Kapitel 9

Die Nacht brach herein über dem Lager im Wald, als Legolas sich auf den Weg zur Aussichtsplattform machte, wo Orophin und Edlothion bereits Wache hielten.

Zwei Tage waren vergangen, seit Haldir sich ihm offenbart hatte, und seitdem hatte Legolas ihn gemieden. Er verstand es selbst nicht genau, doch irgendetwas stand nun zwischen ihnen, etwas, das ihn nicht mehr so offen mit dem älteren Elben umgehen ließ. Er wollte ihn einfach nicht sehen oder mit ihm reden, da es dann früher oder später zu einer Aussprache kommen würde. Was sollte er dann sagen? Wie sollte er sich ihm gegenüber (nun) verhalten, da er es nun wusste?

Er hatte noch am selben Abend Daeron und Thalgorn gefragt, ob er mit ihnen Nachtwache halten könnte. Als Vorwand hatte er angegeben, dass er gerne auch einmal in einer anderen Gruppe sein wollte, um vielseitigere Erfahrungen zu sammeln, doch Haldir musste geahnt haben, dass dies eine Lüge gewesen war. Legolas wusste, dass er ihn verletzt hatte.

In der darauf folgenden Nacht hätte er mit ihm und Rumil wachen sollen, doch war er alleine im Zelt zurück geblieben.

Diese Nacht schloss er sich nun Orophin und Edlothion an, was ihn für weitere zwölf Stunden von Haldir fern halten würde.

„Legolas, guten Abend!" rief Orophin von dem Flett herab und Legolas kletterte an dem Seil hinauf.

„Guten Abend", grüßte er und legte seinen Bogen und Köcher ab, um sich dann neben Edlothion auf den Boden zu setzen, der wieder einmal damit beschäftigt war, Pfeile zu schnitzen. Nur kurz schaute der Dunkelhaarige unter seinen widerspenstigen Haarsträhnen zu Legolas auf und nickte zum Gruß.

„Verzeiht, dass ich erst jetzt zu euch stoße, aber ich habe ein wenig die Zeit verloren, als ich Gîl-Farod versorgte", erklärte Legolas. Am Nachmittag war er alleine ausgeritten und hatte sein Ross anschließend ausgiebig gestriegelt und Mähne und Schweif von Verknotungen befreit.

„Es ist ein wahrlich prächtiges Tier, was du da hast", sagte Orophin, der am Rande der Plattform stand und von Zeit zu Zeit seinen Blick in die dunkle Ferne schweifen ließ. „Doch woher hast du ein solches Pferd bekommen?"

„Vor einigen Jahren waren Menschen bei uns, um uns ihre Tiere zu verkaufen. Mein Vater kaufte dann eine wunderschöne rotbraune Stute mit heller Mähne und einen Rappen, da er noch nicht zugerittene Jungtiere haben wollte. Der Hengst war feurig und widerspenstig, und selbst die schnellsten unserer Pferde konnten sich kaum mit ihm messen, und wir nannten ihn Mornpillin. Die Stute war sanftmütiger, aber dennoch temperamentvoll und sehr elegant. Mein Vater versprach mir dann, dass ich ihr Fohlen bekommen würde und mich von Anfang an darum kümmern sollte, damit es sich an mich gewöhnte. Ich weiß nicht einmal, ob Gîl-Farod einen anderen Reiter zulassen würde." Legolas lächelte, als er sich daran erinnerte, wie er den Hengst aufwachsen sah, der schon als Fohlen versprochen hatte, einmal ein königliches Reittier zu werden.

„Du hast ihn selbst zugeritten?" fragte Orophin interessiert.

„Oh ja, das habe ich, auch wenn es nicht leicht war", antwortete Legolas. „Denn Gîl-Farod hat die Wildheit seines Vaters geerbt, aber ebenso seine Stärke und Schnelligkeit. Jedoch ist sein Wesen sanftmütiger. Mornpillin ist ein wunderschönes Ross, doch zum Reiten kaum geeignet."

„Warum gabst du ihm diesen Namen?" wollte nun Edlothion wissen.

„Nun, er hat diesen kleinen Fleck in Form eines Sterns auf der Stirn, und so dachte ich, ‚Stern' müsse in dem Namen vorkommen, und bereits als er noch ein Fohlen war, galoppierte er so schnell über die Koppel, dass es aussah, als wolle er die Sterne jagen, und sein heller Schweif flog hinter ihm her wie eine Sternschnuppe", antwortete Legolas.

„Ein wahrlich passender Name", gab Orophin zu. „Und wie ich gehört habe, musst du ein vortrefflicher Reiter sein. Ich glaube kaum, dass sich einer von uns mit dir messen kann."

Legolas errötete leicht. „Nun, dafür verstehe ich nicht sonderlich viel vom Schwertkampf oder Bogenschiessen."

„Und auch das wirst du noch lernen", unterbrach ihn Orophin. „Jedenfalls ist mein Bruder ein ausgezeichneter Lehrer."

Legolas seufzte kaum merklich, als der silberblonde Elb Haldir erwähnte. Er wusste nicht einmal, wann und ob überhaupt er wieder mit ihm trainieren würde, nachdem, wie sich die Dinge zwischen ihnen entwickelt hatten.

„Er hat es dir also gesagt?" fragte Orophin und ging vor Legolas in die Hocke, um seinen Blick zu suchen.

„Was gesagt?" Legolas tat so, als wisse er nicht, wovon der Ältere sprach, schließlich war auch noch Edlothion anwesend, und vielleicht war es Haldir nicht recht, wenn er davon erführe.

„Keine Angst, er weiß es auch", sagte Orophin und schaute kurz in die Richtung des Dunkelhaarigen, der nun seine Arbeit ruhen ließ und Legolas ebenfalls fragend ansah.

Wieder drang ein Seufzen über seine Lippen. „Ja, das hat er."

„Und das ist auch der Grund, warum du ihm aus dem Weg gehst?" Die Direktheit von Orophins Frage überrasche Legolas, und er wusste nicht so recht, wie er darauf antworten sollte.

„Nun, als er es mir sagte, habe ich wahrscheinlich nicht sonderlich klug reagiert", gestand Legolas und blickte etwas nervös unter sich.

„Was hast du denn gesagt?" wollte Orophin wissen, und Legolas war sich darüber klar, dass er den Fragen nicht ausweichen konnte.

„Ich… ich sagte, es sei unnatürlich." Nun hob Edlothion eine seiner fein geschwungenen Augenbrauen und blickte Legolas streng an, was den jungen Elb äußerst irritierte, da der andere sonst so freundlich und sanftmütig wirkte.

„Nun… aber, das ist es doch auch, meint ihr nicht? Männer sind nicht dazu geschaffen, mit anderen Männern zusammen zu sein", erklärte Legolas, verzweifelt darum bemüht, seinen Standpunkt klar zu machen.

„Nicht natürlich sagst du?" fragte Edlothion, während sich Orophins Lippen zu einem ironischen Lächeln verzogen.

„Du solltest aufpassen, in wessen Gegenwart du so etwas sagst", bemerkte Orophin, und Legolas Mund öffnete sich vor Erschrecken, als sich eine Gewissheit in ihm zu festigen begann.

„Du auch?" fragte er den Dunkelhaarigen, und dieser nickte.

Legolas biss sich auf die Unterlippe. Das hatte er nicht geahnt.

„Verzeih", murmelte er leise, und spürte, wie die Röte sich auf seinen Wangen ausbreitete.

„Du musst noch so viel lernen, Junge", sprach nun Orophin, doch seine Stimme klang weniger ermahnend als sanft.

„Zunächst einmal solltest du dich in Toleranz üben, denn es gibt viele Dinge auf dieser Welt, die sich zunächst deinem Verständnis entziehen mögen, und auch ich muss zugeben, dass ich zu Anfang nicht ganz einverstanden war mit der Wahl meines jüngeren Bruders."

„Ja, du hast es uns damals sehr schwer gemacht", sagte Edlothion leise, und Legolas schaute verwirrt zwischen den beiden Elben hin und her.

„Du… ich meine Haldir und du…?"

Edlothion nickte. „Es ist viele Jahre her, doch es war wohl nicht wirklich Liebe."

„Nicht jeder erfährt auf die gleiche Weise Glück, Legolas, doch Haldir hat seinen Weg gefunden, und er wird nicht von ihm abkommen, selbst wenn das bedeutet, dass euere Freundschaft dadurch ein Ende findet", sprach Orophin ernst. „Doch solltest auch du überdenken, ob du dies aufs Spiel setzen willst. Haldir hat dich gerne, das weiß ich, und du hast ihn sehr verletzt. Zählt es denn für eure Freundschaft wirklich, ob er Männer oder Frauen liebt?"

Legolas runzelte die Stirn und dachte einen langen Moment über Orophins Worte nach. Auch er mochte Haldir und war ihm dankbar für alles, was er ihn gelehrt hatte, für seine Freundlichkeit und sein Verständnis. Obwohl Haldir nicht an Frauen interessiert war, hatte er Legolas in seinen Bemühungen um Ithiliel unterstützt und versucht, ihm mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, und nun, da einmal Verständnis von Legolas gefordert war, hatte er es Haldir verwehrt. Plötzlich fühlte er sich schuldig und töricht.

„Es sollte nicht zählen", gestand Legolas ein, den Blick auf den Boden gerichtet.

„Doch tut es das?" fragte Orophin, und sein festern Blick zwang den Jüngeren dazu auf zu sehen.

„Nein", antwortete Legolas leise, doch auch für ihn selbst klang dies nicht besonders überzeugend. „Doch es kommt mir vor, als würde Haldir etwas versäumen, als würde diese Entscheidung sein Leben in irgend einer Weise einschränken."

„Etwas versäumen?" Orophin lachte leise. „Hast du jemals bei einer Frau gelegen, dass du weißt, was er versäumt?"

Wieder stieg die Röte in Legolas Gesicht, als er leicht den Kopf schüttelte. „Aber ich meinte nicht nur dies. Er wird nie Vater werden."

Orophin hatte sich mittlerweile auf den Boden gesetzt und lehnte sich gegen den breiten Ast, der den Rand des Fletts eingrenzte.

„Nun, das ist wahr, dennoch ist Eltern zu werden nicht die Bestimmung eines Jeden. Auch ich habe keine Kinder, und obwohl ich die Vorliebe meines Bruders nicht teile, bin ich mir nicht sicher, ob ich je die Freuden des Vaterseins erleben werde. Und vielleicht gibt es auch andere Dinge, die im Stande sind, einem Mann Glück zu bereiten. Wünschst du dir, einmal Vater zu werden?"

„Ja, das wünsche ich", antwortete Legolas.

„Und warum genau begehrst du dies?" fragte Orophin, als er seinen Dolch aus der Gürteltasche zog und begann, ihn mit einem Schleifstein zu schärfen.

Legolas überlegte kurz. „Nun, ich hätte gerne eine eigene Familie, einen Sohn oder eine Tochter, die ich all die Dinge lehren kann, die ich selbst gelernt habe. Ich möchte meine Kinder heran wachsen sehen und wissen, dass ich ihnen ein guter Vater bin."

„Doch dazu gehören nicht nur die Freunden, sondern auch Pflichten und Verantwortung", sprach Orophin. „Ich selbst habe für meine beiden Brüder die Vaterrolle übernehmen müssen, als unsere Eltern starben. Haldir war schon erwachsen, doch Rumil war noch ein Kleiner Elbling von zwanzig Jahren."

„Wie sind sie gestorben?" fragte Legolas, doch biss er sich auf die Unterlippe und schalt sich für diese direkte Frage, die vermutlich traurige Erinnerungen in dem ältesten der Brüder weckte.

Orophin lächelte beschwichtigend. „Es macht mir nichts, darüber zu reden. Zwar ist die Erinnerung immer noch schmerzlich, doch ist es viele, viele Jahre her. Unser Vater war damals im Wald auf Jagd, als ihn ein Unwetter überraschte und er in einer Höhle Unterschlupf suchen musste. Doch der starke Regen löste eine Schlammlawine am Hang aus und die herabfallenden Felsbrocken brachten die Höhle zum Einsturz."

Legolas hatte zunächst an Orks oder irgendeine andere Bedrohung gedacht, doch ein einfacher Unfall klang um einiges tragischer, konnte man in diesem Fall seine Trauer nicht in Hass gegen einen Schuldigen wandeln.

„Als das Unwetter fort zog, ging Haldir mit einigen Wächtern des Waldes auf die Suche. Ich war zu der Zeit gerade in Caras Galadhon und hatte nicht davon gewusst, wo mein Vater sich aufhielt. Und dann fanden sie die Höhle und es gelang ihnen, sie frei zu legen. Es muss ein grausiger Anblick gewesen sein, denn sein Körper war zerschmettert von den schweren Felsen, die ihn unter sich begraben hatten. Der einzige Trost, den wir darin fanden, war die Hoffnung, dass er schnell den Tod gefunden hatte und nicht lange leiden musste." Orophin stoppte und Legolas sah ihn mitleidig an. Doch wie schrecklich musste dies für Haldir gewesen sein, als er seinen toten Vater fand?

Er fand keine Worte, sein Bedauern auszudrücken, und so fuhr Orophin fort:

„Der Verlust war für uns alle schmerzlich, doch unsere Mutter litt darunter am meisten. Sie hat unseren Vater sehr geliebt. Beinahe Tausend Jahre waren sie ein Paar gewesen, und bereits davor hatten sie sich lange Zeit gekannt, denn sie waren gemeinsam aufgewachsen, bis unsere Großeltern für einige Zeit fort gingen, um durch Mittelerde zu reisen. Sie verbrachten auch einige Zeit in Düsterwald, das damals noch nicht diesen Namen trug, wie du sicherlich weißt. Mein Großvater starb im Heer des deinen in der Schlacht des letzten Bündnisses, und meine Großmutter segelte darauf hin nach Valinor, während mein Vater zurück nach Lorien kam."

Legolas wurde traurig, als er an das Leid dachte, das so viele bereits erfahren hatten. Sein Vater sprach nur selten darüber, doch Haltharon hatte ihm erzählt, was damals geschehen war. In der Schlacht des letzten Bündnisses von Menschen und Elben starben so viele, und doch war ihr Ausgang erfolgreich und der Dunkle Herrscher Sauron besiegt.

„Und so heirateten unsere Eltern und lebten lange Zeit glücklich hier im goldenen Wald", begann Orophin wieder. „Und nachdem unser Vater starb, war unsere Mutter nicht mehr dieselbe. Es war, als hätte mit ihm ein Teil ihrer Selbst den Tod gefunden. Sie begann zu schwinden, und nicht einmal die Liebe ihrer Söhne war in der Lage, sie in dieser Welt und im Leben zu halten. Und so starb auch sie kurze Zeit nach unserem Vater."

Legolas schaute den älteren Elben an, doch dieser hatte nun selbst den Blick gesenkt.

„Worte vermögen nicht auszudrücken, wie leid mir dies tut. Es muss furchtbar für euch alle gewesen sein", sagte er sanft.

„Das war es, doch der Gedanke, dass sich unsere Eltern in Mandos Hallen wieder gefunden haben, spendet mir Trost", antwortete Orophin und sah wieder auf. Ein trauriges Lächeln umspielte seine Lippen.

„Doch wollte ich vorhin noch etwas anderes sagen, und dies wird uns vielleicht wieder auf ein nicht ganz so schwermütiges Thema bringen. Du sagtest, du wünschtest dir nicht zu letzt Kinder, um ihnen dein Wissen zu vermitteln und sie zu lehren, und auch in Haldir lebt dieser Wunsch, doch findet er die Erfüllung darin, andere zu unterrichten. Du bist nicht der erste junge Elb, der von ihm das Bogenschiessen lernt. Haldir ist ein guter Lehrer, nicht zu letzt, da er sehr geduldig ist und mit Freuden sein Wissen teilt."

Legolas nickte. „Ja, er ist wirklich ein ausgezeichneter Lehrer." Wieder musste er daran denken, was er von dem Galadhrim alles gelernt hatte, doch am wichtigsten erschien ihm, dass er ihm beigebracht hatte, nicht mehr davon zu laufen.

„Sprich dich mit ihm aus. Es ist dafür noch nicht zu spät", riet Orophin und lächelte Legolas ermutigend an.

„Ja, das werde ich", antwortete dieser.

„Gut, sehr gut", sagte Orophin und sein lächeln schien zufrieden. Auch Edlothion blickte wieder auf, nachdem er die ganze Zeit über weiter an einem Pfeil geschnitzt hatte, und nickte lächelnd.

Legolas spürte, wie sich Aufregung in ihm breit machte. Am liebsten wäre er sofort zu Haldir geeilt, um mit ihm zu reden, doch wusste er nicht, wo sich dieser zur Zeit aufhielt, denn er war früher am Abend mit Rumil in die Wälder gegangen. Zudem musste Legolas mit den anderen beiden Wache halten. Er seufzte tief und blickte in den sternenklaren Himmel. Es würde noch einige Stunden dauern, bis der Morgen graute und seine Schicht vorüber war. Nervös schaute er sich um, und versuchte seine Gedanken mit etwas kurzweiligem zu beschäftigen, doch alles woran er denken konnte, war Haldir und seine Freundschaft zu ihm. Jetzt, da ihm klar war, dass er sich töricht verhalten hatte, fürchtete er sich, dass Haldir ihm nicht verzeihen würde und dass er nicht nur einen sehr guten Lehrmeister verlieren würde, sondern auch einen Freund.

„Du kannst gehen", sagte Orophin grinsend, und Legolas schaute verwundert zu ihm auf.

„Ich kann es dir ansehen, dass du die Aussprache hinter dich bringen möchtest. Also geh, wir können auch zu zweit Wache halten."

„Danke", antwortete Legolas. „Doch ich weiß nicht einmal, wo er und Rumil sich aufhalten."

„Etwa fünf Meilen nordwestlich von hier ist ein lichter Hang", sprach nun Edlothion. „Und dort wachsen die Fuindaelyth, die Haldir und Rumil sammeln gehen wollten. Du wirst sie dort finden."

Die beiden älteren Elben nickten ihm auffordernd zu und Legolas erhob sich von seinem Platz.

„Ich danke euch", sagte er, griff seinen Bogen und Köcher und glitt dann flink an dem Seil hinab, um zurück zum Lager zu laufen.

Er würde sein Pferd nehmen und so schneller am Ziel ankommen.

Der volle Mond schien hell auf die abschüssige Lichtung des Hügels, als Haldir und Rumil durch das hohe Gras gingen, um die kostbaren Pflanzen zu pflücken.

Haldir bückte sich und befreite eine fünfblättrige, blaue Blüte von ihrem Stängel, um sie in die lederne Tasche zu geben, die er um die Schulter trug. Die Fuindaelyth waren wirkungsvolle Heilpflanzen, die eine starke infektionshemmende Wirkung besaßen. Sowohl als Salbenverband für Wunden als auch zum Einnehmen als Tee waren sie geeignet, um Gifte im Körper zu neutralisieren. Der Wirkstoff war in den dunklen Stempeln enthalten, den die

tropfenförmigen Blütenblätter nun enthüllten, da sie sich geöffnet hatten.

Nur wenige Nächte im Jahr und nur bei Vollmond blühten diese Pflanzen, und so nutzten die beiden Brüder diese seltene Gelegenheit, um die Vorräte des kostbaren Heilkrauts aufzustocken.

Während Haldir die Blüten einsammelte, drifteten seine Gedanken allmählich ab und kreisten wieder einmal um den Nachmittag mit Legolas, seit dem sich alles zwischen ihnen verändert hatte. Zwei Tage war es nun her, und auch wenn der junge Elb für sein Verhalten plausible Erklärungen fand, so war es Haldir doch klar, dass er ihm aus dem Weg ging. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, ihn ins  Vertrauen zu ziehen, denn offensichtlich konnte Legolas nicht damit umgehen. Doch konnte er ihm dies überhaupt verübeln? Selbst Orophin war zu Anfang nicht glücklich darüber gewesen, und von den anderen wusste es kaum einer. Haldir kümmerte sich allerdings nicht darum, ob sie etwas ahnten oder was sie darüber dachten, doch was Legolas davon hielt, kümmerte ihn sehr wohl. Er hatte den jungen Elb in der kurzen Zeit sehr ins Herz geschlossen, verbrachte gerne Zeit mit ihm und genoss seine freundliche, unbeschwerte

Art. Und nun fürchtete er, all dies könnte mit der Offenbarung, die er gemacht hatte, ein Ende haben.

Er seufzte kurz in sich hinein, doch es reichte aus, dass sein Bruder es hörte und sich mit besorgtem Gesichtsaudruck zu ihm wand.

"Du machst dir Gedanken wegen Legolas, nicht wahr?"

Haldir nickte stumm und betrachtete die leuchtend blaue Blüte in seiner Hand. Sie war von der gleichen Farbe wie seine Augen.

"Wenn er deswegen wirklich nicht mehr dein Freund sein möchte, dann verdient er es nicht, dass du dich deswegen grämst, Bruder", sagte Rumil.

Irrte sich Haldir, oder lag da ein Funken von Wut in der Stimme seines Bruders?

"Du hast Recht", gab er zu. "Und dennoch... Ich wünschte, er könnte mich verstehen."

Rumil runzelte die Stirn und blickte seinen Bruder eindringlich an.

„Könnte es sein, dass dein Interesse an eurer Freundschaft vielleicht größer ist als das, was man üblicherweise unter freundschaftlichem  Interesse versteht?"

Darüber hatte Haldir sich noch gar keine Gedanken gemacht. Und dennoch war es nahe liegend, dass sein Bruder dies fragte. „Nein, das ist es nicht", antwortete Haldir.

„Sicher, dass du nicht vielleicht doch ein wenig Interesse an ihm hast?" fragte Rumil, doch Haldir schüttelte den Kopf.

„Dessen bin ich mir sicher. Ich mag Legolas sehr, doch alles was ich mir wünsche, ist seine Freundschaft."

"Vielleicht ist er einfach noch zu jung und unreif, jedenfalls war seine Reaktion äußerst töricht, wenn du mich fragst", antwortete Rumil, und Haldir zwang sich zu einem leichten Lächeln. Es war schön zu sehen, dass sein Bruder sich um ihn sorgte und ihn so sehr verteidigte.

"Vielleicht war sie das nicht. Er scheint mit solchen Gedanken nicht vertraut gewesen zu sein. Vermutlich sind Beziehungen dieser Art gänzlich an ihm vorbei gegangen. Wie sollte er es also verstehen? Ich meine, auf Anhieb."

"Ich hatte auch noch nie etwas davon gehört, als du es mir sagtest, und habe ich dir gesagt, es sei unnatürlich und falsch?" Rumil klang tatsächlich etwas aufgebracht.

"Nein, das hast du nicht", gestand Haldir. "Doch du bist mein kleiner Bruder. Du hast schon immer zu mir aufgesehen. Ich glaube fast, ich hätte dir sagen können, ich hätte mich in einen Ork verliebt, und du hättest es dennoch nicht kritisiert." Ein ironisches Lächeln umspielte Haldirs Lippen, als Rumil kurz leise auflachte.

"Ich fürchte fast, du hast Recht. Aber Edlothion war glücklicherweise kein Ork." Rumil lächelte seinen großen Bruder aufmunternd an und legte ihm seinen Arm um die Schulter.

"Es hat für mich nie gezählt, denn du sollst damit glücklich werden, nicht ich."

"Glück? Was ist das?" fragte Haldir sarkastisch. "Auch wenn ich lange Zeit mit Edlothion zusammen war, so war es nie die tiefe, wahre Liebe, nach der ich mich sehne. Vielleicht ist es so, wie Legolas sagt, vielleicht ist es unnatürlich, und dass ich keinen Mann finde, der imstande ist, mich glücklich zu machen, die gerechte Strafe."

"Sprich nicht so, Haldir", widersprach Rumil ernst. "Wer sollte dich bestrafen wollen? Die Valar? Illuvátar selbst? Wieso sollte er dies tun, wenn er doch Leute geschaffen hat, die Liebe unter ihrem Geschlecht suchen? Und schau dich um, es gibt genügend Elben hier in Lorien, die auch keine Liebe auf dem gewöhnlichen Weg erfahren. Von uns Wächtern hat keiner eine

Gemahlin. Wofür werden sie bestraft?"

"Dann werden vielleicht wir alle gestraft dafür, dass unsere Vorväter sich einst dem Willen der Valar nicht beugten, oder wir uns untereinander bekämpften, wenn wir doch hätten Seite an Seite leben sollen", sprach Haldir leise.

"Aber Bruder, warum so schwermütig? Ich glaube daran, dass alles einen Sinn hat, auch wenn es dir zunächst nicht so erscheinen mag. Doch vielleicht entspringt aus jedem Leid auch etwas Gutes." Rumil klopfte seinem älteren Bruder leicht auf die Schulter und lächelte ihn an.

"Ich hoffe du hast recht, Brüderchen", sagte Haldir und versuchte ebenfalls, zu lächeln.

„Doch nun sollten wir weiter unserer Arbeit nachgehen. Ich würde gerne so schnell wie möglich ins Lager zurückkehren." Dass er sich auf eigenartige Weise bedroht fühlte, verschwieg Haldir. Vermutlich lag es ohnehin nur an seiner melancholischen Stimmung.

Rumil nickte und begann, sich wieder nach den kleinen, blauen Blüten zu bücken, um damit seine Tasche zu füllen. Haldir tat es ihm gleich, während seine Gedanken wieder abschweiften.

Allmählich näherten sie sich dem oberen Rand des lichten Hangs, und ihre Ausbeute war groß genug, um die Tätigkeit für diese Nacht zu beenden. Lautlos tauchten sie in die dichte Dunkelheit des Waldes ein und machten sich auf den Weg zurück zum Stützpunkt.

Nur wenig Mondlicht fiel durch die Blätterkronen auf den von Wurzeln durchzogenen Grund, doch die Augen der beiden Elben waren scharf, und so näherten sie sich sicheren Schritten dem Pfad, der sie zu der Lichtung geführt hatte, als durch die Stille des Waldes plötzlich ein Geräusch drang.

Der Boden schien unter ihnen Füßen leicht zu beben. Deutlich spürten sie die Schwingungen, die die kräftigen Schritte in der Ferne verursachten. Die kühle Nachtbrise trug einen Geruch zu den Brüdern, den Haldir nur all zu gut kannte, und schon erfüllte ein dumpfes Grollen und Schnauben den Wald, als Haldir sich zu seinem Bruder umwandte.

Bevor er ihn schützend zu Boden werfen konnte, zischte ein Pfeil durch die Luft, und mit vor Erschrecken geweiteten Augen sah Haldir, wie Rumil schmerzerfüllt zu Boden ging, als der Pfeil aus seinem linken Oberschenkel stak.

Schnell eilte Haldir an seines Bruders Seite und half ihm auf, umschlang fest seinen Körper und stützte seine humpelnden Schritte. 

„Schnell, in Deckung!" flüsterte er panisch. Sie waren nur zu zweit und außer ihren Dolchen hatten sie keine Waffen bei sich. Haldir wusste nicht, wie viele Orks ihnen auf den Fersen waren, und noch befanden sie sich auf der anderen Seite der kleinen Schlucht, die die beiden Hänge voneinander trennte und nur an einer weiter entfernten Stelle überquert werden konnte. Doch die Horde war mit Pfeil und Bogen bewaffnet und ihnen somit eindeutig überlegen.

Mühsam erreichten die beiden Brüder den oberen Rand der Böschung, hinter der sich der Pfad befand, doch als sie zu ihm gelangten, brach Rumil vor Schmerz stöhnend zusammen.

„Wir müssen weiter!" flehte Haldir leise, doch der jüngere hatte mit seiner Hand fest die Wunde umklammert, um das hervor schießende Blut zurück zu halten, während sein Antlitz bleich war und von Angstschweiß benässt.

Flink legte Haldir eine Hand auf die Wunde, um mit der anderen den Pfeil zu greifen, und bevor Rumil reagieren konnte, hatte er den Fremdkörper aus dessen Bein gezogen. Ein erstickter Schrei fuhr durch die Nacht, und Haldir half seinem Bruder wieder auf, um schnell ein mögliches Versteck zu suchen. Eine Flucht war aussichtslos, denn die Orks würden sie finden, wenn sie auf dem Pfad verweilten. Nur langsam kamen sie voran, während das unheilvolle Beben des Grundes immer stärker wurde und die Laute der Bestien immer näher kamen. Bald schon, bald würden sie sie erblicken, und dann wären sie verloren.

Mornpillin = dunkler/schwarzer Pfeil

Fuindaeloth (pl. Fuindaelyth) = Nachtschattenblüte