Ich werde Roderich heiraten.

Dieser gottverdammte Satz ließ sich nicht mehr abschütteln! Er war wirklich wie sein ganz persönlicher Tumor.

Gilbert lag weiterhin wach in seinem Bett. Der Preuße konnte einfach nicht schlafen, ohne irgendwelche Alpträume zu haben. Er war schon zweimal schweißgebadet aufgewacht und hatte nach dem zweiten Mal beschlossen, nicht mehr einzuschlafen. Um sich wach zu halten, stand er auf, ging im Halbdunkeln zu seiner Zimmertür und suchte den Lichtschalter, der sich neben der Tür befand.

Nachdem er ihn gefunden hatte, betätigte er diesen und der Raum wurde in ein gedämpftes Licht getaucht. Der Preuße schlurfte in das angrenzende Badezimmer und betrachtete sich im Spiegel.

Er sah furchtbar aus. Seine weißen Haare standen in alle Richtungen ab, doch das war bei ihm nach dem Aufstehen nichts Ungewöhnliches. Vielmehr schockierte ihn der groteske Blick seiner Augen. Sie waren blutunterlaufen; darunter entdeckte er dunkle Augenringe. Außerdem waren seine Pupillen verkleinert. Damit sah er aus wie ein Zombie; so als hätte der Weißhaarige ungefähr ein Jahr nicht geschlafen; genauso fühlte er sich auch.

Gilbert verließ das Bad und ging zielstrebig zur Küche. Gegen Liebeskummer half eben nichts auf der Welt besser als sich den Magen vollzuschlagen.

Als er die Küche betrat, schloss er reflexartig die Augen. Die gesamte Küche war in grelles Sonnenlicht getaucht.

Wie lange habe ich wohl geschlafen?

Nachdem sich der Rotäugige an das Licht gewöhnt hatte, entdeckte er einen Zettel, der auf dem runden Tisch vor ihm lag. Er nahm das Stück Papier und fing an zu lesen:

Guten Morgen, Gilbert-kun.

Wie du sicher schon bemerkt hast, bin ich bereits bei der Arbeit. Aber nach dem gestrigen

Tag, wollte ich dich nicht so früh wecken. Das heißt, dass du dir dein Frühstück heute einmal

alleine machen musst. Der Tisch ist gedeckt, alles andere findest du sicher. Außerdem habe

ich mir erlaubt, dich für den heutigen Tag bei der Arbeit krank zu melden. Ich dachte, ein freier Tag würde dir sicher gut tun. Allerdings wollte Yao noch einmal anrufen, um mit dir über Morgen zu sprechen.

Ich wünsche dir einen schönen Tag. Bis heute Abend.

Kiku

Auf Gilberts Gesicht zeigte sich für einen Moment die Andeutung eines Lächelns. Der Japaner kannte ihn so gut wie kein Zweiter. Er wusste, was Gilbert brauchte, wenn es ihm schlecht ging, ohne dass er es aussprechen musste. Einen besseren Kumpel konnte man sich nicht vorstellen.

Der Preuße legte das Blatt zur Seite und machte sich ein paar Spiegeleier mit Speck. Nachdem er sein Essen verzehrt hatte, räumte er das Geschirr beiseite, setzte sich im Wohnzimmer auf die abgewetzte Couch und schaltete den Fernseher ein. Leider lief nichts außer irgendwelchen Talk Shows, Gerichts- und Kochsendungen. Desinteressiert sah er sich an, wie man Rigatoni con la pagata, ein Pastagericht mit dem Darm von Kalb oder Lamm, und Risotto ai funghi, also Reis mit Pilzen, zubereitete. Zwischendurch sah er sich noch Nachrichtensendungen an.

Nach insgesamt drei Stunden sinnlosen Fernsehens schaltete er die Kiste wieder aus und legte sich schlafen.

Als das Telefon klingelte, schreckte er hoch. Doch dann fiel Gilbert wieder ein, dass Yao noch anrufen wollte. Er nahm den Hörer ab. Wie erwartet war Yao am Apparat.

„Guten Tag, Gilbert. Ich habe gehört, du bist krank, aru?"

„Ja, das stimmt. Aber ich denke, dass ich morgen wieder fit sein werde!"

„Das ist gut, denn ich wollte mit dir über Morgen sprechen."

„Wieso, was gibt es denn?"

„Nun, morgen haben wir eine geschlossene Gesellschaft bei uns im Restaurant zu Gast und ich würde dich bitten, mir bei der Organisation zu helfen. Außerdem würde ich mich freuen, wenn du die Hauptpersonen der Feierlichkeiten betreuen würdest. Es gibt nicht viele, denen ich eine solche Aufgabe zutrauen würde."

„Alles klar."

„Das freut mich zu hören. Also, nun zu den Kellnerplänen, der Aufstellung der Tische und den Buffetwünschen unserer Gäste…"

Die beiden besprachen die Einzelheiten für das Fest und beendeten ihr Gespräch. Gilbert legte den Hörer auf die Gabel und erhob sich gemächlich. Plötzlich ertönte ein lautes Grummeln aus Gilberts Magengrube.

„Dann wollen wir dir mal etwas zu essen machen!"

Nachdem er auch seine zweite Mahlzeit an diesem Tag verschlungen hatte, hörte der Preuße, wie sich der Schlüssel im Schloss drehte. Nach einem leisen Klick öffnete sich die Eingangstür und Kiku betrat den Flur.

„Gilbert, bist du zu Hause?"

„Selbstverständlich. Ich bin in der Küche." Gilbert hörte einige Schritte, die immer lauter wurden, bis Kiku im Türrahmen stand.

„Guten Abend."

„Gleichfalls." Kiku setzte sich seinem Freund gegenüber und sah ihn abschätzend an.

„Wie geht es dir?"

„Ganz okay. Der freie Tag war wirklich hilfreich…."

„Das freut mich", sagte Kiku lächelnd. „Was hast du denn heute so gemacht?"

„Meinen Liebeskummer mit Essen beruhigt, sinnlos ferngesehen, ein Nickerchen gemacht… äh, mit Yao über Morgen gesprochen… und wieder etwas gegessen."

„Apropos morgen… Warum wollte Yao mit dir sprechen?"

„Wir haben ein paar Leute mehr bei uns im Restaurant zu Gast. Er wollte mit mir bloß die Kellnerpläne und Ähnliches besprechen."

„Dann hast du scheinbar eine Menge Arbeit."

„Ja, und dafür muss ich ausgeruht sein. Macht es dir etwas aus, wenn ich schon einmal schlafen gehe? Ich wollte im Restaurant nicht mit diesem Gesichtsausdruck auftauchen. Die Gäste sollen nicht vor mir weglaufen."

Die beiden Freunde mussten bei dieser Vorstellung lachen. „Natürlich stört mich das nicht. Geh ruhig."

„Danke. Gute Nacht, Kiku." Gilbert erhob sich, räumte den Teller weg, der noch auf dem Esstisch stand, und begab sich zu seinem Schlafzimmer.

„Gute Nacht, Gilbert-kun."

Gilbert trat in sein Zimmer und ging erst einmal ins Bad. Dort öffnete er ein kleines weißes Schränkchen, in dem sich alle möglichen Medikamente befanden. Der Preuße durchsuchte die drei weißen Regalabschnitte, bis er einen Behälter mit der Aufschrift „Schlaftabletten" entdeckte. Der Weißhaarige griff sich die Dose und öffnete den Verschluss. Er nahm eine Tablette heraus und schluckte sie mit etwas Leitungswasser herunter. Nun würde er sicherlich schlafen können; egal, ob er nun Alpträume hatte oder nicht.

Gilbert verließ das Badezimmer und legte sich ins Bett. Bald darauf wirkte auch sein Medikament und seine Augen wurden schwer, bis er schließlich einschlief.

Am nächsten Tag fühlte sich Gilbert etwas besser. Zumindest hatte die Schlaftablette ihre Aufgabe erfüllt. Es war eine traumlose Nacht gewesen und nun war er völlig ausgeruht. Der Preuße schlurfte wie den Tag zuvor auch ins Badezimmer und sah erneut in den Spiegel. Seine Augenringe waren nur noch schwer zu erkennen und seine Augen waren auch nicht mehr blutunterlaufen. Er kämmte seine widerspenstigen Haare und zog seine Kellneroutfit an. Danach betrachtete er sich ein weiteres Mal im Spiegel und stellte zufrieden fest, dass er wieder „normal" aussah.

Der Preuße ging in die leere Küche und machte sich schnell etwas zu essen. Der Japaner war schon bei der Arbeit, denn Gilbert musste erst gegen Mittag im Restaurant sein. Nachdem er etwas gegessen hatte, machte sich der Kellner auch schon auf den Weg.

Als er nach einigen Minuten das Gebäude betrat, eilten bereits einige weitere Kellner hin und her. Die Vorbereitungen waren bereits in vollem Gange. Gilbert ging die Treppe hoch und suchte nach Yao, der für fast alle Abläufe Pläne erstellt hatte.

Nachdem er sich mehrmals in dem großen Saal umgesehen hatte, entdeckte er den Chinesen schließlich bei einer monströsen Torte, die der Nachtisch zu sein schien. Gilbert ging schnellen Schrittes zu ihm und erkundigte sich danach, was noch erledigt werden musste.

„Die Tische müssen noch mit Silberbesteck gedeckt werden und jemand muss noch einmal zum Großmarkt einige Lebensmittel besorgen. Außerdem müssen wir noch den gesamten Saal schmücken und der rote Teppich sollte noch auf der Treppe ausgerollt werden. Ich hoffe, wir schaffen alles rechtzeitig!"

„Das kriegen wir schon hin", sagte der Preuße und versuchte, den hektischen Chinesen zu beruhigen. „Ich werde mich um die Tische kümmern. Außerdem sorge ich dafür, dass jemand die restlichen Zutaten besorgt, und ganz bestimmt wird sich auch jemand finden, der den Teppich holt."

„Danke, Gilbert. Was würde ich nur ohne dich machen?"

„Sie hätten das sicher irgendwie gelöst", sagte Gilbert. Er wandte sich um, schnappte sich einen der Kellner und gab ihm einen Zettel, auf dem alles notiert war, was er zu besorgen hatte. Danach deckte er sämtliche Tische und zum Schluss rollte er den roten Teppich gemeinsam mit einigen anderen Kellnern aus. Anschließend kehrte er zu Yao zurück und überprüfte mit ihm noch einmal alle Punkte auf dessen Liste.

„Jetzt dürfte alles erledigt sein, oder?"

„Ja. Dank deiner Hilfe."

„Sag mal, was wird denn eigentlich genau hier gefeiert?"

„Unsere Gäste zelebrieren die Verlobung eines jungen Paares." Glücklicherweise wandte Yao dem Weißhaarigen gerade den Rücken zu, sonst hätte er gesehen, wie Gilbert seine Gesichtszüge entglitten.

Eine Verlobungsfeier? Das kann doch nicht wahr sein! So viele dumme Zufälle kann es doch gar nicht geben! Das ist unmöglich… Aber wahrscheinlich rege ich mich grundlos auf. Also beruhige dich wieder!

Allmählich konnte der Preuße seine Gesichtszüge wieder kontrollieren. Er versuchte, sein Gesicht so ausdruckslos und entspannt aussehen zu lassen wie möglich, dann fragte er Yao scheinbar gleichgültig: „Das ist ja schön. Wie heißt denn das glückliche Paar?"

„Warte, ich muss kurz die Gästeliste suchen… Ah, da haben wir es: Stefania Salivo und Fabio Garibaldi."

Gilbert war sichtlich erleichtert. Seine Befürchtungen hatten sich also nicht bewahrheitet. Das wäre ihm definitiv ein Zufall zu viel gewesen. Er war auf dem Weg zur Küche, als der Chinese ihn erneut rief.

„Warte Gilbert, ich habe mich vertan. Das waren die Reservierungen für den nächsten Tag; ich muss ich versehentlich falsch eingeordnet haben. Die beiden, für die du in wenigen Stunden zuständig bist, heißen Elizaveta Héderváry und Roderich Edelstein." Damit betrat Yao die Küche und ließ den Preußen einfach stehen.

Jetzt reiß dich zusammen! Vergiss eines nicht: Egal wie dreckig du dich fühlst, höflich sein und immer freundlich lächeln. Ja, ganz genau: Lächeln und leiden.