Kapitel 9
Als Bella erwachte, merkte sie sofort, dass etwas anders war. Sie drehte vorsichtig ihren Kopf, um zu sehen, was es war und registrierte gerade noch, wie sich die Tür vorsichtig schloss. Wo bin ich denn jetzt schon wieder?, dachte sie. Aber sie musste zugeben, dass das Bett bedeutend bequemer war, als die Liege im Krankenwagen. Allerdings musste sie mal und konnte mit den beiden kaputten Armen nicht aufstehen. Sie überlegte, was sie tun sollte. „Kann mir bitte jemand helfen?", rief sie, als sie es gar nicht mehr aushielt. Sofort öffnete sich die Tür und Alice schwebte herein. „Klar helfe ich dir", sagte sie und hob Bella vorsichtig hoch und trug sie ins Bad. Dort half sie ihr mit der Hose und setzte sie auf der Toilette ab. „Ich gehe raus, bis du fertig bist und komme dann wieder rein und helfe dir beim Waschen und Umziehen. Damit du deine Arme nicht benutzen musst, habe ich ein paar Oberteile für dich umgearbeitet." Bella nickte nur. Bisher hatte sie sich gar keine Gedanken darüber gemacht, wie sie sich mit zwei unbrauchbaren Armen umziehen sollte. Sie war froh, dass Alice mit gedacht hatte. Sonst hätte sie womöglich Wochenlang die gleichen Klamotten tragen müssen.
Als sie fertig war, kam Alice mit einer Schere bewaffnet wieder herein und schnitt Bella das T-Shirt auf. „Tut mir leid, aber anders geht es nicht, ohne dir dabei weh zu tun. Ich werde das Shirt, wie die, die ich dir gekauft habe, umändern. Ich habe sie alle aufgeschnitten und an den Ärmeln und Schultern Knöpfe angenäht, dann kannst du die Shirts von unten anziehen und ich knöpfe sie dir dann zu. Deshalb habe ich auch etwas größere Oberteile gekauft, auch wenn sie dir dann leider nicht so gut stehen", erklärte Alice. Bella starrte sie mit offenem Mund an. „Musst du nicht mal Luft holen beim Reden?", fragte sie völlig perplex. „Das ist ein Vorteil Vampir zu sein. Wir müssen nicht mehr atmen. So habe ich mehr Zeit zum Reden", kicherte Alice, während sie Bella vorsichtig wusch. Danach half sie ihr beim Anziehen. Ihre umgenähten Oberteile waren wirklich ein Segen für Bella, denn ihr tat das Anziehen auch so schon sehr weh, obwohl Alice sehr vorsichtig war. Hinterher war Bella völlig erschöpft. „Möchtest du ins Bett oder aufs Sofa im Wohnzimmer? Wir sind im Moment alleine im Haus. Jacob ist in der Stadt Einkaufen und die Anderen sind jagen", gluckste Alice. „Ich bin so gespannt wie Edward und Jasper sich dabei anstellen." Bella entschied sich für das Sofa und schlief ein, kaum dass sie dort lag. Im Wegdämmern fragte sie sich noch, was die Vampire wohl jagten.
Währenddessen liefen Esme, Carlisle, Rosalie, Emmett, Edward und Jasper durch einen hundert Kilometer entfernten Wald, um gemeinsam zu jagen. Carlisle hatte darauf bestanden, dass zumindest Edward mit ging, sonst hätte er ihn nicht mehr mit Bella in einem Zimmer alleine gelassen. Er wunderte sich sowieso schon sehr, dass Edward die ganze Zeit, in der Bella schlief, bei ihr geblieben war. Jasper wollte mit, um sich das ganze einmal anzusehen. Carlisle bestand darauf, dass keine Menschen gejagt würden, solange er bei ihnen war. Emmett hatte zwar erst am Vortag gejagt, aber er wollte unbedingt sehen, wie die beiden Neuen sich bei der Jagd auf Tiere anstellten. Emmett roch die Spur eines Grizzlybären und macht die Anderen darauf aufmerksam. Jasper rümpfte die Nase. „Das soll schmecken?", fragte er angewidert. „Jedes Tier schmeckt unterschiedlich. Wobei Raubtiere besser schmecken als Pflanzenfresser. Aber es hat jeder seine persönliche Leibspeise", erklärte Carlisle ihm. „Grizzly schmeckt am besten!", beharrte Emmett auf seinem Standpunkt. Rosalie gab ihm einen Schlag in den Nacken. „Du sollst nicht immer von dir auf andere schließen!", schalt sie ihn. „Ich persönlich mag am liebsten Wolf, aber das erzählen wir Jacob lieber nicht." Edward musste lachen, als er Emmetts Gedanken las. Rose gehört mir und soll nicht an Jacob denken, auch nicht beim Essen, schmollte dieser. Emmett war wirklich eifersüchtig darauf, dass Rose manchmal überlegte, wie die Wölfe wohl schmecken würden.
Er stellte es sich sehr erotisch vor, beim Sex etwas Blut vom Anderen trinken zu können. Nur funktionierte das bei zwei Vampiren ja nicht. Aber geil wäre es schon, dachte Emmett und stellte es sich genau vor, wie es funktionieren könnte, wenn Vampire denn Blut hätten. „Emmett, entweder denkst du jetzt an etwas anderes oder ich erzähle es...", zischte Edward leise, als Emmett ihm auch schon den Mund zu hielt. Sag ihr nichts davon, bitte, dachte er flehend. Die anderen hatten, zum Glück für ihn, nichts davon mit bekommen. Sie waren damit beschäftigt, sich etwas aufzuteilen, um den Grizzlybären nicht gleich zu verscheuchen. Sehr schnell hatten sie das Tier gestellt und nun sollte Jasper es erlegen. Er schaltete das Denken ab und ließ sich nur von seinen Instinkten leiten. Er sprang den Bären an, als sich das Tier auf seine Hinterbeine stellte und versuchte, ihn abzuschütteln oder ihn mit seiner Pranke zu treffen. Jasper schaffte es innerhalb von Sekunden, ihm das Genick zu brechen, allerdings zögerte er dann beim Zubeißen. Das Fell störte ihn doch gewaltig. Doch dann überwand er sich und biss zu. Es schmeckte zwar nicht so gut wie menschliches Blut, aber dafür wurde er nicht mit den Gefühlen eines verängstigten Menschen gequält. Er gab still zu, dass das schon ein Vorteil für ihn war, wenn er Tiere jagen würde. Edward sah ihn erstaunt an, als er diese Gedanken sah, sagte jedoch nichts.
Kurz darauf stießen sie auf ein großes Rudel Wölfe. „Nur ältere Tiere oder Männchen nehmen, keine jungen Weibchen, die könnten gerade Junge haben", wies Carlisle die Vampire an. Und schon stürzten sich die Sechs auf das Rudel. Als alle vollgetrunken waren und sich die überlebenden Tiere aus dem Staub gemacht hatten, sahen Jasper und Edward etwas mitgenommen aus. Ihre Kleidung war an einigen Stellen zerrissen und sie waren mit Blut bespritzt. „Das müsst ihr noch üben" lachte Rosalie. „Aber so haben Alice und ich wenigstens einen Grund, um mal wieder shoppen zu gehen."
Das bedeutet Stundenlang hinter den beiden her durch die Läden zu dackeln und brav Tüten zu schleppen, warnte Emmett Edward gedanklich. Schnell dachte dieser sich etwas aus und zwinkerte Jasper zu. „Es wäre wirklich lieb, wenn ihr für uns einkaufen gehen würdet. Allerdings müssen Jasper und ich uns im Moment von Menschen fernhalten um nicht schwach zu werden. Wir sind ja noch nicht an Tierblut gewöhnt", antwortete er Rose. Die überlegte zwar, ob sie ihm das glauben sollte, stimmte dann aber zu.
„Hurra! Shoppen!", quietschte Alice in dieser Minute im Haus und schreckte Bella damit aus dem Schlaf. Diese stöhnte vor Schmerzen, da sie versucht hatte hoch zu kommen und dabei ihre Arme bewegen musste. „Entschuldige bitte", sagte Alice sofort. „Ich wollte dich wirklich nicht wecken." „Schon gut", murmelte Bella leise und versuchte sich so hin zu legen, dass ihr nichts weh tat. „Ich mache dir erst einmal etwas zu Essen", bestimmte Alice, sprang auf und tänzelte in die Küche.
Kurz darauf stellte sie ein Tablett vor Bella auf den Tisch, auf dem eine Schale mit Obstsalat und ein Glas Orangensaft mit Strohalm standen. „Ich hoffe du magst das. Kochen kann ich nämlich nicht. Aber Obst schneiden oder pressen hat wenigstens geklappt", erklärte Alice lächelnd und hielt Bella den ersten Löffel vor den Mund. Diese ließ sich auch brav füttern, spuckte dann aber alles wieder aus. „Trinken!", würgte sie und trank das Glas, das Alice ihr hinhielt, mit einem Zug leer. „Stimmt etwas nicht mit dem Obstsalat?", fragte Alice. „Völlig versalzen", erklärte Bella. „So kann das kein Mensch essen und Salz gehört sowieso gar nicht an einen Obstsalat." Alice stutze. „Nicht?", fragte sie. „Carlisle schimpft immer, dass die Menschen viel zu viel Salz zu sich nehmen. Da dachte ich, dass ihr überall welches dran macht. An mein menschliches Leben kann ich mich nämlich nicht erinnern, musst du wissen."
In diesem Moment ging die Haustür auf und Jacob betrat das Haus und trug ein junges Mädchen herein, das sich heftig wehrte. „Hör auf so rum zu zappeln", meckerte er sie an. „Warum sollte ich? Du hast mich einfach entführt", schrie sie ihn an. Ihr Blick fiel auf die verletzte Bella. „Oh Gott, hat der Kerl dich etwa auch entführt?", rief sie aus. „Ich habe weder sie noch dich entführt", grummelte Jake. „Du bist meine zweite Hälfte. Ich habe mich auf dich geprägt und deshalb musst du bei mir bleiben." Das Mädchen, sie musste etwa in Bellas Alter sein, sah ihn an, als wäre er nicht mehr ganz richtig im Kopf. „Und auf die Idee, mich erst einmal um ein Date zu bitten und mich kennen zu lernen, bist du nicht gekommen?", fragte sie gehässig. Alice kicherte. „Und nun lass mich gehen. Ich bekomme ärger im Heim, wenn ich nicht rechtzeitig wieder da bin", forderte sie. „Ich müsste eigentlich gleich Schulschluss haben und spätestens dann werde ich vermisst werden."
Das Mädchen stellte sich vor Jacob und funkelte ihn böse an, während er sie verliebt anglotzte. „Du kannst nicht mehr weg, das werde ich nicht zulassen", sagte er ihr. „Du gehörst ab jetzt zu mir."
„Ach und ich werde gar nicht gefragt?", keifte sie ihn regelrecht an. „Nein. Ich habe keine andere Wahl. Ich habe mich auf dich geprägt und muss dich nun vor allem beschützen", sagte er, als wäre es das normalste auf der Welt. Das Mädchen drehte sich zu Alice und Bella um. „Der Kerl ist verrückt, oder ein Psychopath oder so. Wird er mir etwas antun?", fragte sie verzweifelt und sah dabei genau auf Bellas Verletzungen. „War er das?", fragte sie. „Nein war er nicht", mischte sich nun Alice ein. „Jacob wird weder ihr noch dir etwas tun." Das Mädchen lachte schrill. „Schön. Jacob also. Nun weiß ich wenigstens wie der Spinner heißt. Ich bin übrigens Angela, mich nach meinem Namen zu fragen, war ihm wohl zu viel Arbeit. Der Kerl hat mich in der Stadt getroffen, mich angestarrt, als käme ich von einem anderen Stern und dann hierher verschleppt."
Bei ihren letzten Worten ging die Tür wieder auf und die anderen kamen von der Jagd zurück. Als Angela den Blutverschmierten Jasper sah, wurde sie grünlich im Gesicht und zog sich in die hinterste Ecke des Raumes zurück. „Bitte tut mir nichts", flüsterte sie ängstlich. Wo bin ich hier nur gelandet? Erst verschleppt mich dieser Irre und nun kommen auch noch diese Blutverschmierten Kerle. Ich will hier weg. Ich werde auch nie wieder über das Heim meckern. Lieber unbeachtet sein, als das hier, dachte sie.
Carlisle sah von einem zum anderen, dann blieb sein Blick an Jacob hängen, der immer noch das Mädchen verzückt anstarrte. „Wer ist das Mädchen und warum ist sie hier?", fragte er dann. „Du solltest doch nur Lebensmittel für Bella und dich besorgen. Warum bringst du noch einen Menschen mit?" Das Mädchen zuckte zusammen. Was meint der Blonde nur, mit noch einem Menschen?, fragte sie sich ängstlich und starrte wieder zu Jasper und Edward. Ob die mich töten werden, oder schlimm verletzen, wie das Mädchen auf dem Sofa?, dachte sie und wäre am liebsten noch weiter in der Ecke verschwunden. „Lass uns duschen gehen. Das Mädchen hat Angst vor uns", sagte Jasper zu Edward. Dieser nickte und die beiden verließen das Zimmer. Angela atmete etwas auf. „Ich habe mich auf sie geprägt Carlisle, ich musste sie einfach mitnehmen", erklärte Jake.
„Ich mache erst einmal etwas zu Essen für die Mädchen und Jake, dann sehen wir weiter", sagte Esme. „Willst du mir helfen? Ich bin übrigens Esme und du?"
„Angela", antwortete diese, rührte sich aber nicht vom Fleck. „Du kannst dich auch zu Bella und Alice setzen, wenn du möchtest", fuhr Esme fort. „Ich möchte gehen!", sagte Angela und versuchte dabei möglichst entschlossen aus zu sehen, aber man sah ihr an, dass sie Angst hatte.
„Das geht leider nicht, aber wir werden dir nichts tun. Ich bin übrigens Carlisle", stellte dieser sich vor. Angelas Blick ging wieder zu Bella. „Habt ihr dem Mädchen auch nichts getan?", fragte sie ironisch.
„Ich werde nicht zulassen, dass dir jemand etwas tut. Du bist jetzt der Mittelpunkt meines Lebens", sagte Jake. „Na wie beruhigend, dass von dir zu hören, nachdem du mich verschleppt hast", sagte Angela. Bellas Blick wanderte von einem zum anderen. Was war das hier nur für ein Irrenhaus? Aber irgendwie war sie froh, nicht mehr der einzige Mensch hier zu sein. Vielleicht konnten sie und Angela Freunde werden und sich gegenseitig helfen. Zum ersten Mal seit ihre Mutter weg war, hatte sie wieder etwas Hoffnung.
