Kapitel 10: "Ich bin Dein"

Es zerriß Gillian innerlich.

Sie bestand nur noch aus Hass.

Hass brannte in ihren Adern, rauschte durch ihr Blut, verbrannte ihre Seele.

Sie wollte ihn hervorwürgen, wollte ihn herausschreien.

Sie hatte das Gefühl zu platzen.

Sie sah zu Steve, ihre Augen schwarze Löcher.

Doch etwas war da noch in ihr, etwas anderes.

Ein Gedanke.

Ein Gedanke, den sie so angestrengt gedacht hatte, den sie so lange schon in ihrem Herzen trug, den sie so verzweifelt transportieren wollte, dass er in dem See aus schwarzer Tinte an die Oberfläche spülte:

Ich bin Dein.

Ein Bild von Larten Crepsley blitzte vor ihrem benebelten Geist auf.

Larten, wie er sie angesehen hatte, damals als sein Blut in ihr war. Als sie sich geküsst hatten.

So voller Liebe.

Der Nebel lichtete sich ein wenig, er zerfloß am Rand ihres Gesichtsfeldes, so dass Gillian wieder etwas sehen konnte.

Sie sah Desmond Tiny.

Was machte der hier?

Er grinste böse auf sie herab.

Tiny.

Warum war er hier?

Gillian würgte und das Schwarze etwas in ihr wollte heraus.

Doch Gillian ließ es nicht zu.

Er hatte das alles geplant.

Sie kroch vor ihm davon.

Sie spürte, wie ihr Blut an den Beinen herunterlief.

Von Anfang an.

Er hatte dafür gesorgt, dass Larten Darren anzapfte. Dass Darren und Steve sich hassten. Dass Gillian von den Vampiren zu Tode verurteilt wurde – er hatte einen seiner kleinen Leute geschickt, um den Fürsten zu sagen, sie wäre eine Schattentänzerin und gefährlich…

Er hatte dafür gesorgt, dass sie das Grab fand, er hatte Gavner Purl die Pergamentrolle zugespielt.

Er hatte sie dazu gebracht, dass sie Steve zum Lord der Vampaneze machte.

Jetzt wollte er, dass sie sich für eine Seite entschied.

Darren oder Steve.

Sie sollte einen von ihnen töten.

Das hatte er von Anfang an gewollt.

Aber sie würde Steve nicht töten.

FICK DICH, TINY!

Sie stand auf.

Interessiert sah Des Tiny zu, wie die Schattentänzerin kämpfte, um den Lord der Schatten zu bezwingen.

Sie war zäh.

Doch sie hatte den Kampf bereits verloren, sie blutete schon innerlich.

Unter gewaltigen Schmerzen stand sie auf, ihre Beine, an denen bereits Blut herablief, zitterten und trugen sie kaum noch.

Doch sie stand und hob trotzig ihr Kinn.

Des Tiny rieb sich die Hände. „Entscheide dich", sagte er begierig.

Gillian sah Des Tiny in die Augen.

Ihr Blick war klar, weder ein schwarzer Schleier noch ein roter Glanz lag in ihren Augen als sie sagte:

„Niemand befiehlt mir.

Kein Mensch. Kein Gott. Kein Vampirfürst.

Kein Lord der Vampaneze.

Ich beuge mich nicht einmal dem Schick Sal."

( "I even don`t obey Des Tiny.")

Und sie machte einen Schritt zurück.

Und trat über den Rand der Grube.

Ein köstliches Kribbeln breitete sich in Gillians Magen aus und verdrängte den Schatten und die Schmerzen und den Hass, als sie in die Luft trat, und fiel.

Die Zeit floß noch immer verlangsamt, so dass sie wie Larten in Zeitlupe fiel.

Ihr langes schwarzes Haar umfloss sie.

So fühlte sich das also an, dachte sie.

Wie fliegen.

Des Tiny trat an den Rand der Grube und verzog angewidert das Gesicht.

Dummes Mädchen!

Sie widersetzte sich ihm.

Aber das machte nichts.

Sie würde ihren Körper zertrümmern – und der Lord der Schatten wäre frei.

Egal.

Er konnte ihn noch immer einfangen.

Er musste nur seine Söhne dazu bringen, genug zu hassen.

Das Mädchen war nur der Wirt.

Er sah zu seinen Söhnen, die in der Luft schwebten, die Gesichter hassverzerrt.

Hmm… wer war zu tieferem Hass fähig?

Darren oder Steve?