Disclaimer: Alle Figuren (außer Samantha) gehören nicht mir, sondern Joanne K. Rowling. Ich leihe sie mir lediglich aus und verdiene auch kein Geld mit ihnen.
Anm. d. A.: Endlich! Kapitel 10 ist da! Wahnsinn! Ich bin schon total gespannt, wie es euch gefällt, also lasst doch bitte ein paar Reviews da!
Übrigens habe ich Kapitel neun überarbeitet! Bitte lest das zuerst, bevor ihr euch auf dieses hier stürzt!
Viel Spaß!
Eure Lysanda ^^
Kapitel X
Tiefe Narben
Es war noch dunkel, als Samantha erwachte. Verwirrt blickte sie sich um und suchte nach etwas, das ihr verriet, wo sie sich befand. Nach und nach wurde ihr klar, dass sie zu Hause war, in ihrem eigenen Zimmer. Deutlich hörte sie das Ticken ihrer Wanduhr. Traurig stellte sie fest, dass sie auch in dieser Nacht wieder auf dem Bauch geschlafen hatte. Ihr Nacken schmerzte. Sie hatte gehofft, dass, wenn sie wieder in ihrem eigenen Bett schlafen würde, sie sich auch wieder daran gewöhnen könnte, auf der Seite oder dem Rücken schlafen zu können. Aber da hatte sie sich wohl geirrt.
Obwohl sie in dieser Nacht nur wenig Schlaf gefunden hatte, war sie hellwach. Sie entschloss, die morgendliche Ruhe auszunutzen und joggen zu gehen. Langsam stand sie auf. Ein heftiger Schmerz durchfuhr sie und sie verzog das Gesicht. Wie jedes Mal, wenn sie sich nach einer längeren Ruhepause bewegte, schmerzten ihre Narben, als würden sie jeden Augenblick ihren Körper auseinander reißen. Mit zitternden Händen tastete sie im Dunkeln nach ihrer Nachttischschublade. Einen Moment wühlte sie darin herum, bis sie ein kleines Fläschchen fand. Seufzend öffnete sie es, dann nahm sie einen kräftigen Schluck von der zähen Flüssigkeit. Es war ein Schmerztrank, welchen sie im St. Mungo's Hospital bei ihrer Entlassung erhalten hatte. „Das ist nur für Notfälle! Ist die Flasche leer, kann ich ihnen keinen neuen Trank geben", hatte der Heiler ihr gesagt. Auf ihre Frage, warum sie keinen neuen erhalten würde, hatte er nur geantwortet: „Sie müssen lernen, damit zu leben, Samantha!"
Es dauerte nicht lange und ihre Schmerzen verschwanden. Entspannter atmete Samantha durch. ‚Damit leben? Wer kann schon mit ständigen Schmerzen leben?', dachte sie traurig bei sich. Mit einer Handbewegung zündete sie ein paar Kerzen an. Ein Blick auf ihre Wanduhr verriet ihr, dass es halb sechs am Morgen war. Langsam zog sie sich ihren Trainingsanzug und ihre Schuhe an. Bevor sie sich auf den Weg machte, nahm sie ihren MP3-Player. An der Haustür schaltete sie ihn ein und stopfte die Stöpsel in ihre Ohren. Vor ihrer Folterung war sie beinahe jeden Morgen joggen gegangen und jedes Mal hatte sie Musik dabei gehört. Eine Angewohnheit, die sie sich bewahren wollte.
Die Musik hämmerte in einer angenehmen Lautstärke in ihrem Kopf, während sie durch die noch dunklen Straßen lief. In manchen Häusern brannte schon Licht, in anderen wurde noch tief und fest geschlafen. Samantha mochte diese Ruhe vor dem Sturm. In weniger als zwei Stunden würden die Straßen wieder mit Autos und Menschenmassen überfüllt sein.
Tief atmete sie die kalte Morgenluft ein und bei jedem Ausatmen bildeten sich kleine Dunstwolken vor ihrem Mund. Der kalte Wind peitschte in ihr Gesicht, doch schnell verlor sie jegliches Gefühl in ihren Wangen. Nach einem Kilometer fühlten sich ihre Beine schon an wie Stahl und jeder Schritt schmerzte, doch sie wollte nicht aufhören. Ihre Lungen brannten. Ihr Herz raste. Doch an jeder Ecke sagte sie sich selbst: „Einen Block schaffe ich noch." Und so trieb sie sich immer weiter an, bis sie schließlich vollkommen erschöpft war.
Atemlos blieb sie stehen und stützte ihre Hände auf ihre zitternden Knie. Es verging fast eine Ewigkeit, bis sie sich wieder beruhigte. Den Rückweg würde sie langsamer angehen müssen.
Es war schon hell, als Samantha wieder zu Hause ankam. Sie war ausgepowert, aber auch sehr zufrieden mit sich selbst. Sie hatte endlich mal wieder das Gefühl, dass sie etwas geleistet hatte und zum ersten Mal seit einer sehr langen Zeit, war sie glücklich. Mit diesem Gefühl stieg sie die Treppe hinauf und verschwand in ihrem Zimmer. Sie schloss die Tür hinter sich, vergaß jedoch, abzuschließen. Dann ging sie zu ihrem Schreibtisch und schaltete ihren Laptop an. Sie mochte die Technik der Muggel wirklich sehr, denn sie war in vielerlei Hinsicht sehr praktisch. Während der kleine Computer hochfuhr, ging sie summend zu ihrem Schrank und zog sich ein paar frische Sachen zum Anziehen heraus. Dabei griff sie aus Gewohnheit nach ihrem Gute-Laune-Oberteil – ein lilafarbenes Top mit einem kleinen Küken darauf. Sie brachte die Sachen in ihr Badezimmer.
Zurück in ihrem Zimmer warf sie ihren MP3-Player auf den Schreibtisch und aktivierte ihre Playlist auf dem Laptop. Schon im nächsten Moment dröhnte die Stimme von Kanye West mit dem Lied „Stronger" aus ihren ein Meter großen Boxen. Einen kurzen Augenblick dachte sie an die Gäste, welche sich in ihrem Haus einquartiert hatten und begann zu grinsen. „Mein Haus, meine Regeln", sagte sie zu sich selbst und machte ihre Musik lauter.
Während sie duschte und das angenehm warme Wasser auf ihren Körper hinunter laufen ließ, sang sie laut zu ihrer Musik mit. Obwohl sie die wohltuende Dusche auch genoss, konnte sie nicht lange darunter verweilen. Bevor die Schmerzen in ihrem Rücken sich verschlimmerten, drehte sie das Wasser ab und wickelte sich ein weiches Handtuch um.
Nachdem sie sich ihre Hose und ihren BH angezogen hatte, öffnete sie im Bad ein Fenster zum Lüften. Dabei gab es einen Luftstoß, welcher die Zimmertür ein Stück aufspringen ließ. Gedankenverloren griff Samantha nach ihrem ausgesuchten Oberteil und ließ es erschrocken fallen. Sie konnte das nicht anziehen. Es war kurzärmelig, eng anliegend – jeder würde ihre Narben sehen. Jeder würde es wissen.
Voller Wehmut hob sie das Top wieder auf, faltete es zusammen und ging zurück in ihr Zimmer, wo sie es tief in ihrem Schrank versteckte. Stattdessen zog sie sich ein dunkles T-Shirt heraus.
Inzwischen war ein Stockwerk höher ebenfalls jemand aus seinem Tiefschlaf erwacht. Verwirrt blickte sich Draco um und nach einem Moment wurde ihm klar, was ihn aufwachen ließ. „Wo kommt dieser schreckliche Krach her?", rief er laut aus. „Keine Ahnung! Aber wenn du nicht gleich die Klappe hältst, verhex ich dich", murmelte eine männliche Stimme vom anderen Ende des Zimmers. „Entschuldige, dass ich dich bei deinem Schönheitsschlaf gestört habe, Weasley", entgegnete Draco mit einem sarkastischen Unterton. Dann erhob er sich aus seinem Bett, zog sich an und schlich aus dem Zimmer.
Beim Hinuntergehen bemerkte er, dass er der Quelle der Musik immer näher kam. Sie kam aus einem der Zimmer und die Tür stand sogar einen Spalt offen. Vorsichtig riskierte er einen Blick hinein. Was er sah, verschlug ihm den Atem. Samantha stand mit dem Rücken zur Tür, mit nichts weiter als einer Jeanshose und einem BH bekleidet. Deutlich erkannte er die vielen Narben auf ihrem Rücken und ihren Armen.
Sanft schmiegte sich der weiche Stoff des T-Shirts, welches sie sich gerade überzog, an ihren Körper und versteckten die Narben hinter einem schwarzen Schleier. Erst jetzt bemerkte Draco, dass er sie angestarrt hatte und löste seinen Blick von ihr. Vorsichtig bewegte er sich von der Tür weg und setzte seinen Weg in die Küche fort. Dabei ging ihm das Bild ihres verschandelten Körpers nicht mehr aus dem Sinn.
Nachdem Samantha sich auch noch einen Pullover übergezogen hatte, schaltete sie die Musik in ihrem Zimmer aus und nahm sich stattdessen wieder ihren MP3-Player. Auf dem Weg zur Küche sang sie laut zu dem Lied „I feel good" von James Brown mit. Obwohl sie an diesem Morgen einen eher schlechten Start gehabt hat, war sie momentan ausgesprochen gut gelaunt.
In der Küche saß schon Draco über eine Schüssel Müsli gebeugt, doch Sam bemerkte ihn nicht. „I feel good – dada dada dada - I knew that I would now!", sang sie laut, während sie sich eine Schüssel nahm. Sie vollführte eine Drehung und sang: „So good … so good …", hob ihren Arm, „I got you!", und erschrak. Auf dem „you" hatte sie ihren Arm ausgestreckt und direkt auf Draco gezeigt. Dieser saß verblüfft da und - fing an zu lachen. Samantha ließ ihren Arm sinken und begann ebenfalls zu lachen, dabei nahm sie ihre Ohrenstöpsel raus.
„Entschuldige, ich… oh Mann, ist das peinlich", sagte sie schließlich und errötete. Sie stellte ihre Schüssel auf den Tisch, holte sich noch Müsli und Milch und setzte sich schließlich auf dem Platz gegenüber von dem Blondschopf. Nach einer Weile beruhigte sich Draco wieder und räusperte sich verlegen. „Du bist also für den Krach heute Morgen verantwortlich", sagte er und nahm einen Löffel von seinem Müsli. „Ja! Hab ich dich geweckt?", erwiderte Sam und als Draco nickte, sagte sie: „Gut! Das war meine Absicht!" Der Blondschopf grinste, „Rache an die Meute. Das gefällt mir." Die Hexe lächelte verlegen.
Einen Moment lang herrschte Stille zwischen den beiden. Angestrengt dachte Samantha darüber nach, wie sie am besten mit ihm in ein Gespräch kommen könnte. Es fiel ihr sehr schwer sich mit Fremden zu unterhalten, aber aus irgendeinem Grund, wollte sie es dennoch mit Draco versuchen. Nervös blickte sie immer wieder von ihrem Müsli auf, bis sie sich endlich ein Herz fasste. „Du gehörst also auch zu diesem Phönixorden?", fragte sie vorsichtig. Dabei traute sie sich nicht, ihn anzusehen. „Mehr oder weniger", antwortete der Blondschopf und nahm einen weiteren Löffel von seinem Müsli.
Die nächsten Minuten verbrachten sie schweigend. Dem jungen Malfoy ging das Bild, welches er kurze Zeit zuvor gesehen hatte, nicht mehr aus dem Kopf. Samantha gab es auf, ein Gespräch zu provozieren. Sie wusste einfach kein geeignetes Thema. Draco hingegen wusste genau, worüber er sprechen wollte. „Woher stammen eigentlich die vielen Narben auf deinem Rücken?", fragte er und blickte Sam dabei an.
Mitten ihrer Bewegung hielt sie inne und erstarrte. Ihr Herz raste. In ihren Ohren rauschte das Blut. „So jung und schon dem Tode nah", hörte sie die verzerrte Stimme ihres Peinigers. Ihre Hände begannen zu zittern. Panik durchflutete ihren Körper. Sie war wieder in diesem dunklen Raum. Sie spürte die Fesseln an ihren Händen. Spürte die Fessel an ihrem Hals. Ihre Hände ballten sich zu Fäusten. Ihr rechter Fuß trippelte nervös auf dem Boden. Sie war gefangen. Gefangen in einer Erinnerung, die wie die Realität für sie war.
Erschrocken bemerkte Draco, dass Samanthas Blick ins Leere ging. „Samantha?", fragte er vorsichtig. Wie aus einer tiefen Trance erwachte sie wieder und blickte sich verwirrt um. Nach Luft ringend, versuchte sie ihre Gefühle wieder unter Kontrolle zu bringen. Langsam beruhigte sie sich wieder. „Geht es dir gut?", hakte Draco nach und sah sie besorgt an. „Ja, alles in Ordnung. Worüber sprachen wir gerade?", entgegnete sie ernst und löffelte ihre Müslischüssel leer. Ihre gute Laune vom Morgen war verschwunden. Sie war zurück in ihrem Ernst des Lebens. Ihres Lebens. „Ich hatte dich gefragt, woher du deine Narben hast", wiederholte der Blondschopf seine Frage vorsichtig. „Woher weißt du davon?", entgegnete sie und ihre Haare verfärbten sich feuerrot, so wie sie es immer taten, wenn sie wütend war.
„Deine Zimmertür stand offen, als du dich umgezogen hast. Ich hatte zufällig einen Blick hineingeworfen", erklärte Draco in seiner aristokratischen Art. „Dann muss ich in Zukunft wohl besser aufpassen, dass meine Tür auch wirklich zu ist. Wieso willst du das überhaupt wissen?", entgegnete Samantha und blickte ihren Gesprächspartner ernst an. Dieser erwiderte ihren Blick. „Weil ich der Meinung bin, dass niemand das Recht hat, ein schönes Wesen einfach zu zerstören", antwortete er mit sanfter Stimme.
Für einen Augenblick blieb Sam das Herz stehen. Fassungslos sah sie ihn an. So etwas hatte noch nie jemand zu ihr gesagt. Augenblicke vergingen, in welchen sie überlegte, wie sie am besten darauf reagieren sollte. Augenblicke, in denen sie sich fühlte, wie auf Wolke sieben. Doch dann holte sie die Realität wieder zurück. Sie nahm ihre leere Schüssel und ihren Löffel und ging damit zur Spüle. Nur mit einer Handbewegung öffnete sie den Wasserhahn, ließ heißes Wasser hineinlaufen und etwas Spülmittel.
„Schade, dass nicht alle deine Meinung teilen", sagte sie schließlich und wischte sich unbemerkbar eine Träne weg. Dann nahm sie einen Wischlappen und begann ihre Schüssel zu waschen. „Das tut mir leid", flüsterte seine Stimme plötzlich an ihrem Ohr. Vor lauter Schreck ließ sie die Schüssel fallen, welche mit einem Krachen zersprang. Schnell und voller Nervosität griff sie in das Wasser und sammelte die Scherben ein. Dabei erwiderte sie: „Es ist nicht deine Schuld, also muss es dir auch nicht leid tun." Plötzlich schnitt sie sich an einer der Scherben. Erschrocken zog sie ihre Hand zurück. Sie blutete. „Verdammt", fluchte sie leise.
Vorsichtig nahm Draco ihre Hand und wickelte ein Taschentuch um ihren blutenden Finger. Fassungslos beobachtete sie ihn dabei. Erst als er fertig war, zog sie ihre Hand zurück. „Ich brauche dein Mitleid nicht! Und frag mich nicht noch einmal, was passiert ist! Das geht dich rein gar nichts an!", sagte sie mit zitternder Stimme. In ihren Augen spiegelte sich tiefe Traurigkeit. Bevor Draco noch etwas sagen konnte, wandte sich Samantha ab und ging. An der Tür lief sie in Remus hinein, welcher gerade eintreten wollte. „Oh, guten Morgen, Sam", begrüßte er sie fröhlich. „Das kannst du dir sparen, Remus!", entgegnete sie wütend und lief an ihm vorbei.
In ihrem Zimmer lief Samantha aufgebracht auf und ab. Sie wusste nicht mehr weiter. Wie sollte sie bloß mit dieser ganzen Situation umgehen? Bisher hatte sie mit niemanden so richtig über ihre Folterung gesprochen – bis auf Kingsley, und das auch nur, in einer berichtenden Art und Weise. Bisher hatte sie sich von dieser ganzen Sache distanzieren können. Doch nun fielen ihre Mauern langsam. Nachts wurde sie von Alpträumen heimgesucht. Tags von Panikattacken. Und dann hatte dieser Junge sie auch noch darauf angesprochen. Sie fühlte sich plötzlich so klein und hilflos. Eingesperrt in einem Kokon des Wahnsinns.
Unschlüssig stand Remus vor Samanthas Zimmertür. Immer wieder hob er den Arm, bereit zum Anklopfen, doch dann überlegte er es sich wieder anders. Er wollte zwar mit ihr reden. Aber er wusste einfach nicht, wie er es angehen sollte. Endlich fasste er sich ein Herz und klopfte an. Leise hörte er die Stimme seiner Patentochter und trat in das Zimmer. „Hallo Samantha", grüßte er mit einem Lächeln. „Hallo Remus! Was da unten grad passiert ist, tut mir leid. Ich-…", entschuldigte Sam sich, doch ihr Onkel unterbrach sie. „Ist schon gut! Ich bin derjenige, der sich entschuldigen sollte. Du hast etwas sehr schlimmes erlebt und ich war nicht für dich da, als du mich gebraucht hast. Stattdessen habe ich mich wie ein Feigling verhalten und dich im Stich gelassen, aus Angst, du könntest mich hassen", erklärte Remus mit trauriger Stimme. „Ich kann dich nicht hassen. Ich habe es versucht, es-…", erwiderte Samantha und brach plötzlich ab.
Aus ihrem Gesicht wich jegliche Farbe. Ihr Kopf fühlte sich an, wie in Watte gehüllt und ihr wurde schwindelig. Ihr Herz raste. Sam versuchte tief durch zu atmen, jedoch wurde es nur noch schlimmer. Vorsichtig stützte sie sich auf ihrem Schreibtisch ab. Plötzlich wurde es schwarz um sie herum.
Aus der Ferne vernahm eine Stimme. Jemand rief ihren Namen. Langsam lichtete sich die Dunkelheit um sie herum. Die Stimme wurde lauter. Flackernd öffnete sie ihre Augen. Verwundert stellte sie fest, dass sie auf dem Fußboden lag. Kraftlos versuchte sie aufzustehen. „Samantha, geht es dir gut?", fragte Remus. Besorgt hatte er sich neben sie gekniet und half ihr nun vorsichtig auf die Beine. „Was ist passiert?", fragte Sam mit zittriger Stimme setzte sich auf das Bett. „Ich weiß es nicht. Du bist plötzlich ganz blass geworden und im nächsten Moment lagst du auf dem Boden", erklärte Remus besorgt und versuchte sie dazu zu bewegen, dass sie sich hinlegte. „Mir geht es schon wieder besser, Onkel Remus", wehrte sich Samantha und atmete tief durch. Der übrig gebliebene Anflug von Schwindel verschwand aus ihrem Kopf und sie fühlte sich, als wäre sie gerade von einem schlechten Traum erwacht.
„Du solltest dich noch einmal untersuchen lassen, Sam. Vielleicht-…" – „Vielleicht, was? Glaubst du, es gibt vielleicht doch eine Heilung? Ein Wundermittel, das die zehn Heiler, die mich behandelt haben, nicht kannten? Ich habe Neuigkeiten für dich: es gibt keine Heilung! Ich muss damit leben. Mit den Schmerzen. Mit den Qualen. Mit den Narben. Der Mistkerl, der mir das angetan hat, wollte, dass ich den Rest meines Lebens leide und stelle dir vor, er hat sein Ziel erreicht! Und wärst du im Krankenhaus gewesen, dann wüsstest du das alles!" Außer sich vor Wut, war Samantha aufgestanden. Sie hatte sich vor ihrem Onkel aufgebaut und ihn beinahe angeschrieen. Erstaunt stellte sie jedoch fest, dass es ihr sehr gut tat. Sie fühlte sich plötzlich befreiter in ihrem Innern. Als wäre ein Damm gebrochen.
„Ich habe dich im Krankenhaus besucht, aber-…", versuchte sich Remus zu verteidigen, jedoch ziemlich erfolglos. „Einmal! Ein einziges Mal!", brüllte sie beinahe, „und ich frage mich, wieso? Wieso hast du mich in Stich gelassen?" Mit Tränen verhangenem Blick sah sie ihren Patenonkel direkt in die Augen. „Ich wollte dich nicht in Stich lassen. Aber, es sind gefährliche Zeiten und wir alle müssen Opfer bringen", versuchte der Werwolf zu erklären. „Opfer?", wiederholte Samantha fassungslos, „Du musstest also Opfer bringen. Das ist deine Erklärung für die letzten fünf Jahre? Kein Brief. Kein Lebenszeichen. Du warst wie ein Vater für mich und dann – ganz plötzlich – warst du weg. Ich …", sie schluckte schwer, bevor sie weiter sprach, „ich dachte, du wärst tot.." Langsam drehte sie ihm den Rücken zu und setzte sich an ihren Schreibtisch. Müde legte Samantha ihre Arme auf den Tisch und stützte ihren Kopf mit dem Kinn auf. Dann starrte sie auf den schwarzen Bildschirm ihres Laptops.
Remus rührte sich nicht. Schockiert saß er da und starrte ins Leere. Plötzlich wurde ihm klar, was er seiner Patentochter mit seinem Schweigen eigentlich angetan hatte. Dabei hatte er sie nur beschützen wollen.
„Samantha, als ich vor fünf Jahren nach Hogwarts ging, tat ich das mit dem Gedanken, dass ich dich vielleicht nie wieder sehen würde. Dein Vater war aus dem Gefängnis ausgebrochen und wir alle, sogar ich, hielten ihn für einen Mörder. Während Professor Dumbledore um das Wohlergehen von Harry besorgt war, war ich um deines besorgt. Ich hatte befürchtet, er würde dich aufsuchen. Deshalb brachte ich dich zu deiner Tante und ging nach Hogwarts", erklärte Remus mit matter Stimme. Einen Moment hielt er inne, um tief durchzuatmen und sorgsam darüber nachzudenken, was er als nächstes sagen würde. „Ich habe jeden Brief von dir gelesen und aufbewahrt und immer wollte ich dir antworten. Aber ich konnte nicht. Harry hatte mich ganz schön auf Trab gehalten und Severus hatte ein Auge auf mich. Er dachte, ich würde deinem Vater helfen. Und am Ende des Schuljahres bin ich mit deinem Vater untergetaucht. In der Zeit konnte ich dir wieder nicht schreiben. Hätte jemand herausgefunden, dass du Verbindung mit Sirius hast, hätten sie dich beschattet und ausgefragt. Aber deine Briefe haben mich immer erreicht, ganz egal, wo ich war." Langsam drehte sich Samantha zu ihrem Patenonkel um und sah ihn traurig an. „Ich verstehe. Aber was ist mit dem letzten Jahr, die letzten Monate? Nach Vater wird zwar immer noch gesucht, aber nicht mehr so aufmerksam wie nach den anderen Todessern", fragte sie mit zitternder Stimme. „Ich hatte Angst. Ich hatte befürchtet, du würdest mich hassen für das, was ich getan habe – oder nicht getan habe", murmelte er halblaut. Stumm legte er sein Gesicht in seine Hände und schluchzte leise.
Stumm stand Samantha auf und setzte sich neben ihren Onkel. Sanft legte sie ihren Arm um seine Schultern. „Wie ich eben schon sagte: Ich kann dich nicht hassen! Aber ich werde sicher noch eine ganze Weile sauer auf dich sein! Aber im Moment bin ich nur froh, dass du da bist", flüsterte sie kaum hörbar und lehnte sich an ihn. Langsam beruhigte sich Remus wieder und nahm seine Patentochter fest in den Arm, sehr darauf bedacht, ihr nicht weh zu tun.
„Störe ich die traute Zweisamkeit?", fragte eine Stimme von der Tür aus plötzlich. Remus sah erschrocken auf und sah Sirius, mit einem Lächeln im Gesicht, vor sich stehen. „Du störst nicht, Sirius", antwortete Remus und löste die Umarmung. „Samantha, unten sind ein paar Leute, die ich dir gerne vorstellen würde", erklärte Sirius und wandte sich um, um wieder zu gehen. „Glaubst du, ich werde mich mit ihm jemals so gut verstehen, wie mit dir?", fragte Sam mit trauriger Stimme und sah ihrem Vater nach. „Dessen bin ich mir sicher. So, und jetzt und komm mit in die Küche, vorausgesetzt, du fühlst dich dafür fit genug", antwortete Remus und ging ebenfalls aus dem Zimmer.
Unschlüssig blieb Samantha auf ihrem Bett sitzen. Dieser Tag hatte für ihren Geschmack schon genug Überraschungen für sie gebracht. Allerdings war sehr neugierig, was sie in der Küche erwartete. Also ging sie hinunter.
In der Küche fand sie all die Personen wieder, welche am vorherigen Abend schon da gesessen hatten, sogar noch einige mehr. Mit großer Freude stellte sie fest, dass auch Kingsley Shacklebolt anwesend war. Mit einem Lächeln ging sie auf ihn zu und begrüßte ihn freundlich: „Schön sie zu sehen, Mr. Shacklebolt." „Schön, dass sie wieder auf den Beinen sind, Samantha!", entgegnete er mit einem breiten Lächeln. Am Tisch saß auch Arthur Weasley, welchen sie vom Ministerium her kannte. Freundlich nickte sie ihm zur Begrüßung zu.
Danach setzte sie sich zwischen Remus und Sirius an den Tisch, denn zwischen den beiden fühlte sie sich am sichersten. Ihr gegenüber saß Draco, welcher sich immer wieder nervös umblickte, was in ihr ebenfalls eine große Nervosität hervorrief. Mit zitternden Händen begann sie unterm Tisch an ihrem Pullover herumzuspielen. Bis plötzlich Sirius und Remus jeweils eine Hand nahmen und sie fest in ihren Händen hielten. Sogleich wurde sie ruhiger, auch wenn sie über dieser Reaktion doch sehr verwundert war.
Ein alter Mann mit langem, silbrigen Haar und einem noch längeren, silbrigen Bart betrat die Küche und setzte sich an das Kopfende des Tisches. Samantha erkannte ihn. Es war Albus Dumbledore, der Schulleiter von Hogwarts. Mit einem Lächeln im Gesicht, welches nicht nur freundlich, sondern auch voller Zuversicht war, begrüßte er alle Anwesenden. Er erklärte kurz, den Grund für die Versammlung und richtete dann das Wort an Remus.
„Ich möchte euch allen meine Patentochter vorstellen", begann er und Samantha zuckte erschrocken zusammen. Mit geweiteten Augen sah sie ihren Onkel an und drückte seine Hand so fest, dass man hätte meinen können, sie wollte sie zerquetschen. „Samantha Lillian Black. Sie arbeitet als Aurorin im Ministerium und duldet uns in ihrem Haus." Einige lachten kurz über diesen kleinen Scherz. Samantha jedoch errötete und fand das ganze überhaupt nicht zum Lachen. Sogar ihre Haare passten sich ihrer Gesichtsfarbe an. „Ich denke, dass sie eine Bereicherung für den Orden wäre und hoffe sehr, dass sie uns im Kampf gegen Ihr-wisst-schon-Wen beistehen wird." Mit diesen Worten sah er sie mit einem breiten Grinsen an. „Das hättest du mich nicht gerade im Zimmer fragen können, oder?", flüsterte sie panisch und Remus schüttelte unschuldig den Kopf. Hilfe suchend wandte sie sich an Sirius, welcher ihr nur aufmuntern zu lächelte.
Die Blicke der Anwesenden ruhten auf Samantha, welche den Eindruck hatte, dass ihr Herz jeden Augenblick zerplatzte, so schnell wie es schlug. Professor Dumbledore am Kopfende schien ihre Nervosität bemerkt zu haben und lenkte die Aufmerksamkeit aller auf sich, indem er ein Räuspern von sich gab. Dann sah er sich unschuldig um und meinte: „Ich habe nichts gesagt!"
Samantha nutzte diese Gelegenheit, um sich ihre nächsten Worte genau zurechtzulegen. Sie fasste sich ein Herz, schluckte ihre Nervosität hinunter und antwortete schließlich: „Ich weiß nicht, was das für ein Verein hier ist. Aber wenn es um den Kampf gegen Du-weißt-schon-wen geht, bin ich nur zu gerne dabei!" Mit jedem Wort hatte ihre Stimme an Festigkeit zugenommen. Vorsichtig sah sie zu Dumbledore hinüber, welcher ihr lächelnd zunickte.
Nachdem Samantha eingewilligt hatte, sich dem Orden des Phönix anzuschließen, wurden Informationen ausgetauscht und verschiedene Debatten und Diskussionen geführt. Die junge Aurorin hielt sich selbst dabei im Hintergrund und beobachtete und lauschte stattdessen. Ebenso wie Draco Malfoy.
Nach der Versammlung verabschiedete sich Albus Dumbledore wieder. Samantha nutzte die Gelegenheit und gab ihrem Onkel einen ordentlichen Hieb in den Oberarm. „Aua! Was soll das denn", fragte er erschrocken und rieb sich schmollend diese Stelle. Seine Nichte zuckte lediglich mit den Achseln und wandte sich dann ab. ‚Erst das Frühstück mit diesem Fragesteller, dann die Aussprache mit Remus und jetzt dieser Orden. Was kommt noch?', dachte Samantha stumm bei sich, während sie sich ihren Weg zum Ausgang bahnte. Kaum hatte sie ihren Gedanken bis zum Ende gedacht, kam es schon.
An der Tür versperrten ihr Harry Potter, ein Junge mit roten Haaren und ein Mädchen in Sams Alter den Weg. „Hallo, ich bin Harry Potter!", stellte sich dieser vor und schüttelte mit einem breiten Grinsen Samanthas Hand. „Ja, ich weiß. Ich kann mich zwar nicht mehr daran erinnern, aber wir haben als kleine Kinder zusammen gespielt", erwiderte Samantha lächelnd. Die junge Hexe, die bei ihm war, stellte sich als Hermine Granger vor und der Rotschopf als Ron Weasley. „Weasley? Der Sohn von Arthur Weasley?", entgegnete Samantha verwundert. Rons Ohren nahmen eine ungesund rote Farbe an. Ein wenig beugte sich die junge Hexe vor und murmelte: „Sie sind doch nicht wie ihr Bruder Percy, oder?" Der Rotschopf begann zu lachen und antwortete: „Nein. Bei weitem nicht!" „Dann werden wir uns sicher gut verstehen", erwiderte Samantha, „unter uns, ihr Bruder ist für meinen Geschmack etwas zu bürokratisch." „Wollen wir uns nicht setzen?", fragte Harry vorsichtig und nickte zum Essenstisch. Samantha blickte sich um. Ihr war es zu voll in der Küche, was ihr großes Unbehagen bereitete. „Gerne, aber nicht hier. Ich zeige euch die Bibliothek, dort ist es gemütlicher", erwiderte sie schließlich und mogelte sich an Ron vorbei.
Erst als sie in dem Kamin in der Bibliothek ein Feuer entfachte, wurde ihr klar, was sie getan hatte. Noch nie zuvor hatte sie jemanden in ihre Bibliothek eingeladen. Dies war ihr Zufluchtsort. Verwundert über sich selbst, blickte sie die drei an – die auf einmal fünf waren. ‚Oh nein! Jetzt hab ich auch noch Halluzinationen', dachte sie stumm bei sich und rieb sich ihre Augen. Die beiden zusätzlichen Personen waren immer noch da. Und sie sahen auch noch vollkommen identisch aus. Verwundert beließ sie es erst einmal bei dieser Tatsache. Ihre Aufmerksamkeit wurde schon wieder in eine andere Richtung gezogen.
Hermine begutachtete begeistert die Bücher in der Bibliothek. Immer wieder gab sie begeisterte Laute von sich. Ron hingegen schien mehr Interesse an dem Schachbrett zu haben, welches in einer Ecke auf einem kleinen Tischchen stand. Immer wieder versuchte er die Figuren zu einer Bewegung zu überreden, jedoch ohne Erfolg. Schmunzelnd ging Samantha zu ihm hinüber.
„Das ist kein Zaubererschach. Es ist ein Muggelschachbrett aus Glas. Die Figuren müssen mit der Hand bewegt werden", erklärte sie ihm und wie zur Demonstration, nahm sie einen Bauern und setzte ihn zwei Felder vor. „Und wie spielt man Muggelschach?", hakte Ron interessiert nach. Offenbar hatte er Lust an eine Partie bekommen. „Die Regeln sind die selben wie beim Zaubererschach – nur, dass sich die Figuren nicht gegenseitig zerstören", erklärte Sam freundlich und setzte ihren Bauern wieder zurück an seine Anfangsposition. Damit setzte sich der Rotschopf vor das Schachbrett und begann, jede einzelne Figur genauestens zu inspizieren.
Harry hatte sich zusammen mit den Zwillingen auf die große Couch inmitten des Raums gesetzt. Samantha nahm sich einen Stuhl, stellte ihn mit der Lehne nach vorne vor Harry und setzte sich. Dabei lehnte sie die Arme auf die Lehne und stützte ihren Kopf auf. „Wer seid denn ihr zwei?", fragte sie schließlich und sah dabei die Zwillinge an. „Oh, ich bin Fred", antwortete der erste. „Und ich bin George", rief der zweite. Sam war sofort klar, dass sie ebenfalls Söhne von Arthur sein mussten. Manchmal hatte sie ihn richtig um seine Familie beneidet. Die letzten zwei Jahre allein in diesem großen Haus waren nicht immer die einfachsten gewesen.
Bis zum Abendessen verbrachten sie den Tag in der Bibliothek. Hermine war in ein Buch über Heilkunde vertieft, während Ron eine Partie nach der anderen gegen Harry gewann. Fred und George hingegen redeten auf Samantha ein. Sie erzählten von ihren Späßen, ihrem Laden in der Winkelgasse und wie sie Dolores Umbridge außer Fassung gebracht hatten. Aufmerksam lauschte Samantha den beiden. Manchmal konnte sie sich kaum auf dem Stuhl halten vor Lachen. Vielleicht war dieser Tag doch nicht so schlecht, wie sie anfangs gedacht hatte.
