Chapter Ten:
Sokrates war gegangen und hinterließ eine sehr verwirrte und irritierte Lara.
Grübelnd sah sie sich das riesige Gemälde, das in diesem Raum hing, an. Sie erkannte, dass der Mann darauf der Lord in seinem schwarzen Mantel war.
Ebenso wie beim Original fesselten sie die stahlgrauen Augen auf magische Weise. Sie blickten kühl auf sie herab und waren so naturgetreu, dass Lara zweimal blinzeln musste um sich zu vergewissern, dass es nur gemalte Augen waren.
Nachdenklich ließ sie sich auf das moosgrüne Sofa sinken und streckte sich darauf aus. Ihr Blick glitt dabei an ihr herab und ihr wurde bewusst, dass sie immer noch den Bademantel und das hauchdünne Nachthemd trug.
Sie stand wieder auf und ging in ihr Schlafzimmer zurück. Irgendwo mussten doch andere Kleider zu finden sein. Sie musterte die rechte, hölzerne Wand genauer und konnte am Ende des Raumes, nach dem kleineren Bücherregal, silberne Griffe erkennen.
Entschlossen zog sie daran und war gar nicht mehr überrascht, als sie ein riesiges Innenleben eines Kleiderschrankes erblickte. Bewundernd strich sie über die teuren Kleider und wurde immer misstrauischer.
Warum war sie vom Kerker hierher gekommen? Egal warum, es hatte bestimmt nichts Gutes zu bedeuten.
Lara strich sich ihr frischgewaschenes Top über und schlüpfte in ihre Jeans. Sie wollte keines dieser wunderschönen Kleider anziehen und Sokrates damit einen Gefallen tun. Sie wusste im Moment noch nicht so genau, was sie so sehr an dem Lord störte (vielleicht war es ja auch nur die Tatsache, dass sie wegen ihm hier gefangen war), doch was sie wusste war, dass wenn sie nun eines der Kleider tragen würde, das der erste Schritt war, sich gefügig zu machen.
Wie um zu bestätigen, was sie ohnehin schon zu wissen glaubte, suchte sie im Schrank nach ihren Waffen. Allerdings – was für eine Überraschung – umsonst.
Sie warf sich in das weiche Daunenbett und starrte nach oben durch das Glas. Eine Amsel flog vorbei und in Lara stieg ein bitteres Gefühl auf.
Irgend wie war es ihr auf gewisse Weise lieber gewesen in den finsteren Kerkern gefangen zu sein, als in dieser Luxussuite. In der beklemmenden Dunkelheit war man sich wenigstens immer bewusst, wer der Feind war und das man hier gegen seinen Willen gefangen war, doch in all dem Luxus lief man Gefahr, es schnell zu vergessen.
Viele Gedanken gingen der Abenteurerin durch den Kopf, als sie so vor sich hin grübelnd auf dem weichen Daunenbett lag, während sie allein war. Von den vielen Gedanken die alle auf einmal auf sie einstürzen wollten bekam sie Kopfschmerzen und so schloss sie die Augen.
Lara musste wohl eingenickt sein, denn als sie die Augen wieder öffnete glühte der Himmel über ihr bereits tiefrot. Sie richtete sich auf, gähnte und schritt in den Wohnraum.
Das Frühstücksgeschirr war abgeräumt worden und durch ein Abendbankett ersetzt worden. Der Tisch war sehr stimmig geschmückt und in der Mitte der kalten Platten brannte eine weiße Kerze. Daneben stand eine kleine Vase in der eine blutrote Rose eingewässert war. Es war ein romantisches Essen mit zwei Gedecken.
Lara war sich ziemlich sicher, dass der Lord mit ihr zu Abend essen wollte. Um sich die Wartezeit zu verkürzen nahm sie ein Buch aus dem Regal, setzte sich auf den Diwan und begann zu lesen. Als sie ein Surren hörte blickte sie auf.
„Hallo Tommy."
„Hallo", meinte dieser schlicht. Lara zog eine Augenbraue hoch. „Wie geht es dir?"
„Mhhh... geht so." Er begann den Boden zu fegen und abzustauben.
„Was ist denn los?" Tommy wedelte mit dem Staubwisch herum und fragte: „Was soll denn sein? Ich putze." Lara legte das Buch beiseite und blickte ihn durchdringend an. „Warum bist du so komisch? Du bist doch sonst nicht so."
„Ich bin überhaupt nicht komisch. Ich bin hier um das Zimmer zum Glänzen zu bringen." Er zupfte den Vorhang zurecht und bemühte sich nicht zu Lara hinüber zu sehen.
Diese stand auf und ging zu dem Jungen. Er erstarrte. Sie beugte sich zu ihm und flüsterte ihm ins Ohr: „Kannst du hier nicht reden?"
Tommy nickte und begann sich aus seiner Erstarrung zu lösen. Schnell wandte er sich wieder von ihr ab und begann das nächste Regal abzuwischen. Er war ziemlich rot geworden und versuchte angestrengt die Röte in seinem Gesicht zu verscheuchen.
Lara schlenderte wieder zurück zum Sofa und ließ sich erneut darauf nieder. Nach einer Weile blickte sie von ihrem Buch auf und meinte zu dem eifrig werkenden Tommy: „Ich denke das reicht. Du hast wirklich gute Arbeit geleistet. Der Raum blitzt und blinkt nur so." Vom Lob wurde Tommy wieder rot, nickte und verabschiedete sich in aller Förmlichkeit. Lara wünschte ihm ebenfalls eine gute Nacht und vertiefte sich in ihr Buch. Als Tommy ging, löschte er das Licht und entzündete noch ein paar Kerzen auf Regalen, die Lara gar nicht bemerkt hatte.
Lara hatte alle Mühe nicht doch noch ein Gespräch mit ihm anzufangen und bloß nicht vom Buch aufzublicken. So kam es, dass sie gar nicht bemerkte, wie Tommy verschwunden war.
Die Kerzen neben ihr auf dem kleinen Tisch flackerten unruhig, als ein Luftzug erzeugt wurde. Lord Sokrates war erschienen.
Lara legte das Buch beiseite und realisierte erst jetzt die romantische Stimmung die hier herrschte. Der gesamte Raum war nur von Kerzenlicht erhellt und durch das Dachfenster konnte sie die Sterne leuchten sehen.
„Guten Abend, Miss Croft", sagte Sokrates mit seiner tiefen Stimme und lenkte dadurch Laras Aufmerksamkeit auf sich.
„Guten Abend", meinte sie kühl. Sokrates machte eine einladende Handbewegung in Richtung Tisch. „Nehmen sie doch Platz."
Lara kam der Forderung nach und setzte sich ihm gegenüber. „Warum bin ich hier?"
„Nun essen sie erst einmal etwas, bevor sie mich mit Fragen bombardieren." Lara schluckte die anderen Fragen hinunter und griff auch prompt zur Gabel. Halt, Lara! Warum folgst du ihm wie ein braves Schulkind? Bei Bradek warst du doch auch nicht so! Lass ihn nicht so mit dir spielen.
„Antworten sie mir. Was hat das alles hier zu bedeuten? Warum ist hier alles so festlich gedeckt, gibt es etwas zu feiern?"
Der Lord ließ sich durch ihren aggressiven Tonfall nicht weiter beeindrucken und aß genüsslich weiter. Lara spürte, wie Wut in ihr aufstieg. „Antworten sie!"
Sokrates reagierte noch immer nicht.
Nun gut, ausnahmsweise würde sie nachgeben. Irgend etwas sagte ihr, dass sie bei ihm so nicht weiterkam.
So schluckte Lara ihren aufbrodelnden Zorn hinunter und biss von ihrem Brötchen ab. Dann hatte er eben jetzt gewonnen, aber das tat nichts zur Sache. Sie würde ihm später alles zurückzahlen...
Nachdem sie gegessen hatten hielt Lara es nicht länger aus. „So, nun antworten sie. Warum ist hier alles so feierlich gedeckt?"
„Es gibt tatsächlich etwas zu feiern."
„Ach ja, und was?" Lara beobachtete ihn forschend. „Wir werden nun viel Zeit miteinander verbringen. Ich finde das ist schon Grund genug zu feiern", meinte Sokrates mit einem merkwürdigen Tonfall.
Während Lara noch über alle Bedeutungen dieses Satzes nachdachte, fuhr Sokrates auch schon fort. „Und was den Grund ihres Aufenthalts ist, wissen sie vermutlich am besten."
Was sollte das nun wieder? „Nein, tut mir leid. Ich weiß beim besten Willen nicht, warum ich immer noch hier gefangen bin. Das Auge habe ich nicht mehr und um meine Kameraden kann es sich auch nicht handeln, da sie alle tot sind." Lara spürte einen Kloß im Hals. Sie begegnete Sokrates stahlgrauen Augen und war in seinem Blick gefangen.
Das Bild von Chase stieg wieder vor ihren Augen auf, wie er blutend am Boden lag. Sein ganzes Blut schien durch die schreckliche Wunde in seinem Bauch zu entweichen. Sie sah noch einmal wie sich seine Lippen zu einem Ich-liebe-dich formten und sie sah nun auch noch weitere Einzelheiten, die ihr zuvor nicht aufgefallen waren. Er wurde immer blasser und das Blut entwich aus ihm scheinbar in Sturzbächen.
Verzweifelt wehrte sich Lara gegen den fesselnden Blick des Lords, doch ihr gelang es einfach nicht sich daraus zu befreien.
Immer mehr Bilder stiegen in ihr auf. Nun sah sie erneut den Tod ihrer anderen Begleiter. Sie konnte deutlich sehen, wie sie von Kugeln nur so durchlöchert wurden. Auch hier sah sie mehr Einzelheiten als zuvor. Durch die Durchschlagskraft der Kugeln wurden ihre Kameraden von den Füßen gerissen. Fast alle waren schon durch die erste Kugel getötet worden, doch Compton hatte noch keine absolut tödlichen Wunden. Er tastete mit seinen Fingern neben sich zum Gewehr, das neben ihm auf dem Boden lag. Compton hatte es geschafft. Er konnte es mit seinen Fingern den Griff umschließen, doch bevor er es richtig in die Hände nehmen konnte wurde er von einer weiteren Kugel getroffen. Sie durchschlug seinen Schädel mit solcher Wucht, dass seine Gehirnflüssigkeit nur so spritzte.
„Nein!" Lara kniff die Augen zusammen. Sie war völlig überwältigt vom grausamen Ende ihres treuen Freundes. Sie würgte. O Gott, warum musste sie alles noch einmal sehen? War es denn nicht schon genug, dass sie es einmal gesehen hatte? Sie war an allem Schuld. Wie konnte sie nur ihre Freunde da mit reinziehen? Hatte sie nicht schon genug Leid ertragen müssen?
Tränen tropften auf die Tischplatte.
„Was haben sie gesehen?", fragte Sokrates auf einmal. Lara war so verblüfft über diese Frage, dass sie die schrecklichen Bilder für einen kurzen Augenblick zurückdrängen konnte. „Woher wollen sie wissen, dass ich etwas gesehen habe?"
„Das war doch offensichtlich. Warum sonst sollten sie von einer Sekunde auf die andere weinend und zitternd zusammenbrechen?"
Das klang einleuchtend. Dennoch hatte Lara das Gefühl, dass das so nicht ganz stimmte. Er musste schon zuvor irgend etwas gewusst haben.
Es passte ihr allerdings überhaupt nicht, das sie in seiner Gegenwart solche Schwäche gezeigt hatte. Sie musste diese Situation irgendwie wieder ausgleichen.
„Nun...", drängte Sokrates.
Lara wusste nicht was sie antworten sollte, darum stand sie auf und ging auf das Sofa zu um Zeit zu gewinnen. Sokrates folgte ihr und forderte erneut, dass sie antworten solle.
„Das geht sie überhaupt nichts an!", schrie Lara ihn an. Sokrates war davon wenig beeindruckt. Im Gegenteil. Er schien sogar äußerst zufrieden damit zu sein, dass sie die Beherrschung verloren hatte.
„Sie wollten wissen, warum sie hier sind? Nun sie sind meine einzige Möglichkeit etwas bestimmtes zu erfahren."
„Wie könnte ich ihnen schon helfen. Ich weiß nichts, dass sich für sie lohnen würde um hunderte von Menschen zu ermorden und all den Aufwand auf sich zu nehmen. Außerdem ist mir nicht klar, warum ich in solche Gemächer verfrachtet wurde, anstatt im Kerker meine Gefangenschaft zu fristen."
„Das mit den Kerkern war nicht meine Entscheidung. Mein Commander hat dies während meiner Abwesenheit veranlasst. Doch ich habe meine eigenen Methoden, sie zum Sprechen zu bringen..."
Lara lief ein Schauer über den Rücken. Sokrates erschien ihr weitaus gefährlicher als Bradek und dieser war schon unberechenbar genug. Zu ihrer Überraschung stand Sokrates auf und forschte nicht weiter. „Ich wünsche eine angenehme Nacht, ach und Miss Croft", meinte der Lord während er sich langsam von ihr entfernte, „ich erwarte mir, dass sie bei unserem nächsten gemeinsamen Abendmahl ein Abendkleid tragen." Lara wollte gerade eine schnippige Antwort zurückwerfen, als er auch schon fortfuhr. „Falls ihnen nach einem Bad ist, in ihrem Schlafgemach befindet sich in ihrem Nachtkästchen eine Art Minicomputer mit der sie eine Dienerin rufen können, die ihnen alles zeigen wird." Mit diesen Worten drückte er irgendetwas neben dem riesigen Gemälde worauf dieses aufschwang. Staunend sah Lara den Lord dahinter verschwinden und hörte augenblicklich das Aufzugsgeräusch. Nun kannte sie also den einzigen Ausweg aus diesem Gefängnis.
Tja, wieder ein Kapitel. Hoffe, es hat euch gefallen. Reviews erwünscht. Viel Spaß noch.
