Die nächsten Wochen verliefen ereignislos, was Darla sehr begrüßte. Zwar wurde das Dorf von Tag zu Tag voller, da immer mehr Zauberer eintrafen, die das Trimagische Turnier sehen wollten, doch das hatte wenig Einfluss auf ihren Tagesablauf. Die einzige Unterbrechung bestand in Nachrichten, die sie in regelmäßigen Abständen von Snape erhielt. Dumbledore und er hatten sich darauf geeinigt, dass so wenige wie möglich von ihrer Existenz wissen sollten, was im Endeffekt die beiden, sowie Hagrid einschloss. Außerdem eine gewisse Professor Minerva McGonagall. So verhielt sich Darla unauffällig und mimte die kleine Hexe vom Land, die sich in dem kleinen Häuschen eingenistet hatte, um irgendwelchen Studien nachzugehen. Sie nutzte nun bei fast allen Gelegenheiten ihre Kräfte und musste sich auch kaum noch stark darauf konzentrieren. Der Hauch eines Gedanken reichte schon aus, um etwas gesehen zu lassen. Ihre Kleidung hatte sie nun komplett verwandelt, da sie für sich beschlossen hatte, ihr altes Leben abzustreifen. Während ihrer dritten Woche in Hogsmeade hatte sie dann eine interessante Entdeckung gemacht. Als sie wie gewöhnlich mit ihren Tieren geredet hatte, hatte eine der Schlangen geantwortet. Und nach kurzer Zeit war sie in ein sehr anregendes Gespräch verwickelt gewesen. Professor Snape hatte ihr mitgeteilt, dass sie Parsel sprechen konnte, was ihn zudem darauf schließen ließ, dass sie höchstwahrscheinlich seinem Haus zugeteilt worden wäre, hätte sich ihr magisches Potential schon in Kindertagen gezeigt. Darla kam nicht umhin, einen gewissen Hauch von Stolz aus diesen Worten zu lesen, was ihr ein warmes Gefühl in die Magengegend zauberte.

Die Wochen vergingen und Weihnachten stand vor der Tür. In all der Zeit lebte Darla eher abgeschieden von den Menschen, pflegte ihr menschliches Mitteilungsbedürfnis nur über den Briefkontakt mit Snape und hatte von selbem nur einmal in der Zeit persönlich Besuch bekommen. Sirius hielt sich die ganzen Tage über nur in seiner Hundegestalt und hauptsächlich draußen auf. Die einzigen, mit denen sie Augenkontakt und ein ordentliches Gespräch führen konnte, waren ihre drei Schlangen, die sich seit bekannt werden von Darlas Fähigkeit größtenteils im Haus aufhielten, außerhalb des Käfigs. Roke und Hexe, die anfangs eher skeptisch ein Auge auf die ehemaligen Käfig - Insassen geworfen hatten, kamen mittlerweile gut mit diesem Umstand zurecht. Vom Dorf drangen immer wieder Gerüchte und Spekulationen bezüglich des Turniers zu ihr durch über einen gewissen Harry Potter, Drachen und sonstiges, was Darla immer wieder verblüffte.

Dennoch brauchte Darla jemanden um sich, der etwas menschlicher war und sie nicht nur mit Gerüchten versorgte, sondern mit einem anständigen Diskussionsthema. Zu oft bemerkte sie, wie, allen Maßnahmen zum Trotz, ihre Gedanken und Gefühle sie immer wieder einholten und ihren Alltag durcheinander brachten. Nicht nur die Dinge, die diesen Sommer passiert waren, wollten sie nicht in Ruhe lassen. Immer öfter drängten sich Erinnerungen an eine grausame Vergangenheit an die Oberfläche, Jahre der Tränen, der Aufopferung und letzten Endes der Verzweiflung, Wut und Einsamkeit. Neben all diesem immer wieder die Frage, was noch alles geschehen würde und ob sie es irgendwann schaffen könnte, ihr Glück zu finden. Sowohl in Snape, als auch in Sirius hatte sie Menschen gefunden, die ihr zuhörten und scheinbar für sie da waren. Und doch nagten Zweifel an ihr, denn schon einmal hatte sie sich in falscher Zuversicht und Geborgenheit verloren, ehe sie mit einem harten Schlag ins Gesicht in die Gegenwart zurück geholt worden war. Um sich wieder einmal von ihren Gedanken auf Dauer zu befreien, musste sie jemanden um sich haben, der sie ablenken konnte. Zudem wollte sie Weihnachten nicht alleine verbringen.

So beschloss sie aus einer Laune heraus, Professor Snape zum Essen einzuladen. Dieser sagte zu ihrer Verblüffung sogar zu.

Weihnachtsabend. Darla hatte, aufgrund ihrer ohnehin bunten Ausstattung, auf aufwendigen Weihnachtsschmuck verzichtet und so zierten nur einige silberne Weihnachtssterne den Kamin und die Fenster. Sie fand, dass die zahlreichen Kerzen, die ihr als Beleuchtung dienten, für genug Stimmung sorgten.

Den ganzen Tag verbrachte sie damit, ein weihnachtlich passendes Dinner für zwei zu zaubern, was ihr relativ gut gelang. So konnte sie sich vor Snapes Eintreffen in Ruhe um ihre Garderobe kümmern und noch etwas Make-up auftragen. Ihr Spiegelbild zeigte einige Zeit später eine elegante junge Frau, die ein langes eng geschnittenes schwarzes Samtkleid mit weiten Ärmeln trug. Der tiefe Ausschnitt brachte ihr Dekolletee zur Geltung, ohne aufdringlich zu wirken. Die Haare wurden von einer silbernen Spange gehalten und fielen ihr in dicken Locken lang über den Rücken. Schlichte Eleganz.

Fünf Minuten vor acht klopfte es an der Tür und sie öffnete einem grimmig blickenden Professor Snape, dessen Kleidung und Haar von Schneeflocken bedeckt waren.

"Professor! Welch eine Freude!" Sie musste sich zurückhalten, um bei seinem Anblick nicht laut loszulachen. Seine düstere Miene wollte so gar nicht in ihr weihnachtliches Bild passen und die weißen Sterne, die ihn bedeckten, schienen da mit ihr einer Meinung.

Er trat ein, befreite sich mit einem Schwenker seines Stabes von den unliebsamen Schneeflocken und sah sich missmutig um. Nachdem er gefunden zu haben schien, was er suchte, bzw. was er hoffte, hier nicht anzutreffen, hellte sich seine Miene etwas auf.

"Wie ich sehe, sind Sie der Hogwarts überfallenden Weihnachtsepidemie entkommen." Mit einem Kopfnicken deutete er auf ihre Räume. Scheinbar hatte sie mit ihrer minimalistischen Dekoration genau seinen Geschmack getroffen.

Der Abend schien viel versprechend zu werden, nachdem sich die anfängliche kalte Mauer ein Stück zurück gezogen hatte.

"Wo haben Sie eigentlich ihr schwanzwedelndes Anhängsel gelassen?" Da Roke seinen Kopf auf Snapes' Schoß platziert hatte, konnte nur von Sirius die Rede sein. Dieser befand sich, wie Darla ihm mitteilte, bei irgendwelchen Bekannten, nachdem er erfahren hatte, das Snape eingeladen war.

Allerdings konnte sie ihm keine genauere Auskunft geben, da Sirius es streng geheim hielt.

"Nun ja, so haben wir den Abend ganz für uns!" Sie zwinkerte ihm zu und hob ihr Glas, welches sich erneut mit Elfenwein gefüllt hatte.

Darla stand in der Küche und räumte die Teller weg. Sie war müde, gleichzeitig aber auch aufgekratzt wie schon lange nicht mehr. Die Unterhaltungen mit dem Professor hielten sie wach und forderten eine Seite an ihr, die sie schon lange für verloren gehalten hatte. Die intellektuelle Konversation hatte sehr unter ihrem Leben mit den Tieren gelitten, wenn man einmal von den Schlangen absah.

Die Schlange… - Sie musste unwillkürlich schmunzeln. Slitherin, die Schlange… wenn das mal kein Zeichen war!

So in ihre Gedanken vertieft, merkte sie nicht, wie eine weitere Person das Zimmer betrat. Als warmer Atem ihren Nacken streifte, zuckte sie zusammen. Eine tiefe Stimme flüsterte ihr ins Ohr: "Das war ein sehr netter Abend Miss Cristal." Der Bass seiner Stimme hallte in ihr nach. Snape bemerkte die Gänsehaut, die den für ihn sichtbaren Teil ihrer Arme überzog. Er zog amüsiert eine Augenbraue hoch. Seine Lippen streiften ihre Haare, die Haut ihres Halses. Ihre Reaktion darauf war ein leises Keuchen.

"Professor!", presste sie hervor.

"Ja, Miss Cristal? Verunsichert Sie meine Gegenwart etwa?" Seine Stimme hatte einen leicht belustigten Unterton, der sie wütend werden ließ.

"Was zur Hölle soll das?!" Sie fuhr herum und herrschte ihn an. "Lassen Sie diese Spielchen!" Sie war sich sehr wohl der verräterischen Reaktion ihres Körpers bewusst, von der klar war, dass auch Snape sie bemerkt hatte. Dies steigerte ihren Zorn zusätzlich. Sie fühlte sich ertappt.

"Wenn Sie jetzt bitte gehen würden, es ist doch schon recht spät…."

Snape sah sie mit durchdringenden Augen an. Seine Augenbraue wanderte nach oben, die Mundwinkel zuckten verräterisch.

"Nach diesem netten Zusammensein wollen Sie mich so plötzlich hinaus komplimentieren?" Er war ihr viel zu nahe und Darla konnte sich nur schwer beherrschen, ihm weiter in die Augen zu blicken und ihn nicht von sich zu stoßen.

"Professor, bitte", flehte sie mit heiserer Stimme, "Ich kann das nicht. Keine Spielchen, das halte ich nicht aus! Der Abend war wirklich sehr angenehm in ihrer Gesellschaft und ich habe die Gespräche mit Ihnen vermisst. Lassen Sie um Gottes Willen nicht schon wieder den Sadisten raus! Es ist Weihnachten verdammt noch mal!"

Ein leises tiefes Lachen entwischte Snapes beherrschter Miene. "Solch böse Worte von Ihren schönen Lippen? Wehren Sie sich nicht dagegen!" Ohne dass sie es bemerkt hatte, hatte er seinen Zauberstab gezückt. Sein Imperius traf sie völlig unvorbereitet, so dass sie sich auf die Anrichte hinter ihr stützen musste. Ein weicher Nebel umfing sie, hüllte sie ein, bettete sie in einer ersehnten unbefangenen Freiheit. Irgendwo weit hinten in ihrem Kopf wehrte sich eine leise Stimme.

'Nicht! Lass mich!!'

Aber sie war so leise… So weit weg… Und das hier so schön… Fallen lassen… Nicht mehr denken….

Der Mann vor ihr hatte sein Gesicht zu einer diabolischen Maske verzogen. Dennoch fühlte sie sich ihm verbunden, wollte hören, was er zu sagen hatte, was sie für ihn tun konnte.

Etwas in ihr verspürte den starken drang, ins Wohnzimmer zurück zu kehren.

Dort, zwischen Sofa und Tisch lag jemand. Sie konnte nur ein Paar Füße erkennen, schwarz beschuht. Sie trat näher, beugte sich über den starren Körper, dessen Rückseite ihr zugewandt war. Sie blickte zu dem schwarz gekleideten Mann, der in der Tür stehen geblieben war und den Zauberstab auf sie gerichtet hielt.

"Tu es mein Engel. Ich weiß, dass es das ist, was du willst. Tu es für mich!", bezirzte sie seine dunkle Stimme.

Die Gegenwehr in ihrem Hinterkopf wurde immer lauter, immer drängender. Die Person vor ihr kam ihr merkwürdig bekannt, vertraut vor. Ihre Linke fasste sie an der Schulter, drehte sie herum. Ein blasses Gesicht, das Haar wirr um den Kopf, die Augen weit aufgerissen, zu einer Maske erstarrt.

"TU ES!", schrie die Stimme hinter ihr. Und dann machte es klick. Als wäre ein Schalter in ihrem Kopf umgelegt worden, klärte sich ihr vernebelter Blick. Der Mann vor ihr, natürlich kannte sie ihn! Aber er stand hinter ihr… Was war hier los?! Ihre Augen wurden auf die Schwere in ihrer Rechten gelenkt: Ein Messer! Wann hatte sie das zur Hand genommen? Das Gefühl einer Schlingpflanze, die sich um ihren Geist zu winden versuchte, überkam sie. Doch diesmal war sie vorbereitet.

Sie drehte sich ruckartig um, ihre Augen verdunkelt vor Zorn. Der Mann, der immer noch in der Tür stand, Zauberstab erhoben, schien überrascht und wurde so heftig von ihrer Wut gepackt, dass es ihn mehrere Meter nach hinten schleuderte ehe er reglos am Boden liegen blieb.

Darla wandte sich erneut dem Mann zu ihren Füßen zu. Das Messer legte sie neben ihn auf den Boden. Mit ihrer einen Hand tastete sie nach seinem Puls, während die andere einige Strähnen aus seinem Gesicht strich.

"So einfach lass ich Sie jetzt nicht gehen!", murmelte sie vor sich hin. Sein Herz schien unendlich langsam zu schlagen, aber immerhin schlug es noch. Sie schüttelte ihn leicht.

"Wachen Sie auf verdammt!" Immer wieder rief sie es ihm entgegen, rüttelte an ihm, strich ihm übers Gesicht.

"WACH AUF!", brüllte sie, verpasste ihm eine schallende Ohrfeige. Dies schien letztendlich zu wirken, denn der Mann unter ihr blinzelte einige Male, holte tief Luft und sah sie entsetzt an. Tränen standen ihr in den Augen.

"Professor! Gott sei Dank, ich dachte, ich bekomme Sie nie mehr wach!" Sie half ihm, sich etwas aufzusetzen und umarmte ihn. Snape sah sich verwirrt um.

"Was ist denn geschehen?" - "Das wissen Sie nicht? Sie lagen bis eben noch hier und haben keinen Ton von sich gegeben! Nichts an Ihnen hat sich mehr gerührt! Und da war dieser… Da waren Sie … Oder jemand, der wie Sie aussieht… Ich weiß nicht…"

Plötzlich war Snape auf den Beinen. Sah sich fragend um. " Wo ist er?" Darla deutet mit dem Kopf Richtung Flur. Der Professor drehte sich herum, war mit wenigen Schritten aus dem Wohnzimmer.

"Hier ist niemand! Nur einige Scherben", hörte sie ihn rufen. "Weder hier im Flur, noch in der Küche!"

Darla stutzte. Hatte sich der Fremde, der ihr doch so bekannt ausgesehen hatte, aus dem Haus geschlichen, während sie neben Snape gekniet hatte?

Er kam zurück zu ihr.

"Was genau ist passiert?", wollte er wissen und bedachte sie mit ernstem Blick.

Sie erzählte ihm, was passiert war. Bei der kleinen Diskussion in der Küche wurde sie rot, doch Snape schien das nicht weiter aufzufallen.

"Wahrscheinlich hat er bei mir eine verstärkte Form des 'Stupor' angewandt. Bei Ihnen eindeutig den 'Imperius', wie Sie bereits wissen sollten, einen der Unverzeihlichen. Und scheinbar sollten Sie mich töten. Allerdings kann ich noch keinen Sinn dahinter sehen…"

Der Professor schien ratlos.

"Ich sollte zu Professor Dumbledore. Er muss darüber unterrichtet werden!"

Doch Darla hielt ihn am Ärmel zurück. Mit flehenden Augen sah sie ihn an. "Bitte bleiben Sie."

Snape schien kurz aus der Bahn geworfen, als ein fragender Blick über sein Gesicht huschte.

"Ich möchte nicht allein sein! Bitte!", versuchte sie es noch einmal.

Sirius würde heute nicht mehr zurückkehren, Roke schien ebenso verschwunden. Darla würde ganz alleine in diesem Haus bleiben und Snape wusste das. Nach diesem Erlebnis sollte er sie wirklich nicht so zurücklassen.

Er nickte. Sie atmete erleichtert aus.

"Danke.", sagte sie. Aber er hatte es schon längst in ihren Augen gesehen.

Sie saßen lange im Wohnzimmer auf der Couch. Sie hatte sich an ihn gelehnt, ihren Kopf an seiner Schulter. Die Tränen liefen ihr übers Gesicht, als immer wieder Szenen der Horrornacht vor ihrem inneren Auge abliefen. Damals war sie ausgeliefert gewesen. Der Zauber, mit dem sie vor kurzem belegt gewesen war, hatte sie ebenso wehrlos werden lassen. Snape, der sich etwas deplaziert fühlte, hatte seinen Arm um sie gelegt und starrte in das Feuer des Kamins.

Seine Gedanken rasten. Auch wenn er vorhin mit teilnahmsloser Miene ihren Ausführungen gelauscht hatte, war ihm nicht entgangen, was sie bezüglich ihrer Reaktion auf sein vermeintliches Ich gesagt hatte. Was empfand diese Frau für ihn? Was war er in ihren Augen? Zu viele Fragen, die er sich nicht selbst beantworten konnte.

Ihr Atem ging langsam und ruhig.

"Darla? Sind Sie eingeschlafen?" Müde hob sie ihr Gesicht dem seinen entgegen und sah ihn aus roten Augen an. Das war seine Chance. Behutsam hielt er sie fest, hatte seine Hand unter ihr Kinn gelegt. Sein Geist tastete sich vorsichtig durch die Barrieren ihres Unterbewusstseins. Ihre Müdigkeit half ihm dabei, unbemerkt zu bleiben. Und dort sah er es. Besser gesagt, ihn.

Oder eigentlich, um den Kern der Sache zu begreifen: Sich selbst. Doch nicht auf die Art und Weise, wie er sich selbst im Spiegel gegenüberstand. Nicht diese Kälte, die ihn sonst umgab. Nein, hier sah er warm und weich aus, immer noch bedrohlich, aber auf eine anziehende Art. Er stutzte. So sah sie ihn? Mit plötzlicher Wucht wurde er aus ihrem Geist verstoßen.

"Tun Sie das NIE wieder!" Die junge Frau in seinen Armen funkelte ihn wütend an. Sie wusste, was er gesehen hatte und es war ihr äußerst unangenehm. Sie wollte sich von ihm zurückziehen, wollte aufstehen, doch er hielt sie fest.

"So sehen Sie mich?", fragte er mit erstickter Stimme. Er wusste nicht, was er davon halten sollte.

"Lassen Sie mich!" Sie schrie nun, sprang auf, drehte sich von ihm, doch er packte sie fest am Handgelenk. Die Tränen liefen wieder in kleinen Bächen über ihr Gesicht. Was passierte hier nur? Er hätte das nicht tun dürfen, ihre Hilflosigkeit ausnutzen. Sie schlug um sich, wehrte sich nach Leibeskräften, doch er war stärker.

Er packte ihr Gesicht mit einer Hand, nicht zärtlich, wie gerade eben noch, sondern hart und fordernd. Seine Lippen pressten sich auf ihre, er küsste sie brutal. Als sie Blut schmeckte, weiteten sich ihre Augen entsetzt. Doch er ließ nicht von ihr ab. Sein Körper presste sich an sie, drängte sie auf das Sofa. Die Emotionen schlugen über ihr zusammen, Erinnerungen und Bilder, die sie bis eben versucht hatte, in ihre Schranken zu weisen, überfielen sie mit solch einer Wucht, dass sie den starken Drang verspürte, sich zu übergeben. Plötzlich ließ er sie los, wandte sich von ihr ab. Seine Stimme war ein kaltes Flüstern.

"Sie sollten mich nicht so sehen Darla! Ich bin kein netter Mensch und erst recht niemand, den man so ansieht! Sie werden bei mir nicht das finden, was Sie suchen."

Damit stand er auf und verließ ihr Haus.

Darla blieb wie versteinert auf dem Sofa sitzen, die Tränen liefen ihr unaufhörlich über die Wangen. Als sie sich über die Lippen leckte und den metallischen Geschmack wahrnahm, brach eine Welt für sie zusammen. Das letzte Mal hatte sie ihr eigenes Blut in der Todesnacht ihrer Freundinnen geschmeckt und nun wieder. Dabei hatte sie ihm vertraut… Die Mauer, die sie um ihr Herz legte, wand sich wie eine kalte Kette aus Eisen darum und schnürte jegliche Emotion, jegliche Regung irgendwelcher Art, ab.

Sie hatte wieder Gefühle zugelassen, auch wenn sie sich das nicht ausgesucht hatte und war wieder einmal enttäuscht und verletzt worden. Die Erkenntnis, dass es ihr wohl nie vergönnt sein würde, Glück und Liebe zu finden, traf sie wie ein Schlag ins Gesicht. Ihr Magen zog sich zusammen und sie musste die Übelkeit hinunterschlucken, die sie ergriffen hatte. Das einzige, was sie in ihrem Leben gelernt hatte war, dass sie nicht auf der Sonnenseite stand. Verluste und Enttäuschungen drängten sich am Rand des Weges und warfen Steine auf selbigen. Nicht nur einmal war sie dabei ins Straucheln geraten. Und jetzt war es soweit, die Mauer war hochgezogen und die Welt ausgesperrt. Wie kann man ein Herz zerschlagen, das bereits tot ist?

Man kann es nicht.

Flucht

Drei Wochen war Darla in ihrem Haus geblieben, hatte niemanden empfangen, hatte James aus dem Haus geschickt und selbst die Gespräche mit ihren Schlangen bis auf weiteres eingestellt. Alles, was sie zum Leben benötigte, ließ sie sich per Eulenkurier schicken.

Nach drei Wochen war Darla dann endlich bereit, der Welt entgegenzutreten. Sie hatte getrauert, sich verschlossen, an der Mauer in ihrem Inneren gearbeitet. Niemand sollte sie mehr verletzen. Durch den Vorfall dieser verhängnisvollen Nacht wusste sie, dass sie zaubern konnte. Dank Snape wusste sie, wie stark sie war. Sie brauchte niemanden.

Drei Wochen und sie verließ zum ersten Mal wieder das Haus, lenkte ihre Schritte Richtung Hogwarts, um sich von Hagrid zu verabschieden.

Drei Wochen nachdem ihr Herz beschlossen hatte, dass es nach all dem Schmerz, dem es in den letzten Jahren ausgeliefert war und der es immer wieder eingeholt hatte, hinter einem Käfig aus Gold sicherer wäre, verschwand Darla Cristal spurlos.

Severus Snape hatte es seit der Nacht an Weihnachten vermieden, mit jemandem über Darla zu sprechen. Seine Gedanken versuchten zwar, ihn zu überlisten und in unbeobachteten Momenten aus den Tiefen seines Geistes hervorzuspringen, doch Snape war schneller und bis zum Schluss hatte er einen trank zu Hilfe genommen, um sich endgültig davon zu befreien. So war ihm entgangen, dass er nicht der einzige war, der vergessen wollte und seine Gefühle einsperrte. Was sein Ausbruch an Weihnachten bei einer anderen Person ausgelöst hatte wusste er weder, noch gab er seinem Gewissen irgendeine Chance, sich die Folgen auszumalen.

So war er mehr als nur verwundert, als ein lautes Poltern ihn aus seiner Arbeit aufschreckte.

"Professor! Professor Snape, Sir!" Der Halbriese rannte keuchend die Stufen in die Kerker hinab.

"Hagrid! Machen Sie nicht so einen Lärm!" Snape schien mehr als ungehalten vom Auftreten des Wildhüters.

"Professor, sie ist weg!" Hagrid blieb schnaufend vor ihm stehen und stütze sich mit einer Hand an die kalte Kerkerwand.

"Was soll das heißen: sie ist weg? Wer?" Ihn beschlich eine dunkle Ahnung und als Hagrid "Darla" hervorstieß, zog sich Snapes Magen unwillkürlich zusammen.