Wortanzahl: 775 Wörter
Kapitel 9
Eine junge Frau. Brünett. Rosige Lippen. Warme, braune Augen. Fast jedes Foto von ihr zeigt wie ein Lächeln ihre Lippen zierte. Ihre Freunde lieben ihr Lachen. Ihre Kollegen ihre Stärke und Intelligenz. Ihre Tochter ihre Küsschen und Umarmungen.
Sie war Tochter und Freundin.
Geliebte und Mutter.
Polizistin und Heldin des Alltags.
Sie war tot.
Ein schwarzer Strick schmückte ihren Hals. Er sollte locker liegen. Das Atem erschweren, doch die Lust nicht verringern. Das Spiel mit der Luft und dem Leben. Gefährlich, aber im richtigen Maße... das perfekte Mittel zur Steigerung der Lust.
Doch bei ihr? Bei ihr war es nur Requisite und Werkzeug. Ein Mittel zur Verschleierung der Tatsachen. Ein Mittel um ihr das Wichtigste, was sie besitzt, zu rauben.
Ihr Körper, ihre Kurven, ehemals verdeckt durch ein Korsett und einem simplen Slip, offenbart sich den Männern, die über ihr stehen. Fünf an der Zahl. Groß, klein, blond und brünett. Sie haben nichts gemein. Nichts außer diesem Blick.
Diesen speziellen Ausdruck in ihren Augen, die so manche gelernt hat zu fürchten. Auch sie wusste was dieser Blick bedeutet. Doch sie dachte sie war sicher. Hatte für einen Moment sich offenbart. Getan was nötig war um dies zu bekommen was sie wollte. Sie wollte Lust. Wollte Vergessen. Wollte einfach nur für einen Moment Frau sein, nicht Polizistin und Mutter. Am Ende war sie einfach nur... eine weitere Leiche in einer langen Reihe. Sie wurde ein neues Opfer. Ein neuer Fall für ihre Kollegen und ein neues Spielball für diese Männer, die das Spiel auf eine neue Ebene heben wollten.
Sie gehörte nicht ihren ruhigen Stimmen, die über sie sprachen als wäre sie nichts weiter als ein Gegenstand. Hörte nicht ihr Lachen. Sah nicht ihre Blicke, die über sie glitten als wäre sie Luft.
Sie bekam all dies nicht mit. Sie würde nie wieder was mitbekommen. Sie wollte heute ihrer Leidenschaft, ihrer Lust frönen, aber am Ende...erklangen anstatt ihrer Lustschreie nur die Geräusche ihres Todeskampf und sie wurde nur ein weiteres Spielzug in dem makabren Spiel von Männern, die nur wenige Stunden zuvor dieses Ausgang der Nacht für sie diskutiert hatten.
Es war ein Gespräch von wenigen Minuten gewesen. Die Worte kurz und ohne Reue ausgesprochen und doch hatte solch langfristigen Auswirkungen auf so viele Menschen, während die Worte innerhalb von Sekunden im Raum verhallt waren.
"Tötet Sie. Wir brauchen sie nicht mehr.""Irgendetwas, das wir beachten sollen.""Nein, wie normal. Tarnt es wie auch die letzten Male.""Moment. Die Schlampe hat eine ID dabei.""Tse, wie dumm. Dabei müsste gerade SIE die Wahrheit doch kennen, aber nun ja... dann machen wir einmal eine Ausnahme... Schließlich, wann haben wir schon mal die Chance eine Polizistin ihren Kollegen als so schönes Geschenk zu präsentieren."
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Seufzend schmiegte Sam ihr Gesicht in die warme Hand, die zärtlich auf ihrer Wange lag. Sie wünschte sie könnte für ewig hier liegen bleiben. So warm, geborgen, beschützt, in Frieden. Dieser Moment sollte nie vergehen... Doch so wie es mit allen Dingen war, verging auch dieser und die Hand verschwand wieder. Sie ließ sie allein und unbeschützt zurück. So wie es jeder mit ihr bisher getan hat. Aber nur Sekunden vergingen und sie spürte wieder diese Hand. Dieses wunderbare Gefühl. Diese Liebe. Zärtlich und sanft strich sie über ihre Haut, während sie sich wohlig in ihr weiches Bett kuschelte. Ewig sollte es so weitergehen. Nur das leises Meeresrauschen und diese Hand, dieser Körper neben ihr. Mehr wollte sie nicht. Ein Schrei entrang ihrer Kehle. Angehakt. Nur ein, zwei Sekunden lang. Finsternis. Kälte. Leere. Einsamkeit. Ihr neues Zuhause. Ihre Welt. Ihr ganzes Sein. Nein... das war gelogen. Sie war nicht allein. Er war hier. Sie hörte ihn. Sein Atem. Keuchend. Stöhnend. An ihrem Ohr. Ohne Möglichkeit seinem feuchten Hauch zu entkommen. Sie gehörte ihm. Ihr Körper gehörte ihm. Ihre Seele gehörte ihm. Sie hatte keine andere Wahl. Dies war ihre Welt.
Sie spürte ihn. Seinen Atem. Seine Finger. Seine Hände. Groß und stark. Immer und immer strichen sie über ihre Haut. Drückten zu. Packten sie. Ließen ihr keine Möglichkeit sich zu winden. Zu entkommen. Sie gehört ihm. Nur ihm. Er wusste dies. Genoss dieses Gefühl und sie... akzeptierte es. Sie war allein. Er war bei ihr. Er war ihr Sein und ihr Zuhause.
... und als sie die Augen aufschlug und die Decke ihres neuen Schlafzimmers anstarrte, wusste sie, dass sich dies auch Monate später nicht geändert hatte. Sie war die Seine. Im Guten wie im Schlechten. In Gesundheit und Krankheit. Im Leben und im Tode.
Und mit diesem Gedanken schloss sie wieder die Augen, während Tonys leiser Atem sie zurück in das Land der Träume, seinem Land, zurückbeförderte.
Ende Kapitel 9
