Als Tiny in ihrem weihnachtlich grünen Cocktailkleid, das mit dem leicht ausgestellten Rock und seiner Schlichtheit an die 50er Jahre erinnerte, und mit einer eleganten Hochsteckfrisur aus dem Badezimmer trat, klingelte es an der Wohnungstür. Ihre Gäste waren auf die Minute pünktlich. Rasch schlüpfte Tiny in die zum Kleid passenden Schuhe und öffnete die Tür, um Audrey und deren Freund Jerry zu begrüssen. Auch sie waren, wie jedes Jahr, elegant gekleidet.
„Ihr seht fabelhaft aus", begrüsste Tiny die beiden.
„Das können wir nur zurückgeben", erwiderte Audrey und umarmte ihre Freundin herzlich.
„Wunderschön", stimmte auch Jerry zu und begrüsste die Gastgeberin mit einer Umarmung und einem flüchtigen Küsschen auf die Wange.
„Cecily kommt nicht mit euch?", fragte Tiny mit einem Blick auf den leeren Hausflur.
„Sie arbeitet heute, das hat sie dir doch am Mittwoch gesagt", erinnerte Audrey.
„Ah, genau", entgegnete Tiny, die sich nicht im Geringsten an eine solche Bemerkung erinnern konnte, „Geht einfach ins Wohnzimmer."
Tiny konnte ihren Gästen jedoch nicht folgen, da in diesem Moment weitere Freunde Einlass begehrten. Nach und nach trafen die Gäste ein und mit ihrer üblichen Verspätung komplettierte schliesslich Nicci die Achterrunde.
Der Abend war perfekt. Die Freunde redeten und lachten und liessen sich das köstliche Essen schmecken, das zu Tinys grosser Überraschung nicht das kleinste Fitzelchen eines Buches enthielt. Seit gut einer Woche, waren Tinys Gedanken zum ersten Mal komplett frei vom Fall Eric/Ried. Das heisst, einmal wanderten ihre Gedanken doch in diese Richtung, nämlich als das unvermeidliche Thema Männer aufkam. Tiny konnte nicht anders und erzählte, dass sie kürzlich einen wirklich sympathischen Kerl namens Tommy kennengelernt hatte, wobei sie natürlich die genauen Umstände verschwieg. Ihre Freunde reagierten mit einem kollektiven „Uuuuhhhh!", welches Tiny sofort unterband, indem sie die sensationslüsterne Meute daran erinnerte, dass sie prinzipiell Berufliches und Privates nicht vermischte.
Ried tigerte unruhig durch den klaustrophobisch engen Raum. Am liebsten hätte er am Gitter gerüttelt, wie er es von den Muggeln aus Filmen kannte. Nur leider gab es hier kein Gitter. Der Zugang zum Untersuchungsgefängnis wurde von einer magischen Barriere versperrt. Daneben schob ein leicht angegrauter Zauberer, der aus dem Ministerium auf diese unbequeme Stelle abkommandiert worden war, Wache, damit der Gefangene, der eindeutig das Zaubereigesetz gebrochen hatte, keine Mätzchen machte. Der Magier schien sich jedoch darum keine Sorgen zu machen. Den Zauberstab in der Tasche seines Umhangs verstaut, döste er an die Wand gelehnt vor sich hin und schien nichts von seiner Umgebung, oder den anderen Zellen (die allesamt leer waren - wer stellte schon am Heiligen Abend irgendetwas Böses an?) mit.
Das hinderte Ried jedoch nicht daran, Gräben in den Holzboden der Zelle zu laufen. Seine Gedanken überschlugen sich. Seine schon immer wilde Fantasie lief förmlich Amok. Wenn er an Eric dachte, drehte sich ihm der Magen um. Grauenvolle Bilder erschienen vor seinem inneren Auge, in denen Eric nur noch eine leblose Hülle war, ohne das Funkeln in den Augen und die innere Stärke, die Ried schon in jenem fernen Sommer fasziniert hatte. Er betete zu allen Göttern, dass es Eric irgendwie gelungen war zu fliehen. Wenn ein normaler Gedächtniszauber bei ihm unwirksam blieb, was würde dann erst höhere Magie bei ihm anrichten!? Die Zaubersprüche wurden nicht oft angewandt, doch er hatte im St. Mungo schon einige Fälle gesehen, in denen es furchtbar schief gelaufen war. Diese Muggel waren keine eigenständigen Persönlichkeiten mehr gewesen, keine lebenden und denkenden Geschöpfe, sondern nur noch Schatten, welche apathisch in ihren Betten gelegen und noch nicht mal auf ihre Verwandten reagiert hatten.
Bei dem Gedanken an diese bemittleidenswerten Kreaturen, lief Ried ein Schauer über den Rücken. Er stützte sich keuchend gegen die Wand. Nein, so durfte Eric nicht enden. Nicht so! Verdammt nochmal!
Wütend trat er mit seinem Schuh gegen die gemauerte, durch Magie verstärkte Wand. Er brachte sich damit nur selbst Schmerzen ein, doch irgendwo musste seine aufgestaute Wut, auf das System, auf das Ministerium, auf die gesamte magische, von Furcht um das Geheimnis ihrer Magie zerfressene, Gesellschaft hin. Vielleicht hatte Eric es geschafft, vielleicht war er ihnen entkommen und hatte Tiny gerufen. Sie würde ihn beschützten. Sie würde nicht zulassen, dass ihm etwas geschah! Ein kleines Fünkchen Hoffnung keimte in ihm auf, während sein Zeh protestierend pochte.
Vielleicht...
Seine Gedanken wurden von einem wütenden, markerschütternden Schrei durchbrochen, der Ried jegliches Gefühl aus den Gliedern stahl.
„Lasst mich los, ihr Schweine! Das ist nicht rechtens! ICH KENNE MEINE RECHTE!"
Ried würde diese Stimme immer erkennen, auch wenn er ihn gerade nicht sehen konnte.
„Eric...", murmelte er leise. Seine Arme fielen schlaff hinab.
Da wandte sich der Zauberer zu ihm um. „Was hast du gesagt?", murmelte er desinteressiert.
Ried schaltete schnell. „Dass ich mal zur Toilette muss", erklärte er mit erzwungener Ruhe, während das Blut in seinen Ohren rauschte. „Oder soll ich gegen die Wand pinkeln!" Der geschockte Ausdruck auf dem Gesicht des Mannes, hätte ihm zum Lachen gereizt, wenn die Situation nicht so ernst und seine Muskeln nicht zum zerreissen gespannt gewesen wären.
„Ja, ja, ist ja schon gut..." Der ältliche Zauberer löste sich quälend langsam von der Wand und zog seinen Zauberstab.
„Tritt zurück"
„Verdammt, ich piss mir gleich in die Hose!", fauchte er, noch nicht einmal gespielt ungeduldig.
Erics Stimme hatte sich schon längst entfernt, als der Mann den Zauber löste.
Ried schnellte hervor, noch ehe der alte Zauberer überhaupt registrieren konnte, was geschah. Der junge Mann riss ihm den Zauberstab mit Gewalt aus der Hand und richtete ihn gegen seinen Besitzer.
„Rein da!", herrschte er den überrumpelten Mann an und drängte ihm mit seinem eigenen Stab zurück. Dieser lag zwar nicht so gut in der Hand wie sein eigener, doch zaubern konnte er damit alle Mal! Er erschuf die Barriere wieder, während der Mann lautstark über Freiheitsberaubung lamentierte.
„Ihr raubt uns die Freiheit!", herrschte Ried ihn an und wandte sich dann ab. Er hastete den kargen Gang entlang, die Ohren immer gespitzt. Er wollte Erics Stimme hören! Wissen, dass die Vergiss-Michs ihr Werk noch nicht verrichtet hatten!
Schlitternd bog er um eine Ecke, versuchte sich in den verwinkelten Katakomben des Ministeriums zurecht zu finden. Er warf den Kopf herum, als er das Echo einer bekannten Stimme durch die Gänge hallen hörte.
„Rührt mich nicht an!"
Das Blut gefror in seinen Adern. Er rannte, den Zauberstab erhoben, in die Richtung aus der der Schrei gekommen war. Hinter der nächsten Ecke öffnete sich der Gang zu einem runden Raum. Rieds Atem stockte. Zwei Zauberer bedrängten Eric mit erhobenen Stäben an der glatten Wand. Der Freund sah mitgenommen aus. Er hatte sich anscheinend gewehrt bis aufs Messer, während die Zauberer versucht hatten ihn zu schocken. Sogar die Fingerknöchel an seiner Hand waren aufgeplatzt, und bei einem der Magier schwoll langsam das Auge zu.
Eric hechtete in dem Augenblick wieder zur Seite und rollte über den harten Boden.
„Lasst mich in Ruhe!", schnauzte er sie an. Er war sofort wieder auf den Beinen und wich einige Schritte zurück. Er duckte sich, und der nächste Zauber ging fehl, hinterließ einen rußigen Fleck auf der Wand. Die beiden Zauberer wussten anscheinend nicht, was sie mit einem Muggel anstellen sollten, der sich wehrte. Dementsprechend unkoordiniert waren auch ihre Schockzauber.
„Mr. Clarkson", versuchte ein Zauberer seine diplomatischen Kenntnisse anzuwenden. „Ich verstehe, dass Sie sehr verwirrt sein müssen. Aber.."
„Ich bin nicht verwirrt, Sie elender Gehirnverdreher! Ganz und gar nicht!" Er keuchte, als der andere wieder einen Zauber auf ihn losließ. Rote Funken prallten von der Wand hinter ihm ab und brannten kleine Löcher in sein Shirt.
„Wo ist Ried! Ich will ihn sehen! Ich..."
Ried sah gerade noch rechtzeitig, dass der zweite Vergiss-Mich einen stummen Zauber sprach. Wütend stürmte er vor, den gestohlenen Stab über seinen Kopf erhoben.
„Stupor!", schrie er. Der Zauber ging mit derselben Wut und Hilflosigkeit auf den Zauberer los, wie er sie in dem Moment empfand.
„Keinen Schritt weiter!", fauchte Ried den anderen Vergiss-Mich an und hob drohend den Zauberstab. Seine Stimme war eisig.
„Ich warne Sie... einen Schritt weiter...", knurrte Ried. Der Zauberstab in seiner Hand bebte.
„Ried! Shit! Alles okey? Haben sie dir was getan?", sprudelte es aus Eric heraus. Ried warf ihm kurz einen Blick zu und schüttelte kurz den Kopf. Er warf einen raschen Blick auf den benommenen Zauberer am Boden und kickte mit der Schuhspitze den Stab aus seiner Reichweite. Der andere Hexer sah sich nun einem wildgewordenem Muggel und einem verrückten Zauberer gegenüber. Die Situation erschien ihm wohl nicht sonderlich rosig, da er statt eines Zaubers, seinen Mund benutzte.
„Jungs, kommt schon! Ein kleiner Vergessenszauber und die ganze Sache ist..." Der Vergiss-Mich kicherte nervös und trat mit beschwichtigend erhobenen Händen einen Schritt vor. „Nun ja, vergessen, nicht wahr? Keinen Grund einen Aufstand..."
„Halten Sie die Klappe!"
Rieds und Erics Stimmen erklangen synchron. Erics Atem ging hastig, die Schultern hoben und senkten sich schnell.
„Ja, ja...ist ja schon gut..." Der Blick des Magiers, der vorher wie gebannt auf Ried gestarrt hatte, glitt von ihm ab. Die beiden jungen Männer brauchten sich noch nicht mal einen Blick zu zuwerfen. Intuitiv, mit einem wütenden Schrei stürzte sich Eric auf den noch verbliebenen Zauberer, der vollkommen überrumpelt wirkte, und entwand ihm den Stab. Ried indes traf die Entscheidung binnen Bruchteile einer Sekunde - und wirbelte herum.
Aus dem Dunkeln des Ganges tauchten zwei Augen auf. Eric rief eine Warnung aus, als er merkte, dass Ried zu spät den Stab erhob, doch dieser spürte nur noch den prickelnden Schmerz des Schockzaubers, der mit wildem Getöse auf ihn zuschoss. Die Wucht schleuderte ihn gegen die nächste Wand. Erstarrt sank er daran hinab. Nur in seinen Augen lag noch panisches Leben.
„Nein!", rief Eric geschockt aus, schleuderte den Zauberer, den er am Kragen gepackt hielt von sich und sprang auf Ried zu.
Doch da hüllte ihn ein alles verschlingender, aschgrauer Nebel ein und raubte jeglichen Gedanken, jegliches Gefühl, das zuvor den Körper durch sein Leben geleitet hatte. Es stahl das funkelnde Leben, das in ihm steckte. Eine entsetzliche Kälte ergriff Besitz von seinem Körper - Mitten im Lauf wich jegliches Gefühl aus ihm. Seine Beine wollten ihm nicht mehr gehorchen. Einer Marionette gleich, bei der der Puppenspieler jegliche Fäden durchschnitten hatte, geriet sein Körper ins Straucheln. Er fiel zu Boden, wie ein Sack Lumpen, den man achtlos in den Raum geschmissen hatte.
Und das alles geschah vor Rieds fassungslosen wachen Augen. Eric schürfte sich beim Sturz die Arme und die Wange auf. Helles Blut sickerte aus den Wunden - Das letzte Leben, das noch in ihm pulsierte, denn seine Augen waren kalt und leer. Ein Schleier hatte sich über das frech funkelnde Grün gelegt.
Rieds Gedanken wehrten sich wie ein Berserker gegen seine mentalen Fesseln. Doch alles was er zustande brachte, war ein grausamer Laut, zwischen Schluchzen und Erschrecken. Eine einsame Träne rann aus seinen Augen, die hektisch über Erics reglosen Körper glitten, und zog eine Spur aus Schmutz und Staub über seine Wange.
Die Magier versammelten sich um die beiden und sahen sich ratlos an. Da war etwas gewaltig schief gelaufen...
