Kapitel 10: Vergangenheit und Zukunft

London, Old Gordon's Inn, Freitag 8:58pm

„Lass mich überlegen, dass Bizarrste, dass ich mit ihm erlebt habe?", John machte ein übertrieben nachdenkliches Gesicht.

„Buckingham Palace. Sherlock komplett nackt, nur mit einem Bettlacken bekleidet", John kicherte bei der Erinnerung und schüttelte den Kopf.

„Ehrlich", fuhr er fort, nachdem er einen Schluck Bier aus seinem Glas genommen hatte, „das schlägt jede Begegnung mit genmanipulierten Monsterhunden."

„Eingebildete genmanipulierte Monsterhunde", verbesserte Greg. Auch er musste grinsen.

„Aber ich weiß, was Du meinst. Das war diese Irene Adler Geschichte, nicht wahr? Ich erinnere mich an Sherlocks Zustand als wir Euch in Belgravia gefunden haben. Er war mit Beruhigungsmitteln vollgepumpt und litt unter einem Komplettverlust seiner Koordinationsfähigkeit und Muttersprache", Greg grinste breit bei der Erinnerung daran.

„Du hast die Situation schamlos ausgenutzt und ihn gefilmt", warf John mit einer Mischung aus Lachen und gespielter Empörung ein.

„Ja, und Du hast mich bei ihm verpetzt! Bei erster Gelegenheit hat er mir das Telefon aus der Tasche geklaut und das Video gelöscht."

John und Greg Lestrade hatten gerade mit ihrem zweiten Pint begonnen. Sie tranken auf die alten Zeiten, auf Sherlock und auf seine Unschuld. Es fühlte sich an, als würden sie ihrem toten Freund heute endgültig die letzte Ehre erweisen.

Wohin man auch ging, Sherlock Holmes war an diesem Tag das beherrschende Thema in den Medien. Es gab kaum eine Londoner Tageszeitung, die nicht über die Unschuld des Detektivs be richtet hatte. John war überwältig und zunächst überrascht, dass das Thema nun doch groß und öffentlichkeitswirksam präsentiert wurde. Greg bestätigte dann auch Johns Verdacht, dass Mycroft für eine entsprechende Veröffentlichung gesorgt hatte (inklusive eines Interviews mit dem Chief Superintendent und dessen Lobpreisung auf Sherlocks Verdienste). Mycroft hatte dafür gesorgt, dass Sherlocks Freispruch nicht zur Randnotiz verkam.

John lachte herzlich, nachdem Lestrade eine weitere Anekdote aus ihrer gemeinsamen Vergangen heit erzählt hatte. Er stellte überrascht fest, wie gut das tat. Mit Greg war es leicht, über die Zeit mit Sherlock zu sprechen und trotzdem eine gewisse Heiterkeit beizubehalten. Beide Männer brauchten das. Abende wie dieser sowie die gemeinsam Arbeit hatten Greg und John dabei geholfen die Kluft zu überwinden, die sich nach Sherlocks Tod zwischen ihnen aufgetan hatte.

„Das hier werde ich vermissen", sagte John. Hatte er heute Morgen zunächst nur an Mrs. Hudson gedacht, so wurde ihm jetzt bewusst, dass ihm auch sein Freund Greg fehlen würde.

„Es ist also fest?", fragte Greg Lestrade und nippte an seinem Glas.

„Ja", antwortete John. „Ich habe die Zusage heute bekommen."

„Und wann geht es los?"

„Das ist noch nicht ganz sicher. In ein oder zwei Wochen, je nachdem an welchem Standort ich eingesetzt werde."

„Und das wird definitiv nicht in England sein?"

John nickte. „Deutschland, entweder Bielefeld oder Paderborn."

„Und wie lange?"

„Erst mal für zwei Jahre."

Lestrade seufzte. Es gefiel ihm nicht, dass sein Freund die Stadt und sogar das Land verließ. Aber er wusste auch, dass John den Abstand brauchte. Jetzt, wo Sherlocks Unschuld bewiesen war, musste John mit diesem Kapitel seines Lebens abschließen. Ein Ortswechsel war für einen Neuanfang das Beste. Greg wusste nur zu gut, dass er selber in ein großes Loch fallen würde, jetzt da die Untersuchungen abgeschlossen waren. Er hatte sogar schon über einen Versetzungsantrag nachgedacht. Aber dafür liebte Lestrade London zu sehr. Er hoffte, die Arbeit würde ihm im Lauf der Zeit Ablenkung genug bieten.

„Ich muss das tun, Greg."

„Ich weiß."

Greg hob sein Glas, als ob er John zuprosten wollte. „Deutschland also?", sagte er und grinste. „Na, zumindest gibt es gutes Bier dort."

„Komm mich besuchen, dann testen wir die verschiedenen Biersorten aus. Habe gehört, in Deutschland gibt mehr als tausend verschiedene Sorten."

„Alles klar, wann soll ich da sein?"

Die beiden Männer lachten laut und stießen mit ihren Gläsern an „Cheers!"

Das klirrende Geräusch eines zersprungen Glases und ärgerliche Rufe ließen die beiden Männer in ihrem weiteren Gespräch innehalten und in Richtung Eingang blicken. Ein großgewachsener Mann in ausgewaschener Jeans und Kapuzenpullover drängte sich rücksichtslos durch die Menschenmenge. Die ärgerlichen Rufe einiger Gäste („Pass doch auf Du Idiot!") schienen ihn nicht zu kümmern, als er den Laden verließ und die Tür des kleinen Pubs scheppernd zufiel. Der Wirt schüttelte nur resignierend den Kopf und das Gemurmel der Menge nahm recht schnell wieder die normale Tonlage eines entspannten Abends ein.

Gerade wollte John auf den letzten Spieltag der Premier League zu sprechen kommen, als ihm etwas einfiel. „Habt Ihr noch etwas herausgefunden wegen Sebastian Moran? Hat die Exhumierung bereits stattgefunden?"

„Ja, das hat sie", antwortete Greg und sein Gesichtsausdruck ließ erkennen, dass ihn das Ergebnis nicht weitergebracht hatte. „Morans Grab war leer."


Sherlock hatte die Tür des Pubs zugeknallt und entfernte sich schnellen Schrittes. Er kochte vor Wut. Mycroft! Mit keiner Silbe hatte sein Bruder erwähnt, dass John London verlassen wollte und sogar schon einen feste Job-Zusage hatte - und dann auch noch im Ausland! Am liebsten wäre er sofort zu Lestrade und John an den Tisch gekommen und hätte sich ihnen offenbart. Aber selbst Sherlock wusste, dass das Wiedersehen mit seinem Freund etwas behutsamer von statten gehen und am besten unter vier Augen stattfinden sollte. Eine öffentliche Wiederauferstehung eines todgeglaubten Detektives, dessen Unschuld gerade medienwirksam bewiesen wurde in einem überfüllten Pub gehörte definitiv in die Kategorie ‚nicht gut'. Aber Sherlock war nicht länger bereit, auch nur einen weiteren Tag zu verschwenden. Morgen würde er mit John reden, ob Mycroft wollte oder nicht.


Einige Meter entfernt, beobachtete Sebastian Moran mit einem Lächeln auf den Lippen, wie Sherlock in ein Taxi stieg und davon fuhr. Er nahm sein Telefon in die Hand und wählte eine Nummer.

(…)
„Ist alles vorbereitet?"
(…)
„Gut. Sorgen Sie dafür, dass sie morgen gefunden wird. Und vergessen Sie die Details nicht."
(…)
„Beobachten Sie Scotland. Ich möchte wissen, wenn Holmes oder Watson dort auftauchen."
(…)
„Nein, die Baker Street behalte ich persönlich im Auge", Moran legte auf und sein Lächeln wurde zu einem hämischen Grinsen.