Silvius sass in seinem Zimmer und wusste nicht mehr weiter. Seine lieben Eltern waren tot oder unauffindbar und mit seinem besten Freund hatte er sich jetzt auch noch zerstritten. Dabei hatte er den Jäger gar nicht so heftig anfahren wollen. Nun war die Situation so unerträglich geworden, dass er sich wünschte, er könne die vorwurfsvollen Worte rückgängig machen.
Da klopfte es und mit einem leisen Knarren öffnete sich die Türe. Doch nicht Missor, sondern der Arzt des Manors betrat das Zimmer und setzte sich Silvius gegenüber an den Tisch. Warum kommt mein Hausarzt heute zu mir? Ich bin doch nicht krank. Nur weil ich in den letzten Tagen nicht so viel gegessen habe, wird er wohl keinen Krankenbesuch machen. Der Knabe lies zu, dass ihm der Mann vertraulich eine Hand auf den Arm legte und leicht festhielt.
„Ich möchte mit dir über deine Eltern reden und vielleicht kannst du mir erzählen, was sie dir bedeuten. Oder besser, wie wichtig dir Amanda war", leitete der Arzt das Gespräch mit dem Halbweisen ein.
Der junge Bursche schaute seinem Arzt, der ihn schon als kleines Kind betreut hatte, in die Augen. „Amanda.. meine Mum..." Silvius Stimme brach, er verlor einen Moment die Fassung und blickte zur Seite.
Dr. Aaron strich ihm mitfühlend über die Hände und fragte: „Ist es noch zu schwer? Möchtest du lieber ein andermal reden?"
Der Junge schüttelt den Kopf. „Nein, nein es geht schon wieder. Ich kann nicht immer davor weglaufen, sonst erdrückt es mich." Er atmete tief durch, bevor er weitersprach. „Sie haben Recht, Schweigen hilft nicht. Irgendwie bin ich jetzt doch froh, dass sie gekommen sind." Silvius nahm einen Schluck Fruchtsaft aus dem Glas neben ihm, um seinen trockenen Mund anzufeuchten. „Es ist vor allem die Selbstverständlichkeit, mit der sie mich lieb hatte, die mir fehlt. Ich konnte mit allen Problemen zu ihr kommen, immer hatte sie Zeit für mich. Aber ich weiss, dass Mum tot ist und nie mehr wieder kommt. – Ja, es tut mir weh, wie sie vorhin gemerkt haben. Ich fühle eine Leere in mir, die nicht so schnell vergehen wird. Mit der Zeit werde ich mich damit abfinden können, aber ..." Silvius machte eine kleine Pause. Der Mediziner bemerkte ein zunehmendes Zittern der Hände, sagte aber nichts. So fuhr sein Gegenüber mit leicht verzweifeltem Unterton fort. „Aber noch schlimmer zu ertragen ist es, nicht zu wissen, wo mein Vater sich aufhält. Es ist schon eine Woche her, seit meine Mutter ermordet wurde. Die Totenwächter mit dem Sarg sind längst eingetroffen, nur er kam nicht mit zurück. Ich fühl mich so allein gelassen, nicht einmal eine Nachricht hat mein Dad mir geschickt! - Er ist einfach spurlos verschwunden ..." Silvius hielt inne, da Dr. Aaron den Kopf schüttelte.
Der arme Junge. Silvius wünscht sich sehnlichst seinen Vater herbei. Solange seine engste Vertrauensperson fehlt, kann er den Verlust nicht richtig verarbeiten. Es schien sogar, als hätte das unerklärliche Verschwinden seines Vaters dem jungen Burschen mehr zugesetzt als Amandas Tod. Deshalb sagte Aaron jetzt: „Der Herzog ist nicht weg, mein Junge. Vigilius ist schon seit drei Tagen wieder zurück im Manor."
Silvius schoss aufgeregt in die Höhe und stützte sich auf dem Tisch ab: „Was? Er ist zurück, wieso habe ich ihn dann nicht gesehen? Ich wollte mit ihm reden, wo ist er denn?"
„Junge, dein Vater ist bei mir. Ich habe ihn bis auf Weiteres in einem der beiden Krankenzimmer meiner Arztpraxis untergebracht", kam zögerlich die Antwort des Mediziners. Es war nicht richtig von mir die Rückkehr des Vermissten zu verschweigen. Der Junge braucht unbedingt seinen Vater, egal in welcher Verfassung. Silvius entsetzte Reaktion über die Antwort zeigte deutlich, wie sehr ihm das Wohl seines Vaters am Herzen lag. „Krankenzimmer? Ist mein Dad verletzt, kann ich ihm helfen? Ihn pflegen? Nun sagen sie schon!"
„Nein, keine Angst, verletzt ist er nicht." Zumindest nicht körperlich fügte Aaron in Gedanken hinzu. Dann schaute er sorgenvoll zur Türe und seufzte schwer.
„Aber aus welchen Gründen ist er dann auf der Krankenabteilung?"
„Nun zum einen, um ihn etwas abzuschirmen. Damit er nicht immer wieder die gleichen Fragen über Amanda beantworten muss." Der Arzt machte eine Pause.
„Und zum Andern ...?"
„Zum Andern, weil er ... Es ist am Besten du kommst mit und du schaust selbst, wie es um ihn steht. – Er war kaum mit Worten erreichbar, als ich ihm spät abends zufällig in der Eingangshalle begegnete und ihn in meine Behandlungsräume mitnahm. In dem breitgestellten Zimmer hat er schon kurz darauf niemanden mehr an sich herankommen lassen. Deswegen gelang es uns auch nicht, ihm zu helfen. Wenn mein letzter Versuch auch keine Veränderung bringt, bin ich mit meinem Latein am Ende."
Der junge Mac Mountain schaute den Arzt erschrocken an. „Bitte bringen sie mich sofort zu meinem Vater! Egal, was ist, ich will bei ihm sein."
Silvius folgte Aaron rasch hinaus auf den Korridor. Doch als er ganz in der Nähe zwei Männer bemerkte, die gerade ein Hirschgeweih an der Wand befestigten, trat er zu ihnen und räusperte sich verlegen. „Ehm, Bruder, darf ich dich kurz stören?"
Atrox Missor drehte sich um und erblickte seinen Praktikanten in Begleitung des Arztes. „Bruder?" fragte er unsicher, den Vorwurf der Falschheit noch in den Ohren.
Der Jüngling schielte zum neugierig blickenden Forstkollegen, der neben dem Jägermeister stand. Dann nahm er seinen Freund am Arm, zog ihn etwas beiseite und flüsterte ihm ins Ohr: „Ja, mein lieber Bruder. Du kannst ja nichts dafür, dass du nicht mein Vater bist."
Missor guckte etwas erstaunt aus der Wäsche.
„Ich hoffe, mein Bruder kann mir verzeihen", bat ihn darauf Silvius mit treuherzigem Blick.
Langsam begann es dem Jäger zu dämmern. Er lächelte erleichtert und nickte. „Gibt es denn Neuigkeiten?"
„Ich werde es dir berichten, sobald ich mehr weiss" versprach der Junge, bevor er seinen Weg fortsetzte.
Eine Etage tiefer in einem anderen Bereich des Manors. Der Pfleger hatte gerade seinen Rundgang beendet und trug resigniert das unberührte Mittagessen aus dem Zimmer eines Patienten. Wieder hatte er vergeblich versucht, dem seelenkranken Mann etwas Nahrung zu geben. Der langhaarige Patient sass bleich mit rotgeweinten Augen am Tisch des Krankenzimmers. Sein Rücken war vor Gram gebeugt und seine einst so prachtvollen schwarzen Haare, hingen in matten Strähnen am Kopf herunter. Die Art seiner Kleidung wies ihn als adeligen Herren aus, doch das Gewand war inzwischen völlig zerknittert und roch muffig. Das alles schien aber dem unrasierten Mann egal zu sein. Er schob seine Tasse mit kaltem Kräutertee monoton auf dem Tisch hin und her, ohne davon zu trinken. Seine müden Augen waren zwar auf den Tisch gerichtet, doch er nahm nichts wahr. Vor seinem geistigen Auge erschienen immer wieder die entsetzlichen Bilder seiner toten Frau. Der verwitwete Herzog hatte seit Tagen nicht mehr richtig geschlafen und er fröstelte in einer inneren Kälte, die seit Beginn seiner Nahrungsverweigerung letzte Woche immer intensiver wurde. Das Sodbrennen und der Hungerschmerz waren durch Gewohnheit in den Hintergrund getreten. Und seine zunehmende Schwäche durch Mangelernährung nahm er gleichgültig hin. Was ist die Welt noch ohne Amandas herzlichem Lachen. Mein liebenswertes Mädchen mit den schönen dunkelgrünen Augen; nie mehr werde ich dich in die Arme nehmen können. - Hätte ich... Wenn... Vielleicht wärst du dann noch am Leben. Ach Amy...! Wie ein Schwert zerschnitten ihm Selbstvorwürfe die Brust und liessen ihn nicht zur Ruhe kommen.
Das Geräusch der hereinkommenden Besucher erreichte Vigilius nicht, zu stark hatte er sich schon von der Umwelt abgekapselt. Wieder schob er die Tasse von einer Tischkante zur anderen.
Erst als jemand seinen Kopf berührte, ihn streichelte und dann behutsam begann seine wirre Mähne zu kämmen, hielt der trauernde Mann in seinen Bewegungen inne. Amanda! Durchzuckte es ihn. Nein, sie ist tot. Aber . . . wer ausser ihr weiss, dass ich das sanfte Kämmen meiner Haare und das Streicheln der Ohren so sehr mag? Nun sass Vigilius ganz still und seine zuvor verhärmten Gesichtszüge wurden weicher.
In einigem Abstand lehnte Aaron an der Wand und hatte sein Sorgenkind genau beobachtet. Jetzt nickte er Silvius, der mit einem Kamm hinter seinem Vater stand, aufmunternd zu. Die klassische Medizin mit all ihren Tabletten und Spritzen hatte kläglich versagt, doch nun schien sich doch noch eine Chance aufzutun. Was für eine Ironie! Der Junge muss mir, dem Fachmann, erst den richtigen Weg aufzeigen. Silvius wusste instinktiv, wie er seinem gebrochenen Vater am Besten helfen konnte.
Dann, als der Sohn die letzte Strähne entwirrt hatte, ging er zum Waschtisch und tauchte ein weiches Tuch ins warme Wasser. Gleich darauf spürte Vigilius, wie ihm jemand liebevoll die Tränenspuren aus dem Gesicht wusch. Wärmende Zuneigung drang in sein vor Trauer erfrorenes Herz und er drehte sich zu seinem Wohltäter um.
Erschrecken, Schuld und zaghafte Freude huschten kurz hintereinander über das Gesicht des Trauerenden, als er Silvius gewahr wurde. Mit grossen Augen schaute er zu seinem Sprössling auf. Dann hob er zögernd die Hand und berührte Silvius Gesicht, wie um zu prüfen, ob sein Sohn auch wirklich da war. Wie konnte ich nur meinen Jungen vergessen? Amanda wird mir nie verzeihen, wenn ich unseren Junior im Stich lasse.
Der Junge nahm die Hand seines Vaters, drückte sie an seine Wange und sagte leise: „Du bist nicht allein. Wir gehören zusammen. – Du hast mir gegen die Angst geholfen, nun werde ich dich in der Zeit der Trauer stützen. Gemeinsam werden wir es schaffen."
Vigilius warf sich gerührt in die Arme des nun knienden Burschen und antwortete heiser: „Was habe ich für einen tapferen Sohn. Und ich bin so ein schlechtes Vorbild." Er sah an sich herunter. „Ich glaube, ich sollte duschen gehen."
„Ja, baden wäre keine schlechte Idee. Ich werde dir frische Kleider herbringen." Silvius strich seinem Vater liebevoll über den Kopf und Vigilius trank endlich seine Teetasse aus. Sein eigenes Kind war sehr wohl ein Grund, um weiterzuleben. Einen wichtigeren Grund, konnte es gar nicht geben.
Silvius konnte seinen Vater überreden, zuerst noch etwas Suppe zu essen. Dann stand Mac Mountain auf. Doch er war so schwach, dass seine Beine schon nach wenigen Schritten zu zittern begannen und er ins Wanken geriet. Dr. Aaron sprang rasch hinzu und gemeinsam führten sie ihn zum Badezimmer. Dann ging Silvius los, um frische Kleider zu besorgen. Erst als sein Sohn den Raum verlassen hatte, willigte der Herzog ein, dass sein Leibarzt ihm beim Ausziehen half. Ins Wasser steigen, das schaffte Vigilius gerade noch. Doch kaum hatte er sich ins dampfende Badewasser gesetzt, wich auch noch das letzte bisschen Kraft aus seinem ausgemergelten Körper. Deshalb lag der Herzog ganz matt in der Badewanne, unfähig sich selber zu säubern. Bisher hatte Vigilius immer für andere sorgen und für ihr Recht kämpfen müssen. Und nun kann ich mir nicht einmal mehr alleine das Gesicht waschen. Noch nie in seinem Leben hatte er sich so hilflos gefühlt, wie eben jetzt. Ratlos starrte er ins Wasser, als er eine sanfte Berührung am Arm verspürte.
„Jeder ist einmal krank und braucht Unterstützung." Dr. Aaron kniete neben der Wanne, um mit dem Badenden auf gleicher Höhe zu sein. Mac Mountain war ihm sehr dankbar dafür. So hatte er nicht das unangenehme Gefühl, von oben herab angestarrt zu werden. Nun nahm der Hausarzt Waschlappen und Seife zur Hand, dann begann er, mit ruhigen Bewegungen, seinen kraftlosen Patienten zu waschen. Die intime Körperpflege durch Dr. Aaron konnte Vigilius einigermassen akzeptieren. Dieser sah ihn als kranken Mann, der betreut werden musste und nicht als schwachen, hilflosen Vater. Mac Mountain hätte sich furchtbar geschämt, wenn sein Sohn ihn gebadet hätte. Später, als das Bad beendet war, musste der Arzt Pfleger Marco hinzurufen, um den adeligen Patienten wieder aus der Badewanne herauszuheben. Bald darauf lag Vigilius mit einem Bademantel bekleidet, gut zugedeckt im Bett seines eigenen Zimmers.
Silvius wollte ihm nun die Gewänder bringen. Doch Aaron meinte, er solle ihn jetzt nicht stören. „Die Woche intensivster Trauer praktisch ohne Essen und Schlaf hat ihn viel Kraft gekostet. Die abrupte Rückkehr in die Realität, die Verdauung der ersten Mahlzeit und das warme Bad, haben ebenfalls an seinen Reserven gezehrt. Wenn er jetzt endlich Ruhe findet, ist das gut. Dein Vater soll sich gesund schlafen. Das ist im Moment das Beste für ihn." Der Sohn versprach, ihn nicht zu wecken und setzte sich vorsichtig neben seinem Vater auf den Bettrand. Kein Geräusch unterbrach die Stille im Raum. Besorgt beugte er sich vor und legte dem reglosen Vigilius eine Hand auf den Brustkorb. Daddy darf nicht auch noch sterben! Ah, nein, er atmet noch. Am liebsten wäre der Junge zum Herzog ins Bett gekrochen und hätte ihn in die Arme genommen. Doch er befürchtete, ihn damit aufzuwecken. So blieb er am Bettrand sitzen.
Er sass aber noch nicht lange dort, da ging abermals die Türe auf. Silvius schaute verblüfft auf die Besucherin. Dann erhob er sich und ging ihr entgegen um sie zu begrüssen. „Tante Venja! Was machst du denn hier? Mit deinem Besuch habe ich jetzt am wenigsten gerechnet. Du wolltest doch für drei vier Jahre im Norden oben in Avaldi bleiben."
Die Frau mit ockerfarbenen Haaren und den gletscherblauen Augen schüttelte ihm die Hand und erwiderte mit gedämpfter Stimme: „Hallo Silvius. Ja, ich war bis vor kurzem noch bei Nathan in Avaldi. Aber dann hat er irgendwie gespürt, dass hier bei euch etwas nicht stimmt und hat mich losgeschickt. Ich soll dich von deinem Grossvater ganz herzlich grüssen."
„Danke Tante Venja und richte Grossvater viele liebe Grüsse von uns aus. Es tut gut wissen, dass jemand an einen denkt", antwortete Silvius ihr.
Venja fuhr fort: „Wie ich eben von Dr. Aaron erfahren habe, lag Nathan mit seiner Ahnung ganz richtig. Es ist ein schmerzlicher Verlust für meinen armen Bruder und auch du Silvius hast nach dem Tod deiner Mutter eine schwere Zeit vor dir. Ich werde eine Weile hier bleiben, um euch beizustehen." Sie betrachtete mitleidig den schlafenden Herzog und seufzte: „Mein feinfühliger Bruder. Harte Schale, weicher Kern. So war Lius schon immer. Er kann vieles wegstecken, ohne das man ihm etwas anmerkt. Erreicht man aber sein Innerstes, ist er so zerbrechlich wie Glas. - Amanda war seine erste und einzige grosse Liebe. Mit ihrer Ermordung haben sie ihn zutiefst verletzt. Schlimmer hätte ihn der dunkle Lord kaum mehr treffen können." Dabei warf Venja einen vielsagenden Blick auf den jungen Sohn ihres Bruders Vigilius. Wie der Junge doch seinem Vater glich. Nur in der Augen- und Haarfarbe unterschieden sie sich. Die feinlinigen Gesichtszüge und seine schönen kupferbraunen Augen verliehen ihm etwas Vornehmes. Doch die geschwungenen Augenbrauen und das dichte gelockte Haar, gaben seiner Ausstrahlung einen Hauch von verwegener Wildheit, welche von dem stolzen Zug um seinen Mund nur noch verstärkt wurde.
„Mir ist nichts passiert, ich wurde nicht gefangen. Die Todesser haben mich nicht gesehen und wissen auch gar nicht, wie ich aussehe", beeilte sich Silvius zu sagen. Seine Tante nickte und legte ihm den Arm um die Schultern. Gemeinsam gingen sie zum erschöpften Familienoberhaupt hinüber, der sich gerade im Bett drehte und im Traum etwas murmelte. Als Vigilius später aus seinem tiefen Schlaf erwachte, war er freudig überrascht, seine ältere Schwester neben sich sitzen zu sehen. Im Kreise seiner Lieben fühlte er sich geborgen und Venjas mütterliches Wesen liessen ihn seinen Seelenschmerz etwas vergessen.
In den nächsten Tagen konnte sich der Herzog der Fürsorge seiner Betreuer kaum erwehren. Venja, Dr. Aaron und Silvius wetteiferten, dem geschwächten Mann die beste Pflege angedeihen zu lassen. Es gab nun täglich fünf kleine Mahlzeiten, bei denen er immer Gesellschaft hatte. Nie musste Vigilius alleine essen, so hatte er auch mehr Appetit und legte wieder etwas an Gewicht zu. Aaron übernahm das therapeutische Baden mit Wassergymnastik gegen die steifen Gelenke. Venja kam jeden Morgen vor dem Frühstück, rasierte ihren jüngeren Bruder Lius und wusch seine entzündeten Augen mit kaltem Teesud aus. Silvius beschwatzte ihn, mindestens einmal am Tag ein Glas frischgepressten Orangensaft zu trinken. „Weißt du wegen den Vitaminen und das Fruchtfleisch ist gut für die Verdauung", wurde Mac Mountain von seinem Sohn belehrt. Zudem ging der Junge täglich mit seinem Vater an der frischen Luft spazieren. Bei jedem ihrer Rundgänge trafen sie irgendwo auf Missor, bewaffnet mit seiner Armbrust. Einmal reparierte er den Gartenzaun, einmal war er dabei vor dem Tor die Alpakas zu scheren, ein andermal sass er in der Gartenlaube und schnitzte neue Pfeile. Nach der Versöhnung mit Silvius wollte der treue Mann um so mehr seinen geschwächten Herren und dessen lieben Sohn beschützen. Die Wachsamkeit des Jägers wurde dann auch der spionierenden Harpie zum Verhängnis. Mit einem meisterhaften Schuss erlegte er das Vogelwesen in luftiger Höhe, noch bevor es Informationen weitertragen konnte.
Die ganze Aufmerksamkeit um seine Person gefiel dem Herzog zuerst noch. Aber die Erfahrung sich Erholen zu dürfen, war völlig neu für ihn.
Auch wenn einige aussenstehende Lairds dachten, der vornehme Herr Mountain werde sowieso jeden Tag von vorne bis hinten bedient, war dem nicht so. Als Herr über grosse Ländereien und Chef seiner Gefolgschaft hatte er viele Verpflichtungen und oftmals schwerwiegende Entscheidungen zu fällen. Vigilius war bestimmt keine verzärtelte Majestät. Deshalb musste er erst lernen, sich verwöhnen zulassen und einfach einmal nichts zu tun. Dass er jeden Abend schon um acht Uhr zu Bett gehen sollte, fand er zwar unnötig. Doch er fügte sich in alter Gewohnheit dem Wunsch seiner lieben Schwester und legte sich immer früh zum Schlafen nieder. Die einfühlsamen Gespräche die Venja mit ihm führte, bevor er einschlief, taten seiner Seele wohl. Und die täglichen Problemchen, mit denen Silvius zu ihm kam um seinen Rat einzuholen, liessen ihn spüren, dass er jetzt doppelt gebraucht wurde. Nämlich als Vater und als Mutter. Die Anwesenheit seiner Familienmitglieder gab ihm auf diese Weise Kraft, den schweren Verlust zu verwinden. Doch je kräftiger er wurde und je besser es ihm wieder ging, desto mehr begann ihn die umsorgende Pflege und die intensive Betreuung zu stören.
„Sie müssen mich nach dem Baden nicht mehr mit Salbe einreiben. Die roten Scheuerstellen von der schmutzigen Kleidung sind doch schon viel besser und auch in der Leistengegend juckt es fast nicht mehr. Was meinen sie? . . . Nein ich will keinen Rückfall riskieren. Also gut, weitermachen bis es ganz ausgeheilt ist." Der adelige Patient sah ein, dass die Behandlung mit der Heilsalbe nicht zu früh abgebrochen werden durfte.
Aber zum Mittagessen wollte er nicht schon wieder eine eiweissangereicherte Gemüsesuppe. Ein saftiges Steak und feine Bratkartoffeln musste her! Mit etwas anderem gab er sich nicht zufrieden.
Venja durfte ihm zwar weiterhin Augentropfen verabreichen, da seine Augen immer noch empfindlich waren. Rasieren hingegen, wollte er sich wieder selber. Und der Spaziergang um den Garten vor dem Tor war ihm viel zu langweilig. Silvius musste mit ihm den steilen Gebirgspfad auf den Gemssprung hinauf klettern. Hoch aufgerichtet stand Mac Mountain in seiner gelben Robe dann auf den Felsen, der Wind zerzauste seine tiefschwarzen, langen Haare und der Mann genoss die herrliche Aussicht über sein Reich.
„Jetzt ist er über den Berg" sagte Aaron zu Venja. Die beiden stand weiter unten auf einer ebenen Bergwiese und schauten hinauf zu den schroffen Felszacken. „Ja, der Berglöwe ist zurück und sammelt seine Kräfte," erwiderte die Schwester des Herzogs erleichtert. Silvius spürte ebenfalls die frische Stärke, die von Vigilius ausging und freute sich, seinen Teil dazu beigetragen zu haben. Die Trauer hatte Vater und Sohn zusammengeschweisst. Ihr Liebstes war ihnen auf grausame Weise entrissen worden. Aber Amanda war eine lebensfrohe junge Frau gewesen. Sie hatte sich geopfert um ihr Kind zu schützen und hätte bestimmt nicht gewollt, dass ihr Ehemann und Sohn nun für den Rest ihres Lebens in Trauer und Schmerz versanken. Vigilius und Silvius wollten ihr Opfer würdigen, indem sie die Lebensfreude Amandas in ihren Herzen weitertrugen. Sie waren ja nicht völlig allein, die beiden Mac Mountains hatten im Manor viele Freunde, von denen sie auch in Zukunft nach Kräften unterstützt wurden. Venja jedoch würde nun bald abreisen und Nathan über den schweren Schicksalsschlag seines Sohnes und Vigilius Genesung aus seiner tiefen Trauer berichten.
