Kapitel 10

Ann verließ das kleine Geschäft mit einer recht großen Einkaufstüte. Die Auswahl dort hatte sie fast schwindlig gemacht und vermutlich würde auch ihr Bankkonto etwas schwindlig werden, aber das war es ihr wert. Als sie ihr Auto aufschloss, schaute sie flüchtig auf die andere Straßenseite und erstarrte. Da stand Paul und verabschiedete sich von einer wunderschönen schwarzhaarigen Frau, Paul, der ihr erzählt hatte, er müsse noch Arbeiten korrigieren. Die beiden bemerkten Ann nicht, aber Ann sah sofort, dass sie sich gut kennen mussten, so wie sie miteinander umgingen. Paul hatte sie angelogen. Ann blinkte die Tränen, die aufstiegen, weg. Sie hatte immer gemerkt, dass da noch etwas war. War es das, was er verschwiegen hatte? Aber vielleicht war es auch ganz harmlos, vielleicht machte er nur gerade eine Pause, vielleicht... Sie würde nicht wieder den Fehler machen falsche Schlüsse zu ziehen. In Gedanken versunken fuhr sie weiter und erledigte noch einige Einkäufe. Nervös verstaute sie zu Hause die Lebensmittel und holte die mit viel Liebe eingekaufte Lingerie aus der Tüte. Ihre Nervosität stieg. Was sollte sie tun? Zögernd hob sie den Telefonhörer ab.

Ich komme mir wie eine Heuchlerin vor; bitte lass es harmlos sein! „Hallo Paul, ich wollte mal hören, wie weit du mit deinen Arbeiten bist. Hast du viel zu tun? Klappt das heute Abend pünktlich?"

„Ich bin in jedem Fall rechtzeitig bei dir und freue mich schon sehr," sagte Paul sanft.

„Hast du überhaupt schon eine Pause gemacht? Wenn du die ganze Zeit durcharbeitest…" Ann ließ die Frage in der Luft hängen. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, wo er ihr sagen könnte, dass er mal kurz weg gewesen war und dass…

„Das macht mir nichts aus, Ann, wirklich nicht."

Es war also nicht harmlos gewesen. Aus irgendwelchen Gründen führte er ein Doppelleben.

„Ann?...Warum antwortest du nicht?"

„Du hast mich angelogen, Paul. Ich….ich habe dich heute gesehen in der Leicesterstraße und nicht nur dich, auch diese Frau." Sie versuchte krampfhaft ihre Tränen zu unterdrücken. „Ich habe immer gemerkt, dass da noch irgendwas ist, aber nie hätte ich gedacht…Ich verstehe nicht, wie du…Warum, Paul?", sagte Ann tonlos. In die entstehende Stille hinein legte sie auf. Und dann kamen die Tränen.

Paul saß wie erstarrt an seinem Schreibtisch und hörte das Tuten, das aus dem Telefonhörer drang. Nein, das konnte nicht sein! Sie hatte ihn gesehen und tatsächlich gedacht…Wusste sie denn nicht, wie viel sie ihm bedeutete? Es war seine eigene Schuld, dass es soweit gekommen war. Seine Angst sie zu verlieren, wenn sie über seine Vergangenheit Bescheid wüsste, war so groß gewesen, dass er das notwendige Gespräch immer wieder aufgeschoben hatte. Er wählte ihre Nummer, aber sie nahm nicht ab. Wieder und wieder versuchte er anzurufen, bis er schließlich ihre Stimme am anderen Ende der Leitung hörte. „Ann, bitte, bitte hör mich an. Es ist nicht, was du denkst; ich weiß, dass ich dir etwas erklären muss…." „Paul, ich weiß nicht, was du mir da erklären willst…" Anns Stimme klang müde.

„Bitte Ann, gib mir eine Chance!" Ann hörte, wie dringlich und flehend Pauls Stimme klang. Hatte sie ihm etwas unterstellt, was gar nicht stimmte? Wenn er nicht ein begnadeter Schauspieler war, dann wollte er ihr tatsächlich etwas Wichtiges sagen.

„Gut, Paul, du kannst nachher vorbeikommen, sagen wir in einer Stunde." Sie würde etwas Zeit brauchen um ihr verheultes Gesicht zu kühlen und sich so weit innerlich vorzubereiten, dass sie ihm entgegentreten konnte.

Erleichtert legte Paul den Hörer auf. Auch hier war wieder der Unterschied zu Alona. Die Fakten schienen auch hier gegen ihn zu sprechen. Er hatte Ann seine Vergangenheit verschwiegen und sie hatte gespürt, dass etwas nicht in Ordnung war, er hatte ihr erzählt, er wolle Arbeiten korrigieren und sie hatte ihn mit einer schönen Frau gesehen – aber sie gab ihm eine Chance. Er würde sie nutzen, er würde ihr alles erzählen.

Es klingelte. Paul war erheblich zu früh! Ohne nachzudenken öffnete Ann die Tür und erstarrte, als sie in den Wohnungsflur geschoben wurde und eine Hand ihren Arm fest umklammerte – Greg!

„Du scheinst nicht erfreut mich zu sehen," sagte Greg mit einer trügerisch sanften Stimme. Sein Griff wurde fester und Ann schrie auf. „Du Schlampe," zischte Greg und zerrte sie ins Wohnzimmer.. „Ich war sicher, du würdest irgendwann zu mir zurückkommen. Ich dachte du wüsstest, dass wir füreinander bestimmt sind, dass du nie einen Mann wie mich finden würdest. Ich dachte, du hättest dich für mich rein erhalten und dann habe ich dich mit diesem Lehrer gesehen. – Ja, ich habe dich beobachten lassen und konnte nicht glauben, was das Detektivbüro mir berichtete. Aber dann habe ich euch mit eigenen Augen gesehen. Wie konntest du mich so verraten? Ich hätte dir alles gegeben, alles!"

Ann fröstelte, als sie in Gregs Augen blickte. Seine Hände hatten sich in ihre Oberarme gebohrt. „Du tust mir weh!"

Sein Griff lockerte sich und er lächelte fast zärtlich. „Mein Liebling, das wollte ich nicht. Nicht wahr, du wirst zu mir zurückkommen? Du weißt, wie ich dich liebe."

Anns Hals war wie zugeschnürt. Greg war besessen von ihr. Nichts würde ihn überzeugen können zu gehen. Wie sollte sie ihn beschwichtigen? In einigen Minuten würde Paul kommen und was dann?

Gregs Finger fuhren zärtlich über ihr Gesicht. „Du wirst zu mir zurückkommen, Ann?" Dann fiel sein Blick auf die Lingerie, die noch immer auf dem Sofa lag. Sein Blick verzerrte sich. „Für ihn? Das hast du für ihn gekauft?" schrie er wütend und holte aus. Sein Schlag traf Ann voll auf die Wange und sie fiel zu Boden.