10.
Noch 3 Stunden bis zur Präsentation. Meine Anspannung steigt langsam. Außerdem habe ich so ein komisches Gefühl: Richard hat sich bei mir entschuldigt. Ich glaube, er heckt etwas aus. Er hat gesagt, dass Kerima das wichtigste für ihn ist und dass er sich deshalb nicht unter Kontrolle hatte. Das glaube ich ihm sogar, nichtsdestotrotz sind seine Methoden falsch.
David hat seit Tagen diesen scharfen Ton – besonders mir und Rokko gegenüber. Ich weiß nicht, was mit ihm los ist, aber ich glaube, es hat mit Mariella zu tun. Offiziell weiß niemand etwas, aber Sophie hat ihn neulich provoziert, indem sie ihm gesagt hat, dass nur er allein Schuld an ihrer Flucht ist und dass sie das von Mariella selbst weiß. Das hat natürlich gereicht, um in David Aggressivität auszulösen und momentan muss ich das abfangen. „Du hast doch Rosinen im Kopf", hat er gesagt, als ich mit der Taschenidee kam, aber Rokko glaubt an unseren Erfolg und jetzt im Moment wartet er gerade auf mich. Ich ziehe mich nämlich noch schnell um. Extra für die Präsentation habe ich mir ein neues Kostüm gekauft, naja, Hannah und Yvonne haben beim Aussuchen geholfen. Sie sagen, der knielange, dunkelblaue Rock, der farblich passende Blazer und die helle, doch recht enge Bluse im Kontrast dazu stehen mir gut. Okay, dann kann es ja losgehen, tief durchatmen und raus aus dem Waschraum.
„Aykaramba. Sie sehen ja richtig scharf aus", entfährt es Rokko, als ich ins Foyer komme. Automatisch werde ich unsicher: „Nicht gut für die Präsentation?" – „Keiner wird sich noch für die Taschen interessieren", grinst er mich an und wechselt dann den Ton: „Sie sehen wirklich sehr schön aus." – „Jep, ganz passabel", ertönt hinter uns eine schneidend scharfe Stimme, es ist David. „Ich fahre mit zur Präsentation", kündigt er an, „Ich will sehen, wie du dich mit dieser Schnapsidee auf die Nase legst." – „Na wenn Sie da mal nicht Ihre Zeit verschwenden, denn niemand wird sich auf die Nase legen", entgegnet Rokko im gleichen Tonfall.
„Und in dieser Baracke wollt ihr diese Beutel also präsentieren?", David lässt wirklich kein gutes Haar an unseren Plänen. „Ihr hättet vorher zu mir kommen sollen. Aber jetzt, wo die Presseleute schon hier sind, kann ich auch nichts mehr tun. Naja, so eine Koryphäe scheint dein Kowalski ja doch nicht zu sein." Ich spüre wie ich richtig wütend werde. Das Konzept ist gut, der Präsentationsraum auch und: „Ich war vorher bei dir. Aber du hast es vorgezogen, dich in deinem Selbstmitleid zu suhlen. Du erinnerst dich? Außerdem hat Rokko sich richtig in die Vorbereitungen reingekniet und viel von seiner Freizeit investiert." Was soll das? Ich meine, wo liegt sein Problem? Wir sind doch sonst gute Freunde und kommen gut klar. Warum lehnt er plötzlich alles so kategorisch ab und vor allem wieso ist er dabei so unsachlich? „Frau Plenske, kommen Sie mal? Ich würde Sie gerne jemandem vorstellen." Rokko greift nach meiner Hand und zieht mich zu dem Mann, mit dem er sich eben noch so angeregt unterhalten hat. Er ist international bekannter Modekritiker. So ziemlich jeder, der in der Branche Rang und Namen hat, ist da – offensichtlich hat Rokko alle seine Kontakte spielen lassen.
Hinter den Kulissen geht alles drunter und drüber. Hannah überspielt ihre Unsicherheit, indem sie Hugos tyrannische Art imitiert. Sie scheucht Timo von A nach B und wieder zurück. Was aber das schlimmste ist: Der Fahrdienst ist angewiesen worden, die Schnittchen und Kostüme zu einer Location in Potsdam zu fahren. Richard, schießt es mir sofort durch den Kopf. „Wir können nicht warten, bis die hierher gefunden haben." Ich sehe die Models an. „Dann geht ihr eben in Unterwäsche raus. Wer ein Problem damit hat, kann auch keine Honorarzahlung erwarten." Wow, wo kommt denn dieser Kampfgeist gepaart mit Selbstbewusstsein her? Keine Ahnung, aber die ersten Models machen sich schon frei. „Timo, hier", ich reiche ihm meine EC-Karte und einen Zettel, auf dem ich meine PIN notiere. „Um die Ecke ist ein Supermarkt, fahr hin und kauf Snacks, Würstchen, Chips... irgendwas, mit dem keiner auf einer Modeveranstaltung rechnet. Zur Not basteln die ihre Häppchen als Gag selber. Kauf auch Sekt und Säfte. Wenn einer fragt, B-Style ist zu cool für Spießerkram wie Champus und Kaviar." – „Ay-Ay", Timo tut so als würde er vor mir salutieren und rennt in Windeseile zur Hintertür raus. Ich atme erst einmal durch und sehe Hannah hinterher, die den Models noch beim Styling hilft. Diese Präsentation muss ein Erfolg werden! Einmal, weil wir uns alle so reingehängt haben. Und weil David auf gar keinen Fall Recht behalten soll. „So funktioniert das also. Man muss Sie nur unter Stress setzen und schon flutscht's…" Rokko hat meine Anweisungen schweigend verfolgt und kommt nun spitzbübisch grinsend zu mir rüber: „Das haben Sie richtig gut gelöst. Das klappt bestimmt." Er lächelt mich an, so dass mir ganz warm wird. Hoffentlich behält er Recht.
