Endlich war es Samstag. Und es war ein herrlicher Tag. Strahlendblauer, wolkenloser Himmel, Sonnenschein und sogar ziemlich angenehme Temperaturen. Wahrlich keine Selbstverständlichkeit für diese Jahreszeit in Calgary.
William Darcy war sehr früh aufgestanden, hatte Chinook gesattelt und genoß seinen erfrischenden Ausritt in die wilde Natur. Heute war ein wundervoller Tag. Er würde nach dem Essen zur Farm hinausfahren, er würde Elizabeth sehen. Höchstwahrscheinlich wäre sie sehr beschäftigt, aber das machte nichts. Er konnte sie beobachten, und sicherlich würden sie auch miteinander sprechen. Und wenn sich eine Gelegenheit ergab, würde er sie, bevor er ging, zu einem Kaffee in der Stadt einladen. Nicht gleich zum Abendessen, er wollte sie ja schließlich nicht zu Beginn schon überfordern.
William Darcy war so aufgeregt und so voller Vorfreude, daß er über sich selbst lachen mußte. Endlich war es soweit. Mrs. Reynolds hatte ihm ein leichtes Mittagessen hinterlassen, bevor sie sich verabschiedet hatte, aber er war so nervös, daß er kaum etwas herunterbekam. Kurz nach 13 Uhr bestieg er schließlich sein schwarzes Audi TT Cabrio und machte sich auf den Weg nach Sherwood Oak.
Das schöne Wetter hatte tatsächlich viele Neugierige auf die Farm gelockt. Darcy war froh darüber, er wollte nicht gerade der Einzige sein. Er parkte seinen Wagen auf dem dafür bereitgestellten Feld, holte noch einmal tief Luft und stieg aus. Langsam lief er über das Farmgelände und sah sich aufmerksam um. Sein Name war zwar in der Stadt bekannt, aber publicityscheu wie er war, wußten nur die wenigsten, wie er aussah, so fühlte er sich halbwegs sicher, nicht von jedermann gleich erkannt zu werden. Von Elizabeth sah er zunächst nichts, aber er dachte sich schon, daß sie sicher bei den Pferden sein würde.
Als er um die Ecke bog und auf die Stallungen zuging, entdeckte er sie zwischen einem Rudel Kinder, die allesamt ungeduldig darauf warteten, auf einem der Ponies ein paar Runden im Ring drehen zu dürfen.
Darcy trat langsam näher, bemühte sich aber, außerhalb ihrer Sicht zu bleiben. Lizzy. Ihre Haare hatte sie diesmal unter einem Flames-Käppi versteckt, aber einige widerborstige Strähnen hatten sich den Weg in die Freiheit erkämpft und sie mußte sie immer wieder zurückschieben. Darcy fiel auf, daß er sie noch nie mit offenen Haaren gesehen hatte und er wünschte sich augenblicklich, zu ihr zu gehen und ihr die Mütze abnehmen zu können. Lizzy war damit beschäftigt, die Kinder auf die Ponies zu setzen, was ein anstrengender Job zu sein schien. Aber sie erledigte die Aufgabe mit großem Enthusiasmus, machte ihre Späße mit den Kleinen und versicherte den Überängstlichen, daß Reiten nicht wehtat und sie es ruhig probieren sollten. Bei diesen Kindern lief sie nebenher und hielt sie behutsam fest. Ihr Lächeln verließ sie dabei nie und Darcy konnte nicht anders, als sie die ganze Zeit über anzustarren. Er war so in seine angenehmen Gedanken versunken, daß er gar nicht bemerkte, wie sie schließlich ein paar Worte mit einem jungen Mann wechselte und ihren Platz am Ring verließ um in Richtung Haus zu laufen.
Lizzy brauchte eine Pause. Den ganzen Vormittag mit den Kleinen zusammen zu sein hatte zwar viel Spaß gemacht, sie aber auch ermüdet. Jetzt brauchte sie erst einmal etwas zu essen. Auf ihrem Weg zum Barbecue nickte sie immer wieder grüßend Bekannten zu, bis ihr Blick auf einen Mann fiel, der ganz selbstverloren an einen Baum gelehnt stand und seine Umgebung total vergessen zu haben schien. Lizzys Augen wurden groß, ihr Herz machte einen Sprung und sie wurde fürchterlich rot. Das konnte nicht wahr sein! William Darcy, hier auf der Farm? Hatte er sie gesehen? Er schien in Gedanken versunken. Was machte er hier? Hmmm…und gut sah er aus in seiner legeren Kluft, helle Hosen, dunkelblaues, kurzärmeliges Hemd, das seine gebräunten Arme nicht verbarg und eine Sonnenbrille, die er sich in die dunklen Locken geschoben hatte. Sie konnte schlecht weitergehen, die Gelegenheit war zu günstig. Außerdem freute sie sich aufrichtig, daß er hier war.
„Hallo Mr. Darcy!"
Die sanfte Stimme holte William abrupt in die Wirklichkeit zurück. Und da stand sie auch schon vor ihm und lächelte ihn an.
„Miss Bennet." Mehr brachte er nicht über die Lippen, und auch das kam einem Hauchen gefährlich nahe. Oder vielmehr einem Krächzen, weil er keine Zeit mehr hatte, sich zu räuspern.
„Schön, sie zu sehen! Haben sie vor, einen Schnupperkurs zu belegen? Die Gelegenheit heute ist sehr günstig!" neckte sie ihn. Sie hatte ihre Verlegenheit schon wieder gut im Griff.
Darcy schaute auf sie herunter und lächelte. „Wenn sie meine Lehrerin sind, sehr gerne," sagte er leise und seine dunklen Augen blickten sie zärtlich an.
Lizzy durchfuhr ein Schauer. Hätte er jetzt gesagt, los komm, laß uns abhauen, sie wäre ohne zu Zögern mitgegangen. Wow, was für ein Mann…
Sie riß sich zusammen und erkundigte sich nach den beiden Pferden und das Gespräch nahm glücklicherweise normalere Formen an. Sie unterhielten sich sehr angenehm wie zwei alte Bekannte, sehr zu Darcys Erleichterung, und schlugen dabei den Weg zum Grill ein. Lizzy, die am Verhungern war, packte ihnen zwei ordentliche Teller voll und lotste Darcy zu einem etwas weiter entfernt stehenden Baum, unter dem eine Bank stand.
Erleichtert und etwas erschöpft sank sie nieder. „So, hier werde ich hoffentlich ungestört mein Mittagessen genießen können," seufzte sie. „Die Kleinen sind zwar sehr süß, aber auch sehr anstrengend!"
Darcy, der gerade eine sehr angenehme Vorstellung davon hatte, wie sie mit ihren eigenen, sprich mit seinen Kindern herumtoben würde, nickte zustimmend.
Lizzy hatte ihn nicht gefragt, was ihn hierher geführt hatte. Sie beschloß, einfach seine Gesellschaft zu genießen, solange sie die Zeit dafür hatte. Leider konnte sie nicht den ganzen Tag exklusiv mit ihm verbringen. Aber zumindest ihre Mittagspause, bevor sie wieder ihren Pflichten nachkommen mußte. Diese Tage für die Öffentlichkeit waren immer äußerst anstrengend, so lustig es auch meistens war.
Als sie ihr Mahl beendet hatten, schlug Lizzy vor, ihm den Rest der Farm zu zeigen und vielleicht hätte er ja Lust, seinen eigenen Likör herzustellen, nachdem das mit dem Kakao kochen ja schon so gut geklappt hatte. Darcy war erleichtert, daß sie über diesen Tag, der ja nicht allzu erfreulich geendet hatte, heute schon wieder Scherze machen konnte. Aber er verblüffte sie mit seiner Antwort.
„Vielleicht sehe ich mir das später an. Viel lieber möchte ich mit ihnen hier sitzen bleiben, bis sie wieder zurück zu den Pferden müssen." Als sie ihn mit großen Augen anschaute, äußerst geschmeichelt und sehr erfreut über seine Bitte, fürchtete er, sie habe ihn mißverstanden. „Entschuldigen sie, Miss Bennet, ich wollte nicht so unverschämt sein, über ihre freie Zeit zu verfügen," sagte er leise und blickte verlegen auf den Boden.
Lizzy holte tief Luft. „Sie sind nicht unverschämt und ich verbringe gerne meine Pause hier mit ihnen. Sehr gerne sogar." Sie machte eine Pause und schmunzelte über seinen hoffnungsvollen Blick. „Aber nur unter einer Bedingung." Da war es wieder, dieses herausfordernde Lächeln und ihre Respektlosigkeit. „Und die wäre?"
„Sie hören endlich auf, mich ‚Miss Bennet' zu nennen. Ich heiße Elizabeth. Oder Liz. Oder Lizzy. Suchen sie sich was aus."
Darcy lehnte sich zurück und lächelte. „Einverstanden, Elizabeth. Ich heiße William."
„Freut mich sehr, William."
Daß er ‚Elizabeth' als Anrede gewählt hatte, wunderte sie nicht, sie hatte es fast erwartet. Er war offenbar kein Freund von Abkürzungen. Aber eine neugierige Frage mußte sie ihm noch stellen.
„Darf ich dir eine – nun ja, vielleicht etwas indiskrete Frage stellen, William?"
Darcy schaute sie etwas unbehaglich an. „Stellen schon, ob ich sie aber beantworten kann…."
Elizabeth lachte. „Du hast damals den Kakaodosen eine Geschäftskarte beigelegt. Darauf stand kein richtiger Name, nur F. Darcy. Was bedeutet das F, wenn du doch William heißt?"
Darcy seufzte. Dieses Thema war ihm etwas peinlich, aber er würde ihre Frage beantworten.
„In meiner Familie gibt es eine Tradition, eine ziemlich alberne Tradition, um ehrlich zu sein. Jeder erstgeborene Sohn der Darcys erhält den gleichen Vornamen: Fitzwilliam. Frag mich nicht warum das so ist, aber es hält sich schon hartnäckig seit mehreren Generationen. Meine Familie stammt aus England, dort ist man eben sehr traditionsbewußt und mich hat es eben getroffen. Ich bevorzuge es allerdings, William genannt zu werden. Auf geschäftlicher Seite muß ich meinen korrekten Namen verwenden, schon allein aus rechtlichen Gründen."
„Fitzwilliam?" Das konnte nur eine englische Idee sein. Lizzy verkniff sich ein Lächeln.
„Und du wirst die Tradition natürlich fortsetzen und deinen Erstgeborenen auch Fitzwilliam nennen?" neckte sie ihn.
Darcy hätte um ein Haar gesagt, daß sie da schließlich auch ein Mitspracherecht haben würde, konnte sich aber in letzter Sekunde bremsen. Das hätte noch gefehlt!
Er schüttelte den Kopf. „Ich bin zwar recht tradtionsbewußt, aber nicht grausam. Mein Sohn wird garantiert nicht so heißen, d.h. vielleicht höchstens mit zweitem Namen." Er machte eine kurze Pause und blickte nachdenklich, oder wie Lizzy zu sehen glaubte, sehnsuchtsvoll, in die Ferne. „Aber darüber kann ich mir immer noch den Kopf zerbrechen, wenn es soweit ist. Ohne eine dazugehörige Ehefrau gibt es im Normalfall ja auch keinen Sohn."
Lizzy schluckte. Er sah auf einmal so traurig aus, daß sie ihn am liebsten in den Arm genommen hätte. Sie wußte nicht so recht, was sie sagen sollte, er war ihr so nahe, die Luft schien zwischen ihnen zu knistern und es hätte wirklich nicht viel gefehlt, und sie wären sich in die Arme gefallen.
Beide waren sie überaus frustriert, als sie Schritte näherkommen hörten und jemand nach Lizzy rief. Bedauernd lächelten sie sich an und Lizzy stand auf, um zu sehen, wer nach ihr verlangte. Ihr Cousin Mike kam auf sie zu, einen jungen Mann im Schlepp, der Lizzy vage bekannt vorkam.
„Hab ich doch richtig gesehen!" rief Mike aus. „Cousinchen, ich möchte dich mit einem alten Freund von mir bekanntmachen, darf ich vorstellen: Mr. George Wickham. George, das ist meine kleine Cousine Elizabeth."
Der Name löste bei Elizabeth aufgeregte Freude aus, während Darcy wie vom Schlag getroffen immer noch unter dem Baum saß und es nicht glauben wollte. Wickham? George Wickham war hier? Hatte sich denn die ganze Welt gegen ihn verschworen?
Da hörte er auch schon Lizzy, und sie hörte sich ziemlich aufgeregt an. Natürlich, Wickham war ein Begriff für jeden Flames-Fan. Er hatte seine ersten beiden Jahre als professioneller Eishockeyspieler der NHL bei den Calgary Flames verbracht und war zum regelrechten Volkshelden geworden, als er das Team vor acht Jahren als 22jähriger fast im Alleingang ins Endspiel geführt und zu allem Überfluß noch das entscheidende Tor zum Gewinn des Stanleycups erzielte. Keiner konnte verstehen, daß er nach dieser erfolgreichen Saison den Verein verließ und ausgerechnet zum großen Rivalen, den Edmonton Oilers, wechselte. Dort war er niemehr so erfolgreich geworden, aber sein Anteil am Gewinn des Cups für die Flames wurde in Calgary niemals vergessen.
Darcy kannte Wickham von kleinauf. Sie hatten zusammen Eishockey gespielt. Darcy haßte ihn, wie er keinen Menschen auf der Welt mehr hassen konnte. Er haßte ihn aus vollstem Herzen.
Darcy holte tief Luft und erhob sich. Er konnte keine Sekunde mehr hier bleiben, nicht wenn Wickham hier war, so leid es ihm wegen Lizzy auch tat. Aber es ging nicht.
Langsam kam er hinter dem Baum hervor und Wickham erkannte ihn sofort. Im ersten Moment verlor sein Gesicht alle Farbe, dann faßte er sich. „Darcy, was für eine Überraschung!" rief er mit falscher und übertriebener Freundlichkeit. „Lange nicht gesehen, alter Junge! Was machst du so?"
Darcys Gesicht war eine einzige Gewitterwolke. Er würdigte ihn keiner Antwort, wandte sich an Lizzy und zog sie zur Seite. „Entschuldige, ich muß mich leider verabschieden, ich habe noch einen geschäftlichen Termin," sagte er leise und blickte sie warm und mit einem sehr bedauernden Lächeln an.
Lizzys Herz machte einen Satz. „Mußt du wirklich schon gehen, William? Wie schade. Ich wollte dir gerne noch noch unsere Pferde zeigen."
„Vielleicht können wir das demnächst nachholen? Darf ich dich anrufen?"
Lizzy nickte. „Ich reserviere dir eine Privatführung," flüsterte sie.
Darcy lächelte, nahm ihre Hände und küßte sanft ihre Fingerspitzen. „Ich freu mich drauf."
Er ging und ließ eine atemlose Elizabeth zurück, die von der neugierigen Stimme ihres Cousins hart auf den Boden der Realität zurückgeholt wurde.
