992 n. Chr.
Hogwarts (Schottland)

Dieses Schloss war eine einzige Baustelle. Kendra war ein wenig enttäuscht. Natürlich war das, was bereits stand, groß und gewaltig und würde später einmal in seiner vollen Größe und Schönheit viele Schüler beeindrucken. Doch im Moment waren viele Mauern nur zum Teil hochgezogen, die Wege schlammig und überall rannten Männer und Frauen herum, die Material brachten, über Plänen diskutierten oder an Gebäudetrakten arbeiteten. Pferdekarren standen in der Auffahrt und Baumstämme wurden vom See heraufgebracht.

Kendra saß in einem der wenigen Räume, der bereits fertiggestellt war, einem großen Saal mit einem Kamin und vier langen Bankreihen. Im ersten Moment hatte Kendra geglaubt, auch dieser Raum wäre noch nicht fertig, da sie durch das Dach den Himmel sehen konnte, aber sie bemerkte schnell, dass es sich um eine verzauberte Deckenkonstruktion handeln musste. Jedenfalls regnete es nicht rein.

"So, junges Fräulein", sagte eine hochgewachsene Hexe von erstaunlicher Schönheit und Anmut, die Kendra an eine Edeldame denken ließ. "Dann wollen wir einmal sehen. Du bist...?"

Kendra richtete sich betont stolz auf. Sie war die merkwürdige Robe noch nicht wirklich gewohnt, die sie in Glastonburough gekauft hatte und welche dem entsprach, was man als Hexe trug. Sie versuchte, selbstsicher zu wirken, den zwei Hexen und den beiden Zauberern gegenüber, welche an einem breiten Tisch saßen, der quer zu den übrigen Bankreihen leicht erhöht stand. "Kendra."

"Kendra", sagte einer der Zauberer mit einem langen und dünnen Bart, der bereits ergraut war, auch wenn der Mann selbst kaum älter sein mochte als Kendras Vater es heute war. "Nur Kendra, oder gibt es einen Familiennamen?"

Er klang ein wenig verächtlich, als würde er dies nicht erwarten, als wäre es allerdings ein gewisses Kriterium, jedenfalls in Bezug darauf, wieviel Achtung er einer Person entgegen brachte. Kendra fackelte nicht lange. "Malfoi", sagte sie, ohne viel zu überlegen. Es erschien ihr passend.

"Mal foi", wiederholte der Mann, die beiden Worte vielsagend betonen. Sein Blick schien Kendra zu durchbohren. Das Mädchen straffte ihre Haltung. "Ein Wort", sagte sie und klang dabei so, als würde sie diese Feststellung öfter machen müssen, "und mit einem Ypsilon am Ende."

"Kendra Malfoy, also", sagte der Zauberer. Kendra hatte ein seltsames Gefühl, als er sie ansah, als könne er in sie hinein sehen. Sie versuchte, sich dagegen zu wehren und das Gefühl verschwand. "Reinblütig?"

"Salazar." Eine gewisse Empörung lag in den Worten der kleingewachsenen Hexe mit den braunen Locken, die zwischen ihm und der hochgewachsenen Schönheit saß. "Muss das immer die erste Frage sein? Ihre Familie steht hier nicht zur Debatte. Wir waren uns doch einig, dass wir alle magisch begabten Schüler aufnehmen, auch die, deren Eltern keine Hexe oder kein Zauberer sind."

Ihre Eltern. Unvermittelt trat das Bild von Kendras Vater vor ihr geistiges Auge, wie er in gebückter Haltung magere Getreidehalme schnitt. Ihre Mutter ging ihm zur Hand, ausgemergelt und mit einem Gesicht, in dem Entbehrung und Hoffnungslosigkeit geschrieben standen. Ihr Bruder Luin, der in der Hungersnot gestorben war, als Kendra vier gewesen war, rannte barfuß vorbei und trieb zwei magere Ziegen vor sich her.

Kendra zwang ihre Gedanken auf andere Bahnen und hob den Blick, den Zauberer, dessen Name offenkundig Salazar war, fest ansehend. 'Raus aus meinem Kopf', dachte sie und versuchte in ihren eigenen Gedanken bestimmt zu klingen. Sie wusste nicht, ob er es hören konnte, aber sie war sich sicher, dass er irgendwie ihre Gedanken hatte lesen können.

"Meine Mutter war eine Hexe", log sie dann, ohne dabei rot zu werden. Sie lernte schnell dazu und sie war entschlossen, nie wieder zu einem unteren Stand zu gehören. "Und mein Vater ein Zauberer. Sie starben als ich noch klein war. Mein Ziehvater meinte, wir wären auf der Flucht vor Räubern gewesen und ich hätte als einzige überlebt. Ich bin unter Bauern aufgewachsen, bis ich alt genug war, um in ein Kloster geschickt zu werden."

Sie fühlte versichernd in ihrer Tasche nach einer der Münzen, die einst Cuiin von seinen Eltern mitgegeben worden war. "Sie haben mir Geld für meine Erziehung dort hinterlassen. Eigentlich sollte ich nach Toledo gehen, aber meine Zieheltern hatten wenig Ahnung von solchen Dingen und schickten mich nach Iona." Dort gab es auch ein Nonnenkloster, so dass sich Kendra keine Gedanken um diesen Teil ihrer Geschichte machen musste.

Die beiden Hexen und die zwei Zauberer wechselten kurz einen Blick untereinander. Dann ließen sie Kendra eine Probe ihrer magischen Fähigkeiten geben. Sie sollte eine Feder zum Schweben bringen und mit Magie eine Kerze entzünden. Der Schwebezauber war kein Problem mit einer Feder und nachdem man ihr den Spruch für die Kerzenflamme gesagt hatte, klappte auch dies.

"Sehr schön, Kendra Malfoy", sagte die hochgewachsene Hexe schließlich. "Ich denke, Du gehörtst in Zukunft zu meinen Schülern." Sie sah zu den anderen dreien. "Ravenclaw, wenn niemand etwas einzuwänden hat." Niemand hatte etwas einzuwänden, am wenigsten Kendra Malfoy.