Mit einem leicht sehnsuchtsvollen Blick sah Isabelle zu ihrem blutroten Umhang hinüber. Rot stand ihr einfach ausgezeichnet, doch sie hatte viel zu selten die Gelegenheit diese doch sehr provokative Farbe zu tragen. Und das lag nicht nur an der Verbindung zu Gryffindor. Tatsächlich war das sogar kein sonderlich großes Problem. Godric Gryffindor war ein respektabler Zauberer gewesen, sein Haus hatte ehrenwerte Mitglieder hervorgebracht, genau wie Ravenclaw. Sogar Hufflepuff hatte sein ein oder anderes respektables Mitglied zu verzeichnen, besonders, wenn man das Augenmerk auf die größten Heiler der Geschichte legte. Nein, das eigentliche Problem bei der Farbe Rot, war die Farbe Rot. Es galt einfach als zu anstößig und zu auffallend eine solch, grelle Farbe zu tragen. Selbst die Muggelfrauen der gehobenen Gesellschaft ließen die Finger von diesem Ton. Vielleicht war das auch der Grund, warum Isabelle diesen Umhang besonders gerne mochte. Sie stach damit aus der Menge hervor. Immer trugen alle nur schwarze, blaue oder violette Umhänge. Ganz gewagt trugen jüngere Hexen und Zauberer manchmal sogar grün oder braun, das kam jedoch selten vor. Vielleicht sollte sie ihren roten Umhang einmal wieder tragen, als kleine Erinnerung für sich und andere, dass sie keinesfalls zu dem gewöhnlichen Einerlei der magischen Gesellschaft gehörte. Ja, das müsste sie einmal wieder tun. Jedoch nicht heute. Heute trug sie brav ihren, mit kaum sichtbaren Stickereien verzierten, schwarzen Umhang. Sittlich und brav, wie Alton es von seiner Frau erwartete.

Ihre Fingerspitzen glitten noch einmal über den verbotenen Stoff, dann schloss sie ihren Kleiderschrank und verbannte so die Farbe Rot und alle anderen Gedanken an so unwichtige Dinge wie Mode, aus ihren Gedanken.

Es war Samstagabend. Und sie hatte eine Verabredung. Sie hatte hohe Erwartungen an das Essen bei den Malfoys heute. Es würde eine interessante Gesellschaft zusammenkommen. Nun ja, plus die alte Sabberhexe Walpurga und Alton, doch das war nur eine kleine Einbuße. Wenn Isabelle ehrlich zu sich selbst war, war sie regelrecht gespannt auf die Gespräche und geäußerten Ansichten des Abends. Besonders auf die Meinungen von Riddle und Abraxas. Zwei sehr intelligente Männer mit den richtigen Vorstellungen.

„Frau", tönte es die Treppe hinauf. „Wir haben es eilig! Abraxas wartet nicht gerne!"

Nun, sie wollten Abraxas ja nicht warten lassen, dachte Isabelle sarkastisch. Sie griff nach ihrem Zauberstab, dann machte sie sich auf den Weg in die Eingangshalle.

Alton wartete dort schon ungeduldig auf sie, sein Fuß tippte ungalant auf den Boden. Sein teigiges Gesicht hatte rote Flecken bekommen, wie immer wenn ihm etwas nicht passte. Nur zu gut konnte man in diesen Gesten das Aufstampfen und Rotwerden eines kleinen Jungen erkenne, was Alton, wie Isabelle wusste, sich mühsam von seinem Vater hatte austreiben lassen müssen.

„Wir sind schon wieder viel zu spät", brüskierte sich Alton. „Wir sind zum sieben Uhr eingeladen und nun ist es schon beinahe zwei Minuten nach sieben. Nicht zu vergessen die Zeit, die noch wegen des Apparieren hinzukommt. Das ist wirklich unverantwortlich von dir, Isabelle. Unverantwortlich!"

„Verzeih mir", erwiderte Isabelle gespielt reumütig. „Ich wollte einen guten Eindruck auf Abraxas und Kecia machen."

„Das ist auch sehr löblich von dir, aber beginne das nächste Mal früher mit deiner Toilette."

„Natürlich, das werde ich."

„Dann komm nun", befahl Alton. Eine Hauselfe öffnete das Eingangsportal und das Ehepaar trat hinaus in die kühle Nachtluft. Der Frühling nahte. Der letzte Schnee war schon vor Wochen geschmolzen und die ersten Blumen hatten bereits ihre Köpfe aus der Erde gestreckt. Ein hinreißender Anblick, auch in der Nacht. Doch das kümmerte weder Isabelle noch Alton.

„Nimm meinen Arm, wir wollen ja nicht, dass du wieder zersplinterst", sagte Alton und streckte seiner Frau seinen rechten Arm entgegen. Isabelle schnaubte innerlich. Sie war noch nicht einmal in ihrem Leben zersplintert, ganz im Gegensatz zu ihrem geliebten Ehemann. Kurz tastete sie nach dem Diptam in ihrem Umhang, dann griff sie nach dem Arm von Alton. Wie dumm er war, ihr seinen Zauberstabarm hinzustrecken, wenn sie angegriffen würden, würde er keinesfalls seinen Zauberstab schnell genug ziehen können. Nicht, dass das bei der Unfähigkeit ihres Mannes einen Unterschied gemacht hätte, doch gerade, wann man so untalentiert wie ein Squib war, sollte man jeden Vorteil nutzen.

Isabelle dankte den vier Gründern von Hogwarts, als sie heil und in einem Stück vor Malfoy Manor auftauchten. Das Anwesen der Malfoys war nicht weniger prächtig, als das der Selwyns, wenn auch in deutlich besserem Zustand. Nur die Lage wäre wünschenswerter, zum nächsten Muggeldorf waren es gerade einmal neun Meilen, eine Strecke, die man problemlos in fünf Stunden zu Fuß zurücklegen konnte. Und mit diesen Automobilen, die sich immer mehr Muggel leisten konnten, war es nicht einmal mehr eine Stunde.

Tom konnte ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen, als er zwei Gestalten vor sich aus dem Nichts auftauchen sah. Die Kleinere der beiden wankte, während die andere schleunigst den Arm ihres Gefährten losließ, um der Gefahr zu entgehen, umgerissen zu werden. Schnell erkannte Tom, dass es sich um die Selwyns handelte, die da soeben vor ihm erschienen waren. Isabelles dunkles Haar leuchtete im rötlichen Schein der Fenster Malfoy Manors. Ihr Gang war forsch und zielstrebig, das erkannte Tom sogar von hinten. Nur ihr Mann bremste sie aus, der neben ihr her stolperte.

Isabelle drehte sich nicht einmal um, doch Tom war sich sicher, dass sie seine Anwesenheit gespürt hatte. Er gab sich keine Mühe, sich zu tarnen. Ob Selwyn ihn noch bemerken würde, bevor sie die Steintreppe, die zum Eingangsportal des Anwesens führte, erreicht hatten? Tom bezweifelte es und er sollte Recht behalten.

Ohne sich offensichtlich bemerkbar zu machen, schritt er hinter den ungleichen Eheleuten den Kiesweg entlang. Er gab sich nicht einmal Mühe, lautlos zu sein, doch Selwyn war zu sehr damit beschäftigt auf seine Frau einzureden, als von seiner Umgebung Notiz zu nehmen. Zu gerne hätte Tom gewusst, was Selwyn zu Isabelle sagte, doch sie waren zu weit weg, als dass er verständliche Worte verstehen konnte. Natürlich könnte er einen Zauber anwenden, um die beiden zu belauschen, doch das erschien ihm die Mühe dann doch nicht wert.

Selwyn hatte schon den schweren, silbernen Klopfer an der Tür betätigt, als Tom zu ihnen stieß. Der schmächtige Zauberer zuckte zusammen, als Tom seine wohltönende Stimme erklingen ließ. „Guten Abend, Alton. Isabelle", grüßte er die Hexe mit einer leichten Verbeugung, als sie sich zu ihm umdrehte.

In ihren Augen blitzte es kurz auf bei Tom Anblick, doch Tom vermochte nicht zu sagen, warum. Ihr Mann hatte sich schnell von seinem Schreck erholt. Wurde aber von der sich öffnenden Tür unterbrochen, als er Tom ebenfalls begrüßen wollte. Warmes Licht flutete über den Hof, als eine Hauselfe die schweren Portalflügel aufgeschoben hatte. Ohne, dass einer der Ankömmlinge sie beachtet hätte, schritten sie in die imposante Eingangshalle des Malfoy Anwesens.

Von den Wänden blickten die verstorbenen Mitglieder der Familie Malfoy auf sie herab, ein schwerer Teppich auf dem steinernen Boden dämpfte die Schritte der Ankömmlinge. Die Hauselfe hatte derweil die Eingangstür wieder verschlossen und machte einen einladenden Diener, der die Ohren des Wesens schlackern ließ.

„Master Malfoy erwartet Sie im großen Salon." Mit diesen Worten huschte die Efe zu einer schweren Tür, direkt gegenüber von ihnen und zog sie auf.

Ohne ein Wort zu sagen, betraten die Selwyns und Tom den Salon. Ein prasselndes Feuer flackerte in einem prächtigen Kamin und beleuchtete zusammen mit zahlreichen Kerzen und einem imposanten Kronleuchter die alte, aber durchaus schicke Einrichtung. Es gab Sitzgrüppchen für gepflegte Unterhaltungen, ein Zauberschachbrett, das sich durch ein Schwenken des Zauberstabs ebenso in einen Kartentisch oder jedes andere beliebige Spiel umwandeln konnte und das ein oder andere prachtvolle Gemälde. Schwere, samtene Vorhänge umrahmten die hohen Glasfenster und dämpften das Echo in dem großen Raum, genau wie die diversen, teuren Teppiche, die über den durch die Zeit glatt gelaufenen Holzdielen lagen.

Abraxas Malfoy stand am Kamin, in der einen Hand ein Scotchglas, den anderen Arm auf den steinernen Sims gelehnt. Er sah auf, als seine Gäste eintrafen. Mit einem breiten Lächeln schritt er auf sie zu, schüttelte Selwyn und Tom die Hand, dann wandte er sich an Isabelle und gab ihr einen dezenten Handkuss. Sie antwortete mit einem dezenten Lächeln, bei dem Tom sich nicht ganz sicher war, ob es nun gespielt war oder nicht.

„Wie schön, dass ihr da seid", grüßte nun auch Abraxas Frau Kecia, wenn Tom sich richtig an ihren Namen erinnerte. Lächelnd streckte sie Selwyn die Hand entgegen. Dieser presste kurz seine Lippen auf ihren Handrücken, dann wandte Kecia sich an Tom. Ohne ihre Haut zu berühren hauchte auch er einen Kuss darauf. Mit einem charmanten Lächeln, sagte er: „Mrs. Malfoy. Wie immer eine Augenweide, Sie zu sehen."

„Sie sind unser Gast. Sagen Sie doch bitte Kecia."

„Wie könnte ich einer so hübschen Hexe diesen Wunsch verwehren", antwortete Tom galant.

Kecia konnte ein leichtes Erröten ihrer Wangen nicht verhindern und wandte sich dann an Isabelle. Überrascht sah Tom dabei zu, wie Kecia Isabelle nicht nur umarmte, sondern wie Isabelle die Umarmung sogar erwiderte. Doch er hatte keine Zeit darüber nachzudenken, als zwei weitere Gäste den Salon betraten.

Isabelle erwiderte Kecias Umarmung nicht gerne, doch sie tat es, empfand sie doch so etwas wie Freundschaft für die Hausherrin. Weitere Begrüßungsrituale wurden Isabelle jedoch mit dem Eintreffen von Rufus Lestrange und Orion Black erspart.

„Rufus. Orion. Willkommen!", grüßte Abraxas die beiden Zauberer.

„Kecia", grüßte Orion die Hausherrin. Lestrange nickte nur in die Runde.

„Orion", erwiderte die Angesprochenen. „Auch von mir ein herzliches Willkommen. Wo ist denn deine reizende Frau?"

„Sie fühlte sich heute nicht so wohl und beschloss, dass eine solche Gesellschaft zu anstrengend für sie sei."

„Dann wünschen wir ihr natürlich alles Gute und eine schnelle Genesung", sagte Abraxas. Es war jedem der Anwesenden klar, dass keiner, nicht einmal Orion, Walpurgas Abwesenheit betrauerte. Isabelle selbst empfand sogar eine geringe Freude darüber, dass sie heute Abend zumindest vor Walpurga verschont blieb.

Die Freude hielt jedoch nicht lange an, als Alton ihr seinen Arm anbot und Isabelle keine Möglichkeit bot, sich von ihm zu entfernen. Widerwillig lauschte sie stumm, wie Alton sich mit Lestrange und Orion unterhielt. Wobei hauptsächlich letzterer redete. Alton gab ab und an die Meinung Orions in anderen Worten wieder oder stimmte dem Erben der Blacks begeistert zu. Lestrange dagegen sagte kein Wort. Isabelle wusste nicht, ob es daran lag, dass er nicht zuhörte, keine Meinung zu dem Thema hatte oder dieses Verhalten seinem Charakter entsprach. Es war ihr aber im Grunde auch gleich.

Tom konzentrierte sich derweil nur halb auf das Gespräch mit Abraxas und Kecia. Immer wieder flog sein Blick zu Isabelle, die mit einem Lächeln, aber toten Augen neben ihrem Mann stand. Es hatte ihn gewundert, dass Selwyn seine Frau an den Arm genommen hatte, hatte er bei ihrer eigenen Gesellschaft doch nur wenig Zeit mit ihr verbracht. Tom konnte nicht einschätzen, ob der Ball oder der heutige Abend eine Ausnahme in seinem Verhalten war, doch er tendierte zum heutigen Abend. Trotz, dass das Ehepaar so eng zusammenstand, schenkten sie sich keinerlei Aufmerksamkeit. Isabelle schien dem angeregten Gespräch der Männer nicht zuzuhören, ab und an glitt ihr Blick hinüber zu Lestrange, doch meist sah sie ins Leere, weit fort mit ihren Gedanken. Selwyn dagegen hing an Orions Lippen, sein Kopf nickte mehr als der Taktstock eines Dirigenten, so sehr bemühte er sich, dem Sprecher zuzustimmen.

„Kecia, meine Liebe, würdest du bitte nachsehen, wie weit die Hauselfen mit dem Anrichten des Abendessens sind?", fragte Abraxas seine Frau.

Kecia nickte und verschwand aus dem Salon. Sobald sich die Tür hinter der Hausherrin geschlossen hatte, wandte Abraxas sich mit leicht gesenkter Stimme an Tom: „Was auch immer du vorhast, Tom. Du solltest deine Beobachtungen bezüglich Isabelle etwas dezenter gestalten. Alton mag ein einfältiger Zauberer sein, aber er schützt was sein ist."

Nun wandte Tom seine volle Aufmerksamkeit doch Abraxas zu: „Mich interessiert keinesfalls die weibliche Gesellschaft dieser Hexe, wenn du das damit andeuten wolltest."

„Ich wollte dich nur gewarnt haben."

„Vergiss nicht, mit wem du sprichst, Abraxas. Ich brauche deinen Warnungen nicht", ermahnte Tom seinen Schulfreund scharf. Dieser versicherte ihm zwar, er habe verstanden, doch der Ausdruck in Abraxas Augen sagte etwas Anderes. Tom brauchte den Malfoy-Spross, sowohl sein Vermögen, wie auch seinen Namen und seinen Intellekt. Doch der Stolz von Abraxas, gepaart mit seiner Intelligenz machten ihn auch gefährlich für Tom, würde er ihn nicht vollends kontrollieren können.

Als Abraxas seine Gäste bat, ihm in den Speisesaal zu folgen, atmetet Isabelle auf. Die letzte halbe Stunde war so zäh vergangen, wie jedes Gespräch, dass sie mit oder nur in der Anwesenheit Altons führte. Doch ihre verhaltene Euphorie wurde schnell gedämpft, als sie sich beim Essen nicht nur neben Alton, sondern auch neben Lestrange wiederfand. Der Abend würde also genauso langweilig weitergehen, wie er begonnen hatte. Sie hatte gehofft neben Riddle sitzen zu können, vielleicht das ein oder andere Wort mit ihm zu tauschen. Selbst ein Sitzplatz neben Orion wäre annehmbar geworden. Nun hatte sie die Wahl zwischen der Intelligenz oder dem Rededrang eines Flubberwurms. So oder so, Flubberwürmer waren sie beide.

„Darf ich Ihnen noch Wein nachschenken?", überraschte Lestrange Isabelle mit einer erstaunlich angenehmen, dunklen Stimme.

„Ja, bitte", erwiderte Isabelle, die sich schnell von ihrer Überraschung erholt hatte.

„Sie scheinen sich zu langweilen", fuhr Lestrange fort.

„Ich genieße das Essen."

„Tatsächlich? Dann verzeihen Sie mir, dass ich angenommen hatte, Ihnen würde es missfallen, keine interessanteren Gesprächspartner als Sitznachbarn zu haben."

„Ihnen sei verziehen, Mr. Lestrange."

„Sagen Sie doch Rufus."

„Wie Sie wünschen. Darf ich Sie fragen-"

„Isabelle", unterbrach Alton seine Frau von der anderen Seite. „Lass Rufus doch ungestört essen nach diesem anstrengenden Tag im Ministerium."

Tom beobachtete mit Interesse das Gespräch am Ende des Tisches, während Orion ihm etwas von den fallenden Verkaufszahlen bezüglich hochwertiger Kessel aus Edelmetallen berichtete. Ihm entging nicht, wie Isabelles Augen bei der Rüge ihres Mannes gefährlich aufblitzen, doch sie hatte sich schnell wieder im Griff und wandte sich entschuldigend an ihn. Lestrange hatte einen ähnlichen Ausdruck in den Augen, als Selwyn seine Frau und ihn unterbrach. Er meisterte es jedoch keinesfalls so gut wie Isabelle, seine Gefühle zu verbergen.

Ohne die Möglichkeit, ein weiteres Wort mit Lestrange zu wechseln, verging das Dinner genauso zäh, wie sie vorhergesagt hatte. Isabelle musste sich dringend etwas einfallen lassen, wie sie Alton loswerden konnte. Vielleicht konnte sie ihn in ein Gespräch mit Abraxas verwickeln, wenn er seine Aufmerksamkeit von ihr auf seinen besten Freund lenkte, hatte sie womöglich die Chance mit Riddle zu sprechen. Dann hatte der Abend zumindest etwas Gutes.

„Orion, wie wäre es mit einer Runde Drachenfang", schlug Abraxas vor. „Möchte noch jemand mitspielen?", fragte er in die Runde.

„Was für ein außergewöhnlicher Vorschlag", ereiferte Alton sich sofort. „Ich spiele gerne mit."

„Sehr schön. Rufus, Tom, darf ich euch ebenfalls begeistern?"

Gespannt sah Isabelle zu Riddle. Es war ihr kein Geheimnis, dass er wohl kaum die Beträge verfügte, die bei einer Runde Drachenfang in solcher Gesellschaft für gewöhnlich gesetzt wurden. Riddle bemerkte ihren forschenden Blick. Kurz flackerten seine Augen rot auf, als er ihren Blick erwiderte, dann wandte er sich an Abraxas: „Ich fürchte, ich bin kein glücklicher Spieler. Meine Talente liegen anderweitig, weshalb ich dankend ablehnen muss."

„Rufus?"

„Ich schließe mich Tom an, ihr wisst, dass das Kartenspiel keine meiner Glanzdisziplinen ist", lehnte auch Lestrange ab. Die Lestrange-Familie litt keinesfalls unter einem Mangel an Galleonen. So vermutete Isabelle, dass Rufus tatsächlich kein Spieler war. Ob nun aus mangelndem Glück oder schlichter Langeweile an dem Spiel, war nicht von Interesse. Isabelle genoss es jedenfalls, dass sie Alton zumindest für eine kleine Zeitspanne los war und dazu noch die Chance hatte, sich mit Riddle zu unterhalten.

Im Salon wurde sogleich der Schachtisch in einen Kartentisch umgewandelt. Die drei Spieler setzten sich, während Kecia und Isabelle sich nahe des Kamins stellten. Tom und Rufus gesellten sich zu ihnen.

„Rufus, ich bin erfreut, dass du kommen konntest", begann Kecia gut erzogen das Gespräch.

„Es ist wie immer eine Freude, dich als meine Gastgeberin zu wissen", antwortete Lestrange artig.

„Da kann ich Rufus nur zustimmen", pflichtete Tom dem ewigen Junggesellen bei. „Besonders, wenn eine so außergewöhnliche und in letzter Zeit selten gesehene Runde zusammenkommt." Bei seinen Worten, sah Tom Isabelle direkt an. Diese merkte das natürlich, reagierte äußerlich aber nicht auf den Blick. Über ihren inneren Zustand, konnte Tom nur mutmaßen.

„Es ist wirklich traurig, wie wenig wir uns doch alle nur zu Gesicht bekommen. Aber bei der derzeitigen Lage… Abraxas ist den ganzen Tag im Ministerium und wenn er dann nach Hause kommt ist er viel zu müde, als dass ich noch viel Zeit mit ihm verbringen könnte. Zum Glück habe ich Lucius, der mir Gesellschaft leistet", sagte Kecia. „Du kannst froh sein, Isabelle, dass dein Mann nicht arbeitet. So hast du ihn ein paar Stunden für dich alleine am Tag."

Isabelle verbarg ihren abwertenden Blick. Stattdessen zeigte sie ein höfliches Lächeln und sagte: „Ja, ich kann dankbar sein. Aber warum brodelt der Kessel im Ministerium denn so über?", lenkte sie das Gespräch von Selwyns ihr peinlicher Untätigkeit fort.

„Sie diskutieren noch immer über die Auswirkungen des Krieges und wie wir uns davor schützen können. Nicht nur wegen der Maßnahmen gegen Grindelwald und eventueller Nachahmer, auch wird über einen besseren Schutz für Zauberer gesprochen, sollte an dem Gerücht, über diese neue Muggelwaffe, etwas dran sein", antwortete Tom.

„Es sind bewiesenermaßen inzwischen mehr als Gerüchte", warf Isabelle ein. „Russische Zauberer berichteten, dass auch die Muggel der Sowjetunion vor fünf Jahren etwa erfolgreich ihre erste Waffe getestet haben. Sie soll einen verheerenden Schaden anrichten. Und auch die Untersuchungen des MACUSA ergaben, dass die Explosion in Japan vor zehn Jahren keinesfalls von einem Zauberer, einer Hexe oder, wie man zuerst annahm, einem entlaufenen Erumpent verursacht wurde. Offenbar wurde eine Art Nebel oder Aura gemessen, die auch nachhaltig noch für Schäden sorgt. Es ist von der japanischen Regierung ein auffallend großer Anstieg der Kappa-Population in der Region vermerkt worden. Es ist somit eine zunehmende Gefahr erkennbar, da nicht nur die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten, sondern auch, ersten Gerüchten zufolge, Groß Britannien und Frankreich an solch einer Waffe arbeiten."

„Sie sind erstaunlich gut informiert, Isabelle", ließ Lestrange sich vernehmen. „Doch in einem Punkt muss ich Sie korrigieren. Die Gerüchte von einer britischen Waffe sind inzwischen vom Premierminister der Muggel bestätigt worden."

„Und unser Ministerium berät noch immer über Evakuierungspläne im Falle eines zweiten Krieges, statt etwas Handfestes dagegen zu tun." Toms Stimme hatte einen gefährlichen Unterton, als er sprach.

„Eine Zusammenarbeit mit dem St. Mungos ist entstanden, um Schäden, die diese Aura der Waffe bei der magischen Bevölkerung verursacht, einzudämmen", trug Kecia ihr begrenztes Wissen zu dem Thema vor.

„Es ist nutzlos, die Enden der Pflanze zu beschneiden, wenn man die Wurzel entfernen kann", sagte Tom noch immer mit dem gleichen Unterton in der Stimme.

„Eine delikate Angelegenheit", meinte Isabelle. „Das Ministerium vermied schon immer sich solcher radikalen Vorgehensweisen, die zweifelslos nötig wären, wolle man die Wurzel packen, zu bedienen."

„Furcht ist eine Schwäche. Eine Schwäche, die es nicht wert ist, von einem Muggel hervorgerufen zu werden. Als habe der Drache Angst vor einem Doxy."

„Wie wahr, Tom. Wie wahr", ließ sich da Selwyn vernehmen. Er und die anderen beiden Zauberer waren zu ihnen getreten, da sie ihr Spiel offenbar beendet hatten.

„Ein Umstand, der andere Maßnahmen hervorruft", sagte Orion lauernd als Antwort auf Riddles Worte.

„Ein Umstand", trug Abraxas bei. „Den wir bei einem guten Whisky besprechen sollten. Hole den Zweiundzwanziger!" Seine letzten Worte galten der Hauselfe, die soeben erschienen war.

Erneut ergriff Selyn das Wort: „Isabelle, ich denke, es ist an der Zeit mit Kecia im Damensalon einen Tee zu trinken."

„Aber ich möchte dich unterstützen", sagte Isabelle in einem leisen, fast schon weinerlichen Ton. Wiedereinmal musste Tom ihrer Schauspielkunst Respekt zollen

„Das mag sein", erwiderte Sewyn. „Doch manchmal stört die Anwesenheit einer Frau mehr, als dass sie unterstützt."

„Alton, ich…"

„Widersprich mir nicht Frau!", sagte Selwyn bemüht herrisch. „Geh jetzt."

„Wie du wünscht", antwortete Isabelle mit schwacher Stimme.

Das zornige Glitzern in ihren Augen und ihr hasserfüllter Blick schien jedem im Raum aufzufallen, außer Selwyn selbst. Tom hatte bemerkt, dass es Isabelle diesmal äußerst schwergefallen war, in ihrer Rolle zu bleiben. Er konnte sie verstehen. Nicht, dass er Mitleid mit ihr gehabt hatte, eine Emotion, zu der er nicht wirklich fähig war. Aber ein gewisses Maß an Bewunderung empfand er doch gegenüber Isabelles Selbstbeherrschung.

Alton hatte Isabelle schon oft bevormundet und besonders am Anfang ihrer Ehe ihre Beherrschung damit auf eine harte Probe gestellt. Doch diesmal fiel es ihr wirklich schwer, ihre Schritte gleichmäßig und ihren Atem ruhig zu halten. In ihrem Innern brodelte sie. Nicht nur wegen Altons herablassende Behandlung, vor allem, weil er ihr die Chance nahm, an einem solch wichtigen Gespräch teilzuhaben.

Im dem kleineren Salon, der in hübschen Altrosatönen gehalten war, orderte die Hausherrin Malfoy Manors Elfenwein für sich und Isabelle. Die Rede war im Hauptsalon zwar von Tee gewesen, doch sicherlich verstand Abraxas es, wenn sie sich heute Mal ein Glas von der goldenen Flüssigkeit genehmigte.

Isabelle hatte sich derweil wieder etwas beruhigt. „Wie geht es Lucius?", fragte sie mit gespieltem Interesse.

„Gut", erwiderte Kecia knapp. Sie wusste, dass es Isabelle keinesfalls interessierte, wie es ihrem Sohn ging.

Isabelle war Kecia dankbar. In der Öffentlichkeit glich die ehemalige Crouch durchaus den anderen Hexen mit ihren nichtigen, langweiligen Gesprächen. Das verlangte der gute Ton, doch waren sie privat, so verschonte Kecia Isabelle für gewöhnlich mit solchen Plaudereien. Tatsächlich musste Isabelle sich in der Gegenwart von Kecia nicht vollkommen verstellen. Ähnlich wie bei ihrem Bruder oder auch Riddle. Wobei sie bei Riddle natürlich immer achtsam sein musste, was bei Kecia nicht der Fall war. Zumindest nicht aus den gleichen Gründen. Und doch kannte Kecia Isabelles Motive nur im Ansatz. Isabelle wusste, dass Kecia sie im Grunde für gutherzig hielt und einen leicht getrübten Blick auf Isabelles Persönlichkeit hatte. Isabelle hatte in ihren jungen Jahren Kecia nie etwas vorgespielt, doch irgendwann hatte das Verhalten, welches Isabelle in der Öffentlichkeit zeigte, Kecia davon überzeugt, dass Isabelle einen guten Kern oder so etwas in der Art hatte. Und Isabelle hatte Kecia in dem Glauben gelassen. Konnte sie Jemanden, zu dem sie eine Art freundschaftliche Beziehung hegte, so täuschen, konnte sie es bei jedem. Somit war Kecia Isabelles Vorstufe gewesen, was die Täuschung ihres Ehemanns anging.

„Was denkst du über Tom?", fragte Kecia Isabelle geradeheraus.

„Er scheint ein fähiger Zauberer zu sein", antwortete Isabelle mit Vorsicht.

„Isabelle", sagte Kecia nun deutlich zögernder. „Ich weiß, das ist jetzt unangebracht, doch ich denke, als deine Freundin, sollte ich dir die Wahrheit sagen. Ich halte Tom für gefährlich."

Überrascht ob dieser Offenheit, fragte Isabelle nur: „Gefährlich? Inwiefern?"

„Nun… ich möchte wirklich niemanden etwas unterstellen, doch er scheint ein unangebrachtes Interesse an dir zu haben?"

Da hatte Kecia Recht, doch es verwunderte Isabelle, dass sie das schon nach einem einzigen Abend des Zusammenseins herausgefunden hatte. Sie lag zwar mit der Art des Interesses falsch, denn Isabelle war sich recht sicher, dass Riddle zwar gerne seinen Charme nutze und jede Frau um den Zauberstab wickelte, wenn es ihm nutzte, doch diesmal war es anders. Riddle wollte ihr Vermögen und ihr Wissen, kein Stelldichein.

„Ich möchte nur, dass du dir keine Schwierigkeiten einfängst, Isabelle", fuhr Kecia fort. „Tom ist sehr… charmant und sieht auch recht anziehend aus. Ich weiß, ich bin eine verheiratete Frau und sage dies nur aus der reinen Objektivität einer verheirateten Frau heraus."

„Kecia, ich bin ebenfalls verheiratet", sagte Isabelle liebenswürdig. Dieses Gespräch war doch deutlich interessanter, als sie es vorausgesehen hätte.

„Ich weiß. Ich weiß. Doch Alton und du… Eine Ehe ist nicht immer ein Hindernis, weißt du. Ich meine, ich… Bevor Lucius…", Kecia brach stammelnd ab.

Isabelle verkniff sich ein Grinsen. Sie wusste genau, was Kecia meinte. Auch wenn diese nicht wusste, dass Isabelle es wusste. „Ich kann aus meiner objektiven Sicht der Ehefrau dir sagen, dass du kein schlechtes Gewissen haben musst. Zwischen dir und Lion ist nie etwas geschehen."

„Was?", keuchte Kecia auf. „Du weißt davon?"

„Es war nur eine kleine Schwärmerei deinerseits. Nichts moralisch Verwerfliches", versicherte Isabelle ihrem Gegenüber. Insgeheim hatte sie gehofft, dass sich aus Kecias lächerlichen Gefühlen so etwas wie eine Affäre gebildet hätte. Es wäre äußerst interessant gewesen und hätte Abwechslung in ihr aller Leben gebracht. Auch wenn es dem Ruf ihres Bruders nicht allzu gut bekommen wäre. Doch mit der Ankündigung des Nachwuchses waren Kecias Gefühle wie weggeblasen.

„Ich bitte dich jedenfalls auf dich aufzupassen", wechselte Kecia das Thema zurück zu Riddle. „Aus ein paar ausgetauschten Blicken kann schnell mehr werden. Und auch wenn du nicht immer glücklich mit Alton bist, so wirf deine Zukunft nicht für ein kleines Techtelmechtel hinfort."

„Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, Kecia. Ich kann dir versichern, dass mein Verhältnis zu Tom Riddle professionell ist und keine Gefahr für meine Ehe." Im Gegenteil, wenn alles nach Plan verlief, so war die Verbindung zu Tom doch eher ein Segen. Wenn auch für Isabelle und weniger für Alton.