10. Dezember
von Joanna
Die Heilerin führte Neville den altbekannten Flur entlang zum Zimmer seiner Eltern.
„Du musst dich einen Moment lang gedulden", erklärte sie ihm. „Sie sind gerade in der Untersuchung."
Nervös knetete Neville seine Hände. „Jaah, okay. Ich werde auf sie warten." Die Heilerin schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln, bevor sie die Tür ins Schloss fallen liess.
Neville wollte sich umdrehen und aufs Bett seiner Eltern setzen, als eine Stimme hinter ihm ertönte.
„Hallo Junge. Ich hab dich schon mehrmals hier gesehen. Hattest noch nie den Mut, mich anzusprechen, was?"
„Hallo Professor", sagte Neville schüchtern, bevor er sich umdrehte.
Gilderoy Lockhart kam mit einer Autogrammkarte in der Hand auf ihn zugeschritten.
„Hier, Junge, die schenk ich dir, es ist doch schliesslich bald Weihnachten." Mit einem eingeübten Zwinkern drehte er sich auf dem Absatz um und setzte sich auf sein Bett. „Ich kann es schon gut, nicht wahr?"
Neville wusste, was er meinte. GILDEROY LOCKHART stand in kindlich geschriebenen Grossbuchstaben auf der Karte, die Neville in der Hand hielt.
„Ooh ja, Professor! Sehr gut." Mit zufriedenem Grinsen sah Lockhart zu, wie Neville die Karte erst musterte und dann in seine Tasche steckte.
„Wenn du willst, kannst du auch eine von diesen haben." Er deutete auf einen Stapel an weiteren Autogrammkarten, auf der er mit einer Nikolausmütze und Britney-Spears-Zwinkern abgebildet war.
„Ich wollte sie eigentlich erst beschriften, wenn ich Schreibschrift kann, aber die Heilerin hat gesagt, ich könne sie nicht vor Weihnachten lernen. Schade, ich finde diese andere Schrift viel weihnachtlicher."
Neville nahm eine Karte vom Stapel und betrachtete sie. Bei näherem Hinsehen erkannte er, dass Gilderoy wohl vor dem Weihnachtsbaum in der Eingangshalle des St.Mungos fotografiert worden war.
„Meinen Sie etwa so, Professor?", fragte er, nahm sich die Feder, die neben dem Autogrammkarten-Stapel lag und schrieb Gilderoys Namenszug in verschlungenen Lettern auf die Karte.
Lockhart war vom Bett aufgesprungen und sah ihn bewundernd an.
„Ooh, du kannst also auch schon Schreibschrift?", sagte er mit grossen Augen. „Das ist ja toll, kannst du sie mir vielleicht beibringen? Die Heilerin sagt immer, sie habe keine Zeit.."
Zögernd drehte Neville die Karte um. Auf der anderen Seite war sie weiss. Gut.
„Okay, Professor. Sehen sie her." Er malte ein grosses, verschlungenes „G" auf die weisse Seite. Gilderoy betrachtete es aufmerksam.
„Äähm.. versuchen Sie mal, es nachzumachen."
Mit kindlichem Enthusiasmus nahm Lockhart seinem Ex-Schüler die Feder aus der Hand und versuchte ein weiteres „G" neben das von Neville zu schreiben.
„Jah, das ist schon mal gut", log Neville. Gilderoys „G" glich eher einer 8 als einem Buchstaben. „Versuchen sie mal, eher eine 9 als eine 8 zu schreiben und anstatt mit der unteren Schlaufe aufzuhören, sie weiterzuzeichnen, bis Sie an dem Punkt sind, an dem Sie den nächsten Buchstaben schreiben können." Er zeigte es ihm auf der Karte.
Gilderoy nickte begeistert und tat, was Neville gesagt hatte. Zu dessen Überraschung, brachte Lockhart gleich beim zweiten Versuch ein tadelloses „G" hervor.
„Wow, Professor, das ist perfekt", sagte er anerkennend.
Lockhart strahlte. „Wirklich?"
„Ja", nickte Neville. „Ich kann mich erinnern, mit dem „G" am meisten Mühe gehabt zu haben."
„Ich bin wohl so was wie ein Wunder, nicht wahr?"
Neville lächelte still, ab Lockharts breitem Strahlen, dann sagte er ernst. „Ja Professor, ich glaube das sind Sie. Versuchen Sie's mal mit dem „i", hier, ich mach es Ihnen vor."
Neville nahm sich die Feder und schrieb ein „i" nach dem „G" hin. „Dieser Buchstabe ist ganz einfach, Professor, versuchen Sie's." Er gab ihm die Feder. Lockhart, der sich besonders bemühte, um alles so toll hinzubekommen, wie das „G" schrieb das „i" gleich beim ersten Versuch richtig.
Mit jedem Lob Nevilles, wurde das Strahlen auf seinem Gesicht ein bisschen leuchtender und als Nevilles Eltern aus der Untersuchung kamen, konnte Lockhart bereits seinen Vornamen in, zwar ein wenig zittriger, aber immerhin, Schreibschrift schreiben.
Als Neville wieder gehen musste, winkte er Lockhart höflich zu.
„Ich denke, Ihren Nachnamen bringen Sie bis Weihnachten auch noch hin, wenn Sie fleissig üben. Sie können ja meine Karte als Vorlage benutzen", er drückte ihm die Karte in die Hand, auf die er am Anfang Gilderoys Name geschrieben hatte.
„Viel Spass, Professor. Auf Wiedersehen."
Lockhart winkte ihm, als er hinausging. Dann schnappte er sich die Feder und begann fleissig, seinen Nachnamen zu üben.
Am Weihnachtsmorgen staunte Neville nicht schlecht, als er ein, in Diddlpapier eingewickeltes, Päckchen am Fussende seines Bettes liegen sah. Möglichst schnell nahm er es auf, um es vor den neugierigen Blicken seiner Freunde zu schützen, und packte es unter der Bettdecke aus.
Es enthielt einen Stapel an Autogrammkarten, allesamt mit Schreibschrift geschrieben. Als er die oberste umdrehte, konnte er Lockharts alte, kindliche Blockschrift entdecken.
Hallo kleiner Junge
Vielen Dank für die Hilfe beim Schreiben. Wie du siehst, kann ich meinen Namen jetzt schon ganz toll schreiben.
Ich habe dir als Dankeschön diesen Stapel Autogrammkarten geschickt. Die hier hat noch keiner, du kannst sie also unter deinen Freunden verteilen und ein bisschen angeben.
Fröhliche Weihnachten wünsche ich
Gilderoy Lockhart
„Neville, was hast du bekommen?", fragte Ron und sah gespannt auf eine Ecke des Diddlpapiers, das unter Nevilles Bettdecke hervorlugte.
„Nichts, nichts", beeilte sich Neville zu sagen und schob den Stapel Autogrammkarten rasch in seinen Koffer. „Gar nichts."
Er glaubte nicht, dass sich Ron, Harry, Seamus und Dean gross an einem Autogramm ihres Ex-Lehrers freuen würden, also beschloss er, die Karten seiner Omi und deren Freundinnen zu schicken. Die würden sich vielleicht daran freuen.
Aber eine, dachte er, eine könnte er ja doch behalten. Und er zog die oberste Karte mit Lockharts Weihnachtsgrüssen aus dem Koffer und schob sie unter seine Matratze. Vielleicht sollte er Lockhart auch seine Weihnachtsgrüsse zukommen lassen..
Und sobald er sich angezogen hatte, alle Geschenke geöffnet und den Schenkern gedankt hatte, machte er sich auf den Weg in die Eulerei
