheit vorhandene Angst zu ihm dringen zu lassen, beeindruckte sie ihn wider Willen so sehr, daß sein Zorn sich verflüchtigt hatte, ehe er sich wieder ins Gedächtnis hätte rufen können, daß er überhaupt wütend auf sie gewesen war. Einen Moment lang verbot er sich, in ihre Umarmung zurückzukehren.
„Ich muß ohnehin gehen, Caryn", erinnerte er sie beide, und in seinen erbarmungslosen Worten schwangen dennoch sämtliche dieser idiotischen Stimmungen mit. Ihre Arme schlangen sich um ihn, ihm ihrerseits diese Idiotie ebenso erbarmungslos liebe-voll heimzahlend.
„Ich weiß, Sivírus", sie sprach seinen Namen ganz bewußt. „Aber nicht, ohne Dich zu verabschieden."
Caryn
Ihr Herz war so schwer, und sie mußte sich abmühen, das zu verbergen, um nicht so fordernd zu wirken; merkte aber, daß Severus es dennoch wußte. Ihr zuliebe ließ er jetzt alles Anstrengende von eben außer acht, als er sie endlich wieder festhielt. Er sagte nichts.
„Verzeihst … Du … mir… meinedummeWiderwärtigkeit?"
Jedes einzelne Wort auszusprechen, fiel ihr schwer, und sie war froh, ihn dabei nicht ansehen zu müssen. Er zwang sie nicht, wie er es sonst gewiß getan hätte, um sie beide mit seiner sarkastischen Distanz davon abzuhalten, sich wirklich mit dem Thema auseinanderzusetzen. War das ein Fortschritt? Oder war er vielleicht auch nur selbst ganz froh, heute Abend eine direkte Konfrontation vermeiden zu können? Er seufzte bloß. Angestrengt. Was sollte er auch sonst tun? Caryn WAR anstrengend. Unerträglich anstrengend. Es war ein Wunder, daß er immer noch bei ihr war. Ihr Seufzen war nicht weit von einem Aufschluchzen entfernt.
„Ach Caryn…" kam nur von ihm. Und wieder ein Seufzen.
„Es war wunderschön, mit Dir dort zu sein", sagte sie leise.
Nachdem sie ihm vorhin seine Inkonsequenz um die Ohren gehauen hatte, würde er so etwas natürlich nie mehr aussprechen, aber vielleicht konnte sie zumindest seiner nonverbalen Reaktion entnehmen, wie er jetzt – nach diesem Tag – zu ihren Ferien stand. Bisher waren wenigstens keine Anzeichen entrüsteten Widerwillens in ihm auszumachen. Caryn hatte ihren Kopf so gedreht, daß sie ihn – wenn auch von unten – ziemlich genau beobachten konnte. Er hatte den Mund verzogen, aber eindeutig nicht vor Ärger. Das war immerhin eine Antwort. Keine schlechte Antwort. Gut genug, um weiterzumachen. Behutsam.
„Du hast auf unserem Spaziergang gesagt, daß es für Dich auch schön war." Noch immer kein Zusammenzucken, keine Hinweise auf Ekel oder Entrüstung. Also dann: „Stimmt das noch?"
Das überfällige entnervte Aufstöhnen. Dann ein:
„Ja, Caryn!"
Die genervte Intonation nahm dieser Erwiderung zweifellos einen Teil ihrer Glaubwürdigkeit. Aber das war nicht mehr zu ändern. Vergrößerte vielmehr die Notwendigkeit, daß Caryn dringend Sicherheit benötigte, bevor sie sich gleich trennten: Die Sicherheit, daß alles gut war.
„Wir werden im Sommer wieder dorthin fahren."
Keine Nuance seines Mienenspiels entging ihr. Das reflexhafte Runzeln seiner Stirn, der Hauch einer Sehnsucht, die für einen winzigen Moment durch seinen Blick wehte, bevor er sich wieder verschloß. War der winzige Moment zu kurz gewesen, um seine Sehnsucht zuverlässig wahrzunehmen? Aber es HATTE ihm wehgetan, sich Caryn mit einem anderen Ehemann vorzustellen. Konnte man daraus nicht den logischen Schluß ziehen, daß…
„Es hat keinen Sinn, weiter darüber zu sprechen, Caryn, wir wissen nicht einmal, ob Du es dann überhaupt noch möchtest." ICH! Nicht ER! Ihren Widerspruch ihrer selbst bezüglich, den sie doch auch schon tausendfach vorgebracht hatte, bügelte er ein weiteres Mal nieder: „Und daß Du mir JETZT sagst, daß Du es DANN noch möchtest, ist einfach ebenso sinnlos, und das weißt Du auch, Caryn."
„Möchtest Du es?" beharrte sie – noch während sie es aussprach, von ihrer eigenen Penetranz genervt. Jetzt würde er doch noch ohne Abschied disapparieren! Völlig verblüfft – und auf eine ganz unmittelbare Art bis ins Mark getroffen – erkannte sie im nächsten Moment, daß er sie auslachte. Nicht böswillig, nicht wirklich verletzend, aber amüsiert. Er AMÜSIERTE sich über ihre unverbesserliche Widerwärtigkeit. Verletzt floh sie aus dem Körperkontakt. Anstatt sie ernst zu nehmen, sich angegriffen zu fühlen, sie in ihre Grenzen zu weisen, sie anzuschreien, daß sie endlich vernünftig sein solle – lachte er sie aus! Ließ ihre doch gerechtfertigten Bedürfnisse an sich abprallen. Wertete sie dadurch ab. Ließ Caryn allein, entzog sich ihr auf die andere Ebene, auf der er unantastbar war.
„Deine Beharrlichkeit ist beachtlich!" machte sie ohnmächtig wütend hilflos stumm.
Severus
Caryn kämpfte. So anstrengend das war, sie tat das, was sie tun mußte, wenn das die Wahrheit war, was sie sagte und fühlte: Ich will Dich. Und daß er ihr SICH nicht geben konnte, dafür konnte sie nicht. Dafür konnte ER nicht. Sie kämpfte gegen Windmühlenflügel, aber sie tat es um IHN, und sie tat es mit der Stärke, mit der Überzeugung, mit dem Stolz, mit der Unbeirrbarkeit, mit der sie früher GEGEN ihn gekämpft hatte. Und HATTE ER sich nicht begehrlichst gewünscht, daß sich ihre Gefühle für ihn umkehren sollten? Er lachte ein sarkastisches Lachen. Er war schon damals ein sentimentaler Idiot gewesen.
„Deine Beharrlichkeit ist beachtlich."
In einem ihn quasi anspringenden Anflug ohnmächtigen Zorns floh Caryn aus seiner Umarmung. Er hatte sie verletzt.
„Und was ist mit Dir, Severus?" fragte sie – ihr Tonfall eine zitternde Mischung aus Wut, Trotz, Hysterie… Trauer. IHR stand nicht die Flucht in den Zynismus offen. Was sollte er darauf antworten?
Ich kann nichts tun, daß es Dir besser geht, mein Herz…
„Ich bin sicher, Deine Beharrlichkeit reicht für uns beide!" versuchte er ein Lachen.
Selbstredend lachte Caryn nicht. Gekicher kam in diesem Augenblick von der Gartenpforte. Rasch sammelte sich Severus.
„Deine Schwestern. Ich sollte jetzt gehen."
„Severus, nicht SO! Noch nicht!" Pure Panik in ihrer Stimme. „Bitte! Wir müssen uns RICHTIG verabschieden, laß uns warten, bis sie drinnen sind…!"
Die beiden kleinen Mädchen dachten definitionsgemäß nicht daran, dies in die Tat umzusetzen. Caryn und ihn angaffend, blieben sie mitten auf dem Gartenweg stehen. Nun war es an Caryn, sich zu straffen. Sie schien größer zu werden.
„Geht rein!" befahl sie in strengstem Große-Schwester-Ton. Severus musterte sie von der Seite, fasziniert von ihrer Verwandlung von der verzweifelten Geliebten hin zum autoritären Familienoberhaupt. Zu ihren Kindern würde sie wohl liebevoller sein…
SEVERUS!!
An die vorpubertierenden Schwestern war ihre rigorose Aufforderung dennoch verschwendet. Doch Caryn war auch nicht verlegen um slytherin'sche Verhaltensoptionen. Sie baute sich jetzt den beiden gegenüber an seiner Seite auf, ihn demonstrativ am Arm nehmend:
„Severus", wieder betonte sie seinen Namen auf die herkömmliche Art, diesmal ihm damit zeigend, daß ihr Sivírus eine absolute Privatangelegenheit war. Sein Lächeln daraufhin war natürlich nicht professionell – nicht einmal erwachsen…„Severus bereitet es keinerlei Mühe, Euch einem Vergessenszauber zu unterziehen, wenn ihr seiner Meinung nach zu viel von ihm gesehen habt. ER KANN so etwas!"
Das bewog die Zwillinge, sich ziemlich rasch ins Haus zu begeben. Sobald die Haustür hinter ihnen ins Schloß gefallen war, wandte Severus sich seiner Geliebten zu, die daraufhin sofort die Berührung seines Armes auf den Rest von ihm ausdehnte – naja, auf den unter all den winterlichen Kleidungsstücken völlig unzureichend zugänglichen Rest von ihm. Was aber ohne Belang hätte sein sollen, wo ihre letzte Ganzkörperberührung noch keine zwölf Stunden zurücklag…
„Ich bin beeindruckt von Ihren Qualitäten meines Hauses, Miss Willson!" Dieser Art der Ironie konnte Caryn nie widerstehen und quittierte es mit einem kleinen, aber beglückten Lachen. Er drückte sie kurz. „Und in ebendieses Haus muß ich nun doch einmal zurück", beließ er ebenso ironisch, dabei perfekt seine Wehmut überdeckend, welche ihn just in diesem Augenblick heimgesucht hatte. Caryn machte sich steif.
„Morgen ist Dienstag...", ließ sie in der Luft zwischen ihnen stehen. Sein spontanes Na und? ließ IHN sich versteifen.
Wie soll ich Deinen Weggang überleben, wenn Du mir jedes Gerüst nimmst?
„Willst Du damit andeuten, daß Du stark genug bist, Dich bereits morgen wieder meiner Nähe auszusetzen?" fragte er spöttisch, sich während dieser umständlichen Worte seiner Meinung dazu bewußt werdend. Welchen Sinn sollte es haben, auf dieser künstlichen Konstruktion zu beharren, wenn die Grenzen, die er mit solch einem Gerüst voraussetzte, sich schon lange aufgelöst hatten?
„Ich will damit sagen, daß ich nicht aushalten könnte, Dich morgen unerreichbar am Lehrertisch zu sehen, wenn ich nicht die Aussicht auf Deine spätere Nähe hätte..."
Ihr Ton war aufmüpfig, ganz im Gegensatz zu dem Inhalt ihrer Worte. Severus verzog den Mund, um nicht offen darüber zu lächeln.
„Und Du meinst, ich würde natürlich unter GAR keinen Umständen wollen, daß Dir etwas unerträglich ist", stellte er ironisch fest.
DAS plötzlich war zu viel gewesen. Caryn explodierte regelrecht. Alles das, was sie im vergangenen gedeckelt schwelenden Streit nicht ausgesprochen hatte, alles, was sie in den vergangenen Tagen hinuntergeschluckt hatte, alles, woran sie sich an ihm jemals gestört hatte, schien aus ihr herauszubrechen. Severus im wahrsten Sinne von sich stoßend, stolperte sie rückwärts, weg von ihm, um nach vorne dann schrittweise wieder auf ihn zuzukommen, während sie ihm ihren Frust regelrecht an den Kopf schleuderte. Völlig unvermittelt, völlig unangemessen, ihn völlig überrumpelnd.
„Ohja, weil du dich ja so sehr um MEIN Wohlergehen sorgst, um MEINE Bedürfnisse! Weil ICH ja diejenige bin, die DICH braucht, und DU als großer Menschenfreund MIR – gnädig wie du bist – Deine Gesellschaft gewährst…DIR wäre es EGAL, wenn wir uns GAR NICHT MEHR SEHEN würden, ja?! Dir ist ALLES egal. Ob wir zusammen sind, ob wir uns sehen, ob Du mich liebst, ob ich Dich liebe, ob ich Dich verlasse... Um alles muß ich betteln, Severus! Ich stehe vor Dir, dem STARKEN, dem Unabhängigen, dem Unantastbaren, und erbettele mir Deine Zeit, die Du mir nicht freiwillig gibst. Nichts tust oder sagst Du freiwillig, ich trage die Verantwortung dafür, daß es weiter geht mit uns. Ich komme zu Dir an den festgelegten Tagen. Ich springe, wenn Du mir Ausnahmen schenkst. Ich bitte Dich, mich Weihnachten bei Dir zu ertragen. Ich flehe Dich an, daß Du mich im Sommer wieder mitnimmst. VON DIR AUS WÜRDEST DU NICHTS TUN! Wir wären nicht auf der Insel gewesen. Wir würden uns in Hogwarts nicht treffen. Wir wären nicht zusammen, wenn ich nicht ALLES tun würde. SO WILL ICH DAS NICHT, Severus! Das ist so unfair, wirklich, SO unfair...!!"
Völlig perplex hatte er den Schwall ihres Frustes über sich ergießen lassen. Diese Explosion war – gerade weil sie eben doch sämtliche Klippen sicher umschifft, eine Eskalation der unterschwelligen Konflikte erfolgreich vermieden hatten – aus heiterem Himmel über ihn hereingebrochen. „SO WILL ICH DAS NICHT…" Hieß das…Sie wollte ihn nicht mehr?! Das hieß es, das hatte sie gesagt! Wie KONNTE sie das? Wie konnte sie so unzufrieden sein, nachdem sie in den letzten Tagen so viel miteinander gemeistert hatten? Nachdem er sie so nah an sich herangelassen hatte wie keine zuvor? Nachdem, wenn Du mir Ausnahmen schenkst. Ich bitte Dich, mich Weihnachten bei Dir zu ertragen. Ich flehe Dich an, daß Du mich im Sommer wieder mitnimmst. VON DIR AUS WÜRDEST DU NICHTS TUN! Wir wären nicht auf der Insel gewesen. Wir würden uns in Hogwarts nicht treffen. Wir wären nicht zusammen, wenn ich nicht ALLES tun würde. SO WILL ICH DAS NICHT, Severus! Das ist so unfair, wirklich, SO unfair...!!"
Völlig perplex hatte er den Schwall ihres Frustes über sich ergießen lassen. Diese Explosion war – gerade weil sie eben doch sämtliche Klippen sicher umschifft, eine Eskalation der sie immer wieder so… glücklich miteinander gewesen waren? Hatte alles, was er ihr gegeben hatte, was er für ihre Nähe in Kauf zu nehmen bereit gewesen war, keinen Wert für sie?
Da hast Du es wieder! Du bist offensichtlich nicht im entferntesten in der Lage, ihr das zu geben, was sie braucht! Hier ist ihre LIEBE zu ende.
SIE WILL DICH NICHT MEHR.
Hatte Caryn nicht jedes Zugeständnis, das er ihr gemacht hatte, als Geschenk voller Freude willkommen geheißen? Um diese ihm jetzt um die Ohren zu schlagen als wertlos? Als Zeichen, daß er keine Verantwortung übernahm? Daß sie ihm nicht wichtig sein sollte?
Kraftlos wandte Caryn sich ab und wankte einen Schritt in Richtung Haus. Snapes Enttäuschung war in Wut umgeschlagen, mit der er ihr nachzischte:
„Du machst den Eindruck, als würde es Dir gut tun, Dich bis auf weiteres von der Zumutung, die ich zu sein scheine, zu erholen!"
Damit drehte er sich um und disapparierte, ohne zu zögern, an den Rand der Ländereien von Hogwarts.
Caryn
Was hatte sie getan? Wie hatte sie dermaßen überreagieren können und damit alles auf's Spiel setzen, was zwischen ihnen gewesen war in den letzten Tagen? Wochen? Monaten!
So wie sie auf genau den Punkten herumgeritten war, die sie an ihm akzeptieren MUßTE. Sie hatte von ihm Zugeständnisse verlangt, die er ihr nicht bereit war zu machen. Sie hatte ihm unmißverständlich zu verstehen gegeben, daß sie sich ohne diese Zubilligungen nicht zufrieden geben könne. Daß er und die äußeren Bedingungen so waren, daß sie mit ihm keine Beziehung führen könnte. Daß sie nicht jeden Preis bezahlen würde, um jetzt bei ihm zu sein.
Aber es IST so! Das IST unfair, wie er mich behandelt!
Nichts gab er freiwillig von sich preis. Um alles mußte sie ihn bitten. Auf der anderen Seite zeigte er ihr so überdeutlich, daß er in ihrer Nähe aufblühte, sie genoß, sie begehrte...
Es ist für eine Frau wohl keine Kunst, einen Mann dazu zu bringen, sie sexuell zu begehren!
Quatsch, nie hätte er Caryn mit auf die Insel seiner Granny genommen, wenn sie ihm gleichgültig gewesen wäre. Nie hätte er ihr all die Dinge erzählt, die ihm im Kopf herumgeschwirrt waren. Nie hätte er sie so angesehen. Nachts im Arm gehalten. Morgens geküßt...
Verdammt, habe ich alles verdorben? Soll das jetzt das Ende sein?
Das befürchtete sie nicht zum ersten und gewiß nicht zu letzten Mal.
Was aber, wenn es diesmal tatsächlich zu spät war? Wenn er diesmal die Konsequenz ziehen würde, die er ja ohnehin im Sommer ziehen wollte? Für ihn würde es keinen Unterschied machen, ihre Trennung vorzuziehen. Es WÜRDE ihm schwer fallen, aber darauf würde er keine Rücksicht nehmen. Bisher hatte er ihr zuliebe sie die Beziehung aufrechterhalten. Den Grund dafür, das zu tun, hatte sie ihm eben genommen.
Nachdem sie heute Abend sämtliche Konflikte unterschwellig hatten halten können, sämtliche Klippen mehr oder weniger erfolgreich umschifft hatten.
Bloß weil DU nicht in der Lage bist, ihn an EINEM Tag einmal NICHT zu treffen!
Die Tränen schossen in ihre Augen und bahnten sich ihren Weg über ihr Gesicht.
Verdammt, sie konnte ihm nicht folgen!
Ich MUß ihm folgen!
Aber wenn sie von hier nach Hogwarts disapparierte, würden die Leute vom Ministerium sie der Schule verweisen. Sie könnte mit dem Fahrenden Ritter...? – Damit jeder in Hogwarts mitbekäme, daß sie einen Tag zu früh dort und nicht im Hogwartsexpress wäre? Und wie würde sie überhaupt auf das Schulgelände kommen, ohne jemanden zu rufen, der die Versiegelungen löste?
Sie saß in der Falle. Mit jeder Minute, die Severus jetzt allein mit seinen Gedanken zubrachte, entfernte er sich unentrinnbar von ihr. Wuchs seine Entschlossenheit, die logische Konsequenz aus Caryns Konfrontation zu ziehen. Mit jeder Minute mehr.
Und sie stand hier. Unendlich weit von ihm weg. Mußte hilflos zusehen, wie ihre Liebe – von ihr kaputtgemacht – unwiederbringlich zerstört blieb. Ohne Chance auf Schadensbegrenzung. Einlenken. Sich entschuldigen. Unfähig, sich vom Fleck zu rühren, blieb Caryn, wo sie war. Sie konnte ihm nicht nach. Ebensowenig konnte sie irgendetwas anderes.
Severus
Hatte sie recht? Übernahm er keine Verantwortung für den Fortbestand ihrer Beziehung?
Fortbestand! Verantwortung! Deine einzige Verantwortung besteht darin, Eure Beziehung rechtzeitig zu beenden!
Ihm war gar nicht bewußt gewesen, daß er – anstatt sich der Versiegelungszauber von Hogwarts anzunehmen – sich in die entgegengesetzte Richtung gewandt hatte und sich nun auf der Straße nach Hogsmeade befand. Sich mit raschen, ausholenden Schritten auf das Dorf zubewegte. Das tat gut. Sich den Zorn vom Leib zu laufen!
Zorn?
Ein hehrer Name für dieses Gefühl, das wieder einmal aus den Regionen seiner emotionalen Entwicklung zu stammen schien, welche vor Grannys Tod lagen.
Nein, Severus. Diese Emotionen stammen direkt von ihrem Tod.
Er hatte Caryn schließlich doch schon jetzt verloren. Wie er immer vorausgesagt hatte.
Er hatte sich von seiner Angst dazu bringen lassen, sie zu vertreiben mit seiner Passivität, mit seiner mangelnden Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Was er ausschließlich aus dem Grund nicht getan hatte, weil er nicht ertragen konnte, sich so abhängig von ihr zu fühlen, während er davon überzeugt war, daß ihre Liebe nicht beständig sei.
Er holte tief Luft, die erwachsenen Gedanken begrüßend, die sich durch das Chaos seiner kindlichen Panik hatten formieren können. Und Caryn hatte recht. Das war unfair. Mehr als das: Das war verletzend für sie, angesichts der Intensität ihrer Gefühle für ihn, um die er ja WUßTE. Er verletzte sie, indem er vorwegnahm, daß sie ihn verletzen würde. Was sie weit von sich wies. Welch Ironie des Schicksals, daß er Caryn auf die gleiche Weise zu vertreiben versucht hatte wie damals Lily in Potters Arme: Indem er eine sich selbsterfüllende Prophezeiung inszeniert hatte.
Was heißt hier VERSUCHT?! Das ist Dir phantastisch gelungen, mein Lieber!
Es hatte wieder einmal alles verdorben. Verloren. Zerstört. Caryn verletzt, obwohl das das Letzte gewesen war, was er gewollt hatte. Wieder einmal.
ICH HABE SIE VERLOREN.
Das dachte er ja nun nicht gerade zum ersten Mal. Und Caryn hatte ihm versprochen, daß ihre Liebe nicht verschwinden WÜRDE. Morgen würde sie zu ihm gerannt kommen. Sich in seine Arme werfen und sich an ihn pressen und schluchzen, daß sie ihn nicht verlieren wolle und jeden Preis bezahlen...
Kannst Du Dir da so sicher sein, Severus?
Außerdem war das doch genau DAS, was ihr weh tat. Daß SIEes sein mußte, die das tat. Die IHM sagte, daß sie ihn trotzdem wollte. Wußte sie wirklich nicht, daß er sie wollte? Daß er auf sie warten würde wie auf das Urteil einer aufgeschobenen Hinrichtung? Sie an sich reißen wollte und nie wieder loslassen?
Hast Du ihr das etwa gesagt?
Sie wußte das nicht. Spürte es wohl in manchen Augenblicken.
Sie bräuchte Deine Worte. Daß Du Verantwortung für Euch übernimmst. Es aussprichst.
Daß er sie... Daß sie ihm wichtig war. Wie könnte man daran zweifeln?!
Seine Schritte waren zum Stillstand gekommen. Wieder einmal. Wieder einmal wollte er zu ihr zurück. MUßTE zu ihr zurück. Jedes Mal mußte er zu ihr zurück. IMMER. Noch war es vielleicht nicht zu spät?
Er konnte sie nicht morgen im Fahrenden Ritter, dann den ganzen Tag im Hogwartsexpress fahren lassen, ohne daß sie wüßte, daß er auf sie wartete. Ohne daß sie wußte, wie leid es ihm tat. Ohne daß alles in Ordnung war zwischen ihnen. Er hatte sie doch nicht endgültig verloren? In der nächsten Sekunde betrat er den Vorgarten Caryns Elternhauses.
Eine weitere Sekunde brauchte er, um sich orientieren. Dann sah er Caryn auf einer alten Schaukel sitzen, deren verwitterte Seile im Wind knarrten. Das Appariergeräusch hatte sie aufgeschreckt, und sie sah auf. Ihr Gesicht war verweint, und ihr mußte viel zu kalt sein! Wie lange saß sie jetzt schon hier in der Kälte?! Wenige Schritte später war er bei ihr, zog auf dem Weg seinen Zauberstab und dann sie zu sich hoch und sprach zuerst einen Wärmezauber über sie. Ob es daran lag, daß sie so durchgefroren war oder ob sie tatsächlich nicht vorhatte, ihm zu verzeihen: Sie lag in seinem Arm wie eine schwere Puppe, passiv und steif. Er konnte es ihr nicht verdenken, er hatte es verdient.
„Caryn..."
Eine lange Weile hielt er sie einfach nur fest. Allmählich spürte er, wie ihre Füße sich fester auf den Boden stellten und ihr Körper weicher wurde. Endlich schlangen sich ihre Arme um ihn und ein einziges Schluchzen entwich ihrer Kehle, bevor sie Luft holte und ruhiger weiteratmete.
Sein „Du hast recht", kam zur gleichen Zeit wie ihr „Es tut mir so leid!" und nun drückten sie einander so fest wie möglich an sich und waren gleichzeitig von allem Druck befreit.
„Ich will..." setzten sie synchron an, und jetzt unterbrach er sie, um es zuerst auszusprechen:
„Ich will Dich noch nicht verlieren, Caryn. Es tut mir leid, wenn es so aussah, als wäre mir unsere... Beziehung egal. – Es... sieht vielleicht so aus, als ob ich Dich alles allein tun lasse. Aber wenn... Du... es nicht tätest..."
Caryn rettete ihn wieder einmal, konnte es wohl nicht mit ansehen, daß ihm das Sprechen so schwer fiel. Sie rettete ihn einfach zu oft!
„Du bist gekommen", stellte sie fest, und es lag nur eine winzige Spur Ungläubigkeit in ihrer Stimme.
„Ich bin gekommen."
„Weil ich Dir nicht nachkommen konnte?"
Die Unsicherheit darin war ihm ein Rätsel.
„Weil Du mir nicht zuvorkommen konntest."
„Du meinst, ich reiße auch gleich alles an mich, nicht wahr?"
Er lächelte.
„Ich meine, Du hast da ziemlich wenig Vertrauen in mich."
Ebenfalls ein Lächeln, ein reichlich gequältes allerdings, erschien in ihrem verschwollenen Gesicht.
„Das tut mir leid..."
„Mir auch, Caryn."
Ihm war bewußt, daß er viel mehr sagen müßte, aber die Stärke dafür fehlte ihm jetzt. So umarmte er sie lediglich heftiger.
Caryn
Caryn schob ihre Hände zwischen sich und ihn und öffnete nacheinander ruhig die Knöpfe ihrer beiden Mäntel. Severus sah von oben andächtig den Bewegungen ihrer Finger zwischen ihnen beiden zu, und er machte ihren Händen Platz, damit sie ihn unter seinem Mantel umarmen konnte, während er bei ihr dasselbe tat. Sie konnten spüren, wie die Wärme seines Wärmezaubers von ihrem Bauch aus zu ihm hinüberfloß. Sie beide zusammen das warme Zentrum einer kalten Welt. Eine lange Zeit standen sie so miteinander. Ihr Atemrhythmus hatte sich vereinheitlicht. Sie atmeten dieselbe Luft. Noch immer machte Severus keine Anstalten, sich von ihr zu lösen.
„Ich möchte, daß Du morgen kommst, auch wenn Dienstag ist. Wenn Du das auch möchtest..."
Severus' Stimme klang durch ihre beiden Körper. Sie war nicht imstande, ihre Antwort hinauszuzögern, um noch mehr Zeit zu schinden.
„Das möchte ich", antwortete sie und streichelte mit ihren Händen über seinen Rücken. „Und ich möchte Dich eigentlich nicht loslassen..."
Tatsächlich schien ER mit SEINER Antwort zu warten. Dann kam sie schließlich doch:
„Ich erwarte Dich nach dem Abendessen, Caryn."
Widerstrebend entließ sie ihn, er küßte sie sittsam auf die Stirn und nahm sie bei der Hand, um sie zur Haustür zu geleiten. Sie schmunzelte über diese Geste, er wollte wohl jedes Risiko ausschließen, daß sie draußen übernachtete. Mittlerweile hatte die Wärme ihres Bettes jedoch einen unwiderstehlichen Reiz. Das Bedürfnis danach, ihre Gefühle für ihn auszusprechen, verdrängte sie aus ihrem Mund, indem sie Severus noch einmal küßte.
Severus
Die große Wärme, die sie für ihn ausstrahlte, hatte nichts mit seinem Wärmezauber zu tun, und eine Sekunde lang nahm er bei ihr widerstreitende Impulse wahr. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, legte diesen doch stattdessen auf seinen, nicht ahnend, daß er aus ganz ähnlichen Impulsen heraus gerade ganz genau dasselbe tun mußte.
Wie war das noch gleich mit der Fairneß?
Er mochte sich nicht mehr richtig auf den Kuß einlassen, lange Abschiede waren anstrengend und machten ihn letztlich nicht leichter. Prüfend musterte er sie, nachdem er sich von ihr gelöst hatte.
Caryn lächelte tapfer und öffnete ihre Haustür.
Nur vierundzwanzig Stunden, mein Herz.
Oder DEINES, Severus.
Die kalte Welt
Caryn
„Er sieht nicht besonders gut aus!" stellte Harriet triumphierend fest, als ihre große Schwester ins Wohnzimmer zurückkam. „Was habt Ihr so lange da draußen in der Kälte gemacht? Und warum siehst Du so verheult aus?"
„Wo ist Mutter?" fragte Caryn mit heiserer Stimme, ohne sich um ihre Schwester zu kümmern.
„Die wollte nicht mehr mit essen. Ist anscheinend schon nach oben gegangen", kam zur Abwechslung von Grace.
„Ihr habt Euch gestritten!" überlegte Harriet. „Und TROTZDEM geküßt. Nicht nur einmal. – Wie ist es, einen häßlichen Mann zu küssen?"
„Küß Du erst mal irgendeinen Mann, dann sprechen wir uns wieder!" giftete Caryn. „Du bist ein Kind. Du hast keine Ahnung, was einen attraktiven Mann ausmacht!"
„Guck mal, wie wütend sie wird, Grace! Endlich kann man die mal wieder ärgern!"
„Tja, damit wirst Du jetzt leider aufhören müssen, ich gehe nämlich ins Bett. Morgen früh fahre ich zur Schule zurück. Gute Nacht, Mädels, wir sehen uns im Sommer."
Caryn wandte sich zum Gehen.
„Du wirst ihn heiraten, nicht wahr? So wie Michael Rose geheiratet hat. Dann wirst Du auch ganz wegbleiben, nicht?"
Überrascht drehte sie sich zu Grace um, die mit mutloser Stimme gesprochen hatte.
„Ist Euch das denn nicht egal?"
„Mir nicht", sagte diese leise, was ihr einen entgeisterten Blick ihrer Zwillingsschwester einbrachte. Caryn nahm das zur Kenntnis und wunderte sich noch mehr. Bisher waren ihr die beiden Mädchen immer als untrennbare Einheit erschienen. Kurz prüfte sie den Impuls, Grace in die Arme zu nehmen, verwarf das jedoch im Hinblick darauf, daß sie morgen weg sein würde, während Grace mit Harriet das nächste halbe Jahr würde auskommen müssen. Außerdem mochte sie Severus' Geruch nicht teilen.
„Soll ich Euch eine Eule schicken?" fragte sie Grace stattdessen.
Diese nickte stumm und ließ sich auf's Sofa neben Harriet fallen.
„Macht's gut!" schloß Caryn und ging nach oben, um sich fertig zu machen.
Seltsam unwirklich kam ihr der Streit mit Severus vor, zu plastisch waren auf einmal die Erinnerungen an die vergangenen Tage mit ihm auf ihrer Insel. Die Selbstverständlichkeit, daß er dort war, daß er wiederkommen würde, wenn er weggegangen war, daß sie sich darauf verlassen konnte, daß er immer wieder aus freien Stücken zu ihr zurückkam. Die Trauer darüber, daß ihr Zusammenleben zu ende war, wollte sie jetzt nicht fühlen, der Abend war anstrengend genug gewesen! Sie kuschelte sich in ihre Bettdecke und ließ sich von der wohligen warmen Wärme umfangen, die sie ganz automatisch in den nächsten Tag hinübergleiten lassen würde, an dem sie ihn wiedersehen würde.
Nur vierundzwanzig Stunden.
Alles zwischen ihnen war wieder in Ordnung. Vielmehr war sie auf eine beängstigende Weise so SICHER wie noch nie, daß sie zusammengehörten. Im Nachhinein war ihr Streit beinahe so etwas wie die Besiegelung der Tatsache, daß sie jetzt nichts mehr trennen konnte, selbst Ehrlichkeit nicht, selbst Caryns unbequeme Seiten nicht, nicht einmal ihre Weigerung, nach seinen Regeln zu spielen. Sie hatte eine an und für sich unhaltbare Forderung gestellt, und er hatte sie gewinnen lassen. Er hatte ihr gegeben, was sie gefordert hatte. Nicht zum ersten Mal. Diesmal jedoch war es anders gewesen. Diesmal fehlte der schale Nachgeschmack, der sie sonst unbarmherzig daran erinnerte, daß es lediglich ihr Zwang gewesen war, der ihn dazu gebracht hatte, ihr etwas von sich zu geben. Wie vor Weihnachten, wo er sie seinerseits nicht gefragt hätte, ob sie mit ihm kommen wolle. Wie er es immer gehandhabt hatte. Heute, als Caryn der erste Schritt unmöglich gewesen war, hatte ER ihn getan. Und hatte das offen zugegeben. Sich entschuldigt. UND ihr die Gewißheit geschenkt, daß er sie morgen sehen wollte. Und noch viel mehr.
Von sich aus. Ohne diesen Willen mit ihrem zu entschuldigen. Ohne es auf den Druck zu schieben, den sie ausgeübt hatte. Was sie ja auch heute getan hatte. Und doch war der Schritt, zu ihr zurückzukommen, freiwillig gewesen. Ganz genauso wie in den anstrengenden Situationen in den Ferien. Ebenso zuverlässig wie dort war er zu ihr zurückgekehrt.
Und heute hatte er sich dazu bekannt, daß er sie – noch – nicht verlieren wolle. Heute HATTE er die Verantwortung für den Fortbestand ihrer Beziehung übernommen. Den VORLÄUFIGEN Fortbestand. Aber DAS zum ersten Mal!
„Ich will Dich noch nicht verlieren", hatte er ihr gesagt. WIRKLICH AUSGESPROCHEN! Und er hatte sich angehört, als ob das Noch keine Bedeutung hätte. Als ob…Was hatte er in ihr Haar gemurmelt? Bitter und voller … SCHMERZ?
„Und wenn ich Dich dann sehe, bin ich alt und Du an der Seite Deines Mannes…"
IHR Mann?!
Welch ein furchtbarer Gedanke! Caryn schauderte und wickelte ihre Bettdecke noch enger um sich. Hatte Severus sich das vorgestellt? Wie sie vielleicht ihren Sohn aus Hogwarts abholte? Und sich ihre verzweifelt sehnsüchtigen Blicke treffen würden…? Oh Gott. So schrecklich weh diese Vorstellung tat, so überaus verstörend romantisch war sie auch… Denn er würde sie wider seinen wahren Willen verstoßen haben. In Wahrheit wollte er, daß sie bei IHM blieb. In Wahrheit war es ihm unerträglich, daß sie nicht an SEINER Seite bleiben würde.
Was ist denn das, wenn nicht LIEBE?
Er liebte sie doch. Eindeutig. War lediglich der Überzeugung, daß sie keine Zukunft haben KÖNNTEN. Unabhängig davon, was er WOLLTE. DAS hatte er ihr heute explizit gezeigt. Gesagt. Bewiesen.
Er hatte ihr verziehen, daß sie ihn angegriffen hatte. Er hatte ihr ganz viele eindeutige Aussagen geschenkt, er hatte sich entschuldigt, Fehler eingeräumt. Er hatte akzeptiert, nein, er hatte gewünscht, daß sie zu ihm kam, auch wenn der Dienstag nicht zu ihren Tagen gehörte....
Ärgerlich versuchte sie dem Drang zu widerstehen, schon wieder darüber nachzugrübeln, ob das jetzt für alle Dienstage galt. Warum mußte sie ständig mehr und mehr und mehr wollen?
Caryn drehte sich auf die Seite und konzentrierte sich auf die Wärme um sich herum. Es war wirklich Zeit zu schlafen. Severus liebte sie, nur darauf kam es an!
Severus Montag, 1.3
Hogwarts dunkle Kerkergänge fühlten sich seltsam an nach all der Helligkeit und frischen Luft auf ihrer Insel. Ihre Insel, das war sie in seinen Gedanken geworden, so unbehaglich ihm auch war in Anbetracht des nächsten Sommers. Dabei war es ganz einfach, wie ihm dann einfiel: Ohne Caryn würde er nicht dorthin zurückkehren. Also nie mehr, obwohl ein Teil von ihm ruhig geworden war nach diesen Tagen. Nach ihrem Streit heute.
Diese Insel ist auch ihre geworden, und das gilt auch für Caryns Gefühl.
Sie liebte ihn, und sie liebte das Leben mit ihm auf dieser Insel. Das machte ihm leichter in Erwägung zu ziehen, daß das, was sie ihm immerzu sagte, wahr bleiben würde.
Soll sie durch die Insel an Dich gekettet sein?
Doch dieser Gedanke kam selbst ihm, gelinde gesagt, lächerlich vor. Es war sinnlos, den Ort von ihrem Miteinander zu trennen. Es war sinnlos, sie beide aus diesem Miteinander zu trennen. Himmel, das ging jetzt eindeutig zu weit. Selbst wenn Caryn sich tatsächlich nicht von ihm trennen wollte – und nach der gemeinsamen Ferienwoche, nach dem heutigen Streit und ihrer Versöhnung fühlte es sich irgendwie nicht mehr absurd an, das … zu GLAUBEN – änderte das nichts an der Notwendigkeit, daß ER es dennoch tun mußte. Sein Leben würde nicht SO bleiben, daß eine Frau darin Platz hätte.
Du darfst keine Frau haben.
Er hatte diesen Gedanken erwartet. Er KANNTE ihn. Hatte ihn immer geglaubt. Heute war da ein anderes, nach vorsichtiger Ankündigung immer präsenter werdendes Gefühl: Oder eher ein Zweifel. Ein mittlerweile schon sehr nachdrücklicher und nicht mehr so leicht beiseite zu schiebender Zweifel, ob diese Überzeugung richtig war. Warum sollte er jetzt sein Lebensglück einer Person opfern, die vielleicht erst in Jahrzehnten ihren Tribut von ihm fordern würde? Warum sollte er nicht zumindest so lange zustimmen, eine Beziehung mit Caryn zu führen, Bis ER kam?
Weil das unverantwortlich ist! Weil Du sie bindest! Weil sie ihre Zeit mit Dir verschwendet, die sie bräuchte, um um Dich zu trauern und sich schließlich einem besseren Mann zuzuwenden. Weil Du ihr nicht die Kinder schenken kannst, nach denen sie sich heute bereits sehnt.
Ihm wurde bewußt, daß er schon geraume Zeit vor seiner Bürotür stand und die Maserung des Holzes anstarrte. Mit einem kontrollierten Luftstrom entließ er die Anspannung, mit der seine Vernunft diesen gefühlsduseligen Zustand, in dem er sich davor befunden hatte – Illusionen! Unverantwortlichkeiten! – erdrosselt hatte. Erstickt dieses verlockende Gefühl, einen Schritt weiter zu sein, etwas geschafft zu haben. Einen Schritt weiter am Carynglück…
Caryn. Es war alles gut zwischen ihnen. Sie hatten eine trotz allem – oder gerade deswegen – wunderschönen Aufenthalt auf der Insel seiner Kindheit verlebt. Zusammen gelebt. Zusammengelebt. So daß er jetzt in jeder Minute wußte, daß sie nicht da war. Er wollte sie. Er WOLLTE Caryn. Immer, aber wenigstens JETZT. Er wollte sie JETZT ganz, und selbst wenn sie nach ihrer Prüfung für immer aus seinem Leben verschwinden würde, so wollte er jetzt noch nicht darüber nachdenken.
Noch immer stand er vor seiner Bürotür und dachte an sie. Dachte plötzlich, wie unpassend es war, daß Caryn und er ein gemeinsames Haus hatten mit einem gemeinsamen Bett und gemeinsamen Versiegelungszaubern, während sie hier in Hogwarts darauf angewiesen war, daß er ihr die Tür öffnete. Sollte er ihr die zuständigen Zauber zeigen?
Sie darf nicht glauben, daß sie Deine Frau werden kann! Sie muß wissen, daß Ihr Euch – und sei es in gegenseitigem Einvernehmen – im Sommer trennen müßt. Dafür bist DU zuständig. DU trägst die Verantwortung dafür, daß sie keinen Schaden nimmt.
Dabei war sie so glücklich gewesen, daß er sich dazu durchgerungen hatte, sich in einer gewissen Weise ausdrücklich dazu zu bekennen, daß er sie auch wollte. SEHR wollte. Caryns Glück wollte. Wie glücklich wäre sie, wenn er ihr seine Schutzzauber anvertraute? Wie würde sich das anfühlen, sie freudestrahlend in seine Arme laufen zu sehen? Weil er das VON SICH AUS getan hätte. Er würde die Situation nachholen, um die er sie beide vor Weihnachten gebracht hatte durch…
Deine Feigheit!
Der Mut zu solchen Aktionen – wie auch diese wunderbaren gemeinsamen Ferien – war das, was verlangt war in einer Liebesbeziehung.
Ich führe eine Liebesbeziehung, dachte er bewußt, und trat innerlich einen Schritt zurück, weil das aus seinem Munde – selbst wenn es nur seine INNERE Stimme war, die das sagte – schon mehr als absonderlich klang.
Du BIST ein sentimentaler Idiot, Severus!
Dennoch wäre es sinnlos, es abstreiten zu wollen. Sinnlos, unhaltbar – und verletzend für Caryn. Sie führten schon lange eine Liebesbeziehung. Und auch wenn diese – was er ja nicht in Frage stellte – nicht von Dauer sein durfte, so hatte er doch die Verpflichtung Caryn gegenüber, ihr das zu geben, was er ihr geben KONNTE. Daß er es ernst mit ihr meinte. Daß sie ihm wichtig war.
Was gibt es außer ihr Wichtiges in Deinem Leben?!
Das Wissen seiner Schutzzauber – das Vertrauen in sie, welches er damit ausdrückte, die Ausschließlichkeit, daß sie allein seine Räume betreten durfte – würde ihr immens viel bedeuten. Er würde sie damit wirklich glücklich machen. Das einzige, was er tun müßte, würde sein, sie nochmals auf die REALITÄT hinzuweisen. Das würde er tun.
Mutterliebe
Caryn Dienstag, 2.3
„Caryn?!"
Überrascht verharrte Caryn in der Bewegung und sah die Treppe hinauf, die ihre Mutter im Morgenmantel herunterkam.
„Ich muß los zum Bus", sagte sie vage, ohne Idee, wie sie sich verhalten sollte. Melanie hatte sie erreicht und musterte sie mit unverhohlenem Mißtrauen.
„Wer ist Severus?" fragte sie mit fester Stimme. Sie wollte es wissen. Suchte die Antwort auf die Ungeheuerlichkeit, daß sie diesen Mann nicht herumgekriegt hatte. Caryn hatte ihre Mutter ihr gegenüber lange nicht mehr so präsent erlebt, und sie zog die Lippen zwischen die Zähne, um ihre Wut auf diese Frau unter Kontrolle zu halten, die ihre gleichgültige Lethargie in den Griff bekam, bloß weil sie das zwanghafte Verlangen verspürte, ihrer eigenen Tochter den Mann auszuspannen. Was ihr nicht gelingen würde, dachte Caryn grimmig. Weil Severus sie, Caryn, wollte. So sehr, daß er ihr das gestern beweisen hatte. Das stärkte sie gegenüber Melanie, und sie hatte Lust provokativ zu antworten:
„Er ist ein Zauberer. Siebenunddreißig, bevor Du fragst. Und der Mann, den ich heiraten werde."
Unwillkürlich war sie erfüllt von der Erinnerung an Severus' gestriges anerkennendes Schmunzeln: „Ich bin beeindruckt von Ihren Qualitäten meines Hauses, Miss Willson!" – Unsinn, selbstverständlich würde er in dieser speziellen Frage nicht schmunzeln. Sondern sich aus dem Konzept bringen lassen. So wie neulich von ihrem Tagtraum ihrer gemeinsamen Kinder…
Melanie hielt nachdenklich den Blick auf sie gerichtet. Sprach wie in Gedanken, vielleicht war ihr gar nicht bewußt, daß ihre Tochter sie hörte. Die nicht anders konnte als zuhören, weil von ihrem Liebsten die Rede war.
„Er ist nicht gutaussehend, das nicht. Aber er hat eine mächtige männliche Ausstrahlung. Äußerst reserviert und autoritär. Offenbar sind ihm Frauen egal. Aber ausgerechnet Dich sollte er wollen....? Warum sollte er das tun? Was solltest ausgerechnet DU einem Mann wie IHM geben können?"
Völlig perplex war Caryn, plötzlich bis ins Innerste getroffen. Das war die Frage, oder? Die EWIGE Frage, die keine WAR und die aus den frühesten Zuständen ihres Ichs kam. Wieso sollte jemand gerade SIE lieben? Was sollte gerade SIE haben, was ein Mann wollte? Wie konnte gerade SIE, Caryn Willson, so vermessen sein, davon auszugehen, die richtige, die BESTE Frau für jemanden zu sein? Die beste Frau für IHN zu sein!
Ruhig, Mädchen. Denk nach! SIE ist es, die das sagt. IHR darfst Du nicht glauben. Sie hat keine Macht über Dich.
Sie mußte sich konzentrieren. Atmen.
Er ist gestern zu Dir zurückgekommen. Er hat Dich mit auf die Insel genommen.
Sie atmete ein und aus und wieder ein.
Er hat MICH ALLEIN geküßt. ER LIEBT MICH!
„Er nutzt Dich aus", war die Schlußfolgerung der Frau, die sie zur Welt gebracht hatte. „Er will nur Deinen jungen Körper. Sonst hast Du nichts für ihn. Es muß ein Grund sein, der mit dir an sich nichts zu tun hat!"
Solch explizite Kränkungen seitens dieser ebenso selbstherrlichen wie selbstzerstörerischen Frau, die jetzt gedankenvoll den Kopf wiegte, war Caryn ihr ganzes Leben lang gewohnt gewesen. Die Botschaft, daß Melanie sie für eine häßliche, wertlose Person hielt, war ihr vertraut, und eigentlich hatte sie mit den Jahren in Hogwarts doch gelernt, sie an sich abprallen zu lassen. Und was ihren Wert für Severus anging, so war sie gestern Abend noch davon überzeugt gewesen. Es bestand wirklich kein Anlaß, etwas, dessen sie sich gestern noch sicher gewesen war, heute in Frage zu stellen. Es war schlicht überflüssig und dumm, sich jetzt von dieser eifersüchtigen Person aus der Ruhe bringen zu lassen.
Du schaffst es nicht, mich zu treffen, Mama!
Bewußt rief sie sich das Melanies Gesicht vor Augen, nachdem Severus sie hatte abblitzen lassen. Außer sich war die Frau gewesen. Am Boden zerstört. Sollte eine so kranke Persönlichkeit – und sei sie hundert Mal ihre Mutter – die Macht haben, daß Caryn sich schlecht fühlte?!
„Ich liebe ihn, Mama. Und er will keine andere Frau!"
Eine bessere Antwort wäre gewesen: Und er erwidert meine Liebe ganz genauso! Aber diese Gewißheit war noch keine, und Caryn brachte sie nicht über die Lippen. Doch ihre Worte waren WAHR, und sie fühlte sich GUT dabei, sie auszusprechen!
„Das glaube ich nicht. Das wäre wirklich nicht nachvollziehbar..."
Melanie wog weiterhin ihren hübschen Kopf. Nahm eine ihrer Haarsträhnen und wickelte sie graziös um den Finger. Sieht sie eigentlich nicht, wie sie jedes Klischee bedient, das sich über männerjagende Vamps finden läßt?! Nur daß sie einfach nur schwach dabei ist? Schwach und erbärmlich und sich selbst reduzierend auf ihre Wirkung auf Männer. Und in Wahrheit nur sich selbst demütigend…
(…) „Ich kann ja verstehen, daß Du Dir nicht zutraust, einen netten, hübschen, jungen Mann zu ergattern. Aber muß es denn unbedingt dieser sein?" ging ihre Mutter plötzlich dazu über, Verständnis zu heucheln, und jetzt kam es Caryn dermaßen plump und übertrieben vor, daß es jede Wirkung bei ihr verfehlte. Gegen diese Art von Hieben konnte sie wirklich immun sein! „Er ist doch sowieso viel zu alt für Dich, Mädchen!"
Auf einmal war da die Erinnerung an Severus' Ankunft, als er denselben Einwand seitens ihrer Schwestern gehört hatte.
„Das findet Severus glücklicherweise nicht", gab Caryn ebenso von oben herab zur Antwort und verschwand, bevor ihre Mutter etwas entgegnen konnte.
Heimkehr aus unterschiedlichen Flitterwochen
Caryn Dienstag, 2.3
Bewußt schüttelte sie das unangenehme Gespräch mit Melanie ab. Das fiel ihr nicht wirklich schwer, denn diesmal war ihr, als ob sie nach Hause führe, und sie genoß sogar den einsamen Weg zur Haltestelle des Fahrenden Ritters. In einigen Stunden würde sie wieder bei Severus sein.
„Lucas, wie ist es gelaufen?!" rief Caryn Lucas winkend zu über das Gewühl des Bahnsteigs hinweg. Sie bahnte sich den Weg durch die aufgeregte Menge, bis sie vor ihm stand und ihn anlachte.
„Wie kannst Du so verteufelt gute Laune haben, meine Güte? Die Ferien sind zu ende. Wir fahren zurück!" Der große Junge sah resigniert auf sie herab. „Und nicht jeder hat sein Glück in der Schule wohnen!"
„Ist Lauren nicht mitgekommen?" erkundigte sich Caryn besorgt statt einer Antwort, indem sie sich vergeblich nach seiner schönen Freundin umschaute. „Es ist doch alles in Ordnung?"
„Abschiede sind Scheiße. Ich fand sie in unserem Bett besser aufgehoben. War schlimm genug, daß ich raus mußte!"
„Aber es ist alles gut gegangen? Ihr seid noch..."
„Ja, wir sind noch zusammen!" Caryn wurde eine Hand mit einem schmalen silbernen Ring vor die Nase gehalten. Sie strahlte mit ihm gemeinsam.
„Oh, schön! – Und wie hat sie nun reagiert? Wieso erzählst Du denn nichts?"
„Weil es mir ein bißchen... also, ich bin nicht so gut drauf heute..."
„Ist nicht kommendes Wochenende schon Hogsmeade?"
„Bis dahin sind es einige Tage..." knurrte Lucas.
Caryn ergriff mitfühlend seinen Arm und nahm ihn mit zum Zug.
„Ihr Armen! – Aber in einem halben Jahr habt Ihr Euch für immer. Und was dann mit UNSist, das steht in den Sternen..."
Sie kletterten in den Waggon und hievten ihre Koffer hinterher.
„Nun mach aber mal einen Punkt!" flüsterte Lucas so laut er verantworten konnte. „Hat er Dich nicht abgeholt und in sein Haus mitgenommen?"
„Doch. Und es war wirklich superschön!" Den schwärmerischen Klang ihrer Stimme hatte sie gar nicht beabsichtigt. „Du sitzt bei Deinen Kumpels, oder?"
Lucas zog sie samt Gepäck in ein leeres Abteil, schloß die Tür hinter ihnen und stellte sie in strengem Ton zur Rede, ohne auf ihre Frage einzugehen.
„Glaubst Du allen ernstes, daß Snape-" Er hatte seine Stimme auf ein Minimum gesenkt und machte eine bedeutungsschwere Pause. „Wir reden von Professor Severus Snape, sind wir uns da einig? – Also glaubst Du, daß dieser Mann mit einer Frau in die Ferien fahren würde, die er nicht heiraten wollte?!"
„Professor Snape, Lucas, wird ÜBERHAUPT niemanden heiraten", gab Caryn leise zur Antwort. „Diese Möglichkeit EXISTIERT nicht."
„Die Möglichkeit, daß Professor Snape in die Ferien fährt – und dazu noch mit einer Frau – existiert aber ebenso wenig!"
Caryn sah ihn nachdenklich an. Lucas nahm ihr den Mantel ab und drückte sie auf einen Fensterplatz, er selbst ließ sich ihr gegenüber nieder. Das war richtig. Ihr Severus hatte bereits so viele Dinge getan, gesagt, gelernt, die sie niemals für möglich gehalten hätte. Andererseits… Wie sagte er immer? Hier geht es um REALITÄTEN, Caryn! Angesichts Lord Voldemorts half keine Hoffnung. Nicht einmal die völlig neue Gewißheit, die sich heute – so weit weg von ihm – erst einmal ein wenig weniger wie eine anfühlte, aber die desungeachtet GALT: Er liebt mich… ?
„Laß ihn sich an den Gedanken gewöhnen, Caryn. Du hast ihm so viele Revolutionen abgerungen, da fällt es mir wirklich schwer zu glauben, daß es für Dich eine Hürde darstellen würde, ihn zu heiraten!"
„Nun hör aber mal auf, mir alles schön zu reden!" werte Caryn ab. „Warum bist Du nicht bei Deinen Freunden?"
„Weil ich erst mal bei DIR sitzen möchte."
Darüber freute sie sich mehr, als sie für möglich gehalten hätte. Es gab für sie ein Leben außerhalb von Severus, und diese Erkenntnis beruhigte sie ungemein, so sehr sie ihn auch gleichzeitig vermißte.
„Erzähl jetzt endlich von Eurem Jahrestag!" forderte sie ihren Freund auf. „Hast Du aus heiterem Himmel gezaubert? Oder sie erst aufgeklärt? Nun sag schon!"
Lucas schmunzelte ein wenig verkniffen, als sei er unsicher, ob er für diese Aufgabe ein A verdient habe.
„Ich habe ihr beim Essen gesagt, daß ich ihr etwas Wichtiges mitteilen muß..."
„Okay, die förmliche Variante." Caryn ließ ihr Grinsen einen diabolischen Ausdruck annehmen. „Ich hätte es ja aufregender gefunden, wenn Du schlicht den Deshabillus angewendet hättest!"
Lucas war offenbar mittlerweile so abgehärtet, daß er ihr nicht mehr den Gefallen tat, rot zu werden.
„Es sind nicht alle so sexbesessen wie Du und Dein..." Draußen zog eine Gruppe jüngerer Schüler vorbei, die so daß er vorsichtshalber den Namen verschluckte. Caryn grinste jetzt pur. Spätestens nach diesen wundervollen Ferien wäre es ihr sehr schwergefallen, diese Tatsache als verwerflich zu hinterfragen.
„Schon in Ordnung, also Du hast angekündigt, daß Du ihr etwas mitteilen wollest. Und dann?"
„Naja... Dann habe ich per Accio die Ringe kommen lassen..."
„Oh, doch nicht förmlich. Wie schön! Total cool sogar! – Und was hat sie gesagt?"
„Sie war natürlich sprachlos. Aber Du hattest recht. Im Grunde war sie schon auf irgendetwas gefaßt gewesen. Sie hat es mir zumindest wirklich geglaubt."
Caryn lächelte nur. Lucas traute sich jetzt auch, seine Enthüllung als gelungen zu empfinden.
„Ja, ich habe mir da wohl wirklich zu viele Sorgen gemacht..."
„Und? Wie fühlt sie sich als Muggel?"
„Sie findet das wohl ganz schön... cool. Mit einem Zauberer zusammenzusein."
Zufrieden und entspannt lehnte Caryn sich zurück.
„Euer Happy End!"
"Würde man da nicht zusammenleben bis an unser Ende?"
Auch Lucas ließ sich auf seinem Platz zurückfallen, er jedoch eher traurig.
„Denk an Hogsmeade..." erinnerte ihn Caryn.
„Und Du siehst ihn morgen?"
„Heute Abend."
„Aha: Schon wieder eine Ausnahme!"
Sein Interesse war sofort gesteigert.
„Bitter erkämpft gestern Abend!"
Es schien ihn ehrlich zu interessieren. Und es tat gut, einem Außenstehenden über ihre Auseinandersetzung zu berichten.
„Ja, ich finde, Du hast recht", urteilte Lucas. „Obwohl sein Verhalten für seine Verhältnisse nicht besonders extrem war. Ich meine: Eigentlich war er doch regelrecht liebevoll. Wo ich mich jedesmal frage, ob wir wirklich vom selben Menschen reden, wenn Du mir von ihm erzählst."
„Du meinst, ich war zu... fordernd?"
„Quatsch! Das kann er ab. Sonst richtest Du Dich doch auch in allem nach ihm. Und Du hast doch gesehen: Er hat sich darauf eingelassen!"
„Ja, das ist das Unglaubliche… So widerwärtig und unbequem ich bin: Er hat mich immer noch nicht zum Teufel gejagt."
„Ist doch ganz klar: Er will Dich!" Sein Blick lag abschätzend auf Caryn, so als wolle er diese seine Theorie an ihrer Person überprüfen. Sein Blick war allerdings keineswegs skeptisch, wie Melanies es gewesen war, sondern… stolz. Ihr Freund war stolz auf sie. Darauf, daß Sie es war, die von Severus Snape geliebt wurde. Seltsamerweise schoß Caryn hierbei das Blut in die Wangen. Lucas betrachtete sie unentwegt, schien mit seinen Gedanken jedoch gleichzeitig woanders zu sein.
„Und Du ihn. – Es ist schon faszinierend, wie Ihr Euch anzieht... – Ich meine... Wir reden von Snape!"
Caryn blinzelte. Gab dann dem Strahlen nach, das sich in ihr gebildet hatte. Ja, das war in der Tat faszinierend.
Caryn Dienstag, 2.3
Waren sie erst gestern zusammen aufgewacht, hatten miteinander geduscht, zähnegeputzt, gefrühstückt, geschlafen, auf der Fähre gestanden, mit ihrer Mutter Kaffee getrunken, gestritten? In ihrem Haus auf einer Insel, die schon heute in einer anderen Welt zu sein schien, die so weit entfernt war, daß man Sorge haben mußte, den Weg nicht mehr zu finden? Seltsamerweise war dieses Gefühl den Tag über mit jeder Schienenmeile Richtung Hogwarts stärker geworden, obwohl sie sich doch an den Ort bewegte, an den er schon zurückgekehrt war. Doch durfte sie davon ausgehen, daß die Schritte, die sie gemeinsam an jenem entfernten Ort bewältigt hatten, Severus' Verlegung in ihre vertraute Umgebung standgehalten hatten? Wie würde es sein, ihn gleich unerreichbar am Lehrertisch sitzen zu sehen, ihm nur einen einzigen, zensierten Blick zuwerfen zu können, später dann an seiner Tür zu klopfen und zu warten, bis er ihr öffnen würde?
Sie war froh, daß sie Lucas bei sich hatte, als sie die Große Halle betrat, so daß sie ihre Augen zumindest vorerst von Severus abhalten konnte. Es hätte bloß wehgetan, wenn er ihr NICHT gleich nach Betreten der Halle seine Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Was er ja nie tat.
Ein unwissender Beobachter – Dumbledore beispielsweise, der hinter ihr gerade die Halle betreten hatte und von Percy Wealsley in Beschlag belegt wurde – würde hier bei den Mahlzeiten NICHTS zwischen ihnen wahrnehmen. Snape und Willson arbeiteten vielleicht zusammen, sie führten ironische, zum Teil unverständliche Dialoge in den Unterrichtsstunden – aber Caryn war offiziell mit Lucas zusammen – wie auch in diesem Moment, als der Schulleiter ihnen beiden herzlich zuwinkte – und Professor Snape würde niemals jemanden mögen, geschweige denn, lieben. Erst recht keine Schülerin…
Ihre Sehnsucht nach ihm noch länger zu zügeln, hatte sie keine Kraft. Als Lucas ihr die Hand auf die Schulter legte, um sich vorerst von ihr zu verabschieden und sich seinen Kumpels zuzuwenden, gab Caryn sich nach. Severus, an seinem üblichen Platz, nahm keine Notiz von ihr. Angespannt wirkte er, hatte seine beiden Hände auf seinen Nacken gelegt und die Augen geschlossen. War er erschöpft? Traurig? AUCH traurig? Er liebt mich, probierte sie in dieser Umgebung. Prompt öffnete er die Augen, und ihr Strahlen war bei ihm, bevor sie auch nur hätte denken können, daß sie sich hätte zensieren müssen. Umso überraschter war sie, als Severus sie offen und richtig lange ansah. Ohne wider zu lächeln, das tat er ja nie, wenn sie sich unter Menschen begegneten, aber er schien nicht entfernt, nicht reserviert. Im Gegenteil, sein Blick wirkte viel unmittelbarer, keinesfalls so, als hätte er vor, einen Rückschritt zu machen. Beruhigt ließ sie sich neben Lucas am Ravenclawtisch nieder und war ganz zufrieden, daß dieser sich jetzt von seinen Kumpels hatte vereinnahmen lassen. Sie hatte Severus schließlich so lange nicht gesehen!
Severus
Ärgerlich drückte er die unangenehmen Assoziationen weg, die ihn beschlichen, als Caryn mit ihrem Boots am Arm die Große Halle betrat. Genauso wird es sein in zwanzig Jahren… Geradezu besitzergreifend hatte der Junge seinen Arm um sie gelegt, so als könne sie nicht allein den Weg durch das Schülergewühl finden. Sie war dem Jungen zugewandt, und sie sagte anscheinend gerade etwas, ließ dessen Gesicht dann nicht aus den Augen, während dieser antwortete. Sie REDEN miteinander, Severus. Das pflegen Freunde zu tun. Und in zwanzig Jahren wird es nicht ER sein, der mit ihr spricht. Caryn und ihr Freund hatten sich die ganzen Ferien nicht gesehen und sich offenbar viel zu erzählen. WAS erzählt sie ihm? Genervt von sich selbst schloß Snape die Augen und lockerte mit beiden Händen seine verspannten Nackenmuskeln.
Das hatte SIE getan, als er sich das letzte Mal so gefühlt hatte. Erschöpft von Gefühlen, denen er sich lange Jahre entzogen hatte. Caryn hatte ihn mit ihren Händen gestärkt. SIE war DAS gewesen, was er gebraucht hatte. Gleich würde er es wieder haben können. Zu ihm kommen würde sie, sich durch nichts in der Welt davon abbringen lassen, auch nicht durch diesen jugendlichen Ravenclaw.
Da fühlte er sie. Sehnsucht, Wärme, ein Hauch Besorgnis. Er zögerte nicht länger, seine Augen zu öffnen. Fiel im nächsten Moment in Caryns wehmütiges Lächeln, ein strahlend wehmütiges Lächeln,so daß er eigentlich den Blick sofort hätte beenden müssen, weil das viel zu offensichtlich war. Doch etwas Caryn bezüglich zu beenden, erforderte eine Selbstdisziplin, über die er am heutigen Abend nicht mehr verfügte. Die Ferien waren anstrengend gewesen. Solange er ansonsten normal funktionierte, bestand kein Grund zur Sorge. Befriedigt erlebte er, wie geläufig ihm nach wie vor war, an diesem öffentlichen Ort jenen warmen, wuchernden, sich verbreitenden Impulsen, die sich ihren Ausdruck in Augen und Mund zu bahnen pflegten, umzuleiten, um sie der Welt nicht zu zeigen. Durfte ein Professor Snape eine Frau anlächeln? Statt das zu tun, zog er nur seine Augenbraue hoch, was Caryns Lächeln für eine Sekunde noch intensiver werden ließ, bevor sie sich neben Boots setzte, der allerdings ins Gespräch mit seinen Kumpanen vertieft war. Dementsprechend hatten Caryn und er wohl die Zugfahrt miteinander verbracht und ihr Bedürfnis nach Gemeinschaft erst einmal befriedigt...
„Severus, ich habe Dich gestern beim Abendessen vermißt! Warst anscheinend später zurück, als Du geplant hattest?" wurde er von seinem Direktor aus seinen Überlegungen gerissen, welcher sich, die Hand in üblicher Manier kurz auf Snapes Unterarm legend, zu ihm setzte. Sein Reflex, das Zusammenzucken innerlich ablaufen zu lassen, funktionierte einwandfrei. Offenbar hatten ihm die un-snapischen Ferien nicht geschadet. „Hattest Du erfolgreiche Ferien?" Das war es gewesen, was sein Direktor ihn hatte fragen wollen, hatte nichts mit zu wenig geschützten Gedanken zu tun. Albus lächelte. „Es war ungewohnt, Dich nicht hier zu haben!"
Etikettengemäß gab Severus sein Schnauben von sich. Danach erwartete Albus lediglich ein knappes Nicken, Snapes übliches kommunikationsbeendendes Nicken. Sein von seinem langen, so lange Severus zurückdenken konnte, weißem Haar umwehter Kopf war leicht geneigt, seine Brille am unteren Ende seines Nasenrückens, seine Augen hell und zu gleicher Zeit wachsam und sanft. Voll ehrlichen Interesses. Ja, wirklich. Es war ein Wunder, daß dieser alte Zauberer sich sein Interesse an Severus von seinem abweisenden Verhalten noch immer nicht hatte austreiben lassen. Was vergab er sich, wenn er eine ehrliche Frage beantworten würde? Eine unverfängliche Frage.
„Ich habe mich entschlossen, das Haus doch noch nicht zu verkaufen", gab Severus zurück. Dumbledore war nicht anzumerken, daß er das Kommunikationsverhalten seines Kollegen als überraschend empfand. Er nickte lediglich andeutungsweise. „Es war angenehm dort", redete Severus weiter. Seine automatische innere Frage Warum tust Du das? wurde ebenso innerlich beantwortet: Was spricht gegen etwas mehr Offenheit? „Eine Abwechslung von den Kerkern. Eine wahrhafte Erholung. Es erschiene mir als Verschwendung, diesen Ort aufzugeben."
Albus hob lediglich in spontaner Anerkennung eine Augenbraue. Wenn er mehr als ein wenig überrascht war, so äußerte er dies nicht. Wenn er es wollte, konnte er durchaus Taktgefühl an den Tag legen. Dennoch wandte Severus sich ab. Hatte er zu viel gesagt? Nötig gewesen war dieser Einblick in sein Privatleben eindeutig nicht. Andererseits: Was hatte er schon preisgegeben?
„Sieh an!" erwiderte der Alte jetzt freundlich, auch wenn er dabei nur Snapes Profil dargeboten bekam. „Das freut mich aber! Das ist gut für Dich, Severus, ein Leben außerhalb Deiner Arbeit und Deiner Wohnung hier zu haben. Ich freue mich wirklich für Dich!" Er nickte nachdrücklich. „Gerade daß es sich dabei um einen Ort Deiner Kindheit handelt..."
„Es ist ein HAUS, Albus", log er automatisch. Der Mann neben ihm gab einen höflichen Laut der Zustimmung von sich. Konnte sich dann augenscheinlich nicht verkneifen, Severus doch noch ein bißchen zu ärgern.
„Jedenfalls sehe ich mich hocherfreut, Dich bei so guter Laune zu erleben!"
Das Schnauben daraufhin war unzensiert.
„Mir geht es gut", schnappte Snape und spürte, wie Caryn sich in diesem Moment kurz zu ihm umdrehte.
Caryn
Rennend bog sie in den Kerkergang ein und fand sich in seinen Armen wieder, bevor sie die Tür hatte sich öffnen sehen. Severus umklammerte sie so fest, daß sie es für verantwortbar hielt, weiterhin anzunehmen, daß auch er vermißt hatte. Sie bei sich haben wollte. Daß er sie liebte. Sie entschied das jetzt. Sein Verhalten widerlegte diese Annahme nicht. Du kannst Dich nicht geliebt fühlen und es gleichzeitig hinterfragen. Diese Worte waren unverbindlich gewesen. Aber auch sie hatten ihre Frage nicht mit nein beantwortet. Hatten sie offen gelassen. Die Antwort WUßTE sie nicht. Und er würde sie ihr nie geben. Sie würde nie darauf VERTAUEN dürfen, daß er sie liebte. Vielmehr würde er sich früher oder später sogar so VERHALTEN, als ob er sie NICHT liebte. Nicht gern. Aber er würde sich den REALITÄTEN fügen. In diesen Realitäten hatte LIEBE keinen Platz. Es spielt keine Rolle, ob ich es tue oder nicht.
Aber er tat es. Hielt sie eng an sich gepreßt. Wiegte sie. Wer sie jetzt hier miteinander sehen könnte, würde denken: Die beiden lieben sich, sie sind froh, daß sie sich endlich wiederhaben! Sie verkrampfte ihren Bauch, um das Aufschluchzen zu unterdrücken.
Sag mir, was Du fühlst, Severus...
Diesmal funktionierte diese Art des Dialoges nicht. Stattdessen löste er seine Arme von ihr und schob sie in sein Büro. Musterte sie konzentriert. Denken tat er zweifellos. Sogar etwas, was ihn emotional nicht kalt ließ. Erwartungsvoll fing sie seinen Blick ein. Wenn er gezögert hatte, ob er sprechen sollte oder nicht, so war er sich jetzt seiner Sache sicher:
„Ich habe mir überlegt, daß ich Dir die Versiegelungszauber zeige. Du solltest als meine Assistentin eigenmächtigen Zugang zum Labor haben."
Erfreut zog Caryn zur Abwechslung einmal ihre Augenbrauen hoch. Ihr Lächeln, das sich in ihr angedeutet hatte, verstärkte sich, als er sich zur Bürotür umdrehte und den Zauberstab zog. Sein Blick streifte sie von der Seite, und er fügte leise hinzu:
„Es kam mir seltsam vor, daß ich Dir hier... die Tür öffnen muß..."
Das Schluchzen von eben kam zurück, auch während Caryn lächelte.
„Ich wünsche mir so sehr, wieder mit Dir dort zu sein..."
Er ließ sie ihn ansehen. Caryn kniff ihre Augen zusammen und schob sich drängend an ihn heran.
„Was muß ich tun, damit Du mich läßt?" wisperte sie, wohl wissend, daß diese zu den anstrengenden Fragen zählte.
„Es war sehr schön mit Dir dort", murmelte Severus ebenso leise.
Belanglos, daß er ihre Frage nicht beantworten würde.
„Ich muß erst mal an Dir kleben, Severus, geht das?" fragte Caryn erstickt. „Jetzt könnte ich mir keinen Zauber merken..."
Sein leises Lachen nahm in ihr einen wohlvertrauten, von Gänsehaut begleiteten Weg.
„Dann sollten wir uns wohl erst einmal überlegen, wie wir Deinen Kopf wieder frei bekommen…"
Sie liebte seine Augenbraue in ihren Ohren! Mußte ihm ihr dazugehöriges Lächeln zeigen. Seine spöttische Erwiderung darauf sehen. Nachdenklich legte sie den Kopf schief.
„Könntest Du nicht womöglich… JETZT das tun, was Du VIELLEICHT in unserem Haus hättest tun können, bevor Du… jenseits der SCHWELLE mit der Tür ins Haus gefallen bist…?" erkundigte sie sich vorsichtig.
„Hilfe, ich habe zu viel von Türen geredet!" hatte er noch vor Ende ihrer Frage gespielt erschrocken seine Hände erhoben, um jedoch im nächsten Augenblick zuzupacken und Caryn mit unerwarteter Kraft hochzuheben.
„DAS meinte ich!" seufzte sie glücklich an seiner Schulter, während er sie auf seinen Armen durch das Büro trug, die Treppe hinauf, dann durch das erleuchtete Wohnzimmer.
„Wen würde DAS auch wundern, nicht wahr?" ertönte schon wieder seine Augenbraue, diesmal im Takt seiner Schritte und über sie beide schmunzelnd. „Daß unser erster Weg ins Schlafzimmer führt..."
SO liebte sie es, eingeschlossen zu sein in seine Selbstironie!
„Und? Stört es Dich?" fragte sie herausfordernd.
„Das wirst Du schon sehen!" knurrte er drohend und erstickte Caryns hingerissenes Kichern mit gründlicher Hingabe.
