Zehnter Gesang
Unruhig ging Gabrielle in der Enge des Kerkers auf und ab. Sie hatte die Hände vor den Mund gepresst und versuchte sich nicht auszumalen, was Velaska gerade mit Lygeia anstellte.
Ephiny lehnte an der Steinwand des Kerkers und wirkte nach außen hin völlig ruhig. Doch ihre angespannten Muskeln verrieten, dass es nur Tarnung war. Ihr Blick war starr geradeaus gerichtet und ihre tiefen Atemzüge zeigten deutlich in welcher Stimmung sie war.
Nach Gabrielles Verschwinden hatte Velaska das Kommando an sich gerissen. Mit einer Hass- und Hetztirade gegen Gabrielle hatte es die Amazone irgendwie geschafft die meisten Frauen des Stammes hinter sich zu versammeln. Sie hatte Ephiny angeboten sich ihr anzuschließen. Ephiny hatte abgelehnt. Zusammen mit einem Dutzend weiterer Amazonen, die treu zu Gabrielle standen.
Einige Stunden später – nachdem sie in die Kerker gesperrt worden waren – hatte man Gabrielle zu ihnen gebracht. Ephiny war froh ihre Freundin sicher und unverletzt zu sehen. Gabrielle hatte ihr in kurzen Sätzen erklärt, wie der Stand der Dinge war.
Jetzt warteten sie gemeinsam darauf, was Velaska mit ihnen anstellen würde. Ihnen war klar, dass es die Amazone auf die Ambrosia abgesehen hatte. Alles, was ihr fehlte war der Schlüssel.
Und den hatte ausgerechnet Lygeia.
In diesem Moment drangen schleifende Geräusche in die Zelle, gefolgt von den ruppigen Befehlen der Wächterinnen.
„Los, rein mit dir!"
Kurz darauf wurde die Kerkertür geöffnet und Lygeias regungsloser Körper in die Zelle geworfen.
„Lygeia!"
Gabrielle kniete an der Seite ihrer Freundin und drehte sie auf den Rücken. Sie erschrak, als sie Lygeias Gesicht sah. Es war von unzähligen Schlägen zugeschwollen. Ihre Lippen bluteten. Sie hatte eine Wunde am Kopf, die inzwischen getrocknet war. Ihre Tunika war senkrecht durchgeschnitten und zeigte die roten und blutigen Striemen langer Geißelung.
Vorsichtig tätschelte Gabrielle das Gesicht ihrer Freundin.
„Lygeia. Sag doch etwas."
Lygeia begann sich zu regen. Sie stöhnte und bewegte ihren Kopf hin und her. Ihre Augen hielt sie geschlossen.
„Nein…bitte….aufhören…" hauchte sie kraftlos.
Gabrielle rutschte etwas näher.
„Lygeia, ich bin es. Gabrielle."
Lygeias Bewegungen verebbten. Dann öffnete sie langsam die Augen, soweit sie konnte.
„Gabrielle?", fragte Lygeia nuschelnd, „Was machst du denn hier?"
„Sie haben uns eingesperrt.", antwortete sie, „Geht es dir gut?"
„Nein. Aber ich lebe noch."
Ephiny hatte sich inzwischen von der Wand gelöst und auf der anderen Seite von Lygeia Platz genommen.
„Ist irgendetwas gebrochen?" fragte sie.
„Glaub nicht.", sagte Lygeia, „Schien nicht darauf aus mir was zu brechen. Wollte mir nur wehtun."
Gabrielle und Ephiny halfen Lygeia sich aufzusetzen und lehnten sie mit dem Rücken an die Wand. Mit einem Schöpfer gaben sie Lygeia aus dem Eimer Wasser zu trinken, den man ihnen hingestellt hatte.
„Hast du ihr irgendetwas verraten?" fragte Gabrielle.
Lygeia schüttelte den Kopf. „Nichts was ich lieber getan hätte, wenn sie bloß aufhört.", antwortete sie, „Aber ich musste ihr nichts mehr sagen."
„Was meinst du damit?"
Lygeia trank noch einen Schluck. „Irgendwann in der Mitte kam sie plötzlich auf die Idee mich zu durchsuchen. Sie hat den Dolch gefunden. Und als Strafe, weil ich ihr den Dolch nicht freiwillig gegeben habe, hab ich noch mal das volle Programm gekriegt."
Ephiny setzte sich auf die Hacken und schlang die Arme um die Knie.
„Also haben wir verloren.", sagte sie bitter, „Sie wird eine Göttin."
Lygeia stemmte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf die Beine.
„Halt's Maul, Ephiny.", antwortete Lygeia, „Diese Schlacht hat sie vielleicht gewonnen, aber den Krieg noch lange nicht."
„Aber was können wir denn noch tun?"
„Auf keinen Fall aufgeben.", sagte Gabrielle, „Zunächst mal müssen wir hier raus."
Lygeia griff sich in die Haare und suchte ein bisschen herum. Als sie nicht fand, was sie suchte, stieß sie einen leisen Fluch aus. Sie überlegte einen Moment, dann fiel ihr Blick auf eine der Amazonen.
„Wie heißt du?" fragte sie.
Die angesprochene Amazone zuckte überrascht zusammen und zögerte einen Moment bevor sie antwortete: „Mein Name ist Asa."
Lygeia ging zu ihr und sagte: „Könntest du mir einen Gefallen tun, Asa? Könntest du dir bitte deinen BH auf die Brust drücken, damit er nicht runterfällt?"
Die Amazone mit Namen Asa starrte Lygeia an, als wäre sie verrückt. „Wieso?"
„Ich brauche den Metallbügel, der deinen BH zusammenhält.", flüsterte Lygeia, „Und wenn ich ihn dir jetzt einfach rausziehe, sehen wir mehr von dir als du jemals wolltest."
Dieses Argument schien zu wirken. Zögernd kam Asa Lygeias Bitte nach und drückte die Schalen ihres BHs gegen ihre Brüste.
Vorsichtig griff Lygeia in die Mitte und zog das Stäbchen aus den Laschen.
„Danke." Sagte sie und hockte sich vor das Schlüsselloch. Sie stocherte ein wenig, horchte zwischendurch nach den Wachen. Dann drückte sie das Stäbchen etwas tiefer und zog es wieder aus dem Schlüsselloch.
„Ist offen." Sagte sie lautlos und zeigte den Daumen nach oben.
Gabrielle nickte und stellte sich an das Fenster der Tür.
„Hey, ihr beiden. Kommt her, ich will Euch was sagen."
Mit aller Kraft warf Gabrielle die Tür auf und stieß die Wachen zurück. In weniger als fünf Sekunden hatten Ephiny und die anderen drei Amazonen die Wachen überwältigt und in den Kerker gesperrt, in dem sie eben selbst noch gesessen hatten.
„Ephiny, du und die anderen geht zur Flusshöhle und holt den Sarg. Bringt ihn zur Ambrosiahalle." Befahl ihnen Gabrielle und drückte Ephiny die Karte in die Hand.
„Jetzt aber Abmarsch." Sagte Lygeia und rannte mit Gabrielle los.
….
oOo
….
Vorsichtig ging Velaska die Stufen zur Ambrosiahalle hinunter. Seit sie die Höhle betreten hatte, herrschte in ihr ein Gefühlssturm aus freudiger Erwartung, gespannter Vorsicht und Feierlichkeit.
Endlich war es soweit. Sie war dort angekommen, wo sie hingehörte. Am Ort ihrer Bestimmung. Am Erfüllungsort ihres Schicksals. Was hatte Melosa damals gesagt?
Du bist nicht dazu bestimmt Königin zu sein.
Melosa hatte Recht gehabt. Es war nicht ihre Bestimmung eine Königin zu sein.
Sondern eine Göttin.
Langsam ging sie den kurzen Gang bis zum Torbogen, wo sie stehen blieb. Sie berührte den Dolch an ihrem Gürtel. Den Dolch des Helios. Er war der Schlüssel. Der Schlüssel zur unbegrenzten Macht.
Für einen Moment gestattete sie sich an die junge Frau zu denken, die sie gefoltert hatte. Sie hatte einen starken Willen, das musste sie ihr lassen. Aber es war ein jämmerlicher Versuch gewesen, sie aufzuhalten.
Eigentlich war es schade. Das Mädchen hatte wirklich gut geschmeckt. Und sich auch sehr gut angefühlt. Velaska bedauerte es fast schon, dass sie diesen schönen Frauenkörper so sehr hatte quälen müssen.
Aber wie hieß es doch so schön?
Wer nicht hören wollte, musste fühlen.
Velaska begutachtete die verschiedenen Seile und wählte das, welches dem Stein am nächsten war. Sie nahm Anlauf, sprang und ergriff das Seil. Es knirschte wegen der plötzlichen Belastung, aber es hielt.
„Velaska!"
Sie sah nach unten. Am Torbogen unter ihr standen Gabrielle und ihre Freundin. Jenes Mädchen, dessen Namen sie nicht wusste.
„Ah, Gabrielle.", sagte sie siegessicher, „Ich hatte gehofft, dass du kommst. Sieh zu und erlebe die Geburt einer Göttin."
Velaska kletterte weiter nach oben. Immer weiter jenem Stein entgegen, der das Zeichen des Dolches trug.
Sie hatte ihn schon fast erreicht, als ein kreischendes Geräusch die Halle erfüllte, gefolgt von einem lauten Knall. Dann raste knapp über ihr etwas Silbernes vorbei und durchschnitt das Seil, an dem sich Velaska festhielt.
Einen Moment lang fiel sie, griff verzweifelt um sich, bekam ein neues Seil zu fassen und hielt sich fest. Sie sah nach unten. Gabrielle hielt einen breiten, flachen Ring aus Metall in der Hand.
Sie hatte dieses Ding nach ihr geworfen.
Velaska schaute nach oben und kletterte weiter. Von dieser blonden Göre würde sie sich nicht aufhalten lassen.
Sie war noch nicht weit gekommen, als sie von irgendetwas in den Rücken getreten wurde. Sie ließ das Seil los und stürzte den Spießen entgegen. Kurz vor dem Aufprall bekam sie ihr Seil wieder zu fassen und fing sich ab.
Über ihr, ein kaltes Lächeln im Gesicht, baumelte Gabrielle.
Wie war dieses Mädchen da hoch gekommen?
Zorn breitete sich in Velaska aus. Sie würde diese Maskenräuberin töten.
Gabrielle kletterte ihr nach unten entgegen, bis sie auf einer Höhe waren.
Sie traten nacheinander, versuchten den Griff der anderen um das Seil zu lösen und sie in den Tod zu schicken. Doch das war schwierig. Ständig verfehlten ihre Attacken gegeneinander, während sie über den Dornen hin- und herschwangen. Velaska bekam einen Tritt auf die Hand und rutschte etwas. Doch sofort war sie wieder auf Gabrielles Höhe und erwiderte ihren Angriff. Sie zog ihre Beine nach oben, traf Gabrielle am Kinn und trat ihr noch einmal ins Gesicht. Sie stürzte bis auf einen halben Meter über den Dornen, wo sie sich wieder fing und erneut nach oben kletterte.
Doch diesmal hatte Velaska nicht abgewartet, ob ihre Feindin unten ankam. Sie war sofort weitergeklettert und hatte nun den Stein an der Decke erreicht.
Der Stein vor ihr war rund und bis auf einige Zeichen schmucklos. In der Mitte war ein Loch eingelassen. Velaska zog den Dolch aus ihrem Gürtel und steckte ihn bis zum Heft in den Stein.
Einen Moment passierte nichts. Dann schob sich das Innere des Steines zurück und drehte sich einmal um die eigene Achse.
Über Velaska öffnete sich ein kleines Fenster. Staub und goldener Rauch fielen heraus. Und mit ihm etwas, das wie eine orange-rote Blume aussah.
Velaska streckte die Hand aus und fing das Ding auf.
Die Ambrosia.
Sie hatte es geschafft. Sie hatte gewonnen. Sie war eine Göttin.
Velaska stieß ein lautes und wahnsinniges Lachen aus.
„Hey, Velaska!"
Die Amazone blickte nach unten.
„Du wolltest doch meinen Namen wissen!", rief Lygeia, „Meine Name ist Lygeia Abigail Johansson!
Lygeia zielte und schleuderte den Stein, den sie in der Hand gehalten hatte. Das Geschoss traf Velaskas Hand. Sie ließ die Ambrosia fallen.
Ohnmächtig, wie in Zeitlupe, sah sie zu wie die Ambrosia den langen Weg nach unten fiel und zwischen den Spießen auf den Boden klatschte.
Fast gleichzeitig ertönte erneut dieses kreischende Geräusch. Wieder schoss etwas an ihr vorbei und durchschnitt das Seil.
Erneut fiel sie.
Und dieses Mal für immer.
