Der Wind pfiff eisig auf dem Hochplateau im Norden der Galenas, aber der Mann, der im Schneidersitz auf einem Felsblock saß, schien es nicht zu bemerken. Er trug ein graues Hemd und graue Leinenhosen, beides abgetragen und vielfach geflickt. Seine Füße waren im Moment nackt, die einfachen Riemensandalen lagen sauber aufgereiht neben ihm auf dem Boden, zusammen mit den beiden letzten Besitztümern des einsamen Wanderers: einem kummen Wanderstab und einem aus grobem Sackleinen gefertigten Rucksack.
Es war noch früh am Morgen, und der Wind hatte in der Nacht die ersten Schneeflocken von den Gipfeln mitgebracht. Einzelne fegte er noch immer über den öden Platz, in kurzen, mit Regen vermischten Schauern, eisig genug, um selbst einen abgehärteten Reisenden frösteln zu machen. Kane der Wandermönch, oder Großmeister Kane, wie man ihn noch immer nannte, war sich der Kälte und Feuchtigkeit zwar bewußt, aber zu tief versunken in seinen Meditationen, um ihnen Beachtung zu schenken. Nicht weniger als vier Stunden am Tag verbrachte er damit, sich in sich selbst zu versenken, zusätzlich zu vier Stunden körperlichen Trainings in waffenlosen Kampftechniken, das nach Ansicht der meisten Mönchsorden nur eine andere Form der Meditation darstellte. Eine selbst auferlegte Pflicht, die Kane längst nicht mehr als solche verstand.
Wer einmal begriffen hatte, daß die wahre Grenze zur Welt nicht außen, sondern innen lag, für den war es keine mühselige Notwendigkeit mehr, zu versuchen, sie zu überschreiten, sondern pure, stille Freude. Eine Freude, die aus der allumfassenden Schönheit des Geistes kam, der diese Welt in ihren tausend Farben, Facetten und Melodien mit jedem Herzschlag neu gebar. Wer einmal auf dem Inneren Pfad so weit gegangen war wie Kane, der hatte längst verstanden, daß die winterlich eisigen Flocken, die mit den feuchten Windstößen von den Gipfeln herabfegten und auf seinen nackten Sohlen schmolzen, in ihrem Prinzip nichts anderes waren als wärmende Sonnenstrahlen und Vogelgezwitscher im Frühling: Ausgeburten seiner Sinne, ein buntes Kaleidoskop von Farben, Lauten und Empfindungen, voller Schönheit, voller Würde, aber doch nichts, das Kanes Wesen im entferntesten zu berühren vermochte.
Langsam, unendlich langsam beugte der Mönch, noch immer mit geschlossenen Augen auf dem Boden sitzend, sich nach vorne und streckte die Arme aus, bis seine Handflächen, parallel nebeneinander auf dem rauhen Fels aufgesetzt, den Boden berührten. In einer fließenden Bewegung, die seine mageren und ausgemergelten Glieder nicht die geringste Anstrengung zu kosten schien, hob er seinen Körper über seinen Kopf und ging in den Handstand. Die langen grauen Haarsträhnen, dunkel von Regen und Nässe, fielen ihm über Gesicht und Schultern. Er verharrte eine lange Weile in dieser Haltung, noch immer in konzentrierter Meditation, dann verlagerte er sein Gewicht, nahm die linke Hand vom Boden und führte den Arm an den Körper. Auf einer Hand stehend, wartete er erneut, griff mit seinem Geist hinaus über die Grenzen, die sein Körper ihm setzte, und zwang diesen Körper, ihm dabei zu folgen. Seine Hand wölbte sich, bis sein Gewicht nur noch auf den Fingerspitzen lastete, dann nur noch auf dreien, dann nur noch auf der Spitze seines gestreckten Zeigefingers.
Kerzengerade verharrte der alte Mönch in dieser unmöglichen Haltung, anstrengungslos und doch in vollkommener Spannung, gleichzeitig hochkonzentriert und frei von jeglichen Gedanken. Akrobaten und Schlangenmenschen hätten viel darum gegeben, eine solch vollendete Beherrschung des eigenen Körpers zu erlernen, doch für Kane war es nichts als eine Übung, ein bloßes äußerliches Hilfsmittel zur wirklichen Vervollkommnung in seinem Inneren. Der frühere Großmeister des Klosters der Gelben Rose war auf diesem Pfad vermutlich weiter fortgeschritten als jeder andere Mönch in Damara, vermutlich sogar als jeder im gesamten Norden. Er wußte, daß über die absolute Verinnerlichung, die er anstrebte, gleichzeitig ein Einswerden mit dem Äußeren verbunden war, daß ein Geist, der die Schranken in seinem Inneren durchstoßen hatte, allumspannend und allumfassend war, und aller Vorgänge in der Welt - in den Welten - anstrengungslos und unbewußt gegenwärtig.
Und so störte es ihn weder in seiner Konzentration noch in seinem Gleichgewicht, als der kleine Vogel sich in unmittelbarer Nähe seines noch immer nur auf einen Zeigefinger gestützten Körpers niederließ. Kane lächelte leise und öffnete die Augen, um das Tier, kopfüber, wie er noch immer stand, zu betrachten. Der Vogel (eine rotbrüstige Singdrossel, die hier oben in den Bergen gar nicht heimisch war, soweit der Mönch wußte) legte das Köpfchen ein wenig schief und lugte aus dunklen runden Augen interessiert zurück; vermutlich reichlich verwundert über das eigenartige Gebahren des großen Zweibeiners.
"Willkommen, gefiederte Freundin", sagte der Mönch halblaut. "Du mußt einen weiten Weg hinter dir haben herauf auf die Gipfel. Ist dir sehr kalt?"
Zur Antwort tschilpte der Vogel einmal laut und fast ein wenig empört, während er gleichzeitig gegen die Kälte die Federn aufplusterte. Kane schmunzelte.
"Ich verstehe. Man hat dich gebeten, einen Auftrag zu erledigen, aber das Klima hier oben in den Bergen wohl zu erwähnen vergessen, wie? Zieht dein Volk nicht üblicherweise während der Wintermonate sogar gen Süden?"
Diesmal pfiff die Drossel eine ganze Reihe dunkler Flötentöne. Die Möglichkeiten des Mönchs, sich mit Tieren und anderen lebenden Geschöpfen zu verständigen, waren ein wenig anders geartet als die entsprechenden magischen Fähigkeiten von Druiden und Waldläufern. Es handelte sich um ein intuitiveres Verständnis und erlaubte Kane nicht unbedingt, ganze Sätze oder Kausalzusammenhänge aus den Informationen herauszufiltern, die das Pfeifen des Vogels ihm vermittelte. Aber er verstand die Bilder von warmen Gegenden südlich des Mondsees und die sehnsüchtigen Triller im Gezwitscher der Drossel, auch die Erinnerungen an Todesangst und an gewaltigen Schmerz im linken Flügel, als die Steinschleuder eines übermütigen Zweibeinerkindes nach einem beweglichen Ziel suchte, und dann die weit freundlicheren Gedanken an zwei große warme Hände, einen geschienten Flügel, eine Sitzstange in einer warmen Stube und einen Napf mit leckeren Körnern, so lange, bis die Verletzung ausgeheilt war, und seitdem auch weiter, weil inzwischen der Winter schon hereingebrochen und es für den weiten Flug nach Süden zu spät war. Kein Wunder, daß das dankbare Tier sich bereit erklärt hatte, für seinen Wohltäter den Flug in die Galenas auf sich zu nehmen. Und es hatte lange nach dem Wandermönch suchen müssen.
"Tut mir leid, kleine Freundin." Kane brach seine Meditation ab, stützte sich wieder auf seine zweite Hand und ließ sich gemächlich wieder auf die Füße fallen, ehe er sich aufrichtete und sich das nasse Haar aus der Stirn schüttelte. "Ich schätze die Einsamkeit, deshalb bin ich meist schwer zu finden. Wenn du möchtest, kann ich dich aber für den Rückweg ein wenig stärken. Teilst du dir mein Frühstück mit mir?"
Das brachte enthusiastische Zustimmung seitens des gefiederten Boten. Kane suchte für sich und das Tier eine halbwegs windgeschützte Stelle, wo er sich auf den Boden niederließ, ein Stück altbackenes Brot aus seiner Packtasche zog und einen Teil davon für den Vogel aufkrümelte. Während die Drossel hungrig die Gaben verzehrte, tschilpte und flötete sie nach und nach auch die Botschaft heraus, deretwegen ihr Wohltäter - der breite Zweibeiner mit der lauten Stimme und dem schwarzen Bart, der die Wälder in den nördlichen Ebenen von Damara behütete - sie überhaupt zu Kane geschickt hatte. Und so sehr Kane sich freute, von seinem alten Gefährten Olwen Waldfreund zu hören, so ahnte er doch schon, daß es nichts Gutes sein konnte, was den Herzog von Soravia dazu trieb, den Mönch in dessen Zurückgezogenheit aufzuspüren.
Er behielt recht. Noch eine ganze Weile, nachdem die Drossel, gefüttert und ausgeruht, sich wieder auf den langen Heimweg gemacht hatte, saß Kane in Gedanken im Windschatten der Felsen und grübelte, was er tun sollte.
Es war lange her, daß er das Kloster der Gelben Rose verlassen und seinen Rang als dessen Großmeister aufgegeben hatte. Er hatte alles getan, seinen Nachfolger so gut auszubilden, wie ihm möglich war, und er war der festen Überzeugung, daß Cantoule der richtige Mann an diesem Platz war. Aber er ahnte und fürchtete, daß Cantoule selbst sich dessen weit weniger gewiß war und daß er sich gegenüber dem Namen seines berühmten Vorgängers noch immer wie ein blutiger Novize vorkam, wie jemand, der sich stündlich und täglich beweisen und mit einem unerreichbaren Vorbild messen mußte. Vermutlich war das der Grund, warum Kane von den Neuigkeiten durch Olwen Waldfreund erfahren hatte und nicht durch einen Sendboten des Klosters.
Oder hatten auch sie nach ihm gesucht? Hatte Olwen ihn nur einfach früher erreicht?
Wie auch immer der Effekt seiner Einmischung auf den aktuellen Vorsteher des Klosters sein mochte, Kane wollte Gewißheit. Es hatte nicht zuletzt auch mit der Person dieses Vorstehers selbst zu tun: Kane mochte es nicht, einen seiner Schützlinge attackiert zu sehen, so lange er diesen Schützling auch bereits in die Selbständigkeit entlassen hatte.
Er griff nach seinem Wanderstab und hob seinen Ranzen auf die Schulter. Das Gepäckstück war so leicht, wie es nur sein konnte, denn die Habseligkeiten des wandernden Mönchs beschränkten sich auf das Allernotwendigste, mit einer Ausnahme. Aber auch der dünne Webteppich, der seinen kostbarsten Besitz darstellte, paßte zusammengerollt leicht in die Tasche und wog beinahe nichts. Dennoch beschloß der Mönch, auf den fliegenden Teppich zu verzichten - ein derart auffälliger Einzug im Kloster war nicht, was er anstrebte. Eher im Gegenteil.
Gemächlich setzte er sich wieder auf die Erde, schloß die Lider und konzentrierte sich. Das Bild des Klosters der Gelben Rose erstand vor seinem Inneren Auge, scharf und frisch, und Kane schickte seinen Geist auf die Reise zu diesem Ziel. In Augenblicken durchquerte er Täler, überschritt eisige Gipfel und zwängte sich durch schmale Felsspalte, ehe der Teil von Kane, der körperlos und nicht an die Zwänge der Materie gebunden war, tatsächlich vor dem südlichen Hang jenes Berges stand, auf dem das Kloster lag.
Wie immer, wenn er das Kloster sah, durchflutete den Mönch eine Welle von Wärme, Sehnsucht und Dankbarkeit. Dieser Ort hatte den elterlosen Waisen aufgenommen, ihn genährt und erzogen und seinem Leben Sinn und Richtung gegeben. Hier hatte der junge Kane erfahren, was es hieß, Grenzen gesetzt zu bekommen (denn die Regeln des Ordens waren streng, gerade für Novizen), und was es bedeutete, Grenzen zu durchbrechen. Hier hatte er, als jüngster Mönch seit Menschengedenken, den Ritt auf dem Remorhaz absolviert, hier hatte er sich in Kampftechniken und spirituellen Studien geübt. Hier hatte er Freunde, Geschwister und Väter gefunden.
Er ließ die Wärme eine Weile in sich quellen und genoß die stille Wiedersehensfreude, ehe er tat, wozu er gekommen war: Mit einem einfachen Gedanken holte er seinen Körper, der noch immer mit geschlossenen Augen auf einem Hochplateau weit im Norden saß, an jenen Ort nach, an dem ihm sein Geist bereits vorausgegangen war. Als Kane die Augen öffnete, saß er im Schutz einiger überhängender Felsen auf dem naßkalten Boden am Südhang unterhalb des Klosters, vor ihm der schmale, steinige Pfad, der sich in steilen Serpentinen zum Eingang hinauf wand. Der Mönch sprang behende auf die Füße, rückte sich die Tasche auf der Schulter zurecht, stützte sich auf seinen krummen Stab und machte sich an den Aufstieg.
Die ersten Bewohner des Klosters traf er bereits ein gutes Stück unterhalb des Tors. Es waren zwei Novizen, Jungen um die zehn oder zwölf, die mit einem Handkarren zu einem in die Höhlen geschlagenen Lagerraum losgeschickt worden waren, um Feuerholz oder irgendwelche Materialien für die Küche zu holen. Und wie alle Jungen auf diesem Gang nutzten sie die paar unbeaufsichtigten Momente, in denen sie ihren Lehrern entkommen waren, zu einer übermütigen Balgerei, die ihnen oben im Kloster strenge Strafen eingetragen hätte. Entsprechend erschrocken starrten sie den abgerissenen Wanderer denn auch an, der sie dabei überraschte und auf dessen Hemd undeutlich noch in gelber Stickerei jene Rose zu erkennen war, die ihn ebenfalls als Mönch auswies. Der eine der beiden war ein kleiner, wieselflinker Bursche mit dem breiten und gutmütigen Gesicht eines Bauernsohnes, aber hellen und aufgeweckten Augen, der andere von größerer Statur und selbstsicherem Auftreten, ein kleiner Adelssproß vielleicht, dessen Familie wohl der Ansicht war, ein Mönch vom legendären Orden der Gelben Rose würde sich in der Verwandtschaft gut machen. Er rümpfte ein wenig die Nase über die vielfach zerfetzten und geflickten Kleider des alten Mannes ihm gegenüber, hatte aber die Anstandsregeln des Klosters immerhin schon so weit verinnerlicht, daß er sich seinen Abscheu nicht weiter anmerken ließ.
Kane kannte keinen der Novizen des Klosters mehr, vermutlich auch einen guten Teil der jüngeren Mönche nicht. Er lächelte, um den Jungen klarzumachen, daß er vorhatte, ihre Rauferei nicht weiter zu kommentieren. "Ilmaters Segen", grüßte er. "Wäret ihr beiden wohl so freundlich, einen alten Mann zum Kloster zu begleiten und mich dort beim Großmeister der Blüten anzumelden?"
Die zwei Jungen tauschten einen raschen Blick. Beim Großmeister Cantoule persönlich? Zwar hatten beide den Leiter des Klosters und Vorsteher des Ordenshauses gewiß schon häufig gesehen, und vielleicht hatte er, was er gerne tat, auch schon einmal eine ihrer Unterrichtsstunden besucht und sich persönlich von ihren Fortschritten überzeugt. Gewiß hatte er bei der einen oder anderen Gelegenheit schon einmal das Wort an sie gerichtet. Aber daß zwei Novizen von sich aus zum Großmeister vordringen durften, um einen fremden Gast bei ihm anzukündigen, war eine Idee, die den zweien sichtlich zu gefallen schien.
"Gern, Herr", nickte der kleinere der beiden denn auch sofort. "Wir laufen gleich voraus. Was sollen wir denn sagen, wer gekommen ist?"
"Sagt ihm, sein Freund Kane würde ihn gerne besuchen", antwortete der alte Mönch, und den beiden Jungen fiel synchron die Kinnlade auf die Brust.
Natürlich wurde es nun doch nicht der bescheidene, heimliche Einzug, den Kane sich gewünscht hätte, aber er hatte wirklich nicht damit gerechnet, daß selbst so jungen Angehörigen des Klosters sein Name noch etwas sagen würde. Wer auch immer sich von den Mitgliedern des Ordens von seinen Pflichten freimachen konnte, und so gut wie sämtliche Gäste, eilten nun natürlich sofort zum Tor, um den ehemaligen Großmeister gebührend willkommen zu heißen, kaum waren die zwei aufgeregt rufenden und winkenden Novizen in den ersten Vorhof der gewaltigen Klosteranlage gerannt, und von den alten Kräutergärten bis hinauf zu den Turmzimmern der hier studierenden Magier verbreitete die Neuigkeit sich in Windeseile. Eine kleine Ewigkeit, so schien es Kane, war er mit nichts anderem beschäftigt als damit, Hände zu schütteln, vertraute Gesichter zu begrüßen und den schüchternen Neugierigen, die sich im Hintergrund zusammendrängten und den berühmten Mönch von weitem beäugten, durch ein Lächeln die Scheu zu nehmen.
Es dauerte, bis sich der aktuelle Großmeister sehen ließ, um den ehemaligen willkommen zu heißen, und als er es endlich tat, konnte Kane dem winzigen Schmunzeln, das um die schmalen Augen des mageren kleinen Mannes lag, deutlich anmerken, daß Cantoule ihm lediglich seinen triumphalen Einzug nicht hatte verfrüht schmälern wollen. Die übrigen Umstehenden machten ihm so eilig und ehrerbietig Platz und bildeten eine Gasse für ihn, ohne daß der Großmeister sich auch nur hatte bemerkbar machen müssen, daß Kane sich in seiner Meinung nur noch einmal bestätigt sah: Cantoule war ganz eindeutig der richtige Mann auf diesem Platz und füllte seine Position aus, so gut einer es nur konnte.
Sie umarmten einander stumm, dann wendete der kleinere Cantoule sich nach den dichten Trauben der Neugierigen um und bat sie in liebenswürdigem Ton, wieder an ihre Pflichten zu gehen und dem ehrwürdigen Vater Kane Gelegenheit zu geben, sich von seiner Reise zu erholen. Die Menge löste sich auf ohne ein einziges Murren, die Mönche stumm und gehorsam, die Novizen und Scholare mit gelegentlichen Blicken zurück über die Schulter, und die Besucher aus den Gästehäusern unter aufgeregtem Geplapper und vielerlei Mutmaßungen, daß Kanes Anwesenheit wohl mit "dem Anschlag" zu tun haben mußte.
"Und? Hat sie das?" erkundigte Cantoule sich beiläufig, während er neben dem anderen Mönch die Treppe zu seinen Privaträumen hinauf stieg. Seine Augen blinzelten ein wenig verschmitzt dabei, aber Kane konnte sehen, daß dahinter eine Menge ungestellte Fragen lagen.
"Olwen hat mir eine Drossel geschickt", sagte er.
"Das arme Tier. Wir haben den Jungen übrigens noch hier, falls du ihn sehen willst."
"Erzähl mir erst, was geschehen ist", sagte der ältere Mönch. "Ich hätte gerne noch eine andere Zusammenfassung als das Resümee eines halb erfrorenen Singvogels."
Cantoule öffnete eine Tür, hinter der eine Zelle lag, die sich in nichts von der jedes anderen Mönches unterschied: Eine harte Holzpritsche, eine härene Decke mit einem einzelnen weißen Leintuch, ein Strohsack als Kopfkissen, ein Eimer für die Notdurft, ein Schemel für Besucher. Lediglich eine goldene Statuette mit dem Symbol Ilmaters verriet, daß es die Zelle des Klostervorstehers war. Der kleingewachsene Mann mit dem runden Gesicht und dem schütteren Haar winkte Kane, sich zu setzen.
"Es war vor ein paar Tagen. Ein junger Waldläufer kam ins Kloster, den wir flüchtig kannten. Einer von Olwens Leuten namens Kelliv Peshel, ein guter Spurensucher und Späher. Er kam in letzter Zeit oft..." Cantoules Gesicht wurde gleichzeitig heiter und traurig. "Er hatte sich mit einer unserer jüngeren Schwestern angefreundet. Sagt dir der Name Mai-Ylitt noch etwas?" Kane schüttelte nur den Kopf, und Cantoule ließ den seinen ein wenig hängen. "Eine talentierte Kämpferin, deren Leistungen uns mit großem Stolz erfüllten, auch wenn ich sicher bin, daß sie nicht mehr lange in unserem Kloster geblieben wäre. Kelliv Peshel hat ihr den Hof gemacht, mit einer Ausdauer, die bewundernswert war, und ich bin sicher, sie war kurz davor, seiner Werbung nachzugeben und mit ihm nach Soravia zu gehen. Sie redete mich sogar einmal darauf an und fragte mich um Rat." Er verstummte.
"Was hast du ihr geantwortet?"
Cantoule hob hilflos die Schultern. "Was hätte ich schon antworten sollen? Daß sie sich Zeit lassen solle, ihren Schritt gründlich überdenken, daß sie noch jung sei und keine übereilten Entscheidungen treffen müsse. Daß sie jedoch Ilmater auch auf andere Weise dienen könne als hier im Kloster, und daß sie ihr Herz prüfen solle, was ihr wichtiger sei."
"Ein guter Rat."
"Gut?" Er sah Kane abrupt an. "Ich hätte ihr sagen sollen, sie soll sich den Burschen schnappen und mit ihm eine Familie gründen und ein Dutzend Kinder haben, Ilmater sei's geklagt! Dann würde sie vielleicht noch leben, und der arme Peshel..." Er brach ab, als er den gutmütig-tadelnden Blick seines früheren Lehrmeisters sah, und grinste in einer Weise, bei der dreißig Jahre auf einmal von ihm abzufallen schienen. "Ich muß lernen, mein Temperament zu kontrollieren?" nahm er dem älteren Mönch das Wort aus dem Mund, und Kane schmunzelte.
"Es stünde einem Mönch deines Alters ganz gut an, ja."
"Zumal einem Großmeister." Cantoule verzog schmerzlich den Mund, sagte aber nichts weiter dazu. "Mai-Ylitt also blieb bis auf weiteres im Kloster. Sie gehörte schon lange zu den 'Wanderern', und Peshel schloß sich ihr, mit dem Wissen seines Herzogs, auf vielen ihrer Wege an." Kane wußte natürlich, daß die 'Wanderer' eine Gruppe von Mönchen waren, die das Kloster zu ausgedehnten Streifzügen durch die Galenas verließen. Im weitesten Sinne gehörte auch Kane zu ihnen. Sie zogen von einem Bergdorf zum nächsten und verdienten sich ihr Brot durch Betteln oder mit einfachen Arbeiten, immer auf der Suche nach neuen Gerüchten, nach Spuren und Anzeichen von Feinden. Insbesondere suchten sie nach der verborgenen Zitadelle der Assassinen.
"Wir waren etwas erstaunt, als Peshel allein, ohne Mai-Ylitt zum Kloster kam, aber nicht besonders. Er sagte, er bringe Nachrichten aus Soravia und verlangte mich zu sprechen."
"Und da griff er dich an?" fragte Kane.
"Unverzüglich", nickte Cantoule. "Er hatte einen Dolch im Ärmel verborgen. Ein täppischer und ungeschickter Versuch zwar, aber er traf uns zugegebenermaßen unvorbereitet."
Kane besah sich seinen früheren Schützling. Der kleine alternde Mann wirkte zwar mager und fast schwächlich, sah aber nicht so aus, als habe er kürzlich irgendwelche Verletzungen davongetragen. Prompt lächelte Cantoule.
"Nicht so unvorbereitet, daß ich nicht einem Dolch ausweichen könnte, natürlich. Dann brauchte es nur noch einen Handkantenschlag, den mir der frühere Großmeister der Blüten einmal beigebracht hat."
"Schön, daß er zu etwas nutze war. Hast du den armen Jungen getötet?"
Cantoule schüttelte den Kopf, mit einem deutlichen Ausdruck der Erleichterung. "Betäubt, und es scheint, als habe die Ohnmacht den Beherrschungszauber, den Knellict auf ihn gelegt hatte, gebrochen. Oder vielleicht waren es auch die Unmengen von Zaubern, mit denen unsere hiesigen Priester und Magier den armen Kerl behandeln zu müssen glaubten. Jedenfalls hat er, bis auf eine Kleinigkeit, wieder vollkommen das Gedächtnis wiedererlangt."
"Und was war geschehen?"
Cantoule berichtete es ihm. Kane spürte vage Trauer über das verfrüht ausgelöschte Leben einer jungen Frau, die er nie gekannt hatte, und noch deutlicher Mitgefühl für den armen jungen Mann, der ihren Tod hatte mitansehen müssen und dann beinahe noch zum willenlosen Werkzeug bei einem Mordversuch eingesetzt worden wäre. Vor allem aber wurde ihm eines klar: Die beiden jungen Menschen hatten, zu ihrem Pech, den geheimnisumwitterten Knellict persönlich aufgespürt.
"Eine Warnung", sagte Kane. "Der Anschlag auf dein Leben war eine Warnung. Knellict konnte nicht ernsthaft annehmen, daß du dich von einer so simplen Attacke übertölpeln lassen würdest. Aber Kelliv und Mai-Ylitt waren ihm, ob beabsichtigt oder nicht, zu nahe gekommen."
"Und nun rate einmal, woran Kelliv Peshel sich beim besten Willen nicht mehr erinnern kann."
Kane verzog bitter den Mund. "An den Ort, an dem er mit Mai-Ylitt zuletzt war."
"Nicht einmal an das ungefähre Gebiet. Er muß tagelang ziellos durch die Berge gelaufen sein, ehe er hier ankam."
"Noch wahrscheinlicher ist, daß er auf magischem Weg teleportiert wurde." Kane stand auf und fing an, mit großen Schritten auf und ab zu gehen. Sein strähniges langes Haar wippte bei jeder Bewegung. "Oder Soldaten der Zitadelle haben ihn herbegleitet und ihn unterwegs versorgt. Aber wenn sein Gedächtnis verändert wurde, dann muß es doch eine Möglichkeit geben, den Zauber rückgängig zu machen. Was sagen unsere Priester und Magier dazu?"
"Viel", lächelte Cantoule trübe. "Sie haben den armen Jungen mit mehr Magie aller Schulen überschüttet als Staub in unseren Bibliotheken liegt. Den Zauber gebrochen hat bis jetzt noch keiner."
"Emerald", sagte Kane eifrig und wirbelte wie ein aufgeregter Schuljunge zu seinem Kollegen herum, "Emerald könnte uns helfen!" Cantoule sah ihn gleichermaßen forschend und amüsiert an.
"Wer muß jetzt sein Temperament kontrollieren?" lächelte er, und der ältere Mönch schmunzelte ein wenig beschämt. Cantoules Lächeln wurde noch ein wenig breiter, aber auch zweifelnd. "Denkst du denn wirklich, daß es die Sache wert ist? Der Junge ist in keiner guten Verfassung. Die Ruhe im Kloster tut ihm gut, allein schon, weil es ihn an Mai-Ylitt erinnert und ihm hilft, mit seiner Trauer besser fertig zu werden. Eine Reise so weit nach Süden, vor Anbruch des Winters, zu den Zentauren..."
"Es muß etwas geschehen", sagte Kane energisch. "Wir dürfen diesen Schlag nicht einfach hinnehmen." Und noch während er es sagte, spürte er den Mißklang in seinen eigenen Worten. Denn war das nicht genau die Lehre Ilmaters, der er wie alle Mönche vom Orden der Gelben Rose sich verschrieben hatte? Den Schlag tatsächlich hinzunehmen, ausdauernd und geduldig, und im Weg durch das Leid den Weg aus dem Leid dieser Welt zu finden? Kane wußte, daß dem so war, und er wußte auch, was ihn zu seinem uncharakteristischen Ausbruch getrieben hatte. Nicht nur, daß Cantoule angegriffen worden war, sein ehemaliger Zögling und noch immer sein Freund.
Der Feind war ins Kloster gelangt.
Paradoxerweise war für Kane den Wandermönch, der die engen Gefilde des Klosters schon früher öfter verlassen hatte als vielleicht jeder andere Großmeister des Ordens, der ihre Beschränkungen stets als zu hemmend für seinen Geist empfunden hatte, das Kloster der Gelben Rose ein Fels, an dem niemand zu rütteln wagen durfte. Hier war der Ort der Ruhe, der Heimkehr, selbst wenn er ihn in Jahren nicht mehr besucht hatte. Hier war alles, was der elternlose Waisenjunge je an Zuhause kennengelernt hatte.
"Verzeih", bat er leise. "Ich fürchte, ich werde eine lange Weile meditieren müssen, um wieder zur Ruhe zu kommen", seufzte er, und um Cantoules Augen bildete sich erneut das dichte Geflecht verschmitzter Lachfältchen.
"Nachdem ich weiß, was bei dir eine normale Weile ist, würde ich gerne in einem Zehntag wieder einen Termin mit dir vereinbaren, wenn es dir recht ist", spöttelte er. Dann wurde er abrupt wieder ernst. "Ich denke nicht, daß es vorerst Sinn macht, den Jungen weiter zu quälen. Wenn ich dich um einen Gefallen bitten darf, dann gib ihm noch ein oder zwei Tage hier, um sich von Mai-Ylitt zu verabschieden. Und dann... denkst du, der König sollte es wissen?"
"Olwen wird ihn bereits benachrichtigt haben", vermutete Kane. "Aber wenn er dazu bereit ist, dann würde ich ihn tatsächlich gerne mit mir nehmen zu den Toren. Soweit ich weiß, residiert Gareth immer noch dort und wird wohl auch den Winter über dort bleiben. Es besteht eine gute Chance, daß dann auch Mor Kulenov in Dorf Blutstein zu finden ist. Wenn jemand außer Emerald eine Chance hat, die Magie eines Knellict zu brechen, dann doch wohl der Hofzauberer von Gareth Drachenbann."
"Gut, fragen wir den Jungen", nickte Cantoule und hob rigoros die Hand, als Kane sich sofort zur Tür bewegen wollte. "Morgen. Und du bist dir doch klar darüber, daß wir, selbst wenn Kulenov den Zauber aufheben kann, keine Chance mehr haben, Knellict tatsächlich aufzuspüren?"
Natürlich wußte Kane das. Der Erzmagier der Zitadelle war nicht so dumm, an einem Ort sitzen zu bleiben, an dem seine Verfolger ihn schon beinahe gestellt hatten. Die 'Wanderer' und die Spione des damarischen Geheimdienstes Spähsang, die häufig Hand in Hand zusammenarbeiteten, hatten schon längst die These aufgestellt, daß die angebliche geheime Zitadelle entweder gar nicht existierte, daß es sich in Wahrheit um eine Vielzahl stetig wechselnder Stützpunkte handelte oder, und das war wohl die wahrscheinlichste Möglichkeit, um einen außerplanaren Ort, geschaffen von Knellict selbst und zugänglich nur durch magische Portale, die gewiß durch mächtige Magie verborgen und geschützt waren. Aber selbst wenn Knellict sich und seine Leute längst wieder dorthin zurückgezogen hatte, so konnten sie doch vielleicht Spuren hinterlassen haben. Spuren, denen man folgen und die man auswerten konnte.
Denn auch das war Ilmaters Auftrag. Das Böse aufzuspüren und einzudämmen, in derselben hartnäckigen Gelassenheit und Opferbereitschaft, mit der ein Anhänger des Weinenden Gottes alle anderen Schicksalsschläge ertrug. Damit die Welt vielleicht eines Tages ein besserer Ort sein würde.
"Morgen", stimmte er zu, als er Cantoules Blick immer noch auf sich gerichtet spürte. Von irgendwo tief in den Hallen des Klosters ertönte ein dumpfer Gong. Der amtierende Großmeister der Blüten schmunzelte mit leicht schief gelegtem Kopf zu dem weit größeren Kane hinauf.
"Gut. Wenn du mich dann jetzt entschuldigst? Wie du dich vielleicht erinnerst, beginnt in wenigen Minuten die Abendandacht im Kapitelsaal. Zu der du übrigens herzlich eingeladen bist. Wir brauchen ohnehin noch einen Lektoren für die heutige fällige Passage aus den Büchern."
Kane verdrehte die Augen. "Ich wußte, es gab einen Grund, warum ich dieses Amt nicht weiter haben wollte."
