Am
Montagabend, als Lisa Katharina gerade eine Geschichte vorlas,
klingelte ihr Handy.
„Mama
ist gleich wieder da, sie muss nur schnell ans Telefon." Katharina
nickte und kuschelte sich in ihre Decke.
Lisas
Handy lag auf dem Küchentisch. Sie schaute auf das Display.
‚Rokko'. Hatte ihr Herz gerade einen Freudensprung gemacht?
Sicher nicht.
„Hi Rokko."
„Ja. Wie wars in Pinneberg?"
„Schön."
„Ja." Lisa musste grinsen. Hatte Marie also auch mit ihm geredet!
„Mmh…"
„Am Wochenende."
„Tiki?"
„Ok,
bis dann." Lisa legte auf. Glücklich schaute sie ihr Handy an.
Freitag… Freitagabend würde sie mit Rokko in die Tikibar
gehen. Sie lächelte. Sie freute sich, sie freute sich sogar
sehr.
Als
sie in Katharinas Zimmer schaute, schlief ihre Tochter bereits. Lisa
schaltete ihre kleine Tigerentenlampe, ihr Schlummerlicht, an und das
helle Licht des Minikronleuchters aus. Sie setzte sich auf den Boden
neben das Bett. Katharina hatte sich in ihre Decke eingerollt und lag
mit dem Kopf auf ihrem Kuschellöwen. Lisa legte ihren Kopf auf
die Matratze und schloss die Augen. Wie so oft formte sich ein Bild
vor ihren Augen, ein Bild, dass sie nicht sehen wollte. Schnell
schlug sie die Augen wieder auf.
Später, als sie in ihrem bett lag und die Augen schloss, sah sie wieder das gleiche Bild. Das Bild wechselte zu einer kleinen Szene, aus dieser Szene wurde in Traum…
Lisa
saß auf der Bank auf Katharinas und Sashas Lieblingsspielplatz.
Neben ihr saß Rokko. Um sie herum wirbelten bunte Blätter,
es war Herbst. Sie sah, wie Sasha auf dem Klettergerüst
herumtobte. Ihr Blick wanderte zur Schaukel. Katharina Schaukelte und
wurde immer wieder von Rokko angeschubst. Dieser drehte sich jetzt zu
ihr, schaute sie an, sah ihr in die Augen. Ein Kribbeln breitete sich
in ihrem ganzen Körper aus. Langsam kam Rokko auf sie zu. Lisa
stand auf, machte ein paar Schritte in seine Richtung. Immer noch
sahen sie sich in die Augen, lächelten sich an. Sie blieben
stehen, standen eine Armlänge voneinander entfernt. Keiner der
beiden bewegte sich. Lisa hörte Sasha und Katharina lachen.
Jemand tippte ihr auf die Schulter. Sie drehte sich um, löste
ihren Blich nur ungern von Rokko. Da sah sie Marie und David, die
hinter ihr standen.
„Wie
eine richtige Familie?", fragten sie gleichzeitig.
Am
nächsten Morgen fühlte Lisa sich nicht gut. Sie war müde
und schlapp. Wie in Trance machte sie Frühstück, weckte
Katharina und brachte sie in den Kindergarten. Dann ging sie wieder
nach Hause und legte sich ins Bett. Sie hatte starke Kopfschmerzen,
doch schlafen konnte sie nicht. Zu viele Fragen und Bilder spukten in
ihrem Kopf herum. Der letzte Traum, der aus einem einzigen Bild
entstanden war, ihre Fragen über ihre Gefühle und vor allem
immer wieder Rokko. Warum kribbelte es, wenn sie ihn sah? Warum
träumte sie von ihm? Warum fühlte sie sich in seiner Nähe
so wohl? War sie etwas verliebt in ihn?
Beruhig
dich! Du bist nicht verliebt! Du magst ihn eben. Nicht mehr. Doch
so konnte sie sich nicht beruhige. Lass einfach alles auf dich
zukommen. Sie schaute die Wand an. Die Augen schließen
wollte sie nicht. Sie wusste, dass sie dann wieder Rokko vor sich
sehen würde. Vielleicht mit ihr, Sasha und Katharina in der
S-Bahn. Vielleicht sie und Rokko auf einer Bank auf dem Spielplatz.
Vielleicht ein neues Bild. Vielleicht Rokko in der Kirche, als sie
ihn eigentlich hatte heiraten wollen. Das war eindeutig das
schlimmste Bild. „Das ganze ist sieben Jahre her, Lisa. Ich glaube,
dass du das langsam vergessen kannst.", hörte sie Rokko sagen.
Aber sie konnte das nicht vergessen. Sie wusste, dass sie Rokko
unendlich weh getan hatte. Selbst, wenn er ihr verzieh, würde
sie sich das je verzeihen können? Diese Entscheidung, die sie
innerhalb von fünf Minuten getroffen hatte, hatte nicht nur ihr,
sondern auch das Leben von zwei anderen Personen verändert.
Eines zum vermeintlich Guten, das andere hatte sie in einen Albtraum
verwandelt. Und ihr eigenes? Sie war glücklich gewesen für
eine kurze Zeit, dann für eine lange Zeit unglücklich. Aber
sie hatte Katharina. Ohne ihre Hochzeit mit David hätte es
Katharina, ihren kleinen Engel, vielleicht nie gegeben. Vielleicht
wäre sie dann die Mutter eines kleinen Jungen mit braunen Locken
geworden. Sasha. Rokko hatte Sasha. War er jetzt glücklich? War
David glücklich? Hätte sie vor sieben Jahren Rokko
geheiratet, hätte sie David unglücklich gemacht. Und sich
selbst? Wäre sie durch eine Hochzeit mit Rokko glücklicher
geworden? Dafür würde sie nie eine Antwort finden. Manche
Fragen konnte man einfach nicht beantworten.
„Einen
Kaffee bitte, Mama." Am Nachmittag saß Lisa beim Catering. Es
ging ihr ein wenig besser.
„Warum
bist du nicht zu hause geblieben?"
„Weil
ich meine Arbeit machen muss. Aber danke, dass Katharina heute bei
euch schlafen kann." Helga stellte eine Tasse vor Lisa hin.
„Ist
doch selbstverständlich."
„Danke."
Lisa trank einen Schluck.
„Mon
Dieu!!!", hörte sie jemanden im
Atelier schreien. „Hugo, qu'est-ce que tu as
fait?! » Lisa und Helga
zuckten zusammen.
Lucie und Hugo stritten sich mal wieder. Immer mehr
Angestellte versammelten sich beim Catering. Der Vorhang wurde
aufgerissen und Lucie stapfte an den Zuschauern vorbei zu ihrem Büro,
in dem früher Rokko gearbeitet hatte. Einige der Mädchen
begannen zu tuscheln, Hannah meinte zu Timo: „Ich weiß nicht,
ob ich mich da jetzt reintrauen kann." und Max schüttelte en
Kopf. Lisa nahm ihre Tasse und machte sich auf den Weg zu ihrem Büro.
Sie
schloss die Tür hinter sich, stellte die Tasse auf den Tisch und
setzte sich. Die Kopfschmerzen waren wieder stärker geworden,
sie konnte sich noch weniger als sonst konzentrieren. Es war
wirklich keine gute Idee gewesen, zu Kerima zu fahren. Mit Lucie und
Hugo konnte sie auch nichts besprechen. Bis sie sich vertrugen,
konnte einige Zeit vergehen. Dabei waren es nur noch wenige Wochen
bis zur Präsentation! Und es musste noch vieles geklärt
werden.
Mit
Lucie arbeitete sie schon seit ein paar Jahren, so lange wie sie mit
Hugo zusammen war. Am Anfang hatten sie sich kaum gestritten, jetzt
flogen fast täglich die fetzen. Lisa hatte nur selten eine
Ahnung, worum es bei den lauten Wortgefechten ging, da sie nur wenig
Französisch verstand, aber sie konnte sich denken, dass es um
die Kollektion und ihre gegensätzlichen Vorstellungen ging. Vor
der letzten Präsentation hatten sie sich zwar auch häufig
gestritten, aber so heftig war es nie gewesen.
Lisa
seufzte und stützte den Kopf in die Hände. Ohne Lucie und
Hugo konnte sie schlecht etwas entscheiden und die beiden jetzt in
ihr Büro zu rufen wäre nicht sehr schlau. Der Streit würde
hier nur in die nächste Runde gehen.
Da
fiel ihr etwas ein. Sie lächelte. Wie oft sie sich mit Rokko
gestritten hatte, weil seine Ideen für sie einfach nicht
umsetzbar gewesen waren. Er hatte ganz schön lang gebraucht, um
sie von seinen Ideen und vor allem von sich selbst zu überzeugen;
und irgendwann hatte er sich einen Platz in ihrem Herzen erkämpft.
Hatte er diesen je wieder verloren?
