Von nun an machte Lisa sich nicht nur um Kerima und ihre Träume Sorgen, sondern auch um Marie. Sie hatte ihr Erklärung akzeptiert, trotzdem war sie nicht ganz aufgetaut. Bereits nach einer halben Stunde war sie wieder verschwunden, mit der Begründung, noch ein wichtiges Meeting zu haben. Lisa war traurig, dass Marie so abweisend gewesen war. Vielleicht hatte sie gerade zu viel Stress… Deshalb beschloss Lisa, Marie nächste Woche anzurufen. Auch wenn sie sich in den letzten Wochen kaum gesehen hatten, wollte sie ihre Freundschaft nicht enden lassen. Schon gar nicht so.

Am Montagabend, als Lisa Katharina gerade eine Geschichte vorlas, klingelte ihr Handy.
„Mama ist gleich wieder da, sie muss nur schnell ans Telefon." Katharina nickte und kuschelte sich in ihre Decke.
Lisas Handy lag auf dem Küchentisch. Sie schaute auf das Display. ‚Rokko'. Hatte ihr Herz gerade einen Freudensprung gemacht? Sicher nicht.

„Hi Rokko."

„Ja. Wie wars in Pinneberg?"

„Schön."

„Ja." Lisa musste grinsen. Hatte Marie also auch mit ihm geredet!

„Mmh…"

„Am Wochenende."

„Tiki?"

„Ok, bis dann." Lisa legte auf. Glücklich schaute sie ihr Handy an. Freitag… Freitagabend würde sie mit Rokko in die Tikibar gehen. Sie lächelte. Sie freute sich, sie freute sich sogar sehr.
Als sie in Katharinas Zimmer schaute, schlief ihre Tochter bereits. Lisa schaltete ihre kleine Tigerentenlampe, ihr Schlummerlicht, an und das helle Licht des Minikronleuchters aus. Sie setzte sich auf den Boden neben das Bett. Katharina hatte sich in ihre Decke eingerollt und lag mit dem Kopf auf ihrem Kuschellöwen. Lisa legte ihren Kopf auf die Matratze und schloss die Augen. Wie so oft formte sich ein Bild vor ihren Augen, ein Bild, dass sie nicht sehen wollte. Schnell schlug sie die Augen wieder auf.

Später, als sie in ihrem bett lag und die Augen schloss, sah sie wieder das gleiche Bild. Das Bild wechselte zu einer kleinen Szene, aus dieser Szene wurde in Traum…

Lisa saß auf der Bank auf Katharinas und Sashas Lieblingsspielplatz. Neben ihr saß Rokko. Um sie herum wirbelten bunte Blätter, es war Herbst. Sie sah, wie Sasha auf dem Klettergerüst herumtobte. Ihr Blick wanderte zur Schaukel. Katharina Schaukelte und wurde immer wieder von Rokko angeschubst. Dieser drehte sich jetzt zu ihr, schaute sie an, sah ihr in die Augen. Ein Kribbeln breitete sich in ihrem ganzen Körper aus. Langsam kam Rokko auf sie zu. Lisa stand auf, machte ein paar Schritte in seine Richtung. Immer noch sahen sie sich in die Augen, lächelten sich an. Sie blieben stehen, standen eine Armlänge voneinander entfernt. Keiner der beiden bewegte sich. Lisa hörte Sasha und Katharina lachen. Jemand tippte ihr auf die Schulter. Sie drehte sich um, löste ihren Blich nur ungern von Rokko. Da sah sie Marie und David, die hinter ihr standen.
Wie eine richtige Familie?", fragten sie gleichzeitig.

Am nächsten Morgen fühlte Lisa sich nicht gut. Sie war müde und schlapp. Wie in Trance machte sie Frühstück, weckte Katharina und brachte sie in den Kindergarten. Dann ging sie wieder nach Hause und legte sich ins Bett. Sie hatte starke Kopfschmerzen, doch schlafen konnte sie nicht. Zu viele Fragen und Bilder spukten in ihrem Kopf herum. Der letzte Traum, der aus einem einzigen Bild entstanden war, ihre Fragen über ihre Gefühle und vor allem immer wieder Rokko. Warum kribbelte es, wenn sie ihn sah? Warum träumte sie von ihm? Warum fühlte sie sich in seiner Nähe so wohl? War sie etwas verliebt in ihn?
Beruhig dich! Du bist nicht verliebt! Du magst ihn eben. Nicht mehr. Doch so konnte sie sich nicht beruhige. Lass einfach alles auf dich zukommen. Sie schaute die Wand an. Die Augen schließen wollte sie nicht. Sie wusste, dass sie dann wieder Rokko vor sich sehen würde. Vielleicht mit ihr, Sasha und Katharina in der S-Bahn. Vielleicht sie und Rokko auf einer Bank auf dem Spielplatz. Vielleicht ein neues Bild. Vielleicht Rokko in der Kirche, als sie ihn eigentlich hatte heiraten wollen. Das war eindeutig das schlimmste Bild. „Das ganze ist sieben Jahre her, Lisa. Ich glaube, dass du das langsam vergessen kannst.", hörte sie Rokko sagen. Aber sie konnte das nicht vergessen. Sie wusste, dass sie Rokko unendlich weh getan hatte. Selbst, wenn er ihr verzieh, würde sie sich das je verzeihen können? Diese Entscheidung, die sie innerhalb von fünf Minuten getroffen hatte, hatte nicht nur ihr, sondern auch das Leben von zwei anderen Personen verändert. Eines zum vermeintlich Guten, das andere hatte sie in einen Albtraum verwandelt. Und ihr eigenes? Sie war glücklich gewesen für eine kurze Zeit, dann für eine lange Zeit unglücklich. Aber sie hatte Katharina. Ohne ihre Hochzeit mit David hätte es Katharina, ihren kleinen Engel, vielleicht nie gegeben. Vielleicht wäre sie dann die Mutter eines kleinen Jungen mit braunen Locken geworden. Sasha. Rokko hatte Sasha. War er jetzt glücklich? War David glücklich? Hätte sie vor sieben Jahren Rokko geheiratet, hätte sie David unglücklich gemacht. Und sich selbst? Wäre sie durch eine Hochzeit mit Rokko glücklicher geworden? Dafür würde sie nie eine Antwort finden. Manche Fragen konnte man einfach nicht beantworten.

„Einen Kaffee bitte, Mama." Am Nachmittag saß Lisa beim Catering. Es ging ihr ein wenig besser.
„Warum bist du nicht zu hause geblieben?"
„Weil ich meine Arbeit machen muss. Aber danke, dass Katharina heute bei euch schlafen kann." Helga stellte eine Tasse vor Lisa hin.
„Ist doch selbstverständlich."
„Danke." Lisa trank einen Schluck.
„Mon Dieu!!!", hörte sie jemanden im Atelier schreien. „Hugo, qu'est-ce que tu as fait?! » Lisa und Helga zuckten zusammen. Lucie und Hugo stritten sich mal wieder. Immer mehr Angestellte versammelten sich beim Catering. Der Vorhang wurde aufgerissen und Lucie stapfte an den Zuschauern vorbei zu ihrem Büro, in dem früher Rokko gearbeitet hatte. Einige der Mädchen begannen zu tuscheln, Hannah meinte zu Timo: „Ich weiß nicht, ob ich mich da jetzt reintrauen kann." und Max schüttelte en Kopf. Lisa nahm ihre Tasse und machte sich auf den Weg zu ihrem Büro.

Sie schloss die Tür hinter sich, stellte die Tasse auf den Tisch und setzte sich. Die Kopfschmerzen waren wieder stärker geworden, sie konnte sich noch weniger als sonst konzentrieren. Es war wirklich keine gute Idee gewesen, zu Kerima zu fahren. Mit Lucie und Hugo konnte sie auch nichts besprechen. Bis sie sich vertrugen, konnte einige Zeit vergehen. Dabei waren es nur noch wenige Wochen bis zur Präsentation! Und es musste noch vieles geklärt werden.
Mit Lucie arbeitete sie schon seit ein paar Jahren, so lange wie sie mit Hugo zusammen war. Am Anfang hatten sie sich kaum gestritten, jetzt flogen fast täglich die fetzen. Lisa hatte nur selten eine Ahnung, worum es bei den lauten Wortgefechten ging, da sie nur wenig Französisch verstand, aber sie konnte sich denken, dass es um die Kollektion und ihre gegensätzlichen Vorstellungen ging. Vor der letzten Präsentation hatten sie sich zwar auch häufig gestritten, aber so heftig war es nie gewesen.
Lisa seufzte und stützte den Kopf in die Hände. Ohne Lucie und Hugo konnte sie schlecht etwas entscheiden und die beiden jetzt in ihr Büro zu rufen wäre nicht sehr schlau. Der Streit würde hier nur in die nächste Runde gehen.
Da fiel ihr etwas ein. Sie lächelte. Wie oft sie sich mit Rokko gestritten hatte, weil seine Ideen für sie einfach nicht umsetzbar gewesen waren. Er hatte ganz schön lang gebraucht, um sie von seinen Ideen und vor allem von sich selbst zu überzeugen; und irgendwann hatte er sich einen Platz in ihrem Herzen erkämpft. Hatte er diesen je wieder verloren?