- Tagtraum -
"Und was ist dann passiert?",
flüsterte Paige.
"Na ja, er hat mich irgendwie nicht
erkannt... dachte Wyatt würde mich schicken oder so etwas. Und
dann ist er einfach nach hinten gestolpert und von der Brücke
gestürzt.", antwortete Leo.
"Von der Brücke
gestürzt?!", rief Piper viel lauter als
beabsichtigt.
"Schhh!", ermahnte Phoebe.
Chris lag immer
noch auf der Couch. Die Schwestern waren heute morgen im Wohnzimmer
auf ihren schlafenden Neffen und einen übermüdeten Leo
gestoßen.
Nun berichtete Leo ihnen gerade in knappen Worten,
was gestern Nacht geschehen war.
"Jedenfalls hab ich mich zu ihm
gebeamt, ihn aufgefangen und uns hier her gebracht.", fuhr er fort.
Er rieb sich die Augen, er war müde, wollte aber nicht von der
Seite seines Sohnes weichen.
"Und seitdem ist er nicht mehr
aufgewacht.", beendete Leo seinen Bericht.
Die Köpfe der
Schwestern drehten sich wie auf Kommando zu ihren schlafenden Wächter
des Lichts um.
Dieser lag unter einen riesigen Berg aus Decken,
der ihn irgendwie kleiner wirken ließ und schlief. Seine Augen
wanderten unstet hinter seinen geschlossenen Lidern hin und her und
ab und an zuckte er leicht im Schlaf.
"Ich versteh das alles
nicht.", meinte schließlich Paige. "Wieso kann er auf
einmal nicht mehr richtig beamen und nicht mehr richtig zaubern? Und
was soll das, dass er dich nicht mehr erkennt?"
"Ich weiß
es nicht. Ich weiß es wirklich nicht.", antwortete Leo
kopfschüttelnd.
"Seit einer Woche ist er schon so
komisch.", überlegte Piper. "Seit er diesen komischen Traum
hatte... er hatte drauf bestanden, dass es kein Traum war, weißt
du noch Leo?"
Natürlich wusste Leo es noch und nickte
"Ja,
aber er war auch davor schon seltsam... denkt mal daran wie wir ihn
gerufen haben und er ewig gebraucht hat bis er kam.", erinnerte
Phoebe.
"Was hat das bloß alles zu bedeuten?", wollte
Piper wissen. Sie war aufgestanden und griff automatisch an die Kette
um ihren Hals.
"Phoebe?", fragte Paige.
"Ja?"
"Spürst
du irgendwas bei Chris... empfängst du irgendwelche Gefühle
von ihm?"
"Nein, das tu ich doch nie, Paige."
Bedauernd
schüttelte Paige den Kopf.
"Versuch es trotzdem einmal.",
meinte Leo nach einer Weile.
Phoebe sah in zweifelnd an.
"Bitte."
Phoebe nickte und ging langsam auf ihren
schlafenden Neffen zu.
"Okay, aber macht euch keine all zu
großen Hoffnungen." Sie beugte sich zu ihm vor und berührte
sanft sein Handgelenk.
Phoebe schreckte zusammen und schrie auf.
Auch Chris schrie und riss seinen Arm von seiner Tante los. Er war
aufgewacht.
"Was...? Was soll das?", fragte Chris. Er setzte
sich auf, bemüht möglichst viel Abstand zwischen ihm und
Phoebe zu bekommen.
Die anderen standen auf und gingen auf das
Sofa zu, bloß Phoebe blieb wo sie war und starrte schweigend
auf ihre eigene Hand.
"Chris, ist alles in Ordnung bei dir?",
fragte Piper und sah besorgt zu ihrem Sohn.
Dieser sah sie
entgeistert an. Mit fassungslos weit geöffneten Mund blickte er
in das Gesicht seiner Mutter, dann reihum in das der anderen.
"Das
muss... ein Traum sein.", flüsterte er scheinbar zu sich
selbst.
Niemand antwortete.
Chris schien vollkommen
desorientiert. Er sah sich im Wohnzimmer des Halliwell Manors um als
ob er nie zuvor hier gewesen wäre.
"Was tun wir hier?",
fragte er. "Das ist viel zu gefährlich."
Auch darauf
wagte keiner etwas zu sagen.
Piper und Leo tauschten
Blicke.
"Ähm... Chris.", sagte Paige behutsam. "Du bist
zu Hause... es ist alles okay."
Chris beachtete sie nicht. Er
stand auf und inspizierte das Zimmer, schaute hinter jede Tür,
sogar in die Schränke.
"Euch ist schon klar, das man uns
hier gleich finden wird?", fragte er sie nach einer Weile.
"Wer
findet uns?", fragte Leo.
Chris hielt in seinem Kontrollgang
inne und starrte verdattert seinen Vater an.
"Äh... Dein
Sohn.", antwortete Chris langsam als ob er einen Kind erklären
müsste, dass regelmäßig jeden Abend die Sonne
unterging.
"Aber Chris,... Wyatt ist doch oben. Er liegt im Bett
und schläft", sagte Paige.
"WAS?", rief Chris. "Er
ist hier?!"
Er raufte sich die Haare.
"Seid ihr denn
wahnsinnig?", fragte er.
"Also eigentlich sollten wir diese
Frage wohl eher, -" Piper unterbrach Paige indem sie ihr mit dem
Ellenbogen leicht in die Rippen stieß.
"Was ist los mit
euch?", wollte Chris wissen.
"Was ist los mit dir?", fragte
Paige nachdem sie ihrer Schwester einen kurzen Knuff zurück
verpasst hatte.
"Mit mir?"
"Ja, mit dir, Chris.", sagte
nun Phoebe.
Chris sah sie fragend an. In seinem Kopf schien es zu
arbeiten. Er fixierte Phoebe, dann ihre Schwestern und zuletzt Leo
und schien zu einem Schluss gekommen zu sein.
"Wer seid ihr?",
fragte er ernst.
Darauf schien niemand eine passende Antwort zu
finden.
"Wer seid ihr?", fragte er noch einmal.
Leo löste
sich aus seiner Erstarrung. "Chris. Wir sind's, deine
Familie!"
"Nein.", sagte er überzeugt. "Ihr wollt
mich reinlegen, gebt's zu!"
"Niemand will dich reinlegen,
glaub mir.", beschwor ihn Piper. "Wir sind es, deine Eltern und
Phoebe und Paige. Deine Familie."
"Meine Familie ist tot!",
das letzte Wort spuckte er geradezu aus. "Wyatt hat sie auf den
Gewissen."
"Was?", fragte Leo. "Nein, nein, Chris...
erinnerst du dich denn nicht mehr? Du bist in die Vergangenheit
gereist um das zu verhindern!"
Doch Chris schien ihn nicht zu
hören, zur Decke gewandt rief er:
"Was soll das, Bruder?
Willst du mir jetzt alles noch ein zweites Mal wegnehmen? Reicht es
dir immer noch nicht? Willst du jetzt auch noch in alten Wunden herum
stochern?"
"Chris, Wyatt kann nichts dafür... er ist noch
ein Kind.", meinte Piper.
"Ein KIND?", er lachte kurz
hysterisch auf. Doch es klang überhaupt nicht komisch.
"Ja,
Chris, er ist noch ein Kind.", wiederholte Piper.
Chris hob die
Arme und streckte Piper die offenen Handflächen entgegen, wie um
sie zu beruhigen, sie zur Besinnung zu bringen. In Anbetracht seines
seltsamen Verhaltens, dachte Leo, wirkte das gerade zu
absurd.
"Mum,...", Chris fuhr fort. "... ich weiß, er
ist dein Sohn und du liebst ihn und alles, aber meinst du nicht es
ist dringend mal an der Zeit sich einzugestehen, dass Wyatt sehr wohl
die Verantwortung für all das hier trägt?"
"Chris,
ich glaube du bringst da irgendwas durcheinander.", Phoebe lächelte
nervös. "Den Wyatt, den du meinst, gibt es noch gar nicht. Ihn
wird es erst noch geben, verstehst du? In der Zukunft. In DEINER
Zukunft, es sei denn, wir verhindern das. Und genau deswegen bist du
hier, schon vergessen?"
"Wie meinst du das, Phoebe?"
Doch
es war Leo, der diese Frage beantwortete:
"Verdammt, Chris, du
musst dich doch erinnern! Das hier ist die Vergangenheit, verstehst
du? Du bist noch nicht einmal geboren."
"Ja, sicher." Chris
lachte laut auf, begann im Wohnzimmer ziellos auf und ab zu laufen
und fuchtelte wild mit den Händen herum. "Ich bin noch nicht
einmal geboren, natürlich. Wer bringt hier eigentlich was
durcheinander, he? IHR seid tot und behauptet, dass ICH nicht am
Leben bin! Was soll das? Ist das ein schlechter Scherz?"
"Nein,
Chris. Das ist kein Scherz." Leo war zu ihm heran getreten und
packte ihn an den Armen. Ihn leicht schüttelnd sprach er auf ihn
ein. "Du bist in die Vergangenheit gereist um zu verhindern, dass
Wyatt böse wird."
"Aha, wir sind also in der
Vergangenheit, Dad? Und Wyatt ist noch ein Kind, hm?", meinte Chris
gespielt überzeugt. "Dann erklär' mit doch bitte mal
warum das hier alles passiert."
Er riss sich von seinem Vater
los und deutete mit der Hand aus dem Fenster.
"Dann erklär'
mit doch bitte mal, warum die halbe Stadt in Trümmern liegt.
Erklär' mir, warum im Club Dämonen ein und aus gehen als
wären sie dort zu Hause. Erklär' mir, wie es kommt, dass so
viele, so verdammt viele, Dad,..." Seine Stimme wurde lauter. "...
ihr Leben gelassen haben bei dem Versuch gegen Wyatt anzukommen!
Erklär' mir, wieso sonst ganze Familien ausgelöscht wurden,
von unserer eigenen mal ganz zu schweigen. Erklär' mir wie es
kommt, dass niemand mehr übrig ist... einfach keiner mehr da
ist, der sich gegen ihn wehren kann, keiner mehr da ist um den
Menschen zu helfen... um ihn aufzuhalten. Erklär' mir das, Dad,
erklär' es mir!"
Leo sah ihn entgeistert an. Nach einer
Weile meinte er:
"Chris. Sieh mal hinaus! Sieh hinaus. Das ist
alles nicht passiert. Die Stadt liegt nicht in Trümmern." Er
wies jetzt ebenso wie zuvor sein Sohn zum Fenster.
Chris überlegte
kurz. Schließlich wandt er sich von Leo und den Schwestern
ab.
Er trat an die Scheibe heran und was immer er auch dahinter
sehen konnte, es war unmöglich die selbe ruhige, kleine
Vorstadtstraße, die Leo sah.
"Oh, nein.", entfuhr es
leise seinen Lippen. "Wie konntet ihr das nur zulassen?" Seine
Augen füllten sich mit Tränen und doch blickte er weiter
gebannt aus dem Fenster.
Leo trat verunsichert neben ihn. Doch da
war nichts, alles wirkte idyllisch wie eh und je. Sein Blick löste
sich von der Straße als er spürte, dass sein Sohn ihn
ansah.
"Was..?", fragte Leo verwirrt als er Chris in die Augen
blickte.
Chris wich langsam vor ihm zurück. Er starrte die
Schwestern an und schließlich wieder seinen Vater.
"Ihr
habt uns verraten.", flüsterte er fassungslos. "Ihr habt...
MICH verraten." Er machte noch einen Schritt bis er schließlich
mit dem Rücken gegen die Wand stieß.
"Ihr habt euch
Wyatt angeschlossen... Ihr habt euch ihm wirklich angeschlossen. Ihr
wart die ganze Zeit auf seiner Seite, stimmt's? Ihr seid alle nie
gestorben... Das war alles nur für mich bestimmt."
Unglaubliche Enttäuschung stand in seinen Augen.
"Was?
Nein, Chris.", sagte Leo. Er machte einen Schritt auf seinen Sohn
zu.
"Komm bloß nicht näher!", mahnte dieser ihn. Er
hob drohend die Hände, doch Leo glaube nicht, dass er ihm in
seiner momentanen Verfassung überhaupt gefährlich werden
konnte, dennoch blieb er stehen.
"Chris, wir... wir wollen dir
doch nichts tun.", schluchzte nun Piper.
Chris blickte sie durch
glasig gewordene Augen an.
"Hat es euch Spaß gemacht?",
fragte er und verzog dabei gequält das Gesicht. "Hat es euch
Spaß gemacht mich so reinzulegen? Habt ihr mit Wyatt überlegt
wie ihr mich am besten loswerden könnt ohne euch dabei die Hände
schmutzig zu machen?", jetzt schrie er:
"DIE GANZE FAMILIE,
ODER? IHR HABT EUCH GEMEINSAM ÜBERLEGT WAS IHR ALS NÄCHSTES
TUT, HABT EUCH INS FÄUSTCHEN GELACHT UND MICH STÜCK FÜR
STÜCK AN MEINEN EIGENEN VERSTAND ZWEIFELN LASSEN!!!"
Verdattert
starten Leo und die Schwestern den jungen Wächter des Lichts an,
unfähig irgendetwas darauf zu erwidern.
Wütend und
verzweifelt sah dieser sie an.
"Herzlichen Glückwunsch.",
sagte er nach einigen Sekunden... "Das ist euch verdammt noch mal
gelungen!"... und verschwand.
