Die Macht der Presse
Das was Jeanne Barbeau in ihrer Freizeit betrieb, hätte man in früheren Zeiten einen Piratensender genannt, war aber in den letzten Jahren dank eines liberalisierten Rundfunkgesetzes durchaus gestattet gewesen. Jeanne schickte am liebsten alte Rockmusik und manchmal auch modernen Pop in den Äther, da sie sich als eine musikbegeisterte politische Moderatorin sah. Oder besser als Moderatorin, die gerne über Politik sprach und in den Denkpausen Musik spielte. Als Studio diente ihr ihr kleines Arbeitszimmer, in das ihre Zuhörer auch über eine Webcam hineinsehen konnten, als Sendeanlage benutzte sie einen für eine kleine Gebühr erworbener Podcasting-Zugang zum Meganet. Jeanne wurde von ihrer kleinen, aber treuen Hörergemeinde entweder ganz altmodisch über das Radio empfangen oder aber über das Netzwerk. Jeden Nachmittag um fünf begann sie ihre Sendung und beendete sie kurz vor Mitternacht, auch wenn sie manches Mal gerne länger „im Äther" geblieben wäre, wie sie es nostalgisch nannte. Aber da war ja noch ihr normales Berufsleben, und ihr Chef sah es gar nicht gern, wenn sie morgens verschlafen an ihrem Schreibtisch saß. Zwar ließ er hin und wieder durchblicken, dass er ihr nebenberufliches Engagement sehr interessant fand, aber sobald es ihre Leistungen am Arbeitsplatz beeinträchtigte, schmolz sein Interesse rasch in sich zusammen.
Jeanne freute sich über das herangerückte Wochenende, das ihr genug Zeit gab, ein paar spitzfindige Kommentare über die jüngsten Ereignisse in Metropolis vorzubereiten. Wie jede Bürgerin litt sie unter den zunehmenden Kontrollen, die jeden Bummel durch die Stadt und jede Fahrt zur Arbeit zu einem lästigen Labyrinth aus Kontrollpunkten der paramilitärischen Partei werden ließen. Selbst wenn man außer Acht ließ, was dies für die Persönlichkeitsrechte der Menschen bedeutete – Jeanne hatte ihren Zuhörern einmal scherzhaft erzählt, die III. Abteilung wisse genau, wo sie ihre Dessous kaufe – schränkte der Kontrollwahn der neuen Regierung das Alltagsleben enorm ein. Niemand hatte mehr Lust, einfach so aus dem Haus zu gehen, um Freunde zu treffen oder einfach spazieren zu gehen, da man zu jedem Zeitpunkt das Gefühl hatte, überwacht zu sein. Es durfte wohl die kritische Frage erlaubt sein, was der EAAU mehr schadete, irgend welche ominösen Drohungen aus Peking, von denen bisher keine einzige in die Tat umgesetzt worden war, oder die harte Gangart des Ministerrats, die das bisher übliche heitere Lebensgefühl der Bürger nach und nach zerstörte. Metropolis war bald keine Stadt mehr, in der es sich zu wohnen lohnte oder in der es gar Spaß machte, zu leben.
Auch Jeanne war nicht entgangen, dass es heute auf den Straßen noch unheimlicher zuging als sonst, auch an ihrem Wohnblock glitten die Laserbatterien der Armee vorbei, angeblich weil Peking nahe stehende Terroristen mal wieder mit einem Anschlag auf das Regierungsviertel drohten. Diese Begründung für weitere Einsätze der Armee in der Stadt wurde immer fadenscheiniger und lächerlicher, auch wenn manche Bürger sie noch immer glaubten, weil sie sie glauben wollten. Niemand mochte der Tatsache ins Auge sehen, dass der General Stück für Stück die Demokratie aushebelte, und das unter kräftiger Mithilfe einiger anderer Minister. Jeanne hatte selbst schon erfahren müssen, wie die III. Abteilung mit einem umging, wenn man gegen die Auflagen verstieß, die das Ministerium verhängt hatte – nur weil ihr Pass seit drei Wochen abgelaufen gewesen war, als sie in eine mobile Kontrolle geriet, wäre sie fast arrestiert worden. Nur einem gemäßigten älteren Offizier hatte sie zu verdanken, dass sie mit einer geringen Geldstrafe davonkam.
Auch diese Tatsache beunruhigte sie, nicht die älteren Bürger, von denen man eine etwas konservativere Haltung durchaus erwartet hätte, stützten das neue System, sondern die jüngeren in Jeannes Alter, als hätten sie in Smith so etwas wie ein neues Popidol gefunden, dem sie zujubeln konnten. Einige ihrer Kollegen planten sogar am heutigen Wahlsonntag eine entsprechende Party, sollte Smith die Wahl gegen Jegiasarian gewinnen...Jeanne traute sich schon gar nicht mehr, auf der Arbeit über ihre eigene, besorgte Haltung zu sprechen. Zu viele Menschen verschwanden unter Vorwänden und kamen nicht wieder, zu viele neue Kollegen, die mit dem General sympathisierten, hatten in ihrem Büro angefangen, und diese würden ihr Idol heute abend mit Champagner feiern, denn sie waren siegesgewiss.
Angesichts der vielen Laserbatterien und Militärfahrzeuge in der Stadt zweifelte Jeanne auch nicht daran, dass sie Grund zum Feiern haben würden, eher zweifelte sie am ordnungsgemäßen Ablauf der Wahl. Sicherlich waren Abgeordnete bedroht und eingeschüchtert worden, das sähe Smith eher ähnlich, als sich einer ehrlichen Wahl zu stellen, welche die Möglichkeit beinhaltete, zu verlieren. Auch der Gedanke an einen Putsch lag nicht allzu fern, genug Militärpräsenz dazu war jedenfalls vorhanden. Jeanne beschloss, diesen Aufmarsch zum Aufhänger ihrer heutigen Sendung zu machen und räusperte sich noch einmal, bevor die Einleitungsmusik verklang.
„Willkommen zu Metropolis After Work", sagte sie in das Mikrofon ihres Headsets, „auch heute haben wir wieder einen aufregenden Tag hinter uns. Nachdem es dem General vor zwei Tagen wie auch immer gelungen ist, von Präsident Hirschmann adoptiert zu werden, schickt er sich nun an, ihn auch noch im Amt zu beerben. Da der General sich wohl nicht ohne die Unterstützung seiner Freunde in Uniform in das Regierungsgebäude traut, hat er sie dazu gleich mitgebracht..."
Sie fuhr fort, im ironischen Ton das Szenario eines Militärputsches zu entwerfen, ohne zu ahnen, dass dieser in diesem Moment schon im vollen Gange war.
Nach einer halben Stunde pochte es heftig an ihre Tür und eine dunkle Vorahnung erfüllte sie. Noch eben hatte sie ihre Scherze gemacht, nun schien die Bedrohung plötzlich ganz nahe zu sein, konnte es sein, dass sie schon vor ihrer Tür stand? Sie improvisierte eine Überleitung und spielte rasch einen Musiktitel ein, bevor sie zur Tür eilte. Es pochte erneut, diesmal mit noch mehr Nachdruck. Jeanne sah auf den kleinen Bildschirm neben der Tür und ihr Herz schien einen Schlag lang auszusetzen, sie standen tatsächlich dort, Beamte der III. Abteilung, bereit, in ihre Wohnung vorzudringen. Jeanne wusste aus den überall geflüsterten Gerüchten, was nun geschehen würde – es nutzte überhaupt nichts, Abwesenheit zu heucheln - sie würden in ihre Wohnung vordringen, so oder so. Ihre Handflächen wurden feucht vor Angst.
Sie betätigte den Türöffner, bevor die Männer die Tür aufbrechen könnten. Diese hielten sich nicht lange mit Erklärungen auf, sondern stürzten direkt an ihr vorbei in ihre Wohnung. Sie hatten kurzläufige Laserpistolen dabei, und einer sogar eines der berüchtigten Bell-Gewehre, die alles in Schutt und Asche legten, was ihnen vor den Lauf geriet. Jeanne rechnet damit, das man ihr fragen stellen würde, aber stattdessen begannen die Beamten sofort mit der Durchsuchung der Wohnung. Es dauerte einen schrecklichen Augenblick lang, bis ihr klar wurde, dass es nicht nur um ihre Person ging, sondern um den Sender den sie betrieb. Die Männer suchten die Sendestation!
„Was fällt Ihnen ein?" rief sie schrill in Richtung des Mannes mit der Bell. „Ich habe eine Sendeerlaubnis für Metropolis! Die ist noch bis nächstes Jahr gültig!" Aus dem Augenwinkel warf sie einen Blick auf den PC, ja, sie sendete noch, aber ob es auch noch jemand empfing? Vielleicht hatten sie schon ihren Zugang gekappt? Wie dumm, dass sie das Mikrophon nicht aufgelassen hatte, damit ihre gesamte Zuhörerschaft mithören konnte, was gerade in ihrer Wohnung vor sich ging.
„Ihre Lizenz interessiert mich nicht", erwiderte der Major der Geheimpolizei. „Was mich weitaus mehr interessiert, sind die agitatorischen Parolen, die Sie in Umlauf bringen, um die Bevölkerung aufzuhetzen!"
„Ich sende nur die Wahrheit!" Es wurde ihr selbst erst in diesem Moment bewusst, sie musste die Wahrheit gesagt haben, sonst würden diese Kerle sich nicht so darüber aufregen. Smith schickte seine Leute aus, um alle diejenigen zum Schweigen zu bringen, die es genauso erkannt hatten wie sie – es hatte ein erzwungener Machtwechsel stattgefunden, die Wahl war nur eine Farce für die Öffentlichkeit gewesen. „Und das lasse ich mir nicht verbieten!"
Der Major gab seinen Männern ein Zeichen, das wohl bedeuten sollte, er habe keine Lust auf Diskussionen mehr. Mit dem Kolben seiner Bell zertrümmerte einer von ihnen unter Jeannes entsetztem Blick ihren PC, die Funken flogen quer durchs Zimmer und hinterließen schwarze Brandflecken auf dem Teppich und dem Bezug ihres Schreibtischstuhls. Auch sie selbst bekam etwas von dem Funkenregen ab und schrie entsetzt auf. Sie wusste nicht, was ihr mehr zusetzte, der Schmerz oder der Anblick ihrer zerstörten Sendestation. Sie hatte Tränen der Wut in den Augen und befand sich kurz davor, etwas Unüberlegtes zu tun.
„Jetzt senden Sie gar nichts mehr", erklärte der Major ruhig. „Ab heute wird nur noch gesendet, was wir gestatten."
Seine Gelassenheit machte Jeanne schier wahnsinnig. Wenn er sadistisch gelacht hätte oder bissige Bemerkungen gemacht, dann hätte sie sich damit abfinden können, weil sie nichts anderes erwartet hatte, aber der Major besaß die innere Ruhe eines Mannes, der von der Richtigkeit seines Tuns vollkommen überzeugt war. „Aber das ist gegen das Gesetz! Wir haben immer noch die Garantie auf das recht der freien Meinungsäußerung!"
„Wie Sie selbst in ihrer so objektiven Reportage berichteten, ist das ab heute Geschichte. Es wird keine Verunsicherung der Bürger mehr durch subversive Sendungen geben. Und jetzt darf ich Sie bitten, mich zu begleiten, Sie sind verhaftet."
„Mit welchem Grund?"
„Volksverhetzung, oder was immer Sie wollen. Alles übrige wird ein Gericht entscheiden. Also folgen Sie mir jetzt freiwillig?"
„Einen Teufel werde ich tun!" schrie sie. „Ich lasse mich doch nicht unter einem fadenscheinigen Grund verschleppen!"
„Von Verschleppung kann keine Rede sein", erwiderte der Major noch immer ruhig. „Zu gegebener Zeit werden Sie einem Gericht vorgeführt werden, das über eine angemessene Strafe entscheidet. Bis dahin stehen sie unter Arrest."
„Dann will ich einen Anwalt sprechen", sagte Jeanne, so wie sie es in Dutzenden Filmen gesehen hatte. „Ich werde auf keinen Fall einfach mit Ihnen mitgehen."
„Ist das Ihre endgültige Entscheidung?" fragte der Major zu Jeannes Überraschung.
„Was erwarten Sie denn? Dass ich es mir noch mal überlege, weil Sie so freundlich zu mir sind?"
„In diesem Falle..." Der Major gab dem Mann mit der Bell ein Zeichen.
Jeanne litt nicht lange, der Schuss einer Bell war immer sofort tödlich. Mit einem letzten Seufzer brach sie auf ihrem Teppich zusammen, als sie aufschlug war sie schon tot. Dem Major blieb nur noch übrig, ihre Leiche fortschaffen zu lassen, bevor er sich der nächsten Adresse auf seine Liste widmen würde.
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Ein Adjutant des Generals betrat den Konferenzraum durch eine Seitentür – Smith hatte sich der Sekretärin seines Vorgängers gleich nach dem Umtrunk am Vormittag entledigt – und trat möglichst leise an ihn heran. Etwas unwirsch erklärte sich der General bereit, sich die Botschaft des Mannes anzuhören, auch wenn er im Moment andere Sorgen hatte. Der Offizier entschuldigte sich für die Störung – Smith ging auch so davon aus, dass der Mann genau wußte, dass er die Versammlung nur aus außerordentlich wichtigen Gründen zu unterbrechen wagen würde – und überreichte ihm eine Nachricht des Geheimdienstes, die Smith nach kurzem Überfliegen mit einem deftigen Fluch kommentierte. Es war keine Neuigkeit, die er im Kreise aller Mitarbeiter besprechen wollte, daher beendete er den offiziellen Teil der Konferenz und entließ die neuen Minister in ihre Ämter. Das ging nur den engsten Beraterkreis etwas an und betraf das Ressort Propaganda.
Die Medien! Dieses Gebiet bereitete ihm seit Monaten Sorgen – sie konnten ihn in den Himmel heben oder ihn vernichten. Dabei machte er sich wenig Gedanken um die Extremisten unter den Journalisten, denn diese wurden meist auch von den Konsumenten des Fernsehens oder der Magazine als solche erkannt und spielten keine große Rolle bei der Entscheidungsfindung der Bürger. Ein Journalist, der ihn verteufelte, wurde ebenso wenig als objektiv gesehen, wie einer, der ihn in den höchsten Tönen pries – was allenfalls positive Auswirkungen auf sein Ego hatte. Auf die gemäßigte Mitte kam es an, die wollte gewonnen oder notfalls auch mit radikalen Mitteln überzeugt werden. Smith hatte Dumont angewiesen, diese Männer und Frauen zu kategorisieren, einerseits nach ihrem Wirkungsgrad, aber auch nach ihrer möglichen Kooperationsbereitschaft. Wen konnte man bedenkenlos ausschalten, ohne dass es jemandem außer ein paar intellektuellen Lesern auffiel, auf wen musste man achten? Dumont erwies sich als außerordentlich geschäftig und hatte schnell eine schwarze Liste von einigen Dutzend kleiner Lichter aufgestellt, auf deren Existenz man ohne weiteres verzichten konnte. Seine Leute waren bereits mit der Abarbeitung dieser Liste beschäftigt, diese Spinner und Schwarzseher würden ab heute der Reinigenden Flamme keinen Ärger mehr bereiten. Bei den großen Sendeanstalten hatten sie schon vor Monaten mit „kleineren Umstellungen" begonnen, wie sie im internen Jargon zu sagen pflegten, das enorme Spendenbudget des zivilen Teils der Bewegung machte es möglich, ebenso die Hilfe einiger Spezialisten aus anderen Fachbereichen. Sie traf das Schicksal, das auch Tom Collins vor Wochen zuteil geworden war, aber Skrupel waren nicht nötig, denn alle dieser Journalisten lebten weiterhin ein glückliches, zufriedenes Leben, vielleicht sogar glücklicher als zuvor.
Und nun war Collins tot.
Man wusste nicht genau, was sich zugetragen hatte, wahrscheinlich eine Streiterei mit diesem Piloten von der VEGA, der gerade noch mit Segovia auf einem Testflug unterwegs war. Ein Verhör war frühestens bei Rückkehr der Delta VII nach Metropolis möglich, aber eigentlich vollkommen uninteressant. Der General weihte seinen Stab entsprechend ein und wies Dumont an, eine Nachrichtensperre zu verhängen. Nach einigen hektischen Minuten versammelte sich der Beraterkreis des General erneut im Konferenzraum.
„Also verbleiben uns noch zwei Programmpunkte, die der innere Kreis unter sich besprechen sollte", Dumont warf einen Blick in die nun verkleinerte Runde und dann zurück auf sein kleines Datenterminal. „Zunächst brauchen wir einen Ersatz für Tom Collins. Sein Tod stellt ein echtes Problem für uns dar, wir sollten das nicht auf die leichte Schulter nehmen. Es gäbe zwar ein oder zwei Fernsehjournalisten, auf die wir ohne großen Zeitverlust zurückgreifen könnten, aber sie gelten in der Bevölkerung als äußerst scharfzüngig und wenig charismatisch. Keine Sympathieträger also, die Collins Rolle als Publikumsmagnet übernehmen könnten."
„Wer übernimmt also Morgen die Ansprache an die Bürger?" Der General lehnte sich in seinem Sessel zurück und sah in die Runde. Gern hätte er diese Aufgabe selbst übernommen, aber sein Instinkt erlegte ihm Zurückhaltung auf. Die erste Lobrede auf die neue Regierung musste von einem scheinbar neutralen Menschen gehalten werden, welchem die Bürger genügend Objektivität zutrauten. Collins Mörder hatte sich einen außerordentlich unpassenden Zeitpunkt für seine Tat ausgesucht.
„Was ist mit dieser Frau, die heute Mittag in unsere Siegesfeier hinein geplatzt ist?", warf Hadassa Levinson ein. „Sie scheint mir ein außerordentlich begabtes Redetalent zu sein. Hat sie nicht das Buffet beim Presseball eröffnet und uns die Journalisten vom Hals gehalten?"
„Dazu wollte ich in meinem nächsten Tagesordnungspunkt kommen", Dumonts finstere Miene sprach Bände. „Was tun wir mit dieser Frau? Können wir uns eine hysterische Person wie sie in unseren Reihen leisten?"
„Ich bin für eine unehrenhafte Entlassung aus der Armee", gab General Hermanns zu bedenken. „Mir ist noch nie ein so unverschämtes Verhalten eines Offiziers begegnet. Ich weiß gar nicht, was sich diese Frau einbildet! Wenn so etwas hier einreißt, sind wir vom Regen in die Traufe gerutscht."
Smith schwieg nachdenklich. Emma Rodriguez stellte in der Tat häufig ein Ärgernis dar, aber ihr Verhalten am heutigen Tag hatte ihm geschmeichelt, vor allem die Energie, die sie an den Tag gelegt hatte um an den Wachen vorbei ins obere Stockwerk zu gelangen. Aber es würde schwer werden, sie ins Räderwerk seiner Anhänger zu integrieren, so impulsiv wie sie dachte und handelte. Dennoch mochte er sie außerordentlich, und heute Nachmittag hatte sie ihn von ihrer Loyalität zu ihm nochmals überzeugt. Wenn es gelänge, sie in die richtigen Bahnen zu lenken, könnte aus ihr eine hervorragende Mitstreiterin für seine Sache werden. Eine wunderbare Frau – er fand sie jetzt sogar noch attraktiver als damals – aber wie sollte er das ihren Gegnern verkaufen, ohne Unruhe in den Rat zu bringen? Levinson nahm ihm zu seiner Überraschung diesen Part ab.
„Rodriguez wollte den General wissen lassen, dass sich das Parlament zu seinen Gunsten entschieden hatte, ich kann nichts Negatives daran finden. Sie hätten nicht so hart mit ihr umgehen sollen, Hermanns." Levinson wandte sich Smith zu. „War sie es nicht, die damals zu Ihren Gunsten ausgesagt hat, Sir? Sie muss sehr mutig sein, und sie hat Ihre Karriere für Sie riskiert. Ich finde, dafür hat sie eine Belohnung verdient."
„Als Pressesprecherin hat sie sich ebenfalls schon bewährt." Der General nahm den Faden auf, den Levinson begonnen hatte und spann ihn weiter. Er dachte an die Show mit Collins zurück, bei dem ihm Rodriguez zunächst einen ordentlichen Schrecken versetzt hatte um kurz darauf die Situation elegant zu seinen Gunsten zu wenden. „Levinson, ich bin nicht abgeneigt, Ihrer Idee zuzustimmen. Rodriguez ist ausgebildete Psychologin, sie wird sicherlich einige brauchbare Ideen haben, wie wir die Bürger erreichen können. Wenn wir mit jedem da draußen so verfahren wollen wie mit Collins, wird das bald unsere finanziellen Möglichkeiten sprengen. Wir brauchen auch andere Methoden, klassische Methoden der Propaganda." Der General lachte und die anderen außer Dumont, der weiter finster vor sich hin starrte, fielen in sein Lachen mit ein. „Zumal die Technik noch etwas unausgereift ist."
„Wie die Zitterpartie mit Hirschmann bewiesen hat." Levinson hob die Schultern. „Rodriguez müssen wir nicht so aufwendig zu präparieren, sie wird auch so das Richtige tun. Nun brauchen wir nur noch einen ansprechenden Text und sie kann loslegen. Darüber hinaus sollten wir überlegen, so etwas wie ein Ressort für Propagandafragen einzurichten, das uns den Rücken für andere Dinge frei hält."
„Immer noch Ihr alter Traum, Levinson? Die Reinigende Flamme zu einer Volkspartei zu machen?" Levinsons Idee gefiel Smith von Tag zu Tag mehr, auch wenn der zivile Teil der Bewegung nicht davon begeistert sein würde. Aber bald würde auch der letzte blasierte Industrielle erkennen müssen, dass er zwar von der neuen Regierung finanziell profitieren durfte, sein Mitspracherecht aber deutlich eingeschränkt werden würde. Der General hatte abweichend von Dumonts schwarzen Listen noch ein paar persönliche Rechnungen zu begleichen und begann die Geduld zu verlieren. „Ich muss zugeben, dass mir die Vorstellung gefällt eines Tages auch die Menschen aus den unteren Schichten in unsere Pläne einzubinden und so eine Armee zu bilden, die Peking das Fürchten lehrt! Nun gut, wir wollen nicht vom Thema abweichen und vertrauen Rodriguez dieses Ressort an."
„Sir, ich widerspreche Ihnen nur ungern", Dumont räusperte sich und wand sich sichtlich vor Verlegenheit. Allein der Gedanke, einer anderen Meinung als der des Generals zu sein, bereitete ihm offenbar körperliches Unbehagen, wie Smith wieder und wieder registrierte. „Aber ich muss Sie auf das Risiko einer solchen Entscheidung hinweisen. Rodriguez mag Ihnen gegenüber loyal sein, aber ich bezweifle ihre Loyalität gegenüber der Reinigenden Flamme. Zudem ist sie eine höchst unkonventionelle Person..."
„Ich bin die Reinigende Flamme", erwiderte der General kühl. „Es gibt keinen Unterschied zwischen der Loyalität zu mir oder der Partei."
Die anderen schwiegen einen Moment überrascht, und auch Smith selbst wurde im gleichen Augenblick bewusst, dass er niemals zuvor ein so klares Statement zu seiner Rolle in der Reinigenden Flamme abgegeben hatte. Dumonts Unterkiefer sackte ein wenig nach unten, und auch Hermanns, Conti und Levinson blickten ihn überrascht an. Aber wie lange hätte er noch verschweigen sollen, wie er seine Position innerhalb der Partei sah? Schließlich war er neben Wallis und seinen Leuten der einzige Offizier, der jemals für seine Zugehörigkeit zur Reinigenden Flamme Konsequenzen auf sich genommen hatte. Ganz zu schweigen vom zivilen Flügel, einem Haufen von Schönwetter-Umstürzlern, die sich wahrscheinlich jetzt schon heimlich trafen, um zu beschließen, wie er am Besten unter Kontrolle zu bekommen war. Allein der Gedanke daran machte ihn rasend.
Wieder war es Levinson, die in seinem Sinne das Wort ergriff. „Sir, ich freue mich, dass Sie deutliche Worte bevorzugen und offen für unsere Sache einstehen." Sie straffte sich. „Und was Rodriguez angeht, so habe ich keinerlei Befürchtungen, dass sie etwas Unüberlegtes tun wird. Dieser Posten wird ihr gar nicht ermöglichen, irgendwelchen Schaden anzurichten."
„Das hoffe ich doch sehr." Dumont machte ein säuerliches Gesicht. „Wenn Sie erlauben, Sir, werde ich die Arbeit von Colonel Rodriguez kontinuierlich überwachen."
„Ich habe nichts anderes von Ihnen erwartet, Dumont", Smith lächelte sich hinein. Dumont war ein übler Speichellecker, aber genau der richtige Mann um die Aufgaben zu erledigen, an denen er selbst sich nicht die Finger schmutzig machen wollte. „Aber engen Sie Rodriguez nicht zu sehr ein. Wie Sie selbst sagten, diese Dame ist ein wenig unkonventionell, und wir wollen ihr den Spaß an der Arbeit doch nicht schon in den ersten Tagen verderben."
Die Offiziere am Tisch lachten schallend und Smith lehnte sich zufrieden zurück. Er würde Rodriguez die Nachricht selbst überbringen und gönnte sich ein wenig Vorfreude auf ihre Reaktion. Aber eins blieb noch zu erledigen. „Haben wir eigentlich Ersatz für diese Stevenson?" fragte er den Colonel. „Die Frau scheint mir ein wenig zu ehrgeizig zu sein."
„Stevenson Systems ist ein wichtiger Partner für uns", erwiderte Dumont. „Aber wenn Sie wünschen, werde ich mich erkundigen, ob wir einen anderen Zulieferer für das Taurus Programm finden können. Mir fiele da schon etwas ein...aber ich werde das bis morgen herausfinden, Sir."
„Warten Sie noch ein paar Wochen und lassen Sie sich dann etwas einfallen, wie wir den Laden übernehmen können. Die haben doch bestimmt mal etwas an die VOR verkauft – an Anklagepunkten sollte es nicht fehlen." Wenn es etwas gab, das der General an seiner neuen Stellung besonders genoss, dann war es das: Er konnte Menschen, die ihm nicht gefielen, einfach aus seinem Blickfeld entfernen lassen, der Gedanke bereitete ihm fast kindliche Freude, wenn es auch einen rationalen Hintergrund gab – gleichzeitig konnte er sich nun sein Team endlich nach eigenen Vorstellungen aussuchen, ohne auf irgendjemanden Rücksicht nehmen zu müssen.
„Ich bin sicher, wir können das ohne großes Aufsehen erledigen, Sir." Dumont lächelte sein sadistisches Lächeln. „Zur Not erfinden wir etwas, das sollte dann auch den anderen Firmen zu denken geben."
Smith wußte, dass Dumont seine Abneigung gegen den zivilen Flügel der Partei teilte, es würde ihm ein Vergnügen sein, ein wenig Einschüchterungspolitik gegen einige Firmen zu betreiben. Zugleich besaß er das nötige Gespür für die Ausarbeitung einer ausgewogenen Strategie, denn schließlich konnte es sich die Armee noch nicht leisten, alle verbündeten Industriellen zu verprellen. „Dumont, Sie werden schon die richtige Methode finden, da bin ich mir sicher." Er hielt einen Moment inne. „Und sorgen Sie dafür, dass Colonel Rodriguez eine Einladung zu unserer Gala erhält, ich werde keine Entschuldigung von ihr akzeptieren."
Dumonts Gesicht nahm einen säuerlichen Ausdruck an, seine Abneigung gegen Rodriguez war offenbar schon fast krankhaft. Allerdings wusste er unzweifelhaft über jeden ihrer Schritte Bescheid und mochte seine Gründe haben. Smith beschloss, auf der Hut zu bleiben. „Und ich will, dass sie die Neuigkeit über den neuen Job von mir erfährt, und von niemandem sonst."
„Notfalls werde ich sie verhaften lassen, Sir."
„Daran zweifele ich keine Sekunde, Dumont."
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Das Ministerium hatte sich eine großzügige Siegesparty gegönnt, zu der auch die Gegenkandidatin Jegiasarian eingeladen worden war. Als gute Verliererin war sie auch erschienen und hatte dem Sieger alles Gute gewünscht. Emma hätte gern ihr Gesicht dabei gesehen und ob es ihr gelungen war, die Fassung zu wahren. Als Jegiasarian die Party nach einer halben Stunde verließ, wartete bereits ein Dienstwagen des Ministeriums auf sie, um sie sicher nach Hause zu geleiten. Allerdings kam sie nie dort an, was von der Öffentlichkeit aber kaum wahrgenommen wurde. Jegiasarian hatte ihren kurzen Auftritt auf der Bühne der Geschichte der EAAU gehabt und trat in Würden wieder ab. Ihr Mut würde ihr immerhin einen Eintrag in den Geschichtsbüchern sichern.
Emma erfuhr später, dass die Party eine aufwändige Veranstaltung gewesen war, mit einem eilends herbeigeschafften Orchester, einem edlen Buffet und vielen prominenten Gästen. Auch Tom Collins, der leuchtendste Stern am Fernsehhimmel, war mit einem Kamerateam erschienen um einen kurzen Bericht zu drehen, um dann zu einem privaten Treffen zu verschwinden. Er müsse bei einem alten Freund noch etwas Überzeugungsarbeit leisten, verkündete er fröhlich und hatte sich dann winkend verabschiedet. Es hieß, der General persönlich habe ihm für seine seriöse Berichterstattung gedankt, die entscheidend zu seinem Erfolg beigetragen hatte. Über die Seriosität von Collins mochte man streiten, aber der General hatte Recht, wenn er seinen deutlich aufgebesserten Ruf in der Bevölkerung dem jungen Nachrichtensprecher zuschob, der seit einigen Monaten so etwas wie sein persönliches Sprachrohr zu sein schien. Auch für Collins nahm der Abend ein jähes Ende, aber auch das erfuhr Emma erst später.
Die Justizministerin hatte ausgelassen mit dem Chef der III. Abteilung getanzt, denn Dumont schien ihr außerordentlich zugetan zu sein und hatte ihr, so hieß es, neue, ungeahnte Kompetenzen zugesichert. Die Dame hatte vollkommen vergessen, dass sie es gewesen war, die den General damals zu einer mehrjährigen Haft verurteilt hatte. Dies war zwar in den Augen seiner Gegner ein überaus mildes Urteil gewesen, aber er selbst mochte das anders sehen, da er ja von seiner Unschuld überzeugt gewesen war. Die damals geflossenen Bestechungsgelder kamen auch kaum von seinem Konto, sondern eher von wohlmeinenden „Freunden" aus der Partei. Emma hatte sich lange Zeit gewundert, warum Gorman noch nicht den Weg aller Feinde Smiths gegangen war, aber offensichtlich war sie bis zu seinem überwältigenden Wahlsieg noch benötigt worden. Dumont hatte ihr, wie er später berichtete, noch einen letzten Abschiedstanz gegönnt, bevor auch sie mit einer Dienstlimousine den Weg in die Verbannung antrat. Das Ministerium räumte mit der Vergangenheit auf. Die erste Verhaftungswelle der Regierung Smith hatte an diesem Abend begonnen.
Emma selbst war nicht zu dieser glamourösen Veranstaltung erschienen, ihr Auftritt vom Vormittag hielt sie davon ab, obwohl auch sie eine elektronische Einladung erhalten hatte, die den Vermerk „dringlich" trug. Aber sie wollte sich das Getuschel hinter ihrem Rücken ersparen: „hier kommt die Verrückte, die den Putsch mit einem e-Mail aufhalten wollte". Oder ähnliches in der Art, was auch immer sich inzwischen im Amt herumgesprochen haben mochte. Sie hätte sich für ihre eigene Dummheit ohrfeigen können. Wenigstens schien in all dem Trubel niemand auf das mit O'Hara geführte Telefonat aufmerksam geworden zu sein, aber Emma traute dem Braten noch nicht ganz. So etwas konnte einem auch noch nach Tagen plötzlich präsentiert werden.
In der Küche bereitete sie sich ein bescheidenes Abendessen zu, auf dem billigen Porzellan, mit dem sie ihr altes, von der III. Abteilung zerschlagenes ersetzt hatte. Den Rotwein ließ sie diesmal im Schrank und beschränkte sich auf ein Glas Orangensaft, während ihr der Kater bettelnd um die Beine strich. Seufzend gab sie ihm ein paar Wurstscheiben zu fressen, die er in einer Ecke der kleinen Küche verzehrte. In ihrem Kopf entstand bereits der Entwurf eines Kündigungsschreibens, da sie noch heute Abend an das Ministerium schicken wollte, an den neuen Präsidenten persönlich. Leider sehe ich mich auf Grund meiner Blamage von heute Morgen nicht mehr in der Lage, weiter für Sie zu arbeiten... Ihre Uniform hatte sie bereits ordentlich im Schrank verstaut, mit einer Schonhülle versehen, und gegen bequeme Zivilkleidung getauscht, eine sackförmige alte Bluse und eine weite Leinenhose, die wider Erwarten noch passte. Beides in schwarz, passend zu ihrer schlechten Stimmung. Was sollte sie jetzt mit sich anfangen? Sie war zwar noch nicht alt, aber sicherlich nicht mehr jung genug, um eine eigene Praxis zu eröffnen. Vielleicht konnte sie in eine andere einsteigen oder in einem Krankenhaus arbeiten. Die psychiatrischen Abteilungen sollten eigentlich derzeit Hochkonjunktur haben.
Emma nahm den Teller mit ins Wohnzimmer und schaltete den Fernseher ein. Auf fast allen Kanälen liefen Berichte über die heutigen Abstimmungen, außer auf denen, die auch sonst nur auf den Verkauf mehr oder weniger sinnvoller Haushaltsgegenstände spezialisiert waren. Der General und seine Kernmannschaft lächelten glücklich in die Fernsehkameras der Republik, nur General Hermanns machte wie üblich ein strenges Gesicht. Hadassa Levinson und Colonel Dumont stießen mit Champagner miteinander an, während General Smith außerordentlich charmant verkündete, wie erfreut er sei, dass die Abgeordneten ihm ihr Vertrauen ausgesprochen hatten. Er würde alles daran setzen, sie nicht zu enttäuschen und mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln dafür sorgen, wieder eine Politik der Entschlossenheit gemacht werde.
„Das politische Chaos der letzten Monate hat die Bürger in tiefe Verunsicherung gestürzt", erklärte er den Journalisten. „Es konnte nicht länger angehen, die internen Streitigkeiten des Parlaments auf dem Rücken der Menschen in der EAAU auszutragen, von nun an werden wir mit einer Stimme sprechen." Mit seiner, ergänzte Emma für sich.
„Gibt es schon Reaktionen aus Peking?" fragte eine vorwitzige Reporterin, die Emma als Miss Schüller wiedererkannte, die ihr auf dem Presseball einige recht unbequeme Fragen gestellt hatte. Aber Smith ließ sich nicht verunsichern, sondern lachte nur.
„Nun, der Ministerpräsident schien nicht gerade begeistert zu sein", erwiderte er. „Aber das sollte uns nicht bekümmern, oder? Mein Interesse gilt unseren Bürgern, nicht denen in den VOR. Wir müssen endlich aufhören, uns mehr darüber zu sorgen, was Peking hören will, als über das, was uns wichtig ist."
Einige Umstehende brachen in spontanen Applaus aus, aber Miss Schüller gab sich noch nicht zufrieden. Eine mutige Frau, dachte Emma. „Aber, Sir, wir sind keine politische Insel. Die Politik in Peking hat doch auch auf uns Einfluss. Nehmen Sie nur die Lebensmittelimporte aus China..."
„Es wir kein Bürger der EAAU hungern müssen, nur weil wir ein paar Reissäcke weniger importieren können", sagte der General immer noch freundlich. „Die Abhängigkeit der VOR von uns ist weitaus größer als umgekehrt."
Nun, die offiziellen Sendeanstalten schalteten die Übertragung immer noch nicht ab. Es schien noch einen winzigen Rest an Pressefreiheit zu geben. Aber Miss Schüller gab noch nicht auf, Emma vergaß fast zu atmen vor Aufregung. Die Frau redete sich gerade um Kopf und Kragen, wusste sie noch nichts von den ersten Verhaftungen? Überall in der Stadt waren die Beamten der III. Abteilung unterwegs, um Dissidenten zu verhaften. Jan Makonnen hatte es Emma erklärt, die Maßnahmen galten angeblich dem Schutz der Bevölkerung. Noch stand nicht fest, ob man die Menschen einfach verhörte und dann laufen ließ, oder ob sie unter fadenscheinigen Anklagen in die Gefängnisse der Hauptstadt verbracht wurden. „Da gebe ich Ihnen durchaus Recht, Sir", fuhr die junge Frau fort. „Und wie sieht es mit der Verwaltung der Venus aus? Hat Alexander Repin Ihnen schon gratuliert?"
Der große Fernsehbildschirm gab gnadenlos wieder, wie der General eine Sekunde lang die Selbstbeherrschung zu verlieren schien. Sein Blick sprach Bände, die Journalistin hatte einen wunden Punkt getroffen. Es entstand eine kurze Pause, die sich zu Minuten zu dehnen schien, dann aber gewann Smith die Kontrolle über sich zurück und damit auch seinen freundlichen Gesichtsausdruck. „Die Menschen auf der Venus waren schon immer ein wenig eigen, echte Pioniere eben. Diese tapferen Männer und Frauen, die bewiesen haben, dass die EAAU auch in der Eroberung des Sonnensystems den VOR weit überlegen sind, werden sich schnell überzeugen lassen, dass heute auch ihre Zukunft in Metropolis eine positive Wendung genommen hat. Meine Grüße an dieser Stelle an alle Bürger in den Kolonien, meine besten Wünsche begleiten Sie."
Die Journalistin wollte noch eine Frage stellen, aber der General wimmelte sie freundlich aber bestimmt ab, er müsse auch ihre Kollegen einmal zur Verfügung stehen, auch wenn er ihre klugen Fragen sehr schätze. Die Kamera tat es ihm gleich und zeigte erneut den Festsaal, der ausnahmslos von fröhlichen Menschen besucht war. Man wolle noch ein paar Impressionen einfangen, bevor der Wetterbericht ausgestrahlt werde, hieß es.
Ein heftiges Klopfen an der Tür ließ Emma zusammenfahren. So klopfte nur eine Instanz in der EAAU, und sie hatte bereits ihre Erfahrungen damit gemacht, vielleicht sollte sie damit beginnen, einen Zweitschlüssel für die III. Abteilung unter die Fußmatte zu legen. Ihrer Stimmung war so tief im Keller, dass sie sich noch nicht einmal fürchtete, sondern einfach nur gequält seufzte. Was legten sie ihr diesmal zur Last? Lächerliches Auftreten im Amt? Sogar der Kater guckte nur noch müde um die Ecke.
„Bitte nicht die Tür eintreten, ich komme schon!" rief sie in Richtung des Eingangs und machte sich auf den Weg.
Diesmal kamen sie nur zu zweit, ohne Auszubildende. Einer von ihnen stellte sich als Kommissar Barbosa vor, Abteilung Metropolis-Süd, sein Begleiter war Lieutenant Droste vom Fahrdienst des Ministeriums. Sie baten um Einlass und verhielten sich auch sonst weitaus höflicher als ihre Kollegen damals. Emma bat sie ins Wohnzimmer, den angebotenen Platz auf dem Sofa lehnten sie allerdings ab. Droste bückte sich sogar zu dem neugierigen Kater hinunter und kraulte ihn hinter den Ohren, was dieser sich begeistert schnurrend gefallen ließ. Verräterisches Tier!
„Colonel Rodriguez, der General hat sich außerordentlich besorgt über Ihre Abwesenheit bei der heutigen Abendgesellschaft gezeigt", begann Barbosa. Emma übersetzte für sich: Der General war stocksauer darüber. „Er hat uns gebeten, Erkundigungen über Ihren Gesundheitszustand einzuziehen, ob Sie etwa unpässlich waren."
„Das trifft es in etwa", entgegnete sie. „ich fühlte mich nicht sonderlich gut."
Der Kommissar warf einen geschulten Blick auf die Reste des Abendessens. „Darf ich davon ausgehen, dass es Ihnen inzwischen wieder besser geht?"
„Aber ja, Sie können ihm ausrichten, ich hätte mich inzwischen einigermaßen erholt. Bis morgen wird es mir sicher wieder großartig gehen."
„Sind Sie gesund genug, um uns zu begleiten?"
Emmas Herz machte einen Aussetzer, nun war es wohl doch an der Zeit, sich Sorgen zu machen. Sie war davon ausgegangen, dass der General ihre Abwesenheit noch nicht einmal bemerken würde, da ihn wichtigere Dinge beschäftigten. „Sind Sie befugt, mir mitzuteilen, worum es geht?"
„Um den Mord an Tom Collins. Der General hat wohl einige Fragen an Sie."
Ein Mord an dem Fernsehidol? Emma begriff gar nichts mehr. „Aber ich habe nichts mit diesem Mord zu tun! Ich kenne den Mann doch nur aus dem Fernsehen."
Barbosa gönnte sich ein dumpfes Lachen. „Das sagt auch niemand, Colonel. Also, was ist nun, sind Sie in der Lage uns zu begleiten?"
„Selbstverständlich, lassen sie mir nur etwas Zeit, um mich umzuziehen. Wie Sie sehen, trage ich nicht gerade Dienstkleidung." Der Himmel wusste, was das nun wieder sollte. Aber es gehörte ja zu den Aufgaben der III. Abteilung, die Menschen einzuschüchtern und im Unklaren zu lassen.
„Das ist unnötig, Colonel. Im Falle ihrer Dienstfähigkeit habe ich Anweisung, sie so schnell wie möglich ins Ministerium zu begleiten. Geeignete Schuhe wären allerdings angemessen."
Während Emma zu ihrer Handtasche griff und ein paar leichte Schuhe anzog, beugte sich Droste noch einmal zu Danny hinunter, um sich zu verabschieden. Dann blieb der verwunderte Kater allein in der Wohnung zurück.
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Zu Emmas Überraschung begleiteten die Beamten sie nicht zum Büro des Generals, sondern gaben einen anderen Code in die Schalttafel des Aufzugs ein, worauf dieser noch weiter hinauffuhr. Sie hatte keine Ahnung, was sich in den oberen Etagen befand, wurde aber von einer dunklen Vorahnung überfallen. Was mochte es hier oben geben? Verhörräume der III. Abteilung? Sie dachte an die Drohungen des Generals während ihres letzten Dienstgesprächs zurück und bekam plötzlich furchtbare Angst. Bisher hatten sich die Beamten außerordentlich korrekt verhalten und keinerlei Grobheiten von sich gegeben, aber das mochte über ihre wahre Order hinwegtäuschen. Vielleicht waren sie einfach angewiesen worden, in der Öffentlichkeit kein Aufsehen zu erregen. Unterwegs hatte Emma andere Dienstfahrzeuge der III. Abteilung gesehen, die von Einsätzen zurück kamen. Auch wenn es noch keine öffentlichen Tumulte gab, so war doch nicht zu übersehen gewesen, was der Zweck dieser Einsatzfahrten war, die Verhaftung von Dissidenten und Regimegegnern. Emmas Magen krampfte sich zusammen, sie fühlte, wie ihre Handflächen feucht wurden.
Als sich die Türen des Lifts öffneten, sah sie eine Szenerie, die so sehr von ihrer Vorstellung abwich, dass es sie fast noch mehr erschreckte. Sie hatte alles erwartet, einen Verhörspezialisten, eine jener Kliniken, von denen man munkelte, in ihnen würden Gegner des Generals manipulativen Operationen unterworfen oder auch ein Erschießungskommando. Nichts von alledem traf zu. Die Beamten lieferten sie in der Privatwohnung des Generals ab. Emma glaubte, ihre Beine würden jeden Moment unter ihr nachgeben, als sie in das große Zimmer hinaustrat, das Wohnzimmer und Eingangshalle zugleich war.
Als erstes wurde sie von seinem Hund begrüßt, der freudig bellend auf sie zulief und an ihrer Handtasche schnüffelte. Vollkommen überrumpelt beugte sie sich hinunter und kraulte das Tier hinter den Ohren. Eigentlich war es ein schönes Exemplar seiner Rasse, schlank und mit gepflegtem Fell, außerdem konnte es nichts schaden, wenn der Collie sie akzeptierte. Sie nahm sich vor, demnächst immer ein paar Hundekuchen mit sich zu führen.
„Emma, Sie haben mich heute Abend ja schmählich im Stich gelassen!" Der General kam ihr aus einem Nebenzimmer entgegen, als habe er diesen Auftritt nur für sie geplant. Er trug noch seine Uniformhose und das dazugehörige weiße Hemd, hatte aber die Krawatte abgelegt und die Ärmel aufgekrempelt. Mit einer Handbewegung scheuchte er die beiden Beamten davon. „Wo um Himmels Willen sind Sie abgeblieben? Haben Sie meine Einladung denn nicht bekommen?"
„Ich bekam eine Mail des Ministeriums, Sir." Sie stand immer noch wie angewurzelt neben der Tür und streichelte wie mechanisch den Hund, der sich begeistert gegen ihre Beine drängte. Irgendwo summte leise eine Klimaanlage und es duftete schwach nach exotischen Gewürzen, seltsam heimatlich. Ihr fiel ein, dass in ihrer beider Heimatländer ähnlich gekocht wurde, worauf es ihr ein wenig besser ging. „Aber ich dachte, nach der Geschichte von heute Mittag...da hatte ich es recht eilig nach Hause zu kommen..."
„Ach ja, auch das hat mir Dumont mitgeteilt", er machte eine abwehrende Handbewegung. „Natürlich habe ich ihn sofort angewiesen, die Sache in Ordnung zu bringen. Ihre Lizenz ist wieder freigeschaltet und dieser übereifrige Polizist aus dem Amt entfernt. Machen Sie sich also keine Sorgen mehr darum, Sie sollten Ihren Kopf für Wichtigeres freihalten."
Emma tat es fast Leid um den Polizisten. „Der Mann hat doch nur seinen Job gemacht, Sir. Und Dumont wollte wohl nur einen weiteren Zwischenfall wie heute Mittag vermeiden."
„So einen Unfug will ich gar nicht hören", er machte ein ernstes Gesicht, „Dumont hat Ihnen also nicht mitgeteilt, dass ich Sie dringend dabei haben wollte?"
Emma fragte sich, wen sie wohl auf die Abschussliste brachte, wenn sie seine Frage verneinte, aber es war ihr egal. Es würde schon nicht den Falschen treffen. „Nein, Sir. Ich dachte, ich wäre lediglich automatisch benachrichtigt worden. Zudem ging es mir nicht gut."
„Ich mache mir wirklich Sorgen um Ihre Gesundheit." Er pfiff den Hund zurück und befahl ihm, seinen Gast in Ruhe zu lassen. Das Tier trollte sich hinter eines der ausladenden hellen Sofas auf eine Decke, wo es sich leise jaulend zusammenrollte. Emma hatte einmal gelesen, dass Collies sich sehr an ihre Besitzer banden und heftig darunter litten, wenn sie sich abgeschoben fühlten. Genau das machte der Hund jetzt wohl mit. Armes Tier, es zählte wohl zu den Begleitern, die Smith sich aus Prestigegründen zugelegt hatte. Der General fuhr fort: „Es geht Ihnen wohl oft nicht gut. Allerdings werde ich auch ein ernstes Wort mit Dumont reden müssen, ich hatte ihm ausdrücklich befohlen, Sie zu einer kleinen Siegesfeier einzuladen. Die Journalisten haben mir ordentlich zugesetzt, dabei hätte ich Sie gern an meiner Seite gehabt."
„Ich habe es im Fernsehen verfolgt, Sir."
„Dann wissen Sie ja, was ich durchgemacht habe! Wie ich hörte, hatte diese Journalistin auch Sie schon belästigt." Er sah sich kurz um, so als suche er etwas. „Aber was stehen wir eigentlich hier herum, setzen wir uns doch."
Verlegen folgte Emma ihm zu einem der Sofas und ließ sich den Mantel abnehmen. Plötzlich fühlte sie sich vollkommen unpassend angezogen in ihrer lässigen Kleidung, in ihrer Uniform hätte sie sich bedeutend sicherer gefühlt. Die Situation war ihr zunehmend unheimlich, warum hatte er ausgerechnet seine Wohnung für das Gespräch ausgesucht und keinen neutralen Ort? Außerdem hatte sie eine Standpauke erwartet, keinen freundlichen Empfang. Wenigstens wusste sie nun mit Sicherheit, dass man ihr im Falle Collins nichts zur Last legte – wer konnte schon wissen, auf welche abstrusen Ideen die III. Abteilung bei der Suche nach seinem Mörder verfallen mochte. Sie setzte sich und sah nun auch, woher der Essensduft kam, auf dem Tisch waren einige Tapas angerichtet, ein wenig frisches Brot in einem Körbchen und einige Knabbereien.
„Was möchten Sie trinken, Emma? Einen Wein? Oder lieber etwas Hochprozentiges?"
Schon wieder sprach er sie mit dem Vornamen an, sie fragte sich, wie er wohl reagiert hätte, wenn sie umgekehrt genauso verfahren wäre, wagte aber nicht, es auszuprobieren. „Am liebsten einen Saft, Sir."
„Sie haben also neuerdings dem Alkohol abgeschworen? Löblich eigentlich, aber heute vollkommen unnötig." Er setzte ein beleidigtes Gesicht auf. „Dabei hatte ich gehofft, Sie würden mit mir auf meinen Sieg anstoßen. Ganz informell und privat."
„Privat, Sir?" Unwillkürlich nahm sie eine gerade Haltung an und schlug die Beine übereinander. „Ich glaubte, Sie würden diesen Augenblick lieber im Kreise ihrer Vertrauten genießen und nicht gerade mit mir."
„Meine Vertrauten sind längst in den Kreis ihrer Familien zurückgekehrt und haben mich allein hier zurückgelassen, wie Sie sehen." Er ging zu einem Barschrank hinüber, wo er mit Gläsern und Flaschen klapperte, um kurz darauf mit einem Glas Whisky für sich und einem Saft für Emma zurückzukehren. Als er sich selbst auf dem Sofa niederließ, hielt er immerhin einen gewissen Abstand ein. „Der Tag hat uns alle erschöpft, wenn er uns auch endlich an das Ziel unserer Wünsche gebracht hat. Morgen werden wir früh wieder an die Arbeit gehen müssen, um die nächsten Schritte anzugehen. Aber ich bin froh darum, gibt es mir doch die Gelegenheit, endlich einmal mit Ihnen in Ruhe zu sprechen, was ich - nebenbei gesagt - schon längst einmal hätte tun sollen. Es schient mir nämlich, als hätten Sie einige vollkommen irrationale Ängste vor mir entwickelt."
„Irrationale Ängste?" Beinahe hätte Emma laut aufgelacht, wer den General fürchtete, verhielt sich gewiss nicht irrational, sondern außerordentlich vernünftig in ihren Augen. „Mir scheint es eher, als verhielte ich mich oft zu unvorsichtig, zu emotional."
„Ihre Emotionalität heute Mittag hat mich außerordentlich beeindruckt und erschien mir keineswegs übertrieben." Er beugte sich vor und senkte die Stimme. „Sie ahnen nicht, welche Freude Sie mir bereitet haben, nach all diesen Missverständnissen, die unsere Zusammenarbeit bisher getrübt haben. Ja, ich meinte fast, das Band wieder zu spüren, das uns damals vor sieben Jahren zusammengehalten hat. Sie waren wieder die Frau, die ich in meiner Gefängniszelle kennen und schätzen gelernt habe! Eine Kampfgefährtin für meine Sache, wenn auch mit anderen Waffen, als ich sie benutze. Das hat mich überzeugt, in Zukunft wieder auf Sie zu setzen!"
Emma beschloss zu verschweigen, was sie wirklich bewogen hatte, die obere Etage des Ministeriums zu stürmen und sah ihn stattdessen fassungslos an. Gleichzeitig wurde ihr schlagartig klar, was in ihrem Gegenüber vor sich ging, auch der Grund für seine Wutausbrüche in den letzten Wochen und sie verfluchte sich selbst. Sie hätte es besser wissen müssen, schon vor sieben Jahren und erkannte nun, in welche Falle sie sich selbst damals hinein manövriert hatte. Natürlich hatte er ihr freundliches Auftreten so interpretieren müssen, sein eitles Ego ließ gar nichts anderes zu! Er glaubte, sie habe aus Bewunderung für seine Tat und seine Person seine Monologe geduldig verfolgt und nicht, weil sie lediglich die Motive und Hintermänner seines Angriffs auf die VOR-Station erforschen wollte. Eigentlich entbehrte diese Situation nicht einer gewissen Komik, aber Emma war nicht zum Scherzen zumute. Smith manipulieren zu wollen, glich dem Versuch, einen Tiger handzahm zu machen, man musste mit Blessuren und im Extremfall mit einem tödlichen Hieb rechnen. „Sir, ich fürchte, Sie schmeicheln mir zu sehr", erwiderte sie, um einen bescheidenen Tonfall bemüht.. „Ich glaubte lediglich, es wäre wichtig für Sie zu wissen, was im Parlament geschah, deshalb habe ich eine Freundin gebeten, mir die Informationen zu schicken. Das war doch nichts Bedeutendes, im Nachhinein habe ich mich furchtbar für meinen Auftritt geschämt. Ich wollte sogar kündigen."
„Was für ein Unsinn!" Er bot ihr von den Tapas an und berührte leicht ihre Hand, als er ihr eine Serviette reichte. Seine Augen nahmen wieder jenen manischen Ausdruck an, den Emma so sehr fürchtete, dennoch wich sie nicht zurück. Wenn er nur endlich aussprechen würde, was er wirklich von ihr erwartete, damit sie sich darauf einstellen konnte, aber er genoss es wohl, sie ein wenig im Dunkeln tappen zu lassen. Unberechenbarkeit gehörte eindeutig zu seinen schlimmsten Eigenschaften. „Ich brauche Sie doch! Die Reinigende Flamme braucht Sie! Und ich weiß auch schon, wie wir Sie in Zukunft einsetzen werden."
Ratlos sah sie ihn an. „Die Reinigende Flamme braucht mich?" fragte sie erstaunt. „Verzeihen Sie, Sir, aber ich kann nicht recht begreifen wozu."
„Wir haben es bereits beschlossen: Sie werden uns in der Öffentlichkeit vertreten und unsere Botschaft den Bürgern der EAAU überbringen!"
„Sie meinen als eine Art Propagandistin?" fragte sie zögerlich und biss in eine gefüllte Chilischote, die köstlich schmeckte. Ohne Zweifel hatte er sich Mühe gegeben, ihren Geschmack zu treffen und wäre noch sanfte Musik im Hintergrund zu hören gewesen und Kerzen hätten auf dem Tisch gestanden, so hätte sie diese Einladung als eine sehr persönliche Angelegenheit angesehen. Ihr Bauchgefühl sagte ihr jedenfalls, dass diese Besprechung längst nicht als rein dienstliches Treffen geplant war, es schien fast, als wolle der General sie regelrecht umgarnen, um sie zur Mitarbeit zur bewegen. Nach den Einschüchterungsversuchen der letzten Wochen war er nun wohl zu einer anderen Taktik übergegangen, aber es blieb ihr schleierhaft, warum er einen solchen Aufwand darum betrieb. Letztendlich war sie eines der am leichtesten zu ersetzenden Mitglieder seines Teams und mindestens ein Dutzend erfahrener Journalistinnen und Pressesprechern aus anderen Ministerien hätten sich die Finger nach einem Posten als Regierungssprecherin geleckt. Sie befürchtete, er könne ihr eine Rolle zuschreiben, die sie unmöglich ausfüllen konnte, womit der nächste Anfall von Wut und Enttäuschung schon vorprogrammiert war. Die Angelegenheit versprach gefährlich zu werden.
„Wir wollen doch kein so negativ belastetes Wort benutzen, Emma!" Der General stand offensichtlich an der Schwelle zum Größenwahn, seine Augen leuchteten wie im religiösen Eifer. Emma hatte niemals vollkommen begriffen, was ihn antrieb, Machthunger oder der Glaube, mit einer schicksalhaften Mission betraut zu sein. Im Moment schien er die Schwelle zu letzterem überschreiten zu wollen. „Nennen wir das neue Projekt doch lieber Informationsministerium, das hat einen weitaus seriöseren Klang für die Massen – und stellen Sie sich das nur einmal vor, vier Milliarden Menschen, und alle hören Ihnen zu."
Emma griff nach einer weiteren Schote und tauchte sie ohne hinzusehen in eine der Soßenschälchen. Wie häufig in brenzligen Situationen rief ihr Magen nach Nahrung, als wolle sie sich für eine erschöpfende Bergtour vorbereiten. Der General sah ihr lediglich zu und aß selbst nichts, wahrscheinlich machte ihn seine geglückte Machtergreifung so euphorisch, dass er über diesen irdischen Dingen stand. „Wenn ich richtig verstehe, planen Sie die Einrichtung eines neuen Ressorts? Einer Art Werbeagentur für die Reinigende Flamme?"
Sie hoffte, ihre letzte Bemerkung würde nicht zu ironisch klingen.
„Genau so habe ich es mir vorgestellt", erwiderte er, begeistert von ihrem raschen Begriffsvermögen. „Selbstverständlich werde ich Ihnen einen angemessenen Mitarbeiterstab zur Verfügung stellen, Referentinnen und Referenten, die Ihnen zuarbeiten. Und dieser Captain Makonnen wird weiterhin ihr Kontaktmann zur III. Abteilung sein, auch wenn mir der Mann ein wenig zu zart besaitet für diesen Posten erscheint."
„Das würde ich außerordentlich begrüßen, Sir. Zumal, wenn ich das sagen darf", sie räusperte sich vorsichtig, „Teile der Bevölkerung auf die notwendigen Maßnahmen zur Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit nicht sehr erfreut reagiert haben." Und vor allem Angst hatten, was in der nächsten Zeit auf sie zukommen würde, aber das verschwieg sie wohlweislich.
„Sie klingen besorgt, Emma. Gibt es etwas, das ich wissen müsste?" Seine Hand legte sich sanft auf ihren Unterarm, sie konnte die Wärme durch den Stoff ihrer Bluse fühlen. Der Griff konnte aber schnell wieder zum Schraubstock werden, wenn sie jetzt das Falsche sagte. „Wissen Sie um Zweifler in den Reihen des Ministeriums? Oder sind Ihnen Gerüchte über abtrünnige Militärangehörige zu Ohren gekommen?"
Als loyale Mitarbeiterin wäre es angebracht gewesen, an dieser Stelle einen gewissen Colonel im Dienste der strategischen Raumflotte zu erwähnen, aber Emma schwieg. Es war eine Sache, den eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, eine andere, gute Bekannte zu verraten. Diesen Gefallen würde sie dem General nicht tun – es blieb die Frage offen, ob er einfach ins Blaue hinein gefragt oder einen konkreten Verdacht hatte. Sie hielt es nicht für ausgeschlossen, dass jemand ihr Gespräch mit Haymann in Bruchstücken mitgehört und darüber Bericht erstattet hatte. Schließlich wusste der General auch über ihr Gespräch mit der jungen Journalistin Bescheid. Sie fragte sich, wie er die Fülle der ihm zugetragenen Informationen noch aufnehmen und ihnen Prioritäten zuweisen konnte, an seiner Stelle hätte sie gar nicht wissen wollen, was die Menschen über sie dachten und sagten, so lange ihr nur niemand etwas antun wollte. „Sie überschätzen die Zahl meiner Kontakte, Sir", erwiderte sie um Ruhe bemüht, „zumindest aber kenne ich niemanden, der sich diesbezüglich mir gegenüber geäußert hätte. Ich meinte eher die ... äh ... Verhaftungen, die derzeit in der Stadt durchgeführt werden. Befürchten Sie nicht, dass sich das negativ auf die öffentliche Meinung auswirken könnte?"
„Ich danke Ihnen für Ihre offenen Worte, Emma. Sie sollten auch in Zukunft nicht zögern, mir Ihre Meinung so ehrlich zu sagen. Aber ich glaube, dass Ihre Besorgnis vollkommen unberechtigt ist – wir räumen da draußen doch nur ein wenig auf, daran sollten sich die Menschen doch bereits gewöhnt haben. Wer sich angemessen verhält, hat auch nichts von uns zu befürchten, alle anderen fürchten sich zurecht." Seine Hand schloß sich fest um ihre, dann zog er sie mit sanftem Nachdruck vom Sofa hoch. „Kommen Sie, wir werden einen Blick auf die Stadt werfen, dann werden Sie sich davon überzeugen können, wie Metropolis auf unsere Revolution reagiert."
Die großzügige Dachterrasse des Penthouse wurde nur vom Schein der Lampen im Wohnbereich erleuchtet, aber Emma sah die Schatten von sorgfältig gestutzten Bäumen und Sträuchern in hölzernen Übertöpfen. Beißend kalter Wind wehte ihr entgegen, als sie hinaustraten und der Lärm der Hauptstadt, der nun von keiner verstärkten Glaswand mehr abgehalten wurde, schlug ihr mit aller Wucht entgegen. Einige Privatwagen kamen gefährlich nahe an die Sicherheitszone des Ministeriums heran, beinahe hätte sie sich unwillkürlich geduckt. Der General wickelte ihr eine Decke von einer der Sonnenliegen um die Schultern, ließ sie aber nicht los, sondern legte seine Arme von hinten um sie. Es fühlte sich angenehmer an als es ihr lieb war, zudem durfte sie die zweifelhafte Ehre genießen ihm näher kommen zu dürfen als sonst ein Mensch den sie kannte. Der kühle Nachtwind zerzauste ihr Haar und zerrte an ihrer Kleidung, aber sie gab sich Mühe, sich nichts anmerken zu lassen, damit er sie nicht noch enger umklammerte. Sie fürchtete sich davor, ihn zu sehr als Mann zu sehen.
Von hier oben wirkte die Stadt tatsächlich geschäftig und fröhlich wie sonst, tausende Lichter brannten und unzählige Fahrzeuge belebten den Himmel. Rechts und links neben der Terrasse hatte man kleine mobile Lasergeschütze aufgestellt, um einen Angriff aus der Luft auf das Ministerium zu verhindern.
„Sehen Sie sich das an, Emma, wirkt dies Stadt unglücklich? Gibt es irgendwelche Anzeichen dafür, das die Menschen in Angst und Schrecken versetzt sind?" Er wies mit einer Hand auf das Trignum, das Wahrzeichen der Stadt, das zur Feier des Tages hell erleuchtet war, wie sonst nur zu hohen Staatsbesuchen oder zum Jahreswechsel. Einige Scheinwerfer tauchten es darüber hinaus in blaues und rotes Licht, die Farben der Partei. Von der Dachterrasse aus sah es tatsächlich so aus, als feierten die Menschen dort ein Fest, vielleicht glaubte der General in seiner Eitelkeit selbst daran. „Ich will, dass Sie morgen zu diesen Menschen sprechen und ihnen sagen, dass sie nichts von uns zu befürchten haben, dass wir uns um ihr Wohlergehen sorgen. Ich sorge mich um ihr Wohlergehen, denn es stimmt nicht, was man über mich sagt, ich bin kein grausamer, kaltherziger Mensch. Ich bin nur entschlossen, die EAAU in eine bessere Zukunft zu führen, auch wenn das anfangs unangenehme Opfer kosten wird. Aber diese Opfer sind nötig! Ohne sie kann es keine Erneuerung des Staates geben. Helfen Sie mir, das den Menschen zu erklären, seien Sie meine Dolmetscherin."
Aus seinem Mund hörte sich das alles so einfach an, vielleicht hätte sie es ihm sogar geglaubt, wenn sie nicht auf der Fahrt zum Ministerium die vielen Transporter gesehen hätte, die unglückliche Bürger in die Gefängnisse der Stadt verbrachten. Das hatte sie sich doch nicht eingebildet! Es schien ihr auch unmöglich, dass alle diese Menschen gewaltbereite Dissidenten waren, die eine ernsthafte Gefahr für das neue Regime darstellten. Sie konnte nur mutmaßen, was in diesen Stunden auf den Straßen und in den Häusern der Hauptstadt geschah, welche Angst die Menschen ausstanden. Schon vor Smith Machtergreifung waren einige seiner Gegner spurlos verschwunden, wie viele Bürger traf sein Zorn in dieser Nacht? Wie sollte sie sich vor diese Menschen hinstellen und ihnen wider besseres Wissen erklären, es wäre notwendig, dass ihre Freunde und Verwandten aus ihren Wohnungen gezerrt und zum Verhör abgeholt wurden? „Sie erwarten viel von mir, Sir, mehr als ich leisten kann. Meine Erfahrung mit öffentlichen Auftritten ist mehr als dürftig..."
„Ich glaube an Sie, Emma", er rieb ihr vorsichtig über die Arme, damit sie nicht fror, aber ihr Zittern rührte nicht nur von der Kälte her. „Und darüber hinaus würden Sie mir auch eine persönliche Freude machen. Geben Sie mir eine Chance Ihnen zu beweisen, wie sehr ich Sie schätze. Lassen Sie uns Freunde sein, Freunde und Partner, denn es war ein großer Fehler von mir, Sie nicht von Anfang an in meine persönliche Obhut zu nehmen, sondern die Dinge einfach laufen zu lassen."
Emma wandte sich um, wich aber nicht zurück. Für sie blieb noch eine wichtige Frage zu klären, die ihr in den letzte sieben Jahren keine Ruhe gelassen und sie bei jeder Beförderung gequält hatte. „Sir, es gibt da etwas, was ich wissen möchte, bevor ich dieses Amt annehme, es mag Ihnen seltsam erscheinen, aber ich muss es einfach wissen, bevor ich meine Entscheidung treffe."
„Emma, dann fragen Sie mich doch ohne Umschweife", er lachte erheitert. „Sie müssen sich das doch nicht so schwer machen."
„Dann sagen Sie mir bitte eins, Sir: Ist es wahr, was viele meiner Kollegen über mich denken? Haben Sie meine Karriere bei der Armee gefördert?"
„Selbstverständlich – soweit wie es in meiner Macht stand." Er sah sie an, als habe sie ihn gefragt ob die Erde eine Kugel sei, mit einer Mischung aus gütiger Herablassung und vollkommenem Unverständnis. „Schließlich haben auch Sie mir einen großen Gefallen erwiesen."
„Aber warum haben Sie mir nie eine Nachricht zukommen lassen?"
„Das wäre wohl außerordentlich unklug gewesen. Die Mitglieder der Reinigenden Flamme verkehren normalerweise nicht öffentlich miteinander, das ist eine alte Regel, die ich auch in Ihrem Fall anwenden musste, auch wenn ich sehr bedauert habe."
Emma fühlte sich, als würde eine Welt um sie herum zusammenbrechen. Alles, was sie in den letzten Jahren geleistet hatte, die vielen Überstunden für Astronauten in Not, der Aufbau des Ressorts, alles schien plötzlich keinen Wert mehr zu besitzen. Sie hatte alles nur der Protektion dieses Mannes zu verdanken, die Erkenntnis traf sie wie ein Faustschlag in den Magen. Zudem erfüllte sie ein Gefühl abgrundtiefer Scham, wie hatte sie nur glauben können, alles wäre ehrlich erarbeitet gewesen?
„Was ist mit Ihnen, Emma? Geht es Ihnen nicht gut?"
„Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn wir wieder hinein gingen, Sir? Ich fühle mich ein wenig schwindlig. Das muss die frische Luft sein..."
„Emma, soll ich Sie nach Hause fahren?" Er legte ihr sanft den Arm um die Taille und führte sie langsam in Richtung der Tür.
Seine Besorgnis machte alles noch schlimmer für sie, am liebsten hätte sie nur noch geweint. Ihre Arbeit im astropsychologischen Ressort hatte ihr immer so viel Freude und Erfüllung bereitet, aber nun schien alles nur noch eine Lüge zu sein. Immer, wenn sie einen Piloten wieder als geheilt in den Dienst zurückschicken konnte, der nach schwerer Traumatisierung zu ihr in die Praxis kam, hatte sie sich mit demjenigen gefreut und ihm alles Gute für die Zukunft gewünscht, es mussten inzwischen an die hundert Männer und Frauen sein. Sie hatte bisher geglaubt, man habe sie auf Grund dieser Arbeitsergebnisse fast jährlich befördert und mit jedem Schritt auf der Karriereleiter hatte sie sich um so engagierter in die Arbeit gestürzt. Sie konnte etwas Gutes für die Menschen tun. Und nun erfuhr sie, dass der größte Kriegsverbrecher, den die EAAU jemals hervorgebracht hatte, ihr diese Karriere ermöglicht hatte, es war der reinste Hohn! Sie schämte sich einfach nur noch. Wie sollte sie in Zukunft ihren Kollegen gegenübertreten? Sollte sie ihnen bestätigen, dass sie die ganze Zeit über die Wahrheit gesagt hatten und sie nichts weiter als ein überschätztes Protegé des Generals war? Eine innere Stimme sagte ihr, das ihr angebotene Amt unverzüglich anzunehmen, es änderte auch nichts mehr an ihrem Ruf. Alle hatten es längst gewusst, nur sie nicht. Was machte es also nun noch aus, es auch öffentlich zuzugeben?
„Es scheint mir fast, als wäre es meine Antwort auf Ihre letzte Frage, die Ihnen Kopfzerbrechen bereitet, Emma." Er setzte sie auf dem Sofa ab wie ein krankes Kind und brachte ihr dann noch einen Saft. „Aber ich kann beim besten Willen nicht ersehen warum. Es ist doch keine Schande, sich ein wenig fördern zu lassen, schon gar nicht in dieser Abteilung, die keine strategisch wichtigen Entscheidungen trifft. Außerdem sind Sie wirklich gut in Ihrem Job, ich habe also im Grunde nur das beschleunigt, was Sie letztlich auch ohne meine Hilfe erreicht hätten. Kommen Sie schon und stoßen Sie endlich mit mir an, mein Erfolg soll auch der Ihre sein."
Er setzte sich mit seinem Whiskyglas – nicht das erste, was er an diesem Abend trank – neben sie und stieß damit vorsichtig ihr Glas an. Emma fiel plötzlich seine ungewöhnliche Heiterkeit auf, auch wenn er nicht betrunken wirkte, benahm er sich ungezwungener als sonst. Und es wurde immer deutlicher, dass sein Interesse an ihr weit über dienstliche Belange hinausging, sie erinnerte sich daran, wie er sie beim Presseball auf die Wangen geküsst hatte. Das war keine Demütigung gewesen, sondern ein Annäherungsversuch, wie sie nun begriff. „Auf Sie und auf mich, und auf die Reinigende Flamme!"
„Und auf mein neues Ressort." Sie bemühte sich, heiter zu wirken, obwohl ihr erneut schwindelig wurde. Zweideutig fuhr sie fort: „Ich hoffe meine Arbeit wird in Zukunft der III. Abteilung manchen Einsatz ersparen."
„Sie sind wunderbar, Emma", erwiderte er und legte erneut den Arm um sie. „Eine großartige und mutige Frau. Ich hoffe, unsere Arbeit wird in Zukunft unter einem besseren Stern stehen als bisher."
„Ich bin gar nicht so unberechenbar wie Sie glauben, Sir. Manchmal fehlt es mir nur an einer etwas deutlicheren Kommunikation zwischen uns." Sein Arm fühlte sich warm an und er duftete dezent nach einem teuren Rasierwasser. Emma fühlte ein seltsames Gefühl in ihrer Magengrube.
„Reden Sie doch nicht wieder eine Psychologin, Emma. Meinen Sie nicht, dass es an der Zeit für einen etwas ungezwungeneneren Umgang zwischen uns ist? Wir haben uns doch auch damals recht gut miteinander verstanden, können wir nicht einfach dort wieder anknüpfen?"
Emma wollte etwas antworten, aber ein Kloß schien ihr die Luft abzuschnüren. Plötzlich sah sie sich außer Stande, noch irgend etwas zu antworten, so elend fühlte sie sich. Und der einzige Mensch, mit dem sie darüber sprechen konnte, war der General neben ihr, der gewiss nicht dafür bekannt war, eine tröstliche Wirkung auf andere Menschen auszuüben. Sie ließ sich dennoch gegen ihn sinken und fing hemmungslos an zu weinen, aber es erleichterte sie nicht. Sie konnte einfach nicht mehr aufhören, auch als er ihr sein Taschentuch gab und besänftigend auf sie einsprach nicht. Ja, wenn es nur möglich gewesen wäre, die Zeit um sieben Jahre zurückzudrehen! Wenn sie mit ihrer heutigen Erfahrung noch einmal in diese verdammte Gefängniszelle hineingehen und dort mit kühler Professionalität auftreten könnte! Wenn sie dem Gericht hätte klar machen können, dass der General den Staat erbarmungslos zum Narren gehalten hatte, die Reinigende Flamme befehligte und somit noch viele weitere Jahre ins Gefängnis gehört hätte! Nun aber war es soweit gekommen, dass sie außer ihm fast keinen Freund mehr in Metropolis hatte und er der letzte Mensch war, den sie zum Freund haben wollte! Sie saß in der Falle, und der einzige Mann, der ihr eventuell dort hinaus helfen konnte, befand sich Millionen Kilometer weit von ihr entfernt auf der Venus und würde nach der Regierungserklärung, die sie morgen abzugeben hatte, auch nicht mehr an sie glauben. Haymann würde sie hassen. Er würde sie für ein Geschöpf des Generals halten und sich höchstens ein wenig darüber wundern, dass sie ihn noch nicht verraten hatte.
„So ungezwungen habe ich mir das zwar nicht gleich gedacht", sagte der General leise in ihr Ohr und umarmte sie fester. „Aber wenn Ihnen danach zumute ist, dann weinen Sie. Sie bedeuten mir sehr viel, Emma, und ich werde Sie immer auffangen, wenn Sie mich brauchen."
