Kelly saß Gibbs gegenüber und versuchte sich best möglichst auf ihre Aussage zu konzentrieren, was ihr anfangs doch sehr schwer fiel, denn immerhin, saß ihr Dad ihr gegenüber und brachte sie ganz schön durcheinander. Nach einer halben Stunde hatte sie es endlich geschafft alles wiederzugeben, was sie wusste. Gibbs nickte, es stimmte mit dem überein, was Tony ihm bereits berichtet hatte. Er holte aus der vor ihm liegenden Akte zwei Fotos und legte sie vor Kelly auf den Tisch. Das erste Foto war von dem falschen Patty Officer, dass zweite vom echten.
„Das ist Joe.", sagte sie, auf den falschen deutend. Beim zweiten stockte sie und kräuselte die Stirn. Tony konnte förmlich die Räder rattern hören.
„Den kenn ich auch!", sagte sie schließlich leise. Gibbs schaute sie an, er war hellhörig geworden.
„Woher?", fragte er, fast schon einfühlsam. Er konnte es sich einfach nicht verkneifen, schließlich war sie seine Tochter.
Kelly strich sich über die Augen, die gerötet und müde waren. Angestrengt dachte sie nach. Woher kannte sie diesen Mann bloß? Da fiel es ihr sieden heiß ein. Natürlich!
„Aus Philli, er ist der Vater von Susans Ex-Freund Josh! Aber der heißt nicht Michaels, sondern Burks, Martin Burks.", stammelte sie.
Perplex schaute Gibbs sie an. Seit Stunden hatten sie keine Ergebnisse erzielen können und dann kam seine Tochter daher und nannte ihm gleich einen Namen und einen Ort. Ja, das war eindeutig seine Tochter, dachte er und schmunzelte.
„DiNozzo, du fährst nach Philadelphia und suchst diesen Burks auf. Nimm McGee mit!", befahl Gibbs.
„Aber Boss..", versuchte Tony zu protestieren, doch wurde je unterbrochen.
„Kein Aber DiNozzo!", knurrte Gibbs und Tony spurtete von dannen.
„Ich empfehle mich!", meldete sich der Detective schließlich zu Wort, der die ganze Zeit nur schweigend daneben gestanden hatte, bevor er sich von der Wand ab stieß und den Verhörraum verließ.
Zurück blieben Kelly und Gibbs, die nun endlich mal alleine sein konnten. Kelly starrte angespannt auf ihre Hände. Was sollte sie denn jetzt bloß sagen, nach all den Jahren? Sie wusste es einfach nicht!
„Philadelphia, also!", begann er dann das Gespräch und machte somit den ersten Schritt, wofür Kelly ihm dankbar war.
Kelly nickte und grinste.
„Ja, seit acht Jahren, nach dem das FBI uns aus dem Zeugenschutzprogramm genommen hatte, obwohl der Mörder nie gefasst worden war!", erklärte Kelly und schaute ihren Dad traurig an. „Warum bist du nie zu uns gekommen, Dad. Ich habe Tage und Nächte lang am Fenster gesessen und gewartet, immer mit der Hoffnung du würdest kommen! Warum kamst du nicht, Dad, warum?", fragte sie und schluchzte laut auf, all die Verzweiflung und Ängste brachen in diesem Moment aus ihr heraus.
Sein Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen, als er seine Tochter so verletzt und traurig sah. Er stand leise auf, ging um den Tisch herum und hockte sich neben seine Tochter.
„Ich konnte doch nicht kommen, Kel. Ich dachte doch auch, dass IHR tot wäret!", erklärte er und kämpfte ebenfalls mit den Tränen.
Sie schaute ihn an.
„Es tut mir Leid, Dad!", schniefte sie und lächelte verhalten. „Ich wollte dir keine Vorwürfe machen!", schluchzte sie und schaute beschämt weg.
Gibbs erhob sich und schloss sie erneut in seine Arme.
„Nein, Kel, das hast du nicht!", flüsterte er ihr zu und strich ihr beruhigend über den Kopf. „Das hast du nicht!"
In dem Moment klopfte es an die Tür, diese wurde einen Spalt breit geöffnet und zum Vorschein kam der braune Schopf eines gewissen Halbitalieners.
„Entschuldige wenn ich Störe, Boss, aber wir sind startklar.", erklärte er seine Störung.
Gibbs nickte bloß und löste sich von seiner wieder gefundenen Tochter. Bevor Gibbs den Raum verließ, entgingen ihm jedoch nicht die Blicke die seine Tochter seinem ranghöchsten Agent zu warf. Er grinste und marschierte ins Großraumbüro, jedoch nicht ohne noch ein lautes, mürrisches „DiNozzo!" zu rufen.
Tony schmunzelte und nickte mit dem Kopf in Gibbs Richtung.
„Tja, so ist er, unser Boss!", lächelte er, bevor er Gibbs ins Großraumbüro folgte.
Tony und McGee nahmen ihre Sachen und verschwanden in Richtung Philadelphia. Ziva schaute ihnen etwas wehmütig hinterher. Nichts würde sie jetzt lieber tun, als jemanden richtig in die Mangel zu nehmen. Sie seufzte. Sie hatte schon lange kein richtiges Verhör mehr führen können.
„Ziva!", riss Gibbs sie aus ihren Gedanken. Ihr Kopf schnellte zu ihm herum und sie hatte wieder ihre undurchdringliche Maske aufgesetzt, damit bloß nichts ihrer Gefühle ans Tageslicht kommen könnte.
„Ja, Gibbs?", antwortete sie ihm und schaute ihn erwartungsvoll an.
„Besorg mir alles, was du über einen Martin Burks herausfinden kannst!", befahl er und ging an ihr vorbei, zu den Kaffeeautomaten.
„Klar, Gibbs, wird erledigt!", flüsterte sie und setzte sich an ihrem Schreibtisch um dem Befehl folge zu leisten.
Gibbs eilte zum Kaffeeautomaten und drückte ungeduldig auf die Knöpfe. Es ging ihm einfach nicht schnell genug. Er brauchte ganz dringend einen Kaffee. Den hatte er sich auch reichlich verdient, nach dem Schrecken. Er seufzte, als der Automat den Kaffee in den Styroporbecher füllte. Auch wenn der Automatenkaffee bei weitem nicht so gut war, wie der Kaffee im Cafe Shop um die Ecke, war es ihm in dem Moment egal, auch wenn er es später wahrscheinlich bereuen würde. Jetzt zählte lediglich, dass er Kaffee bekam. Wieder musste er an seine Tochter denken und er lächelte. Gibbs lächelte tatsächlich. Eder Automat spuckte die letzten Tropfen Kaffee aus, zischte noch einmal laut, bevor der Kaffee freigeben wurde. Er nahm den Becher aus der Halterung und ließ einen zweiten füllen. Als dieser dann auch fertig war, nahm er den Becher ebenfalls und ging zurück zu den Verhörräumen, wo er seine Tochter vermutete, doch als er dort ankam, musste er feststellen, dass sie bereits weg war. Plötzlich befielen ihn Zweifel. Hatte er sich alles nur eingebildet? War seine Tochter gar nicht hier gewesen und er hatte all dies nur geträumt? Unruhe machte sich in ihm breit und so schlug er den Weg zur Pathologie ein.
Wenige Minuten zuvor:
„Tja, so ist er, unser Boss!", lächelte er, bevor er Gibbs ins Großraumbüro folgte.
Kelly lachte freudig auf. Ihr Vater hatte sich kein bisschen geändert. Einen Moment blieb sie noch sitzen, bevor sie aufstand und ebenfalls den Verhörraum verließ. Sie blieb unschlüssig auf dem Flur, vor dem Verhörraum stehen. Wo sollte sie denn jetzt hin? Oder noch besser, was sollte sie jetzt bloß tun? So beschloss sie zurück ins Hotel zu gehen und zu warten. Doch worauf sollte sie denn warten? Darauf, dass sich ihr Vater bei ihr melden würde oder sie noch eine Aussage machen solle? Sie wusste es nicht, aber sie wusste, dass sie die Stadt erstmal nicht verlassen konnte und um ehrlich zu sein, wollte sie es auch erstmal nicht, denn immerhin war ER hier. Langsam und in Gedanken versunken, ging sie die Flure entlang und landete schließlich vor einem Fahrstuhl. Sie drückte auf dem Knopf, der den Fahrstuhl holen würde und wartete. Mit einem ‚Pling' gingen die Fahrstuhltüren auf. Sie wollte gerade die Kabine des Fahrstuhls betreten, als sie mit jemandem zusammenstieß, sie hatte gar nicht mitbekommen, dass jemand in dem Fahrstuhl war und nun herauskam.
„Langsam, langsam, mein Kind!", ertönte eine tiefe, angenehme Stimme.
Sie schaute auf und blickte direkt in das freundliche Gesicht eines älteren Herrn, der einen weißen Kittel trug.
„Entschuldigen Sie bitte, ich war so in Gedanken vertieft, dass ich Sie gar nicht gesehen habe. Es tut mir wirklich leid, Sir!", entschuldigte sie sich bei ihm und lächelte scheu.
„Aber nicht doch meine Liebe, ist ja nichts passiert!", erwiderte er mit einem freundlichen Lächeln.
„Ich bin Dr. Donald Mallard, der Chefpathologe dieses Vereins hier. Aber mich ruhig Ducky, das tun sie alle hier!", stellte er sich ihr vor und lächelte.
„Ich bin…", begann sie, wurde von ihm aber unterbrochen.
„Ich weiß, du bist die junge Dame, die unseren Chefermittler völlig aus dem Konzept gebracht hat!", vervollständigte er ihren angebrochenen Satz, lächelnd.
Sie nickte errötend und schaute beschämt zu Boden.
„Wo willst du denn so eilig hin?", fragte er sie.
„Ich… also ich wollte….", stotterte sie. Warum in Gottes Namen stotterte sie heute bloß so viel.
„Was hältst du davon, wenn ich dich hier ein wenig herum führe?", schlug er ihr, immer noch lächelnd, vor.
„Ich weiß nicht so recht!", meinte sie unentschlossen, doch da hatte sie nicht mit Ducky gerechnet, der sie kurzer hand sanft am Arm packte und in den Fahrstuhl zog.
Kelly lächelte. Na wenn er sie so freundlich darum bat, würde sie der Einladung gerne folgen, dachte sie schmunzelnd. So stand sie nun in der Fahrstuhlkabine und fuhr mit Ducky hinab in die Pathologie. Dort zeigte ihr sein Reich und erklärte er ihr so einiges. Ab und an nickte sie, als Zeichen, das sie verstanden hatte. Im Büro saß Palmer. Ducky stellte die beiden miteinander vor.
„Jimmy hat ein Techtelmechtel mit einer Agentin, glaubt aber immer, dass ich davon nichts mitbekomme!", erklärte er ihr schmunzelnd und zog sie weiter.
Kelly nickte und sog regelrecht fasziniert von seiner Art Dinge bildlich darzustellen, alles auf, was ihr der Pathologe alles erzählte und erklärte. Sie fand seine Gegenwart angenehm, er hatte so eine großväterliche Art an sich und hatte sich somit in ihr Herz geschlichen. Sie mochte den alten Pathologen, ohne Frage. Ab und an schweifte Ducky sogar ab in eine seiner Geschichten, doch sie unterbrach ihn nicht, sondern ließ ihn aussprechen und hörte fasziniert zu.
Sie betraten wieder den Fahrstuhl und fuhren damit ein Stockwerk höher.
„Und jetzt zeige ich dir Abbys Reich! Das Reich der glorreichen Forensik!", erklärte er lachend.
Kelly nickte lächelnd. Noch bevor sich die Fahrstuhltür öffnete, dröhnte ihnen die lautstarke Musik entgegen. Ducky verzog das Gesicht.
„Ich versteh nicht, wie man sich mit solch einer Musik die Ohren verderben kann?", sagte er, mit dem Kopf schüttelnd.
Kelly grinste. „Also ich mag diese Art der Musik!", gab sie ehrlich zu.
Entgeistert starrte Ducky sie an.
„Na dann wird Abby dir gefallen und andersherum!", sagte er, amüsiert mit dem Kopf schüttelnd.
Die gläserne Schiebetür glitt auf und offenbarte ihnen den Durchgang zu Abbys Reich. Abby stand vor einem Mikroskop und schaut dort hinein. Ducky ging zur Stereoanlage, obwohl er ganz genau wusste, dass eigentlich nur Gibbs es durfte, schaltete er die Musik ab – außergewöhnliche Ereignisse, erfordern außergewöhnliche Maßnahmen. Abby fuhr, mit einem verärgertem Ausdruck, herum und funkelte Ducky wütend an.
„Hey, ich höre das gerade!", knurrte sie den alten, freundlichen Pathologen an, der sie, wie immer, nur freundlich anlächelte. Diesen Mann schien aber auch rein gar nichts aus der Ruhe zu bringen.
„Hi Abs. Ich führe diese junge Dame hier, gerade etwas herum!", erklärte er und zeigte auf Kelly.
Abby schaute zu ihr rüber, doch als sie erkannte, wer da bei Ducky stand – der wieder neben Kelly zurückgekehrt war - kroch Eifersucht wieder in ihr hoch und sie zeigte ihr daraufhin die kalte Schulter.
„Du hast ihr jetzt mein Labor gezeigt, dann könnt ihr mich ja auch wieder in Ruhe arbeiten lassen!", knurrte sie und wandte sich wieder ihrem Mikroskop.
Kelly spürte sehr wohl die Spannung, die sich zwischen ihr und Abby versuchte aufzubauen – irgendwie hatte sie das Gefühl, dass es mit ihrem Dad zusammen zu hängen schien - und so versuchte sie das Eis zwischen ihnen zu brechen. Sie schaute sich um und erkannte, dass diese junge Goth genauso verrückt nach Forensik war, wie sie selbst. Sie grinste innerlich, ja so würde sie es machen.
„Hey, ist das hier ein Massenspektrometer!", jauchzte sievor Freude, als sie ihr Lieblingsgerät der Forensik entdeckte.
Abby drehte sich blitzschnell um und erfasste sofort, dass diese junge Frau Ahnung von ihrem Fach hatte. Sie horchte erfreut auf, als Kelly begeistert anfing zu erzählen.
Ducky grinste erfreut, als sich die beiden jungen Frauen in ein erregtes Gespräch über dieses Gerät vertieften. Das Eis war nun endgültig gebrochen. Ducky nickte, drehte sich um und verschwand aus Abbys Reich, zurück in sein eigenes.
Als Ducky zurück in die Pathologie kam, traf er auf seinen langjährigen Freund, der zwei Becher dampfenden Kaffees in der Hand hielt und etwas, besser Jemanden zu suchen schien.
„Hallo Jethro, ich nehme an, der Kaffee ist nicht für mich?", fragte Ducky und wandte sich grinsend an seinen Schreibtisch.
„Richtig!", knurrte Gibbs ungeduldig, wie immer.
Ducky grinste und spürte die Nervosität die von ihm ausging. Er wusste ganz genau, wen er suchte und beschloss seinen Freund aus der Misere, in der er sich augenscheinlich befand, zu helfen.
„Sie ist bei Abs!", meinte er schließlich, doch noch bevor er zu Ende gesprochen hatte, war sein Freund weg und die Tür schloss sich just in dem Moment. Kopf schüttelnd beugte er sich wieder über seine Papiere. „Er wird sich wohl nie ändern!"
Schnellen Schrittes trat Gibbs aus dem Fahrstuhl aus und betrat Abbys Reich. Suchend huschten seine Augen durch Abbys Labor, konnte jedoch niemanden ausmachen. Er entdeckte sie erst, als er ein verhaltenes Kichern vernahm und grinste. Leise schritt er vorwärts und entdeckte zwei der wichtigsten Frauen in seinem Leben in Abbys Nebenraum. Abby und Kelly saßen vor dem dortigen PC, besser gesagt, Abby saß davor, hinter ihr Kelly und schaute ihr über die Schulter, kichernd. Er wunderte sich, über was seine Tochter so kicherte, freute sich jedoch, dass seine Tochter sich anscheinend sehr gut mit Abby verstand.
„Hallo mein silberhaariger Fuchs!", begrüßte Abby ihn, ohne auch nur vom Bildschirm wegzublicken. Sie hatte seine Anwesenheit einfach gespürt.
Erschrocken drehte Kelly sich um und schaute zu ihrem Vater. Etwas verlegen blickte sie zu ihm. Langsam trat er auf sie zu und streckte eine Hand mit einem Becher, nur noch leicht dampfenden Kaffees hin, ohne ein Wort zu sagen.
Kelly lächelte und nahm den Becher dankbar entgegen.
„Kaffee!", seufzte sie und nahm, gleichzeitig mit ihrem Vater, einen tiefen Schluck. Sie seufzte glücklich.
Abby hatte die beiden beobachtet und musste lachen. Gibbs schleuderte ihr einen giftig, feurigen Blick zu, während Kelly sie verständnislos musterte.
„Hey, nun schaut nicht so! Es ist einfach ziemlich lustig euch beide zu beobachten!" sie nickte mit dem Kopf. „Jupp, deine Tochter!", führte sie grinsend fort, sich wieder dem PC zuwendend.
