Kapitel 9
Da war wieder dieses Piepsen. Dieses hohe, gleichmäßige, nervtötende Piepsen. Draco verzog das Gesicht. Er fühlte sich desorientiert und fürchterlich. Als er die Augen öffnete, sah er eine kalkweiße Decke.
„Hey", sagte eine vertraute Stimme. „Hey."
Immer noch desorientiert, öffnete Draco wieder die Augen. Diesmal blickte er in das Gesicht von Harry.
„Du hast schlecht geträumt", erklärte der Schwarzhaarige und ließ seinen Arm los. Vermutlich hatte er ihn wachgerüttelt. Noch leicht benommen setzte Draco sich auf und griff nach seiner Tasse Tee, welcher mittlerweile kalt war. Ein kleines Lächeln stahl sich auf sein Gesicht, als er den Tee durch einen Zauberspruch wieder erhitzte. Damit ließ sich auch das letzte klamme Gefühl abschütteln, das von diesem merkwürdigen Traum übrig geblieben war. Und dieser mittlerweile beinahe vertraute Druck in seinem Kopf, der würde wie sonst auch in ein paar Minuten von allein verschwinden.
Harry, für den scheinbar das Thema erledigt war, hatte sich wieder auf den anderen Sessel zurückgezogen und sah das große, rechteckige Muggel-Ding an. Doch Draco entging nicht, dass Harry hin und wieder aus den Augenwinkeln zu ihm herüberblickte, wenn er dachte, er würde es nicht bemerken.
Auf der Oberfläche dieses Muggel-Dings erschienen viele Bilder in Folge und irgendwoher kamen auch Töne. Man hatte dadurch das Gefühl als wäre man inmitten des Geschehens, das auf der Oberfläche abgebildet war. Draco wusste, was dieses Ding, diese längere Variante eines magischen Fotos war. Es war ein Fernblicker.
Die Frau im Fernsehen beichtete gerade unter Tränen einem Mann ihre Liebe. Nicht ganz Dracos Geschmack, stellte er enttäuscht fest, viel zu emotional. In diesem Moment tauchte ein weiterer Mann auf und nannte den anderen „Baby". Die Frau sah zuerst verständnislos von einem zum anderen, bis sie nach einem lauten Aufschluchzen davonrannte.
„Also", fing Draco an, „wird es keine kleinen Weasleys geben?"
Draco konnte hören wie Potter vor sich hinfluchte und definitiv die Worte „Hermine" und „Besserwisserin" ausmachen.
„Das ist nur ein Witz zwischen uns. Lange Geschichte."
„Du weichst schon wieder aus."
„Wieso interessiert dich das überhaupt?"
„Genau deshalb, weil du ausweichst."
Harrys tiefes Seufzen sagte Draco, dass er gewonnen hatte.
„Wieso muss ich ausgerechnet mit dir über so etwas reden", sagte Harry gequält, gab sich allerdings endgültig geschlagen, denn er wurde ausführlicher. „Ja, es wird definitiv keine kleinen Weasleys von mir und Ginny geben. Und wir hatten uns noch gar nicht so lange getrennt gehabt, als Hermine aus mir unerfindlichen Gründen meinte, ich sollte meinen Horizont erweitern. Seit dem lässt sie keine Gelegenheit verstreichen, um mich daran zu erinnern." Harry wischte sich eine Hand an der Hose ab. „Ich hasse es, wenn sie sich so verhält als wüsste sie mehr. Vor allem, wenn sie Recht hat."
„Hat sie das?, fragte Draco interessiert.
„Das versuche ich, herauszufinden", verzog Harry das Gesicht. „Was ist mit dir? Was hast du am Watt gemacht? Das war eine reine Muggel-Gegend, ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, warum du dich dort aufhalten solltest."
Nun nahm sich Draco Zeit zum Antworten. Wollte er Harry davon erzählen? Es war zwar keine große Sache, gleichwohl hätte er dem Potter von der Schule niemals davon erzählt. Aber das hier war nicht mehr Potter von der Schule. Der Potter von der Schule hätte es niemals geschafft, ihn durcheinander zu bringen. Und der würde ihn auch nie einfach nur interessiert ansehen, ohne einer Spur von Argwohn. So wie er das gerade tat. Das hier war Harry.
„Nach dem Krieg herrschten in Malfoy Manor – wie überall anders auch - ein wenig chaotische Zustände. Ganz besonders, was unsere Besitztümer betrifft. Ein paar wurden an einen anderen Ort gebracht, manches ging dabei verloren. Anderes gestohlen. Ich habe mit der Zeit eine Liste aufgestellt mit Dingen, die es aus dem einen oder anderen Grund wert sind, wiederbeschafft zu werden."
Er nahm einen Schluck Tee.
„Von dieser Liste fehlt nur noch ein altes schwarzmagisches Buch über Zaubertränke. An sich ist es nicht gefährlicher als jedes andere schwarzmagische Buch auch. Aber es ist sehr alt und es gibt nur noch wenige Exemplare, weshalb es viel wert ist."
„Der Mann, mit dem ich mich an dem Tag treffen wollte, ist ein Todesser. Wir hatten nach dem Krieg einige unserer wichtigeren Wertgegenstände durch Mittelsmänner von ihm an auch für uns unbekannte Orte lagern lassen. Er ist in diversen Kreisen für solche Aufträge bekannt, tritt aber selbst nicht in Erscheinung. Es war schwer, ihn zu finden und zu einem Treffen zu überreden."
Draco stellte die Tasse wieder ab, nachdem er feststellte, dass sie bereits leer war. Harry hingegen hatte seinen Kaffee ganz vergessen.
„Der Todesser beharrte darauf, die Bedingungen zu dem Treffen zu stellen und ich willigte ein. Also verabredeten wir uns in diesem Muggel-Dorf. Ich apparierte an eine sichere Stelle und musste das letzte Stück zu Fuß zurücklegen. Dabei kam ich nicht sonderlich weit, da ich ständig von etwas aufgehalten wurde. Ich habe meinen Zauberstab verloren und beim Suchen tauchte auf einmal dieser Hund auf."
„Und was machst du jetzt?", fragte Harry.
„Ich werde noch mal Kontakt mit ihm aufnehmen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob es ein zweites Mal funktioniert. Wenn nicht, gäbe es theoretisch noch andere Wege, die aber nicht unbedingt einfacher sind."
„Einfacher? Ist das deine Art zu sagen, es ist illegal?"
Ein vielsagendes Grinsen schlich sich auf Dracos Gesicht.
„Warum hast du denn noch keinen Kontakt mit ihm aufgenommen?"
„Hätte ich, wenn ich gekonnt hätte."
Harry blickte ihn fragend an.
„Wenn er so schwer aufzuspüren ist, kann ich ihm auch nicht einfach eulen. Beziehungsweise braucht es mehr als nur eine Eule. Ich bezweifle, dass du ein Labor hast."
„Äh, ja. Also, nein. Und, gehst du jetzt? Ich meine, zu deinem Labor, um den Todesser aufzutreiben?"
„Ich", fing Draco an, „ich habe nun so lange gewartet, da kann ich auch warten, bis ich vollständig auskuriert bin. Ich muss dabei bei klarem Verstand sein."
Harrys Mund verzog sich zu einem angedeuteten Lächeln, als eine kurze Melodie ertönte.
„Warte kurz", sagte er, „das ist Kyle." Er zog sein Handy aus der Hosentasche und tippte darauf herum.
Mit einem Mal war der Blonde erneut schlecht gelaunt. Es störte ihn, dass Potter ihn warten ließ, um zu sehen, was Kyle kommunizierte. Ob Harry wohl genauso reagiert hätte, wenn er mit Kyle gesprochen und er, Draco, sich gemeldet hätte?
Und warum dachte er schon wieder über solche merkwürdigen Dinge nach? Es konnte ihm doch egal sein, wann sich Potter in welcher Situation wie verhielt.
„Kyle hat geschrieben, dass sie die Sache unter Kontrolle bekommen haben. Er macht sich gleich auf den Weg. Irgendwas mit einem wildgewordenen Troll." Harry verzog das Gesicht. „Erinnert mich an den Troll aus unserem ersten Schuljahr."
„Ihr scheint euch wirklich außerordentlich gut zu verstehen", bemerkte Draco spitz.
„Natürlich verstehen wir uns gut. Sonst würde ich ihn ja nicht zu mir einladen."
Draco zog seine Augenbraue hoch. „Wirklich? Das ist alles? Dann definiere „wir verstehen uns gut", denn als ich das letzte Mal darüber nachgedacht habe, fiel unsere Art der Beziehung nicht darunter."
„Das... Das ist etwas anderes. Es wäre falsch gewesen, dich nicht herzubringen und dort liegen zu lassen."
„Wäre es das", begann Draco, und fragte sich, warum er diese Antwort nicht hören wollte. Schließlich war das nichts neues für ihn.
„Nichtsdestotrotz ist es bei euch anders. Ihr tanzt wie die Katze um den heißen Brei herum. Dabei ist zumindest Kyles Verhalten dir gegenüber ziemlich offensichtlich."
Harry schaute zur Seite und strich sich verlegen mit seiner Hand über den Nacken. Es war deutlich, dass er sich unwohl fühlte. War es ihm am Ende doch bewusst? In Dracos Magengegend zog es unangenehm.
„Es ist wirklich nicht so, wie du denkst."
„Ach."
Harry ließ sich nicht davon beirren. „Wir sind nur Freunde. Er macht sich halt nicht viel aus Körpernähe. Nein, das stimmt so auch nicht. Er ist einfach... herzlich. Vermutlich kannst du damit nichts anfangen, weil du das nicht bist."
„Willst du damit sagen, dass ich herzlos bin, Potter?"
Draco wusste, dass er nicht der Typ war, der wild durch die Gegend lief und anderen Leuten von seinem Gefühlsleben erzählte, er war schließlich kein Hufflepuff. Aber das hieß nicht, dass er herzlos war, dass er keine Gefühle hatte. Denn die hatte er. Und viel zu viele davon konnte er nicht deuten.
Wie auch jetzt. In seinen Ohren rauschte es. Sein Puls raste, seine Hände waren kalt. Er sah Harrys Gesicht plötzlich ganz nah vor seinem. Sah seine eigenen Hände, als wären sie die eines Anderen, die sich in die Armlehnen von Harrys Sessel krallten. Dabei hatte er noch nicht mal bemerkt wie er seinen Platz verlassen hatte.
Der blondhaarige Mann nahm wahr, dass der Mann unter ihm aufgewühlt war. Sein Blick irrte ruhelos umher, blieb aber nie an Draco hängen. Während Letzterer wieder einmal nicht wusste, warum er sich so verhielt wie er es tat, war ihm vollkommen bewusst, dass es seine Aktion war, die Harrys Reaktion hervorgerufen hatte. Aber diesmal war es anders, diesmal hatte er das Gefühl, dass er der Antwort zu seinem Handeln näher war.
Ein leichtes Schwindelgefühl ließ ihn aufrichten. Mit jedem Zentimeter, den er zwischen sie brachte, entspannte sich Harry etwas mehr. Tief atmete Draco ein und aus, um wieder Herr über seinen Körper zu werden.
„Das hast du falsch – ich wollte eigentlich sagen, dass ihr von Grund auf verschieden seid, deshalb wird dir sein Verhalten so sehr auffallen. Kyle denkt sich nichts dabei. Wir sind nur Freunde."
Draco sah auf Potter runter. Der fing an, seinen Blick wieder nervös durchs Zimmer gleiten zu lassen. Ein Läuten an der Tür, das Kyle ankündigte, rettete Harry vor der unangenehmen Situation und fast erleichtert drückte er sich an Draco vorbei, der sich nicht vom Fleck bewegte.
Also war es ihm doch bewusst, dachte Draco. Machte es ihm nichts aus, dass jemand so aufdringlich war? Selbst wenn keine weiteren Absichten dahinter steckten? Oder, oder war es am Ende Harry, der mehr wollte?
