Kapitel 10 – Gefangen

„Ist das der Pirat?", fragte Anissa, als sie in die Zelle trat. Und jetzt wusste sie warum Nika die Medizin in das Essen gemischt hatte. Sie hatte Lysop wohl gesehen als sie ihn hergebracht hatten und zwei und zwei zusammengezählt. Wenn man ihn sah, dann war es nicht schwer zu erkennen dass er dieselbe Krankheit hatte wie Assia. Sie trat an den Jungen heran und kniete sich neben ihn. Er schlief und sie war sich nicht sicher ob sie ihn aufwecken konnte. Assia war schon seit einer ganzen Weile nicht mehr wach gewesen, aber das war vielleicht auch ganz gut so. Wäre Lysop wach gewesen, dann hätte man sie wohl kaum zu ihm gehen lassen.

„Mach dir keine Sorgen Lou, er greift mich nicht an", sagte sie und stupste den Pirat in die Seite. „Er schläft. So schnell kriegen wir ihn nicht wach."

Sie stellte die Schüssel mit dem Essen auf den Boden und nahm den Löffel, den sie mitgenommen hatte, in die Hand. Sie wusste wie das ging. Assia musste sie immerhin auch füttern, aber es war immer eine ziemlich zeitaufwändige Sache. Aber Anissa war geduldig und tröpfelte die zusammengerührten Essensreste Stück für Stück in den Mund des Schlafenden, der aus Reflex schluckte. Geduld und Fingerspitzengefühl waren gefragt, damit nicht aus Versehen etwas danebenging und in der Luftröhre landete.

Fast eine halbe Stunde lang saß sie da und fütterte den Piraten, während sie es kaum erwarten konnte wieder zum Strand zu laufen und den Strohhüten zu sagen wo sie Lysop finden konnten. Sie würden bestimmt einen Weg finden ihn hier wieder raus zu holen. Und sie würde ihnen helfen. Immerhin waren diese Piraten ja so etwas wie ihre Freunde. Das war es, was sie Nika vorhin hatte sagen wollen. Sie kannte sie noch nicht lange aber trotzdem wusste sie ganz genau dass sie diese Piraten vermissen würde wenn sie wieder weiter fuhren. Sie war gerne bei ihnen und sie waren auch so nett zu ihr wie sonst nicht viele. Sie hatte noch nie wirkliche Freunde gehabt. Die Kinder im Dorf ließen sie zwar mitspielen, immerhin hatte sie die Mutprobe vor ein paar Jahren bestanden, aber wirklich anvertrauen würde sie sich keinem von ihnen. Aber diese Piraten hatten etwas an sich was ihr Vertrauen einflößte – was alleine deswegen schon vollkommen unsinnig war weil man Piraten nie vertrauen sollte. Das hatte man ihr hier beigebracht.

„Beeil dich, Zwerg!", sagte Lou. Anissa blickte auf.

„Hört endlich auf mich immer so zu nennen." Aber sie wusste dass sie es nicht tun würden, egal wie oft sie es sagte. Sie lebte immerhin schon lange genug unter diesen Marineblödmännern. Okay, es gab hier welche die sehr nett waren und ihr auch mal Süßigkeiten schenkten wenn sie sie trafen. Aber die meisten konnte Anissa nicht leiden. Assia riet ihr auch immer sich von den Leuten im Marinestützpunkt fern zu halten, es sei denn sie mussten dort arbeiten. Es waren meistens die Soldaten der unteren Ränge, die nett zu ihr waren. Höhere Ränge waren meistens komplett von sich eingenommen. Aber es gab auch Männer wie Lou, die sich immer freuten wenn es Leute gab die unter ihnen standen und den Moment richtig genossen. Und da konnte sie sich beschweren so lange sie wollte, solange sie ihr irgendwelchen dummen Spitznamen geben wollten taten sie es auch. „Ich brauche noch ein bisschen. Mr. T. will mit ihm reden hast du gesagt. Dafür muss er essen und das kann er nicht, weil er schläft und ich ihn nicht wecken kann. Oder willst du ihn wecken? Ihr sagt doch immer wie gefährlich Piraten sein können. Du solltest froh sein dass er schläft."

Sein Blick war Antwort genug. Anissa wusste dass hier jeder froh war wenn sie die ungeliebten Aufgaben übernehmen musste und das hier gehörte dazu. Wer wollte schon Piraten versorgen? Doch Anissa blieb weiter neben Lysop sitzen. Er war der Pirat den sie am wenigsten kannte. Sie wusste noch wie er ihr gesagt hatte dass sie keine Angst haben musste, solange Lysop der tapfere Held der Meere da wäre und ihr seine Abenteuer erzählt hatte. Sie hatte ihn gemocht. Und es passte ihr gar nicht dass er jetzt hier war, bei Mr. T., der nicht gerade dafür bekannt war dass er nett zu Menschen wie Lysop war. Sie musste den Piraten so schnell wie möglich sagen wo sie ihren Freund finden konnten. Er musste hier raus, denn hier würde es nicht ihm nicht besser gehen. Besser würde es ihm gehen wenn er auf dem Schiff war und Chopper sich um ihn kümmern konnte, denn sie kannte sich nicht damit aus wie man Kranke behandelte. Das machte normalerweise auch Assia. Anissa nahm die leere Schüssel und stand auf. Lysop lag noch immer unbewegt auf dem Stroh. Aber vielleicht hatte es ja geholfen

Als sie wieder zurück in die Küche kam stand das Abendessen oben im Haus wohl schon auf dem Tisch, denn Nika saß an dem Küchentisch und aß bereits, während Anissas Portion noch da stand und darauf wartete dass sie kam. Anissa trat langsam in die Küche ein und setzte sich Nika gegenüber. Das ältere Mädchen sagte kein Wort. Sie schob Anissa nur wortlos ihren Teller zu und aß weiter. Sie sah müde aus, aber Anissa war auch müde. Sie waren alle müde, seit sie Assias Arbeit noch mitmachen mussten und nicht zum ersten Mal fragte sich Anissa wie ihre Mutter das alles hinbekam. Assia war erst seit zwei Tagen krank aber trotzdem ging seitdem im Dienstbotenkeller alles drunter und drüber. Aber Anissa wollte nicht schweigend essen und schweigend ins Bett gehen. Und außerdem hatte sie etwas, das sie schon loswerden wollte seit sie im Keller gewesen war.

„Du wusstest wer das ist", sagte sie.

Keine Antwort.

„Nika! Du wusstest wer das ist", versuchte Anissa es erneut. Aus ihrer Stimme und auch aus ihren Augen konnte man die Vorwürfe lesen, doch Nika sah sie nicht einmal an.

„Warum hast du mir das nicht gesagt? Und warum hast du ihn nicht geholfen?"

„Was hätte ich denn deiner Meinung nach machen sollen?", sagte Nika. „Hätte ich zu Mr. T. sagen sollen er soll ihn gehen lassen weil seine kleine Dienerin sich mit Piraten angefreundet hat? Oder wie stellst du dir das vor Anissa?"

Sie antwortete nicht.

„Aber damit eins klar ist", fuhr Nika fort. „Du bleibst von diesen Piraten weg. Ein für alle Mal. Das geht nicht gut aus."

Klirr

Mit einem lauten Scheppern fiel Anissas Gabel auf den Teller als sie aufsprang.

„Was ist denn los mit dir Nika?", fragte sie. „Warum bist du so? So warst du doch sonst nie!"

„Anissa, ich mache mir nur…"

„Gar nichts machst du dir!", rief Anissa. Die Mädchen schauten sich ein paar Minuten in die Augen, doch keine der beiden sagte etwas. „Seit Assia krank ist willst immer du bestimmen. Aber du bist nicht Assia und du bist nicht meine Mama!"

„Falls du es vergessen hast, Assia ist auch nicht deine Mutter!", fuhr Nika das Mädchen an. Doch noch in dem Moment, in dem sie diese Worte aussprach, bereute sie es schon wieder. Anissas Atem ging schwer, so als wäre sie gerade eine weite Strecke gerannt. In ihren Augen funkelten Tränen.

„Das ist mir egal!", schrie sie. „Das ist mir egal was Assia ist und was sie nicht ist! Assia ist Assia und du hast gar nichts zu sagen! Und irgendwann gehe ich mit ihr weg von hier und dann ist es allen egal was irgendwann mal gewesen ist weil Assia dann meine richtige Mama ist! Ich bin nämlich keine Dienerin, ich bin genauso wie du auch und wenn ich gehen will, dann werde ich auch gehen und da kann Mr. T. gar nichts dagegen machen! Ich gehöre ihm nicht! Ich gehöre nur mir und sonst keinem anderen!"

Mit einem lauten Knallen fiel die Küchentür ins Schloss. Dann war es still.

Anissa lief die Treppe hinauf in den Hof. Sie brauchte frische Luft. Sie verstand nicht wieso sie nicht mehr zu den Piraten gehen durfte. Immerhin wussten hier ja alle dass sie kein Pirat war und sie durfte doch gehen wohin sie wollte. Aber trotzdem, seit Assia krank geworden war, war Nika so merkwürdig geworden. Sie spielte sich als ihre Mutter auf und verbot ihr jetzt auch noch zum Strand zu gehen. Und jetzt… sie hatte das alles so schön vergessen. Warum musste sie sie daran erinnern?

Sie vergrub das Gesicht im Stoff ihres Kleides. Warum musste sie sie daran erinnern dass Assia nicht ihre richtige Mutter war? Das tat doch überhaupt nichts zur Sache!

Aus der Ferne hörte sie das Rauschen des Meeres. Sie wollte hier weg! Sie wollte einfach hier weg! Assia nannte sie immer einen Schwätzer wenn sie davon redete einmal hier weg zu gehen, aber sie wusste nicht wie ernst es Anissa war. Sie hatte keine Ahnung dass das Mädchen sich wirklich nichts sehnlicher wünschte als einfach ein kleines Boot zu nehmen und von Jewel Creek weg zu fahren. Irgendwohin, wo sie niemand kannte. Wo es keinen Mr. T. gab, der sie ständig herum kommandierte, keine Mirania die immer mit ihr spielen wollte und keine Marine, die sie einfach immer an dieses Haus hier erinnerte. Am allerliebsten auf irgendeine kleine, unbewohnte Insel die dann nur ihr alleine gehören würde. Wo sie sich ein Haus bauen könnte und ihren Vater und ihre Mutter suchen konnte. Ihre richtigen Eltern, die sie auch suchten, irgendwo da draußen auf dem Meer…

Auch wenn alle sagten dass es Träumereien waren, dass es unmöglich war auf irgendeinem Meer irgendjemanden zu finden ohne wirklich zu wissen wo man suchen musste, weil das Meer riesig war, sie war sich ganz sicher dass sie es schaffen konnte. Sie musste nur Assia überreden von hier weg zu gehen, denn alleine lassen wollte sie ihre Adoptivmutter nicht. Und das wussten alle. Auch Assia wusste das aber trotzdem ließ sie sich nicht überreden. Als würden sie einfach nicht wollen dass sie aufs Meer ging. Dabei wusste sie dass sie nicht zu schwach war um irgendwo anders leben zu können. Immerhin war sie nicht so ein Mädchen wie Mirania.

Sie beneidete die Piraten. Sie hatten ein Schiff. Sie konnten fahren wo immer sie hin wollten. Sie waren frei, hatten die ganze Welt, die nur darauf wartete von ihnen entdeckt zu werden. Vielleicht hatte Nika ja Angst dass Anissa mit den Piraten mitgehen wollte? Was für ein Blödsinn.

„Da bist du ja."

Anissa spürte eine Hand an ihrem Arm und sah auf. „Wie siehst du denn aus? Machst du dich nicht sauber?"

Wer sollte es sonst sein wenn nicht Mirania.

„Mir ist langweilig", informierte Mirania Anissa unnötigerweise, denn das Kind spürte bereits den wohlbekannten Ruck an ihrem Arm der ihr zeigte dass sie jetzt mitzukommen hatte. „Ich will spielen." Anissa wollte nicht spielen, aber das sagte sie nicht. Sie ließ sich mitziehen. Den Weg kannte sie ja.

Miranias Zimmer lag im zweiten Stock des Hauses und erinnerte Anissa immer an ein Zimmer in einem Puppenhaus. Es war immer alles ganz ordentlich aufgeräumt und vor allem die Möbel und die rosa Farbe waren Anissa unangenehm. Mirania stellte Anissa neben das Himmelbett und ging zu ihrem Schrank.

„Weißt du, ich habe heute etwas versucht", sagte Mirania. Anissa ahnte Schlimmes. Und das zeigte sich auch schnell, denn sie zog das scheußlichste Kleid aus dem Schrank das Anissa je gesehen hatte. Die Nähte waren schief und auf ein unförmiges, zylinderförmiges Ding mit Ärmeln waren geschätzte hundert Lagen Tüll getackert. Mirania strahlte. Anissa versuchte das ebenfalls, aber es gelang ihr nicht so wirklich.

„Oh", sagte sie und wischte sich die letzten Tränen aus dem Gesicht. „Selbst genäht?"

Mirania nickte begeistert. „Merkt man's viel?", fragte sie. „Ich glaube ich habe Talent. Ich muss Papa fragen ob er mir wieder Stoff kauft. Du kannst Modell stehen, dann mache ich was Maßgeschneidertes. Toll, oder?"

„Oh ja… toll…" An ihrer Stimme merkte man dass Anissa nicht ganz so begeistert war wie sie tat. Aber sie konnte sich ziemlich gut verstellen. Schon mehr als einmal hatte Assia gesagt dass sie eine ziemlich gute Schauspielerin war. Mirania merkte nie wenn sie log. Aber eigentlich war Mirania eh nicht das hellste Licht am Hafen. Und Anissa gruselte sich davor dass die kleine Lady auf die Idee kam ihr ein Kleid oder einen Rock oder eine Schürze oder sonst irgendwas zu nähen. Sie hatte vorher noch nie etwas Selbstgemachtes von Mirania gesehen und das hier war wohl ihr allererster Versuch. Aber auch für einen allerersten Versuch war es so scheußlich dass sie sich ein Urteil erlaubte – Mirania hatte absolut kein Talent zum Nähen.

„Zieh erst mal diesen hässlichen Fetzen aus", sagte Mirania und Anissa gehorchte, während sie sich verkniff zu sagen dass ihr Kleid eigentlich viel schöner war als dieses Teil das sie gemacht hatte. Auch wenn es schmutzig war und ein bisschen zerlumpt aussah. Sie hatte kein Problem damit dass Mirania sie in Unterwäsche sah. Für die kleine Lady war das kein unbekannter Anblick und Anissa war sowieso noch nie genant gewesen. Außerdem war sie für Mirania sowieso nichts anderes als eine Puppe und eine Puppe konnte man ja auch an- und ausziehen wie es einem gerade passte. Es war dieses Spiel das Anissa so sehr hasste. Und es dauerte Stunden. Anziehen, ausziehen, vor den Spiegel, zum Frisiertisch… Mechanisch ging Anissa all diese Stationen ab, tat das was Mirania von ihr verlangte. Setz dich hin, dreh dich um, mach die Arme hoch, dreh dich um, geh hierhin, geh dahin… Und während sie das tat schweifte ihr Blick immer wieder zum Fenster, das in Richtung Meer lag. Sie konnte einfach nicht anders. Sie musste auf das Meer hinaus schauen, das ihr so lieb und teuer war, nach dem sie sich so sehr sehnte, seit sie sich erinnern konnte.

Stunden später erst ließ Mirania Anissa wieder gehen. Im Haus war es bereits dunkel und still und Anissa fiel es schwer die Augen offen zu halten. Als sie in die Scheune kam war es dort auch dunkel und als sie sich auf ihren Platz, ganz in der Nähe von Assia, legte war es still. Es dauerte nicht lange dass sie wegdöste, aber trotzdem bemerkte sie noch etwas. Auch wenn sie einen festen Schlaf hatte, konnte sie, kurz bevor sie einschlief, noch spüren wie sich jemand über sie beugte und ihr einen Kuss auf die Schläfe drückte. Sie drehte sich um, denn diese Berührung kannte sie. Doch sie war viel zu müde um noch etwas zu sagen und ihre Augen fielen endgültig zu als sie spürte wie ihr noch jemand über die Haare strich und Nikas leise Stimme flüsterte: „Wegen vorhin… wegen Assia… Weißt du… es tut mir leid."

„Mir tut es auch leid Nika", wollte Anissa sagen. „Du bist meine Schwester, wie Assia meine Mama ist. Es tut mir leid, ich wollte nicht schreien." Doch da war sie bereits eingeschlafen. Aber Nika kannte sie und deswegen war sie sich ziemlich sicher dass sie sie auch so verstanden hatte.