Anmerkungen

°....° = jemand denkt "...." = jemand sagt {...} = in Basic gesprochen (Standardsprache der Neuen Republik bzw. des Imperiums)

Darth Saturn - The Dark Harvest

Teil 9

Es war bereits weit nach Mitternacht, doch Sailor Uranus und Sailor Neptun waren immer noch auf der Sucher nach ihrer Tochter. Längst waren die zwei Senshi die einzigen Leute, die noch auf der Straße unterwegs waren, aber falls nötig würden sie ganz Tokyo auf den Kopf stellen, um ihren kleinen Engel zu finden. Im Moment jedoch waren sie damit beschäftigt, entlang ihres normalen Heimwegs jeden Stein einzeln umzudrehen.

Gefunden hatten sie bis jetzt nichts, und mit jedem verstreichenden Augenblick wuchs ihre Sorge und Verzweiflung.

Was war Hotaru passiert ? Ging es ihr gut ? Warum war sie verschwunden ?

Diese Fragen und mehr gingen den beiden Senshi durch den Kopf.

Plötzlich entdeckte Sailor Neptun zwei Gestalten auf ihrem Weg. Deren Körpersprache erweckte fast den Eindruck, als wenn sie auf die Senshi gewartet hätten.

Ein wenig verunsichert wurden die Senshi langsamer. Uranus warf Neptun einen fragenden Blick zu. Diese erwiderte den Blick und zuckte ein wenig nervös mit den Schultern.

"Schauen wir mal nach, was diese Zwei von uns wollen." schlug sie vor.

Wenig später standen die zwei Senshi vor zwei jungen Männern, die in elegante, locker geschnittene schwarze Anzüge gekleidet waren.

"Welche von euch beiden ist Sailor Neptun ?" fragte einer der beiden mit ruhiger Stimme. Seine dunkelbraunen Augen beobachteten sie gelassen und sein Gesichtsausdruck war bar jedweder Emotion.

Sailor Neptun trat vor.

"Ich bin Neptun. Wer seid ihr, und was wollt ihr von mir ?"

Als Antwort trat der andere Mann vor und reichte ihr einen Briefumschlag.

"Was ist das ?" fragte Uranus mißtrauisch, während ihre Partnerin nach dem Umschlag griff, ihn öffnete und den Brief darin las.

"Die Antwort auf eure Suche." entgegnete der erste Mann.

Uranus schien sofort zu begreifen. Mit magisch verbesserter Geschwindigkeit schoß sie vorwärts, um den Mann zu packen, doch ihr Gegner schien irgendwie ihre Bewegung vorausgesehen zu haben, denn er wich dem Angriff durch einen simplen Schritt zur Seite aus. "Wo ist Hotaru ?" fauchte Uranus unterdessen, wütend, daß ihr Angriff sein Ziel verfehlt hatte. "Was habt ihr mit ihr gemacht ?"

Der junge Mann wich auch dem nächsten Angriff mühelos aus.

"Wir sind nur Boten." antwortete er gelassen. Weder er noch sein Begleiter erweckten den Eindruck, Angriffe der Senshi in irgendeiner Form zu fürchten. "Alle Antworten finden sich in dem Schriftstück."

"Uranus warte !" hielt Neptun sie zurück. Das blonde Mädchen fuhr zu seiner grünhaarigen Begleiterin herum und bemerkte, daß diese sichtlich um ihre Fassung rang.

"Steht in dem Brief, wo Hotaru ist ?"

"Nun...nicht genau..."

"Was heisst das ? Nun sag schon, was los ist !" fuhr Uranus ihr ungeduldig ins Wort.

"Sie schreibt, sie sei von einem sehr weisen Lehrmeister eingeladen worden, der ihr angeboten hat, ihr neue magische Fähigkeiten beizubringen, mit denen sie uns besser helfen kann als mit ihren bisherigen Attacken."

"Du willst doch nicht sagen, daß sie dieses Angebot einfach so angenommen hat, oder ?" fragte Uranus aufgebracht.

"Dieser Lehrmeister möchte offenbar unbedingt einen Senshi unterrichten, und sie war die erste, deren Identität seine Mitarbeiter aufgedeckt haben." antwortete Neptun besorgt. "Wenn sie nicht eingewilligt hätte, hätte er versucht, die Identitäten weiterer Senshi herauszubekommen, aber da sie eingewilligt hat, wird es keine weiteren Nachforschungen mehr geben."

"Sowas Idiotisches !"

"Sie schreibt, daß sie sich gut mit einer gleichaltrigen Schülerin jenes Lehrmeisters versteht, und daß sie sich sehr darauf freut, uns schon bald mit neuen Kräften unterstützen zu können."

"Und warum schreibt sie nicht, wo sie ist ? Oder wer dieser Lehrmeister überhaupt ist ?" fragte Uranus ärgerlich.

"Sie wollen nicht, daß andere von ihren Kräften erfahren." erklärte Neptun. "Deshalb halten sie ihre Identitäten und den Ort des Trainingslagers geheim."

"Damit wir keine Möglichkeit haben, sie zu finden." brummte Uranus.

"Ihr Senshi haltet eure Identitäten doch auch geheim." warf einer der beiden Männer ein. Der Andere holte unterdessen einen Zettel und einen Schlüssel hervor.

"Was ist das ?" fragte Uranus.

"Adresse und Schlüssel eines Schließfachs." lautete die Antwort. "Falls irgendjemand dem Mädchen einen Brief schreiben möchte, kann er dort hinterlegt werden. In ungefähr wöchentlichen Abständen werden wir das Fach kontrollieren, und Antworten des Mädchens dort hinterlegen."

Uranus wollte protestieren, aber Neptun hatte sich damit abgefunden, daß sie auf diese Weise nichts ändern konnten.

"Wie lange wird Hotaru weg sein ?" fragte sie.

"Wir haben nichts mit ihrer Ausbildung zu tun, aber ich denke, daß das Grundlagentraining ein paar Wochen in Anspruch nehmen wird."

"So lange ?" Neptun wollte fast das Herz zerspringen vor Kummer. Wie sollte sie eine so lange Trennung von ihrer Tochter überstehen ?

Einer der Beiden zuckte mit den Schultern.

"Soweit ich gehört habe, ist sie sehr talentiert, also sollte sie schnell vorankommen." versuchte er sie scheinbar aufzumuntern.

Neptun brachte daraufhin auch tatsächlich ein tapferes Lächeln zustande.

"Nun denn. Das war´s dann wohl." meinte er und verabschiedete sich höflich von den Senshi. Sein Begleiter tat es ihm gleich. "Ach und eins noch..."

Die zwei Senshi schauten fragend.

"...wenn es etwas gibt, was wir gar nicht leiden können, dann ist es, wenn uns jemand hinterherrennt, also seid so gut und denkt nicht mal dran, uns zu verfolgen."

Neptun schien bereit zu sein, dem Folge zu leisten - schon wegen Hotaru - aber aus demselben Grund war Uranus mehr als bereit, die Verfolgung der zwei Boten zumindest zu versuchen.

Offenbar sahen die Boten das genauso, denn vor ihrem Abgang benutzten sie die Macht für eine kleine aber effektive Geistesmanipulation, die dazu führte, daß die Senshi zehn Minuten lang einfach so auf der Stelle stehenblieben, bevor sie sich wieder bewegen konnten.

Verblüfft schauten Uranus und Neptun sich um.

"Wo sind die Zwei so schnell hin ? Die standen doch vor einem Augenblick noch hier."

"Keine Ahnung, Uranus, aber das Ganze wird mir langsam unheimlich."

"Laß uns heimgehen und mit Pluto darüber reden."

"Ob sie uns deshalb nicht helfen wollte ? Weil Hotaru diese neuen Kräfte erhalten soll ?"

Uranus schaute ihrer Partnerin besorgt in die Augen.

"Ich hoffe das es so ist, Neptun. Ich hoffe es."

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Hotaru hatte unter Zirkonites Anleitung stundenlang meditiert, um ihren Geist von jeglichen Gedanken zu befreien, die nichts mit der Ausbildung zu tun hatten. Dann hatte Zirkonite sie verlassen. Dafür hatte Midori den Raum, der eigentlich mehr eine düstere Halle mit einem Lichtkreis im Zentrum war, betreten, und hatte sich gegenüber von Hotaru an den Rand des beleuchteten Bereichs gesetzt.

"Warum ist Zirkonite gegangen ?"

"Sie hat noch einige Aufgaben zu erledigen." antwortete Midori bereitwillig. "Wenn du willst, können wir später bei ihr vorbeischauen, aber jetzt sollten wir uns auf das hier konzentrieren."

Hotaru nickte eifrig. Es war zwar schon weit nach Mitternacht, und sie war todmüde, aber sie war entschlossen, das nicht zu zeigen. Außerdem war sie so gespannt auf das Training, daß sie vermutlich trotz ihrer Müdigkeit nicht hätte einschlafen können.

"Was muß ich tun ?"

"Um die Macht zu benutzen, ist es wichtig, sich seiner Umgebung bewußt zu sein."

Hotaru begann sich umzuschauen.

"Ich rede nicht von deinen Augen, Hotaru."

"Nicht ?"

"Du hast doch sicher schon von optischen Täuschungen gehört, nicht wahr ?"

Ein Nicken.

"Deine Augen können dich täuschen, also vertraue ihnen nicht."

"Aber wie...?"

"Fühle deine Umgebung."

Midori griff mit der Macht hinaus und beförderte eine Vogelfeder ins Zentrum des Lichtkreises. Dann ließ sie eine Augenbinde zu Hotaru herüberschweben.

Nachdem Hotaru ihre Augen verbunden hatte, gab Midori ihr neue Anweisungen.

"Nun stelle dir die Feder im Geiste vor." sagte sie leise. "Und zwar genau diese Feder, nicht irgendeine. Die Feder ist mit ihrer Umgebung durch die Macht verbunden, genau wie jedes andere Ding oder Lebewesen, und das heisst, sie ist auch mit dir verbunden." Die Stimme des Mädchens hatte jetzt einen beinahe hypnotischen Klang. "Finde diese Verbindung und folge ihr zu der Feder, und dann lasse ein wenig von der Macht in die Feder fließen, um sie in die Luft zu heben."

Hotaru bemühte sich, den Anweisungen zu folgen, während Midori ihr immer neue Tips und Instruktionen gab. Da sie die Macht benutzte, um in Hotarus Geist zu lesen und so zu verfolgen, wie gut sie bei der Umsetzung der Instruktionen tatsächlich vorankam - denn das war immer der schwierige Teil: die Umsetzung eines abstrakten Konzepts in Anweisungen, die der Schüler auch umsetzen konnte - fiel es ihr nicht schwer, das Mädchen in die richtige Richtung zu dirigieren.

Zwei Stunden später war Hotaru von der mentalen Anstrengung schweißnaß, aber die Feder schwebte in der Luft.

"Ich werde dir jetzt das Tuch abnehmen, aber bleib weiter konzentriert."

Midori ging zu ihr herüber und nahm das Tuch ab.

"Und jetzt mach die Augen auf."

Hotaru öffnete die Augen und anschließend staunend ihren Mund, als sie die schwebende Feder sah.

"Du hast es geschafft, die Feder aufwärts zu bewegen." lobte Midori sie. "Jetzt bewege sie auch in andere Richtungen."

"Ich werd´s versuchen." antwortete Hotaru matt.

"Nein." Midori klang jetzt sehr energisch. "Tu es, oder laß es. Wenn es um den Umgang mit der Macht geht, gibt es kein versuchen."

Hotaru nickte und konzentrierte sich darauf, die Feder zu bewegen. Die Macht so zu lenken, wie Midori es ihr erklärt hatte, kam ihr etwas schwierig vor, aber je länger sie die Feder bewegte, desto weniger fühlte sie sich dabei unbeholfen.

Nach einer Weile nickte Midori und lächelte zufrieden. Dann streckte sie ihre Hand aus.

"Gib mir bitte die Feder, Hotaru."

Das jüngere Mädchen konzentrierte sich auf die Bewegung der Feder und schaffte es tatsächlich, sie direkt auf Midoris Hand landen zu lassen.

"Das war schon sehr gut." lobte sie sie. "Noch eine Übung, und wir sind fertig für heute."

"Und was soll ich tun ?"

Midori war sehr zufrieden damit, daß der Eifer der neuen Schülerin nicht unter ihrer Erschöpfung zu leiden schien. Sie drückte auf einen Knopf auf einer Fernbedienung, die an ihrem Gürtel hing, und ein weiterer Bereich der Halle wurde erleuchtet. Dort lagen ein faustgroßer Kieselstein, ein etwa anderthalb Meter langer T-Stahlträger und ein großer quaderförmiger Betonblock. Mehrere Meter über jedem der drei Gegenstände war eine Markierung angebracht.

"Heb den Stein bis zur Markierung, und dann laß ihn langsam wieder herunter."

Hotaru nickte und konzentrierte sich auf den Kiesel. Es war schwerer, fand sie, aber nach ein paar Minuten schaffte sie es, den Stein bis zur Markierung schweben zu lassen, und ihn dann wieder zu landen.

"Sehr gut." lobte Midori. "Wenn auch ein wenig langsam, aber das ist nur eine Frage der Übung. Jetzt den Stahlträger."

Hotaru konzentierte sich erneut auf ihr Ziel. Diesmal fand sie es extrem schwer, den Träger überhaupt abheben zu lassen, und als sie ihn etwa bis zur Hälfte der geforderten Höhe angehoben hatte, verlor sie die Konzentration, und der Träger landete mit einem gewaltigen Poltern auf der Erde.

"Wo ist dein Problem ?"

"T-tut mir leid." stammelte Hotaru atemlos. "Der Träger...er ist einfach zu schwer für mich."

Midori lächelte scheinbar verständnisvoll. Dann streckte sie die rechte Hand aus, ließ die Macht fliessen und hob alle drei Objekte gleichzeitig. Dann liess sie sie wieder landen und wandte sich an die staunende Hotaru.

"Du mußt verstehen, daß es unerheblich ist, ob du eine Feder, einen Kieselstein oder diesen Betonblock anhebst, Hotaru."

"Aber der Betonblock ist doch viel, viel schwerer."

"Die Masse eines Objekts ist unwichtig. Wenn du es mit der Macht bewegst, ist nur von Bedeutung, daß du glaubst, daß du es bewegen kannst." entgegnete Midori darauf. "Mit reiner Körperkraft könnte ich den Stahlträger auch nicht heben, aber die Macht hat nichts mit Körperkraft zu tun, sondern mit geistiger Stärke. Wenn du bereit bist, das zu akzeptieren, heb den Stahlträger nochmal hoch."

"Und wenn ich das nicht kann ?" Hotarus Stimme war voller Selbstzweifel.

"Ohne den Glauben an deine innere Stärke wirst du auch die schwierigeren Disziplinen nicht meistern können. Was ich dir hier beibringe, mag dir großartig erscheinen, aber vergiß nicht, daß ich das nur tue, damit du für den richtigen Unterricht vorbereitet bist."

Hotaru nickte verstehend. Dann sammelte sie sich und versuchte es erneut. Zu ihrem Erstaunen klappte es tatsächlich, den Träger wie gewünscht zu bewegen, und beflügelt durch diesen Erfolg gelang ihr dasselbe sogar mit dem Betonblock.

"Du solltest aufhören, über dich selbst erstaunt zu sein."

"Warum ?"

"Daß du bei deinen Leistungen Erstaunen empfindest, zeigt, daß du davon überrascht bist, aber solange du nicht schon im Voraus völlig von deinem Erfolg überzeugt bist, wirst du im Umgang mit der Macht immer Probleme haben."

"Aber ich habe es doch geschafft."

"Ohne deine Selbstzweifel könntest du Objekte wesentlich schneller bewegen." entgegnete Midori. "Versteh mich nicht falsch, du bist auf dem richtigen Weg, aber ab morgen wirst du jeden Tag mindestens zwei Stunden damit verbringen, soviele Objekte wie möglich so schnell wie möglich durch die Halle zu bewegen, bis du es im Schlaf beherrscht. Und denk daran: Größe und Gewicht der Objekte sind völlig unwichtig."

"In Ordnung."

"Und jetzt laß uns mal sehen, was Zirkonite so tut. Danach gehen wir duschen, essen was und gehen ins Bett."

Midori führte Hotaru durch ein wahres Labyrinth von hellerleuchteten Korridoren aus dunklem Metall zu Zirkonites Büro.

Dort trafen sie sie an, wie sie auf einem großen Wandschirm Bildsequenzen studierte, die ausnahmslos Leid, Zerstörung und Gewalt zeigten. Schon nach wenigen Augenblicken legte sich das Gefühl des Bedrücktseins beinahe greifbar auf Hotarus Gemüt.

"Warum schaust du dir diese Bilder an ?"

Zirkonite blickte zu Hotaru auf und lächelte freudlos.

"Verschwindet denn all das Leid, wenn ich nicht hinsehe ?"

"Nein. Aber es verschwindet auch nicht, wenn du hinsiehst." gab sie zurück.

Zirkonite seufzte tief. "Ich analysiere Berichte aus Krisenregionen." erklärte sie.

"Warum ?"

"Was ist denn das für eine Frage ?"

Hotaru schaute die Frau aus dem Dunklen Königreich verständnislos an. War es möglich, daß diese Bilder ein Ersatz für die Bosheiten waren, mit denen sie sich früher zweifellos beschäftigt hatte ? "Vielleicht, weil dir die Bilder gefallen ?"

Zirkonite musterte sie, als würde sie an Hotarus Verstand zweifeln. Dann rief sie eine neue Bildsequenz auf.

"Sieh genau hin." forderte sie das Mädchen auf. "Was siehst du ?"

"Panzer und Soldaten, die neben einem Haus stehen, das gerade von einer Planierraupe plattgewalzt wird."

"Dieses Haus stand in Ramallah, einer Stadt in der sogenannten palästinensischen Autonomiezone." erklärte Zirkonite. "Und zerstört wurde es von israelischen Soldaten."

Hotaru konnte sich vage an Nachrichten erinnern, die von Problemen in dieser Region berichteten. Da es nichts war, was Japan betraf, waren Medienberichte darüber nicht so ausführlich gewesen.

"Und sie haben das Haus zerstört, weil dort ein Mann wohnte, der sich in einem Bus selbst in die Luft gesprengt hat." fuhr Zirkonite fort. "Als Abschreckung wird nun das Haus zerstört, in dem er gelebt hat. Die anderen Bewohner sind nun natürlich obdachlos, und falls sie sich geweigert haben sollten, das Haus zu verlassen, sind sie wohl unter den Trümmern begraben worden."

Bei dieser Vorstellung wurde Hotaru blaß. Was konnten diese Leute dafür, wenn in ihrem Haus ein Selbstmordattentäter gewohnt hatte ?

Eine neue Bildsequenz zeigte ein paar Jugendliche, die mit Steinen nach Panzern warfen und daraufhin von Soldaten beschossen wurden.

"Die israelischen Soldaten gehen hart gegen jedweden noch so kleinen Widerstand vor." kommentierte sie diese Sequenz. "Natürlich halten sich ihre Truppen an internationale Konventionen und setzen Gummigeschosse gegen Zivilisten ein."

Hotaru schien ein wenig erleichtert zu sein. Die Vorstellung, daß Jugendliche erschossen wurden, weil sie mit Steinen nach Panzern warfen, war ihr einfach zu erschreckend erschienen.

"Dumm ist nur, daß die Israelis unter Gummigeschossen hartgummiummantelte Stahlbolzen verstehen, die auf kurze Entfernung ebenso tödlich sind wie scharfe Munition." warf Zirkonite nach einem kurzen Augenblick des Schweigens ein. "Da diese Munition aber der Konvention entspricht, kann niemand dagegen Widerspruch einlegen."

Die junge Senshi schaute sie entsetzt an.

"Wie du siehst, können manche Leute durchaus böse Taten begehen, ohne aus dem Dunklen Königreich oder der Familie des Schwarzen Mondes zu stammen - oder zu einer der anderen klassischen Feindgruppen der Senshi zu gehören."

"Das ist wahr, aber das war schon immer so." entgegnete Hotaru bedrückt.

"Ihr Senshi habt es wirklich leicht." Zirkonite schien nun ein wenig wütend auf die Senshi zu sein.

"Aber was dort passiert, ist nicht unsere Schuld." verteidigte Hotaru sich und die anderen Senshi.

"Natürlich nicht." stimmte Zirkonite ihr zu. "Ihr Senshi sucht euch aus, gegen welche Arten von Bösewichtern ihr kämpfen wollt, und beschränkt euch ansonsten darauf, die nächsten neunhundert Jahre relativer Unsterblichkeit damit zu verbringen, auf euer Kristall-Tokyo und den allgemeinen Weltfrieden zu warten."

"Worauf willst du hinaus ?" fragte Hotaru.

"Ich will darauf hinaus, daß ihr euch im Prinzip nur zurücklehnen braucht, weil ihr genau wisst, daß diese friedliche Zukunft irgendwann Realität werden wird." entgegnete Zirkonite bestimmt. "Aber in den nächsten neunhundert Jahren werden noch verdammt viele Leute leiden und unnötig sterben müssen, bis diese Zukunft Gestalt angenommen hat. Nicht nur in Israel. In Diktaturen rund um den Globus werden Menschen umgebracht, nur weil sie nach Ansicht der herrschenden Klasse die falsche Religion oder Hautfarbe haben, oder sonstwas an ihnen angeblich falsch ist. Amerika ist gerade in diesem Augenblick dabei, einen sinnlosen Krieg vorzubereiten, der nur geführt wird, weil der amerikanische Präsident der Auffassung ist, der Irak müsse unbedingt eine neue Regierung haben. Und wenn du willst, kann ich dir noch hunderte weiterer Beispiele sinnloser Bosheit aufzeigen, die überall auf der Erde geschehen."

"Aber...wir können doch nicht gegen die Regierungen kämpfen."

"Wie entscheidet ihr eigentlich, gegen wen ihr kämpft und gegen wen nicht ?" warf Midori plötzlich ein, die sich bisher nicht am Gespräch beteiligt hatte.

"Nun, zunächst einmal schützen wir Tokyo vor bösen Kräften - sei es aus anderen Dimensionen oder aus dem Weltraum - und dann tun wir alles, um dafür zu sorgen, daß die Gründung von Kristall-Tokyo nicht gefährdet wird."

"Und woher wisst ihr so genau, was ihr tun müßt ?"

"Sailor Plutos Aufgabe als Wächterin der Zeit ist es, dafür zu sorgen, daß keine Ereignisse auftreten, die die Zeitlinie, die von heute bis in jene Zukunft führt, gefährden." antwortete Hotaru ernst. "Und falls die Zeitlinie doch in Gefahr gerät, ist es unsere Aufgabe, etwas dagegen zu unternehmen."

"Und woher weiss Sailor Pluto so genau Bescheid ?" fragte Midori erstaunt.

"Da sie Zugang zum Tor der Zeit hat, kann sie in die Zukunft und in die Vergangenheit sehen, und sich mit Hilfe des Tors sogar durch die Zeit bewegen."

"Hab ich richtig verstanden ?" Midori schien nur mit Mühe ihre Fassung bewahren zu können. "Ihr Senshi könnt durch die Zeit reisen ?"

Hotaru kicherte bei dieser Vorstellung und winkte dann ab. "Nein, Midori. Pluto kann uns theoretisch ebenfalls durch die Zeit schicken, aber sie ist die Einzige, die wirklich von sich aus reisen kann."

Aus einem für Hotaru nicht erkennbaren Grund schienen sowohl Zirkonite als auch Midori über ihre Antwort erleichtert zu sein.

Schließlich verliessen die Mädchen Zirkonites Büro wieder.

Kaum waren sie draußen, da stellte Zirkonite eine Verbindung zu ihrem Meister her und berichtete ihm von Sailor Plutos ausgefallener Fähigkeit. Dabei schalt sie sich selbst einen Narren. Angesichts ihres Beinamens 'Wächterin der Zeit' war etwas derartiges doch offensichtlich gewesen. Wieso war sie nie von selbst darauf gekommen ? Traxius sagte ihr jedoch, sie solle Ruhe bewahren und seine weiteren Anweisungen abwarten.

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Unterdessen erreichte ein kleines Flugzeug ein abgelegenes Dorf im hohen Norden Chinas. Nachdem der Flieger im Innern eines getarnten Hangarbunkers zum Stehen gekommen war, stieg eine junge, in eine dunkle Robe gehüllte Frau aus und bewegte sich mit eleganten Schritten auf die wartende Gruppe von Uniformierten zu.

"Ich grüsse sie, General Craiden."

Der General neigte respektvoll den Kopf, während seine Untergebenen ein Spalier für die Zwei bildeten.

"Ich muß sagen, ihr Besuch kommt sehr...unerwartet, Kaori-san." bemerkte er beiläufig nach der Begrüßung, während sie sich auf den Weg zur Liftplattform machten.

"Nur unerwartet, oder auch ungelegen, General ?"

"Unerwartet." antwortete er mit großer Entschiedenheit. "Wer hätte damit rechnen sollen, daß Lord Traxius jemanden mit ihren Qualifikationen herschicken würde ?"

"Der Meister wünscht, daß sie mir einen Posten in ihrem Stab geben, der es mir ermöglicht, mir einen Überblick über die Operationsplanung zu verschaffen." teilte sie ihm ohne großes Drumherumgerede mit. Schließlich war sie nicht hergekommen, um Zeit zu verschwenden. "Und machen sie sich keine Sorgen, General. Ich werde mich in die Operationsleitung nicht einmischen." fügte sie hinzu, als sie den Ausdruck auf dem Gesicht des Kommandeurs bemerkte.

°Solange sie ihre Arbeit erledigen, habe ich auch keinen Grund für eine Einmischung.°

General Craiden fing sich recht schnell wieder und lächelte knapp.

"Ich bin sicher, daß sich alles nach Wunsch regeln läßt."

Dann fuhren sie mit dem Lift ins vierundzwanzigste Tiefgeschoß.

"Sind sie mit dem Aufbau dieser Basis vertraut, Kaori-san ?"

"Nicht besonders." antwortete sie, schaute ihn dann jedoch abwartend an.

"Die obersten zehn Etagen sind vollgestopft mit Ausrüstung und Nachschub. Danach kommen zehn Etagen, die vollgestopft sind mit kryogenischen Stasisbehältern. Die fünf Etagen darunter beherbergen das Stützpunktspersonal, die Energieversorgung und die Planungs- und Leitzentrale. Und die letzten fünf Etagen sind mit den Spaarti-Zylindern und der zugehörigen Ausrüstung, wie beispielsweise den Lernmaschinen, gefüllt."

Während Craiden ihr einige Dinge detaillierter beschrieb, mußte sie unwillkürlich lächeln. Vieles von der Technologie, die in dieser Basis zum Einsatz kam, stammte nicht von dieser Welt. Seit sie Meister Traxius diente, hatte sie unglaubliche Dinge gesehen, die für die meisten Menschen auf dieser Welt reinste Science Fiction waren.

"Der Füllungsgrad der Stasiskammern ?"

"Einhundert Prozent." Ein klein wenig Stolz lag in Craidens Stimme. "Insgesamt achthundertfünfzigtausend Einheiten."

"Reicht das für die erste Welle ?" fragte sie überrascht. "Bevölkerung und Armee Chinas sind nicht gerade klein."

"Oh, China ist doch gar nicht unser Primärziel." erwiderte der General erstaunt. "Durch gewisse Arrangements, die Zirkonite getroffen hat, wäre ein Angriff auf China in der Anfangsphase der Operation eher kontraproduktiv. Wir werden die Zeit nutzen, um die dünnbesiedelten Gebiete Sibiriens unter unsere Kontrolle zu bringen."

Kaori zog eine Augenbraue hoch.

"Was nützt uns denn die Kontrolle über ein paar Mose und Flechten?"

"Wenn sie die Planungsunterlagen durchgehen, werden sie feststellen, daß es in Sibirien um mehr geht als Mose und Flechten."

"Wie sie meinen, General. Und der Ausstoß der Klonfabrik ?"

"Im Moment haben wir die Produktion gestoppt, weil die Stasiskammern voll sind, aber sobald die Operation beginnt, werden wir die Produktion wieder aufnehmen, und dann liegt die Produktionsrate bei fünftausend Exemplaren pro Monat." antwortete er. "Gleiches gilt für vier weitere geheime Fabriken an der chinesischen Nord- beziehungsweise Nordwestgrenze. Dort befinden sich allerdings anstelle der Planungskomplexe Fabrikationsanlagen für Nachschubgüter."

Kaori nickte verstehend.

"Stellen sie mir ein Büro zur Verfügung. Außerdem brauche ich vollen Zugang zu allen Planungsunterlagen für die Operationen 'Dark Harvest', 'Blackout' und 'Desert Devastation'."

"Ein Büro steht ihnen in wenigen Minuten zur Verfügung." antwortete der General. "In einer Stunde haben wir auch ein Quartier für sie hergerichtet. Aber ich bitte sie nun, meine Wenigkeit zu entschuldigen, Kaori-san. Die Pflicht ruft."

"Natürlich, General."

"Falls sie etwas benötigen sollten, wenden sie sich an Leutnant Morgan." setzte er, auf einen jungen Stabsoffizier deutend, hinzu, bevor er sich verabschiedete.

Kaori drehte sich zu dem jungen Leutnant um.

°Hmm...kurze blonde Haare, durchtrainierter Körper und allzu dumm schaut er auch nicht aus.°

Sie schenkte ihm ein breites Raubtiergrinsen.

"Nun, Leutnant, sie haben ihren General gehört."

"J-ja, Ma´am. W-was kann ich für sie tun ?"

Ein belustigtes Funkeln trat in ihre Augen, als sie seine Angst und Unsicherheit spürte. Offensichtlich genossen Lord Traxius Schüler bereits einen gewissen Ruf.

"Eine Führung durch alle Ebenen der Basis." antwortete sie. "Dann zeigen sie mir mein Büro." Ihre Stimme klang nun überaus freundlich, und sie bemerkte, wie er sich sichtlich beruhigte.

"Ja, Ma´am. Hier entlang bitte." sagte er, und machte sich auf den Weg zurück zum Lift. Als sie ins erste Tiefgeschoß fuhren, um einige der Ausrüstungsdepots zu besichtigen, beschloß sie jedoch, ihr kleines Spiel fortzusetzen.

"Und wenn sie mir mein Büro gezeigt haben, führen sie mich zu meinem Quartier, und dann werden wir mal sehen, was sich noch so ergibt."

Der letzte Teil des Satzes hatte auf genau die Art beiläufig geklungen, die junge Männer, die eigentlich vermeiden wollten, in Fettnäpfchen zu treten, in den Wahnsinn treiben mußte. Kaori freute sich diebisch, als sie bemerkte, wie der junge Offizier leicht errötete und dann den Kopf zur Seite drehte.

Eine Liaison mit dem jungen Mann war für sie zwar undenkbar - erstens war sie mit einem Auftrag hier und nicht zum Vergnügen, und zweitens war er für ihre Verhältnisse viel zu unbedeutend - aber sie liebte es, mit anderen Menschen zu spielen, und sie zu manipulieren.

Jetzt galt es aber erstmal, alles Wissenswerte über diese Basis zu lernen und sich dann mit den Plänen für 'Dark Harvest', 'Blackout' und 'Desert Devastation' vertraut zu machen.