Nach Düsterwald

Je weiter wir ins Tal hinunter kamen, desto besser wurden die Wegverhältnisse. Der schroffe Fels wich langsam niedrigem Buschwerk und Gras. Im Tal herrschte eine satte Graslandschaft vor. Zwischendrin immer wieder Büschel von Thymian, Salbei und Majoran. Oder eher gesagt, deren Äquivalente hier in Mittelerde. In der Ferne konnten wir kleinere Höfe sehen sowie Vieh, das auf dem Grasland weidete. Es schien sich um Rinderherden zu handeln. Wir folgten einem kleinen Flusslauf bis zu seiner Einmündung in den Anduin.

Dort in der Mündungsgabel lag eine kleine Stadt. "Dies dort ist Maethelburg. Sie wurde von Nordländern errichtet. Früher wurde hier viel Handel getrieben", erklärte Legolas, "seit einigen Jahrzehnten nimmt dies jedoch ab. Wo die Zeiten wieder unruhiger werden, wagen sich die Händler nicht mehr in die abgelegeneren Dörfer. Viele von ihnen sind nach Carrock gezogen. Jetzt ist diese Stadt ein Provinzdorf. Nur die Bauern und einige wenige Händler sind geblieben sowie die Alten. Die Jungen zog es nach Carrock. Doch das Gasthaus zum Singenden Ochsen ist sauber und das Essen gut." Diese Aussichten hob meine doch mittlerweile arg angeschlagene Laune wieder ein wenig. Endlich ein warmes Bett und einen großen Teller voll deftigen Eintopfes oder womöglich ein Stück Pastete oder gewürzten Braten.

Wie jedes andere Dorf oder Stadt in Mittelerde, war auch dieses mit einer Palisade umgeben. Allerdings hatte diese schon bessere Zeiten gesehen. Teilweise war die Palisade nur notdürftig, ohne große Kenntnis geflickt worden. Das Tor hing leicht schief in seinen Angeln, die schon ein wenig rostig aussahen. Aus Richtung der Stadt wehte ein Geruch herüber, den ich nicht eindeutig zuordnen konnte. Faulig, verdorben und nach altem Eisen.

Eine müde, abgezehrt aussehende Wache, mit einem Dreschflegel bewaffnet, hielt uns an. Die Haut war grau verfärbt und mit blutverkrusteten Pickeln überdeckt. "Wohin des Weges, Wanderer?", fragte er uns mit schleppender, hohler Stimme, "Ihr solltet nicht die Stadt betreten." "Ich bin Legolas, Sohn des Thranduil, dem Elbenkönig im Düsterwald", sagte Legolas, "sag an, Wache, weshalb sollten wir die Stadt nicht betreten? Wir sind müde von unserer langen Reise und suchen Unterkunft für diese Nacht."

"Fremde sind im Moment nicht gern gesehen", sagte er mit einem drohenden Unterton. Legolas baute sich vor ihm auf. Er überragte ihn um Haupteslänge. Er legte alle Arroganz, dessen er als Elb fähig war, in seine Worte. "Seid wann sind die Waldelben vom Düsterwald Fremde für die Bewohner von Maethelburg? Jahrhunderte lang haben eure Bewohner Handel mit uns getrieben und du wagst es jetzt mir den Zutritt zu verweigern?", fragte er mit gefährlich ruhiger Stimme, "ihr werdet nie wieder eine einzige Goldmünze an unseren Erzeugnissen verdienen, wenn du mir den Weg nicht sofort freigibst."

Der Wachtposten zuckte sichtlich zusammen. Er hatte ihn wohl wirklich an seiner empfindlichsten Stelle getroffen. "Herr, es hat nichts mit Euch oder dem Königreich des großen Thranduil zu tun", wimmerte er, als er vor Legolas buckelte, "wir haben eine Seuche überstanden, die uns vermutlich von Fremden eingeschleppt wurde. Deshalb will man keine Fremden hier." "Seuche, sagtest du?", fragte Anordil ernst. Die Wache nickte und schien vor Müdigkeit bald umzufallen.

"Es war schrecklich, Herr", flüsterte er mit tonloser Stimme, "es begann mit Fieber, dann kamen die Pusteln. - Schwarze Pusteln. - Nach einer Woche war die Hälfte tot. Männer, Frauen, Kinder. Alte und Junge. Es machte vor keinem Halt. Wir haben jetzt seit fünf Tagen keine weiteren Toten mehr zu beklagen. Aber die Stadt ist nur ein Schatten. Auf den Gehöften im Umkreis lebt wahrscheinlich niemand mehr. Die, die in der Stadt waren, konnten wir nicht mehr gehen lassen. Sie starben zum größten Teil. Unsere Heiler sind als letzte gestorben. Sie haben tapfer gegen die Seuche gekämpft. Doch ihre Kraft reichte nicht aus." Mir lief es eiskalt über den Rücken. Was er beschrieben hatte, entsprach der Pest in unserem Mittelalter. Die Symptome deuteten darauf hin. Sie hatte damals gleichermaßen ohne Gnade gewütet. Und die Ursache war so simpel.

"Ratten", wisperte ich, "ihr hattet sehr viele Ratten." Er sah mich erstaunt an. "Ja, Herrin. Wir hatten dieses Jahr ungewöhnlich viele Ratten hier. Die Katzen wurden ihrer nicht mehr Herr. Sie krochen überall herum." Danach wandte er sich wieder Anordil zu. "Kurz vor Ausbruch der Seuche waren Fremde hier. Aus dem Süden. - Aus Mordor, sagten sie. Sie hätten dort viele Dinge gesehen, die besser nicht gesehen werden sollten. Wir haben sie ausgelacht und für Aufschneider gehalten. Die Seuche war dann unser Lohn. Wahrscheinlich haben sie etwas in unser Wasser getan."

Ich schüttelte energisch den Kopf. "Nein!", brach es aus mir heraus, "die Fremden hatten nichts damit zu tun. - Es waren die Ratten. Sie haben euch die Seuche gebracht. Um es erneut zu vermeiden, müsst ihr die Ratten töten und eure Häuser sauber halten." Anordil sah mich überrascht an. "Du kennst die Schwarzen Pusteln", fragte er mich auf Gälisch. Ich nickte. "Bei uns im Mittelalter war diese Krankheit bekannt. Sie wurde Pest oder Schwarzer Tod genannt. Überträger waren Ratten und die unsaubere Umgebung trug zur starken Verbreitung bei." Er wandte sich wieder der Wache zu. "Wenn die Seuche seit fünf Tagen nicht mehr aufgetreten ist, so ist für uns jetzt keine Gefahr", sagte er zu ihm, "gebt den Weg frei. Ich bin Anordil Glordoronion und Heiler. Diese Frau hier drüben ist Rellena Sargarin, eine Dúnedain und ebenfalls Heilerin. Wir können euch helfen." Der Wachtposten schüttelte traurig den Kopf, bevor er den Weg freigab. "Ich habe Euch gewarnt, Herr", erwiderte er müde.

Als wir die Stadt betraten, bot sich uns ein grauenhaftes Bild. Mich fröstelte. Diese Szenarien kannte ich nur aus Geschichtsbüchern oder von Bildern berühmter Maler. Der Geruch von Tod und Verwesung lag in der Luft. Er war mir vorhin schon aufgefallen. Doch jetzt konnte ich ihn zuordnen. "Die Leichen müssen unbedingt verbrannt werden", flüsterte ich Anordil entsetzt zu, "und das möglichst rasch. Sonst wird die Seuche wiederkehren." Er nickte zustimmend. Er hielt zwei Männer an, die einen Leichenkarren zogen. Sie hatten Tücher vor dem Gesicht. "Ihr da!", sagte er laut und bestimmend, "sorgt dafür, dass die Leichen draußen vor der Stadt verbrannt werden. - Und zwar alle ohne Ausnahme!" Sein Ton duldete keinen Widerspruch.

Anscheinend waren die beiden froh, dass ihnen jemand sagte, was zu tun war. "Ja, Herr", murmelte der eine müde. Schnell entfernten sich die beiden mit dem Karren. Eine tote Hand baumelte an der Seite herunter. Übersät mit schwarzen Pusteln. "Großer Lugh", flüsterte ich, "habe Erbarmen." Mir wurde regelrecht übel, als wir weiter durch die Straßen gingen. Ich würgte heftig. Noch konnte ich meinen Magen unter Kontrolle halten.

Aus manchen Häusern drang ein fürchterlicher Gestank heraus. Im ehemaligen Gasthaus war eine Art Lazarett eingerichtet. Die meisten, die überlebt hatten, fand man hier. Und es waren nicht viele. Traurige, leere Augen sahen uns an. "Das sind Elben", wisperte eine Frau, "vielleicht können sie uns helfen." Sie trat auf Anordil zu. Blieb aber in respektvoller Entfernung stehen.

Sie sah abgemagert und ausgebrannt aus. Ihre Augen zeugten von zu wenig Schlaf. Aber auch von zu vielen Toten, die sie gesehen hatte. Sie schien recht jung zu sein. Ihre Haut war übersät von Pusteln, die im Abheilen begriffen waren. Ihr Haar verklebt vom Fieber. "Verzeiht, Herr", flüsterte sie mit kratziger Stimme, "seid Ihr gekommen, um uns zu helfen?" Er lächelte sie an. "Wir sind eigentlich Reisende, die eine Bleibe zum Ruhen suchten", sagte er freundlich und fuhr dann fort, "aber wir haben zwei Heiler in unserer Reisegruppe. Sagt, wo die am ärgsten getroffenen liegen, damit wir ihnen zuerst helfen können." "Bist du ebenfalls der Heilkunst mächtig?", fragte Legolas Radamar. "Ein wenig", lautete die Antwort, "uns Priestern werden die Grundbegriffe der Heilkunst beigebracht. Aber es ist nicht viel." "Dann wirst du hier bei uns bleiben und das wenige, was du beherrschst einbringen. - Ihr solltet in den Häusern nachsehen, ob dort Überlebende sind", sagte Anordil zu Legolas und mir.

Er gab den umstehenden Überlebenden weitere Anweisungen. Diejenigen, die gehen konnten, sollten den Leichenkarren helfen, die Stadt zu säubern. Andere sollten die Häuser, in denen Legolas und ich nur Tote finden sollten, abbrennen lassen. Wir würden die Häuser dafür markieren. Weitere sollten anfangen mit Aufräum- und Säuberungsarbeiten. Jede Ratte, die gefunden wurde, sollte getötet, dann ebenfalls verbrannt werden. Lebensmittel, die angenagt waren, mussten ebenfalls vernichtet werden. Legolas versprach hierfür die Hilfe seines Volkes.

Innerhalb kurzer Zeit hatte Anordil alles organisiert. Er und Rellena kümmerten sich um die Siechenden. Radamar unterstützte die beiden, wo es ging. Legolas und ich gingen von Haus zu Haus. Es war eine scheußliche Arbeit. Aber er war als Elb immun gegen die Seuche. Mich konnte Anordil immerhin heilen, falls es mich treffen sollte. Es war einer der traurigsten Tage meines Lebens. Überlebende fanden wir keine mehr. Viel zu oft mussten wir ein Kreuz an die Tür malen, um es für die Verbrennung vorzusehen. So oft, dass ich befürchtete, wir müssten die ganze Stadt abbrennen. Am Ende des Tages war ich aschfahl im Gesicht. Die grauenhaften Bilder verfolgten mich bis in meine Träume.

Die nächsten zwei Tage taten wir hier, was in unseren Kräften stand. Legolas schickte einen Jungen, der überlebt hatte, als Boten zu seinem Vater. Er schrieb ein paar Zeilen auf ein Stück Papier, faltete und siegelte es. "Dies bringst du an den Rand des Düsterwaldes", befahl er ihm, "dort sollst du so laut du kannst nach den Elben rufen. Sage den Wachposten, dass Legolas Thranduilion dich schickt." Der Junge sah ihn ängstlich an. "Werden Eure Leute mich auch nicht abschießen?", fragte er zittrig. "Wir Elben haben nie auf Unbewaffnete und Unschuldige geschossen", erwiderte Legolas, "nun geh!"

Am Morgen des vierten Tages war soweit alles veranlasst und die Stadt wieder einigermaßen sauber. Es herrschte keine Gefahr mehr, dass die Seuche wieder ausbrechen könnte. Die Infizierten, die es überlebt hatten, waren auf dem Weg der Genesung. Die Frau, die uns angesprochen hatte, kam auf uns zu, als wir erschöpft im ehemaligen Gasthaus am Feuer saßen. Sie blieb in einiger Entfernung stehen.

"Verzeiht, Herr", sprach sie Legolas an, "Ihr seid des Elbenkönigs Sohn, nicht wahr? – Wie können wir Euch je für Eure und die Hilfe Eurer Gefährten danken?" "Ja", nickte Legolas, "ich bin Thranduils Sohn. Wir brauchen keinen Dank. Wenn Ihr etwas tun wollt, so hört auf den Kindern Horrorgeschichten über uns Elben zu erzählen." Sie sah ihn mit großen Augen an. "Wir wissen, dass ihr Menschen, vor allem ihr Nordländer, euren Kindern schreckliche Geschichten über uns erzählt", sagte er, "wir wissen, dass ihr sie damit ängstigen und einschüchtern wollt. - Ja, es stimmt, wir Elben sind gute Kämpfer und gefürchtete Bogenschützen. Doch keiner unseres Volkes, der dem Licht folgt, würde jemals einen Unschuldigen angreifen oder auf einen unbewaffneten Mann schießen. - Erzählt den Kindern die Geschichten aus den älteren Tagen, als Elben und Menschen Verbündete waren." Sie sah verlegen zu Boden.

Legolas stand auf und zog sie zum Feuer. "Nun setze dich an unsere Seite, Frau. Du hast tapfer gegen die Seuche gekämpft. Warum solltest du stehen? – Wie ist eigentlich dein Name?" Erschrocken sah sie ihn an und wollte zurückweichen. Doch sie war nicht schnell genug. Legolas hielt sie fest. Er zog sie auf die Bank. "Herr, ich bin nicht Eures Standes", hauchte sie bestürzt, "es ziemt sich für mich nicht, neben Euch zu sitzen." "Vor der Seuche war jeder gleich. Und du hast sie überwunden. – Wie ist dein Name?" "Herr, man nennt mich Urthena." Sie senkte verlegen die Augen. Ihre Wangen färbten sich flammendrot. "Höre zu Urthena", befahl Legolas, "die Leute meines Volkes werden wohl in zwei Wochen hier eintreffen. Sie werden euch dabei helfen, aus diesen Ruinen wieder eine Stadt zu machen. Helft ihnen, wo ihr könnt. - Und Euch, Urthena, möchte ich gerne zum Sonnenwendfest in den Hallen meines Vaters begrüßen. Ich möchte Euch zeigen, dass wir Elben anders sind, als Ihr von uns gehört habt." Sie sah ihn überrascht an. "Vielen Dank, Herr", erwiderte sie leise, "ich werde Eurer Einladung folgen." Urthena fühlte sich sichtlich unwohl in unserer Gesellschaft. Ich konnte sie gut verstehen.

Vermutlich waren ihre Eltern Bauern hier in der Umgebung gewesen. Alles was im Rang über ihnen stand wurde ehrfürchtig betrachtet und mit Ehrerbietung behandelt. Wahrscheinlich war sie nicht die Erstgeborene, sondern vielleicht das mittlere oder gar letzte Kind. Dann hatte man ihr wohl ihr ganzes bisheriges Leben eingebläut, wie minderwertig sie doch sei. Und mit großer Wahrscheinlichkeit hatte man auch ihr als Kind die Horrorgeschichten über die Elben erzählt, wie Legolas angedeutet hatte. So war es nicht verwunderlich, wenn sie sich reichlich unwohl fühlte. Nach einer Weile verschwand Urthena unauffällig.

Am nächsten Tag machten wir uns wieder auf den Weg. Radamar und Rellena würden solange in Maethelburg bleiben, bis die Elben eingetroffen waren. Danach würden sie uns folgen. Legolas gab ihnen einen Passierschein mit, damit die Elbenwachen am Rande des Düsterwaldes sie durchlassen würden. Der Abschied fiel mir schwer. Ich hatte eine freundschaftliche Beziehung zu ihnen entwickelt. Vielleicht würden wir uns nie wiedersehen. Aber jetzt ging unsere Reise zügiger vonstatten. Ich hatte mich mittlerweile an das elbische Tempo gewöhnt. Daher genoss ich es, schneller reisen zu können.

Am Abend erreichten wir den Rand des Düsterwaldes. Er erhob sich dunkel und bedrohlich vor uns. In der Dämmerung konnte ich die Art der Bäume nicht bestimmen. Sie erschienen mir jedoch so dicht wie eine Wand. Undurchdringlich, unheimlich. "Sí hirnim îdh - hier werden wir rasten", erklärte Legolas, "an in chin en firiath i fuin ned daurdhuir ú-'arn. Nívarad ned 'wath aphadatham i Râd Annon. An sirarad fuin lachatham puli niben naur. - Für Menschenaugen ist die Nacht im Düsterwald nicht gemacht. Morgen bei Dämmerung werden wir dem Râd Annon folgen. Doch für heute Nacht werden wir sogar ein kleines Feuer entzünden können." Hinter ihm sah ich einen kleinen Schatten den Stamm hinunterklettern. Mit einer schnellen Bewegung griff Legolas zu und hielt ihn fest.

Verwundert schaute ich auf das Tier in seinen Händen. Es war tatsächlich ein Eichhörnchen, so wie ich es vermutet hatte. Allerdings war dieses hier pechschwarz, anstatt braunrot wie seine mir bekannten Artgenossen. "Darf ich vorstellen?", wisperte Legolas, "ein Düsterwald-Eichhörnchen. Die einzigen schwarzen Exemplare ihrer Art in Mittelerde." Er hielt es fest in den Händen und flüsterte ihm etwas zu. Dann ließ er es wieder frei. Wie ein Blitz schoss es in die Baumwipfel hinauf, wo es verschwand. "Die Eichhörnchen sind unsere Augen und Ohren hier im Düsterwald", erklärte Legolas. Die Nacht verlief ruhig. Bis auf das Ferne Heulen von Wölfen und den unheimlichen Rufen der Nachtvögel war es friedlich. Traumlos schlief ich neben dem Feuer. Die beiden Elben hielten abwechselnd Wache. Jedoch in der zweiten Hälfte der Nacht wurde ich geweckt.

Legolas hatte mich angestoßen. "Han dínen os-bada 'oer i echad - es schleichen Warge um das Lager", wisperte er, "tangado maetho gen - bewaffne dich." Anordil sah ich als einen Schatten einige Meter vor mir. Das Feuer war herunter gebrannt und glomm als schwache Glut. Ausgerechnet Warge, dachte ich. Ich schüttelte mich, da ich sie vom Gasthaus zur Letzten Brücke in Erinnerung hatte. Lautlos zog ich meine beiden Kurzschwerter. An Anordils Fingerspitzen sah ich einen schwachen Lichtschein. Unvermittelt hörte ich in Knurren und Fauchen in der Dunkelheit. Blätter raschelten im Unterholz. Einen vagen Schatten konnte ich vorbei huschen sehen. In diesem Moment warf Anordil einen Feuerstrahl in die Glut des niedergebrannten Feuers. Augenblicklich loderte es hell und heiß auf.

Legolas schoss auf einen der Schatten. Der Pfeil traf wohl gut. Es war ein lautes Heulen zu hören. Danach kam aus dieser Richtung nichts mehr. Heftige Geräusche im Unterholz ließen auf einen Todeskampf schließen. Auch Anordil schoss jetzt in die Dunkelheit. Ich stellte mich mit dem Rücken zum Feuer, denn dieses mochten die Warge nicht. "Man i beleg choth? – Wie viele?", rief ich. Meine Augen wanderten hin und her. Aufmerksam lauernd, damit mir nichts entging. "Canad egro leben - vier oder fünf", antwortete Legolas, während er einen weiteren Pfeil in die Dunkelheit schickte.

Abrupt brachen sie hervor. Von einem Augenblick zum anderen war ich in einen erbitterten Kampf verstrickt. Ich spürte den heißen, faulig riechenden Atem des Tieres. Scharfe Krallen fuhren in meine Hüfte. Dieser eine Moment der Unachtsamkeit hatte der Warg genutzt und direkt eine Wunde gerissen. Ich revanchierte mich mit einem heftigen Schwertstreich. Der Warg schüttelte sich nur kurz und fauchte mich an. Gewaltige Reißzähne glitzerten im Kiefer. Hunger und Hass funkelte in den Augen. Wir umschlichen uns. Bereit jede erkennbare Schwäche auszunutzen. Ich versuchte stets das Feuer im Rücken zu behalten. Ich wollte nicht in die Zange genommen werden. Niemand konnte wissen, ob in der Dunkelheit nicht ein weiteres Ungetüm lauerte.

Hinter mir hörte ich Kampflärm und Geheule. Unvermittelt griff der Warg wieder an. Ich hatte mich kurz ablenken lassen. Blitzschnell sprang er auf mich zu. Meine Schwerter riss ich hoch, um mir Deckung zu geben. Ich spürte wie eines davon Muskeln zerschnitt und auf einen Knochen traf. Ein lautes Aufheulen war die Antwort. Jetzt war der Warg rasend. Ich musste mich erbittert wehren. Auf einmal hatte ich eine Lücke entdeckt. Ohne zu zögern stieß ich das Schwert in den Fellkörper hinein und sprang zur Seite. Eine riesige Tatze fuhr nur Inches von mir entfernt vorbei. Der Warg fiel zu Boden. Er zuckte einige Male. Dann erschlafften die Muskeln. Ich hatte es geschafft ihn zu töten.

Ich blickte mich um, und sah die beiden Elben am Feuer stehen. Ohne sichtbare Gefühlsregung machten sie ihre Schwerter sauber. "Mae maethannech Arwen - gut gekämpft, Arwen", kommentierte Legolas anerkennend. Sie hatten die letzten Momente des Kampfes gesehen. Anordil nickte zufrieden. Er war der einzige ohne Schramme. Ich blutete an der rechten Hüfte und rechten Schulter. Legolas hatte ebenfalls die Krallen zu spüren bekommen. Blut sickerte an seinem linken Bein herab. "Dann will ich nach euren Wunden sehen", sprach Anordil, nach dem er seine Schwerter weggepackt hatte. Er untersuchte die Wunden und sprach Heilzauber. Fasziniert sah ich zu, wie sie heilten. Es war immer wieder sehenswert.

"Wieso hast du eigentlich nichts abbekommen?", fragte ich ihn. Er lächelte ein wenig diabolisch. "Feuer mögen die Biester nicht", antwortete er, "ich hatte meine Schwertklinge mit magischem Feuer überzogen. Bei den Magiern und Zauberern ist dies als Elbenfeuer bekannt. Leider muss ich dafür die Klinge in der Hand halten. Auf deine Waffe könnte ich es gar nicht zaubern. Aber wer weiß, vielleicht kannst du es zu einem späteren Zeitpunkt ebenfalls." Hätte ich mir denken können, dass er seine magischen Fähigkeiten eingesetzt hatte. Der Rest der Nacht verlief ruhig. Die Kadaver der Warge hatten wir an die Seite geschafft.

In der Morgendämmerung wuschen wir an dem kleinen Bächlein die Blutspuren von unserer Kleidung. Danach brachen wir auf. Schließlich lag ein langer Weg vor uns. Jetzt konnte ich die Vegetation betrachten. Ungläubig blinzelte ich.

Der Rand des Waldes bestand überwiegend aus Rosengestrüpp. Und zwar so hoch und dicht wie eine Mauer. Die Dornen sahen gefährlich aus, so lang wie sie waren. "Dornröschen würde staunen", murmelte ich überrascht, "ich dachte nicht, dass Rosen wirklich so wachsen können." Anordil sah mich interessiert an. "Was ist Dornröschen?", fragte er mich. Erst jetzt merkte ich, dass ich laut gesprochen hatte.

"Es ist bei uns ein Märchen für Kinder", erklärte ich, "es geht um eine Prinzessin, die durch eine böse Fee verhext wird. Sie sticht sich am Tage ihrer Volljährigkeit mit einem Dorn in den Finger und schläft ein. Sie liegt in einem Turm, der von einer Rosenhecke umgeben ist. Nur der Kuss eines Prinzen, der sie wirklich liebt, kann sie erlösen. Sie schläft hundert Sonnenläufe und die Rosenhecke wächst so hoch wie der Turm. Erst nach so langer Zeit findet sich ein Prinz, der sich mit seinem Schwert einen Weg durch die Hecke bahnt und sein Herz an sie verliert. Er küsst sie in ihrem Schlaf und sie erwacht zu neuem Leben." "Eine schöne Geschichte", sagte Legolas anerkennend, "hier im Düsterwald gibt es viele Rosenbäume. Sie wachsen enorm hoch und sind nahezu undurchdringlich. - Außer für wilde Ziegen. Diese lieben die Rosen und fressen sich ohne Rücksicht auf die Dornen hindurch. Trotzdem nutzen wir sie als Palisade."

Wir betraten den Pfad Râd Annon. Nach mehreren Metern war es so düster, wie in der Abenddämmerung. Der Wald machte seinem Namen alle Ehre. Selbst die Temperatur änderte sich. Es wurde schwülwarm, wie in einem Treibhaus. Die Rosenwand wich nun dicht stehenden Bäumen. Gewaltige Stämme ragten in den Himmel. Erst weit über uns verflochten sich Äste und Laub zu einem undurchdringlichen Gewirr. Neugierig betrachtete ich die Bäume. Es waren vermutlich gigantische Eichen, die hier standen. "Was sind das für Bäume?", fragte ich Legolas. "Das sind Fell-Eichen", erklärte er mir, während er nach oben ins Geäst deutete, "siehst du die Blätter?" Ich schüttelte den Kopf. So scharfe Augen wie ein Elb hatte ich dann doch nicht.

Flink wie eines dieser Eichhörnchen, kletterte Legolas eine der Eichen hinauf. Nach ein paar Minuten war er wieder sicher auf dem Boden angekommen und reichte mir ein Blatt. Es sah merkwürdig aus. Viel größer als die Eichenblätter meiner Welt und anders gefärbt. Mehr in die Richtung grünlich-braun. Auf der Unterseite des Blattes war eine Art dichter Flaum zu sehen. "Diesem Flaum verdankt der Baum seinen Namen", fuhr Legolas fort in seinen Erklärungen, "wenn man das Laub aufschichtet, erhält man ein komfortables und warmes Lager. Es ist aber auch dafür verantwortlich, dass hier im Düsterwald ein feuchtwarmes Klima herrscht. Im Herbst sind die Eicheln wertvoll. Sie kann man rösten oder in Brot einbacken. Wenn sie ganz frisch gesammelt werden, kann man sie besonders lange lagern."

Aufmerksam sah ich mich um, während wir wanderten. Ich entdeckte viele interessante Dinge. Ich sah im Unterholz viele Pilze wachsen. Essbare und giftige. Zwischen den Eichen blitzte manchmal eine schneeweiße Birke. Jungenbirken, wie Legolas sie nannte. Ihre Blätter waren so dicht, dass ein Windhauch ein langanhaltendes leises Rauschen verursachte. Ihre Früchte waren essbar, wenn man die stinkende Schale vorher ab bekam. Ich sah auch eine Art von Magnolie. Ihre Blätter waren traubenförmig angeordnet. Ihre Blüten wurden umschwärmt von Bienen. "Der Honig der Traubenblattmagnolie ist begehrt und wird von uns gehandelt", erklärte mir Legolas, "warte, bis wir in Aradhrynd sind, dort kannst du ihn kosten."

Zwei Tage später kamen wir an der Ruine von Caras Amarth vorbei. Dies war die alte Residenzstadt des Elbenkönigreiches, als dieses Gebiet der ‚Große Grünwald', hieß. Einstmals musste hier ein gigantischer Palast gestanden haben, umrahmt von vielen kleineren Bauten. Jetzt waren die Überreste zugewuchert. Nur vereinzelt konnte man eine schmale Säule oder andere Teile in dem allumfassenden Grün der Vegetation entdecken. Da sie nach Elbenart sowieso den Pflanzen und Bäumen nachempfunden waren, waren selbst diese Überreste schwer zu erkennen.

Unvermittelt trat ein Elb aus dem Unterholz. Ich schrak zusammen. Nur Anordil und Legolas blieben ruhig. "Mae govannen, Legolas Thranduilion", begrüßte uns der Elb. Er hatte hellbraune, lange Haare, dunkelbraun schimmernde Augen, war hochgewachsen und hatte die Schönheit seines Volkes. Er trug dunkelgrüne Kleidung mit einer dunkelbraunen Lederrüstung. Auf der Rüstung konnte man das Wappen Thranduils erkennen. Ein Köcher mit Pfeilen und ein Kurzschwert hingen über seinem Rücken. In der Hand hielt er einen Langbogen.

"Gen suilon, mellon", erwiderte Legolas und stellte uns den Ankömmling vor, "dies ist Glânbrethil, der Kommandant meiner Wacheinheit, der Tauranca." Er nickte jedem von uns knapp zu. "Der Weg nach Aradhrynd ist frei", informierte dieser Legolas, "der Bote, den Ihr geschickt hattet, ist in Sicherheit. Die Nachricht wurde an Euren Vater weitergeleitet." "Dies sind erfreuliche Neuigkeiten", erwiderte Legolas, "an der Grenze, wo der Râd Annon aufhört, hatten wir einen kleinen Zusammenstoß mit Wargen. Es dürfte sich um herumstreunende Tiere gehandelt haben. Trotzdem sollten die Wachen an der Westgrenze darauf hingewiesen werden. - Und den Jungen behandelt gut, er soll die Elben, die mein Vater schickt, nach Maethelburg begleiten." "Ich werde beides veranlassen, Hoheit", antwortete Glânbrethil, "ich wünsche Euch noch eine angenehme Reise." "Habt Dank", sagte Legolas. Danach verschwand Glânbrethil wieder im Dickicht des Waldes. Genauso lautlos, wie er erschienen war.

Interessiert betrachtete ich indes die Ruinen. Ich ging ein Stück näher und schaute in eine von den zahlreichen Öffnungen hinein. Das einfallende Licht offenbarte einen flüchtigen Blick auf die einstige Pracht. Mein Fuß zertrat einen Zweig. Das Knacken hallte laut in der Höhlung, die vor mir lag, wieder. Plötzlich hörte ich das Geräusch hunderter Flügelschläge. Legolas riss mich von der Öffnung weg. Ein Schwarm Höhlenfledermäuse brauste heraus. Ich musste sie aufgeschreckt haben. Erschrocken blickte ich ihnen nach. Sie waren wesentlich größer, als die Fledermäuse, die ich kannte. Mehr als doppelt so groß. Und sie sahen unheimlich aus. So wie Draculas Brüder kamen sie mir vor.

"Du hattest noch mal Glück", meinte Legolas, "Höhlenfledermäuse warten in der Regel, bis ihr Opfer die Höhle betreten hat und greifen es gemeinschaftlich an. Sie trinken Blut. Du hast sie aufgeschreckt, deshalb sind sie weggeflogen. Aber spätestens bis heute Abend werden sie wieder da sein und auf ihr nächstes Opfer warten." Ich schluckte. "Ich wusste gar nicht, dass es solche Blutsauger hier gibt", antwortete ich heiser. Legolas nickte. "Oh doch, es gibt sie und nicht nur Blutsauger mit Flügeln gibt es in Mittelerde", hörte ich Anordil sagen, "es gibt zweibeinige oder welche mit vier Pfoten." Horrorgeschichten und diverse Filme aus meiner Welt kamen mir in den Sinn. Ich sah ihn entgeistert an. "Vampire?", fragte ich ungläubig, "hier gibt es Vampire?" "Wenn sie bei deinem Volk so genannt werden, ja", sagte Legolas bestätigend, "aber auch Warge und selbst Orks trinken Blut. Und andere Kreaturen der Dunkelheit ebenfalls. - Aber nun sollten wir gehen." Verwirrt und beunruhigt folgte ich den beiden wieder auf den Pfad zurück.

Immer tiefer drangen wir in den Düsterwald ein. Einmal sah ich im Unterholz eine Ansammlung wunderschöner Blumen stehen. "Eine Callas", sagte ich laut, "wie schön." Ich wollte darauf zugehen. Aber Legolas hielt mich am Arm zurück. "Halt! - Komme diesen Blumen nicht zu nahe!" "Die milchweiße Trompetenblume ist äußerst gefährlich, Arwen. Ihr Gift tötet alles, was damit in Berührung kommt", ergänzte Anordil, "auch dieses Moos hier solltest du meiden." Er deutete zur Seite auf eine stark vermooste Fläche. Sie sah einladend und weich aus. Wie ein dickes Polster. "Es wird Din Fuinen, Nachtstille, genannt. Es tötet zwar nicht, wie die Trompetenblume, nimmt dir aber dein Gedächtnis, solltest du darauf ruhen wollen." Bestürzt sah ich die beiden Elben an. Sie meinten es ernst. Diese schönen Pflanzen waren tatsächlich gefährlich.

Eines Abends rasteten wir und machten ein kleines Feuer. Legolas verschwand im Wald. Er sorgte für das Nachtmahl, wie die Tage davor. "In eryn vatha dhem a naer nin - der Wald macht mich melancholisch und traurig", sagte ich zu Anordil, "in dieser ständigen Düsternis zu leben ist doch deprimierend." Er sah mich mit einem warmen Lächeln an. "Aber selbst in dieser Düsternis gibt es Licht und Schönheit", antwortete er mir, "tíro in veril ennas - sieh nur die Rosen dort drüben." Am Rand der winzigen Lichtung wuchs ein kleiner Rosenbaum mit wunderschönen roten Blüten. Sie verströmten einen süßen Duft. "Gella i chûn a lúthar na thû îs - sie erfreuen das Herz und betören mit ihrem Duft."

"Dan 'arir êg, Anordil - aber sie haben Dornen, Anordil." "Cenich, ned naid nastar i vain a i ú-vain, Arwen - du siehst, in allen Dingen steckt das Schöne und das Hässliche, Arwen. - Und wo ist deine hässliche Seite?" Verwirrt sah ich ihn an. Nach ein paar Sekunden hatte ich mich wieder gefangen. "Han e chiro, ae devich - finde es heraus, wenn du kannst", forderte ich ihn keck heraus. Der Schalk blitzte in seinen Augen auf. "Ich nehme deine Herausforderung an", lächelte er charmant, als er sich in meine Richtung leicht verbeugte. Ich dankte der Großen Mutter, dass sie in diesem Moment Legolas auf den Plan rief.

"Sieh her, Anordil, was ich gefunden habe", rief er und hielt eine eigenartige Pflanze hoch. Im ersten Moment dachte ich, es wäre eine Koralle. Aber sie schien dafür zu weich zu sein. Die Pflanze hatte fingerdicke Auswüchse in hellorange und grün. So etwas hatte ich noch nicht gesehen. "Loth-nu-Fuin – die Leuchtflechte", freute sich Anordil, "dann können wir endlich unsere Schwerter wieder tüchtig schärfen." Jetzt hatte er mich total verwirrt. Mit einer Pflanze sollte man eine Klinge scharf bekommen? Wie sollte denn das funktionieren.

"Ú-istach ven, Arwen? - Du glaubst uns nicht, Arwen?", fragte er und sah mich schalkhaft an. "Law, Anordil, devich hen ú-ista. - Nein, Anordil, ich kann das nicht glauben. Das ist unmöglich." "Eine Wette?", fragte Legolas spontan. Ich schüttelte energisch den Kopf. "Mit Elben werde ich nie wieder wetten. Tut mir leid, Legolas", antwortete ich sehr energisch. Anordil lachte laut los. Legolas sah uns irritiert an. "Sen anann narn - das ist eine lange Geschichte", prustete Anordil, "und ich glaube nicht, dass es Arwen spaßig finden würde, wenn ich sie jetzt erzähle."

Finster schaute ich ihn an. Legolas sah zu mir hinüber. "Ich glaube, du hast Recht, Anordil", stimmte er ihm mit gespieltem Ernst zu, "wir sollten das ein andermal klären. Arwen scheint dieses Thema nicht zu mögen." Hiernach führten sie mir vor, dass man mit dieser Leuchtflechte doch allen Ernstes Klingen schärfen konnte. Sie wurden wirklich scharf. Anschließend wurde eine Weile gealbert und Geschichten erzählt. Anordil ließ es sich natürlich nicht nehmen, doch von den Wetten mit Luvalaes zu erzählen. Na warte, dachte ich, dass gibt ein Nachspiel. Recht spät begaben wir uns zur Ruhe.

Am nächsten Morgen brachen wir bereits früh auf. Der Wald um uns herum war noch in der Dunkelheit gefangen. Nur vereinzelt drang der Schimmer des beginnenden Tages durch das dichte Laub. Gut gelaunt folgten wir Legolas über den Râd Annon. Der vergangene Abend hatte unsere Stimmung erheblich gehoben. Wir waren einige Stunden unterwegs, als Legolas uns anhalten ließ. Wachsam blickte er den Weg entlang. Nur um sich wenige Sekunden später zu entspannen. Eine Gruppe von Elben bog um die Ecke.

"Len suilon, Legolas Thranduilion", grüßte einer von ihnen erfreut, "wir hatten nicht erwartet Euch bereits jetzt zu begegnen." "Hen suilam – wir grüßen euch", grüßte Legolas in die Runde, "unser Weg war ruhig und die Füße schnell. – Dies sind Anordil Glordoronion und Arwen Ceridwen. Sie begleiten mich nach Aradhrynd." Wir begrüßten ihn freundlich und nickten den übrigen Elben kurz zu. "– Und dies hier ist Nauralass Gwindion, verdientes Mitglied der königlichen Garde", fuhr Legolas fort, "hat Hauptmann Lebethron dich strafversetzt?" Nauralass lachte hell auf. Er war von der Statur her ein wenig kleiner als Legolas, hatte braunes Haar mit kupfernen Reflexen und moosgrüne Augen. Er trug die Gewänder und Rüstung der königlichen Wache Thranduils. Offensichtlich war er Legolas gut bekannt, da er eher freundschaftlich mit ihm sprach.

"Law, Legolas - nein, Legolas", erwiderte er, "diesmal nicht. Ich habe mich freiwillig für den Hilfstrupp gemeldet. Ich hatte das Bedürfnis nach ein wenig Raum zwischen mir und Aradhrynd." "Du wolltest wohl sagen, zwischen dir und Arviel", entgegnete Legolas unverblümt, "ist sie immer noch böse auf dich?" "Nicht direkt", das Lächeln von Nauralass Gesicht verschwand, "sie begleitet zurzeit deine Mutter Legolin und deine kleine Schwester Collmeril nach Lothlórien. Wie du weißt, soll Collmeril ihre Ausbildung am Hofe der Herrin Galadriel beginnen. Sie werden erst zur Sonnenwende wiederkehren. Aber in Aradhrynd fällt mir die Decke auf den Kopf. Ich kann meinen Streit mit Arviel nicht vergessen. Und mein Vater ist ebenfalls nicht glücklich darüber, dass ich mich mit meiner Schwester derart gestritten habe." "Arviel war schon immer sehr temperamentvoll", antwortete Legolas verstehend, "es ist nicht einfach Geschwister zu haben." "Ich werde es überleben", lächelte Nauralass gequält zurück, "doch nun sage mir, wie es in Maethelburg aussieht? Was erwartet uns?"

"Zerstörung und Tod", erwiderte Legolas düster, "die Stadt, wie wir sie kannten, gibt es nicht mehr. Nur wenige haben die Seuche überlebt. Wie es auf den umliegenden Höfen aussieht, kann ich nicht sagen, aber ich denke mir, dass es diese noch schlimmer getroffen hat." "Vielleicht ist dies die Gelegenheit wieder engere Kontakte zu den Bewohnern von Maethelburg zu schließen", sagte Nauralass ernst, "wir haben Heiler und Jäger dabei sowie genug Vorräte um ein wenig Zeit zu überbrücken. Und vielleicht finden wir auf den Höfen Überlebende.– Wir müssen nun weiterziehen. Cuio vae, Legolas und grüße mir Aradhrynd." "Cuio vae, Nauralass – lebe wohl, Nauralass", erwiderte Legolas.

Die Elben zogen an uns vorbei. In einigen Tagen würden sie Maethelburg erreichen. Und vielleicht hatte Nauralass Recht. Vielleicht war dies der Beginn eines neuen Bündnisses zwischen Menschen und Elben. Zumindest hier. Vielleicht blieb dies aber auch eine einzigartige Geste der Hilfe. In Gedanken blickte ich der Gruppe hinterher, bis sie um die nächste Biegung verschwand. Erst dann setzten auch wir unseren Weg fort.

Nach neun langen Tagen erreichten wir den Gûlduin, den verwunschenen Fluss. Geheimnisvoll träge floss er dahin. Die Äste der Bäume schienen das Wasser zu berühren. Man konnte nicht bis auf den Grund sehen, so undurchdringlich war sein Wasser. So ruhig wie die Wasseroberfläche war, konnten sich eigentlich keine Fische darin tummeln. Trotzdem fingen wir welche für das Nachtmahl. Sie schmeckten anders. Nicht wie Fisch, eher wie Kalbfleisch. Ich genoss die Wärme des Feuers. In den letzten Tagen hatten wir keines entzündet. Ich vermisste die Heizung, die wir in Oxford hatten. Wenn einem kalt wurde, konnte man einfach am Regler drehen und es wurde warm.

Hier konnte man froh sein, wenn man ein Feuer machen konnte, um sich zu wärmen. Ansonsten musste man sich in seinen Umhang oder Decke hüllen und warm zittern. Ich hatte mich zum Schlafen hingelegt. Den Rücken hatte ich dem Feuer zugewandt. Anordil hielt die erste Wache. Legolas lehnte an einem Baum und blickte in die Ferne. Seine Augen hatte er halbgeschlossen und sie glitzerten in diesem entrückten Schimmer, den die Elben haben, wenn sie sich in ihre Träume zurückziehen, um Kraft zu schöpfen.

Plötzlich hörte ich es neben mir ein Zischeln. Ich schlug die Augen auf. Ungefähr einen Fuß von mir entfernt blickte ich in die Augen einer Schlange. Gefährlich züngelte sie in meine Richtung. Ihren kalten Blick starr auf mich gerichtet. "Anordil", wisperte ich. Ich musste meine ganze Selbstbeherrschung aufbringen, um nicht zu zucken. Aber ich wusste nicht, ob diese Schlange giftig war oder nicht. Ein Schatten glitt neben mich. "No nan îdh - ganz ruhig", flüsterte Anordil, "ú-rinc tû - keinen Muskel bewegen."

Ich hörte das leise Schaben eines Dolches, der gezogen wurde. Dann ging es auf einmal blitzschnell. Der Dolch zuckte vor. Er traf die Schlange direkt hinter dem Kopf und nagelte diese an den Boden. Sie riss das Maul weit auf. Jetzt konnte ich die scharfen, spitzen Fangzähne sehen. Flüssigkeit tropfte herunter. Der Körper zuckte hin und her. Allmählich erschlafften die Bewegungen. Schließlich rührte sie sich nicht mehr. Anordil schnitt ihr den Kopf ab. Dann warf er beide Teile in einem hohen Bogen in den Wald hinein.

Ich zitterte am ganzen Körper. Schweiß rann mir den Rücken hinunter. "Man hen? - Was war das denn?", fragte ich mit rauher Stimme. "Lhûg-en-Ëgil - Ëgils Schlange", kam die Antwort von Legolas, der mittlerweile erwacht war, "nag hen delu – ihr Biss ist tödlich." Anordil nickte, als er sein Messer ins Feuer hielt und so reinigte. Wieder einmal hatte er mir das Leben gerettet. Noch immer zittrig legte ich mich wieder schlafen. Letztendlich musste ich ruhen. Denn wir hatten weiterhin einige Tage Marsch vor uns. Es dauerte wohl eine Weile, bis ich wieder eingeschlafen war.

Dem Gûlduin folgten wir drei Tage nach Norden, bis wir auf den Taurduin, den Alten Fluss, trafen. Es war ein schnellfließendes Gewässer. Von der Temperatur her schien er vom Gebirge gespeist zu werden. Man konnte teilweise bis zu seinem Grund sehen. In ihm tummelten sich viele unterschiedliche Fische. Die Bäume wuchsen bis dicht an den Fluss heran. Es gab keinen richtigen Uferstreifen. Aber der Râd Annon führte weiter hier entlang. Der Weg wurde sorgfältig von dem wuchernden Dickicht freigehalten. Von hier wanderten wir nach Osten und erreichten nach einem Tag Aradhrynd, die Hauptstadt des Elbenkönigreiches vom Düsterwald.

Mächtige Eichen und Buchen säumten den Weg, der wie eine Allee auf den Eingang zu führte. Eine steinerne Brücke führte über den Fluss. Über eine Anzahl Stufen kamen wir an ein riesiges Tor, welches von Elbenkriegern bewacht wurde. An ihrer Rüstung war das Wappen Thranduils zu sehen. Als sie Legolas erkannten, ließen sie uns schweigend passieren. Das Tor schwang, ungeachtet seiner Größe, lautlos auf. Es gab uns den Weg in die Hallen Thranduils frei.

Die Eingangshalle war gewaltig. "Mae govannen o Aradhrynd - willkommen in Aradhrynd", sagte Legolas. Ich schaute mich verwundert um, als Legolas uns durch ein Labyrinth von Gängen führte. Räume, Hallen, Gänge - alles sorgfältig aus dem Stein gehauen. Die Pfade ineinander verschlungen. Der Stein schien das Geflecht von Wurzeln zu imitieren. Am atemberaubensten war eine Halle in der Mitte des Komplexes. Riesig groß mit Säulen, die wie Baumstämme aufragten und sich zur Decke hin verzweigten wie Äste. Der Fuß der Säulen sah aus, als würden sich Wurzeln in den Boden graben. Licht fiel von weit oben hinab bis auf den Boden, der aus tiefgrünem Marmor zu bestehen schien. Dies tauchte die Steine in einen unwirklichen Schein. Man hatte das Gefühl, als wären es wirkliche Bäume. Doch halt – ich strengte meinen Augen an und stieß einen bewundernden Laut aus. In dieses steinerne Geflecht waren Bäume, Wurzeln, Flechten und Pflanzen eingearbeitet und verschmolz damit zu einer grandiosen Einheit.

Mit staunenden Augen betrachtete ich dieses Wunderwerk der Architektur. "Nogothrim garnir dravanner io rim herain en în hen gryth nedin charn - Zwerge haben diesen Höhlenkomplex vor Jahrhunderten in den Stein gemeißelt", erklärte Legolas, als er meine Blicke sah, "na hen lû orthorn rim vengai min nogothrim a in edhil - damals herrschte noch ein reger Handel zwischen dem Zwergenreich und den Elben. Als Caras Amarth uns keine Sicherheit mehr gab, zogen wir uns hierher zurück. Durch die besondere Bauweise ist Aradhrynd gut zu verteidigen." Fackeln und Kerzen spendeten Licht, an den Stellen, wo keines von oben seinen Weg finden konnte. An einigen Wänden war phosphoriszierendes Moos zu sehen, das ein eigentümliches Licht abstrahlte.

Legolas selber brachte uns in ein Gästequartier. Dieses war ein großzügig geschnittener Raum mit einem breiten, einladenden Bett in der Mitte. Dunkelgrüne Vorhänge mit dem silbernen Wappen Thranduils hingen vom Betthimmel herunter. Zwei Stühle und ein kleiner Tisch, worauf ein Tengwalithspielbrett stand, vervollständigten die Einrichtung. In filigranen, schmiedeeisernen Haltern erhellten Kerzen sanft den Raum. Die Tür bestand aus einem Vorhang aus dicht rankendem Efeu und das Fenster ohne Verglasung gab den Blick auf einen der Gärten frei. Es gab etliche dieser Gärten in Aradhrynd. Sie waren über den gesamten Komplex verstreut. Verschiedene Schlingpflanzen rankten an den Wänden entlang. Man hatte das Gefühl hoch oben in der Krone eines Baumes zu sein und nicht in einer aus dem Fels geschlagenen Kammer. Eine Bedienstete in einem schlichten dunkelgrünen Gewand war uns auf einen Wink von Legolas hin gefolgt. Sie entzündete nun in der Feuerstelle aus schwarzem, grün geädertem Granit ein Feuer. "Ruht euch aus", sprach Legolas, "Aduial wird euch frische Gewänder bringen und euch ins Badehaus geleiten. – Auch ich werde ein wenig Ruhe suchen." Dann verließ er uns.

"Bitte legt Eure Waffen und Euer Gepäck ab, Herr, Herrin", sagte Aduial freundlich, "ich werde mich gleich darum kümmern. Doch zuvor geleite ich Euch in das Badehaus. Dort könnt Ihr Euch reinigen und entspannen von der langen Reise." "Die Reise war in der Tat lang", erwiderte Anordil, "wir sind begierig darauf, das Badehaus zu betreten." Wir legten unsere Waffen und das Gepäck ab. Dann folgten wir Aduial.

Ich freute mich auf ein schönes heißes Bad, womit ich den Pesthauch von mir abwaschen konnte, der mir vermeintlich anhaftete. Das bildete ich mir zumindest ein. Aber es wunderte mich, dass ich nicht krank geworden war. Seit ich damals aus meinen Fieberträumen erwacht war, hatte ich keine Krankheit mehr gehabt. Und wir waren durch Eis, Schnee, Regen und Sturm gewandert. Mücken hatten mich geplagt. Aber ich hatte bis jetzt nicht einmal einen kleinen Schnupfen.

Aduial führte uns in die untere Ebene von Aradhrynd. Im Badehaus angelangt übergab sie uns den dortigen Bediensteten. Ähnlich wie in Bruchtal gab es auch hier verschiedene Räumlichkeiten. Bis auf das Badebecken waren die Bereich nach Geschlechtern getrennt. Im Waschraum entledigte ich mich meiner Kleider. Eine der Bediensteten nahm sie mit. Andere wuschen und schrubbten mich ab. Ich half nach Leibeskräften mit einem weiteren Schwamm.

Die Mädchen kicherten, als sie mich wuschen. "Was ist denn an mir so komisch?", fragte ich sie auf Doriathrin. Eine sah mich an überrascht an. "Wir haben nie eine elbischer anmutende Menschenfrau gesehen", antwortete sie mir, "die meisten Menschenfrauen, die wir kennen, sind plump und ungelenk. Aber du bist vom Körperbau annähernd elbisch. - Bis auf die Ohren natürlich. Aber bis du genauso geschmeidig?" So, eine Herausforderung. Ich war zwar nicht aufgewärmt, aber ein oder zwei Kunststückchen aus dem Turnunterricht kannte ich noch. Für einen Flicflac war es hier leider zu eng und zu glatt. Aber eine Brücke mit Bogengang und Spagat müsste ich eigentlich hinbekommen. Die Mädchen staunten nicht schlecht.

Frohgelaunt und saubergeschrubbt ging ich zum Badebecken. Dies war eine Aushöhlung im Felsboden, welche von einer Thermalquelle gespeist wurde. Am anderen Ende des Beckens war ein Überlauf, der das überschüssige Wasser ableitete. Die Oberfläche dampfte einladend. Noch war niemand anderes zu sehen. So hatte ich keine Scheu, als ich ins Wasser stieg. Mit einem Seufzer streckte ich mich aus. Ich schloss die Augen und träumte von zu Hause. Das war eines der Dinge, die mir in Mittelerde fehlten, das tägliche Bad oder zumindest eine Dusche. Hier konnte man froh sein, wenn man alle paar Wochen einen Zuber zu sehen bekam. Wenn man sich in der Wildnis reinigen wollte, musste man im kalten Fluss oder Teich schwimmen gehen.

Neben mir hörte ich das Wasser leise plätschern. Als ich die Augen aufschlug, glitt Anordil ins Wasser. "Das ist eine Wohltat", schnaufte er wohlig. "Du hast Recht, Anordil", konnte ich ihm nur zustimmen. Einige Minuten ließ ich die Wärme des Wassers auf mich wirken. "Annach dambeth vabeth nin - bitte beantworte mir eine Frage", bat ich ihn, "warum werde ich nicht krank? – Wir sind durch Schnee und Regen gewandert und durch eisigen Wind. Ich wurde aber nie krank. Wir haben Mückenattacken über uns ergehen lassen und ich wurde nicht gestochen. Was ist mit mir los?" Diese Frage brannte mir jetzt seit einiger Zeit auf den Lippen. Anordil sah mich an und fing an zu lächeln.

"Garch eledhîar mi gen - du hast Elbenblut in dir", antwortete er mir ruhig. Verwirrt schaute ich ihn an. "Iston, garin îar-en-ithryn drî hîl nîn, dan eledhîar? Man i ven 'arin eledhîar?- Ich weiss, dass ich durch mein Erbe Druidenblut besitze, aber Elbenblut? Woher sollte ich Elbenblut haben", antwortete ich skeptisch. Er sah mich weiterhin unverwandt an. Dann sah sein Blick in die Ferne.

"Als du danieder lagst von Fieber geschüttelt, mit Wundbrand infiziert und getroffen von giftigen Orkpfeilen, warst du mehr tot als lebendig", sagte er zu mir mit leiser Stimme, "du hattest enorm viel Blut verloren. Ich konnte deine Wunden versorgen und deine Schmerzen lindern. Ich konnte dein Fieber ein wenig dämmen. Aber das alles alleine hätte dich nicht vom Tode zurück holen können. Ich hatte nur die Wahl, dir von meinem Blut zu geben oder dich sterben zu lassen. Da ich neugierig auf dieses Wesen war, dass dort vor mir lag und im Fieberwahn in einer Sprache redete, die ich bisher in Mittelerde nicht gehört hatte, entschloss ich mich, dir von meinem Blut zu geben. Ich hatte diesen Zauber bisher nie angewandt. Aber wie du an dir sehen kannst, hat es funktioniert. - Elbenblut hat magisches Potential. Es schützt uns vor Krankheit und Giften. Nur welche Wirkung es in dir entfaltet muss abgewartet werden. Du bist nicht mehr anfällig für Krankheiten, das ist bereits klar. Wahrscheinlich wird sich deine natürliche Lebensspanne ein wenig verlängern. Aber das ist nicht genau vorherzusagen." Sprachlos vor Überraschung sah ich ihn an. Er hatte mir sein Blut gegeben, um mich zu retten. Dabei hatte er mich damals nicht einmal gekannt!

Ein wenig später kam Legolas dazu. Um diese Tageszeit waren wir die einzigen Besucher des Badebeckens. Das Wasser wirkte entspannend auf mich. Ich nutzte die Gelegenheit des großen Beckens und schwamm ein paar Züge. Die Elben schauten mir zu. Mit einem Mal sahen sie sich an. Fröhlich lachten sie in sich hinein.

Unerwartet war ich mitten in einer Wasserschlacht. Ich hatte Mühe mich zu erwehren. Alle meine Schwimm- und Tauchkünste musste ich einsetzen. Aufgrund ihrer glatten Haut waren die Elben so schlüpfrig wie junge Aale. Aber auch ich war nicht leicht zu packen. Da ich ebenfalls nicht zur Körperbehaarung neigte, war ich genauso glatt. Nach einer Weile war ich außer Atem und flüchtete an Land. So ausgelassen war ich lange nicht mehr gewesen. Die Elben schwammen im Wasser. Sie lachten mich erheitert an.

"Ich wusste gar nicht, dass du unter deiner Kleidung einen so schönen Körper verbirgst", bemerkte Legolas leicht anzüglich. Ich hatte vergessen, dass Anordil mich vor den Scherzen der Waldelben gewarnt hatte. Tropfnass stand ich am Beckenrand, während ich an mir herunterblickte. Ich hatte ebenfalls ganz vergessen, dass ich nackt war. Ich wurde rot vor Verlegenheit. "Das Rot auf deinen Wangen kleidet dich gut", neckte Legolas weiter, "du solltest öfters ....." Weiter kam er nicht. Ich war ins Wasser gesprungen und hatte ihn unter die Oberfläche gezogen. Wir tobten alle drei weiter, bis uns die Puste ausging. Wie die Kinder. Als ich nicht mehr konnte, schwang ich mich elegant aus dem Becken. Geschwind verschwand ich im Frauenbereich. Dort konnte ich mich ein wenig erholen. Eines der Mädchen ölte meinen Körper ein. Ich genoss die Behandlung.

Frisch und endlich sauber schlüpfte ich in das dunkelrote Gewand mit der goldenen Stickerei, welches Aduial mir hatte bringen lassen. Anordil wartete bereits in dem Garten, der dem Badehaus vorgelagert war, auf mich. Auch ihm hatte Aduial ein dunkelrotes Gewand mit Goldstickerei gebracht. Sah man uns gar als Paar an? Erst das geräumige Bett und nun die aufeinander abgestimmten Gewänder. Lächelnd reichte Anordil mir die Hand. "Lasse uns ein wenig durch die Gärten wandeln", sagte er zu mir, "erst zur abendlichen Tafel werden wir Legolas wiedersehen." Verlegen sah ich ihn an. "Mir ist nicht wohl", gestand ich ihm, "Aduial dachte gewiss, dass wir ein Paar seien, als sie uns die Gewänder auswählte." Überrascht blickte er mir in die Augen. "Dies muss dir nicht peinlich sein", erwiderte er sanft. "Nein, du missverstehst mich", gab ich rasch zurück, "es ist mir nicht um meinetwillen peinlich, sondern um deinetwillen. Ich möchte dir keine Unannehmlichkeiten bereiten, weil man vielleicht denkt, dass du eine Menschenfrau erwählt hast." Amüsiert lachte er leise auf. "So, um meinetwillen sorgst du dich?", seine Augen blitzten vor Vergnügen, "doch du kannst beruhigt sein. Niemand würde es wagen Spekulationen anzustellen, da wir Gäste des Kronprinzen sind. Und selbst wenn, dann würden diese wohl eher vermuten, dass du meine Gespielin seiest."

Frustriert sah ich ihn an. Dieser arrogante Elb nimmt dich nicht ernst, dachte ich bei mir, warum muss ich mich nur immer in die Nesseln setzen? "Und ob ich dich ernst nehme", lachte er mich an, "sehr ernst sogar." "Du liest doch meine Gedanken", protestierte ich, raffte mein Gewand und rannte los. Leises Lachen verfolgte mich.

Später gab es ein Fest zu Ehren der sicheren Heimkehr von Legolas. Wir saßen als Gäste an der hohen Tafel. Ich fand das alles sehr aufregend. Mittlerweile war es mir auch egal, ob man mich für Anordils Mätresse hielt. Ich wusste, dass dem nicht so war und das genügte. Nur wenige Schritte von mir entfernt nahm Thranduil, der Elbenkönig des Düsterwaldes, Platz. Legolas saß zu seiner Rechten und zu seiner Linken hatten sich Nólimon und Lasbelin, Legolas' jüngere Brüder, niedergelassen. Seine Mutter Legolin weilte zurzeit mit seiner jüngsten Schwester in Lothlórien am Hofe Galadriels. Nólimons Gefährtin leistete ihnen Gesellschaft und Lasbelin war noch zu jung, um den Bund zu schließen.

Vor Aufregung aß ich nur eine Kleinigkeit. Obwohl das Essen wirklich gut war. Gebratener Fisch mit Kräutern gewürzt, gebackenes Gemüse, Pasteten, frisches Brot und Beeren. Später wurde noch knusprige Stücke, die aussahen wie Blätterteig, gereicht. Sie waren übergossen mit dem Honig der Traubenblattmagnolie. Dieser schmeckte ungewöhnlich. Süß und bitter zugleich.

Musiker spielten fröhliche Lieder. Es wurden Geschichten erzählt und getanzt. Die Waldelben waren viel quirliger, eben lebenslustiger, als die anderen Elbenrassen. Auch verfügten sie über eine ausgefallene Art des Humors. Manche Späße waren für meinen Geschmack am Rande des Erträglichen. Doch ich fand diesen Abend sehr amüsant und kurzweilig. Nur hielt ich nicht lange durch. Ich war zu erschöpft von der Reise. Ich merkte kaum, dass mein Kopf an Anordils Schulter sank.

to be continued ...

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