Man muss die Feste feiern...
Die Nachtluft ist kühl, eine leichte Brise weht den Geruch von brennendem Holz, der sich mit dem Duft von geröstetem Fleisch mischt, an meiner Nase vorbei, als ich mich mit Alesia auf dem weitläufigen Platz bei der Händlerecke nahe der Stadtmauer einfinde. Der Platz ist von großen Feuern, die hell gegen den wolkenverhüllten Nachthimmel leuchten, und weiträumig aufgestellten, mannshohen Fackeln in ein warmes Rotgold getaucht. Voll ist es hier! Ich werfe neugierig einen Blick in die Menge. Es scheint, als sei die gesamte Ascalon-Vorhut zur Siegesfeier erschienen - wobei "Siegesfeier" sicher etwas zu hoch gegriffen ist, "fröhliches Besäufnis aus gegebenem Anlass" trifft es vermutlich eher. Nun ja, vielleicht nicht die gesamte Ascalon-Vorhut... ihren Anführer, den Prinzen, kann ich jedenfalls nirgends entdecken. Er wird ganz sicher Wichtigeres zu tun haben, denke ich und ignoriere den kleinen Stich der Enttäuschung.
Alesia und ich kämpfen uns zum Zelt der Küchenbrigade vor, das dicht umlagert ist. Offenbar haben die Jungs von der Truppenversorgung gerade ein frisches Fass Zwergenbier angestochen. Ich schleppe Alesia mit mir durch die Menge, wobei wir über Stephan und Orion stolpern. Orion scheint Stephan gerade einen Vortrag zu halten - ich wage nicht zu raten, worüber -, während Stephan sich augenrollend, aber tapfer an seinem Bier festhält.
"Grüße, Tari!" Stephan grinst mich breit an und haut mir kräftig auf den Rücken, ich gehe kurz in die Knie und huste. "Wie geht's dir? Vorhin in Drascir hätte ich nicht gedacht, dass du Grenth nochmal von der Schippe springst!"
"Danke, ich bin völlig wieder hergestellt", rufe ich ihm lachend zu und schlängle mich weiter durch die Menge nach vorn, Alesia am Arm hinter mir her ziehend. Der Lärm ist unbeschreiblich - es geht doch nichts über eine kleine Party, um die Moral der Truppe zu heben.
Endlich am Bierausschank angekommen, will ich gerade dazu ansetzen, dem Schankwirt meine Bestellung ins Ohr zu brüllen, als sich eine Hand schwer auf meine Schulter legt.
"Seid gegrüßt, Waldläuferin Tari Calenardhon! Euch habe ich ja eine Ewigkeit nicht gesehen."
Ach herrje. Ich drehe mich um und blicke in das wettergegerbte Gesicht von Waldläufermeister Nente. Der hat mir gerade noch gefehlt, denke ich und seufze innerlich. Seit dem Großen Feuer bin ich ihm erfolgreich aus dem Weg gegangen, aber jetzt hat er mich erwischt.
"Nun, das trifft sich gut, ich schulde Euch ja seit über zwei Jahren noch eine Einladung", grinst er erfreut. Er hat meine Schulter immer noch nicht losgelassen.
"Oh, es hat keine Eile", antworte ich, bemüht, nicht zu knurren wie Chili, wenn man ihr auf den Schwanz tritt, und lächle gezwungen. "Ich bin mit Freunden aus meiner Einheit hier, wisst Ihr, wir wollten ein bisschen..."
Ich blicke hilfesuchend zu Alesia, die sich mit mäßigem Erfolg bemüht, ein Kichern zu unterdrücken.
"Tari, ich gehe hinüber zu Orion und Stephan, ich wünsch' Dir noch viel Spaß!", grinst sie und winkt mir im Gehen kurz zu. "Und übertreib' es nicht mit dem Bier, sonst darfst du wieder meine Tränke kosten!"
Ach, auch das noch... ich seufze stumm, während Meister Nente zwei Maß Bier ordert.
"So, Tari", Nente drückt mir einen schäumenden Humpen in die Hand und stößt so schwungvoll mit mir an, dass mir Bier und Schaum in den Ausschnitt meiner Rüstung spritzen, "auf Euer Wohl!"
Ich nehme einen tiefen Schluck, das Bier ist hervorragend, ich fühle mich ein bisschen entspannter.
"Sagt mir, Tari wie ist es Euch in all der Zeit ergangen? Gut seht Ihr aus", Nente greift mein Kinn mit Daumen und Zeigefinger und dreht mein Gesicht hin und her, während er mich prüfend beäugt, "ein bisschen mager zwar, aber sonst fast unverändert." Er versucht ein gewinnendes Lächeln, und ich versuche ohne Erfolg, einen Schritt zurückzutreten. Hier stehen einfach zu viele Leute herum, noch dazu habe ich den Schanktisch im Rücken. Alle schwatzen, lachen und trinken, weiter hinten werden schon die ersten Gassenhauer angestimmt, und ich wäre gern woanders. Leider ich kann mich jetzt auch nicht so einfach aus dem Staub machen, das wäre sehr unhöflich, denn immerhin ist Nente einer meiner ersten Ausbilder gewesen, und nicht zuletzt verdanke ich ihm Chili. Davon abgesehen würde ich in diesem Gewühl ohnehin nicht weit kommen.
"Was macht denn Euer Pirscher", will Nente wissen. "Ihr habt ihn doch hoffentlich noch? Das Große Feuer hat leider nicht viele von ihnen übriggelassen, inzwischen sind sie beinahe ausgestorben", erzählt er.
"Natürlich habe ich sie noch, Meister", ich schubse seine Hand, die immer noch mein Kinn festhält, mit dem Bierkrug beiseite, "ein Leben ohne Chili kann ich mir nicht mehr vorstellen. Sie liegt dort hinten, beim Stand des Farbenhändlers, seht Ihr? Dieses Gedränge hier ist nichts für sie."
Nente reckt den Hals, um einen Blick auf Chili zu werfen, die sich gerade gelangweilt im Staub rollt. "Richtig, ich erinnere mich", sagt er, "Ihr hattet ja ein weibliches Tier bekommen. Wisst Ihr, ich plane ein Zuchtprogramm, um die Pirscher-Population wieder auf eine solidere Basis zu stellen." Er hebt erneut seinen Bierkrug und lässt ihn mit Schwung gegen meinen knallen.
"Könntet Ihr Euch vorstellen, mir Euer Weibchen für dieses Programm zur Verfügung zu stellen? Zufällig weiß ich ein prachtvolles Männchen, das bestens zu ihr passen würde."
Er schenkt mir ein anzügliches Grinsen, das mir überhaupt nicht gefällt. Nente hat heute abend ganz sicher schon mehr als ein Bier genossen, denke ich grimmig. Ich lächle gequält und frage mich, was wohl als nächstes kommt - wird er gleich anfangen, eine vergleichende Studie über die diffizilen Paarungsrituale der Pirscher zu diskutieren??
Dazu kommt es jedoch nicht, denn Nente hat meinen neuen Bogen erspäht, den ich über der Schulter trage.
"Was ist das denn - darf ich mal sehen?" fragt er und nimmt mir den Bogen ab, ohne meine Zustimmung abzuwarten, was mich ärgerlich eine Braue hochziehen lässt.
"Das ist Droknars Recurvebogen", antworte ich, während ich versuche, ihm den Bogen wieder aus der Hand zu nehmen, Nente lässt aber nicht los. "Er ist sehr alt..."
"... und sehr kostbar", führt Nente meinen Satz zu Ende. "Wie kommt jemand wie Ihr zu solch einer seltenen Waffe?" Mit zusammengekniffenen Augen betrachtet er abwechselnd mich und den Bogen.
Jemand wie ich, hmm?, denke ich amüsiert.
"Ein Geschenk von Prinz Rurik", antworte ich und grinse breit.
Meister Nente schaut ungläubig. "Soso, vom Prinzen persönlich? Sagt mir, Tari - was musstet Ihr tun, um ein solch wertvolles Geschenk zu verdienen?", fragt er und schaut mich mit schmalen Augen schief von der Seite an.
"Scharf schießen", antworte ich wahrheitsgemäß und lasse mein Grinsen noch eine Spur breiter werden, während ich mich mit einer perfekten Demonstration von Selbstzufriedenheit mit dem Rücken gegen den Tresen lehne, die Ellbogen auf die Kante stütze und meine Mähne in den Nacken schüttle. Soll er doch denken, was er will!
Allmählich geht mir die Situation zunehmend auf die Nerven, und ich würde mich gern davonmachen. Geht aber nicht, weil Nente noch meinen Bogen in der Hand hat und fachmännisch begutachtet. Seufzend lasse ich meinen Blick über die Menge gleiten. Wie komme ich hier nur weg? Vielleicht besteht irgendwann heute Nacht nochmal die Möglichkeit, an ein Bier zu kommen, das ich in netter Gesellschaft genießen darf – oder in überhaupt keiner, was ich meiner momentanen Begleitung jederzeit vorziehen würde, überlege ich frustriert. Neidisch betrachte ich die vielen Leute um mich herum, die sich offensichtlich prächtig amüsieren, und seufze erneut.
In der Menge vor mir tut sich eine Lücke auf, und mein Blick fällt auf Alesia, die gute fünfzehn Meter von mir entfernt mit einem hochgewachsenen Mann spricht, den ich nicht kenne – oder doch? Irgendetwas ist vertraut an ihm… sie blickt zu mir herüber und deutet auf mich, der Mann schaut in meine Richtung – oh. Prinz Rurik. Ohne Helm und Rüstung hätte ich ihn beinahe nicht erkannt. Er trägt ein langes, schwarzes Lederwams mit einer kleinen Goldstickerei rechts auf der Brust – wahrscheinlich sein Familienwappen, überlege ich flüchtig –, dazu hohe schwarze Stiefel aus weichem Leder. Sein dichtes Haar schimmert wie dunkle Bronze im Schein der Feuer. Er kommt mit raschen Schritten durch die Menge, die blitzschnell eine Gasse für ihn frei macht, zu mir herüber. Als er sich neben mich stellt und mich am Arm nimmt, fällt mir ein, dass ich auch mal wieder atmen müsste, und schnappe nach Luft. Die Verletzung muss mir wohl doch mehr Kräfte geraubt haben, als ich dachte, überlege ich, normalerweise bringt mich ein einziges Bier nicht so sehr aus der Fassung.
"Tari", sagt Rurik, seine Stimme klingt fast vorwurfsvoll. "Was macht Ihr hier? Solltet Ihr Euch nicht noch schonen? Eure Verletzung war sehr schwer, Grenth hatte Euch schon ziemlich fest im Griff. Ich war sehr in Sorge um Euch." Ernst schaut er mir ins Gesicht.
"Ich.. ich bin wieder ganz in Ordnung, My Lord… Rurik…", bei allen Göttern, ich stottere wie eine Geisteskranke. Wie bringt er mich nur immer dazu, mich zu benehmen, als hätte ich nicht alle beisammen? Ich versuche ein Lächeln, es klappt ganz gut.
"Kommt mit zum Feuer, ich möchte mir Eure Verletzung kurz ansehen, hier ist es zu dunkel", sagt er und zieht mich hinter sich her. Im Gehen drehe ich mich um und reiße Nente, der mit offenem Mund dasteht und ein Gesicht macht wie einer der Spiegelkarpfen in den Fischteichen meiner Eltern, noch rasch meinen Recurvebogen aus der Hand, hebe eine Augenbraue und schenke ihm ein süffisantes Grinsen.
Rurik führt mich zum nächsten Feuer, das hell in den schwarzen Nachthimmel lodert.
"Kommt her, Tari, lasst mich mal sehen", sagt er, dreht mich zum Feuerschein und schiebt vorsichtig meine Mähne beiseite. Ganz sanft streichen seine Fingerspitzen über meinen Hals, dort, wo der Charr-Krieger die klaffende Wunde gerissen hatte. Ich spüre seinen warmen Atem auf meiner Haut, stehe stocksteif, unfähig, mich zu bewegen, bemühe mich, meine Knie vom Zittern abzubringen und halte mich an meinem Bogen fest. Mein Herz schlägt wie eine Kriegstrommel, ich höre das Blut in meinen Ohren singen. Süße Melandru... vergeblich versuche ich zu ignorieren, was hier gerade mit mir passiert.
Rurik nickt unmerklich und lächelt. "Die Heiler haben ausgezeichnete Arbeit geleistet", sagt er und schaut nochmal hin, "es ist fast nichts mehr zu sehen. Dennoch, Ihr solltet Euch ausruhen, Tari." Er lässt seine Finger von meinem Hals über mein Schlüsselbein gleiten. Ich bekomme eine Gänsehaut. Dann tritt er einen Schritt beiseite, was ich mit Bedauern zur Kenntnis nehme. Ich beschließe, mich zusammenzureißen, schüttle selbstbewusst meine Mähne zurück und schaue dem Prinzen gerade in die Augen.
"Ich muss morgen früh bei Sonnenaufgang zurück nach Rin", fährt er fort und erwidert ernst meinen Blick. "Sturmrufer muss zu meinem Vater gebracht werden. Ich möchte, dass Ihr mit mir kommt. Die große Ebene zwischen Nolani und Rin wird inzwischen auch von den Charr belagert, ich brauche Euch und Eure Leute, um den Weg freizuräumen und sie davon abzuhalten, in die Akademie einzufallen. Schafft Ihr das, Tari?"
"Aye, natürlich", nicke ich. Bis Sonnenaufgang sind es zwar nur noch ein paar Stunden, aber was soll's, denke ich. Er gönnt sich keine Pause... warum sollte es mir da besser ergehen?
"Rurik... ist etwas dran an den Geschichten um die Macht Sturmrufers?", will ich wissen. Ich kann es mir irgendwie nicht vorstellen, dass der Klang eines Horns, und sei es noch so gewaltig, eine Armee riesiger, blutrünstiger Charr besiegen kann.
"Ganz ehrlich - ich weiß es nicht, Tari", er blickt nachdenklich in die Flammen und fährt sich mit den Fingern durch sein dichtes Haar. "Nichts möchte ich lieber glauben, als dass Sturmrufers Wiederentdeckung die Wende in diesem Krieg bedeutet und uns endlich den Sieg über diese Bestien bringt. Wir werden es einfach versuchen müssen."
Aufmerksam schaue ich ihn an. Sein Gesicht zeigt die übliche grimmige Entschlossenheit, aber wenig Optimismus.
"Kommt, Tari", er strafft sich und nimmt sanft meinen Arm, "ich bringe Euch jetzt zurück zum Haus der Heilung. Für heute ist die Feier für Euch zu Ende. Ich brauche Euch morgen früh mit all Eurer Kraft."
Ich deute eine knappe Verbeugung an, lächle und lasse mich von ihm wegführen, bin mir der zahlreichen Blicke, die uns neugierig folgen, wohl bewusst.
Schweigend schlendern wir dicht nebeneinander durch die dunklen, menschenleeren Gassen, die nur hie und da von flackerndem Fackellicht erhellt werden, zurück zum Haus der Heilung.
"Ihr redet nicht viel, Tari, oder?", fragt Rurik, während wir den glimmenden Überresten einer Fackel ausweichen, die sich aus ihrer Halterung gelöst hat und zu Boden gefallen ist.
"Nein", antworte ich betont einsilbig, werfe ihm durch die Fransen meiner Mähne einen raschen Seitenblick zu und kann mir ein Grinsen nicht verkneifen, weil ich mir vorstelle, wie viel geistloses Geplapper im Moment dabei herauskäme, wenn ich es täte. Genug, um wesentlich langmütigere Männer, als der Prinz es ist, nachhaltig in die Flucht zu schlagen.
Der Weg ist nicht sehr weit, bald schon kommt das Haus der Heilung in Sicht, ein flacher, langgestreckter Bau, dessen einstmals weiße Tünche in den letzten beiden Jahren sehr gelitten hat. Der Putz bröckelt an allen Ecken. Der von zwei blakenden Fackeln gerahmte Eingang hat keine Tür mehr, ist stattdessen mit schweren Tüchern verhängt.
An der Schwelle bleiben wir stehen. Bevor er geht, muss ich noch etwas wissen. "Sagt", beginne ich mutig und schaue ihn mit schiefgelegtem Kopf an, "kümmert Ihr Euch so fürsorglich um jeden Eurer Soldaten, wenn er im Kampf verletzt wurde?" Die Frage ist natürlich rein rhetorischer Natur, ich will eigentlich nur herausfinden, warum er sich so intensiv um mich kümmert. Oder ob ich mir etwas einbilde.
"Nein. Nicht um jeden", antwortet er leise und lächelt. Viel redet er aber auch nicht, denke ich.
Im diffusen Licht der Fackeln ist sein Blick dunkel, sein Gesicht unergründlich. Vorsichtig nimmt er eine lange Strähne meines Haars, die mir übers Gesicht gefallen ist, lässt sie langsam durch die Finger gleiten, zieht behutsam mit den Fingerspitzen die Linie meines Unterkiefers nach und streicht sanft mit dem Daumen über meine Unterlippe. Süße Melandru... Ich möchte mich irgendwo festhalten, aber hier ist nichts. Meine Oberschenkel sind wie Gelee. Ich blinzle. Mein pochendes Herz kann man wahrscheinlich bis nach Ascalon hören. Chili reibt ihren Kopf mit so viel Druck an meinem Knie, dass ich ihre Eckzähne spüren kann. Die Fackeln prasseln, spucken hin und wieder glühende Funken in die stille Nachtluft. Mir ist, als hätte jemand die Zeit angehalten. Der Moment scheint Äonen zu dauern, und ist doch innerhalb eines Wimpernschlags vorbei.
"Gute Nacht, Tari." Rurik lässt meine Haarsträhne los und wendet sich abrupt zum Gehen. "Schlaft gut. Wir sehen uns morgen früh bei Sonnenaufgang, draußen vor der Akademie." Ein letztes Lächeln, dann entschwindet er mit raschen Schritten in die Dunkelheit.
Ich stehe wie festgewachsen vor dem Eingang des Hauses der Heilung und warte darauf, dass die Kraft in meine Beine zurückkehrt. Sobald sie sich wieder bewegen lassen, gehe ich langsam hinein, um diese Nacht noch einmal auf meinem Krankenlager zu verbringen. Der Heiler, der Nachtdienst hat, besteht darauf, meine Verletzung noch einmal zu untersuchen, nickt zufrieden und schickt mich dann ins Bett.
Überflüssig zu erwähnen, dass ich in den verbleibenden Stunden dieser Nacht kein Auge zutue.
