Das Gespräch
Edwards POV
Wie schon am Tag zuvor, als ich mit Carlisle von Bella wiederkam, wartet Alice auf mich. Eigentlich sollte mich ihre hüpfende Freude nerven, aber zum ersten Mal weiß ich warum und sie steckt mich an, denn mein Gesicht formt sich zu einem breiten Grinsen.
Als Alice dies sieht, springt sie mir entgegen und lässt mir nichts anderes übrig, als sie aufzufangen. Sie hat natürlich gesehen, wie es bei Bella verlaufen ist und wie nahe wir uns dabei gekommen sind. Und das wichtigste, sie hatte keine Angst vor mir.
„Ich muss zugeben, ich hätte nicht gedacht, dass es soooooo gut verläuft", zieht sie das o extra lang.
Unweigerlich muss ich laut lachen. Jasper muss in der Nähe sein, denn die umgebene Fröhlichkeit wird lockerer.
Ist sie nicht niedlich, wenn sie vor Verlegenheit rot wird? Ich kann nur nickend grinsen. Du hast aber auch keine Gelegenheit verpasst, sie erröten zu lassen, nicht wahr? Gut, dass ich nicht rot anlaufen kann, denn sonst hätte mich Alice ertappt.
„Konntest du schon sehen, wie das Essen morgen ausgeht?", denn ich brauch nicht zu erwähnen, dass es schon morgen stattfindet.
Anstatt mir mit Worten zu antworten, zeigt sie mir ihre Vision.
Bella kommt ganz fröhlich in unser Haus gehumpelt, mit ihren Eltern an der Seite, die ein freundliches Lächeln tragen und beide eine schützende Hand an Bellas Rücken halten. Doch sie ärgert sich nicht mal darüber, obwohl sie die Hilfe nicht bräuchte, und hat ihre Augen nur auf mich gerichtet.
Wieder steigt ihr die Röte ins Gesicht und lässt mich vor Freude bald explodieren. Jasper sieht zu mir und grinst mich breit an. Rosalie steht lächelnd neben mir, was heißt, dass unser Gespräch gut ausgehen wird. Sie geht auf Bella zu, die für einen Moment in Angst gerät, aber diese wieder verliert, als Rosalie sie lange umarmt und sich wieder bei ihr entschuldigt.
Die Eltern begrüßen sich und wie erwartet, sind Esme und Renée gleich unzertrennlich und gehen in die Küche. Carlisle und Charlie begegnen sich Männern entsprechend nicht so enthusiastisch, aber mit einem kräftigen Händeschütteln. Charlie lobt das Haus und fragt nach der Arbeit im Krankenhaus, wie Carlisle die ersten Wochen bisher in Forks gefallen haben.
Emmett benimmt sich ausnahmsweise, zum Wunsche seiner Frau, anständig, so dass das Essen reibungslos abläuft. Die anstrengenden Gesichter meiner Familie fallen bis auf Bella keinem auf. Sie strahlt die ganze Zeit und weiß nicht, wen sie als nächstes ansehen soll. Doch die meiste Zeit hängt ihr Blick aber an mir.
„Hey", sage ich, als Alice ihre Vision unterbricht und das russische Alphabet rückwärts aufsagt.
„Ich will dir doch nicht alles verraten, dass nimmt die Spannung", zwinkert sie mir zu.
Nur ihr Grinsen verrät mir, dass es was Gutes sein muss.
Jasper kommt hinaus, woraufhin sich Alice von mir löst und sie sich an ihn schmiegt. Sofort sind sie wieder in ihrer Welt und gleiten davon. Ich kann ihnen nur schmunzelnd hinterher schauen.
Carlisle ist noch im Krankenhaus, Esme einkaufen, also der beste Zeitpunkt, mit Rose alleine zu reden. Ich gehe hinauf zu ihrem Zimmer, wo ich sie mit Emmett erwarte. Mein Klopfen wird sofort mit einem herein erwidert. Vor dem Unfall hätten sie sich erst mal ansehnlich gemacht, doch Rose hält Emmett momentan zurück, nicht in der Laune irgendetwas zu machen. Und normalerweise würde Emmett laut protestieren, doch er hat mehr Verständnis für seine Frau, als ich ihm zugetraut habe.
Ich gehe also hinein, wo Emmett auf der Couch sitzt und Rose mit dem Kopf auf seinem Schoß liegt. Weder trägt Emmett sein typisch fröhlich Gesicht, noch Rosalie ihr glückliches, bestimmendes Lächeln. Als Rose mich sieht, schießt sie hoch und sieht mich ängstlich an. Diesen Ausdruck habe ich lange nicht bei ihr gesehen.
„Können wir reden?", frage ich sie.
„Natürlich", antwortet Rose und sieht zu Emmett.
Für einen Moment zögert er, will seine Frau nicht alleine lassen, doch als sie ihn liebevoll anlächelt, sieht er ein, dass es ein Gespräch nur zwischen Rose und mir sein muss. Er gibt ihr noch einen zärtlichen Kuss und steht auf.
„Ich bin im Wohnzimmer, an meiner Konsole, falls ihr mich braucht", sagt er und geht an mir vorbei.
Sei bitte nicht zu hart zu ihr, höre ich seine Gedanken, als er längst raus ist. Einige Minuten stehe ich an der gleichen Stelle und sehe zum Fenster hinaus, bis Rosalie seufzt. Als ich zu ihr sehe, haftet ihr Blick, wie in den letzten Tagen immer öfter, wenn ich sie ansehe, am Boden.
Sie tut mir mittlerweile schon leid, wie sie sich selber fertig macht wegen der ganzen Sache. Ich muss wirklich alles geben, um meine Wut beiseite zu schieben, um ihr zu zeigen, dass ich nicht mehr diesen Zorn auf sie hege.
Langsam gehe ich auf sie zu und setzte mich neben sie. Da sie sich nicht regt, greife ich nach ihrer Hand. Sie erschaudert, als sie meine Hand spürt, da sie mit dieser Geste nicht gerechnet hätte.
Rosalie und ich hatten nie so ein inniges Verhältnis, wie zum Beispiel mit Alice. Dafür ist Rosalie einfach zu anderes. Ich möchte das Wort selbstverliebt ungern in den Mund nehmen, aber so oder so ähnlich müsste man sie beschreiben. Doch gerade in diesem Moment ist davon nichts mehr zu sehen. Sie gleicht eher einem Häufchen Elend.
Es dauert wieder einige Momente, bis sie sich aufrichtet und mich ansieht. Würde sie weinen können, wären ihre Wangen nun mit Tränen bedeckt. Man sieht ihr den inneren Kampf an.
„Es tut mir so wahnsinnig leid, Edward. Ich weiß, dass ich es nicht verdient hätte, aber ich hoffe, du wirst mir irgendwann verzeihen können. Bella war mir nie ein Dorn im Auge, wie ihr alle denkt. Es ist nur, ich hatte Angst. Angst, dass sie die Familie auseinander reißt. Angst, sie könnte unser Geheimnis erfahren und uns verraten. Doch ich habe sie vollkommen falsch eingeschätzt."
Ich kann ihr nur zustimmend zunicken.
„Mir ist noch nie ein Mensch wie Bella begegnet. Sie ist so warmherzig und loyal. Genau richtig für dich", lächelt sie mir gequält zu.
„Du musst mir glauben, dass ich im Wald Bella nie etwas Schlechtes wollte. Und schon gar nicht wollte ich ihr weh tun. Meine Wut war größer auf ihre Kamera, als auf sie selbst. Ich war so geschockt, was da gerade passiert war, dass ich sie nicht mal retten konnte. Wenn ich es doch nur rückgängig machen könnte."
Sie wendet ihren Blick wieder ab und lässt mich ihre Worte verarbeiten. Jedes einzelne Wort ist wahr. In Rosalie gehen noch mehr Gedanken durch, die sie nicht fertig bringt zu sagen. Aber sie weiß, dass ich sie sehen kann.
Rose höchstes Gut war es immer, unser Geheimnis zu wahren. Was das anging, war sie vorbildlicher, als wir alle zusammen.
Eines, was sie mir nicht sagen will, ist ihr Neid auf Bella. Neidisch ist sie auf fast alle Menschen, doch gerade weil Bella immer wieder unsere Wege kreuzte, hatte es Bella ihr besonders angetan. Doch hat sie selber mitbekommen, dass dieser Neid Unsinn ist.
Das Einzige, was sie jetzt noch möchte, ist Frieden mit Bella. Sie hat sogar ein wenig Angst vor Bella, weil sie weiß, dass sich Alice und ich uns sogar von ihr abwenden könnten, wenn sie mit Bella nicht zurechtkommt. Weswegen sie unbedingt mit Bella selbst reden möchte.
Sie sieht auch, was der Mensch Bella selbst in Emmett bewirkt, was den Neid-Faktor weiter hebt. Denn Emmett hat einen Narren an Bella gefressen. So sehr wie er sie ärgern will, möchte er sie auch beschützen. Und es war noch nie der Fall, dass jemand anderes außer Rosalie Emmetts Interesse so wecken konnte, wie es Bella tat.
Man merkt, wie Bella die ganze Familie beeinflusst. Auch Jasper, Esme und Carlisle. Jasper kann gar nicht anders, da Alice in Bella ihre Traum-Freundin gefunden hat. Esme ging vor ein paar Tagen, als sie Bella das Essen machte, richtig auf. Sie würde sich gerne mehr um sie kümmern dürfen und um sich haben. Carlisle hat zwar momentan noch ein Doktor-Patienten-Verhältnis zu Bella, aber ich konnte schon erkennen, dass er noch liebevoller mit Bella umging, als mit anderen.
Und das alles, weil er, wie auch Esme, weiß, wie viel mir Bella bedeutet.
Wie viel Jahre müssen sie meine Einsamkeit schon mit ansehen. Die ganze Familie wünscht sich endlich eine Liebe an meiner Seite. Und ich brauch nicht lange überlegen, wer diese Liebe sein könnte. Ich bin mir da sogar sicher, wenn es nicht Bella sein sollte, wird es nie eine sein.
„Du liebst sie, oder?", fragt mich Rose plötzlich.
Ist es denn schon Liebe? Wie beschreibt man Liebe? Ist es das Gefühl in meiner Magengegend, wenn ich Bella sehe? Oder die Tatsache, dass ich in Bellas Nähe alles um mich herum vergesse? Selbst, dass ich ein Vampir bin? Ist Liebe der Drang, immer bei ihr sein zu wollen? Ist es die Sorge, die sich in mir breit macht, wenn ich nicht bei ihr sein kann? Ist es der Hass, der sich in mir breit macht, wenn ich daran denke, dass Jacob Black gerade bei ihr ist und sie ebenfalls begehrt?
„Ich glaube ja", sage ich leise.
„Du glaubst?"
„Ich… ich hatte noch nie jemanden wie Bella getroffen. Noch nie habe ich für jemanden solche Gefühle gehegt. Ich kann es nicht mal beschreiben. Sie geht mir definitiv nicht mehr aus dem Kopf."
„Lass es mir dir sagen, Edward. Ich habe dich noch nie so gesehen, dieses Strahlen in deinen Augen, wenn jemand von Bella redet. Und ich bin dankbar, dass es endlich jemanden da draußen gibt, der dies in dir hervorrufen kann. Es ist nicht leicht für mich zu akzeptieren, aber ich werde es für dich tun, und zwar die Tatsache, dass sie ein Mensch ist. Sie muss etwas besonderes sein."
„Das ist sie", sage ich ohne lange zu zögern.
Und mein Grinsen will gar nicht mehr aufhören, denn ich kann nur an Bella denken in ihren besten Situationen, wobei sie wohl jedem ein Lächeln entlocken könnte. Aber ich muss Rosalie noch meine Worte zu dem Unfall sagen.
Diesmal suche ich ihren Blick, den ich sie spüren lasse. Richtig eingeschüchtert schaut sie mich an.
„Rose, ich weiß um deine Liebe zur Familie und deiner Angst um unser Geheimnis. Ich sehe es jeden Tag, an deiner Härte, in deinen Augen. Du versuchst zwar, deine Gedanken vor mir zu verstecken, aber wenn du gerade mal unbefangen bist, sehe ich es. Genau wie ich die Wahrheit in deinen Gedanken über deine Worte sehe, und noch viel mehr", zwinker ich ihr zu.
Verlegen blickt sie zu Boden.
„Dein Hass auf Bella, beziehungsweise dein Neid auf Bellas Menschlichkeit, hat dich geblendet, aber ich weiß, du hättest ihr nie etwas angetan. Außer, sie hätte uns wirklich verraten."
Daraufhin nickt sie beschämt. Sie ist erleichtert, dass wir alleine sind und sie keiner sehen kann, wie sie hier neben mir sitzt und nicht die starke Rosalie ist.
„Aber es ist nicht geschehen. Bella lebt, sie wird wieder gesund und unser Geheimnis ist bei Bella in sicheren Händen. Sie wird dir verzeihen."
„Kannst du mir denn überhaupt verzeihen?", fragt sie und blickt mich verzweifelt an.
„Ich habe dir längst verziehen, Rose. Es fällt mir momentan nur schwer, in deiner Nähe zu sein, da ich einfach nicht mehr an den Unfall denken möchte, du es aber ununterbrochen tust."
„Erlaubst du mir, mit Bella zu reden?"
„Natürlich. Ich vertraue dir, Rose. Ich habe dir immer vertraut, deshalb war ich mir auch sicher, dass du Bella nichts antun wolltest, doch man kann unsere Instinkte leider nicht verbergen, da kann dein Wille noch so stark sein."
Wir lehnen uns beide in der Couch zurück und starren an die Wand. Rose hängt ihren Gedanken nach und überlegt, wie sie es mit Bella am besten angeht.
„Meinst du, Bella könnte meine Freundin werden? Ich beneide Alice sehr."
„Bella ist, wie du schon sagtest, ein sehr warmherziger Mensch und sie gibt jedem eine Chance. Auch dir."
Die Tür zu unserem Haus geht auf. Alice und Jasper sind zurück. Carlisle und Esme müssten auch bald wiederkommen.
„Wir sollten wieder zu den Anderen gehen. Emmett ist schon ganz unruhig", sage ich ihr.
„OK", kommt es nur von Rose.
Wir stehen gemeinsam auf, aber Rosalie ist noch immer nicht ganz beruhigt. Ich weiß, was jetzt helfen kann.
Ich ziehe sie in meine Arme und umarme sie fest. Fester, als es einem Menschen gut tun würde. Und als ich spüre, wie sehr sie die Umarmung erwidert, weiß ich, wie sehr sie das brauchte. Als ich ihr leises Schluchzen höre, wird es mir etwas unangenehm, aber ich behalte sie in meinen Armen und streiche ihr über den Rücken.
Die Tür geht auf und Emmett tritt hinein, sein Blick möchte mich am liebsten töten, doch er wird besänftigt, sobald er das ganze Ausmaß erkennt.
Du warst nicht zu hart, oder? Ich schüttel meinen Kopf zu einem Nein, woraufhin er erleichtert die Schultern fallen lässt. Rosalie schaut auf und sieht ihren Gatten. Sofort bildet sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht. Die beiden sind wirklich füreinander geschaffen.
Rose sieht zu mir, ohne etwas zu sagen. Danke, Edward. Ich weiß dein Vertrauen und dein Verständnis zu schätzen. Ich werde dich nicht wieder enttäuschen.
„Du hast mich nicht enttäuscht, Rose. Lass uns in die Zukunft blicken, OK? Ich kann euch Schwestern sicher noch für Ratschläge gebrauchen", lache ich sie an.
Das schaffst du schon alleine, kleiner Bruder. Daraufhin küsse ich ihre Stirn, was sie ein wenig überrascht, denn diese Geste habe ich ihr selten gezeigt und übergebe sie an Emmett, der sie mit offenen Armen empfängt. Danke, Mann, kommt es von Emmett und gemeinsam verlassen sie das Zimmer.
Die Atmosphäre ist gleich leichter und unbefangener. Für Jasper muss es eine Fügung sein.
Auch ich fühle mich erleichtert, denn nun kann ich wieder Rose begegnen, ohne immer wieder an diesen verheerenden Unfall denken zu müssen. Die Spannung war in jedem Mitglied der Familie zu sehen und spüren.
Ich gehe in mein Zimmer, wo sofort an meine Stereoanlage trotte und mache etwas entspannte Musik an. Claude Debussy mit seinem Werk Beau soir. Setze mich auf meine Couch, starre in den Wald und kann nur an eins denken. Isabella Marie Swan.
TBC
