Kapitel 9: Ein etwas anderer Ausflug
Harry Ron und Hermine fanden, dass sie sich nach dieser doch recht anstrengenden Woche ein erholsames Wochenende verdient hatten. Daraus wurde allerdings nicht viel. Den größten Teil des Samstags verbrachten sie mit dem Erledigen von Hausaufgaben. Die Lehrer schienen wohl nachholen zu wollen, was sie in der letzten Woche versäumt hatten. Am Sonntag machten sie sich nach dem Frühstück auf zu Hagrid. Diesmal allerdings nicht zu einem gemütlichen Plausch in seiner Hütte. Er hatte einen Zettel ans schwarze Brett in der Eingangshalle gehängt, auf dem er die Schüler um Unterstützung beim Aufräumen im Verbotenen Wald bat. Natürlich hatte der Sturm auch hier seine Spuren hinterlassen, und so lagen überall abgebrochene Äste, oder sogar umgestürzte Bäume herum. Es war eine recht große Gruppe, die sich kurz vor zehn unter Hagrids Führung auf den Weg machte.
Während Hermine sich die einzelnen Schüler ansah, überlegte sie sich, was wohl die jeweiligen Beweggründe sein mochten. Bei vielen war es sicherlich Sympathie für Hagrid, ähnlich wie bei ihnen selbst. Ein Teil nutzte die Aktion sicher aus, um andere Arbeiten aufzuschieben. Im Wald arbeiten, war schließlich bei Weitem angenehmer als Hausaufgaben machen. Für wieder andere mochte es eine willkommene Gelegenheit sein, sich einmal in Ruhe im Verbotenen Wald umzusehen. Das galt besonders für diejenigen, die den Unterricht in Pflege magischer Geschöpfe nicht besuchten. Sie hatten im Normalfall so gut wie keine Chance hierher zu kommen. Denn ohne die Begleitung eines Lehrers, war es den Schülern strikt untersagt. Ihr Blick verdüsterte sich, als ihr eine Gruppe Slytherins auffiel. Angeführt von Draco Malfoy und seiner Clique bildeten sie den Schluss des Zuges. Als Hagrid sie fragend ansah, deutete sie mit einer Handbewegung nach hinten. Hagrid grinste nur:
"Mach dir keine Sorgen." Tatsächlich schien er sich darüber zu freuen, dass die Slytherins mit von der Partie waren. Einige Minuten später hielten sie schließlich an. Sie standen an einem Platz, der Ähnlichkeit mit einer Lichtung hatte. Allerdings machten die vielen herumliegenden Äste, abgeknickten Baumstämme und aus der Erde ragenden Stümpfe klar, dass dies keine gewöhnliche Lichtung war.
"So, Leute", verkündete Hagrid. "Hier fangen wir an. Ein paar von euch werden versuchen, die Stämme von den Ästen zu trennen. Ein paar andere werden die Wagen damit beladen, und wieder andere werden die Wagen zum Schloss fahren." Bei den letzten Worten deutete er auf zwei große Handwagen, die er auf dem Weg hinter sich hergezogen hatte.
"Moment mal", fragte eine Hufflepuffschülerin. "Heißt das, dass eine Gruppe die ganze Zeit hin und herrennen darf?"
"So ungefähr", bestätigte Hagrid. „Allerdings denke ich, dass es gut wäre zwischendurch mal zu tauschen."
Schon begannen sich kleine Gruppen zu formieren. "Moment!" Hagrids Ruf unterbrach die einsetzende Geschäftigkeit. "Wer mit wem zusammenarbeitet, lege ich fest."
Unterdrücktes Protestgemurmel erhob sich. Hagrid ignorierte dies jedoch. Kurz musterte er die Schülergruppe und bedeutete dann den Einzelnen durch Handzeichen und kurze Bemerkungen wo sie sich hinstellen sollten. Hermine, Ron und Harry fiel auf, dass er sorgfältig darauf achtete, dass in jeder Gruppe Schüler aus allen vier Häusern vertreten waren. Ein Effekt dieser Methode war, dass die Slytherins dadurch getrennt wurden. Als Malfoy protestieren wollte, erklärte Hagrid ihm kurz, dass er ja gehen könne, und dass es seinen Vater sicher freuen würde zu hören, dass sein Sohn als Vertrauensschüler seiner Vorbildfunktion so gut gerecht werde. Malfoy bedachte ihn darauf zwar mit einem wütenden Blick, schwieg aber. Alle wussten, dass Draco sich Hagrid weit überlegen glaubte, aber höllische Angst davor hatte seinem Vater nicht zu genügen. Hagrid bemühte sich, jeder Gruppe einen Vertrauensschüler zuzuordnen, der die Aufsicht über die Jüngeren übernehmen sollte. So kam es, dass auch das Trio getrennt wurde. Schließlich waren die Schüler und Aufgaben verteilt und sie konnten anfangen. Im Laufe der Zeit stellte sich heraus, dass nicht nur die Hufflepuffs sehr gut in der Lage waren körperlich zu arbeiten. Für viel größeres Erstaunen sorgte die Tatsache, dass sich ein großer Teil der Slytherins durchaus an den Gesprächen der Mitschüler beteiligte, anstatt hochnäsig zu schweigen, wie es erwartet worden war. So kam es, dass Hermine, die zusammen mit Liza Michel, einer Slytherindrittklässlerin, versuchte einen Ast aus einem Gestrüpp zu zerren, diese fragte, warum die Slytherins sich überhaupt an dieser Aufräumaktion beteiligten. Schließlich war dieses Haus nicht gerade für seinen Gemeinschaftssinn bekannt. Das Mädchen zuckte die Schultern.
"Professor Snape kam gestern Abend zu uns in den Gemeinschaftsraum. Er sagte, dass es unserem Haus sicher nicht schaden könnte, wenn einige von uns dabei helfen würden." Sie zögerte kurz, dann fuhr sie fort. "Irgendwie waren wir da ganz froh drüber, sonst hätte sich wohl keiner getraut mitzukommen."
Hermine sah sie verständnislos an. "Wieso nicht?"
Das Mädchen seufzte. „In Slytherin ist es etwas anders als in Gryffindor. Ihr gehört zwar alle zusammen, aber trotzdem ist jeder noch er selbst."
Hermine versuchte zu verstehen, was Liza ihr sagen wollte. "Ist das denn bei euch anders?"
"Na ja, irgendwie schon." Sie schien zu überlegen, wie sie die Situation am besten beschreiben konnte. "Weißt du, wir sind eine Gruppe. Da gibt es die, die das Sagen haben, wie zum Beispiel Draco. Und die anderen machen eben was die wollen. Die Großen sagen, dass das besser ist, weil wir sowieso keine Ahnung haben und weil sie uns nur so vor den anderen beschützen können. Außerdem ist es irgendwie viel leichter einfach das zu machen, das die wollen. Irgendwie hat doch jeder genug mit sich selber zu tun."
Hermine antwortete darauf nichts, denn sie wollte die Jüngere nicht verletzen. Sie selbst sah diese Dinge etwas anders. "Nun, deshalb bist du ja auch nicht nach Slytherin gekommen", ging es ihr durch den Kopf. „Aber es ist kein Wunder, dass so viele Slytherins auf die dunkle Seite gegangen sind. Die, die stark sind, wollen Macht. Die anderen ordnen sich dem unter, den sie für den Stärksten halten, weil es so schön einfach ist die Verantwortung abzugeben." Der Gedanke erschreckte sie. Machte sie es sich nicht gerade genau so einfach, wenn sie Slytherins in diese zwei Schubladen einsortierte? Vorsichtig fragte sie: "Würdest du auch machen, was die Großen sagen, wenn du weißt, dass es falsch ist?"
Liza zuckte die Achseln. "Ich weiß es nicht. Bisher hatte ich nie das Gefühl." Hermine musste wohl etwas ungläubig geguckt haben, denn nach einer Pause fügte sie hinzu: "Na ja, manchmal, wenn sie gesagt haben, dass Schlammblüter alle gemein und verlogen sind, aber..."
"Aber was?" fragte Hermine. Es klang schärfer, als sie beabsichtigt hatte.
"Na ja, die sind fast alle in Gryffindor oder Hufflepuff. Wenn es Streit gibt, sind die immer in Gruppen, wir Slytherins sind fast immer auf uns allein gestellt. Wenn wir mehrere sind, trauen sie sich nicht an uns heran. Das ist doch feige und verlogen."
Hermine seufzte innerlich. Liza hatte nicht ganz unrecht. Wenn es Auseinandersetzungen zwischen den Häusern gab, waren die Slytherins wahrlich nicht immer diejenigen, die anfingen. Hätte es Zweck Liza zu erklären, dass das nichts damit zu tun hatte, aus was für einer Familie jemand stammte? Hermine entschied es bleiben zu lassen. Selbst wenn sie Liza überzeugen könnte, hätte das nur zur Folge, dass Malfoy ihr unterstellte, sie würde die jüngeren Slytherins gegen die älteren aufhetzen. Im schlimmsten Fall würde Liza sogar für ihr Andersdenken bestraft werden. Sie zuckte also nur die Schultern und beendete damit das heikle Thema.
So gegen halb vier machte sich die Gruppe auf den Rückweg zum Schloss. Hagrid hatte erschrocken festgestellt, dass es höchste Eisenbahn war, denn um diese Jahreszeit wurde es recht früh dunkel und dann war es noch wesentlich gefährlicher sich im verbotenen Wald aufzuhalten als ohnehin schon. Obwohl sich ein Großteil der Schüler wieder zu den üblichen streng nach Häusern getrennten Gruppen zusammengefunden hatte, gab es doch einige, die in den Gruppen zusammenblieben, in denen sie gearbeitet hatten.
An Hagrids Hütte verabschiedete er sich von ihnen. Als Harry, Ron und Hermine an ihm vorbeigingen meinte er nachdenklich: "Eigentlich muss ich ja mit euch reden." Er sah nachdenklich zu Hermine. "Schätze, du kannst dir denken um was es geht."
Sie nickte. "Äh, Hagrid", mischte sich jetzt Harry ein. "Ich glaube wir sollten das auf später verschieben. Hermine und Ron sind Vertrauensschüler und da sollten sie jetzt besser auf die Jüngeren aufpassen, bevor noch was passiert."
Hagrid nickte widerwillig, und Hermine lächelte Harry dankbar an. "Na gut, aber aufgeschoben is' nich aufgehoben. Wir sprechen uns noch." Damit drehte Hagrid sich um und verschwand in seiner Hütte.
Als sie am Schloss ankamen, war zwar bis zum Abendessen noch etwas Zeit, aber es lohnte sich nicht mehr in die Gemeinschaftsräume zu gehen. Also setzten sie sich schon in die Große Halle. Auch hier wurde nicht streng darauf geachtet, dass sich alle an ihre Haustische setzten. So fanden sich fast alle ehemaligen DA-Mitglieder am Gryffindortisch ein.
"Der Tag heute war richtig cool", stellte Colin Creevey fest. Die anderen stimmten ihm zu. Nach und nach fanden sich auch die anderen Schüler zum Abendessen ein. Als die Platten mit Wurst, die Brotkörbe und die Krüge mit Kürbissaft auf den Tischen erschienen, lösten sich die Gruppen auf und die Schüler kehrten zurück an ihre Haustische. Trotzdem verbreiteten sie so viel gute Laune, dass sie alle anderen Schüler und selbst die Lehrer damit ansteckten. Obwohl ein Teil von ihnen nach der anstrengenden Arbeit wesentlich größeren Hunger hatte als sonst, musste niemand ungesättigt vom Tisch aufstehen. Wie immer füllten sich die Platten erneut, wenn sie leergegessen waren. Gerade als die ersten Schüler die Große Halle verlassen wollten, erhob sich Dumbledore. Er strahlte sie an, und seine Augen funkelten. Sein offensichtlich sehr fröhlicher Gesichtsausdruck beruhigte diejenigen, die mit einer schlechten Nachricht gerechnet hatten.
"Was ich zu sagen habe, dauert nur eine Minute", begann er. "Wie ihr ja wisst, war ein Teil eurer Mitschüler heute im Verbotenen Wald. Sie haben dort Hagrid geholfen, die Spuren des letzten Sturmes zu beseitigen. Wie Hagrid mir berichtet hat, haben sie viel mehr geschafft, als er erwartet hatte. Dies war nur möglich, weil alle erfolgreich zusammengearbeitet haben und sich einer auf den anderen verlassen konnte." Es gab zustimmendes Gemurmel. "Nun", sprach Dumbledore weiter. "Ich habe beschlossen, allen Häusern, aus denen sich Schüler beteiligt haben, jeweils fünfzig Punkte zu geben. Da es aus jedem Haus einige Freiwillige gab, betrifft dies alle Häuser."
Erfreutes Stimmengewirr unterbrach die Rede des Schulleiters. Aber er hatte wohl ohnehin nicht mehr sagen wollen, denn mit einem strahlenden Blick in die Runde setzte er sich zurück auf seinen Stuhl.
"Jetzt ist mir auch klar, warum Snape unbedingt wollte, dass Slytherins dabei sind", murrte Ron. Hermine schüttelte den Kopf und deutete zum Lehrertisch. Die überraschten und erfreuten Gesichter, die dort zu sehen waren, bewiesen, dass auch die Lehrer nicht gewusst hatten, dass der Einsatz der Schüler mit Punkten belohnt werden würde. In bester Stimmung machten sich die Gryffindors auf den Weg in ihren Gemeinschaftsraum. Da Lupin an diesem Wochenende für den Phönixorden unterwegs war, ließ sich Hermine von der allgemeinen Sorglosigkeit anstecken. Den Gedanken an das Gespräch mit Hagrid schob sie fürs erste weit von sich.
