Kapitel 9 – Sorgen

„Hast du eigentlich schon Urlaub eingereicht?" Kacy hob ihren Kopf und sah von der Spiegelleiche auf und zu Jack rüber, welcher anscheinend auf eine Antwort wartete. „Warum sollte ich das tun?", stellte sie die Gegenfrage und entlockte dem Entomologen damit ein leises Seufzen. „Naja, die Feiertage liegen dieses Jahr günstig. Mit ein paar Brückentagen hat man schnell eine ganze Woche rausgehauen. Und zu Weihnachten tut ein wenig Ruhe ja immer gut." Die Rothaarige ließ sich diesen Gedanken durch den Kopf gehen. Eine ganze Woche frei. Schließlich schüttelte sie den Kopf: „Nein, danke. Ich kann darauf verzichten." Ihr Blick wanderte zurück zum Skelett, bekam so nicht mehr Jacks Kopfschütteln mit. „Aber warum denn? Familienbesuche, Spazierengehen, Feiern braucht alles seine Zeit.", bemerkte er und hoffte, das wenigstens eine im momentanen Team heile Familienverhältnisse hatte. Angela versuchte nun seit einer Woche, Bones für eine gemeinsame Weihnachtsfeier zu gewinnen, danach würden er und sie für drei Tage in die Sonne fliegen. Booth durfte auf ein paar Stunden mit Parker hoffen, auch nicht richtig heile Welt. Er selber mied seine Familie schon lange. Und Angelas Vater tourte auch irgendwo in der Weltgeschichte rum. Zack hatte zwar eine riesige Familie, besuchte sie aber eigentlich nur aus Pflichtgefühl, außerdem war er nicht hier und zählte somit nicht. „Die Punktspuren auf Speiche und Elle stammen wahrscheinlich von den Spritzen." Jack schüttelte erneut den Kopf und verschränkte die Arme vor der Brust. „Das Thema war noch nicht beendet." Kacy richtete sich auf und stützte sich mit beiden Händen an dem Tisch ab, sah wieder zu ihm herüber. „Mein Vater wurde erschossen als ich 12 war und mit meiner Mutter rede ich nicht mehr, seit ich mit dem Studium angefangen habe. Sie weiß nicht einmal, dass ich nicht mehr in Montreal arbeite, sondern hier. Ist das Ausrede genug um keine Familienbesuche zu haben?", sagte sie und sah ihren Gegenüber dabei ernst an. Also doch keine heilen Familienverhältnisse. Es wäre ja zu schön gewesen. Immerhin schien sie ansonsten keine Abneigung gegen Weihnachten zu haben, denn Angela hatte auch ihr Büro ein wenig geschmückt und den Weihnachtsstern ließ sie auch nicht verkümmern. Noch bevor er etwas darauf erwidern konnte, betraten Bones und Booth die Plattform, anhand ihres Gesichtsausdruck konnte Jack schon erahnen, dass eine neue Leiche gefunden worden war, die wieder zufällig in das Spektrum des Jeffersonian fiel. „Wir sind gleich wieder da, arbeitet weiter.", meinte Temperance knapp und erhielt ein kurzes Nicken als Antwort, ehe sie mit dem Special Agent auch schon wieder verschwunden war. Kacy sah ihr hinterher, bis sie aus dem anthropologischen Bereich verschwunden waren, wandte ihren Blick dann zu Jack, mit welchem sie einen verschwörerischen Blick austauschte. „Hast du die Mischung überprüft?" Der Entomologe schüttelte den Kopf. „Nein, noch nicht. Aber komm mit." Gemeinsam gingen sie in Jacks Labor, wo er mit ein paar Klicks und Tastatureingaben eine Tabelle auf den Bildschirm rief. „Ich habe noch nicht die genaue Zusammensetzung überprüft, dafür sitzt mir Brennan mit den Chloroformzusammensetzungen zu sehr im Nacken aber ich hab mich mal in Zacks Wohnung ein wenig umgesehen." Der Wissenschaftler räusperte sich etwas, als täte es ihm leid, dies getan zu haben. Die junge Anthropologin hatte sich auf der Rückenlehne seines Stuhls aufgestützt und überflog die Liste. „Sämtliche Chemikalien, die er zuhause gebunkert hat, plus meine, plus sämtliches Zeugs aus Reinigungsmitteln und dem restlichen Hausbestand. Und inklusive allem an was er hier rankommt ohne dafür Anträge stellen zu müssen.", zählte Jack auf und klang dabei ein bisschen stolz, immerhin war die Liste auch sehr lang. „Okay…also müssen wir jetzt die Mischung in ihre Einzelteile zerlegen und nachsehen, ob sie in der Liste drin sind. Bei Substanzen, die der Liste unbekannt sind, müssen wir überprüfen, wo sie herkommen, wer sie verkauft, wie man Zugang dazu bekommt und ob Zack dazu Zugang hatte.", erläuterte die Rothaarige ihre bevorstehenden Aufgaben und fuhr sich mit einer Hand durch die Haare. Jack nickte leichte und starrte den Bildschirm an. „Klingt nach Nachtschicht." Diesmal war es Kacy die nickte: „Klingt nach Nachtschicht." „Ich werde Angela bitten, dass sie Bones ablenkt, dann haben wir hier Ruhe." Wieder nickte sie. So sehr Temperance ihnen vielleicht helfen würde und wahrscheinlich auch könnte, vorerst würden sie es vor ihr geheim halten müssen, dass sie den Gormogonfall, insbesondere alles was mit Zack zu tun hatte, neu aufrollten. Die Anthropologin gönnte sich schon wegen der drei merkwürdigen Leichen kaum noch Ruhe, sollte sie hierbei auch noch helfen, würde sie wohl gar nicht mehr schlafen. „Ich habe mit Montreal telefoniert. Spätestens übermorgen kriege ich die Daten der Überwachungssysteme und Berechnungen über die Standhaftigkeit", erwähnte sie schließlich und löste sich von der Stuhllehne, sah zu den Sensoren in den Raumecken hoch. „Angela hat auch schon unseren Wachdienst um den Finger gewickelt. Das Modell unseres Systems ist also in Arbeit.", ergänzte Jack und erhob sich aus seinem Stuhl. Hoffentlich würden sie hier wesentlich erfolgreicher sein als bei ihren Opfern sein. Es war ein riskantes Unterfangen. Immerhin würden ihre Untersuchungen eine endgültige Antwort bringen. Und das bereitete dem Entomologen Sorgen. Entweder sie würden genügend Hinweise für die Unschuld seines besten Freundes finden aber selbst dann mussten sie noch herausfinden, wer der wirkliche Lehrling war und vor allem warum Zack dann behauptet hatte, der Lehrling zu sein. Das war die eine Möglichkeit. Die andere Möglichkeit war, dass sie Zacks Schuld bewiesen und dieser Gedanke verursachte Bauchschmerzen. Zwar war das Team bisher auch davon ausgegangen, dass Zack irgendwie schuldig war aber eine gewisse Ignoranz dieser Fakten hatte die Freundschaft aufrecht erhalten und innerlich dachte wohl jeder an eine Verschwörung. Jack holte tief Luft und warf einen kurzen Blick auf die Uhr: „Ich sollte mich wieder um das Chloroform kümmern, bevor die beiden wiederkommen." Kacy nickte und verließ sein Büro, sie konnte ihm bei dieser Arbeit nicht wirklich helfen und auch die Mischung würde er alleine zerlegen müssen, schließlich war er der Experte dafür. Und das war einer der Gründe gewesen, warum sie ihre Koffer gepackt hatte und hierher gekommen war. Wenn jemand Den Fall noch mal genauer untersuchen konnte, dann waren es Zacks Freunde, nicht ohne Grund von vielen als die besten der USA bezeichnet. Ganz alleine wäre sie nicht weit gekommen. Außerdem tat der Gedanke gut, dass es noch mehr Menschen gab, die seine Unschuld erhofften. Jeder andere hätte ihr nur gesagt, dass sie blind vor Liebe war. Aber das war sie nicht, sämtliche Sehnerven funktionierten noch immer sehr gut, daran hatte sich nichts geändert, seitdem sie den Anthropologen kennengelernt hatte. Sie trat zurück auf die Plattform und begutachtete die Überreste der Spiegelleiche. Noch immer hatten sie keine großartigen Hinweise gefunden. Dr. Goodman hatte ihnen zwar eine lange Liste über die Geschichte der Spiegelsymbolik gegeben, doch das Team war sich einig gewesen, dass die Leiche zu unbeschadet für eine Dämonenaustreibung war. Die Rothaarige schaute zur Uhr hoch, wo die Zeiger gerade punkt 18 Uhr anzeigte. Mit einem leisen Klick sprang die Weihnachtsbeleuchtung im gesamten Labor an und entlockte ihr ein kleines Lächeln. Zuhause hatte sie noch nicht geschmückt, vielleicht würde sie am Wochenende dazu kommen. Wenn sie die restlichen drei Kartons an Büchern und anderem Kleinkram in die Regale ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung sortiert hatte. Ihr Lächeln verschwand wieder, sie würde wahrscheinlich zu spät zur Klinik kommen. Schon wieder. Eigentlich war es ein Wunder, dass Zack ihr bisher noch abnahm, dass sie Urlaub genommen hatte. Und eigentlich war es auch nicht richtig, dass sie ihn so anlog aber es musste sein. Er würde sie davon abbringen wollen, weiter zu suchen. Würde ihr sagen, dass sie sich keine Sorgen um ihn machen sollte, es würde ihm doch gut gehen. Immer wollte er, dass sie sich keine Sorgen machte.

~ Flashback ~

Morgen um diese Zeit sitzt du schon im Flieger." Zack schluckte leicht und hoffte, dass sie sein Zusammenzucken nicht bemerkt hatte. Aber natürlich hatte sie es bemerkt, schließlich hielt er sie fest im Arm, während sie auf dem Sofa in ihrem Wohnzimmer saßen. Man musste schon durch Verletzungen oder Verbrennungen abgestumpfte Nerven haben, damit man die Bewegungen eines sehr nahen Körpers nicht spürte. Und dann wären da immer noch die Sehnerven, die eine Bewegung registriert hätten. „Es ist mir nur gerade aufgefallen.", sagte sie leise und klang dabei, als täte es ihr leid, seinen bevorstehenden Abflug erwähnt zu haben. Am morgen hatte er sich schon vom Team verabschiedet. Angela hatte geweint, Dr. Brennan sah unglücklich aus und Jack hatte mit ein paar blöden Sprüchen sein Unwohlsein zu überspielen versucht. „Ich will nicht.", sagte er leise. „Ich weiß. Ich will auch nicht.", antwortete sie betrübt und strich ihm über seinen kurzen Haarschopf. Sie mochte seine kurzen Haare nicht wirklich und er auch nicht. Sobald er zurückkehren würde, würde er sie wieder wachsen lassen. Zack seufzte. Wenn er zurückkehren würde. Er erzählte ihr lieber nicht von den vielen Zahlen und Statistiken die in den Zeitungen und Büchern standen aber so wie er sie kannte, hatte sie diese auch ohne sein Erwähnen im Kopf. „Ich schreibe, wenn ich da bin." Kacy nickte leicht. Er wusste, dass sie sich Sorgen um ihn machte aber es nicht zeigte. Schließlich sagte er immer, dass sie sich keine Sorgen um ihn machen sollte. Er hatte sich dafür entschieden, den Aufenthalt im Iraq anzutreten. Das war vor einem Monat gewesen und inzwischen wusste er nicht mehr, warum er sich dafür entschieden hatte. Wäre es nicht männlicher gewesen, Nein zu sagen? Er hatte hier sein Leben, seinen geregelten Tagesablauf, seinen besten Freund, eine großartige Arbeit und seit einiger Zeit den Rotschopf aus Montreal. Stattdessen hatte abgelehnt, Jacks Trauzeuge zu werden, er hätte sich dafür ohrfeigen können. „Noch 8 Stunden." Zack seufzte leise. „Mach dir keine Sorgen, Ich komme schon wieder.", flüsterte er ruhig und drückte ihr dabei einen Kuss auf die Stirn. Kacy nickte und griff zur Fernbedienung, damit der Film weiterlief.

~ Flashback Ende ~