19. 46 Uhr EST-Zeit, Samstag
Katherine Scullys Haus, Lincoln Landing
Es war ausgesprochen ruhig. Alles, was diese angenehme Stille unterbrach, waren die Geräusche der Tiere, die sich vom Tag verabschiedeten. Die alte Pfirsichplantage ragte in diesem zwiespältigen Licht majestätisch aus dem umliegenden Wäldchen heraus und wirkte wie ein verzaubertes Märchenschloß. Die untergehende Sonne tauchte es in ein blutrotes Licht und ließ es glühen. Dass es draußen immer noch heiß war verstärkte den Effekt. Niemand war zu sehen. Alle Türen und Fenster standen so weit es ging auf, um auch nur den leisesten Windhauch durch das Haus schicken zu können, doch dieser Windhauch existierte nicht. Das Haus war hell erleuchtet und überall stand Geburtstagsdekoration. Die Vorbereitungen waren also abgeschlossen.
„Ich werde schon mal runtergehen und mich um die Bowle kümmern!", rief Megan und hüpfte leicht wie eine Feder die gewundene Holztreppe ins Erdgeschoß hinab. Sie trug ein kurzes, beiges Kleid und hatte sich für den Geburtstag ihrer Schwiegeroma wirklich hübsch gemacht.
„Tu das, ich komme sofort und helfe dir!", antwortete Tara, die kurz danach ebenfalls mit einem hübschen Kleid die Treppe hinunter lief. Als sie unten ankam standen vor ihr Mulder, Scully, Annabelle, Patrick und der kleine Matthew. Ein strahlendes Lächeln legte sich auf Taras Gesicht. „Hey, war´s toll?" Sie nahm Matthew aus Mulders Armen und setzte ihn auf ihren Arm, während sie die anderen anlächelte.
Scully fühlte sich ein wenig erledigt und Mulder ging es da garantiert nicht anders. „Wie hatten jede menge Spaß!"
Megan kam aus der Küche gelaufen und strahlte ihre Kinder und die Babysitter an. „Da seid ihr ja endlich! War´s denn schön?"
Annabelle und Patrick nickten heftig. „Es war so toll ... wir waren baden ... Fox hat sich im Wald verlaufen ... und ..."
Ihre Mutter nahm sie an die Hand und führte sie nach oben. „Okay, ihr könnt mir noch mehr erzählen, wenn ich euch beide in die Wanne gesteckt habe!"
„Ihr solltet euch auch fertig machen.", sagte Tara und ging vor ihnen die Treppe hinauf, um Matthew für die Party fertig zu machen. „Die Gäste kommen ganz sicher bald."
Mulder nickte und schob Scully vor sich die Treppe hinauf. Dieser Tag war einfach wunderschön gewesen. In all den Jahren, die er nun Scully kannte, hatte er nie für möglich gehalten, dass sie so viel Humor hatte und so lustig sein konnte. Heute hatte er es erfahren. Es steckte so viel mehr in ihr, als nur die intelligente und brillante FBI-Agentin. Zufrieden legte er seine warme Hand auf ihren Rücken und schob sie mit sanftem Druck immer Höher die Treppe hinauf. So, als würde es ihr gefallen lehnte sie ein wenig von ihrem Gewicht gegen seine Hand und ein kleiner elektrischer Schauer rann ihm den Rücken herunter.
Scully schluckte und drehte ihren Kopf über die Schulter zu ihm. Seine Hand war so wunderschön warm, und sie liebte es, wenn sie sich nur flüchtig berührten. Ihr Körper liebte es. „Sie haben Farbe bekommen!" Seine vollen Wangen hatten einen leichten braunen Schimmer angenommen. Er sah so gesund und kräftig aus, und obwohl sie eine Stufe über ihm stand, war er genauso groß wie sie. Seine Haare waren vom Salzwasser und vom Wind an der Küste in alle möglichen Richtungen über seinen Kopf verteilt. Er sah so niedlich aus. Am liebsten hätte sie ihre Hand genommen und wäre ihm ganz langsam durch die Haare gefahren, nur um sie zu berühren. Diesen Tag würde sie niemals vergessen. Es war, als hätte es niemals etwas anderes gegeben, als wäre es ganz natürlich, dass sie beide schon immer ihre Freizeit miteinander verbrachten, Spaß hatten und sich gegenseitig neckten. In ihrem Inneren kribbelte es heftig. Überall kitzelte es sie, wenn sie seine Blicke auf ihrem Körper, oder wie jetzt, seine Hand auf ihrem Rücken spürte.
Mulder lächelte sie an. „Sie haben auch endlich mal ein bisschen Farbe bekommen! Ich glaube ich sollte sie öfter aus unserem Büro an die frische Luft und in die Sonne schaffen!"
„Vielleicht!", antwortete sie, als sie vor ihren Zimmer ankamen. Wenn das an die frische Luft und in die Sonne schaffen jedes Mal eine solche Wirkung bei ihr hatte, dann war sie auf jedenfall dafür. „Wir müssen uns jetzt beeilen."
Mulder nickte und sah ihr nach, wie sie in ihrem Zimmer verschwand. Dann ging er in sein eigenes Zimmer und ließ sich glücklich auf sein Bett fallen.
20. 36 Uhr EST-Zeit, Samstag
Katherine Scullys Haus, Lincoln Landing
Mit einem enthusiastischen und mehr als überglücklichen Schwung öffnete Mulder die Tür seines Zimmers. Musik drang aus dem Erdgeschoß in seine Ohren, er konnte den Duft des Essens riechen und hörte, wie sich eine Menge von Menschen im Haus und auch außerhalb des Hauses unterhielten. Die Party war im vollen Gange.
Mulder schloß seine Tür hinter sich und trat an das Geländer der Treppe um hinab in das Haus sehen zu können. Menschen standen überall, meistens waren es alte Menschen. Mulder musste wieder an die Schnabeltassen denken, und sah dann zu Scullys Zimmertür. War sie schon unter den Gästen? Oder war sie noch in ihrem Zimmer? Er entschied sich dafür sich unter die Gäste zu mischen, um sie zu suchen. Langsam kam er die Treppe herunter und wurde sofort von Tara empfangen.
„Fox, na endlich! Ich dachte schon, sie kommen überhaupt nicht mehr runter."
Mulder lächelte höflich.
„Wo haben sie denn Dana gelassen?", fragte Tara und drückte ihm Matthew in den Arm. Der kleine schien sich zu freuen, denn er fing an zu grinsen und fummelte an Mulders T-Shirt herum. „Ich lasse den kleinen Mal hier bei ihnen, ich hab noch etwas zu erledigen!"
Mulder nickte und machte sich dann durch die Menge mit Matthew auf dem Weg zur Bowle. „So, kleiner Mann, dann wollen wir uns doch heute mal über die Bowle hermachen!", sagte Mulder und kitzelte Matthew an einem seiner Zehen, als Patrick und Annabelle plötzlich vor ihm standen und sich an seine Beine hängten. „Hey, da seid ihr ja!"
„Fox, können wir morgen wieder mit dir und Tante Dana an den Strand fahren? Bitte, bitte, bitte ...", bettelte Annabelle und strahlte ihn an, während Mulder versuchte mit den beiden Gewichten am Bein trotzdem zur Bowle vorzustoßen.
„Naja, weißt du ..."
„Bitte, Onkel Fox, bitte, ich lasse dich auch diesmal beim Wettrennen gewinnen, bitte!", winselte Patrick und vergrub seine Hände wieder in Mulders Hose.
Mulder hatte endlich den Bowletopf in der Küche erreicht. Er hatte diese Rasselbande wirklich gerne. Und das Beste daran war – sie liebten und vergötterten ihn. Das machte ihn sehr zufrieden. Selbst der kleine Matthew, dessen Vater ihn wie die Pest zu hassen schien, liebte ihn. So gerne er mit ihnen und natürlich auch mit Dana zum Strand gefahren wäre, würde das unmöglich sein. Sie mussten wieder zurück nach Washington.
„Oh ja, komm schon. Es war viel besser als mit Mummy und Daddy. Ihr seid beide viel cooler!", sagte Annabelle und lächelte herzerwärmend. „Wenn du Tante Dana heiratest, können wir dann bei euch wohnen?"
Mulders Mund klappte erstaunt auf. „Ähm ... wir ... werden nicht heiraten."
„Aber ... ihr seht euch immer so komisch an.", meinte Patrick und ließ für einen Moment Mulders Hose los. „So guckt man sich an, wenn man verliebt ist ..."
Mulders Augen wurden immer größer.
„ ... das hat mir meine Urgroßmutter erzählt!"
Klar, dass so ein Spruch von Katherine kommt, dachte Mulder. „Aber ..."
„Wollt ihr denn auch mal Kinder haben?", fragte Annabelle und blickte von Mulder zu Matthew.
Kinder und ihre Unverblümtheit. „Annabelle, um Kinder zu haben, da muss man doch heiraten und Dana und ich wollen doch gar nicht ..."
„Nein, nein. Kinder kommen nicht vom Heiraten. Mein Lehrer, Mr. Tim, sagt, die kommen davon, wenn man ..."
„Jaja, ich ... ich weiß, ich ... weiß auch, dass Kinder nicht vom heiraten kommen, Annabelle.", sagte Mulder mit einem roten Gesicht. Das ganze war wirklich toll. „Aber, ich glaube Patrick kennt das Geheimnis noch nicht, und wir wollen es doch nicht verraten, hm?"
Annabelle kicherte und nickte dann.
Patrick sah die beiden misstrauisch an. „Was für ein Geheimnis?"
Genau in dem Moment trat das Geburtstagskind in die Küche. Katherine stellte nur schnell ein Glas in die Spüle und wollte wieder gehen, als sie Fox, umringt von ihren Urenkeln, in der Küche entdeckte. „Geheimnis?" Gütig lächelte sie und eine innere Zufriedenheit breitete sich in ihr aus. Anscheinend hatte der Tag mit den Kindern am Strand zumindest Fox sichtlich gut getan.
„Ach, es ist gar nichts!", wehrte Mulder ab.
Sein Gesicht hatte Farbe bekommen und auf sie wirkte er nicht mehr so steif und zurückhaltend wie noch einen Tag zuvor. Langsam gewöhnte er sich an diese Familie und schien sich wirklich wohl zu fühlen. Katherine lächelte, denn genau das war ihr Plan gewesen. Sie mochte Fox und war sich zu 99, 9 sicher, dass dieser Mann Dana glücklich machen würde. „Fox!"
Er schenkte ihr ebenfalls ein Lächeln. Er kannte sie erst seit einem Tag, aber sie hatte ihn so herzlich empfangen und in ihrer Familie aufgenommen, dass es unmöglich war sie nicht zu mögen. Außerdem war heute ihr Geburtstag. Sie wurde 85 Jahre alt und das alleine flößte ihm eine Menge Respekt ein. „Hallo! Tolle Feier!"
Katherine grinste. Meint er das mit der tollen Feier wirklich ernst? „Und warten sie erstmal bis wir die Schnabeltassen rausholen!"
Mulder grinste und wurde etwas rot. Hatte Scully ihrer Großmutter von ihrem persönlichen Witz mit den Schnabeltassen erzählt? „Ähm ..."
Katherines Grinsen wurde breiter und sie klopfte ihm beruhigend auf die Schulter. „Die Kinder lieben sie."
Mulder sah hinab zu Matthew, Patrick und Annabelle und zuckte mit den Schultern. „Ich mag sie auch."
Katherine seufzte innerlich. Er war so ein Schatz. Die Kinder vergötterten ihn, Dana liebte ihn, auch wenn sie es niemals zugeben würde, er sah verdammt gut aus und er war mehr als nur nett. Er war ein Traummann. „Wo haben sie denn Dana gelassen?"
Mulder zuckte wieder mit den Achseln.
Katherine konnte in seinen Augen sehen, dass er sich diese Frage auch schon stellte. „Sie wird sicher gleich kommen. Kommen sie, ich will ihnen ein paar meiner Freunde vorstellen, Fox!", sagte Katherine, gab Matthew an seinen Vater und schickte Annabelle und Patrick zum spielen.
Nur widerwillig verschwanden die beiden Kinder.
„ ... ich als Bürgermeister bin deshalb also auch für die Ordnung und Einhaltung der Gesetze in Lincoln Landing verantwortlich, verstehen sie? Und da mich Kitty ..."
Mulder nippte an seinem Bowleglas und musste über den Spitznamen Kitty für Scullys Großmutter grinsen. Er stand seit mindestens einer viertel Stunde vor dem derzeitigen Bürgermeister der kleinen Gemeinde Lincoln Landing und war noch nicht einmal zu Wort gekommen. Frederic Burton machte auf Mulder den Eindruck, als sei er schon seit mehreren Jahrhunderten Bürgermeister dieser Stadt. Doch sein enormes Alter schien ihn nicht im Mindesten beim unentwegten Reden zu stören oder zu behindern.
„ ... mit ihnen bekannt gemacht hat, dachte ich mir, dass ich sie, als erfahrenen FBI-Agenten, doch einfach mal nach den besten Methoden zur Verbrechensbekämpfung fragen könnte, da sie ja so etwas wie ein Spezialist in dieser Sache sind, wenn ich mal annehmen darf." Frederic Burton hatte tatsächlich aufgehört zu reden und wartete nun auf Mulders Antwort.
Unerwartet verschluckte sich Mulder an einer Frucht aus der Bowle, als Scully plötzlich an seine Seite trat.
„Mr Burton, mit so etwas kennen wir uns einfach nicht aus.", sagte sie mit einem bezaubernden Lächeln auf den Lippen und dabei auch noch Mulder auf den Rücken schlagend.
„Aber ... Kitty erzählte mir doch, sie seien beim FBI und ..."
„Wir arbeiten in einer ... naja, anderen Abteilung! Sie entschuldigen uns.", sagte sie und zog den immer noch hüstelnden Mulder mit sich auf die Veranda, wo sie ihn auf einen Stuhl setzte und sich selbst ein Glas Bowle nahm. „Kaum lasse ich sie mal für ein paar Minuten aus den Augen und schon befinden sie sich in den Fängen eines Senioren."
Mulder grinste und lehnte sich erleichtert gegen den Stuhl. „Hey, wir sind hier im Süden. Das ist hier ja wie eine Invasion von Senioren, da hatte ich gar keine andere Chance.", antwortete er mit einem Lächeln. „Danke für die Erlösung!"
Scully nickte und machte einen leichten Knicks, nur um sich dann gegenüber von ihm auf das Geländer der Veranda zu setzen und einen Schluck Bowle aus dem blauen Glas zu nehmen.
Jetzt erst bemerkte Mulder ihre Aufmachung. Sie trug einen weiten, wehenden, knielangen Rock, der farblich perfekt zu einem weit ausgeschnittenen Top passte. Ihre frisch gebräunte Haut kam an ihren Armen, ihrem Gesicht und ihrem Dekoltée zum Vorschein und verlieh ihr einen gesunden Teint. Ihre Haare trug sie offen. „Sie sehen umwerfend aus.", sagte er und konnte nicht anders als sie anzusehen.
Mit einem unsicheren Lächeln sah sie auf. „Was?"
„Sie sehen einfach wunderschön aus heute Abend." War er damit zu weit gegangen?
„Danke!", sagte sie schüchtern und strahlte ihn an. Was war denn nur los? Sein Blick, seine Haltung. Scullys Herz machte einen Sprung und sie sah verwirrt in die Nacht hinaus. Was sollte sie jetzt tun? Sie war sich sicher, dass sie rot geworden war. Und selbst wenn sie jetzt etwas Farbe im Gesicht hatte, würde das nicht über die Röte hinwegtäuschen. Dana, reiß dich doch zusammen! Er ist doch immer noch derselbe. Nichts hat sich geändert. Er ist Mulder. Dein Partner! Auch wenn sie versuchte sich diese Dinge einzureden, klappte es nicht wirklich. Sie war verliebt. In ihren Kollegen, Partner, Freund oder wie auch immer. Und das schon viel zu lange.
Mulder beobachtete sie immer noch. Sie war so ruhig geworden. Ich bin zu weit gegangen. Garantiert. Und dann wurde er nervös. „Ähm ... wollen sie vielleicht etwas essen?"
Scully nickte und drehte dann ihren Kopf wieder in seine Richtung. Hoffentlich ist die Röte verschwunden! „Sehr gerne!"
Mulder nickte ebenfalls und verschwand dann im Haus.
Scully sah auf ihre Uhr. Selbst Mulder brauchte nicht solange um ein einfaches Essen zu holen. Sie stand von der Veranda auf, stellte ihr Glas ab, streckte sich und betrat dann wieder den Wohnraum. Ihre Mutter warf ihr ein Lächeln zu, als sie durch den Raum auf sie zu schritt. „Mum, hast du ..."
„Ich habe ihn das letzte Mal in der Nähe des Buffets gesehen, Darling!"
Scully nickte und setzte dann ihren Weg durch die Massen fort. Irgendwo musste er sich ja aufhalten. Und dann sah sie ihn auch schon. Es sah so aus, als sei er in eine ganz normale Konversation mit ihrem Bruder Bill vertieft. Scully schluckte und glaubte ihren Augen nicht. Ein flüchtiges Lächeln huschte über ihr gebräuntes Gesicht und sie lehnte sich sprachlos an einen Holzpfeiler. Mulder und Bill? Reden? Sie hätte Purzelbäume schlagen können.
Er konnte es gerade selber nicht fassen. Er redete mit William Scully jr., Bill Scully. Es war wie ein Wunder. Als Bill ihn am Buffet angesprochen hatte, hatte er jede Minute damit gerechnet, dass er ausholen würde, um ihm eine zu verpassen. Doch er hatte sich einfach nur unterhalten wollen. Nicht einmal hatte er eine abfällige Bemerkung gemacht und tatsächlich hatte sich Bill Scully als ein interessanter Gesprächspartner entpuppt. Es war wirklich mehr als nur unglaublich. Mulder nickte lachend und sah dann kurz durch den Raum, als er sie an den Pfeiler gelehnt entdeckte. Ihre Augen hätten mehr als nur tausend Worte sagen können. Sie waren so blau und so groß, dass es schon fast unecht wirkte. Er lächelte und als wäre ihr Gesicht ein Spiegel, in dem er sich sehen konnte, lächelte sie zurück. Ihr Mund verzog sich zu dem schönsten Lächeln, das Mulder wohl jemals in ihrem Gesicht gesehen hatte. „Ähm, Bill ... entschuldigen sie mich?"
Bill musterte ihn kurz und sah dann ebenfalls in die Richtung seiner Schwester. Wissend nickte er. „Natürlich. Hat mich gefreut.", sagte er ehrlich und reichte ihm die Hand.
