Kapitel 10: Weite Reisen und fremde Gestalten…

Tonks blinzelte und versuchte damit den Blickkontakt zu unterbrechen. Sie strengte sich an, ihren Geist zu leeren, wie man es ihr in der Aurorenausbildung beigebracht hatte. Der Fremde stieß wieder dieses heisere Lachen aus und Tonks meinte das Rauschen von Wasser in ihrem Kopf zu hören. Als würde Wellen an einen Stand rollen und die Brandung leise gegen einen Felsen schlagen. Ein friedliches Gefühl machte sich in ihr breit, dann hörte sie eine leise, sanfte Stimme sagen: „So ist es gut, Mädchen. Entspanne Dich… erzähle mir warum Du ausgerechnet hier Dein Wasser suchst."

Tonks versuchte sich noch einmal gegen den Fremden zu wehren, doch zu stark war das Wohlgefühl, das von dem Meeresrauschen ausging. Sie ergab sich dem Frieden, der sich in ihr ausbreitete und antwortete: „Weil es hier durch Felsen und dann durch das Erdreich geflossen ist, bevor es an die Oberfläche kam."

Abrupt ließ der Fremde sie los, so dass sie erneut um ihr Gleichgewicht kämpfen musste.

Rasch griff er nach ihr und schlang einen seiner erstaunlich kräftigen Arme um ihre Taille, um einen Sturz zu verhindern. Ihre Schulter schmerzte davon, dass ihr Arm so brutal auf den Rücken gedreht worden war, ihr verstauchter Knöchel brachte sich mit höllischem Pochen wieder in Erinnerung und sie wusste nicht, was sie von diesem Fremden halten sollte, der immer noch ihren Zauberstab in seinem Besitz hatte. Aber zumindest schien ihr Geist wieder frei zu sein, wenngleich sie zugeben musste, dass es keine unangenehme Erfahrung gewesen war.

„Zweifach gesegnetes Wasser?" murmelte der Fremde und Tonks starrte ihn wie von Donner gerührt an. „Du musst Carol begegnet sein", sagte er mit leicht amüsierter Stimme, die zwar immer noch heiser, aber nicht mehr drohend klang.

Tonks wäre fast rückwärts gestolpert, hätte er seinen Arm nicht um ihre Mitte geschlungen und sie damit festgehalten.

Er streifte seine Kapuze zurück und sie konnte endlich sein Gesicht sehen. Tonks schnappte nach Luft und hielt dann den Atem an.

Als erstes fiel ihr sein Haar auf. Etwas über schulterlang umrahmte es sein Gesicht. Es war von einem tiefen schwarz, glänzend und so glatt, wie man es nur bei Asiaten und den Ureinwohnern Nordamerikas kennt. Seine Gesichtszüge waren ebenmäßig und wirkten wie geschnitzt. Hohe, scharf konturierte Wangenknochen dominierten das Gesicht, und eine aristokratische Nase bildete den Mittelpunkt absoluter, reiner Symmetrie. Sein Mund war unglaublich sinnlich geschwungen, von einem blassen Rot-Ton, der offene Versprechungen zu machen schien.

Doch das Auffälligste waren seine Augen. Von tiefem, strahlendem Blau mit einer Wirkung, als wollten sie einem direkt in die Seele blicken. Seine Augenbrauen bildeten einen eleganten, fast ein wenig verwegen wirkenden Schwung und rundeten damit das Gesicht ab.

Als kenne er die Reaktion auf seine äußere Erscheinung lachte der Fremde auf. Dann wirkte er plötzlich wieder ernst.

„Wenn Carol zweifach gesegnetes Wasser benötigt, dann ist jemand wirklich in Schwierigkeiten", sagte er düster.

„Das ist die Untertreibung des Jahres" erwiderte Tonks trocken „aber wer sind Sie, was machen Sie hier und woher kennen Sie Carol?"

„Ich heiße Jasper. Verzeihen Sie mein schroffes Vorgehen, aber hier treiben sich viele düstere Gestalten herum in letzter Zeit. Todesseraktivitäten überall in den Wäldern hier, man kann nicht mehr vorsichtig genug sein. Ich wollte nur sicher gehen, dass Sie nichts Böses im Schilde führen. Woher ich Carol kenne ist eine zu lange Geschichte und außerdem sollte sie die besser selber erzählen." sagte er schnell. „Jetzt müssen wir das Wasser holen und Sie müssen damit schleunigst zurück. Ich vertraue darauf, dass Sie Carol von mir erzählen werden und sie hierher bringen, wenn sie es wünscht."

Er griff in seinen Umhang, zog ihren Zauberstab hervor und reichte ihn ihr. Dann zückte er seinen eigenen Zauberstab, deutete auf die Scherben des Kruges und sagte laut und vernehmlich Reparo.

Er hob den Krug auf, füllte ihn mit Wasser aus dem Bachbett und verschloss ihn magisch. Dann reichte er ihn Tonks und sagte: „Nehmen Sie. Apparieren Sie schnell zurück dorthin, wo auch immer dieses Wasser gebraucht wird" er fügte mit einem Augenzwinkern hinzu „und kehren Sie bald zurück".

Tonks lief rot an während sie mit einem Knall aus dem Wald verschwand.

Es waren nun einige Tage vergangen seit Paulina den Ara nach Cancun geschickt hatte und endlich kam er mit Antwort zurück.

Molly und Arthur beobachteten gespannt das Gesicht ihrer Gastgeberin, während sie das Antwortpergament entrollte und langsam zu lesen begann.

Nach einigen Minuten rief sie „Madre de dios!" und schlug die Hand vor den Mund.

Voller böser Vorahnungen warteten die Weasleys geduldig, bis Paulina das Schreiben ganz gelesen hatte, dann fragte Molly aufgeregt: „Was ist passiert?"

„Oh… Madonna… heilige Madonna…" jammerte die junge Frau, fasste sich dann aber rasch wieder und begann den Inhalt des Pergamentes für die beiden Briten zusammenzufassen.

Manolo Cantalestra, der Mann, der in Cancun ihre Kontaktperson sein sollte, hatte herausgefunden, dass die Kisten mit der Wanderausstellung im Museum der Zona Arqueológica del Rey untergebracht wurden. Diese authentische Maya-Ausgrabungstätte lag im archäologischen Viertel von Cancun und war dadurch nur sehr schwer zugänglich. Zu viele Schätze vergangener Kulturen lagen dort, als dass man außerhalb der normalen Öffnungszeiten jemand hineingelassen hätte. Manolo berichtete er habe einen Cousin, der als Packer für die Gesellschaft der Zona arbeitete und der sich mit einigen Pesos überreden ließ, Manolo seine Abendschicht zu überlassen.

Manolo sei also am Abend zum Museum gegangen, wo die Kisten mit der Wanderausstellung in einem Lagerraum darauf warteten, ausgepackt zu werden.

Nach einigem Suchen habe er tatsächlich die Kiste mit der Schriftrolle gefunden und eine magische Kopie der Rolle angefertigt. Er habe die Arbeit seines Cousins getan und sei am Ende der Schicht nach Hause gegangen. In der Nähe seines Hauses habe ihn Miguel, ein Straßenjunge, dem er ab und zu ein wenig Essen und Geld gegeben hatte, angesprochen und ihn gewarnt, nahe dem Hauseingang lungerten seit Stunden drei düstere Gestalten herum. Manolo beschloss, kein Risiko mit der Kopie der Schriftrolle in der Tasche einzugehen und war nicht nach Hause gegangen.

Bei der Erwähnung der dunklen Gestalten bekreuzigte sich Paulina inbrünstig und murmelte einige Worte, aus denen man nur „… Madonna… Santa Maria della Rosa…" heraushören konnte.

Nach einigen Augenblicken beruhigte sie sich wieder und setzte ihren Bericht fort.

Manolo sei ein paar Stunden im Viertel seiner Wohnung herumgelaufen und habe überlegt, was er tun könne. In einem Cafe habe er dann Leute reden gehört, die von einem schrecklichen Brand im Boulevard Kukulcán erzählten. Er habe sofort seine Schlüsse gezogen, denn das ist die Strasse, in der das Museum liegt. Die Leute hätten weiter erzählt, man habe die Museumskuratorin selber mit einer Flasche Brennspiritus in ihrer Hand in der Nähe des Brandes gefunden, völlig verwirrt und unzusammenhängende Dinge stammelnd. Ihre Integrität und Korrektheit, sowie ihr Engagement für die Erhaltung alter Maya-Artefakte waren weithin bekannt. Also habe Manolo sofort daraus geschlossen, dass sie den Brand nur unter dem Einfluß des Imperius-Fluches gelegt haben konnte.

Der gesamte Lagerraum des Museum, also auch die Kiste mit der Schriftrolle wäre völlig zerstört worden, hörte er noch, bevor er fluchtartig das Cafe verließ.

Nun sei er unterwegs zu seinem Bruder Ernesto, der inzwischen in Venedig lebe.

Ernesto hatte viele Jahre in den Estados Unidos gelebt, in Florida, wo er bei einer italienischen Familie als Gärtner tätig war. Die Familie war nur für eine begrenzte Zeit dort, denn der Patron sollte in Miami eine Tochtergesellschaft eines internationalen Konzerns aufbauen. Als die Familie vor einem Jahr zurück nach Italien gehen wollte, habe sie Ernesto gefragt, ob er sie als Gärtner und Chauffeur begleiten wolle. Ernesto war einverstanden und lebte seitdem in Venedig bei ihnen.

Dorthin wolle Manolo nun fliehen, denn bis dort glaube er, würden ihm die Schergen von du-weißt-schon-wem nicht folgen.

Paulina schloss ihre Zusammenfassung des Briefes und sah die Weasleys an.

„Wenn sie zumindest noch eine Kopie der Schriftrolle sehen möchten, sollten Sie schnellstens nach Venedig reisen. Manolo hat die Adresse seines Bruders hier angegeben." Sie reichte ihnen einen Zettel.

Die Weasleys versuchten das Gehörte zu verarbeiten und sich auf ihre neue Aufgabe einzustellen. Venedig… Molly lächelte bei dem Gedanken, mit Arthur die Stadt der Liebe zu sehen. Warum nicht neben den Pflichten noch eine romantische Gondelfahrt einlegen?

Sie musterte ihren Mann von der Seite. Wenn man bedachte, was sie schon alles erlebt hatten, dann hatte er sich doch fabelhaft gehalten und sie fand ihn für sein Alter noch durchaus attraktiv. Sie lächelte versonnen bei dem Gedanken, ihn unter der Seufzerbrücke zu küssen und umarmte ihn kurz.

Arthur blickte sie erstaunt an, lächelte sie liebevoll an und sagte: „Dann sollten wir mal los, Molly. Wer weiß, was in Venedig wieder für Überraschungen auf uns warten."

Sie bedankten sich bei Paulina für die Gastfreundschaft und verließen Peru.

Remus erwiderte ihren Blick, senkte dann aber den Kopf.

Sehr leise sagte er: „Wenn es so einfach wäre. Schau Du in mein Herz, Carol. Du wirst dort keinen Mut finden, nur Angst. Ich habe Angst davor, was ich mit Menschen, die mich lieben machen könnte. Ich erlaube niemandem, mich zu lieben und wenn jemand es trotzdem wagt, dann fliehe ich.

Ich habe vor sehr langer Zeit eine Frau, die mir alles auf der Welt bedeutete verlassen, nur aus Angst, was ihr geschehen könnte, wenn ich bei ihr bleibe. Sie war das Schönste, das mir im Leben passiert ist und trotzdem hat die Angst gesiegt. Sie war ein Wunder, die Ergänzung meiner Seele, die Melodie meines Herzens und doch konnte ich gerade deshalb nicht gegen meine Angst angehen.

Wieso glaubst Du, ich hätte Stärke oder Mut?"

„Weil Mut nicht unbedingt die Abwesenheit von Angst ist. Mut ist vielmehr die Erkenntnis, dass es Dinge gibt, die wichtiger sind als Angst.

Wenn Du diese Frau wieder triffst, dann halte sie fest, Remus. Das Leben gibt uns oft eine zweite Chance. Verspiele sie nicht, wenn sie sich Dir bietet. Manchmal ist Mut nur ein winziger Schritt, der uns aus der Hölle in ein Paradies führen kann."

Sie umarmte ihn kurz, dann fuhr sie fort: „Und nun sag mir: Hat Dein Herz erkannt, dass es Dinge gibt, die wichtiger sind als die Angst? Sag mir: Glaubst Du daran, dass wir unsere Furcht überwinden können, wenn wir das nicht alleine tun müssen? Vertraust Du mir, dass ich im äußersten Notfall in der Lage sein werde andere vor Dir zu schützen, wie ich schon Dich selber geschützt habe?"

Langsam hob Lupin den Kopf und sah ihr unter Tränen in die Augen. Er nickte langsam.

Carol hob die Hand und strich mit dem Daumen sanft eine Träne von seinem Auge weg.

Es knallte vernehmlich und eine völlig zerzauste Tonks mit einer Schiene am Fuß, einen knotigen Ast in der Einen und einem Krug in der anderen Hand stand vor ihnen.

Sie reichte Carol den Krug, während Lupin aufsprang und stürzend ihren Arm griff. Er sah sie an, hob sie dann kurz entschlossen hoch und trug sie zu Mme. Pomfrey in das Krankenzimmer.

„Gut, dass wir den Raum hier eingerichtet haben", sagte Tonks.

„Wenn das Schuljahr beginnt, sollten wir uns nach einer anderen Heilerin oder Krankenschwester umsehen. Es ist eine gute Sache ein Krankenzimmer in Hauptquartier zu haben." stimmte Lupin zu.

Er setzte sie auf eine Liege und Poppy nahm den Verband vom Knöchel.

Carol war den beiden mit dem Krug gefolgt, den sie nun schweigend Lupin hinhielt. Er sah sie erstaunt an, dann begriff er und löste die magische Versiegelung.

Carol trug den Krug zu Snapes Bett, goss das Wasser in eine Schale und nahm ein Tuch, welches sie in die Schale legte. Als das Tuch sich voll gesogen hatte, hob sie es aus der Schale und ging damit zu Snape.

Sie strich über seine Stirn, dann drückte sie das Tuch über seinem Gesicht zusammen und ließ einige Tropfen des Wassers auf seine Lippen träufeln.

Langsam schien der Sturz in die Dunkelheit weniger rasend zu werden. Severus spürte ein scharfes Zerren, das ihn zurückholte. Zurück in die schmerzhafte Kälte, in die Hoffnungslosigkeit des Alleinseins für alle Ewigkeit. Als er sich in die Umarmung der Dunkelheit fallen ließ, hatte er das Gefühl der ewigen Kälte entkommen zu können.

Jetzt riss es ihn mit Gewalt zurück.

Einen kurzen Moment lang überwältigten ihn die Kälte und der Schmerz, dann zogen beide sich langsam, wie zögernd zurück.

Snape spürte wieder die Wärme, die dem Kontakt mit der Fremden voranging und bereitete sich auf die Berührung des Geistes vor. Er wollte sie nicht noch einmal zurückweisen. Beim letzten Mal hatte er geglaubt, er können alleine mit Kälte, Dunkelheit und Tod fertig werden, doch die Qual des Schmerzes hatte ihn in die Arme der Dunkelheit getrieben. Er war sich unbewusst darüber klar, dass das auch die Umarmung des Todes gewesen wäre, wenn der Sturz zu einem Ende gekommen wäre. Das war nicht sein Wille gewesen, aber er hatte auch nicht gesehen, wie direkt dieser Weg war.

Er war nun bereit, noch einmal mit der Fremden zu sprechen, er wollte den Kampf mit der Finsternis aufnehmen und endlich diesen Zustand des Halblebens verlassen.

Stille war in seinen Gedanken, als er plötzlich eine zarte Berührung seines Geistes spürte.

Er wandte sich der Besucherin zu.

Ich dachte, Sie kommen nicht mehr wieder."

Du hattest Dich zu weit entfernt, ich konnte Dich nicht mehr erreichen." Traurigkeit schwang in diesen Worten mit und Severus staunte wieder einmal, wie klar die Eindrücke dieses Gedankenaustausches waren. Wie selbstverständlich ging auch er zum vertrauten „Du" über. Welchen Sinn sollte es auch haben, hier, in dieser Umgebung maximaler Intimität noch verbale Distanzen schaffen zu wollen.

Du sagtest, ich müsse nur entscheiden, dass ich den Kampf aufnehmen wolle?"

Ja, wenn die Kälte das nächste Mal versucht, Dich zu überwältigen, stemme Dich dagegen."

Sie ist stärker als ich."

Wer sagt das?"

Severus zögerte.

Ich weiß nicht", gestand er ein „es kommt mir so vor, als wäre es einfach so."

Sie ist nur solange stärker als Du, solange Du es zulässt. Solange Du ihr erlaubst, Dich zu überwältigen, hast Du keine Chance."

So einfach soll das sein?"

Ja und nein. Einerseits ist es so einfach. Andererseits gibt es nichts, das schwerer ist. Glaubst Du, Du kannst das so einfach? Du kannst Dich selber aus tiefstem Herzen überzeugen, dass es nur an Dir selber liegt, wie viel man Dir nimmt?"

Wer nimmt mir was?"

Gute Frage, Severus. Weißt Du es?"

Er antwortete ihr nicht.

Vergiss nur eines nie" ihre Stimme wurde noch weicher und schien jetzt den ganzen Kosmos seines Bewusstseins auszufüllen „Niemand kann Dir Deine Würde nehmen, wenn Du es nicht zulässt. Alles kann man Dir nehmen, nur bei Deiner Würde liegt es in Deiner Entscheidung, ob Du sie aufgibst oder nicht. Auch wenn Du bisher gedacht hast, man habe Dir Deine Würde genommen und seitdem versuchst, alles andere zu verteidigen. Löse Dich von diesem Gedanken, löse Dich von dem Schmerz der Vergangenheit und wachse."

Etwas wie eine zärtliche Geste flutete durch seine Gedanken, dann war er alleine.

Als die Kälte nach einiger Zeit wieder zu ihm zurückkam, stemmte er sich gegen sie.