1.9.

Die angefangene Woche dümpelte so dahin und Rokko ärgerte sich mit Sophie wegen des Stipendiums rum: Sie wollte eine kleine Pressemitteilung, immerhin sei Kerima nicht die Charitas, Rokko hingegen wollte einen groß angelegten Bericht, um Lisa einmal ordentlich in den Medien zu positionieren. Und Lisa? Tja, die wollte keine Stellung beziehen, immerhin war die Kollektion jetzt wichtiger…

Rokko saß mit Mark am Catering und hielt ein Schwätzchen, als Lisa dazukam und der neuen Catering-Kraft den Auftrag gab, Getränke und Schnittchen für ein Meeting zusammenzustellen. „Ey, Flitzpiepe! Rate, wo ich gerade herkomme!" – „Von draußen?" Lisa war schon jetzt genervt, sie hasste solche Spielchen, wieso konnte keiner klar und direkt sagen, was Sache war? „Nein, ich hatte gerade einen Auftrag in den USA." – „Und?" – „Du glaubst nicht, was da gerade in Mode ist!" Lisas Geduldsfaden wurde langsam dünner. „Was ist da gerade Mode?" – „Zierzahnspangen." – „Zierzahnspangen?" Diese Branche war komplett debil. „Du bist hier in good old Germany so was wie die Avantgarde." Mark schien stolz auf seine Bemerkung zu sein. Lisa hatte sich in Laufe der Jahre an die Spange gewöhnt, sie hasste das Ding nicht, aber sie freute sich auf den Tag, an dem sie endlich raus sollte. „Ist dir schon mal der Gedanke gekommen, dass es einen ganz banalen Grund für das Tragen von Zahnspangen gibt?" Gut, spielen wir eben sein Spiel. „Was für einen Grund denn?" – „Schiefe Zähne." – „Und wenn man schon 25 ist?" – „Dann eben sehr schiefe Zähne. Aber glaub nicht, dass ich die Avantgarde mache, wenn Beinprothesen in Mode kommen." Rokko war dem Ping-Pong-Gespräch gefolgt und fand es irgendwie amüsant. „Lisa, gut, dass du hier bist." Timo wirkte verzweifelt. „Ich hatte heute meinen ersten Unterricht und wir haben hier diesen Fragebogen, den wir in unserem Praktikumsbetrieb ausfüllen sollen und schon eine Hausaufgabe in Bilanzierung." – „Okay, wenn du schnell machst, schaffen wir den Fragebogen gleich, die Bilanzierungssache können wir nachher machen, okay?" Timo förderte ein Papier zu Tage und begann zu lesen: „Antworten Sie auf die Fragen spontan. Mehrfachantworten sind möglich. Nummer 1: Wenn die Situation in Ihrem Unternehmen eine Krankheit wäre, welche wäre sie?" Lisa fuhr sich mit dem Finger über den Draht ihrer Spange und dachte nach. Was war denn das für eine blöde Frage?! „Frau Plenske, das Wort spontan impliziert, dass Sie das erste sagen, das Ihnen einfällt." Lisa sah Rokko an und flüsterte: „Das kann ich doch nicht wirklich laut sagen, schlimm genug, dass ich es gedacht habe." – „Klar, man sollte immer das aussprechen, was man denkt, sonst belastet man sich nur selbst." – „Okay, also, Parkinson." – „Wieso?", hakte Timo nach. „Naja, immer, wenn man denkt, das große Zittern ist vorbei, dann kommt der nächste Schub." Na bitte, ging doch. Die nächsten Fragen waren leicht und sie kamen gut voran. „Also, hier die letzte: Assoziieren Sie. Vergleichen Sie Ihr Tätigkeitsfeld mit den Anforderungen eines Berufes, den jeder kennt." Alle Augen waren auf Lisa gerichtet, die sofort antwortete: „Kindergärtnerin." Als sie die fragenden Blicke auf sich spürte, sagte sie: „Siehst du da hinten David? Das was er da in der Hand hält, ist der Finanzplan für das nächste Quartal. Gleich kommt er rüber und wird so etwas sagen wie: ‚Warum kriegt die PR dieses Quartal mehr Finanzmittel als die Vertriebswege?', was frei übersetzt so viel heißt wie ‚Warum kriegen die anderen Kinder mehr Bausteine als ich?'" Lisa wurde still, denn David kam langsam in Hörnähe. „Ich habe gerade dein Memo zur Finanzierung gelesen. Wieso gibt's dieses Quartal weniger Geld für Vertriebswege?" Alle Anwesenden, Lisa eingeschlossen, begannen zu kichern. David guckte irritiert aus der Wäsche, was ging denn hier ab? „Weil die Vertriebswege für die neue Kollektion ausgelotet sind, aber die ganze Chose noch nicht komplett beworben wird. Übrigens, wer macht das Supervising im Atelier? Hugo tyrannisiert doch ein gerade ein Paar Models mit Änderungswünschen für seine Kleider." Lisa zwinkerte Timo zu. „Ach, im Moment keiner. Wenn du willst, übernehme ich das." Mit schnellen Schritten war David im Atelier verschwunden. „Tja, und schon sind Puppen interessanter als Bauklötze", erklärte Lisa Timo, der eifrig notierte. Ja, sie war über David Seidel hinweg und es fühlte sich großartig an, unverkrampft mit ihm umgehen zu können. Sie nahm sich fest vor, sich nie wieder zu verlieben – zu sehr hatte es ihr wehgetan, zu sehr hatte sie sich lächerlich gemacht, nur um immer wieder Ablehnung zu erfahren. „Ey, Flitzpiepe, was machst du eigentlich, wenn die anderen Jungs auch lieber Puppen als Bauklötze hätten?" Na Mark war ja mal wieder gut drauf, jetzt bloß nicht nachlassen Lisa. „Im Moment gibt es in diesem Gebäude mehr Puppen als Bauklötze und jetzt Schluss mit diesen Horrorszenarien. Hey, das ging schneller als gedacht, zeig mal gleich den Bilanzierungskram." Timo breitete seine Unterlagen auf dem Tresen aus und Lisa war sofort in ihrer Welt. Sie sieht so süß aus, wenn sie sich so konzentriert. Rokko musste es sich langsam eingestehen: Lisa war eine gute Freundin, aber er wünschte, sie wäre mehr. Liebte er sie? Das wusste er nicht, aber er war in sie verliebt. Vielleicht würde diese Gefühl wachsen, vielleicht nicht. Er würde ihre Nähe suchen und es herausfinden. „… und dann setzt du das hier ein und fertig." Lisa strahlte. Timo raufte sich die Haare, nicht nur, dass sie das alles im Kopf gerechnet hatte, nein, sie hatte dabei auch so ziemlich jeden Zeitrekord gebrochen. Aber sie konnte gut erklären. Er hatte es geschluckt. „Wenn man so aussieht wie du, dann muss man rechnen können, aber wenn man jung und attraktiv ist so wie ick, dann reicht es, wenn man die Welt mit seiner Gegenwart beehrt." Sabrinas Neugier hatte sie zum Catering getrieben. War da vielleicht etwas los, das auch für sie interessant wäre? „Und was ist in 20 Jahren?" Lisa sah sie an und Rokko war gespannt, was jetzt kommen würde. „Wieso, was soll denn in 20 Jahren sein, da bin ick dann 46, aber dafür jibt's ja Schönheitschirurgie, solltest de och mal probieren, wa." – „Du hast gesagt, ‚jung und attraktiv'. In 20 Jahren bist du nur noch ‚und'- vielleicht wäre es dann doch praktisch noch etwas anderes zu können." Lisa wandte sich wieder der Kalkulation zu. „Schon jut, wenn de frustriert bist, musste das nich an mir auslassen. Übrigens hier, ist gerade für dich abgegeben worden." Sabrina knallte Lisa einen Luftpostumschlag auf den Tisch. Lisa sah den Absender und wurde blass. Bitte, lass nichts Schlimmes passiert sein. Hektisch öffnete sie den Umschlag und begann zu lesen. Immer mehr verlor ihr Gesicht an Farbe und es traten ihr Tränen in die Augen. Das durfte nicht wahr sein, wie furchtbar. Natürlich, sie würde alles tun. Sabrina neben ihr machte einen langen Hals, aber diese Sauklaue konnte ja keiner entziffern. „Och, nich weenen, nur weil dich nich mal so'n armer Afrikaner haben will, selbst wenn de den für bezahlst." Sabrina fand sich furchtbar lustig und ging lachend zurück zum Empfang. Afrika, hatte sie Afrika gesagt? Lisas Bruder wohnte in Afrika, ob sie wohl deshalb so geschockt aussah. Rokko wollte etwas sagen, aber Lisa kam ihm zuvor. „Entschuldigt mich, ich hab was Dringendes zu erledigen. Bis später zum Meeting."

In ihrem Büro las sie den Brief noch einmal in aller Ruhe:

Liebe Lisa!

Drei mal habe ich versucht, Zuhause anzurufen. Beim ersten Mal war Helga dran, aber ich konnte nicht mit ihr reden, beim zweiten Mal war Vater dran, aber was hätte ich ihm sagen sollen? Beim dritten Mal nahmst du den Hörer ab. Aber auch mit dir konnte ich nicht reden. Wie sollte ich dir das Unbegreifliche, das, was nicht einmal ich verstehe, erklären? Diesen Brief hier habe ich tausende Male angefangen, dann wollte ich es alleine schaffen, aber jetzt muss ich erkennen, ich schaffe es nicht alleine.

Der 14. Februar sollte der schönste und gleichzeitig schrecklichste Tag meines Lebens werden. Meine geliebte Mareesa brachte unsere süße Tochter zur Welt. Sie sieht aus wie ihre Mutter, die sie nie halten durfte. Wer hätte geahnt, dass es zu Komplikationen kommen würde? Meine über alles geliebte Frau ist nicht mehr bei mir. Ich musste sie zu Grabe tragen und ich folge ihr nur nicht, weil unser Baby mich braucht.

Ich habe ein Foto beigelegt. Du kannst es dann auf deinen Schreibtisch stellen. Sie heißt Eli. Ich habe sie nach der größten Kämpferin benannt, die ich kenne: Meine Schwester Elisabeth. Ich hoffe, das ist dir recht.

Ich wünschte, ich müsste dir nur das mitteilen, aber Lisa, das Schicksal meint es gerade nicht gut mit mir. Erst verliere ich meine Frau und dann die Ernte. Die Regenzeit war kürzer als sie sein sollte und alles ist vertrocknet. Ich verliere meine Farm, die ganzen Ersparnisse sind für die Krankenhausrechnung und die Beerdigung draufgegangen. Ich weiß, es ist viel verlangt, aber du kannst doch gut mit Geld und mit der Börse. Ich würde dich auch nicht bitten, wenn es anders ginge, aber könntest du mir einen Kredit verschaffen, damit ich wenigstens die Farm retten und der kleinen Eli eine Zukunft bieten kann? Außerdem bräuchte ich ein paar Dinge für die Kleine, die hier nur schwer zu beschaffen sind – Schnuller, Fläschchen, Strampler und so.

Dein Hannes.

Lisa zog unter Tränen das Foto aus dem Umschlag. Die Baby war wirklich süß: Sie hatte die Hautfarbe und die Haare von ihrer Mutter und strahlend blaue Augen. Lisa zog eine Schublade ihres Schreibtisches auf und holte einen Rahmen heraus. Sie tat das Bild hinein und stellte es zu den anderen Familienfotos. Dann griff sie zum Telefon und rief ihre Bank an, sie gab die internationale Eilüberweisung in Auftrag. Sie musste jetzt einen klaren Kopf behalten, nur Fakten zählten, sich nur nicht von Gefühlen übermannen lassen. Das konnte ja nicht so schwer sein. Einfach nur zusammenreißen und dann den Plan abarbeiten: Meeting, Babysachen kaufen, es Mama und Papa schonend beibringen. Das klingt machbar. Es klopfte und ohne auf Antwort zu warten, kam Rokko herein. Wenigstens macht er Fortschritte… Er sah sofort, dass sie geweint hatte: „Ist alles in Ordnung?" Er klang besorgt. „Ja, ja, alles in Ordnung." Lisa lächelte gequält und sah ihn nicht an. Das war der Indikator, dass sie log und sie war eine verdammt miese Lügnerin. Rokko wünschte, sie würde sich ihm anvertrauen. „Was gibt's denn?" – „Ich wollte Sie zum Meeting abholen."

Das Meeting zog sich in die Länge, Sophies Kommentare waren kontraproduktiv und Lisa war zu Nichts zu gebrauchen. Sie sagte immer wieder: „Schön, schön.", ob es passte oder nicht. „Ihr Handy." Hugo war empört, erst bewunderte niemand seine genialen Ideen und dann auch noch das. Lisa wurde jäh aus ihren Gedanken gerissen. Das war ihr Handy – eine lange Telefonnummer mit zwei Nullen als Vorwahl wurde angezeigt – hoffentlich kein ausländischer Geschäftspartner... „Plenske." – Keine Reaktion am anderen Ende. „Hallo." Sie konnte jemanden weinen hören. „Hannes?!" Sie hatte sich erhoben und war raus gegangen. Es musste etwas passiert sein, schoss es Rokko durch den Kopf. Durch die Scheibe in der Tür konnte er sehen, dass Lisa heftig mit den Tränen kämpfte, immer wieder nickte und dann auflegte. Hugo wurde es zu bunt, wenn ihm nicht die Aufmerksamkeit zukam, die ihm zustand, dann würde er nicht länger an diesem Meeting teilnehmen. In der Tür stieß er mit Lisa zusammen: „Sie sollten diese Rötungen überschminken." David ignorierte, dass mit Lisa offensichtlich etwas nicht stimmte: „Also, Hugo will nun doch seine Heirat bekannt geben. Inka hat eine Party für morgen organisiert. Es soll eine Überraschung werden. Also, kein Wort zu niemanden, im 15Uhr geht's los." Rokko verließ als letzter den Raum und folgte Lisa: „Wenn ich etwas für Sie tun kann, dann brauchen Sie es nur sagen." Er wollte in ihre liebevollen blauen Augen sehen, aber sie schaute auf ihre Füße. Kann er Gedanken lesen? Warum will er etwas für dich tun? Nein, keine Emotionen. Sie konnte nicht darüber reden, nicht jetzt und nicht mit ihm. Sie wollte nicht, dass er sie weinen sah und sie für schwach hielt. Sie schüttelte nur den Kopf.

Am nächsten Tag betrat eine blasse, übermüdete Lisa Kerima. Das Gespräch mit ihren Eltern war um einiges schwieriger als erwartet und Bernd war erbost, dass seine Kinder hinter seinem Rücken „konspirierten". Helga dagegen hatte viel geweint und versuchte ihren Mann zur Vernunft zu bringen. Der Plensksche Familienrat hatte die ganzes Nacht getagt – ohne nennenswertes Ergebnis. Lisa hatte entschieden, die Babysachen, um die sie Hannes gebeten hatte, alleine zu besorgen und ihren Eltern weitere Details zu ersparen. Jürgen traf kurz vor der Feier für Britta und Hugo ein und stiefelte gleich in Davids Büro. Irgendetwas stimmte mit Lisa nicht und normalerweise war David dafür verantwortlich. David war Lisas Veränderung auch aufgefallen, fühlte sich berechtigterweise aber völlig unschuldig daran. Die beiden entschieden, dass sie Lisa aufmuntern mussten – sie schnappten sich das Mikro und sangen „Ein Freund, ein guter Freund…" und deuteten immer wieder in Lisas Richtung. Das war zu viel für sie. Sollten die doch alleine feiern, ihr war einfach nicht danach. Schnellen Schrittes verließ sie Kerima. Rokko hatte die Szene beobachtet und eilte ihr hinterher. Er hatte Probleme, sie einzuholen, doch als er auf gleicher Höhe mit ihr war und etwas sagen wollte, sah er, dass sie weinte. Kurz sah sie ihn an und schon fiel sie ihm um den Hals und weinte bitterlich. Rokko wusste einen momentlang nicht, was er tun sollte und ließ sie erst einmal weinen. Er nahm sie vorsichtig in den Arm und streichelte ihr immer wieder über den Rücken: „Pscht, alles wird gut." Als Lisa sich beruhigt hatte, machte sie einen Schritt zurück: „Es tut mir leid." Es gab keinen Grund sich zu entschuldigen, es ging ihr nicht gut und er wollte ihr helfen und wenn ihr weinen half, dann war es okay, wenigstens konnte er so etwas für sie tun. „Was ist denn passiert?" Rokko sah sie zärtlich an und streichelte immer noch ihren Oberarm, dann führt sich langsam zu einer Parkbank. „Ich kann das Hoppelchen einfach nicht finden." Er sah sie fragend an. „Den Hasen, Hannes Hasen, also ein Plüschtier. Ich soll es ihm schicken für Eli, aber ich kann ihn nicht finden. Ich dachte, dass schaffe ich, weil das mit den Schnullern, es gibt so viele und ich wusste nicht welche und das Hoppelchen muss irgendwo bei uns zu Hause sein, aber… Und diese Schweigebehandlung zu Hause, wenn es wenigstens Krach gegeben hätte, aber so läuft Papa nur mit dem ‚Du hast mich enttäuscht'-Blick herum und… und…" Sie brach ab. „Okay, immer der Reihe nach. Wozu brauchen Sie dieses Plüschtier?" Lisa gab ihm Hannes Brief zu lesen und erzählte dann stockend von Bernds Reaktion auf den Brief. „Gut, dann los." Rokko war aufgestanden und reichte Lisa die Hand. Sie runzelte die Stirn. „Zum Babyausstatter. Ich helfe meinen Freunden auch immer." Wenigstens das entlockte ihr ein Lächeln. Rokko brachte Lisa in dem Geschäft immer wieder zum Lachen. Sie hielten sich gegenseitig Strampler vor den Bauch, als ob sie sehen wollten wie der Andere darin aussehen könnte, sie spielten mit den Rasseln und fuhren eine Proberunde mit einem Kinderwagen. Eine freundliche Verkäuferin kam auf sie zu: „Sieht so aus, als hätten Sie noch viel Zeit für Ihre Einkäufe" und deutete auf Lisas Bauch. Ja, es war fast, als hätten sie für sich eingekauft. Rokko geriet ins Träumen, es musste so schön sein, eine Familie mit Lisa zu haben. Oh ja, Kowalski, du bist verschossen. Sie ließen sich die unterschiedlichen Schnuller erklären und gingen dann zur Kasse. Ein Plüschtier wollte Lisa nicht, sie wollte lieber noch einmal den Plensk'schen Dachboden nach Hoppelchen durchforsten.

Am nächsten Morgen hatte sich Rokko besonders früh auf den Weg zu Kerima gemacht. Er hatte in seiner Abstellkammer die Kisten durchsucht, die er nach seinem Umzug nach Berlin nicht ausgepackt hatte, aber von deren Inhalt er sich auch nicht trennen wollte. Mit einigen wenigen Griffen hatte er auch gefunden, was er suchte und nun wollte er zu Kerima. Lisa war bestimmt schon da und er wollte nicht, dass das Paket ohne das hier nach Namibia ging. Aber vorher wollte er zu Jürgen in den Kiosk, um zu erfahren, wie die Feier gestern noch gelaufen ist. Immerhin musste Hugos Hochzeit medienwirksam in Szene gesetzt werden und wenn was schief gelaufen war, dann musste er das ja hinbiegen. Bei Jürgen saß Bernd, der auf dem Weg zu den Seidels einen Zwischenstopp eingelegt hatte: „Da ziehste se übber 20 Jahre lang jroß und dann fallnse dir innen Rücken." – „Als sie an Weihnachten den Kowalski angeschleppt hat, da warste so stolz auf sie." – „Dis is nich det gleiche." – „Nein, es geht hier um ihren Bruder, deinen Sohn, und einen tragischen Trauerfall. Das ist sogar noch viel wichtiger, dass sie das tut, was du ihr beigebracht hast." Bernd war einen Moment still und dachte nach, irgendwo hatte Jürgen ja Recht. „Guten Morgen." Rokko war hereingekommen. „Ihr redet von Lisa? Es ist beeindruckend wie sie die ganze Situation handhabt." Bernd und Jürgen sahen ihn an. Lisa hatte Rokko davon erzählt, aber nicht ihm, dem guten alten Jürgen, ihrem besten Freund. Lisa, Lisa, wie kommt's denn? Naja, wenn du glücklich dabei wirst, soll dir verziehen sein. Rokko erzählte Bernd und Jürgen von seinem gestrigen Erlebnis mit Lisa, allerdings ließ er ihren Zusammenbruch aus, betonte aber, dass sie sehr unter Bernds ablehnender Haltung litt. „Ick bin doch nur enttäuscht, dass se uns verschwiegen hat, dass se noch Kontakt mit ihm hat. Davon hamer nüscht jewusst. Ick hätte och jern jewusst, wo mein Sohn is, nich. Ick red mit ihr, jleich, wennse von ne Arbeit kommt."

Es klopfte und Rokko steckte den Kopf durch die Tür. „Kann ich reinkommen?" Antwort unnötig, er war schon drin. „Haben Sie das Plüschtier gefunden?", fragte er. „Nein, leider nicht. Ich hab alles auf den Kopf gestellt. Nichts." Lisa zuckte mit den Achseln. „Das ist zwar kein Hase, sondern eine Schildkröte, aber ich habe sie als Kind sehr gern gehabt." Er reichte Lisa ein Kuscheltier, das so aussah, als hätte es sehr lange diesem Zweck gedient und wäre heiß und innig geliebt worden. Lisa war sichtlich gerührt: „Sie wollen es für Eli mitgeben?" Lisa sah ihn ungläubig an. Er ist so selbstlos. Wieso? Ob er ein Ziel damit verfolgt? Oder ob er einfach nur nett sein will? Einmal mehr nagten Zweifel an Lisa. „Ja." Rokko war überzeugt, dass er das richtige tat. „Sie braucht sie dringender als ich." – „Sicher? Ich meine, wenn Sie mal selber Kinder haben, wollen Sie vielleicht, dass sie sie bekommen." Das war typisch Lisa, sie sorgte sich mal wieder nur um andere. „Ja, ich möchte, dass Eli sie bekommt." Er nickte nachdrücklich. „Hat sie einen Namen?" – „Ja, ich hab sie immer Flip-Flop genannt. Ich dachte immer, so würde es klingeln, wenn eine Schildkröte aus ihrem Panzer kommt und sich dort hinein zurückzieht." Er versuchte an dem Stofftier anzudeuten, was er meinte. „Danke." Lisa beugte sich vor und gab ihm einen Kuss auf die Wange.