Kapitel 10: Letzter Atemzug
Als ich meine Augen öffnete war ich wieder in unserer Hütte. Augenblicklich waren all die Bilder von meinem Kampf wieder präsent. Warum war ich hier? Sollte das alles nur ein Traum gewesen sein? Ich fühlte einen kühlen Waschlappen auf meiner Stirn. Langsam wollte ich aufstehen, doch ich hatte an fast jeder denkbaren Stelle schmerzen. Neben mir konnte ich ein leises Geräusch wahrnehmen. Sofort drehte ich meinen Kopf in besagte Richtung und sah Chio neben meinem Bett sitzen. Sie hatte eine Wunde am Kopf, also hatte ich das alles doch nicht geträumt. Als sie bemerkte das ich endlich wach war sprang sie sofort von ihrem Stuhl auf und kniete sich neben mich.
"Ich hatte solche Angst um dich...", flüsterte sie leise und umarmte mich vorsichtig.
"Um mich brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Ich bin froh das es dir gut geht nach dem was passiert ist."
"Ich habe dich gar nicht wieder erkannt... Nachdem ich wieder zu mir kam hast du so selbstlos gekämpft. Jeder deiner Angriffe traf und es war als wärst du plötzlich ein anderer Mensch. Solche Augen habe ich bei noch niemandem zuvor gesehen.", rückte sie langsam mit der sprache heraus.
"Wieso was war mit meinen Augen?"
"Sie waren völlig schwarz...", erklärte sie schließlich.
Unter stechenden schmerzen schaffte ich es schließlich mich aufzurichten. Wärend ich geschlafen hatte musste sie sich um meine Wunden gekümmert haben denn mein Arm und mein Bauch waren bandagiert. Plötzlich bekam ich ein seltsames Gefühl. Sofort tastete ich meinen Hals ab, doch es war verschwunden. Ich wurde panisch und sah mich sofort im Raum um doch konnte es auf den ersten Blick nicht finden.
"Was ist los?"
"Es... es ist weg, hast du es gesehen?", fragte ich viel zu schnell.
"Was ist weg? Ich verstehe nicht..."
"Das Amulett was ich immer getragen habe, es ist weg!"
"Nein, ich habe es dort hinten auf den Tisch gelegt, die Kette ist gerissen.", versuchte sie mich zu beruhigen.
Erleichtert atmete ich aus, denn ich wusste schon das wir es gerade jetzt brauchten. Langsam ließ ich mich wieder in das Kissen fallen. Ich richtete meinen Blick starr auf die Decke. Im Hinterkopf hatte ich bereits jetzt genau was in der nächsten Zeit passieren würde und dazu durfte ich es nicht kommen lassen.
"Wie lange war ich eigentlich bewusstlos?", fragte ich nach einer ganzen Weile.
Chio hatte gerade den Waschlappen auf meiner Stirn ausgewechselt und draußen schien es immernoch zu regnen, denn ich konnte laut und deutlich hören wie die Regentropfen gegen die Scheibe schlugen. Auf meine plötzliche Frage hin zuckte sie kurz zusammen, wahrscheinlich war sie gerade in Gedanken versunken und ich hatte sie erschreckt.
"Ich kann es dir nicht genau sagen, aber auf jeden Fall ein wenig über einen Tag."
Meine Augen weiteten sich sofort in Schock. So viel Zeit hatten wir bereits verloren? Das durfte nicht sein! Sicher waren sie uns bereits auf der Spur. Verdammt! Ich muss Chio doch beschützen und jetzt blieb mir kaum noch eine einzige Möglichkeit um dies zu tun.
"Und du hast dich die ganze Zeit um mich gekümmert?", fragte ich erstaunt.
Sie nickte nur kurz und lief dann ein wenig rot an.
"Dann solltest du dich jetzt wirklich etwas ausruhen, du bist selbst nicht ohne Verletzungen davon gekommen."
Ich biss mir auf die Unterlippe. Das was ich schweren Herzens jetzt tun musste fiel mir wirklich nicht leicht, aber ich wusste das es das beste für sie war. Auf mein Angebot sich doch ein wenig schlafen zu legen ging sie gar nicht erst ein. Unbedingt bestand sie darauf das ich bevor sie sich hinlegte noch etwas aß. Ich seufzte leise und sagte ihr schließlich zu. Gleich erhellte sich ihr Gesichtsausdruck wieder ein wenig und sie konnte sogar wieder lächeln. Augenblicklich stellte sie sich hinter den bereits ein wenig angerosteten Herd und setzte heißes Wasser auf. Eigentlich war ich ganz und gar nicht dafür das sie sich in ihrem Zustand noch hinter den Herd stellte, aber solange sie wenigstens lächelte war ich zufrieden.
Ein köstlicher Duft erfüllte bereits nach kurzer Zeit den ganzen Raum und ich fand endlich die Kraft mich aufrecht hinzusetzen. Meine Rippen schmerzten und in meinem Kopf schien eine Dampframme ihr Unwesen zu treiben. Neben mir auf dem Bett fand ich ein altes Shirt von Chio. Sicher hatte sie es mir rausgelegt weil mein Kleid gestern nahezu zerfetzt wurde. Mein Blick streifte herüber zu dem nur noch sperlich als weiß erkennbarem Fetzen, welcher über der Stuhllehne hing. Und dann fiel es mir plötzlich wieder ein. Sein Hemd! Gestern war es doch wenn ich mich nicht gänzlich täuschte nicht komplett kaputt gegangen.
"Chio?", fragte ich leise.
Sie summte bis dahin fröhlich vor sich hin, unterbrach für ein bestätigendes 'hm' aber dann ihre Melodie. Mit einem sanften Gesichtsausdruck sah sie mich an.
"Hast du mein Hemd irgendwo gesehen?"
Betroffenes Schweigen erfüllte den Raum. Sie nahm den Topf von der Herdplatte und schaltete diesen aus. Nachdem sie eine weile noch immer nicht geantwortet hatte schüttelte sie nur zaghaft den Kopf. Meinen ließ ich danach gleich sinken. Ich wusste genau was das hieß, aber vorwerfen würde ich ihr dies auf keinen Fall. Eigentlich war es ja schon viel zu viel verlangt das sie mich überhaupt hierher gebracht hatte. Ich lächelte leicht.
"Ist in Ordnung. Ich bin dir schon dankbar genug das du mich überhaupt hierher zurück gebracht hast.", sagte ich und sah wieder zu ihr auf.
Zwar entschuldigte sie sich wärend sie begann den Tisch zu decken noch gefühlte sieben mal, doch ich wendete jede Entschuldigung ab. Langsam verteilte sie zwei Teller und Besteck und stellte danach den Topf auf den Tisch. Sie hatte Suppe für uns gekocht und diese roch einfach wundervoll. Unter Schmerzen erhob ich mich aus dem Bett, war jedoch froh das ich es überhaupt schaffte zu laufen. Das ausgeleierte alte Shirt hätte ich Problemlos als Kleid tragen können. Noch etwas wackelig auf den Beinen humpelte ich zum Esstisch. Auf dem weg dorthin, auch wenn er nicht weit war brach ich einmal fast zusammen, konnte mich aber im letzten Moment noch halten.
Mir war schwarz vor Augen und ich konnte erst wieder richtig sehen als Chio mich irgendwie an den Tisch gesetzt hatte.
"Du hättest noch nicht aufstehen sollen...", sagte sie leise.
Ich schüttelte jedoch gleich den Kopf und setzte mich wieder aufrecht. Mir war noch ein wenig schwindelig aber damit würde ich schon zurecht kommen. Wackelig hielt ich mich auf dem Stuhl. Chio entging dies natürlich nicht, doch sagte sie nichts weiter dazu. Wortlos stellte sie den Topf mit einem Untersetzer auf den Tisch und gab uns beiden zwei randvolle Schöpfkellen auf die Teller. Ich beobachtete wie die kleinen Sternförmigen Nudeln in der Brühe schwammen. Bis ich jedoch mit Essen begann wartete ich noch bis auch sie sich an den Tisch setzte. Zwischen uns herrschte eine angespannte Stimmung, zumindest empfand ich es so.
Wärend des Essens verlor keine von uns beiden ein Wort. Aber sie hatte Recht, durch die Stärkung ging es mir wirklich besser. Ich fragte mich nur ob sie etwas bedrückte, direkt fragen wollte ich jedoch nicht. Eigendlich sollte sie doch nun um eine Last leichter sein, immerhin hatte ich das auch für sie getan. Oder war es vielleicht der Gedanke das wir jetzt verfolgt werden könnten, der sie so bedrückte? Aber ich hatte ihr doch gar nicht von meiner schrecklichen Vermutung erzählt. Vielleicht dachte sie es sich auch einfach selbst. Immerhin war dieser Person, auch wenn ich ihn nicht so bezeichnen möchte, ein Kapitän. Selbst als wir gemeinsam den Tisch abräumten blieb es zwischen uns still. Diese absolute Ruhe, ich konnte sie nicht ertragen, deswegen entschied ich mich schließlich doch das Schweigen zu brechen, auch wenn ich es nicht als den perfekten Zeitpunkt erachtete.
"Chio?"
Ich fing sie am Arm ab als sie gerade an mir vorbeilaufen wollte und zog sie in eine Umarmung. Eher schwächlich erwiederte sie diese. Erst jetzt bemerkte ich das sie zitterte.
"Ab jetzt wird alles gut das verspreche ich dir.", meinte ich fürsorglich und biss mir sogleich auf die Lippe.
Wusste ich doch genau das ich dieses Versprechen wahrscheinlich nicht halten könnte. Innerlich hasste ich mich selbst dafür das ich sie anlog nur damit es ihr besser ging, aber auf der anderen Seite blieb mir beinahe keine andere Wahl. Zaghaft nickte sie. Wahrscheinlich waren das auch die einzigen Worte die sie von mir noch hörte, denn kurz nach ihrem nicken sackte sie in meinen Armen in sich zusammen. Wahrscheinlich wegen der Übermüdung die sie in der Zeit in welcher ich bewusstlos war erlitten hatte. Jetzt allerdings war ich mir mit einer Sache noch sicherer. Ich würde dieses Mädchen unversehrt von hier wegbringen, egal was es mich kosten würde, oder welche Opfer ich dafür bringen müsste.
Auf zitternden Händen trug ich sie bis zu ihrem Bett und legte sie vorsichtig auf den gräulichen Bettbezug. Ihr Herzschlag klang normal und ihre Atmung war ebenfalls regelmäßig. Das beruhigte mich wenigstens etwas. Auf leisen Sohlen ging ich herrüber zu dem Tisch auf dem das Amulett lag, nahm es in die Hand und betrachtete es noch einmal genau. Erneut rief ich mir Szayels Worte in den Kopf. Wie es ihm wohl nun ging und was war aus Harribel geworden? Sofort schüttelte ich mir die Gedanken wieder aus dem Kopf. Nachdem ich mir seine Worte noch einmal in Gedanken gerufen hatte stand mein Plan auf noch sichereren Füßen als zuvor. Fest umschloss ich das Amulett in meiner Faust und legte es dann wieder auf den Tisch. So leise wie Möglich durchsuchte ich die ganze Hütte nach einem Stück Papier und einem Stift. Die Suche ließ mich beinahe verzweifeln, bis ich schließlich in einem der kleinen Hinterern Schrank etwas vergilbtes Papier und ein stück Kohlekreide fand. Schnell riskierte ich noch einen Blick herüber zu Chio, doch diese schlief noch immer seelenruhig.
Ich rückte mir einen der zwei Holzstühle zurecht, setzte mich an den Tisch und begann zu schreiben. Mit jeder Zeile die ich aufs Papier brachte fühlte ich mich schlechter, doch ich konnte sie dieser Gefahr einfach nicht überlassen. Am Ende wurde der Brief sicher um eine Seite länger als ich es anfangs vermutet hatte, doch ohne eine genaue Erklärung meines Handelns konnte ich sie auch nicht sitzen lassen. Beinahe vollständig brauchte ich das Stück Kohle auf. Anschließend legte ich das Papier auf den Tisch gefolgt von dem Amulett und ihrem Shirt. Ohne zu zögern stieg ich wieder in meine alten, ziemlich ledierten Sachen, welche noch immer von Blut befleckt waren und ergriff mein Schwert, welches Chio neben der Tür abgestellt hatte. Einen letzten Blick warf ich zurück zu dem Mädchen, welches mir so viel bedeutete wie eine Schwester, bevor ich leise die Tür öffnete und nach draußen Schritt. Noch immer regnete es in strömen, doch dies sollte mich nicht mehr stören.
Noch einmal kehrte ich zu dem Platz zurück an dem vor einem Tag all das geschehen war an was ich mich nicht mehr erinnere oder an das ich mich nicht mehr deutlich erinnern kann. Von der gestrigen Bluttat war nichts mehr zu erkennen. Auf einmal schien das Bild in meinem Kopf irreal, doch dieser Täuschung vertraute ich nicht. Ich wusste zwar nicht wie es passiert war, aber ich wusste das ich meinen Auftrag vollbracht hatte und das war alles was ich wissen musste. Zumindest für diesen Moment. Der Platz um mich herum war nahezu geisterhaft leer. Ich fragte mich ob nun jemand um diese Person trauerte, doch an diesen Gedanken wollte ich keine weitere Zeit verschwenden. Denn soetwas wie Mitleid konnte und wollte ich mir jetzt einfach nicht leisten. Meinen Blick wendete ich dem Himmel zu. Schwere Regentropfen ergossen sich auf mein gesicht und spülten eine einzelne Träne von meiner Wange. Ohne das ich es wirklich steuerte kniete ich nieder. Mein Blick wendete sich wieder vor mich.
Quälend langsam zog ich mein Schwert aus seiner Scheide. Was mein Herz in diesem Moment ausdrückte war die pure Sehnsucht nach dem Tod. Ich kniete auf dem nassen Boden, alles an was ich momentan noch denken konnte war Chio durch meinen Tod zu schützen. Ich hätte es nicht ertragen wenn auch sie von denen getötet würde. Grob drückte ich das nasse, kalte Metall an meine Kehle und wollte es einfach nur noch beenden. Doch dann sah ich weit von mir entfernt eine Sillouette im rauschenden Regen. Sie kam auf mich zu und ich hielt für eine Weile inne. Als sie näher kam begann ich langsam die Umrisse zu erkennen. Es schien als würde mein Geist mir Streiche spielen wollen.
"Tesla...", flüsterte ich leise.
Das konnte nicht möglich sein, wie...? Ich war mir sicher das das alles nur eine Täuschung war, aber selbst wenn es eine war, ich wollte nicht das sie endete. Langsam kam er auf mich zu und ich ließ mein Schwert fallen. Er lächelte. Den Anblick seines Lächelns hatte ich so sehr vermisst. Auch ich hätte normalerweise in diesem Moment begonnen zu lächeln, doch alles was ich zur Zeit konnte war ungläubig in sein Gesicht zu sehen. Er streckte seine Hand nach mir aus.
Vorsichtig richtete ich mich ein wenig auf und versuchte seine Hand zu ergreifen doch plötzlich durchdrang ein stechender Schmerz meine Brust. Augenblicklich füllte meine Mundhöle sich mit einem blutigen Geschmack. Ich sah nach unten und bemerkte das eine Klinge aus meinem Brustkorb ragte. Aber ich drehte mich nicht um, denn zu diesem Zeitpunkt war mir mehr als egal wer es war der mich durchbhorte. Lange hätte ich mir dieses Gesicht ohnehin nicht merken brauchen. Mein Kopf sank nach unten. Regentropfen rannen über meine Lippen und ich konnte spüren wie sich Tränen in meinen Augenwinkeln ansammelten. Tränen rannen über meine Wangen, aber dieses Mal waren es keine Tränen der Trauer, nein, dieses Mal waren es Freudentränen, denn ich wusste das es nicht mehr lang dauern würde bis ich ihn endlich wiedersehen könnte. Blut quoll aus meinen Mundwinkeln und tropfte auf den Boden. Unter Schmerzen hob ich meinen Kopf, sah zu ihm auf und lächelte zurück.
Das letzte Kapitel, es ist geschafft! Ich hoffe das euch meine kleine Story gefallen hat und stimmt doch mal ab ob ihr noch wissen wollt wie es mit Chio weitergeht nachdem Midori gegangen ist^^
Eure Meinungen einfach mal frei in die Reviews^^
Bis zum nächsten mal, eure PoetessLostHerMuse :3
