9.
George sah zu Boden, dann wieder zu mir. Er wirkte entschlossen. Dann sagte er:
„Ich liebe dich, Mary!"
Ich war sprachlos. George hatte mir gerade vor der gesamten Gryffindor-Schülerschaft gestanden, dass er mich liebte.
Ich sah auf den Boden, dann zum Fenster, dann zu George und wieder auf den Boden. Was sollte ich tun. George stand auf der anderen Seite des Raumes und sah mich nur an. Es war völlig still im Gemeinschaftsraum. Wieder sah ich zu George. Dann drehte ich mich plötzlich um und rannte die Treppe hoch. Ich wusste, es war das Gemeinste, von all den Dingen, die ich ihm hätte antun können, doch ich hatte auch keine andere Möglichkeit gesehen.
Ich pfefferte meine Tasche in die nächst beste Ecke, schmiss mich auf mein Bett und zog die Vorhänge zu.
Es dauerte keine zwei Minuten, da hörte ich die Tür aufgehen und wie Angelina hereinkam.
Sie öffnete die Vorhänge und setzte sich auf mein Bett. Dann sagte sie:
„George hat mich gebeten, dir das zu geben."
Sie streckte mir ein Stück gefaltetes Pergament entgegen. Ich sah sie fragend an. Sie verdrehte die Augen und sagte:
„Nein, ich hab es nicht gelesen. Es ist magisch versiegelt."
Sie hatte recht. Aber ich öffnete es nicht, sondern fragte Angelina:
„Was soll ich tun?"
„Mach es auf!"
Also zückte ich meinen Zauberstab und öffnete es.
Komm heute Abend um 12 Uhr in den Gemeinschaftsraum.
PS: wenn der Brief nicht magisch versiegelt ist, hat Angelina ihn gelesen!
„Und jetzt?", fragte ich Angelina.
„Was steht drin?"
„Er will sich mit mir treffen."
„Geh hin!"
„Und dann?"
„Also wenn du das nicht weißt..." sagte Angelina grinsend.
„Angelina, ich liebe ihn nicht, wie er mich liebt."
„Wie dann?"
„Wie einen Bruder!", betonte ich.
„Dann sag ihm das."
„Und wie kann ich das, ohne ihn zu verletzten?"
Angelina wurde ernst und meinte:
„Gar nicht. Aber er wird es verkraften."
Ich drehte meinen Kopf zu Seite und starrte an die Vorhänge. Angelina stand auf und sagte:
„Ich muss ihm deine Antwort sagen. Also, gehst du, oder nicht?"
„Sag ihm, ich komme." antwortete ich.
Angelina war schon fast wieder zur Tür raus, als ich mich aufrichtete und sagte:
„Angelina! Danke!"
Sie grinste mich an und sagte:
„Kein Problem!"
Ich stellte mir meinen Wecker und drehte mich um. Ich wollte noch etwas schlafen, bevor ich wieder in den Gemeinschaftsraum ging.
Ich wachte um halb 12 wieder auf. Ich stellte meinen Wecker ab und blieb mit offenen Augen auf dem Rücken liegen. Die anderen aus meinem Schlafsaal schliefen schon.
Ich starrte auf meinen Baldachin und überlegte, wie ich es George schonend beibringen konnte.
Ich versuchte sogar mich in ihn hineinzuversetzen. Zwecklos. Ich hatte keine Ahnung, wie er sich fühlte. Ich war noch nie verliebt gewesen. Meine Entjungferung hatte nichts mit Liebe zu tun gehabt. Es war mit einem guten Freund gewesen. Wir wollten es hinter uns bringen, also haben wir es getan. Wir haben längst keinen Kontakt mehr. Ich wusste nicht, wie es war, verliebt zu sein. Was war das überhaupt? Den ein oder anderen Flirt oder mal eine Affäre. Aber Liebe... Nein, ich hatte keine Ahnung von Liebe.
Ich sah wieder auf die Uhr. Fünf vor zwölf. Ich erschrak und sprang so leise wie möglich aus dem Bett. Und kämmte mir schnell die Haare durch und ging dann leise hinunter.
Der Gemeinschaftsraum war leer. Ich ging zum Kamin. Ich wollte mich dort auf einen der Sessel setzen. Ich ging zu dem hohen Sessel, direkt vor dem Kamin. Doch er war schon belegt.
George saß darauf. Eingerollt und schlafend. Ich musste unwillkürlich lächeln. Er hatte die ganze Zeit hier auf mich gewartet. Ich kniete vor ihn und berührte ihn zaghaft am Knie. Ich rüttelte ihn ein bisschen.
George öffnete langsam die Augen. Ich konnte seinen verschlafenen Blick sehen. Als ich ihm so in die Augen sah, durchfuhr es mich plötzlich.
Du kannst es ihm nicht sagen!
George war jetzt wach. Ich stand wieder auf und setzte mich auf die Armlehne.
Wir schwiegen. Nach einer Weile fand ich meinen Sprache wieder:
„Tut mir Leid, dass du es vor allen sagen musstest."
„Nicht so wild, jetzt ist es raus."
„Und tut mir auch Leid, dass ich weggerannt bin."
„Ich hätte es an deiner Stelle nicht anders gemacht."
Wieder schwiegen wir.
„Ich bin jetzt da, wir sind allein. Was willst du jetzt mit reden?", fragte ich ihn schließlich.
„Weißt du, ich bin nicht der Einzige." fing George an.
„Wie meinst du das?"
„Ich bin nicht der Einzige aus der Familie, der in dich verliebt ist."
George schluckte. Es fiel ihm schwer, auszusprechen, was er für mich empfand. Ich antwortete nicht.
„Percy, Bill und Charlie auch." sagte George.
Ich war überrascht.
„Bill auch?! Er kennt mich doch kaum."
„Warum überrascht es dich nur bei Bill?"
„Percy kann so etwas schlecht verbergen und seit es mit Penny aus ist... War irgendwie klar. Naja und Charlie – Du weißt ja, dass Charlie und ich uns schon länger kennen. Wir hatten einen kurzen Flirt."
George schnaubte.
„Woher weißt du das überhaupt?", fragte ich ihn.
„Sie haben Fred und mir geschrieben. Alle, unabhängig von einander."
Ich schwieg. Ich hatte ja keine Ahnung. Es hatte die Sache für George sicher nicht erleichtert.
George stellte die Frage, die ihm bestimmt schon auf der Seele brannte:
„Und, wie fühlst du?"
Ich atmete schwer ein. Ich überlegte, wie ich es am besten Ausdrücken sollte.
„Ich weiß nicht, was verliebt sein bedeutet, oder was Liebe ist, wenn sie nicht platonisch ist. Ich war nie verliebt."
George sah zu mir auf.
„Und die Sache mit Charlie?"
„Keine Liebe. Und das beruhte damals auch auf Gegenseitigkeit."
„Noch nie?", fragte George noch mal.
„Nie!", bestätigte ich.
„Du tust mir Leid!", sagte George.
Ich zuckte mit den Schultern.
„Da ich nicht weiß, wie es ist, kann ich es auch nicht vermissen."
George zog mich von der Armlehne runter und nahm mich in den Arm. Ich kuschelte mich an ihn. Ich stutzte. Hatte er mich verstanden?
„George?"
„Ja?"
„Du verstehst mich doch, oder? Ich meine, das zwischen uns nix sein wird."
„Ja."
Ich legte meinen Kopf wieder an seine Brust. Er streichelte meine Haare. So saßen wir eine Zeit lang. Ich schloss die Augen.
Ich habe es nicht gewollt, aber plötzlich sah ich Bilder. George und ich saßen in diesem Sessel und küssten uns. Ich wollte diese Bilder nicht sehen, doch ich sah sie und es war schön. Ich sah uns nicht nur in diesem Sessel, ich sah uns auf dem Gang, einer Bank, im Drei Besen, am See.Und ich fand es schön. Ich spürte ein warmes Gefühl in mir aufsteigen. War das Liebe? War ich verliebt? War es das, was mir gefehlt hat, damit ich Lieben konnte? Jemanden, von dem ich wusste, dass er mich auch sicher Liebte? Brauchte ich diese Sicherheit, um meine Angst verletzt zu werden zu überwinden? Aber vielleicht dachte ich es nur, weil ich ihn nicht enttäuschen wollte. Ich versuchte mir vorzustellen, wie ich Percy, Bill oder Charlie küsste. Es gefiel mir nicht. Nein, ich fühlte mich dabei nicht wohl. Anders als bei George. Ich konnte nicht genug davon kriegen. War es Liebe?
Ich wollte es genau wissen, deswegen fragte ich George:
„George, wie ist es, wenn man verliebt ist?"
Ich spürte, wie George lächelte.
„Wenn man verliebt ist, will man, dass diese Person immer in seiner Nähe ist. Man kann sich nichts schöneres Vorstellen. Man kann an fast nichts anderes denken. Wenn man verliebt ist, versteht man sich ohne Worte."
„Stellt man sich dann vor, wie es ist, denjenigen zu küssen, in den man Verliebt ist und wird einem dann warm?"
„Ja, so könnte man es sagen."
„Und wenn man sich vorstellt jemand anderen zu küssen, ist es dann fast abstoßend?"
„Ja."
„Dann bin ich verliebt!", stellte ich fest.
„Achja? In wen?", fragte George unsicher.
„In dich!"
Ich sah zu ihm hoch. Auch er sah mir fest in die Augen.
Ich richtete mich auf, damit ich mit ihm auf Augenhöhe war. George hob seine Hände, ergriff mein Gesicht und zog mich an seines.
Unsere Lippen berührten sich; erst zaghaft. Ich zuckte zurück. George ließ mich los und sah mich ernst an.
„Bist du dir sicher?"
Als ich seine Augen sah, konnte ich mir nicht mehr sicherer sein.
Ich nickte.
George legte seine Hand in meinen Nacken und zog mich wieder zu sich.
Ich schloss die Augen und als unsere Lippen sich erneut berührten stieg eine Welle wohliger Wärme in mir auf.
Wir küssten uns erst vorsichtig, dann öffnete George seinen Mund; ich tat es ihm nach und er massierte vorsichtig meine Zunge mit der Seinigen. Erst behutsam dann energischer. Ich begann, seine Geste zu erwidern. Doch plötzlich spürte ich etwas in mir, das sagte, es sei nicht richtig.
Ich löste mich von George. er sah mich fragend an.
„Was?"
Ich schüttelte den Kopf. Ich wusste es selbst nicht.
„Ich – ich geh ins Bett! Gute Nacht."
Ich stand auf, gab ihm einen kurzen Kuss auf die Wange und eilte die Treppe hinauf.
Ich wusste nicht, was nicht stimmte. Aber mir wurde bewusst, dass ich George nicht im Ungewissen lassen konnte.
Ich eilte im Schlafanzug wieder in den Gemeinschaftsraum. George war nicht mehr da. Nach kurzem Zögern hastete ich die Jungentreppe hinauf. Ich sah mich um. Neben den Türen waren Schilder mit den jeweiligen Klassenstufen drauf. Wie bei den Mädchen. Ich musste bis nach ganz oben steigen, bis ich den Schlafraum der 6. Klasse fand. Ein Lichtschimmer kam unter der Tür durch. Ich wunderte mich. Waren etwa alle wach, oder nahm George keine Rücksicht darauf?
Plötzlich hörte ich laute Stimmen. Ich erkannte Lees Stimme.
„Und jetzt?"
„Ich weiß nicht. Ich versteh sie einfach nicht." hörte ich Georges Stimme sagen.
„Und du hast sie einfach gehen lassen?"
„Was hätte ich sonst tun sollen, Fred?"
„Du hättest ihr nachlaufen sollen." das war eindeutig Mark, der vierte Junge in unserer Klasse.
Ich lehnte mich an die Wand. Ich hätte nicht gedacht, dass George seine Probleme mit der halben Klasse diskutierte.
Ich öffnete langsam die Tür. Die Jungs standen in der Mitte des Raumes und sahen mich verwundert an. Die Wirkung meines plötzlichen Auftrittes wurde sicher noch durch meinen Schlafanzug bestärkt; ich schlief immer nur in einem Spagettiträgertop und Hotpants.
„Wir müssen reden." sagte ich argwöhnisch.
„Ok, gehen wir raus!", sagte George eilig.
„Wieso? Die Herren wissen sowieso über sämtliche Details bescheid." warf ich George vor und verschränkte die Arme.
Die Jungs sahen beschämt zu Boden.
„Also,", fing ich an. „ich wollte mich entschuldigen, dass ich ohne Erklärung gegangen bin. Und ich wollte dir den Grund sagen."
„Können wir das nicht draußen besprechen?", fragte George, dem das offensichtlich peinlich war.
„Nein!", sagte ich knapp. „Willst du nun wissen, warum ich gegangen bin?"
„Ja, aber bitte, sag es mir draußen!", bat er mich erneut.
„Nein, warum? Du erzählst es ihnen doch sowieso!", sagte ich laut.
„Warum seit ihr so laut?"
Ron stand in der Tür. Er war verschlafen und trug wie immer seinen Hochwasser-Schlafanzug.
„Hi Ron! Du weißt es noch gar nicht? Hat George es dir etwa noch nicht erzählt?", sagte ich sauer.
„Nein, ist auch egal! Was machst du hier überhaupt? Geht doch einfach alle ins Bett, damit wir schlafen können!"
Ron drehte sich um und trottete wieder die Treppe runter.
„Also, wo waren wir?", fragte ich rhetorisch.
„Mary, bitte lass uns runtergehen!", meinte George verzweifelt.
Ich ignorierte es.
„Also, ich bin gegangen, weil wir, Erstens, morgen Unterricht haben und, zweitens, weil es mir zu schnell ging." Ich machte eine Pause. „Gut, jetzt weißt du Bescheid. Gute Nacht, Jungs!"
Ich ging wieder hinaus. Wütend stürmte ich die Treppe runter und in meinen Schlafsaal. Ich schmiss mich in mein Bett. Ich schlief schnell ein. Was wahrscheinlich nur möglich war, weil ich gespannt war, wie sich George am nächsten Tag entschuldigen würde.
