Die Top Ten, der der meist
gebrauchten Worte im Xavier Institute, führte in diesen Tagen
eindeutig das Wort Ferien an.
Mein Magen krampfte sich bei
jeder Erwähnung dieses Wortes ein Stück zusammen.
Ferien.
Letztes Jahr hatte ich mich auch noch so auf die
Ferien gefreut. Jetzt fiel es mir schwer darüber
nachzudenken.
Ziemlich viele Schüler würden auch in
den Ferien hier bleiben, weil sie entweder keine Familien mehr
hatten oder weil sie schlicht nicht mehr erwünscht
waren.
Bobby und Marie würden genau aus diesen Gründen
ebenfalls ihre Ferien im Institute verbringen.
Ich war
erwünscht, ich hatte eine Familie-zwei sogar- und es war
irgendwie etwas undankbar hier zubleiben.
Andererseits war es
besser, als mich den ganzen Sommer daheim einzuschließen-
oder in Washington.
Hank würde gewiss nicht mehr allzu
viel Urlaub übrig haben, nachdem wie oft er hier gewesen war.
Ich versuchte zu vergessen, dass dies die letzte reguläre
Schulwoche war und die Prüfungen bald beginnen würden.
Kitty
und Theresa planten irgendetwas.
Während des
Chemieunterrichts flüsterten und kicherten sie die ganze Zeit
und waren ziemlich unaufmerksam.
Zweimal ermahnte Mr. Summers
die beiden, aber irgendwann schien er zu resignieren.
Es würde
sowieso kein neuer Stoff durch genommen werden.
Die Arbeiten vom
letzten Montag wurden zurückgegeben und verglichen.
Als
Letztes bekam ich meine Zettel.
"Ich denke, dass ich dazu
nichts mehr sagen muss", sagte er mit ziemlich unbewegtem
Gesicht und mein Nackenfell stellte sich nun doch ein bisschen
auf.
Hatte ich die Arbeit unterschätzt? Immerhin war ich ja
so elendig früh fertig gewesen...
Vorsichtig blickte ich
auf die letzte Seite.
Hätte ich die Arbeit bewertet, wäre dies ein sehr gut -aber ich glaube, das hast du dir wohl auch schon gedacht.
Stand mit rotem Kugelschreiber auf der
letzten Seite.
Ich packte meine Sachen leise zusammen und machte
mich auf den Weg in den Gefahrenraum.
Scott Summers schaffte es,
sich tatsächlich, sich ein Lächeln abzuringen, als ich
mich noch einmal umdrehte, bevor ich die Tür von Außen
schloss.
Ich war heute sehr dankbar über das
Gefahrenraum-Training, denn es half mir, meine düsteren
Gedanken über die nahe Zukunft zu vertreiben.
Und die
Gedanken über Leah.
Würde sie mit Mike sprechen? Was
würde er ihr sagen?
Meine erste Reaktion war, sie nie
wieder sehen zu wollen. Aber letztendlich war das natürlich
eine feige Lösung.
Und ich vermisste sie doch so.
Ich
machte mir ziemlich viele Gedanken darüber, wie der Rest
meines Lebens wohl aussehen mochte.
Mike war sehr geschockt,
meine Freundin hielt mich, besser meinen Vater für ein
Tier-wenn meine engsten Freunde schon so reagierten, wie sollte ich
in der Welt da draußen zurechtkommen?
Normal würde
mein Leben nie wieder sein, oder?
Als ich zum Essen kam, war
es schon ziemlich voll im Speisesaal.
Ich sah mich ein wenig
hilflos um.
Zu meinem Erstaunen saß Kitty heute
ausnahmsweise gar nicht mit Doug an einem Tisch, sondern inmitten
einer reinen Mädchenrunde und winkte mir zu.
"Genau
auf dich haben wir gewartet, Tilby", grinste sie, als ich mit
meinem Tablett herüber kam.
Weezie, Theresa, Rahne und
Kitty, samt Lookheed, saßen um einen der wenigen Vierertische
herum und hatten vor Aufregung rote Wangen.
Ich sah in die
Runde und zog mit einem erstaunten Blick die Linke Augenbraue in
die Höhe. Was ging hier eigentlich gerade vor?
Die Mädchen
grinsten mich auffordernd an.
"Hier ist doch gar kein Platz
mehr", sagte ich zögernd.
"Man, Jeannie stell
dich nicht so an. Häng dich irgendwo hin, wo du zuhören
kannst. Wir wollen mit dir reden", Theresa sah mich ungeduldig
an.
Ich sah mich um und dann die Decke an.
Im Speisesaal war
das vielleicht keine so tolle Idee, dachte ich verzweifelt.
"Mach
doch, bitte!", bat Rahne.
Ich seufzte und hoffte, dass die
Lampe halbwegs stabil befestigt war.
Also baumelte ich bald in
der Mitte des Tisches und die anderen um mich in verschwörerischer
Pose um mich herum.
"Würde eine von Euch so nett
sein, und mein Tablett rüberschieben?", fragte
ich.
Weezie stellte das Tablett in die Mitte damit ich auch
essen konnte.
"Also?", fragte ich und sah in die
Runde.
Kitty faltete die Hände, als wäre sie Professor
Xavier.
Mit einem wichtigen Ausdruck im Gesicht verkündete
sie:
"Also...wir haben uns überlegt, dass wir in
diesem Jahr noch gar keine Pyjama-Party gemacht haben und Tracy hat
am Donnerstag Geburtstag. Es wäre ein toller Anlaß,
gerade wo wir doch alle bald in die Ferien fahren und wir uns erst
wieder im August wiedersehen..."
Pyjama Partys waren also
nicht nur eine Legende aus Enid Blyton Romanen, sondern gab es
wirklich?
"Erste Regel: Niemand spricht über
diese Party", ergänzte Theresa ernsthaft.
"Zweite
Regel: Nur coole Mädchen sind eingeladen- also so jemanden wie
Tabita laden wir gewiss nicht ein!"
Kitty drehte sich um,
warf einen Blick durch den Raum und streckte Boom Boom die Zunge
raus.
Das Ergebnis war, das mich eine kleine Explosion im
Nacken traf.
Soso, und ausgerechnet ich war in Kittys Augen ein
cooles Mädchen? Ich war ganz verwundert. Damit hatte ich jetzt
nicht gerechnet.
"Dritte Regel: Jede von Euch wird etwas zu
Naschen und etwas zu Trinken ran schaffen, so das wir genug für
die Party haben...", fuhr Theresa fort.
Lookheed machte
sich gerade über mein Essen her, also beschloss ich zu essen,
bevor nichts mehr übrig blieb.
"Bedeutet das Wort
Pyjama-Party, das man wirklich einen Pyjama tragen muss?",
fragte ich und deutete mit dem Messer auf Kitty.
"Natürlich,
unbedingt ", sagte Rahne,"Oder ein Nachthemd. Das genau
macht ja eine PJ Party aus! Also keine Boxershorts!"
„Nicht
mal ein Beinkleid, einen indischen Pajama?"
„Nope"
"Na
super..." , sagte ich und schloss die Augen einen kurzen
Moment und öffnete sie wieder.
Das bedeutete wohl, das ich
einen dieser peinlichen Schlafanzüge anziehen musste...ganz
toll.
"Du machst ein Gesicht, wie dein Dad, wenn er eine
wichtige Rede vor Presse hält!", lachte
Weezie.
"Tatsächlich?"
Sie nickte.
"Ich
schau ihn mir immer im Fernsehen an. Er ist ja so
niedlich..."
"Niedlich, aha..?", antwortete ich
leicht verwirrt und steckte mir ein Pommes in den Mund.
„Das
war das erste Mal, dass ich von irgendjemandem hörte, dass
ausgerechnet Hank niedlich war...
Ich fand ihn ja manchmal auch
sehr niedlich, besonders im Pyjama.
Unwillkürlich musste
ich an seinen Puhbär-Schlafanzug denken und grinste.
Miss
Munroe betrat den Speisesaal.
Sie sah mich an und zog die
Augenbrauen verwundert in die Höhe.
OK, das würde
jetzt bestimmt Ärger geben.
Ausgerechnet im Speisesaal und
beim Essen von der Decke zu hängen...
Ich schloss die Augen
und wartete darauf, das sie herüber geschossen kam, um mir
eine Standpauke zu halten.
Aber der Ärger blieb aus.
Sie
verzog ihr Gesicht zu einem breiten, zufriedenen Lächeln.
Ich
war sehr erstaunt.
Als der Unterricht beendet war, saßen
Rahne und ich auf der Terrasse und lehnten gegen die Wand.
Ich
war mir nicht so sicher, ob ich mich darüber freuen sollte,
das sich von den Mädchen als cool erachtet wurde- oder besser
weinen, weil ich nicht wusste, wie ich große Mengen an
Knabberkram ran schaffen sollte - ohne das Grundstück zu
verlassen
Mein Vater hatte mich bisher mit dem Basiskram
versorgt und es gab einen Automaten in der Halle, aber
partytauglich waren meine Vorräte nicht.
"Wie soll ich
nur etwas zu Mampfen heranschaffen?", sagte ich frustriert zu
Rahne.
"Ich meine, wenn wir alle was mitbringen sollen bin
ich wohl ziemlich in den Po gekniffen..."
"Ich
fahre am Mittwochnachmittag eh nach Salem, da kann ich dir ja was
mitbringen. Du musst mir nur sagen, was..", antwortete Rahne
gelassen und puhlte am Verschluss ihrer Cokelight-Flasche.
"Würdest
du das echt für mich tun?", fragte ich überrascht.
"Naja,
ich kann mir schon vorstellen, dass du es nicht so klasse findest,
raus zu gehen..."
„Darauf kannst du Gift nehmen!"
Sie
lächelte.
"Was genau soll ich mitbringen?"
Verträumt
schloss ich meine Augen und ließ mir durch den Kopf gehen,
was ich haben wollte:
"Naja mindestens vier Tafeln
Nussschoki. Twinkies, diese verdammten Pringels, nach denen ich so
süchtig bin. Am besten drei oder vier Dosen...zwei Zweiliter
Cokes, aber nicht solche Plörre mit Aspartam, wie du da hast-
da kann ich ja mir auch gleich Pflanzenschutzmittel rein ziehen.
Cola ist eh schon unglaublich ungesund..."
Ich spielte mit
meinen Zuckerpäckchen, die ich eigentlich in meinen Cappuccino
tun wollte.
"Ich glaube, da sollte ich mir man lieber einen
Zettel machen", Rahne grinste,"Du hast wohl echt keine
Angst dick zu werden, oder?"
Ich stutzte. Mit einer solchen
Frage hatte ich überhaupt nicht gerechnet.
Bisher war ich
ja immer so megadünn gewesen. Ich war immer eines der Mädchen
gewesen, die alles essen konnten, was sie wollten.
Seit der
Verwandlung, naja- hatte ich einfach so viel anderes im Kopf
gehabt, das ich gar nicht darüber nachgedacht hatte.
"Findest
du, das ich zugenommen habe?", fragte ich erschrocken.
"Nein
eigentlich nicht, ich habe mich nur gefragt, weil ich echt
niemanden kenne, der so viel isst wie du. Und Süßigkeiten
haust du ja auch weg, als wenns kein Morgen gäbe", sie
lachte, "Ich habe allerdings keine Ahnung, wie das bei Leuten
wie dir ist..."
Verlegen legte ich den Zucker zur Seite.
Sie hatte ja recht. So viel wie ich in der letzten Zeit an
Süßigkeiten verkonsumierte, konnte nicht gesund sein.
Im Kopf kam ich auf knapp 5000 Kalorien pro Tag und das war
eine ziemlich grobe Schätzung.
Plötzlich traf mich mal
wieder eine kleine Explosion an der Schulter.
"Was soll
denn das, hast du keine anderen Hobbies?", fragte ich Tabita
genervt.
Sie grinste mich an.
"Nöö außerdem
ist es lustig..."
Dann warf sie einen abschätzenden
Blick auf Rahne.
"Hast du jetzt ein neues Frauchen
gefunden, oder habt ihr beiden sowas wie ne lesbische Furry
Beziehung?"
Rahne kochte.
Wann immer die beiden
aufeinander trafen, gab es Stress.
"Du ...Du.." sie
ballte die Fäuste.
Ich griff nach Rahnes Coke und öffnete
sie langsam.
"Warum ärgerst du Rahne eigentlich immer?
Lass sie doch einfach in Ruhe!"
"Was geht dich das
an, Blue?", fragte sie, während ich seelenruhig den
Zucker in die Coke schüttete. Drei Päckchen sollten
langen. Ich schüttelte ein wenig.
"Was ich dir immer
schon mal sagen wollte..Smith..."
Langsam öffnete ich
den Deckel ein gaanz kleines bisschen...
"Du nervst!"
Dann warf ich ihr die Flasche vor die Füße.
Die
Flasche prallte auf die Erde und schoss haarscharf, wie eine Rakete
an der verdutzten Boomer vobei. Sie bekam eine ziemlich anständige
Dusche.
Entsetzt sprang das Mädchen zur Seite und
kreischte vor Schreck.
Dann blickte sie erschrocken auf ihr
platsch nasses T-Shirt.
Die Coke tropfte aus ihren Haaren und
alle Umstehenden lachten.
Wütend blitzte sie mich an.
"Na
super, was soll das, du Freak?", brüllte sie mich an.
"An
deiner Stelle würde ich gaanz schnell duschen gehen, Cola
klebt bestimmt fantastisch...", sagte ich grinsend.
"Na
warte..."
Wütend stampfte sie davon.
Als sie um
die Ecke war fing Rahne an zu prusten.
„Ich wollte ihr nur mal
zeigen, dass ich genauso nette Sachen zustande bringe. Ganz ohne
spezielle Mutantenkraft", sagte ich grinsend
"Das war ja
cool...was hast du denn da gemacht?"fragte sie, als sie
halbwegs wieder atmen konnte.
"Mit Menthos geht's übrigens
noch hübscher, ich dachte das kennt Mittlerweile jeder...",
antwortete ich grinsend, "komm mit, ich spendiere dir eine
neue Coke!"
