CoraCora: Dann lassen wir Lilith doch ein wenig „ausruhen"…
Lothlorien 2. Teil.
Ui, das wird ein Mädchenkapitel…..
Moby Dick gehört übrigens Herman Melville. Nur für den Fall…
10. Verwirrt
Als Lilith am nächsten Morgen erwachte schien die Sonne durch den Spalt im Zelteingang. Alles wirkte frisch und neu. Ein sanfter Wind bewegte die Zeltbahnen, brachte klare Luft und den Geruch von feuchtem Gras herein. Einige Minuten lang blieb sie still liegen und lauschte. Sie hörte nichts außer dem Rauschen in den Blättern und dem Plätschern der Quelle. Oder erkannte sie da eine leichte Andeutung von Gimlis Schnarchen aus dem Nachbarzelt? Es kam ihr vor wie der erste friedliche Moment seit Ewigkeiten. Sie rechnete zurück und stellte zu ihrem Erstaunen fest, dass sie heute erst den siebten Tag in Mittelerde war. Es kam ihr vor wie Wochen oder Monate. Ihr altes Leben schien unerreichbar weit hinter ihr zu liegen, als gehöre es jemand anderem. Nichts, was sie wusste oder konnte hatte hier Bestand. Ängstliche Bücherwürmer wurden hier nicht gebraucht. Ob die Herrin Galadriel ihr bei ihrer Heimreise helfen konnte? Ob sie die Gelegenheit bekommen würde, danach zu fragen? Lilith bezweifelte es. Alles sah danach aus als müsse sie an ihrem vor den Toren von Moria gefassten Plan festhalten.
Leise Schritte näherten sich dem Zelt und blieben direkt vor dem Eingang stehen.
„Seid Ihr wach? Darf ich eintreten?" fragte eine unbekannte weibliche Stimme.
Rasch setzte Lilith sich auf. So plötzlich aus ihren Gedanken gerissen, war sie mit einem Schlag hellwach.
„Sicher, kommt herein."
Die Stoffbahn vor dem Eingang wurde zurückgeschlagen und eine in helle Grautöne gekleidete Elbenfrau betrat das Zelt. Ihre dunkelblonden Haare hingen ihr in langen Flechten den Rücken hinab. Unter dem Arm trug sie ein Stoffbündel. Auf den ersten Blick wirkte sie nicht älter als Lilith, doch diese ließ sich davon nicht täuschen. Soviel sie mitbekommen hatte, konnte ihr Gegenüber auch hunderte oder sogar tausende von Jahren alt sein. Die Elbin neigte zur Begrüßung kurz den Kopf.
„Frau Galadriel schickt mich, da ich als einzige ihrer Dienerinnen eure Sprache spreche. Man nennt mich Vilyani. Ich werde Euch nicht eher verlassen, bis alles zu Eurer Bequemlichkeit und Zufriedenheit eingerichtet ist."
„Oh", entfuhr es Lilith überrascht. Sie war es nicht gewohnt bedient zu werden und es kam ihr unhöflich vor um irgendetwas Bestimmtes zu bitten. Die Herren der Galdrim erwiesen ihnen auch so schon mehr als genug Freundlichkeit. „Vielen Dank. Nach meiner Wanderung durch die Wildnis ist dieses Zelt hier schon mehr Bequemlichkeit als ich je wieder zu erhoffen wagte." Unglaublich, es gelang ihr inzwischen sogar schon im selben Tonfall zu antworten.
Die Elbenfrau lächelte. „So einfach werdet Ihr mich nicht los. Die Herrin sendet euch frische Kleidung und vielleicht wäre auch ein Besuch im Badehaus nach eurem Geschmack?"
„Es gibt hier ein Badehaus?" Bei diesen Worten befand Lilith sich schon halb auf den Beinen. Wie oft hatte sie sich in den vergangenen Tagen nach einer Dusche, einem Fluss oder auch nur nach einer Pfütze gesehnt, in der sie sich ungestört waschen konnte!
Die Lachfalten um Vilyanis Augen herum vertieften sich, als Lilith ihre Begeisterung so offen zeigte. „Es gibt sogar mehr als eines. Möchtet Ihr mir in das für die Jungfrauen der Herrin folgen?"
„Auf jeden Fall." Sie hielt sich nicht damit auf, ihre Schuhe anzuziehen. Barfuss wie sie war trat sie hinter der Dienerin in den Morgen hinaus.
Es musste noch sehr früh am Tag sein. Der grüne Rasen unter ihren Füßen war noch nass vom Tau. Die Sonne hatte sich eben erst über den Horizont erhoben und brachte das goldene Blattwerk der Mallornbäume zum leuchten. Nahebei begann ein Vogel sein morgendliches Lied. Alles wirkte so idyllisch und friedlich, dass die düsteren Minen von Moria wie ein Alptraum beim Aufwachen in Liliths Gedanken verblassten.
Das Badehaus erwies sich als ein niedriges Häuschen aus hellem Holz direkt neben einem Bach. Durch eine Rinne konnte Wasser ins Innere und in eine halb in den Boden eingelassene hölzerne Badewanne geleitet werden. Lilith schauderte unwillkürlich bei der Vorstellung ins kalte Nass zu steigen, doch zu ihrer Überraschung war es herrlich warm. Sie seufzte zufrieden als sie bis zum Hals untertauchte und spürte wie all der Staub und Schmutz von ihr abgewaschen wurde.
Vilyani reichte ihr ein kleines Stück Seife. Kaum kam es mit dem Wasser in Berührung, als ein süßer, belebender Duft den ganzen Raum erfüllte. Der Schaum, den es produzierte war cremig und herrlich weich auf der Haut. Mit nassen Fingern entfernte Lilith den Haargummi und versuchte ihren Zopf zu entwirren.
„Oh je, das wird schlimm werden", murmelte sie. Die Strähnen waren teilweise so verfilzt, dass sie sich fragte, ob sie sie jemals wieder entwirren konnte.
„Keine Angst, ich helfe dir" Und wirklich verstand sich Vilyani hervorragend darauf, mit Haaren umzugehen. Nachdem die Elbin sie mit einer milchigen Flüssigkeit gewaschen hatte, schaffte sie es zu Liliths großer Verwunderung, alle Knoten mit einem grobzinkigen Kamm aufzulösen. Allerdings dauerte es eine ganze Weile und ihre langen dunklen Haare waren schon fast wieder trocken, als Lilith sich aus dem riesigen Tuch schälte, mit dem sie sich abgetrocknet hatte.
„Was ist euch hier zugestoßen?", fragte Vilyani und berührte mit der Fingerspitze ganz leicht Liliths rechten Oberarm. Diese blickte hinab und sah den dunkelblauen Fleck, den Boromirs eiserner Griff auf ihrer blassen Haut hinterlassen hatte. An den Rändern färbte er sich schon violett.
„Jemand, dem ich mein Leben verdanke", antwortete sie wahrheitsgemäß aber nachdenklich. „Ohne ihn läge ich jetzt tot in der Finsternis von Moria."
„Verzeiht, ich wollte Euch nicht an schreckliche Dinge erinnern", sagte Vilyani beschwichtigend. „Die Herrin gab Befehl, Euch nicht mit Fragen aufzuregen. Doch kommt jetzt und kleidet Euch an."
Vilyani reichte ihr die neuen Kleidungsstücke und zeigte ihr wie sie sie anziehen sollte. Zuerst kam ein weich fließendes Kleid aus einem festen blassgelben Stoff. Es hatte lange Ärmel, die sich am Unterarm weiteten und fiel fast bis auf Liliths Füße hinab. An den Säumen und am Ausschnitt war es mit einem einfachen grauen Muster abgesetzt. Gerafft wurde es um die Taille mit einem breiten dunkelgrauen Stoffgürtel, der mit einem Blattmuster aus silbernen Fäden verziert war. Darüber kam ein silbergrauer ärmelloser Mantel aus einem fast durchsichtigen Gewebe. Es fühlte sich leicht wie Seide unter ihren Fingern an. Der Mantel ließ sich nur durch eine kleine Schnürung direkt über der Brust schließen. Die Schuhe bestanden ebenfalls aus einem samtgrauen Stoff, doch um einiges dicker und robuster. Außerdem besaßen sie Sohlen aus wunderbar weichem Leder. Sie saßen an Liliths Füßen wie die gemütlichsten Hausschuhe, die sie sich nur vorstellen konnte.
„Es sind nur einfache Kleider", räumte Vilyani ein. „Doch sind sie Geschenke der Herrin des goldenen Waldes."
Lilith sah an sich herunter und fühlte sich wie eine Prinzessin. „Sie sind wunderbar. Richte der Herrin meinen Dank aus." Sie blickte auf das dreckige Häufchen ihrer alten Kleider. Im Vergleich sahen sie sehr schmutzig und schäbig aus. „Darf ich meine eigenen Kleider behalten? Nur für den Fall…"
„Sie werden gewaschen und zu Euch ins Zelt gebracht werden."
Lilith versuchte probehalber ein paar Schritte und fand zu ihrem Erstaunen, dass sie der lange Rock nicht behinderte. Wie Wasser schmiegte sich der gelbe Stoff an ihren Körper. Sie spürte ihn kaum. Einen Moment zögerte sie, aber sie konnte sich ihre Frage nicht verkneifen.
„Gibt es hier vielleicht einen Spiegel?"
Die Elbenfrau lächelte wieder, wie über ein Kind, das sich an einem neuen Spielzeug freut. Mit einem schnellen Schritt trat sie in eine Ecke und zog dort einen Vorhang beiseite, den Lilith vorher nicht bemerkt hatte. Dahinter kam ein großer Spiegel zum Vorschein, in dem man sich ganz betrachten konnte.
Mit gemischten Gefühlen trat Lilith davor, unsicher darüber, was sie sehen würde. Kritisch musterte sie ihr Spiegelbild. Eine Fremde mit ihrem Gesicht blickte ihr entgegen. Bei einem flüchtigen Blick hätte sie als eine der Elbenfrauen durchgehen können. Doch ein zweiter Blick verriet sie. Lilith war zwar nicht gerade klein und auch sehr schlank doch neben Vilyani würde sie immer ein wenig zu kurz geraten und plump aussehen. Die elbische Kleidung stand ihr wider Erwarten recht gut. Sie betonte ihre Figur. Die braunen Haare, von ihrer Freundin Annette liebevoll als „schokofarben" bezeichnet, hingen ihr offen bis fast zu den Ellenbogen hinab. Sie selbst trug meistens einen Zopf oder steckte die Haare auf, damit sie ihr beim Lesen nicht in die Augen fielen. Lilith musste zugeben, dass Vilyani hier ihr Bestes gegeben hatte. Sie schimmerten beinahe. Doch das Gesicht gehörte unzweifelhaft ihr. Unter den blauen Augen lagen leichte Schatten. Sie sah blass und ein wenig verschreckt aus. Wer konnte es ihr verdenken?
„Zufrieden?"
Lilith schrak aus ihrer Betrachtung auf. „Ich hätte mich beinahe nicht wieder erkannt", gestand sie. „Noch einmal vielen Dank. Den Weg zurück finde ich alleine."
Sie verließ das Badehaus und lief durch den Sonnenschein. Liliths Verwandlung hatte erstaunlich viel Zeit in Anspruch genommen. Die Sonne war schon ein gehöriges Stück über den Horizont geklettert, der Tau getrocknet.
Sie fand die Gefährten vor ihrem Zelt in der Sonne bei einem köstlich aussehenden Frühstück sitzen. Die Elben hatten Tücher auf dem Gras ausgebreitet und Schüsseln, Becher und Teller darauf gestellt.
Aragorn entdeckte sie als erster, wie sie zwischen den Bäumen näher kam. Er sagte etwas zu Gimli, der neben ihm saß und gleich darauf wendeten alle die Köpfe und sahen ihr entgegen. Lilith wurde immer langsamer bis sie schließlich zwei Schritt von den anderen entfernt stehen blieb. Das erwartungsvolle Schweigen wurde ihr unangenehm.
„Äh, guten Morgen?" sagte sie probehalber und blickte unsicher in die Runde.
Pippin sprang als erster auf. „Wer seid Ihr und könnt Ihr uns vielleicht verraten wohin Lilith verschwunden ist?" Dann machte sich ein breites Grinsen auf seinem Gesicht breit. Merry und Gimli stimmten in sein Gelächter mit ein. Aragorn lächelte nur.
„Was für ein freundlicher Empfang" bemerkte Lilith und ließ sich auf einem freien Fleckchen Tuch nieder. Sie wollte nicht bei der ersten Gelegenheit Flecken in ihr neues Gewand machen.
„Na wenn du ein Kompliment nicht mehr erkennst wenn du eines hörst, dann kann ich dir auch nicht helfen." Gluckste Pippin in sich hinein. Er schob ihr ein Brett mit einem angebrochenen Laib Brot zu.
„Da soll noch einer an den Zauberkünsten der Elben zweifeln", meldete sich nun auch Gimli zu Wort. „Ich hätte dich wirklich kaum erkannt, Mädchen."
Lilith spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg. Das passierte ihr immer, wenn ihr jemand etwas Nettes sagte. „Ich würde es nicht Zauberkunst nennen, sondern ein Bad." entgegnete sie knapp, erstaunt über sich selbst.
Merry kicherte. Langsam wurde ihr die Geschichte zu dumm.
„Könnten wir vielleicht das Thema wechseln?"
„Welches wäre dir denn angenehmer?", fragte Boromir ruhig, doch in seinen grauen Augen blitzte es. „Soweit ich weiß, werden es schöne Frauen niemals müde Komplimente hören."
Natürlich fiel ihr darauf nichts ein. Das berühmte Mauseloch begann wieder einmal äußerst verlockend auszusehen.
Abermals war es Pippin, der sie rettete. Ohne es zu wissen, vermutlich. „Damit hat unser tapferer Herr aus Gondor zweifelsohne Recht. Aber ich möchte dich an dein Versprechen erinnern. Wie war das noch einmal gestern? Mobi Dick, Heming…irgendwas und Jane?"
Lilith musste trotz ihres Unbehagens lachen. „Du wirst noch einmal an deiner eigenen Neugierde ersticken, Peregrin Tuck", stellte sie fest. In Wirklichkeit war sie heilfroh über die Ablenkung. Allzu deutlich waren ihr gerade jene dunkle Nacht in Moria und ihr damit zusammen hängender Plan ins Bewusstsein getreten. Es war nichts, worüber sie in Gegenwart der anderen auch nur nachdenken mochte.
Also begann sie zu erzählen und konzentrierte sich dabei stur auf ihren Teller und das Frühstück. Sie begann mit der Geschichte von Moby Dick, so gut sie sich daran erinnern konnte. Natürlich ließ sie all die langen Kapitel über die Farbe weiß und den Wahlfang im 19. Jahrhundert aus. Sie schätzte Pippin so ein, dass er vor allem an einer spannenden Geschichte interessiert war.
„Dieser Kapitän Ahab war ja wirklich ein wahrer Teufelskerl" entfuhr es ihm schließlich. Er dachte einen Moment nach und blinzelte versonnen in den blauen Himmel hinauf. „Schade, dass keiner von ihnen bis auf einen überlebt hat. Wenigstens diesem lustigen Queequeg hätte ich es gegönnt."
Inzwischen hatte auch noch der hungrigste Hobbit sein Frühstück beendet. Elben hatten das Geschirr und die unbedeutenden Reste weggeräumt und die Gemeinschaft wieder allein gelassen. Legolas und Gimli waren zu einem Spaziergang durch den Wald aufgebrochen.
„Hast du denn schon einmal das Meer gesehen, Lilith?" fragte Sam plötzlich.
„Falls du das in meiner Welt meinst, ja, das habe ich."
„Wie ist es?"
„Riesig. Unvorstellbar riesig und wunderschön. Man kann den ganzen Tag lang sitzen, hinausschauen und den Wellen zuhören."
„Sam, lenke sie nicht ab", schalt Pippin. „Jetzt wo ich alles über den weißen Wal gehört habe, kommen die anderen beiden dran."
„Kriegst du denn eigentlich nie genug?", entfuhr es Lilith halb lachend, halb verzweifelt.
„Nicht solange es etwas gibt, das ich noch nicht weiß", lautete die vergnügte Antwort.
Lilith seufzte. „Gut, was willst du zuerst hören? Hemingway oder Jane Austen." Wenn das so weiterging würde sie spätestens heute Abend keine Stimme mehr haben.
„Über was schreiben die beiden denn?"
„Hemingway ist vor allem für seinen Erzählstil berühmt. Das kann ich schlecht wiedergeben. In seinen Geschichten geht es oft um Tod oder Krieg. Manche behaupten seine Bücher seien hauptsächlich etwas für Männer, aber ich lese ihn sehr gerne."
„Na ich weiß nicht. Von Tod und Krieg habe ich eigentlich genug." Pippin runzelte die Stirn.
„Jane Austen würde ich fast als das genaue Gegenteil bezeichnen. Meine Freundin Maria kann gar nicht genug von ihren Geschichten bekommen. Es handelt sich dabei ausnahmslos um Liebesgeschichten."
Pippin rümpfte die Nase. „Liebesgeschichten? Nein, das ist nichts für mich. Das können sich junge Mädchen anhören. Dann vielleicht doch lieber Krieg. So aus der Ferne betrachtet."
„Und was ist mit der Geschichte von Tinúviel und Beren?" fuhr ihm Sam dazwischen. „Die hat dir doch gefallen und das ist schließlich auch eine Liebesgeschichte."
Damit begann eine heftige Diskussion zwischen den beiden, vor allem weil Sam seinen Standpunkt partout nicht aufgeben mochte.
Lilith nutzte die Gelegenheit um sich unbemerkt davon zu stehlen. Außer Sichtweite der Zelte blieb sie stehen, lehnte sich mit dem Rücken an einen der silbernen Mallornstämme und schloss erschöpft die Augen. Tief atmete sie die milde Luft von Lothlorien. Selbst sie schien golden zu schmecken. Es roch ganz unbestreitbar nach Wald und doch nicht so wie sie es kannte. Sie legte den Kopf in den Nacken und blinzelte in die Baumkronen hinauf. Die Behausungen der Elben waren so an ihre Umgebung angepasst, dass sie oft nicht erkannte, wo Bäume und künstliche Erweiterungen aneinandergrenzten. Der Wind rauschte sacht in den Blättern hoch über ihr. Ein goldenes Meer von silbernen Säulen getragen.
„Du hättest noch weiter davonlaufen sollen. Hier werden sie dich ganz bestimmt finden"
Wie vom Blitz getroffen fuhr Lilith zusammen, als sie Boromirs Stimme so nahe hörte. Ihr Herz setzte einen Schlag aus um danach doppelt so schnell weiter zu klopfen. Sie hatte nicht bemerkt, dass er ihr gefolgt war. Eigentlich hätte es sie nicht überraschen dürfen. Sie hatte den ganzen Morgen seine Blicke auf sich gespürt.
„Danke für die Warnung", erwiderte sie nervös. „Dann nichts wie weg." Sie raffte ihren Rock und wollte davon gehen.
Mit einem schnellen Schritt versperrte er ihr den Weg. „Und wohin, wenn ich fragen darf? Möglichst weit weg von diesen neugierigen Hobbits oder möglichst weit weg von mir?"
Lilith schwieg, doch sie war sich sicher, dass er ihre Antwort bereits kannte.
„Du weichst mir aus." Das war keine Frage, sondern eine Feststellung. „Wovor hast du Angst?"
Lilith wollte einen Schritt zurückgehen und stieß mit dem Rücken an den Stamm des Mallorns. Sie saß fest. Es blieb ihr nichts übrig, als die Flucht nach vorne.
„Vor mir selbst." Sie zwang sich, seinem Blick stand zu halten. Er lächelte.
„Wenn es weiter nichts ist. Dem kann abgeholfen werden." Bevor sie auch nur die Möglichkeit hatte zu reagieren, beugte er sich vor und küsste sie.
Im ersten Moment erstarrte sie unter seiner Berührung wie in jener Nacht in Moria. Doch nur für eine Sekunde. Dann drängte sich ihr Plan in ihr Bewusstsein. Und ein wenig Trotz. Er wollte sie küssen? Gut, das konnte er haben. Also erwiderte sie den Kuss. Und zu ihrer Bestürzung merkte sie, wie etwas in ihr darauf reagierte.
„Nicht vor den anderen", bat sie ein wenig atemlos nachdem er sie wieder freigegeben hatte.
Boromir lachte. „Noch ein Grund mehr möglichst schnell das Weite zu suchen."
Lilith schüttelte den Kopf. Zum ersten Mal seit sie den Dachboden ihrer Tante verlassen hatte, schien sie ihr Selbstbewusstsein wieder gefunden zu haben. „Vielleicht sollte ich besser wieder zurückgehen."
Boromir runzelte einen Augenblick die Stirn, dann nickte er. „Einverstanden. Verbringe diesen Tag ruhig mit diesen zwei vorlauten Hobbits. Aber heute Nacht gehörst du mir."
***
Den Rest des Tages herrschte in Lilith ein einziges Durcheinander. Sie mühte sich redlich, es die anderen nicht merken lassen. Doch konnte sie keine Minute lang still sitzen, was Pippin zu Mutmaßungen bezüglich des Ameisenanteils in ihrem Frühstück anregte.
Geduldig beantwortete sie alle seine Fragen, erzählte Geschichten und lachte wenn Merry und er sich eines ihrer Wortgefechte lieferten.
Während des Abendessens jedoch hielt sie es nicht mehr aus.
„Nein, Pippin, es reicht", entfuhr es ihr schließlich. Sie hatte kaum einen Bissen hinuntergebracht und nur von dem hellgelben Wein gekostet, der ihre Becher füllte. „Ich ertrage keine einzige Frage mehr heute. Ich kann mich nicht einmal mehr selbst denken hören."
Ohne ein weiteres Wort stand sie auf und lief in die Dämmerung hinaus. Die weißen Waldwege leuchteten im Abendlicht doch im Dickicht sammelten sich schon die Schatten. Die ersten Lampen wurden über ihr in den Häusern der Elben entzündet und aus der Ferne hörte sie traurigen Gesang. Es kümmerte sie nicht. Sie lief weiter und weiter bis sie an eine freie Stelle mit einem kleinen Teich kam. Winzige blasse Blumen glitzerten wie herabgefallene Sterne im dichten Gras und niedrige Hecken bildeten ein verschlungenes Muster. Es sah aus wie ein sorgfältig angelegter Garten. Neben dem Weiher lag ein grauer Stein direkt am Wasser. Wie ein Sitz, der extra dort aufgestellt worden war. Ohne nachzudenken sank Lilith darauf nieder.
Um sie drehte sich alles. Es war einfach zu viel auf einmal. Sie wollte nicht an heute Nacht denken, sie wollte nicht an zu Hause denken, sie wollte nicht mehr an all die Gefahren außerhalb des Waldes denken. Sie wollte überhaupt nicht mehr denken.
In diesem Moment hörte sie sachte Schritte auf dem Pfad. Resigniert sah sie auf, überzeugt einen der Gefährten zu erblicken, der sie zurückholen wollte, und erlebte eine Überraschung. Im Zwielicht unter den Bäumen erkannte sie Galadriel deren weißes Gewand unwirklich schimmerte. Ohne Eile ging sie auf Lilith zu und blieb direkt vor ihr stehen.
„Zur Stunde der Dämmerung ist dieser Garten am schönsten" begann sie ohne eine Begrüßung. „Er erinnert mich an schöne Dinge, die längst im Meer versunken sind."
Lilith sprang peinlich berührt auf. Wenn dies Galadriels persönlicher Garten war, hatte sie sicher verbotener weise auf ihrem Sitz gesessen. Ungelenk versuchte sie einen Knicks. „Verzeiht. Falls ich die Lichtung unrechtmäßig betreten habe tut es mir leid."
Die Elbin lächelte. „Unruhe und innere Zweifel führten dich hierher. Es bedarf keiner Entschuldigung. Komm geh mit mir ein paar Schritte am Wasser entlang. Rat mag oft hier gefunden werden wenn die Nacht fällt."
Schweigend umrundeten sie den kleinen Weiher zur Hälfte. Auf seiner Oberfläche spiegelte sich der dunkler werdende Abendhimmel. Soviel Macht und Weisheit strahlte die Herrin der Galadrim aus, dass Lilith sich in ihrer Gesellschaft unbedeutend und klein fühlte. Schließlich blieb Galadriel stehen und wandte sich ihrem Gast zu.
„Ich sehe viele Dinge, die in weiter Ferne liegen, oder in ferner Zeit. Vieles mag noch geschehen, was ich bereits jetzt ahne. Doch ist es nicht an mir Ratschläge zu erteilen. Die Entscheidung muss letztendlich von jedem einzelnen getroffen werden."
Lilith nahm all ihren Mut zusammen. „Bitte, Herrin. Es gibt nur eines, was ich wissen möchte, falls Ihr es sagen dürft. Werde ich einen Weg zurück nach Hause finden?"
Galadriel maß Lilith mit einem langen Blick. Diese wand sich vor Unbehagen, denn es schien ihr, als könne die Elbin bis auf den Grund ihrer Seele sehen und jeden noch so geheimen Gedanken erraten. Dann nickte sie. „Es ist möglich, wenn du es wünscht."
Lilith atmete erleichtert auf. „Kennt ihr einen Weg mich wieder in meine Welt zu schicken?" Sie musste die Gelegenheit beim Schopf packen. Wer wusste schon, ob sie noch einmal so ungestört mit Galadriel sprechen konnte?
Ihr Gegenüber blickte für einen Moment betrübt drein. „Dieses Wissen besitzen wir in Lothlorien nicht. Wir haben nie danach getrachtet andere Welten zu bereisen, da uns diese hier so am Herzen liegt. Sei versichert, läge es in meiner Macht, ich würde dich noch heute Nacht zurück schicken wenn das deinem Wunsch entspräche. Ich mag dir nicht verhehlen, dass eine schwere Zeit vor dir liegt, obgleich du bereits viele Gefahren bestanden hast. Aber ich sehe zwei Wege, die du einschlagen kannst. Der erste führt durch Angst und Zweifel, doch gewahre ich eine große Freude an seinem Ende. Auf dem zweiten erblicke ich Tod und trotzdem Leben, aber auch einen großen Schmerz." Noch einmal musterte sie Lilith prüfend. „Einer davon schwindet bereits."
„Keiner der beiden klingt sehr verlockend", bemerkte Lilith wie für sich selbst. „Woher soll ich wissen, welcher der richtige ist und was ich tun muss um ihm zu folgen?"
„Das kann ich dir nicht sagen. Du musst es selbst erkennen und die Wahl treffen." Sie hob den Kopf. „Doch sieh, hier ist jemand von deinen Gefährten, der besorgt nach dir gesucht hat."
Lilith drehte sich um und entdeckte Aragorn zwischen den Bäumen. Ehrerbietig grüßte er die Herrin bevor er sich mit Lilith zurück auf den Weg machte.
Eine Zeitlang gingen sie schweigend durch die anbrechende Nacht. Lilith entgingen allerdings nicht die nachdenklichen Seitenblicke, die der Waldläufer ihr immer wieder zuwarf. Sie versuchte, dem keine Aufmerksamkeit zu schenken. Zu vertieft war sie in ihre eigenen Gedanken. Zwei Wege zwischen denen sie wählen musste? Das klang wie das schlimmste Horoskop-Gewäsch, das sie jemals gehört hatte. Und doch beschlich sie die Ahnung, dass es mit Galadriels Visionen hier in Mittelerde eine völlig andere Bewandtnis hatte.
Am Rand der Lichtung auf der ihre Zelte standen, hielt Aragorn an.
„Ich muss mich bei dir entschuldigen." Lilith war so verblüfft, dass sie ihn nur fassungslos anstarrte. „Die Trauer über Gandalfs Verlust muss mir kurzzeitig den Verstand vernebelt haben. Durch seinen Tod habe ich die Führung unserer Gemeinschaft übernommen und damit auch die Verantwortung für ihre Mitglieder. Ich weiß nicht, welche Pläne er für dich hatte. Er hat sie mir gegenüber mit keinem Wort erwähnt. Wir können nicht lange hier in Lothlorien bleiben, unser Auftrag ist dringend und duldet keinen Aufschub. Ich habe in den letzten Tagen wenig über deinen weiteren Weg nachgedacht, doch werde ich eine Lösung für dich finden."
Lilith schüttelte den Kopf. „Vielen Dank aber ich habe meinen Entschluss bereits gefasst. Falls ich meine Heimat jemals wieder sehen möchte, muss ich nach Minas Tirith. Dort war meine Urgroßmutter vor vielen Jahren. Nur dort kann ich hoffen, die Lösung des Rätsels zu finden."
„Ich habe gesehen, dass dich etwas bedrückt und es war nicht nur die Ungeduld mit einem naseweisen Hobbit. Was ist es, Lilith?"
Sie schluckte. Was sollte sie antworten? Sie konnte ihm unmöglich von ihrem Plan erzählen und von Galadriels vager Prophezeiung.
Also zuckte sie mit den Schultern. „Nichts und alles, Aragorn. Ich verstehe es selbst nicht recht. Wenn du mich jetzt entschuldigst. Ich bin sehr müde und werde lieber schlafen gehen."
Damit ließ sie ihn stehen und ging zu ihrem Zelt hinüber. Sie fühlte sich ziemlich schäbig dabei. Vor allem weil sie wusste, dass sie heute Nacht noch lange nicht schlafen würde.
Herrje, wieso werden diese Kapitel denn so lang? Jetzt muss ich ein drittes in Lothlorien anfangen…und alle schwierigen Szenen da rein packen…oh, oh
Bis dahin: Please R&R
