Gefangen
Der September schritt voran und wurde zum Oktober. Helena schaffte es die ganze Zeit über ihrem Dad aus dem Weg zu gehen, ebenso Schule und Alice Unterricht unter einem Hut zu bringen. Aber wenigstens konnte sie mit Alice einen Plan ausarbeiten, der ihr nicht nur Rache versprach, sondern auch dafür garantierte, dass ihr Dad nicht auf ihre Spur kam. Und das gefiel ihr.
Der Plan ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Daher war es ihr besonders in Snapes Unterricht schwer, Folge zu leisten. Doch Severus ermahnte sie nie. Helena vermutete, dass er nicht weiter Gerüchte aufwerfen wollte. Denn anscheinend hatte es nichts gebracht Draco einen Haufen Punkte abzuziehen und Strafarbeit zu verteilen. Und getuschelt wurde immer noch.
„Lasst mich in Ruhe!", bat Helena leise, aber bedrohlich, so wie sie es von ihrem Vater kannte. Doch leider löste das nur Gelächter bei den älteren Slytherins aus. Eine Horde von Schlangen hatte sie auf dem Weg zu Verteidigung gegen die Dunklen Künste abgepasst. Die Jungen hatten ihre Tasche entwendet und warfen sie nun umher. Anscheinend waren sie der Meinung, dass wenn Snape seine Tochter nicht mochte, dass man sie ja dann ärgern konnte.
„Och, hat das kleine Mädchen die Schnauze voll von uns? Oh! Das ist uns aber egal!", feixte ein Dunkelhaariger Slytherin, der gerade ihre Tasche in den Händen hielt.
„Lasst sie in Ruhe!", rief plötzlich jemand hinter ihnen. Alle Köpfe fuhren herum. Ein Erstklässler aus Hufflepuff stand mit gezücktem Zauberstab da und sah ziemlich entschlossen aus.
„Justin! Los hol einen Lehrer oder so!", rief sie dem Jungen zu, doch dieser schien das hier selbst regeln zu wollen.
„Ich wiederhole mich ungern!", erklärte Justin Finch-Fletchey mit fester Stimme.
„Buhu, ein kleines Kind will ein anderes kleines Kind retten. Wie niedlich! Am besten wir sperren beide in Filchs Besenkammer!", erklärte ein anderer Junge und entwaffnete den Hufflepuff plötzlich. Nun packten die anderen die Kinder einfach am Kragen und zerrten sie zu der Besenkammer, die ganz in der Nähe war.
„Hey, das könnt ihr nicht machen!", brüllte Helena und versuchte sich zu wehren und dem Jungen, der sie festhielt, zu treten. Doch er wusste, wie er sie am besten festhielt. „HILFE!"
Doch es half alles nichts. Schon fanden sich die Kinder im Dunklen wieder. „Naja, es war einen Versuch wert, nicht?", seufzte Justin und ließ sich auf einem ungewandten Eimer nieder.
Das Mädchen hämmerte indes gegen die Türe. „Danke, dass du helfen wolltest, aber du hättest davon laufen sollen, als ich es dir geraten hatte." Sie war nicht sauer, zumindest nicht auf den Hufflepuff. Was dachten diese blöden Slytherins eigentlich? Wenn ihr Vater davon erfahren würde! Bei diesem Gedanken musste sie schmunzeln. Sie klang ja schon langsam wie Malfoy.
„Ich konnte dich doch nicht alleine lassen! Ich .. wollte doch nur helfen!", erklärte der Junge verlegen und lief leicht rot an. Gut, dass es dunkel war und Helena das nicht sah. Doch sie konnte fühlen, dass dem Burschen anderes durch den Kopf ging. Normalweise kannte sie das nur von Harry.
Dass es einem Severus Snape schnell mal an Geduld fehlte war klar. Aber seit Helena mal wieder ihren Weg weit weg dem seinen suchte, mangelte es ihm umso mehr an der Gabe dumme Schüler und Unverständnis hin zu nehmen.
Vor allem die Tatsache, dass er nicht wusste wo sie sich herum trieb, kratzte an seinen Nerven. Nicht, dass er ein Kontrollfreak wäre, aber die Slytherins steckten in letzter Zeit oft ihre Köpfe zusammen und er könnte schwören, dass er einmal den Namen Halliwell vernommen hatte. Daher hatte er einen davon nachsitzen lassen, weil er versucht hatte einen Schrumpftrank zu klauen und wollte die Möglichkeit nutzen etwas aus dem Schüler heraus zu bekommen. Doch es stellte sich als unmöglich heraus.
So musste er den Kerl ziehen lassen und feststellen, dass wieder Freitag war. Vermutlich würde sie wieder nicht kommen. Doch diesmal würde er nicht warten, beschloss Severus. Diesmal musste er nach ihr suchen. Also brach er auf in Richtung Gryffindorturm. Doch schon nach einer Weile kam ihm eine Horde breit grinsender Slytherins entgegen die ihn überschwänglich nett grüßten. Er dachte sich nichts dabei, sondern nickte nur und nahm eine Abkürzung in den siebten Stock.
Dort traf er zufällig auf Potter. Naja, wenigstens jemand, der Helena verlässlich heraus bringen konnte. „Mr. Potter! Könnten Sie Helena ausrichten, dass ich hier warte? Es eilt!" Tat es nicht, aber das Mädchen würde sonst nur unnötig trödeln.
Harry sah von seinem Quidditchbuch auf. Er war gerade auf dem Weg zur großen Halle gewesen. Ron und Hermine waren schon vorgegangen, weil er noch auf Helena hatte warten wollen. Doch sie war nicht gekommen. „Ähm, verzeihen Sie Sir, aber Helena ist nicht im Turm", erklärte der Jung kleinlaut und sah zu dem großen Mann hinauf.
Überrascht huschte Severus Braue nach oben. Sie war doch nicht etwa wieder abgehauen? Nein, das war ja durch den Zauber unmöglich. Wo war sie also? „Wann haben Sie sie das letzte Mal gesehen, Harry?", fragte er nun etwas persönlicher. Zuvor hatte er sich natürlich versichert, dass niemand in der Nähe war.
Überrascht seinen Vornamen zu hören, öffnete Harry den Mund, brachte aber kein Wort heraus. Der Tränkemeister, der ihn letztes Jahr noch so gehasst hatte, schien nun ein wenig seinen Hass vergessen zu haben. „In der vierten Stunde. Denn zu V.g.d.d.K war sie schon nicht mehr da", erinnerte sich Harry und nickte dann um seine Worte zu bestätigen.
Nun wurde Severus misstrauisch. Hatte sie etwa schon wieder etwas angestellt? Aber sie konnte doch nicht aus dem Schloss beamen. Wo sollte sie also sein? Sein erster Gedanken galt natürlich dem Wald. Der musste für seine Tochter ja unheimlich anziehend wirken. Aber wieso sollte sie am helllichten Tag während des Unterrichts einen solchen Ausflug starten?
„Aber Sir, falls es Sie beruhigt und Helenas Strafe vermindert: Wir haben in Verteidigung nur über Lockharts Lieblingsparfüms geredet!", seufzte der kleine Potter und schüttelte den Kopf.
Das sollte ihn beruhigen? Zu erfahren, dass die Schüler nichts Sinnvolles lernten? Es war doch von Anfang an klar gewesen, dass mit Lockhart etwas nicht stimmte. Würde denn jemals wieder ein guter Lehrer V.g.d.d.K unterrichten? Severus unterdrückte einen Seufzer. „Haben Sie eine Ahnung wo sie sein könnte?"
„Nein, tut mir leid Sir!", murmelte Harry. Er schämte sich irgendwie dafür, dass er nicht gleich nach seiner Freundin gesucht hatte. Plötzlich hob er den Kopf und spitzte die Ohren. Da war wieder diese Stimme.
Severus bemerkte die Anspannung des Jungen kaum. Er griff nach seinem Zauberstab. Gut, dass Helena das Armband immer trug, das er ihr zu Weihnachten geschenkt hatte. „Zeige mir Helena!", befahl er dem Stab. „Nun denn Mr. Potter, danke für ihre Auskunft!"
Harry hörte nicht zu, er eilte nur schnell zu einer Wand und drückte sein Ohr gegen die kühle Mauer. Kam das Geräusch etwa von da hinten? Irgendetwas wollte das Ding töten.
„Mr. Potter?" Nun hatte Snape bemerkt, dass Harry irgendetwas beunruhigte. Er lauschte nun, hörte aber nichts außer den typischen Geräuschen, die ein altes Schloss nun mal von sich gab. „Was haben Sie denn?"
Wie konnte er nur vergessen, dass Snape noch da stand? Wie sollte er das nun erklären, wenn er wie Ron und Hermine die Stimme nicht hören konnte. Langsam ging er von der Wand weg. „Ich …ich dachte ich hätte etwas gehört", stammelte der Junge. Irgendwie musste er nun ablenken. „Ähm, kann ich mitkommen um Helena zu suchen?" Die Stimme war irgendwo nach unten verschwunden, also musste er sowieso ein Stück mit Snape gehen.
Severus hob zwar argwöhnisch die Augenbraue, sagte aber erst einmal nichts. Nachher wäre noch Zeit genug dafür. Zuerst musste er seine Tochter suchen.
Helena seufzte. Sie hatte aufgegeben gegen die Türe zu hämmern. Das war doch bescheuert! Wieso hatte sie diese Typen nicht alle verhext, dann würden sie nicht hier drinnen sitzen. Vor allem war es ihr ein wenig unheimlich, dass Justin sie zu beschützen versuchte. Er versuchte nämlich andauernd ihr einzureden, dass alles gut werden würde.
Genervt rutschte sie den umgedrehten Eimer, auf dem sie platzgenommen hatte, weg von dem Hufflepuff und lehnte nun an der Mauer. Sofort zuckte sie zusammen. Da war wieder dieses Zischen und sie sah erneut dieses fette Monster. Diesmal dauerte es jedoch nur ein paar Sekunden und war weniger furchteinflößend.
„Ist etwas?", fragte Justin besorgt und rutschte wieder näher zu ihr um einen Arm um ihre Schulter zu legen. Vielleicht hatte sie ja Platzangst oder Angst vorm Dunkeln. Er wollte nur sichergehen, dass es ihr gut ging.
„Alles in Ordnung", murmelte die junge Halliwell und grübelte, was diese Visionen wohl zu bedeuten hatten. Hoffentlich würden sie hier bald raus kommen. Mit einem Satz sprang sie auf und schüttelte somit den Arm des Jungen ab. Da die Kammer klein war, war sie mit zwei Schritten bei der Tür. Doch sie hielt inne. Ihre Schritte verursachten seltsame Geräusche. Es klang so, als würde sie in einer Wasserlake stehen.
Severus eilte in die Richtung, die der Zauberstab vorgab und gelangte somit prompt in den zweiten Stock. Doch er hielt inne und Harry wäre fast in ihn gekracht, weil er laufen musste. Wieso war der Gang überflutet? War etwa Helena daran schuld?
Zielstrebig schritt er auf die Tür zu aus, dem das Wasser drang. Die alte Mädchentoilette, die keiner mehr benutzte, weil ein Geist darin einfach nur nervte: Die maulende Myrte.
Severus stieß die Türe zur Mädchentoilette auf, doch es war niemand darin. Nur die Wasserhähne waren alle bis zum Anschlag aufgedreht und das Wasser suchte seinen Weg aus den verstopften Becken. Das würde Filch ja mal wieder eine riesige Freude bereiten.
Mit einem Zauberstabwink schlossen sich alle Wasserhähne und der Wasserfluss verebbte. Doch Helena schien nicht hier zu sein. Aber warum? Hatte der Zauberstab ihn nicht hierher geführt?
Harry war nicht mit in die Toilette gegangen. Er lauschte angespannt, ob er die Stimme noch einmal hören würde, doch da war nichts mehr. Nur ein leises Hämmern und Hilferufe. Also eilte er zu einer Tür, die wohl zu Filch Besenkammer führte. Auch hier war überall das Wasser. Er rüttelte an der Tür, doch sie ließ sich nicht öffnen. Leider hatte er seinen Zauberstab im Gemeinschaftsraum gelassen. „Hallo? Ist da jemand drinnen?"
Helena hatte schon fast die Hoffnung aufgegeben, als sie Schritte vernahm und erneut gegen die Tür klopfte. „Hilfe!" Als sich dann jemand meldete, lachte sie erleichtert. „Harry bist du das? Hol uns hier raus!"
„Helena? Wie kommst du da rein und wer ist wir?", rief Harry durch die Tür und rüttelte erneut daran. Da war nichts zu machen. Sie war verschlossen.
„Das würde mich auch interessieren!", erklärte Snape streng. Er war aus der Toilette getreten und hatte Harry und ebenso das Klopfen gehört. „Alohomora!", sagte er und die Tür schwang auf.
Sofort sprang Helena ihrem Vater in die Arme. „Hab ich dir jemals gesagt, dass ich dich lieb habe!", erklärte sie. Das Mädchen war unheimlich froh endlich frei zu sein.
Justin kam hinter ihr aus der Besenkammer und sah ein wenig bedrückt aus, als er Snape sah. „Guten Abend, Sir!", murmelte er.
Harrys Augen spuckten Feuer. Was tat dieser Hufflepuff mit seiner Freundin in einer Besenkammer? Doch er traute sich vor Snape nichts zu sagen, also sah er Justin einfach nur böse an.
Sowohl Severus, als auch Helena entging der Blickwechsel der beiden Jungen nicht. Während Helena verwirrt war, gefiel es Snape überhaupt nicht, dass sich jetzt schon zwei Jungs in ihrer Nähe so aufführten. Hoffentlich würde Helena nicht so wie Phoebe werden.
„Und nun erklär mir bitte, wie du da rein gekommen bist?", brach Severus das Schweigen, da ihm nicht gefiel, was hier geschah.
„Wir ähm … da waren … ähm …" Die junge Halliwell wusste nicht wirklich, was sie sagen sollte. Immerhin war es perfekt sich auch an diesen Slytherins mit der Methode von Alice zu rächen.
„Ein Haufen Slytherins hatte Helena geärgert. Ich wollte ihr helfen, aber dann haben sie uns unserer Zauberstäbe beraubt und uns hier eigenschlossen", erklärte Justin sofort, da er keinen Ärger mit Snape wollte. Helena unterdrückte einen Seufzer.
Snape schüttelte den Kopf. Seine Slytherins? Das würde Ärger für sie bedeuten, so viel stand fest. „Ihr werdet alles Versäumte nachholen und nun geht Essen!", befahl der Tränkemeister. Harry und Justin, die sich immer noch spezielle Blicke zu warfen, hörten sofort auf ihn und gingen in Richtung Halle davon. Nur Helena blieb bei ihrem Dad. Das war ihm nur recht.
Elly, die Hauselfe, hatte Severus und Helena nur zu gerne etwas gekocht und so konnten die beiden in Snapes Räumen speisen. Die junge Halliwell hatte unheimlichen Hunger, weil sie das Mittagessen über ja eingesperrt war.
„Willst du nun mit mir reden? Oder muss noch Zeit vergehen und dich wieder jemand einsperren?", scherzte Severus trocken, nachdem die beiden ihre Teller abgeräumt hatten. Mit hochgezogener Braue sah er sie an und merkte, wie sie leicht rot wurde.
„Das war keine Absicht. Ich hatte viel zu tun!", verteidigte sie sich und umarmte ihren Dad, „wie könnte ich denn dich ignorieren?"
Severus verkniff sich jegliches Kommentar sondern genoss einfach nur die Umarmung von seiner Tochter. „Du darfst nicht vergessen, dass das was ich gesagt habe, nicht wirklich so gemeint war", versuchte er zu erklären. Doch Helena winkte ab. Sie wollte davon nichts hören. Hauptsache sie war aus diesem Raum draußen.
