Obwohl die Tage immer trockner und heißer wurden, war von Snape der Schrecken einer Reise allein mit Miss Granger genommen. Er hatte in ihr eine anregende und interessierte Gesprächspartnerin gefunden. Regelmäßig trafen sie sich jetzt abends vor den Zelten und unterhielten sich über Eigenschaften von Zaubertränken, mutmaßten was Potter und Weasley gerade taten oder berieten sich darüber, was sie am nächsten Tag essen konnten (Festessen mit Fleisch und Rotwein gab es natürlich nicht mehr und sie versuchten auch ihren Proviant möglichst nicht weiter zu verzehren und vom Land zu leben, durch das sie gerade kamen). Meistens blieben sie dabei auf Distanz, forderten einander jedoch immer wieder verbal heraus: Hermine konterte auf Snapes höhnischen Sarkasmus zunehmend scharfzüngig und so hielten sie sich geistig gegenseitig in Trab. Tagsüber beschränkte sich ihre Kommunikation weiterhin auf Pausenzeiten und Pläne für das viel zu langsame Vorwärtskommen. Es war später Nachmittag und sie waren inzwischen im russischen Süden, so viel hatten sie durch die Beschilderung mitbekommen. „Warum nehmen wir nicht mal einen Zug?", wollte Hermine, einer plötzlichen Eingebung folgend, wissen. Snape sah sie nur kurz an – mit einem Blick, wie wenn Neville im Zaubertrankunterricht hätte wissen wollen, was ein Bezoar ist. „Na hören Sie mal! Wir könnten wenigstens mal drüber nachdenken! Wir müssten in der Nähe der alten Seidenstraße sein. Ich weiß, dass es da länderübergreifende Zugverbindungen gibt! Wir wären allemal schneller als laufend und es wäre sicherer als ständig zu apparieren! Außerdem verlieren Sie langsam Ihre vornehme Blässe bei der ganzen Sonne hier.", sie wusste genau, dass er darauf reagieren musste. Es war natürlich Unsinn, das zu behaupten, denn Snape lief immer noch in seinem langen schwarzen Gewand umher und bot der Sonne somit kein Ziel. Offenbar kannte er einen Kühlungszauber, anders konnte er das unmöglich aushalten. „Miss Granger, nett, dass Sie sich Sorgen machen, aber ich versichere Ihnen, nichts an mir ist in Gefahr! Sie würden also gern Zug fahren? Leider habe ich gerade keinen Fahrplan der Gegend dabei!", wieder einmal grinste er triumphierend. Hermine hatte sich in letzter Zeit richtig an Snapes gute Laune gewöhnt – der alte Griesgram aus ihrer Schulzeit musste bei der Schlangenattacke ausgetauscht worden sein. „Aber sehen Sie doch! Da vorn ist ein Ort! Vielleicht finden wir dort heraus, wo wir genau sind und wo und wie Züge fahren!", Snape sah zu den Häusern, die sich in einigen Kilometern Entfernung in der Einöde abhoben. Er sog die Luft scharf ein und sah wieder zu Hermine. „Ihnen ist schon klar, dass einiges an Magie von Nöten sein wird, um sich mit den Einheimischen zu verständigen?", er war noch nicht wirklich überzeugt, aber Hermine gab nicht auf. „Das ist vielleicht gar nicht nötig.", sagte sie und wühlte in ihrer Tasche bis sie schließlich ein Bilderbuch und ein Wörterbuch daraus hervorzerrte. „Die hab ich mir in einem Muggelbuchladen gekauft. Sehen Sie: hier drin stehen gebräuchliche Alltagssätze in den meistgesprochenen Sprachen der Welt – da müsste Russisch auf jeden Fall dabei sein. Und wenn alles nichts hilft, kann man sich immer noch mittels Bilder und Zeigegesten verständigen." Begeistert zeigte sie Snape einige Seiten des Bilderbuchs, das offenbar für jede erdenkliche Obstsorte und Art von Verkehrsmittel ein Foto enthielt. Snape zog skeptisch die Augenbrauen zusammen und blickte wieder einmal sehr von oben herab. „Oh Granger! Ist das Ihr Ernst? Sechs Jahre magische Ausbildung und Sie wollen wie ein Muggel mit Händen und Füßen kommunizieren?",

„Wenigstens einen Versuch ist es doch wert!",

Er schnaubte trocken und meinte dann: „Und was wollen Sie denen erzählen, von wo wir herkommen? So ganz ohne Gepäck?" Diesmal war er sich sicher, sie erwischt zu haben. Denn es war doch sehr unwahrscheinlich, dass die Russen sich nicht über die zwei ungleichen Fremden wundern würden. „Ach…das ist kein Problem!", wieder wühlte sie in der Tasche, die selbst Snape langsam unheimlich vorkam. „Tataaaah!", sie war ganz verzückt, dass sie sich aus eher sentimentalen Gründen dazu hatte hinreißen lassen, das Kofferset, das ihr ihre Eltern für den Urlaub mal gekauft hatten, zu verwenden. Der größte Koffer enthielt Hermines Kleidung, im mittleren hatte sie persönliche Gegenstände, Fotoalben und ihre Zeugnisse verstaut, der kleinste schließlich enthielt einen Jahresvorrat Körperpflegeprodukte. Den reichte sie nun Snape, dessen Gesichtzüge vor Entgeisterung zu entgleisen drohten. „Na kommen Sie! Die verwandeln wir in Rucksäcke! Dann sehen wir aus wie ganz normale Backpacker! Ich gebe mich als besonders naive Studentin aus und Sie sind…ähm…mein Bodyguard! Ja! Denn ich komme aus reichem Hause! Deshalb mache ich grade eine Pause im Studium und bereise die Welt. Meine Eltern wollten mich das natürlich nicht allein machen lassen und deshalb haben sie mir Sie zur Seite gestellt! Hah! Klingt doch genial, oder?!" Hermine war beseelt von dem Gedanken, mal wieder mit anderen Leuten in Kontakt zu kommen und da war ihr jedes Mittel recht. Snape blickte sie nunmehr mit einer Mischung aus Verwunderung und Abscheu an. Es war offensichtlich, dass es ihn nicht gelüstete, sich als ganz offensichtlich auch noch selten bescheuerten Muggel auszugeben. „Geben Sie sich einen Ruck! Sie brauchen auch nichts zu tun, außer wie immer grimmig gucken und mit keinem reden! Ich werde das schon regeln!" Beinahe flehentlich sah sie zu Snape hoch, der kein Spielverderber sein wollte und schließlich unlustig den Arm nach dem hingehaltenen Koffer ausstreckte. „Erstaunlich, dass Sie, Potter und Weasley mit dieser Einstellung so lange überleben konnten! Selten ist mir ein Plan untergekommen, der geringere Aussicht auf Erfolg versprach, als der Ihre! Das ist einfach nur lächerlich!" Hermine aber beachtete ihn nicht weiter, sondern zauberte bereits an ihrem Koffer herum, sodass er ein besonders riesiger hypermoderner Rucksack wurde. Severus sah zweifelnd von dem Koffer in seiner Hand zu Hermines nagelneuem Monster von einem Gepäckstück und der Plan gefiel ihm sogar noch ein Stückchen weniger. Mit der typischen Mine von jemandem, der wider besseres Wissen handelt, verwandelte er den ihm zugeteilten Koffer in ein handliches Daypack und warf ihn sich über eine Schulter, seine Ledertasche behielt er wo sie war an seiner rechten Seite hängend. „Sie kriegen fünfzehn Minuten! Wenn wir danach noch keinen besseren Überblick haben als jetzt, machen wir auf meine Art weiter! Klar?" Hermine strauchelte zwar leicht, als sie sich den kindsgroßen Rucksack auf den Rücken schnallte, war aber hoch motiviert und nickte deshalb eifrig. Nach dem sie etwa die Hälfte der Strecke zu der Ortschaft gelaufen waren, deuchte Hermine, dass sie das mit dem Rucksack vielleicht besser kurz vor den Häusern durchgezogen hätte, denn das Teil war der Authentizität wegen echt schwer geraten. Natürlich konnte sie das jetzt unmöglich noch ändern, sonst hätte sie ja Snape einen Grund für neuen Spott gegeben und so schleppte sie sich weiter und zweifelte im Geheimen selbst immer mehr am Gelingen dieser Aktion.

Der Ort stellte sich bald als Kleinstadt heraus, die sogar über einen Bahnhof und einige Läden verfügte. An einer Tankstelle kaufte sich Hermine, die eine Kreditkarte besaß, neben einigen zweifelhaften russischen Snacks auch einen Straßenatlas, in dem glücklicher Weise neben kyrillischen auch lateinische Buchstaben zu finden waren. Mit dessen Hilfe und einem Lokalisationszauber fanden sie schnell heraus, wo sie sich befanden und zu Hermines Entzückung waren Gleise bis mindestens nach Usbekistan eingezeichnet.

Nun steuerten sie den Bahnhofsschalter an. Snape musterte alles und jeden äußerst misstrauisch. Die Russen taten es ihm gleich. Hierher verirrten sich wohl nur selten Touristen, noch dazu so seltsame. Er hatte das Gefühl, dass immer mehr Leute auf die Straße kamen und war erleichtert zu sehen, dass Hermine ihre Rolle gut spielte. Er beobachtete, wie sie auf den Bahnmitarbeiter einschnatterte, dieser mal den Kopf schüttelte, mal nickte und schließlich kamen tatsächlich das Bilderzeigebuch und der Atlas zum Einsatz. Plötzlich nahm Snape aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr und wandte seinen Blick in diese Richtung. Er sah direkt in die schmale, im Schatten liegende Lücke zwischen zwei Häusern, erkannte dort jedoch nichts. Ein seltsames Gefühl überkam ihn und er bereute, dass sie sich hier so offen gezeigt hatten. Gerade wollte er wieder zu Miss Granger am Schalter schauen, da sah er es wieder: eine kleine Bewegung. Und diesmal war er sich sicher. Dort stand jemand, der sehen, aber nicht gesehen werden wollte. Snape fielen gleich mehrere mögliche Gruppierungen sowohl magischer als auch nichtmagischer Natur ein, die dahinter stecken könnten. Er bohrte seinen Blick in den schwarzen Durchgang, aber wer immer dort stand, bewegte sich nicht mehr. Snape ließ seine Augen erneut die Umgebung absuchen. Doch abgesehen davon, dass hier alles irgendwie heruntergekommen und zwielichtig wie in Spinner's End wirkte, sah er nichts Auffälliges. Endlich kam Miss Granger freudestrahlend auf ihn zu und sie hielt etwas Neues in der Hand: augenscheinlich zwei Fahrkarten.