Hinter Türchen Nr. 10 verbirgt sich meine Version davon, wie sich Sonea und Cery kennengelernt haben – da man im Buch dazu keine Einzelheiten erfährt, hätte es sich durchaus so abspielen können... Der Oneshot ist also canon und aufgrund der Thematik etwas weniger fröhlich als sonst, aber das wird in diesem Adventkalender eher die Ausnahme bleiben, versprochen ;-)
10. Die Tochter
Sonea biss sich fest auf die Unterlippe und sah überall hin nur nicht in Richtung des niedrigen Strohbettes, wo der korpulente, rotgesichtige Bader gerade etwas notdürftig mit einem Stück grobem Leinen abdeckte. Sie sah auch nicht hin, als zwei Männer den Leichnam ihrer Mutter hochhoben und neben mehrere andere auf einen Handkarren luden. Stattdessen konzentrierte sich Sonea auf einen kleinen Faren, der schräg über ihr an der Wand entlang krabbelte, auf das feuchte Stück Erde am Boden der Hütte, über dem das Dach an einer Stelle undicht war, und auf einen Schlammfleck auf ihrem linken Schuh. Sie gab vor es nicht zu hören, als eine ältere Frau, eine Nachbarin, zu ihr kam und mit ihr sprach, und nach einer Weile ging diese unverrichteter Dinge wieder weg.
„…Sonea?" Die Stimme klang höher als die der Nachbarin. Nach einer gefühlten Ewigkeit hob Sonea beim Klang ihres Namens zum ersten Mal den Kopf. „So heißt du doch, oder? Pa hat gesagt, ich würde dich hier finden." Ein Junge stand in der kleinen, heruntergekommenen Hütte, in der Sonea mit ihrer Mutter wohnte. Gewohnt hatte. Er war wohl etwas älter als sie, aber als Sonea langsam aufstand, bemerkte sie, dass sie dennoch einen halben Kopf größer war als er. „Was willst du?" „Ich bin Ceryni. Cery, meine ich. Mein Pa hat gesagt, ich soll dich holen kommen. Er hat von dem mit deiner Ma gehört. Tut mir leid was passiert ist." Sonea hörte seine Worte gedämpft, so als hätte sie sich eine Decke über den Kopf gezogen. Sie nahm war, dass er etwas sagte – was er sagte – aber ihr Verstand weigerte sich, es zu begreifen.
„Komm, wir sollten gehen bevor es dunkel wird. Pa sagt, die Straßen hier sind in der Nacht nicht sicher." „Wohin gehen wir?" Ihre Stimme klang seltsam verzerrt und rau, es fühlte sich an als wären Jahre vergangen, seit sie das letzte Mal etwas gesagt hatte. „Na, zu mir. Du kannst doch nicht allein hierbleiben." In Sonea regte sich so etwas wie Trotz. „Ich brauche deine Hilfe nicht. Ich komme gut allein zurecht." Ihr Gegenüber musterte sie mit schräg gelegtem Kopf, er schien kurz zu überlegen. Als er schließlich antwortete, zeigte sein Gesicht einen Ausdruck, den Sonea nicht zuordnen konnte. „Klar tust du das. Aber weißt du, mein Pa macht einen ziemlich guten Chebol-Eintopf. Er hat heute extra mehr gekocht. Wär doch schade drum, wenn den niemand isst." Soneas Magen, der Verräter, knurrte vernehmlich bei der Erwähnung von Essen.
Das zierliche dunkelhaarige Mädchen zögerte noch einen Moment, doch sie hatte schon immer praktisch gedacht. Das hatte sie von ihrer Ma. Es war sehr kalt zu dieser Jahreszeit, und das wenige Feuerholz, das noch übrig war, würde kaum für einen Tag reichen. Auch zu essen war nichts mehr da. Sie seufzte leise und betrachtete ihre Schuhspitzen. Sie hatte nichts zu verlieren. „Na gut." Der Junge strahlte sie an. „Willst du noch was mitnehmen?" Wollte sie? Sonea wusste es nicht. Sie ließ den Blick durch den kleinen Raum schweifen, den sie die letzten drei Jahre ihr Zuhause genannt hatte. Sie und ihre Ma hatten nichts von Wert besessen. Die Lehmwände waren kahl und die Schlafstätte kaum mehr als eine dürftige Ansammlung von zerschlissenen Decken und feuchtem Stroh. Die Arbeit ihrer Ma als Näherin hatte kaum ausgereicht, um Essen zu kaufen. Sonea schüttelte den Kopf. „Gehen wir."
...
Sie hatte gedacht, sie würde sich besser fühlen, wenn sie etwas Warmes im Magen hatte. Zumindest war der Junge – Ceryni – nicht müde geworden, ihr das während des gesamten Weges von der Hütte bis zu seinem Zuhause immer wieder aufs Neue zu versichern. Es fühlte sich jedoch eher so an, als würde sich das Essen in ihrem Magen mit jedem Bissen mehr zu einem kalten, harten, übelkeiterregenden Klumpen formen, der jede weitere Nahrungsaufnahme unmöglich machte. Sie legte wortlos den Holzlöffel nieder und setzte sich auf das kleine Klappbett aus Holz, das der Vater des Jungen für sie neben dem Ofen aufgestellt hatte. Ceryni und der braunhaarige Mann, um dessen Augen sich unzählige kleiner Fältchen befanden, die sich vertieften, wenn er lachte, betrachteten sie mitleidig.
Sonea hasste es. Sie wollte kein Mitleid. Mitleid war nutzlos, Mitleid war dumm. Was sie wollte… was sie wollte, war, von ihrer Ma in den Arm genommen zu werden. Oder mit ihr gemeinsam an einem warmen Tag über den Markt im Nordviertel zu spazieren, auch wenn sie nichts kaufen konnten. Doch das war unmöglich. Nichts davon würde sie je wieder tun können. Sonea machte sich keine Illusionen. Sie war in den Hüttenvierteln aufgewachsen und seit ihrer frühesten Kindheit mit Armut, Leid und Tod konfrontiert worden. Ihre Mutter würde nicht mehr wiederkommen. Wütend wischte sie sich eine verirrte Träne aus dem Augenwinkel und drehte sich zur Wand, damit es niemand sah.
...
In den folgenden Tagen tat der Junge sein Bestes, um sie aufzumuntern. Er versuchte sich mit ihr zu unterhalten, fragte sie, ob sie Lust hätte, mit ihm zu spielen, brachte ihr eine zusätzliche Decke und förderte sogar von irgendwoher eine Dall-Frucht zu Tage, die er ihr mit sichtlichem Stolz schenkte. Nichts davon funktionierte. Manchmal rang sich Sonea ein grimassenhaftes Lächeln ab, doch sie antwortete auf keine seiner Fragen und weigerte sich standhaft, ihre behelfsmäßige Schlafstatt zu verlassen. Nach einigen Tagen bemerkte sie dennoch, dass sich etwas in ihrem Umfeld geändert hatte. Die Stimmen der Menschen, die manchmal durch Türen oder Fenster in das kleine Häuschen hineindrangen, klangen anders, aufgeregt, das bunte Treiben in den Gassen wirkte geschäftiger als sonst. Ein kurzer Blick aus dem Fenster verriet ihr schließlich, was sie bereits vermutet hatte: Das Jahresendfest stand an.
Sonea hatte diese wenigen, besonderen Tage zwischen Winterfest und Jahresendfeierlichkeiten trotz der Kälte und den damit für Hüttenbewohner verbundenen Unannehmlichkeiten früher immer gemocht. Soneas Ma hatte sich dann abends manchmal mit ihr neben die Feuerstelle gesetzt und ihr alte kyralische oder elynische Märchen erzählt. Die Menschen schienen allgemein fröhlicher zu sein als sonst. Einmal hatte ihnen ein zufriedener Kunde sogar einen kleinen Laib Brot aus getrocknetem Obst und dunklem Getreide geschenkt. Doch dieses Jahr war alles anders gewesen. Tief im Inneren hatte Sonea es gewusst.
Sie hatte es in dem Moment gewusst, als ihre Ma ihr am Abend des Winterfestes nicht wie üblich einen Gutenachtkuss gegeben hatte, sondern sofort erschöpft ins Bett gefallen war. Sie hatte es gewusst, als es ihr am nächsten Morgen nur mit Mühe gelang, wieder aufzustehen, obwohl sie Sonea beruhigend angelächelt und gesagt hatte, sie sei nur erkältet und sie solle nicht so ein besorgtes Gesicht machen. Am darauffolgenden Morgen war sie nicht wieder aufgestanden. Sie hatte es gewusst, als sie besorgt versucht hatte, ihre Mutter wachzurütteln und die ersten kleinen, bläulich-violetten Flecken an Handgelenken und Hals entdeckt hatte. Aber sie hatte es nicht wahrhaben wollen. Sie hatte aus den Resten des Abendessens eine dünne Brühe gekocht, die ihre Ma ohne zu klagen getrunken hatte, obwohl sie zweifelsohne furchtbar geschmeckt haben musste.
Sie hatte die alte, mürrische Frau am Markt um ein paar Kräuter angefleht, und diese schließlich im Tausch gegen die Kette, die ihre Mutter ihr vor Jahren geschenkt hatte – das einzig wertvolle, das sie besessen hatte –, bekommen. Doch ihre Ma hatte am nächsten Tag dennoch ihre Augen nicht mehr aufgemacht. Schluss damit. Genug, genug, genug! Sonea schlug mit ihrer kleinen Faust so fest sie konnte gegen den gepressten Lehmboden des Häuschens und war im nächsten Moment froh, dass es niemand gemerkt hatte.
...
Das Jahresendfest kam und ging. Sonea weigerte sich immer noch zu sprechen und nach mehreren missglückten Versuchen, sie aus der Reserve zu locken, und der Versicherung, sie könne bleiben so lange sie wollte, ließen Ceryni und sein Vater sie schließlich in Ruhe. Am Abend des letzten Tages des alten Jahres war sie daher allein in der Hütte zurückgeblieben und hatte sich dabei ertappt, wie sie aus Gewohnheit einen dünnen Reisigzweig zu einer kleinen Figur geformt und anschließend ins Feuer geworfen hatte, wie es in den Hüttenvierteln Brauch war. Man verabschiedete damit das alte Jahr und durfte sich für das neue etwas wünschen. Ihren Wunsch jedoch konnte ihr niemand erfüllen.
Am zweiten Tag des neuen Jahres wurden die Bewohner des Häuschens von einem lauten, energischen Klopfen geweckt. Müde blinzelte sie sich den Schlaf aus den Augen, als Torrin, Cerynis Vater, die Tür öffnete. Herein trat eine Frau im mittleren Alter und schüttelte sich unwirsch den Schnee aus dem Haar. Sonea erstarrte und einige Sekunden lang schlug ihr Herz schneller. Ma! Erst auf den zweiten Blick erkannte sie, dass die Frau ihrer Mutter zwar ähnelte, sich die beiden aber dennoch unterschieden. Die Frau hatte etwas helleres Haar und sie war auch ein bisschen kleiner als ihre Mutter es gewesen war. Ihr fehlte außerdem die zarte Schönheit Ilias, doch ihr Blick war entschlossen und sie hatte ein ebenso freundliches Gesicht.
Bittere Enttäuschung mischte sich mit Neugier, und so stand Sonea schließlich auf und kam langsam etwas näher, während Torrin und die Frau einige Worte wechselten. „…natürlich. Was hast du gedacht, dass ich meine Nichte verhungern lasse?" Die Stimme der Frau klang forsch, aber sie war nicht ohne Wärme. Ihre wachen Augen entdeckten das kleine Mädchen, das sich ihr hinter Torrins breitem Rücken verborgen genähert hatte, sofort. „Sonea! Lass dich ansehen." Sie beugte sich zu ihr hinab und musterte sie eindringlich, wobei sie Soneas Versuch zurückzuweichen einfach ignorierte. „Ein bisschen mager", lautete ihr Urteil, „aber das lässt sich ändern." Dann sagte sie, diesmal an Sonea gewandt: „Ich bin Jonna, deine Tante. Ich werde mich um dich kümmern." Sie sagte das mit festem Blick und einer solchen Überzeugung, dass Sonea gar nicht anders konnte als ihr zu glauben.
...
Sonea blickte in den grauen Nachmittagshimmel und überlegte, ob es wohl Schnee geben würde. Fast ein ganzes Jahr war seit dem Tod ihrer Ma vergangen. Sie hatte gute und schlechte Tage, doch die guten überwogen inzwischen bei weitem. Cery hatte ihr längst vergeben, wie abweisend sie ihn anfangs behandelt hatte, und sie hatte im Gegenzug nicht vergessen, wie sehr er sich damals um sie bemüht hatte. Sie waren inzwischen gute Freunde geworden, auch wenn Tante Jonna es nicht so gern sah, wenn sie sich mit ihm traf. Sie rümpfte dann immer die Nase und murmelte etwas von Wie der Vater so der Sohn, doch weil sie sah, wie fröhlich Sonea war, wenn sie von ihren Treffen mit Cery zurückkam, erlaubte sie es dann schließlich doch immer.
Der Winter hatte Imardin bereits fest in seinem Griff. Bald war es wieder an der Zeit, die kleinen Zweigfiguren ins Feuer zu werfen. Sonea hatte im letzten Jahr oft darüber nachgedacht, ob ihr verzweifelter Neujahrswunsch nicht doch in Erfüllung gegangen war, irgendwie. Er hatte ihr ihre Mutter nicht zurückgebracht, natürlich nicht, doch sie hatte wieder eine Familie – etwas, das Sonea noch vor einem Jahr für unmöglich gehalten hatte. Sie hatte eine Tante, die sie immer im Auge behielt und stets dafür sorgte, dass sie etwas zu essen hatte. Einen Onkel, der sie behandelte, als wäre sie sein eigenes Kind, und ihr immer, wenn er Zeit hatte, Geschichten erzählte. Und einen besten Freund, der sie aufmunterte, wenn sie doch einmal traurig wurde, und sie immer zum Lachen brachte.
Sie fand, angesichts der Umstände hätte sie es bei weitem schlechter treffen können. Sonea lächelte, als sie am Nachhauseweg die ersten, feinen Schneeflocken auf der Haut spürte. Heute war ein guter Tag.
Türchen Nr. 11 wird wieder fröhlicher, keine Sorge. Ein schöne 3. Adventwoche wünsche ich euch!
