Kapitel 10
Abgemacht
Ginny hörte seine Worte, aber sie wollte sie nicht glauben. Sie wollte nicht darüber nachdenken, was dies bedeuten könnte, für sie und für ihn. Sie wußte, daß er ihr jetzt erzählen würde, worum es hier ging. Wie konnte er nicht? Sie steckte zu tief drin. Der Gedanke ängstigte sie ein wenig, aber es gab kein Zurück. Sie hatte die Frage gestellt, jetzt mußte sie mit der Antwort zurechtkommen.
Sie sammelte ihren Mut und trieb sich weiter. „Was- Was heißt das?"
Als sie die Worte aussprach, wanderten ihre Gedanken wieder einmal zurück zu dem Buch in der Bibliothek und zu dem kleinen Bild, das sie darin gefunden hatte. Der Seelenbewahrer... Salazar Slytherin. Sie schauderte, obwohl sie Schweißperlen auf der Stirn hatte. Es war kalter Schweiß. Es war Angstschweiß.
Draco entging der Ausdruck nicht, der über Ginnys Gesicht huschte, oder die Art, wie sie bei irgendeinem geheimen Gedanken schauderte. Er sah auch den Schweiß, der ihr Gesicht bedeckte wie winzige, glitzernde Diamanten, und er erkannte, welche Angst sie ausstand.
Das war an sich keine Überraschung, aber der äußerste Schrecken, den ihre Augen zeigten, ohne daß sie es beabsichtigte, war eine. Weshalb hatte sie derartige Angst? Sie wußte nicht einmal viel darüber, was vor sich ging. Sie hätte es nicht wissen können, wäre sie nicht im richtigen Moment aufgetaucht und hätte den verschwommenen Nebel durchbrochen, zu dem sein Sichtfeld geworden war, wie eine Art schillernder Engel, zur Erde geschickt, um elenden Sterblichen Licht zu schenken... Nun, er hätte jetzt wahrscheinlich nicht einmal seinen eigenen Körper in der Gewalt.
Sie hatte ihn von der aufsteigenden Dunkelheit weggerissen und es ihm damit ermöglicht, das Blatt zu wenden. Ein weiterer Sieg, aber knapp. Es war haarscharf gewesen. Er war nur Augenblicke von einer Niederlage entfernt gewesen, und er wollte nicht einmal darüber nachdenken, wohin das hätte führen können. Wer konnte wissen, wofür ihn die Stimme wollte? Draco wußte nichts, als daß er, wie die Stimme es so gewandt formuliert hatte, „auserwählt" war.
Er, auserwählt? Ha! Das war eher Potters Ding. Sollte doch der Junge, der lebte, Dämonen und Verrückte bekämpfen. Draco mußte sich schon zu Hause damit rumschlagen, warum sollte er hier jetzt das gleiche durchleiden?
In diesem Moment dankte er allen Göttern, die es gab, für seinen Engel. Auch wenn sie in ihrer Secondhand-Robe etwas lumpig aussah...
Plötzlich wurde Draco klar, was er tat. Auf keinen Fall hatte er gerade die kleine Plage neben sich als Engel bezeichnet. Keinesfalls. Und war sie nicht diejenige gewesen, die ihn vor gar nicht langer Zeit wegen seines Lebens angebrüllt hatte?
Die Härte kehrte zurück in seinen Blick. Er hatte sich lange genug den Luxus des Tagträumens gestattet. Es war Zeit, wieder in die Realität zurückzukehren. Sie war immer noch Ginny Weasley, und er war noch immer Draco Malfoy. So würde es eben einfach sein müssen.
Ginny sah die Veränderung in seinen Augen, und sie las den Blick, von dem diese Veränderung begleitet wurde, wie ein Lieblingsbuch, das sie schon hundertmal durch hatte. Sie beobachtete, wie er seine kühle, kontrollierte Art wiederfand, und sie sah, wie die Sanftheit, die in seinen Augen sichtbar gewesen war, von seinem Willen zurückgeschoben und mit stiller Kälte vertauscht wurde.
Sie riß sich schnell von seinem Blick los, und ein kleiner Kloß bildete sich in ihrem Hals. Würde er mich so ansehen, wenn ich nicht... wenn ich nicht all diese Sachen gesagt hätte?
All der Mut, den sie gesammelt hatte, verschwand mit dem plötzlichen Stimmungswechsel, und sie fühlte sich wieder etwas ängstlich, aber mehr so, als hätte sie ihre Empfindungen unter Kontrolle.
Aber selbst wenn er sie wieder wie gewöhnlich behandelte - und sie war sich jetzt sicher, daß er das tun würde - konnte sie sich nicht dazu bringen, aufzustehen und wegzugehen.
Nicht solange er noch so schwach und blaß war. Es wäre nicht richtig. Also zwang sie sich dazu, in seine kalten grauen Augen zu blicken, während sie auf seine Antwort wartete.
Draco spürte, daß ihre Entschlossenheit nicht verschwinden würde, bis er ihr geantwortet hatte, und er seufzte ergeben. Die Halsstarrigkeit dieses Mädchens war unbestreitbar. Aber er würde ihr nicht die Befriedigung einer guten Antwort geben. „Es heißt, daß ich Probleme habe und du besser zu deinen Freunden zurückgehen solltest, bevor sie dich vermissen." Er machte eine Pause, und seine Augen glänzten leicht boshaft. „Außerdem würde es ziemlich merkwürdig aussehen, wenn uns jemand hier hinten zusammen finden würde, nicht?"
Ginny wurde tiefrot, was anscheinend genau das war, was er gewollt hatte. Bastard, dachte sie grimmig, was glaubt er, was er für ein Spiel spielt? In der einen Minute dankt er mir dafür, daß ich ihn gerettet hab - was immer das bedeuten soll - und in der nächsten sagt er mir praktisch, daß ich mich gefälligst von ihm fernhalten soll.
Ginny glaubte nicht, daß sie ihn jemals verstehen würde. Und gerade dann, als sie vielleicht Freunde hätten werden können, war alles ruiniert worden. Teilweise war das ihre Schuld, das wußte sie, aber es lag auch an ihm, oder nicht? Immerhin wäre sie nicht so wütend geworden, wenn er einfach etwas gesagt hätte, anstatt ein absoluter Idiot zu sein. Jedenfalls versuchte sie, sich damit zu trösten, als sie ihre Gefühle wieder unter Kontrolle brachte.
Es war offensichtlich, daß Draco nicht mehr daran dachte, sich mit ihr anzufreunden, wenn er das überhaupt je getan hatte. Sie war sich nicht mehr so sicher, ob es nicht alles nur Wunschdenken ihrerseits gewesen war.
Aber wenn er es wieder so haben wollte, wie es vorher gewesen war, zurück zu den Beleidigungen, dem hämischen Grinsen und den zornigen Blicken, dann konnte sie genausogut darauf eingehen, zumindest fürs erste.
Wenn sie aufstand und diesen Raum verließ, würde sie vielleicht nie wieder auch nur mit ihm reden müssen. Der Gedanke tat weh, auch wenn sie versuchte, die Situation vernünftig zu betrachten. Weshalb sollte sie sich aufhalten, wo sie nicht erwünscht war? Aber sie wußte, daß es nicht so einfach war. Irgendwie, obwohl es hoffnungslos und unmöglich war, fühlte sie sich mit Draco verbunden, und sie konnte sich nicht - würde sich nicht - vorstellen, für immer aus seinem Leben zu verschwinden.
„Du glaubst, du kannst allein dagegen kämpfen?" fragte sie leise mit sanfter Stimme.
Draco schien zu zögern, als wäre er nicht sicher, was er sagen sollte, aber nach einem Augenblick hob er den Blick wieder und sah sie an. „Ich habe eigentlich keine Wahl." Etwas von dieser Kälte wich für eine Sekunde aus seinen Augen, und sie sah ein heftiges Verlangen. Ein Blick, der sie verwirrte und überraschte, ein Blick, der ihr die Kraft gab, sich ihm entgegenzustellen und ihm direkt in die Augen zu sehen.
„Doch, das hast du", begann sie, „ich könnte he-"
Sie wurde von einem leisen Lachen unterbrochen. „Wie könntest du helfen, kleines Wiesel?" Dracos Blick war jetzt spöttisch, aber er hatte etwas Verzweifeltes.
Ginny stürzte sich darauf, entschlossen, das zu ihrem Vorteil zu nutzen. Wenn sie ihm nicht half, würde es niemand tun, und sie mochte nicht daran denken, was dann passieren konnte. Wer wußte schon, mit welcher Art Bösem Slytherin diese Kette heimsuchte.
Alles, was Ginny wußte, war, daß sie es herausfinden mußten. Vielleicht gab es eine Möglichkeit, um es... um es davon abzuhalten, das zu tun, was es mit Draco machte. In ihrem Kopf formte sich bereits ein Plan.
„Ich kann helfen", fuhr sie fort, und ihr Selbstvertrauen stieg, als sie erkannte, daß er wirklich keine andere Hoffnung hatte. „Ich weiß nämlich, was diese Kette ist und wer sie angefertigt hat."
Okay, das war vielleicht nicht die ganze Wahrheit. Technisch betrachtet wußte sie zwar, daß die Kette von Salazar Slytherin gefertigt worden war und daß sie „Seelenbewahrer" hieß, aber sie wußte nicht wirklich, wofür sie war.
Aber sie hatte Dracos Aufmerksamkeit erlangt, was der Zweck des Ganzen gewesen war.
„Wovon redest du, Wiesel?" fragte er mit gespieltem Desinteresse. Ginny durchschaute das jedoch sofort. Er wollte wissen, wovon sie sprach, so sehr wie ein Verhungernder Essen wollte. Zu seinem Glück hatte sie vor, ihm zu geben, was er wollte: nachdem sie eine Abmachung hatten.
„Du hast mich schon verstanden, Draco", sagte sie mit dem Grinsen, das seinem besten sehr ähnelte. „Ich weiß mehr über den Anhänger, als du jemals hoffen kannst." Ihr Grinsen wurde breiter, und sie erlaubte sich einen leicht arroganten Tonfall. „Du brauchst mich."
„Ist das so?" fragte Draco herausfordernd und mühte sich aufzustehen.
Ginny beobachtete seinen heldenhaften Versuch mit äußerlicher Belustigung, innerlich zuckte sie ob seiner Schwäche leicht zusammen. Was tat ihm diese Kette an? Das war es, was sie herausfinden mußte, und der einzige Weg, das zu tun, war, ihn dazu zu bringen, es ihr zu sagen.
„Ja, das ist so", erwiderte sie, scheinbar ohne Mitgefühl. Sie hatte entdeckt, daß er kein Mitleid wollen würde, oder sanfte Worte statt dessen, das hatte sie bislang nicht weitergebracht - daher entschied sie, den entgegengesetzten Weg einzuschlagen. Sie würde so tun, als wäre er ihr vollkommen gleichgültig, als wäre sie lediglich aus unverfrorener Neugier an seiner mißlichen Lage interessiert. Sie glaubte eigentlich nicht, daß es funktionieren würde, aber vielleicht brachte es ihn ja zur Vernunft. Er konnte auf keinen Fall allein mit dem Bösen fertig werden, das in dem Anhänger lauerte. Er würde Hilfe brauchen. „Du hast es schon bewiesen. Du kannst nicht mal alleine aufstehen. Ich kann dir helfen."
„Und was ist dabei für dich drin?" fragte Draco, natürlich mißtrauisch. Er hatte noch nie gesehen, wie sich jemandes Haltung so schnell gewandelt hatte. Sie verhielt sich nicht, wie sie es normalerweise tat, wie das nette, einfühlsame Mädchen, das immer allen helfen wollte, die Schwierigkeiten hatten. Sicher, sie wollte ihm immer noch helfen, aber jetzt schien es allein in ihrem eigenen Interesse zu sein. War das hier tatsächlich Ginny Weasley? „Erzähl mir nicht, das ist irgendeine Art verrückter Plan, um Potter dazu zu kriegen, daß er dich bemerkt, denn das ist einfach nur wirklich erbärmlich..."
„Natürlich nicht!" schnappte sie ungehalten. Das war das Dümmste, Niedrigste, was sie je gehört hatte. Bevor sie wieder wütend werden und jede potentielle Chance verspielen konnte, daß sie bei ihrer selbst auferlegten Aufgabe Erfolg hatte, zwang sie sich, sich zu beruhigen. „Also, ich werde dir helfen..."
„Wenn?" soufflierte Draco.
„Wenn du mir sagst, was du weißt."
„Was, keine großen Gefälligkeiten oder Geld? Merlin weiß, du könntest welches gebrauchen, aber das gehört nicht zur Sache." Er machte eine Pause, um Luft zu holen, wobei er ihrer abgetragenen Robe einen abwertenden Blick zuwarf. Dann fuhr er fort: „Du erwartest allen Ernstes, daß ich dir abnehme, daß du mir einfach nur aus Neugier erzählen wirst, was du weißt?" Er klang ungläubig, was er rechtmäßig war. Was Ginny vorschlug, hörte sich immerhin ziemlich unglaublich an.
„Aber das ist es eben. Ich bin neugierig. Ich will einfach nur herausfinden, was es mit dieser Kette auf sich hat. „Sie machte eine Pause und suchte sein Gesicht nach Anzeichen ab, daß er ihr sagen würde, sie solle verschwinden, daß er darauf bestehen würde, daß er ihre Hilfe nicht brauchte. Zu ihrer Verblüffung stellte sie fest, daß sein Blick amüsiert war, als wäre die ganze Sache recht witzig. „Also haben wir eine Abmachung?" fragte sie ermutigt.
„Unter einer Bedingung."
„Was?"
„Du sagst mir, was du weißt, und ich sage dir,was ich weiß, aber du wirst mir nicht im Weg stehen, wenn ich mich entscheide, nach dem zu handeln, was ich erfahren habe."
Ginny dachte darüber nach. Wenn sie versprach, ihm nicht im Weg zu stehen, konnte er sie einfach loswerden, sobald sie ihn zu dem geführt hatte, was er wollte. „Ich werde dir sagen, was ich weiß, und ich verspreche, daß ich dir nicht aus unbedeutenden Gründen im Weg stehen werde."
Ein besseres Angebot konnte sie nicht machen. Auf diese Art würde sie ihm helfen können, wenn er es nötig hatte, ohne ihr Wort zu brechen.
Draco wägte ihr Angebot einen Moment ab und schätzte sie mit geübtem Auge ab. Er wußte, daß er mehr nicht von ihr kriegen würde, und er brauchte dringend, was sie ihm sagen konnte. Wenn sie überhaupt die Wahrheit sagte. Aber er spürte, daß sie das tat, er hatte es irgendwie in ihren Augen gesehen. Davon abgesehen war es vielleicht nicht so schlecht, jemanden zu haben, mit dem er über das, was mir ihm passierte, reden konnte. Auch wenn sie eine Weasley war.
„Abgemacht", akzeptierte er und streckte die Hand aus, um ihre zu schütteln.
ooOOoo
Die nächsten paar Minuten wurden im leisen Gespräch verbracht, während Ginny erzählte, was sie in dem Buch gefunden hatte.
„Also warst du nicht nur an Ketten interessiert", scherzte Draco locker, womit er sich selbst überraschte.
Ginny sah ihn seltsam an. „Was soll das heißen?"
Ups. Ginny sollte nicht wissen, daß er sie beobachtet hatte. Er hatte gehofft, daß dieser Teil der Geschichte nie ins Spiel kommen würde, aber das hatte er gerade ruiniert. Vielleicht konnte er es immer noch überspielen.
„Ähm... ich meinte, daß ich gestern hier war, und da hab ich nur bemerkt, daß du ein Buch aus der Abteilung für Ketten geholt hast. Ich dachte, du magst diese Sachen." Na ja, es stimmte teilweise.
Ginny sah noch immer mißtrauisch aus, aber sie schien seine Antwort zu akzeptieren. Offensichtlich wollte sie ihr Glück bei ihm nicht auf die Probe stellen. Was ziemlich schlau war, soweit es Draco betraf. Er hatte sie schon viel zu sehr ins Vertrauen gezogen. Aber er hatte keine Möglichkeit gehabt, das zu verhindern.
Er war froh, daß er nicht in die peinlichen Details darüber gehen mußte, woher genau er von dem Buch gewußt hatte. Seine simple Erklärung reichte aus. Jetzt konnten sie zur wirklichen Arbeit kommen: mehr über den Seelenbewahrer herauszufinden.
Zumindest dachte er das.
Aber Ginny war mit den Fragen noch nicht fertig. „Ich hab dir gesagt, was ich weiß", begann sie, „jetzt bist du dran."
Er sah sie mit leichtem Bedauern an. Er wünschte, er könnte sein Wort brechen, wußte aber, daß das nicht sehr klug wäre. Es war vielleicht tatsächlich besser, es auszusprechen, anstatt es geheimzuhalten. Er konnte nicht leugnen, daß sie ihn bereits zweimal vor den blauen Flecken gerettet hatte, die er bekommen hätte, wenn er zu Boden gefallen wäre.
„Also gut", stimmte er zu und begann, ihr alle Details zu erzählen, angefangen bei dem Moment, als er zum ersten Mal bemerkt hatte - oder gezwungen worden war zu bemerken - daß etwas an seinem Anhänger sonderbar war.
Ginny hörte ehrfürchtig zu. Manchmal unterbrach sie, um Fragen zu stellen, aber die meiste Zeit lauschte sie nur. Als er schließlich mit dem abschloß, was gerade heute geschehen war, waren ihre Gedanken schon ein einziger Tumult, jeder merkwürdiger als der andere. Es gab so viele Fragen und so wenige Antworten. Es war genug, um einen in den Wahnsinn zu treiben.
Schließlich geriet sie an einen Gedanken, der mächtiger war als die anderen und Aufmerksamkeit verlangte.
„Wir brauchen dieses Buch", sagte sie leise, fast zu sich selbst.
Aus dem Augenwinkel heraus sah sie Draco nicken. „Ja, das brauchen wir."
Für ein paar Minuten senkte sich Stille über sie, während beide eine Möglichkeit zu finden versuchten, es in die Finger zu bekommen. Nach dem, was Ginny gesagt hatte, war es offenbar nicht in der Bibliothek, was bedeutete, daß sie es von einer externen Quelle besorgen mußten. Um irgendeine Chance zu haben, die Stimme zu besiegen, oder Salazar Slytherin - Draco war etwas erleichtert, daß er für die Präsenz jetzt einen Namen hatte - mußten sie genau wissen, wogegen sie antraten.
„Also...", begann er unsicher, „irgendwelche Ideen, wie genau wir das machen sollen?"
Ginny schüttelte stumm den Kopf; sie hatte sich gerade das gleiche gefragt. „Keine Ahnung."
Wieder herrschte Stille, aber es war keine unangenehme. Sie waren beide zu beschäftig damit, sich einen Plan zu überlegen, um auch nur ans Sprechen zu denken.
Gerade als er vorschlagen wollte, die Kette auf welche Art auch immer zu zerstören - eine Idee, die reiner Verzweiflung entsprang - fiel ihm etwas anderes ein.
„Hast du die Verbotene Abteilung überprüft?"
„Was?" fragte Ginny rasch, aus ihren Gedanken aufgeschreckt.
Draco verdrehte die Augen, wiederholte die Frage aber. „Hast du die Verbotene Abteilung überprüft?"
Ich- Nein, hab ich nicht." Daran hatte sie nie gedacht. Aber es ergab Sinn. Es war ein Buch über Ketten, die mit schwarzer Magie verzaubert waren; wahrscheinlich wurde es dort aufbewahrt. Warum hatte sie daran nicht eher gedacht?
„Das hab ich also davon, daß ich versuche, mit einer Weasley auf einen Plan für einen Sieg gegen das Böse zu kommen. Sie denken nicht mal an die einfachsten Dinge, ganz zu schweigen von den komplizierten", höhnte er. Weshalb nur fühlte sich das nicht so gut an wie gewöhnlich? Es fehlte etwas. Etwas, das sich schrecklich nach der Genugtuung anfühlte, die ihm das immer gegeben hatte. Das Gefühl, etwas Wichtiges erreicht zu haben. Es hielt ihn nicht davon ab, es zu tun, aber es schien überhaupt keinen Spaß mehr zu machen, sie zu beleidigen.
„Hey!" gab Ginny zurück. „Ich habe überall sonst gesucht, woher soll ich wissen, daß es in der Verbotenen Abteilung sein könnte? Bei Merlin, es ist ein Buch über Ketten!"
„Ja, schwarzmagische Ketten", betonte Draco. Es war so einfach, sie auf die Palme zu bringen, es war schon fast lustig.
„Es ist nicht nötigt, das Offensichtliche festzustellen, Malfoy, das habe ich bereits herausgefunden."
Also waren sie wieder beim Nachnamen. Das war ihm recht. Vielleicht. Da war immer noch ein kleiner Teil von ihm, der von ihrer Bemerkung ein bißchen verletzt war. Aber warum sollte ich? erinnerte er sich selbst. Ich hab angefangen, indem ich sie Weasley genannt hab. Er zermalmte gewaltsam die leise Stimme, die in seinem Hinterkopf flüsterte. Sie hielt die Klappe. Gut.
„Beim ersten Mal hast du es übersehen", stellte er kühl fest und war zufrieden, als er sah, wie sich ihre Wangen vor Ärger rot färbten.
„Laß uns einfach wieder zur Diskussion des Plans zurückkommen, ja?" schlug Ginny vor. Die Röte auf ihren Wangen verblaßte, als sie die Kontrolle über ihr Temperament zurückgewann. Es brachte ihnen nichts zu streiten. Auf diese Weise würden sie nichts hinkriegen.
„In Ordnung", willigte Draco ein. Aber er sagte nichts weiter, was Ginny veranlaßte, ihn fragend anzusehen.
„Also... was ist der Plan?"
„Wir schleichen uns in die Verbotene Abteilung und schnappen uns das Buch."
Ginny sah ihn ungläubig an. „Das ist es? Das ist das Beste, was dir einfällt? Ich dachte, Slytherins wären schlau und gerissen. Ich dachte, dir sollte eigentlich ein guter Plan einfallen." Sie überkreuzte trotzig die Arme.
„Das sind wir, und das tut es auch", erklärte Draco. „Das ist der Grund, weshalb wir mit meinem Plan nicht erwischt werden, was euch Gryffindors so häufig passiert, daß es schon fast traurig ist."
„Okay", sagte Ginny und ignorierte seine Bemerkung über ihr Haus, „wie schleichen wir uns rein, ohne erwischt zu werden, Mr Großartig?"
Draco zuckte mit den Schultern. „Wir benutzen einen Tarnumhang."
„Und du hast zufällig so einen rumliegen?" fragte Ginny zweifelnd.
„Nein..." Draco ließ den Satz bedeutungsvoll in der Schwebe. „Aber Potter hat einen."
Ginny starrte ihn eine Minute lang schockiert an, und Draco lächelte beinahe über ihren verwunderten Gesichtsausdruck.
Es dauerte nicht lange, bis ihr die Folgerungen aus dem, was er gesagt hatte, klar wurden. „Du willst, daß ich Harrys Tarnumhang stehle?" Was für eine dumme Frage, spottete sie über sich selbst, natürlich hat er das gemeint.
„Nicht stehlen", korrigierte Draco, als wäre ihm diese Idee nie gekommen. „Ich würde nie wollen, daß du etwas stiehlst. Du sollst ihn nur... für eine Weile ausleihen. Ohne seine Erlaubnis."
„Oh, gut, das ist nämlich so viel besser", erwiderte Ginny sarkastisch.
„Ich bin froh, daß du das genauso siehst", gab Draco zurück und tat so, als wäre ihm ihr Sarkasmus entgangen. „Du tust es also." Es war keine Frage.
„Gibt es keinen anderen Weg, für den man nicht ein Gesetz brechen muß?"
„Ginny, Liebes", spöttelte Draco, „glaubst du wirklich, es ist erlaubt, in die Verbotene Abteilung einzubrechen?"
Zum zweiten Mal an diesem Tag leuchtete Ginnys Gesicht tiefrot. „Ich schätze nicht", murmelte sie so leise, daß er es fast nicht gehört hätte. Dann seufzte sie. „In Ordnung, ich werde den Umhang holen."
„Gut." Draco musterte sie von Kopf bis Fuß, als würde er sie für eine geheime Mission abschätzen. Was es gewissermaßen war. Dieses Gefühl ließ Ginnys Haut kribbeln, allerdings nicht auf eine gänzlich unangenehme Weise.
„Aber wenn ich den Umhang hole, wie kommst du dann hierher, ohne gesehen zu werden?" sprach Ginny eine Frage aus, die ihr gerade in den Sinn gekommen war.
„Du wirst zum Ausgang des Slytherin-Gemeinschaftraums kommen und mich dort treffen müssen." Er stellte es fest, als wäre es eine Tatsache, und gab ihr dadurch keine Gelegenheit zu widersprechen.
„Gut", stimmte sie widerwillig zu. Jeder wußte, daß die Slytherins unten in den Kerkern waren. Sie haßte es, öfter dort hinunterzugehen, als sie es für Zaubertränke ohnehin schon tun mußte. Der Gedanke, freiwillig dorthin zu gehen, gefiel ihr nicht. Die Kerker waren zu dunkel und unheimlich. Sie erinnerten sie zu sehr an die Kammer...
Draco mußte etwas in ihren Augen entdeckt haben, denn plötzlich bot er an, sie statt dessen an der Treppe zu treffen, die hinunterführte.
„Da kann ich hinkommen, ohne erwischt zu werden, da bin ich sicher", versicherte er ihr, während er gleichzeitig vor Wut über sich selbst kochte, wegen seiner kleinen Zurschaustellung von Mitgefühl. Er sollte nicht nett zu ihr sein, er hatte sich bereits dagegen entschieden, aber als er ihren Blick gesehen hatte... Er konnte nicht anders. Er wußte, ohne zu verstehen, woher er es wußte, daß sie an ihr erstes Schuljahr und die Kammer des Schreckens dachte. Er wollte nicht dafür verantwortlich sein, daß sie Albträume hatte oder so was, nur weil er keine fünfzehn Meter gehen wollte, um sie oben an der Treppe zu treffen.
„Okay." Ginny akzeptierte sein Angebot mit erheblicher Erleichterung. Das machte es ein bißchen besser. „So, ich glaube, ich gehe besser. Ich muß mir was überlegen, wie ich an Harrys Umhang komme..."
„Ja, und ich muß zurück und mich mit Pansy treffen."
Ginny zuckte bei seinen Worten kurz zusammen, überspielte die Bewegung aber schnell. Sie hatte vergessen, daß er und Pansy immer noch ein Paar waren. Dämliche Gans, schalt sie sich. „Wie konntest du jemals denken, er könnte etwas für dich empfinden? Ihr seid Todfeinde, erinnerst du dich?
Trotz dieser Argumentation war Ginny dennoch etwas enttäuscht. Sie hatte gehofft - vergeblich - daß Draco sich vielleicht oben an der Treppe mit ihr treffen wollte, weil er sie mochte, wenn auch nur ein bißchen. Aber die Art, wie er darüber gesprochen hatte, Pansy zu treffen, bewies das Gegenteil. Er klang beinahe aufgeregt, wenn das für ihn überhaupt möglich war.
„Also", zwang sie sich zu sagen. „Ich seh dich dann heute abend."
Draco antwortete nicht; er drehte sich einfach um und ging durch die Tür. Sie folgte ein paar Minuten später, entschlossen, sich nicht noch einmal von dem dämlichen Gefühl einfangen zu lassen, das sie irgendwie für ihn entwickelt hatte. Es würde nur noch mehr weh tun. Mit seinem seltsam überschatteten Blick noch immer vor ihrem geistigen Auge begann sie den langen Aufstieg die Treppen zum Gryffindor-Turm hinauf.
Anmerkung:
Ganz herzlichen Dank den Reviewern! Ich weiß, Ihr habt es im Moment nicht leicht mit mir, aber ich bemühe mich, die Abstände zwischen den Kapiteln langsam wieder etwas zu verkürzen. Wirklich. :-)
